1918-1919 :Die proletarische Revolution beendet den imperialistischen Krieg

Erst vor kurzem feierte die Bourgeoisie das Ende des Ersten Weltkrieges. Ein Unmenge von rührseligen Erklärungen wurden zu dieser schrecklichen Tragödie verbreitet. Aber in keiner der Erinnerungen, ob nun in den Erklärungen von Politikern, in Zeitungsartikeln oder in Fernsehsendungen, wurde auch nur mit einem Wort der Ereignisse gedacht, die die damaligen Regierungen zur Beendigung des Krieges bewegten. Man sprach von der militärischen Niederlage der Mittelmächte, von Deutschland und seinem Alliierten Österreich, aber man vermied peinlichst, einen Hinweis auf das entscheidendste Element für den Wunsch nach Waffenstillstandsverhandlungen zu nennen: nämlich die revolutionäre Bewegung in Deutschland, die sich Ende 1918 entwickelte. Auch war mit keinem Wort (und hier kann man die Bourgeoisie gut verstehen) von den wirklichen Gründen für diesen Krieg die Rede. Gewiss sind "Spezialisten" in die Archive der verschiedenen Regierungen gegangen, um zum Schluss zu gelangen, dass Deutschland und Österreich die Urheber des Krieges gewesen waren. Ebenso haben die Historiker die Tatsache ans Tageslicht gebracht, dass auch auf Seiten der Entente klar definierte Kriegsziele vorhanden waren. In keiner ihrer Analysen stellt man aber den wirklich Verantwortlichen an den Pranger: das kapitalistische System. Nur der Marxismus kann erklären, weshalb es nicht der Wille oder die besondere Hinterhältigkeit dieser oder jener Regierung gewesen ist, die am Anfang des Krieges standen, sondern die Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus selbst. Für uns stellt der Jahrestag der Beendigung des Ersten Weltkrieges die Gelegenheit dar, auf die Analysen zurückzukommen, die die Revolutionäre damals erstellten, sowie auf den Kampf, den sie gegen den Krieg führten. Wir stützen uns insbesondere auf die Schriften, Positionen und Haltungen von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die vor 80 Jahren von der Bourgeoisie getötet worden waren. Dies ist die geeignetste Würdigung für diese beiden großartigen Kämpfer für das Weltproletariat' in einer Zeit, in der die Bourgeoisie alles unternimmt, um die Erinnerung an sie auszulöschen.

Dem Ersten Weltkrieg, der in Europa im August 1914 ausbrach, waren auf diesem Kontinent zahlreiche andere Kriege vorausgegangen. Beschränkt man sich auf das 19. Jahrhundert, so kann man beispielsweise an die napoleonischen Kriege und den Krieg zwischen Preußen und Frankreich 1870 erinnern. Jedoch bestehen zwischen dem Konflikt von 1914 und allen vorangehenden Kriegen fundamentale Unterschiede. Der offensichtlichste Unterschied liegt darin, dass sich 1914 ein Blutbad und eine Barbarei über die Gesamtheit jenes Kontinents ergoss, der angeblich die "Zivilisation" verkörpern sollte. Nach der noch unglaublich größeren Barbarei des Zweiten Weltkrieges erscheint der Erste Weltkrieg heute als bescheiden. Aber im Europa des Jahrhundertanfangs, als der letzte bedeutende militärische Konflikt bereits seit 30 Jahren ( 1870) vorbei war, als noch die letzten Feuer der Belle Epoque flackerten und nachdem sich die Arbeiterklasse in der aufsteigenden Phase des Kapitalismus eine bedeutende Verbesserung ihrer Lebensbedingungen erkämpft hatte, erschien das Abtauchen in die brutale Massenschlächterei, in den täglichen Horror der Schützengräben und in ein seit einem halben Jahrhundert unbekanntes Elend insbesondere den Ausgebeuteten als ein nicht zu überbietender Kulminationspunkt der Barbarei. Auf beiden Seiten der Hauptrivalen, in Deutschland und in Frankreich, erzählten die Alten den Soldaten und der Bevölkerung vom Krieg von 1870 sowie von seiner Brutalität. Was sie aber jetzt erlebten, das hatte überhaupt nichts mehr mit dieser Episode zu tun. Der Konflikt 1870 hatte lediglich einige Monate gedauert und im Vergleich eine verschwindend kleine Anzahl von Opfern gefordert, und er hatte weder den Sieger noch den Besiegten ruiniert. Mit dem Ersten Weltkrieg musste man all die Verletzten, Getöteten und Behinderten in Millionen zählen. Die Dauer der täglichen Hölle musste man in Jahren messen (2). An der Front war das Überleben nur untertags in Sumpf und Dreck, im Gestank der Kadaver, in der immerwährenden Angst möglich. Und was wartete am nächsten Tag? Versehrte Körper, Verletzte, die Stunden oder Tage im Sterben lagen. Und hinter der Front lastete die schwere Arbeit, damit die Soldaten mit neuen Waffen versorgt werden können. Die Preissteigerung fraß die Löhne auf, lange Schlangen vor den leeren Geschäften, Hunger. Alle lebten in ständiger Angst, vom Tod des Ehemannes, Bruders, Vaters oder Sohnes zu erfahren. Schmerz und Verzweiflung beherrschten den Alltag.

Ein weiteres Charakteristikum dieses Krieges, das auch die massive Barbarei erklärt: Es war ein totaler Krieg. Die ganze Kraft der Industrie, alle Arbeitskräfte sind in den Dienst eines einzigen Zieles gestellt worden: Waffenproduktion. Alle Männer, vom Ende der Jugend an bis ins hohe Alter, wurden mobilisiert. Der Krieg war auch total vom Standpunkt der Zerstörungen in der Wirtschaft. Die Länder des Schlachtfeldes wurden vollständig zerstört. Die europäischen Volkswirtschaften waren vom Krieg zerstört, was das Ende der europäischen Macht und den Beginn des amerikanischen Aufstiegs einläutete. Der Krieg war nicht auf diejenigen Staaten beschränkt, die den Krieg begannen, sondern beinahe alle europäischen Länder wurden hineingezogen. Mit der Front im Nahen Osten, der Mobilisierung von Truppen in den Kolonien sowie dem Kriegseintritt von Japan, den USA und mehreren lateinamerikanischen Ländern auf Seiten der Alliierten wurde es ein Weltkrieg.

Bereits unter dem Aspekt der Barbarei und der Zerstörungen ist der Krieg von 1914-1918 eine tragische Illustration der Voraussagen der Marxisten: Der Eintritt der kapitalistischen Produktionsweise in die Niedergangsperiode, die Dekadenz. Der Krieg bestätigte die von Marx und Engels getroffene Voraussage: "Sozialismus oder Untergang in der Barbarei ".

Aber die Marxisten haben auch eine theoretische Erklärung für die neue Phase der kapitalistischen Gesellschaft gegeben.

Die grundsätzlichen Ursachen für den Ersten Weltkrieg

Das Ziel von Lenins Schrift Der Imperialismus als höchste Stufe des Kapitalismus von 1916 war die Identifizierung dieser fundamentalen Ursachen. Aber es war Rosa Luxemburg, die bereits 1912, zwei Jahre vor Ausbruch des Krieges, mit der Akkumulation des Kapitals die tiefgründigste Erklärung der Widersprüche gab, die den Kapitalismus in seiner neuen Phase erschüttern würden.

"Der Kapitalismus bedarf zu seiner Existenz und Fortentwicklung nichtkapitalistischer Produktionsformen als seiner Umgebung (...) Er braucht nichtkapitalistische soziale Schichten als Absatzmarkt für seinen Mehrwert, als Bezugsquellen seiner Produktionsmittel und a1s Reservoirs der Arbeitskräfte für sein Lohnsystem (...) Ohne die Produktionsmittel und Arbeitskräfte kann er nicht auskommen, sowenig wie ohne ihre Nachfrage nach seinem Mehrprodukt. Um ihnen aber Produktionsmittel und Arbeitskräfte zu entnehmen, um sie in Warenabnehmer zu verwandeln, strebt er zielbewusst danach, sie a1s selbständige soziale Gebilde zu vernichten. Diese Methode ist vom Standpunkt des Kapitals die zweckmässigste, weil sie zugleich die rascheste und profitabelste ist. " (Rosa Luxemburg, Die Akkumulation des Kapitals, Kap. Der Kampf gegen die Naturalwirtschaft, Gesammelte Werke, Bd. 5, S. 316f. u. 319)

"Der Imperialismus ist der politische Ausdruck des Prozesses der Kapitalakkumulation in ihrem Konkurrenzkampf um die Reste des noch nicht mit Beschlag belegten nichtkapitalistischen Weltmilieus (...) Bei der hohen Entwicklung und der immer heftigeren Konkurrenz der kapitalistischen Länder um die Erwerbung nichtkapitalistischer Gebiete nimmt der Imperialismus an Energie und an Gewalttätigkeit zu, sowohl in seinem aggressiven Vorgehen gegen die nichtkapitalistische Welt wie in der Verschärfung der Gegensätze zwischen den konkurrierenden kapitalistischen Ländern. Je gewalttätiger, energischer und gründlicher der Imperialismus aber den Untergang nichtkapitalistischer Kulturen besorgt, um so rascher entzieht er der Kapitalakkumulation den Boden unter den Füßen. Der Imperialismus ist ebensosehr eine geschichtliche Methode der Existenzverlängerung des Kapitals wie das sicherste Mittel, dessen Existenz auf kürzestem Wege objektiv ein Ziel zu setzen. Damit ist nicht gesagt, dass dieser Endpunkt pedantisch erreicht werden muss. Schon die Tendenz zu diesem Endziel der kapitalistischen Entwicklung äuJ3ert sich in Formen, die die Schlussphase des Kapitalismus zu einer Periode der Katastrophen gestalten. " (a.a.0., Kap. Schutzzoll und Akkumulation, Gesammelte Werke, Bd. 5, S. 391f.)

"Je gewalttätiger das Kapital vermittelst des Militarismus drauJ3en in der Welt wie bei sich daheim mit der Existenz nichtkapitalistischer Schichten aufräumt und die Existenzbedingungen aller arbeitenden Schichten herabdrückt, um so mehr verwandelt sich die Tagesgeschichte der Kapitalakkumulation auf der Weltbühne in eine fortlaufende Kette politischer und sozialer Katastrophen und Konvulsionen, die zusammen mit den periodischen wirtschaftlichen Katastrophen in Gestalt der Krisen die Fortsetzung der Akkumulation zur Unmöglichkeit, die Rebellion der internationalen Arbeiterklasse gegen die Kapitalsherrschaft zur Notwendigkeit machen werden, selbst ehe sie noch ökonomisch auf ihre natürliche selbstgeschaffene Schranke gestossen ist.. " (Rosa Luxemburg, Antikritik, Gesammelte Werke, Bd. 5, S. 520f.)

Der Kapitalismus ist die erste Wirtschaftsform mit propagandistischer Kraft, eine Form, die die Tendenz hat, sich auf dem Erdrund auszubreiten und alle anderen Wirtschaftsformen zu verdrängen, die keine andere neben sich duldet. Er ist aber zugleich die erste, die allein, ohne andere Wirtschaftsformen als ihr Milieu und ihren Nährboden, nicht zu existieren vermag, die also gleichzeitig mit der Tendenz, zur Weltform zu werden, an der inneren Unfähigkeit zerschellt, eine Weltform der Produktion zu sein. Er ist ein lebendiger historischer Widerspruch in sich selbst, seine Akkumulationsbewegung ist der Ausdruck, die fortlaufende Lösung und zugleich Potenzierung des Widerspruchs. Auf einer gewissen Höhe der Entwicklung kann dieser Widerspruch nicht anders gelöst werden als durch die Anwendung der Grundlagen des Sozialismus derjenigen Wirtschaftsform, die zugleich von Hause aus Weltform und in sich ein harmonisches System, weil sie nicht auf die Akkumulation, sondern auf die Befriedigung der Lebensbedürfnisse der arbeitenden Menschheit selbst durch die Entfaltung aller Produktivkräfte des Erdrundes gerichtet sein wird. " (a.a.0., Kap. Der Militarismus als Gebiet der Kapitalakkumulation, Bd. 5, S. 410f.) Nach dem Ausbruch des Krieges ging Rosa Luxemburg 1915 auf Kritiken ein, die an ihrem Werk Die Akkumulation des Kapitals geäußert worden waren, und aktualisierte ihre Analyse: "Das Kennzeichen des Imperialismus als des letzten Konkurrenzkampfes um die kapitalistische Weltherrschaft ist nicht bloss die besondere Energie und Allseitigkeit der Expansion, sondern - dies das spezifische Anzeichen, dass der Kreis der Entwicklung sich zu schliessen beginnt - das Zurückschlagen des Entscheidungskampfes um die Expansion aus den Gebieten, die ihre Objekte darstellen, in ihre Ursprungsländer. Der Imperialismus führt damit die Katastrophe als Daseinsform aus der Peripherie der kapitalistischen Entwicklung nach ihrem Ausgangspunkt zurück. Nachdem die Expansion des Kapitals vier Jahrhunderte lang die Existenz und die Kultur aller nichtkapitalistischen Völker in Asien, Afrika, Amerika und Australien unaufhörlichen Konvulsionen und dem massenhaften Untergang preisgegeben hatte, stürzt sie jetzt die Kulturvölker Europas selbst in eine Serie von Katastrophen, deren Schlussergebnis nur der Untergang der Kultur oder der Übergang zur sozialistischen Produktionsweise sein kann

Das Werk Lenins umgekehrt insistiert darauf, den Imperialismus mit einem Nebenaspekt zu erklären: dem Export von Kapital aus den entwickelten in rückständige Länder,

damit so dem tendenziellen Fall der Profitrate entgegenwirkt werde, der aus der Zunahme des konstanten Kapitals (Maschinen, Rohstoffe) gegenüber dem variablen Kapital (Löhne), dem einzig profiterzeugenden Kapitalbestandteil, resultiert. Gemäß Lenin sind es die Rivalitäten zwischen den industrialisierten Ländern um die weniger entwickelten Zonen und den Kapitalexport in diese Zonen, die notwendigerweise zu ihrem Zusammenstoß führen müssen.

Obwohl zwischen den Analysen von Lenin, Rosa Luxemburg und anderen Revolutionären Unterschiede bestehen, stimmen sie doch bei einem hauptsächlichen Punkt überein: Dieser Krieg ist nicht das Ergebnis einer schlechten Politik oder der Bosheit dieser oder jener Regierungsclique, sondern er ist die unausweichliche Konsequenz der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise. In diesem Sinn haben diese beiden Revolutionäre mit derselben Energie alle "Analysen" bekämpft, die den Arbeitern glauben machen wollten, dass es innerhalb des Kapitalismus eine Alternative zum Imperialismus gebe. So zerstörte Lenin die These von Kautsky über die Möglichkeit eines "Superimperialismus", der fähig sei, ein Gleichgewicht zwischen den Großmächten herzustellen, und so ihren kriegerischen Auseinandersetzungen ein Ende bereite. Ebenso zerstörte er alle Illusionen lieber ein "internationales Schiedsgericht", das unter der Leitung von Leuten mit gutem Willen und von "pazifistischen" Kreisen der Bourgeoisie die Kontrahenten dazu bringen sollte, sich zu versöhnen und den Krieg zu beenden. Nicht anders drückte sich Rosa Luxemburg in ihrem Buch aus:

"Im Lichte dieser Auffassung gesehen, gestaltet sich die Stellung des Proletariats gegenüber dem Imperialismus zur Generalauseinandersetzung mit der Kapitalherrschaft. Die taktische Richtschnur seines Verhaltens ist gegeben durch jene geschichtliche Alternative (des Ruins der Zivilisation oder der Errichtung der kapitalistischen Produktionsweise).

Ganz anders verlaufen die Richtlinien vom Standpunkt des offiziellen 'sachverständigen' Marxismus. Der Glaube an die Möglichkeit der Akkumulation in einer 'isolierten kapitalistischen Gesellschaft', der Glaube, dass 'der Kapitalismus auch ohne Expansion denkbar' sei, ist die theoretische Formel einer ganz bestimmten taktischen Tendenz. Diese Auffassung zielt dahin, die Phase des Imperialismus nicht als historische Notwendigkeit, nicht a1s entscheidende Auseinandersetzung um den Sozialismus zu betrachten, sondern als boshafte Erfindung einer Handvoll Interessenten. Diese Auffassung geht dahin, der Bourgeoisie einzureden, dass der Imperialismus und Militarismus ihr sel6st vom Standpunkt ihrer eigenen kapitalistischen Interessen schädlich sei, dadurch die angebliche Handvoll der Nutznießer dieses Imperialismus zu isolieren und so einen Block des Proletariats mit breiten Schichten des Bürgertums zu bilden. um den Imperialismus zu 'dämpfen', ihn durch 'teilweise Abrüstung' auszuhungern, ihm 'den Stachel zu nehmen'! (...) Die Generalauseinandersetzung zur Austragung des weltgeschichtlichen Gegensatzes zwischen Proletariat und Kapital verwandelt sich in die Utopie eines historischen Kompromisses zwischen Proletariat und Bourgeoisie zur 'Milderung' der imperialistischen Gegensätze zwischen kapitalistischen Staaten." (Rosa Luxemburg, Antikritik, Gesammelte Werke, Bd. 5, S. 521f.)

Lenin und Rosa Luxemburg legten schließlich in den gleichen Begriffen dar, warum Deutschland die Rolle des Auslösers für den Ausbruch des Weltkrieges gespielt hatte (die große Idee derjenigen, die den verantwortlichen Staat dafür suchen), während sie die beiden Lager genau gleich behandelten: "Anderseits hat sich gegen diese hauptsächlich englisch französische Gruppe eine andere, noch beutegierigere, noch räuberischere Gruppe in Bewegung gesetzt, eine Gruppe von Kapitalisten, die an den Tisch des kapitalistischen Schmauses herantraten, als die Plätze schon besetzt waren, dabei aber neue Verfahren zur Entwicklung der kapitalistischen Produktion, eine bessere Technik und eine unvergleichliche Organisation in den Kampf führten (...) Das eben ist die Geschichte der Ökonomie, die Geschichte der Diplomatie während mehrerer Jahrzehnte, woran niemand vorbeigehen kann. Sie allein weist den Weg zu einer richtigen Lösung der Frage des Krieges und zeigt, dass auch der gegenwärtige Krieg ein Produkt der Politik jener Klassen ist, die in diesem Krieg aneinandergeraten sind, der beiden grossen Giganten, die lange vor dem Kriege über die ganze Welt, über alle Länder die Netze ihrer finanziellen Ausbeutung gespannt, die vor dem Kriege die ganze Welt ökonomisch unter sich aufgeteilt hatten. Sie mussten auf einanderstossen, weil vom Standpunkt des Kapitalismus die Neuaufteilung dieser Herrschaft unvermeidlich geworden war. " (Lenin, Krieg und Revolution, Werke, Bd. 24, S. 401f.)

"Darüber hinaus ist bei der allgemeinen Einschätzung des Weltkrieges und seiner Bedeutung für die Klassenpolitik des Proletariats die Frage der Verteidigung und des Angriffs, die Frage nach dem 'Schuldigen'völ1ig belanglos. Ist Deutschland am allerwenigsten in der Selbstverteidigung, so sind es auch Frankreich und England nicht, denn was sie 'verteidigen', ist nicht ihre nationale, sondern ihre weltpolitische Position, ihr von den Anschlägen des deutschen Emporkömmlings bedrohter alter imperialistischer Besitzstand. Haben die Streifzüge des deutschen und österreichischen Imperialismus im Orient den Weltbrand zweifellos entzündet, so hatten zu ihm der französische Imperialismus durch die Verspeisung Marokkos, der englische durch seine Vorbereitungen zum Raub Mesopotamiens und Arabiens wie durch alle MaJ3nahmen zur Sicherung seiner Zwangsherrschaft in Indien, der russische durch seine auf Konstantinopel zielende Balkanpolitik Scheit für Scheit den Brennstoff zusammengeschleppt und aufgeschichtet. Wenn die militärischen Rüstungen eine wesentliche Rolle als Triebfeder zum Losbrechen der Katastrophe gespielt haben, so waren sie ein Wettkampf aller Staaten. "

(Rosa Luxemburg, Die Krise der Sozialdemokratie, Gesammelte Werke, Bd. 4, S. 136f.) Diese Gemeinsamkeit in der Analyse der Ursprünge des Krieges fand man bei zwei Revolutionären, die aus Ländern von sich gegenüberstehenden Kriegslagern stammten. Sie war aber auch vorhanden bezüglich der Klassenpolitik und in der Denunzierung der sozialdemokratischen Parteien, die einen Verrat am Proletariat begangen hatten.

Die Rolle der Revolutionäre im Krieg

Beim Kriegsausbruch bestand die Rolle der Revolutionäre und derjenigen, die dem proletarischen Lager treu geblieben waren, in der Denunzierung. Sie mussten insbesondere alle Lügen entlarven, die die Bourgeoisie und jene verbreiteten, die ihre Lakaien geworden waren, nämlich die sozialdemokratischen Parteien, um den Krieg zu rechtfertigen, die Proletarier einzuspannen und ins Gemetzel zu schicken. In Deutschland trafen sich einige führende Sozialdemokraten wie Karl Liebknecht, die dem proletarischen Internationalismus treu geblieben waren, in der Wohnung von Rosa Luxemburg und begannen, den Widerstand gegen den Krieg zu organisieren. Während die gesamte sozialdemokratische Presse in den Dienst der Regierungspropaganda übergelaufen war, publizierte diese kleine Gruppe eine Zeitschrift, Die Internationale, und eine Reihe von Flugschriften, die mit Spartakus unterzeichnet wurden. In der sozialdemokratischen Fraktionssitzung des Parlamentes vom 4. August widersetzt sich Liebknecht entschlossen gegen die Zustimmung zu den Kriegskrediten, aber er unterwirft sich der Mehrheit in Nachachtung der Parteidisziplin. Dies war ein Fehler, den er in Zukunft nicht mehr begehen sollte, wenn die Regierung Nachtragskredite verlangte. In der Abstimmung vom 2. Dezember 1914 war er der einzige, der dagegen stimmte; erst im August und Dezember 1915 wurde er in seiner Haltung durch andere sozialdemokratische Abgeordnete unterstützt (die jedoch bei dieser Gelegenheit eine Erklärung dahingehend abgaben, dass Deutschland keinen Verteidigungskrieg führe, da es ja Belgien und einen Teil Frankreichs besetze, welchen Vorbehalt Liebknecht als zentristisch und feige brandmarkte).

So schwierig sich die Propaganda der Revolutionäre sich in einer Zeit gestaltete, in der die Bourgeoisie einen eigentlichen Belagerungszustand ausgerufen hatte, wo jeder Ausdruck einer proletarischen Stimme unterdrückt wurde, so wichtig war die Aktivität von Rosa Luxemburg und ihren Genossen für die Vorbereitung der kommenden Ereignisse. Im April 1915, als sie im Gefängnis eingesperrt war, schrieb sie Die Krise der Sozialdemokratie, ein Werk, das "das geistige Dynamit ist, das die bürgerliche Ordnung in die Luft sprengt", wie Clara Zetkin, die Kampfgefährtin Rosa Luxemburgs, in ihrem Vorwort vom Mai 1919 schrieb.

Dieses Buch ist eine unerbittliche Anklageschrift gegen den Krieg, aber auch gegen alle Aspekte der bürgerlichen Propaganda; die beste Würdigung, die man Rosa Luxemburg erweisen kann, besteht darin, einige (zu) kurze Passagen aus diesem Werk zu zitieren.

Während sich in allen kriegführenden Ländern die verschiedenen Sprachrohre der Bourgeoisie gegenseitig im nationalistischen Gebrüll überboten, begann sie dieses Dokument mit einer schonungslosen Offenlegung der chauvinistischen Hysterie, die sich der Bevölkerung bemächtigt hatte:

"(...) ganze Stadtbevölkerungen in Pöbel verwandelt, bereit zu denunzieren. Frauen zu misshandeln, hurra zu schreien und sich selbst durch wilde Gerüchte ins Delirium zu steigern; eine Ritualmordatmosphäre, eine Kischinjow-Luft(3), in der der Schutzmann an der Strassenecke der einzige Repräsentant der Menschenwürde war ". (Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke, Bd. 4, S. 52)

Dann entlarvte sie die Wirklichkeit dieses Krieges: "Geschändet, entehrt, im Blute watend, von Schmutz triefend - so steht die bürgerliche Gesellschaft da, so ist sie. Nicht wenn sie, geleckt und sittsam, Kultur, Philosophie und Ethik, Ordnung, Frieden und Rechtsstaat mimt - a1s reiJ3ende Bestie, als Hexensabbat der Anarchie, als Pesthauch für Kultur und Menschheit, so zeigt sie sich in ihrer wahren, nackten Gestalt. " (S. 53)

Rosa geht also schon zu Beginn direkt zum Kern der Frage: Im Gegensatz zu den pazifistischen Illusionen, die eine bürgerliche Gesellschaft "ohne ihre Auswüchse" wollten, bezeichnete sie den für den Krieg Verantwortlichen: den Kapitalismus als solchen. Und sofort widmete sie sich der Aufgabe, die Rolle und den Inhalt der kapitalistischen Propaganda

Schwarzhunderter Pogrome gegen Juden und Arbeiter veranstalteten zu entlarven, einerlei ob sie von den traditionellen bürgerlichen Parteien oder von der Sozialdemokratie betrieben wurde:

" Der Krieg ist ein methodisches, organisiertes, riesenhaftes Morden. Zum systematischen Morden muss aber bei normal veranlagten Menschen erst der entsprechende Rausch erzeugt werden. Dies ist seit jeher die wohlbegründete Methode der Kriegsführenden. Der Bestialität der Praxis muss die Bestialität der Gedanken und der Gesinnung entsprechen, diese muss jene vorbereiten und begleiten. " (S. 64)

Ein wesentlicher Teil des Buches besteht darin, systematisch all diese Lügen und die Regierungspropaganda zu entlarven, die dazu bestimmt war, die Massen für das Gemetzel zu gewinnen (4). So analysierte Rosa die Kriegsziele der verschiedenen Länder, allen voran Deutschlands, um den imperialistischen Charakter dieses Kriegs aufzuzeigen. Sie analysierte die ganze Kette der Ereignisse von der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand am 28. Juni in Sarajevo zum Kriegsausbruch zwischen den wichtigsten Ländern Europas: Deutschland, Russland, Frankreich, England und Österreich-Ungarn. Sie zeigte auf, dass diese Ereignisse keineswegs einem blinden Gesetz der Unausweichlichkeit gehorchten oder von irgendeinem "Bösen" zu verantworten waren, wie es die offizielle Propaganda und die Sozialdemokratie der kriegführenden Ländern wollte, sondern dass sie seit langem vom Kapitalismus selber ausgebreitet wurden:

"Der am 4. August offiziell begonnene Weltkrieg war derselbe, auf den die deutsche und die internationale imperialistische Politik seit Jahrzehnten unermüdlich hinarbeitete, derselbe, dessen Nahen die deutsche Sozialdemokratie ebenso unermüdlich seit einem Jahrzehnt fast jedes Jahr prophezeite, dersel6e, den die sozialdemokratischen Parlamentarier, Zeitungen und Broschüren tausendmal aIs ein frivoles imperialistisches verbrechen brandmarkten, das weder mit Kultur noch mit nationalen Interessen etwas zu tun hätte, vielmehr das direkte Gegenteil von beiden Seiten wäre. " (S. 108f.)

Sie nahm vor allem die deutsche Sozialdemokratie aufs Korn, die Vorzeigepartei der Sozialistischen Internationalen, deren Verrat das Regierungsmanöver zur Vereinnahmung des Proletariats in Deutschland, aber auch in den anderen Ländern unendlich vereinfachte. Sie richtete ihre besondere Aufmerksamkeit auf das sozialdemokratische Argument, nach dem der Krieg auf deutscher Seite den Zweck verfolge, die "Zivilisation" und die "Freiheit der Völker" gegen die zaristische Barbarei zu verteidigen.

Sie denunzierte insbesondere die Rechtfertigungen der Neuen Zeit, des theoretischen Organs der Partei, das sich auf Marxens Analyse berief, nach der Russland das "Gefängnis der Völker" und die Hauptkraft der Reaktion in Europa darstellte: "Nachdem die sozialdemokratische Fraktion dem Kriege den Charakter einer Verteidigung der deutschen Nation und Kultur angedichtet hatte, dichtete ihm die sozialdemokratische Presse gar den Charakter des Befreiers fremder Nationen an. Hindenburg wurde zum Vollstrecker des Testaments von Marx und Engels. " (S. 112)

Indem Rosa die Lügen der Sozialdemokratie denunzierte, entlarvte sie deren wirkliche Rolle:

"Mit der Annahme der Burgfriedens hat die Sozialdemokratie für die Dauer des Krieges den Klassenkampf verleugnet. Aber damit verleugnete sie die Basis der eigenen Existenz, der eigenen Politik. (...) Sie überliess die "Vaterlandsverteidigung" den herrschenden Klassen und begnügte sich damit, die Arbeiterklasse unter deren Kommando zu stellen und für die Ruhe unter dem Belagerungszustand zu sorgen, d.h. die Rolle des Gendarmen der Arbeiterklasse zu spielen. " (S. 126)

Schließlich ist im Buch von Rosa Luxemburg sehr wichtig, dass eine Perspektive für das Proletariat aufgezeigt wird, nämlich diejenige der Beendigung des Krieges durch die revolutionäre Tat des Proletariats. Während sie behauptete (wobei sie bürgerliche Politiker zitierte, die sich darüber sehr klar waren), dass die einzige Kraft, die den Ausbruch des Krieges hätte verhindern können, der Kampf des Proletariats gewesen wäre, kam sie zurück auf die Resolution des Kongresses der Internationalen von 1907, die durch den Kongress von 1912 (außerordentlicher Kongress von Basel) bestätigt wurde: "Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, ist es Pflicht der Sozialdemokratie, für dessen rasche Beendigung einzutreten und mit allen Kräften dahin zu streben, die durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische Krise zur Aufrüttelung des Volkes auszunutzen und dadurch die Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft zu beschleunigen. " (S. 130)

Rosa berief sich auf diese Resolution, um den Verrat der Sozialdemokratie zu entlarven, die genau das Gegenteil dessen tat, wozu sie sich verpflichtet hatte. Sie appellierte an die geeinte Aktion des Weltproletariats, dem Krieg ein Ende zu bereiten, wobei sie gleichzeitig die Gefahr unterstrich, die dieser für die Zukunft des Sozialismus bedeutete: "Hier erweist sich aber auch der heutige Weltkrieg nicht bloss als ein grandioser Mord, sondern auch a1s Selbstmord der europäischen Arbeiterklasse. Es sind ja die Soldaten des Sozialismus, die Proletarier Englands, Frankreichs, Deutschlands, Russlands, Belgiens selbst, die einander auf Geheiss des Kapitals seit Monaten abschlachten, einander das kalte Mordeisen ins Herz stoJ3en, einander mit tödlichen Armen umklammernd zusammen ins Grab hinabtaumeln. (...) Der Wahnwitz wird erst aufhören, und der blutige Spuk der Hölle wird verschwinden, wenn die Arbeiter in Deutschland und Frankreich, in England und Russland endlich aus ihre Rausch erwachen, einander brüderlich die Hand reichen und den bestialischen Chorus der imperialistischen Kriegshetzer wie den heiseren Schrei der kapitalistischen Hyänen durch den mächtigen Schlachtruf der Arbeit überdonnern: Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" (S. 163f.)

Es ist darauf hinzuweisen, dass Rosa Luxemburg in ihrem Buch wie übrigens die Gesamtheit der Parteilinken, die sich (im Gegensatz zum "marxistischen Zentrum" um Kautsky, der mit seinen Verdrehungen die Politik der Führung rechtfertigte) entschlossen gegen den Krieg wandte, nicht alle Schlussfolgerungen aus der Resolution von Basel zog und nicht die klare Losung Lenins herausgab: "Den imperialistischen Krieg in einen Bürgerkrieg verwandeln ". Genau aus diesem Grund befanden sich die Vertreter der Strömung um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht im September 1915 an der Konferenz von Zimmerwald auf der "zentristischen" Position, die Trotzki vertrat, und nicht auf der linken, die Lenin einnahm. Erst an der Konferenz von Kienthal im April 1916 schließt sich jene Strömung der Linken von Zimmerwald an.

Trotz ihrer Schwächen ist die beträchtliche Arbeit Rosa Luxemburgs und ihrer Genossen in dieser Zeit hervorzuheben, eine Arbeit, die 1918 ihre Früchte tragen sollte.

Aber bevor wir auf diese letzte Periode eingehen, ist auf die äußerst wichtige Rolle des Genossen von Rosa hinzuweisen, den die Bourgeoisie am gleichen Tat wie sie ermordete: Karl Liebknecht. Dieser ging, auch wenn er die gleichen politischen Positionen vertrat, theoretisch zwar nicht so in die Tiefe wie Rosa und hatte auch nicht dasselbe Talent für seine Artikel (aus diesem Grund und aus Platzgründen zitieren wir hier nicht aus seinen Schriften). Aber seine mutige und entschlossene Haltung, seine äußerst klaren Bloßstellungen des imperialistischen Krieges und all jener, die ihn offen oder verschleiert rechtfertigten, sowie seine Entlarvung der pazifistischen Illusionen

machten ihn in dieser Zeit zum Symbol schlechthin des proletarischen Kampfes gegen den imperialistischen Krieg. Ohne hier auf die Einzelheiten seiner Aktion einzugehen (vgl. dazu unser Artikel "Die Revolutionäre in Deutschland im Ersten Weltkrieg", Internationale Revue), müssen wir an ein bezeichnendes Ereignis erinnern: seine Teilnahme an einer Demonstration von 10'000 Arbeitern am Ersten Mai 1916 in Berlin gegen den Krieg, in deren Verlauf er das Wort ergriff und rief: "Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung! ", was seine sofortige Verhaftung zur Folge hatte. Diese Verhaftung bildete den Anlass für den ersten politischen Massenstreik in Deutschland, der Ende Mai ausbrach. Es ist auch darauf hinzuweisen, dass er vor dem Kriegsgericht, das ihn am 28. Juni verurteilte, offen seine Tat verteidigte im Bewusstsein darüber, dass dies die Strafe nur verschärfen konnte; er nützte die Gelegenheit aus, um erneut den imperialistischen Krieg und den Kapitalismus, der dafür verantwortlich ist, zu denunzieren und die Arbeiter zum Kampf auf zurufen. Von da an wurden der Name und das Beispiel Liebknechts in allen Ländern Europas zum Banner, das jene vereinte, die - wie an erster Stelle Lenin - gegen den imperialistischen Krieg und für die proletarische Revolution kämpften.

Die proletarische Revolution und das Kriegsende

Die Perspektive, die die Resolution des Basler Kongresses enthielt, wurde im Februar 1917 in Russland zum ersten Mal konkret verdeutlicht, als die Revolution das Zarenregime stürzte. Nach drei Jahren unbeschreiblichen Tötens und Elends fing das Proletariat an, soweit sein Haupt zu erheben, dass der Zarismus gestürzt und die sozialistische Revolution entfacht wurde. Wir gehen hier nicht weiter auf die Ereignisse in Russland ein, die wir noch jüngst in unserer Internationalen Revue (5) behandelt haben. Dagegen müssen wir darauf hinweisen, dass die Arbeiter in Uniform nicht nur in diesem Land sich im Jahre 1917 gegen die kriegerische Barbarei zur Wehr setzten. Kurze Zeit nach Februar 1917 entstanden in mehreren Armeen an der Front massive Aufstandsbewegungen. So kam es in den drei größten Ländern der Entente, in Frankreich, Großbritannien und Italien, zu umfangreichen Aufständen, die deren Regierungen zu einer blutigen Repression veranlassten. In Frankreich verweigerten ca. 40'000 gemeinsam den Gehorsam; ein Teil von ihnen versuchte gar auf Paris zu marschieren, wo es zum gleichen Zeitpunkt Streiks in den Rüstungsschmieden gab. Dieses Zusammentreffen von Klassenkämpfen "hinter der Front" und der Soldatenrevolte ist wahrscheinlich einer der Gründe für die Zurückhaltung, mit der die französische Bourgeoisie ihre Repression ausführte: Von den 554 zum Tode Verurteilten wurden nur ca. 50 tatsächlich erschossen. Diese "Mäßigung" findet man nicht auf englischer und italienischer Seite, wo jeweils 306 und 750 hingerichtet wurden.

Im November 1998, als die Gedächtnisfeiern zum Ende des Ersten Weltkriegs stattfanden, haben die Bourgeoisie und insbesondere die sozialdemokratischen Parteien, die heute in den europäischen Staaten mehrheitlich die Regierungen stellen, bei den Meutereien von 1917 erneut veranschaulicht, wie heuchlerisch sie sind und wie stark ihnen an einer Zerstörung des Gedächtnisses des Proletariats gelegen ist. In Italien hat der Verteidigungsminister mitgeteilt, dass man die "Ehre" der erschossenen Meuterer "wiederherstellen" müsse, und in Großbritannien hat man sie "öffentlich geehrt". Bei der Heuchelei ragt der "Genosse" Jospin (der französische Premierminister) besonders heraus, denn wer war damals Rüstungs- und Kriegsminister? Die "Sozialisten" Albert Thomas und Paul Painleve.

Diese "Sozialisten", die heute all diese pazifistischen und "bewegten" Reden über die Grausamkeiten des Ersten Weltkriegs schwingen, vergessen zu sagen, dass sie 1914 in den wichtigsten Ländern Europas an vorderster Stelle bei der Mobilisierung der Arbeiterklasse für den Krieg standen und sie mit in das Abschlachten getrieben haben. Indem sie die Aufständischen des Ersten Weltkriegs "in das nationale Gedächtnis" einverleiben wollen, will die linke Bourgeoisie vergessen machen, dass diese Aufständischen ein Teil der Geschichte des Weltproletariats sind (6).

Was die offizielle These der Politiker und der systemtreuen Historiker angeht, die behaupten, die Revolten von 1917 seien gegen eine "unfähige Führungsspitze" der Armee gerichtet gewesen, kann diese nicht die Tatsache vom Tisch fegen, dass diese Revolten in beiden Lagern und an den meisten Fronten stattgefunden haben: Soll man etwa glauben, dass der Weltkrieg nur von unfähigen Armeeführungen geführt wurde? Darüber hinaus fanden diese Revolten statt, als in den anderen Ländern Nachrichten über die Februarrrevolution in Russland eintrafen (7).

Was die Bourgeoisie tatsächlich zu verheimlichen sucht, ist der unleugbare proletarische Inhalt der Meutereien und die Tatsache, dass der einzig wahre Widerstand gegen den Krieg nur von der Arbeiterklasse kommen kann.

Im gleichen Zeitraum wurde jenes Land von Meutereien erfasst, in dem das Proletariat am mächtigsten war und die Soldaten im direkten Kontakt mit den russischen Soldaten an der Ostfront standen: Deutschland. Die Ereignisse in Russland ließen einen großen Enthusiasmus unter den deutschen Truppen aufkommen und an der Front nahmen die Verbrüderungen zu (8) . In der Marine fingen die Meutereien im Sommer 1917 an. Die Tatsache, dass die Matrosen diese Bewegung anführten, war aufschlussreich: fast alle sind Arbeiter in Uniform (während unter den Heeressoldaten ein höherer Bauernanteil gezählt wurde). Die revolutionären Gruppen und insbesondere die Spartakisten verfügten unter den Matrosen über einen bedeutenden Einfluss, der immer mehr zunahm. Die Spartakisten zeigten klar die Perspektive für die gesamte Arbeiterklasse auf: "Die siegreiche russische Revolution im Bunde mit der siegreichen deutschen Revolution sind unbesiegbar. von dem Tage an, wo unter den revolutionären Schlägen des Proletariats die deutsche Regierung samt dem deutschen Militarismus zusammenbricht, beginnt ein neues Zeitalter, in dem Kriege, kapitalistische Ausbeutung und Bedrückung für immer verschwinden müssen." (Flugblatt der Spartakisten, April 1917).

" (...) Nur durch Massenkampf, durch Massenaufdehnung, durch Massenstreiks, die das ganze wirtschaftliche Getriebe und die gesamte Kriegsindustrie zum Stillstand bringen, nur durch Revolution und die Erringung der Volksrepublik in Deutschland durch die Arbeiterklasse kann dem Völkermord ein Ziel gesetzt und der allgemeine Frieden herbeigeführt werden. Und nur so kann auch die russische Revolution gerettet werden."(Spartakus, Nr. 6, August 1917).

Und dieses Programm sollte mehr und mehr die wachsenden Kämpfe der Arbeiterklasse in Deutschland mittragen. In Rahmen dieses Artikels können wir auf die Ereignisse nicht detaillierter eingehen (siehe dazu unsere Artikelserie in der Internationalen Revue), aber man muß an dieser Stelle in Erinnerung rufen, dass einer der Gründe, weshalb Lenin und die Bolschewiki im Oktober 1917 die Bedingungen als reif für die Machtergreifung durch die Arbeiterklasse erachteten, gerade die Entfaltung der Kampfbereitschaft der Arbeiter und Soldaten in Deutschland war.

Man muss insbesondere hervorheben, wie die Intensivierung der Arbeiterkämpfe und die Erhebung der Soldaten auf proletarischer Grundlage ausschlaggebend waren für die Forderung Deutschlands nach einem Waffenstillstand und damit dem Ende des Ersten Weltkriegs.

"Angespornt durch die revolutionäre Entwicklung in Russland war nach mehreren vorausgegangenen Kämpfen im April 1917 ein Massenstreik entbrannt. Im Januar 1918 stürzten sich ca. 1 Mio. Arbeiter in eine neue Streikbewegung, gründeten einen Arbeiterrat in Berlin. Unter dem Einfluß der Ereignisse in Russland zerbröckelte im Sommer 1918 die Kampfbereitschaft an den Fronten immer mehr. In den Fabriken brodelte es, auf den Straßen sammelten sich immer mehr Arbeiter, um den Widerstand gegen den Krieg zu intensivieren." (Der Beginn der Revolution, Teil 2, Internationale Revue Nr. 18, S. 17)

Am 3. Oktober 1918 wechselte die Bourgeoisie den Kanzler aus. Prinz Max von Baden löste den Grafen Georg Hertling ab, und die SPD trat der Regierung bei. Die Revolutionäre verstanden sofort die Rolle, die die Sozialdemokratie übernommen hatte. Rosa Luxemburg schrieb: "Der Regierungssozialismus stellt sich mit seinem jetzigen Eintritt in die Regierung a1s Retter des Kapitalismus der kommenden proletarischen Revolution in den Weg" (Oktober 1918).

Zum gleichen Zeitpunkt hielten die Spartakisten mit anderen revolutionären Gruppen eine Konferenz ab, die einen Aufruf an die Arbeiter verfasste: "Die spontanen Meuterungen unter den Soldaten gilt es mit allen Mitteln zu unterstützen, zum bewaffneten Aufstand überzuleiten, den bewaffneten Aufstand zum Kampf um die ganze Macht für die Arbeiter und Soldaten auszuweiten und durch Massenstreiks der Arbeiter für uns siegreich zu machen. Das ist die Arbeit der allernächsten Tage und Wochen. "

"Am 23. Oktober war Liebknecht aus dem Gefängnis entlassen worden. Mehr als 20'000 Arbeiter begrüssten ihn bei seiner Ankunft in Berlin. (...) Am 28. Oktober begann in Österreich, in den tschechischen und slowakischen Gebieten sowie in Budapest eine Welle von Streiks, die jeweils zum Sturz der Monarchie führten. Überall entstanden wie in Russland Arbeiter- und Soldatenräte (...). Als am 3. November in Kiel die Flotte zu weiteren Gefechten auslaufen sollte, erhoben sich die Matrosen und meuterten. Sofort wurden Soldatenräte gegründet, denen im gleichen Atemzug die Gründung von Arbeiterräten folgte. (...) Sie bildeten massive Delegationen von Arbeitern und Soldaten, die sich in andere Städte begaben. Riesige Delegationen wurden nach Hamburg, Bremen, Flensburg, ins Ruhrgebiet, gar bis nach Köln geschickt, die dort vor Versammlungen der Arbeiter sprachen und zur Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten auf riefen. So zogen Tausende von Arbeitern und Matrosen von den norddeutschen Städten auch nach Berlin und in andere Städte in die Provinz. (...) Innerhalb von einer Woche waren in den GroJ3städten Deutschlands überall Arbeiter- und Soldaten-Räte gegründet worden. "

An die Soldaten Berlins gewandt, veröffentlichten die Spartakisten am 8. November einen Aufruf, in dem steht:

"Arbeiter und Soldaten! Was Euren Genossen und Kameraden in Kiel, Hamburg, Bremen, Lübeck, Rostock, Flensburg, Hannover, Magdeburg, Braunschweig, München und Stuttgart gelungen ist: Das muss auch Euch gelingen. Denn von dem was Ihr erringt, von der Zähigkeit und dem Erfolge Eures Kampfes, hängt auch der Sieg Eurer dortigen Brüder ab, hängt der Erfolg des Proletariats der ganzen Welt ab. Soldaten! Handelt wie Eure Kameraden von der Flotte, vereinigt Euch mit Euren Brüdern im Arbeitskittel. Lasst Euch nicht gegen Eure Brüder gebrauchen, folgt nicht den Befehlen der Offiziere, schieJ3t nicht auf die Freiheitskämpfer. Arbeiter und Soldaten! Die nächsten Ziele Eures Kampfes müssen sein:."

  • 1. Befreiung aller zivilen und militärischen Gefangenen.
  • 2. Aufhebung aller Einzelstaaten und Beseitigung aller Dynastien
  • 3. Wahl von Arbeiter- und Soldatenräten, Wahl von Delegierten hierzu in allen Fabriken und Truppenteilen.
  • 4. Sofortige Aufnahme der Beziehungen zu den übrigen deutschen Arbeiter- und Soldatenräten.
  • 5. Übernahme der Regierung durch die Beauftragten der Arbeiter- und Soldatenräte.
  • 6. Sofortige Verbindung mit dem internationalen Proletariat, insbesondere mit der russischen Arbeiterrepublik
  • Hoch die sozialistische Republik!
  • Es lebe die Internationale! Die Gruppe Internationale (Spartakusgruppe) (8. November).
  • Am gleichen Tag rief ein Flugblatt der Spartakisten die Arbeiter dazu auf, auf der Straße zusammenzukommen:
  • "Heraus aus den Betrieben! Heraus aus den Kasernen! Reicht Euch die Hände! Es lebe die sozialistische Republik. "

"In den Morgenstunden des 9. November begann in Berlin der revolutionäre Aufstand (...) Hunderttausende Arbeiter folgten den Aufrufen der Spartakusgrupppe und des Vollzugsausschusses, legten die Arbeit nieder und strömten in riesigen Demonstrationszügen in das Zentrum der Stadt. An der Spitze marschierten bewaffnet Arbeitergruppen. Die große Mehrheit der Truppen schloß sich den demonstrierenden Arbeitern an, verbrüderten sich mit ihnen. Am Mittag war Berlin in den Händen der revolutionären Arbeiter und Soldaten

Vor dem Schloß der Hohenzollern sprach Liebknecht:

" Wir müssen alle Kräfte anspannen, um die Regierung der Arbeiter und Soldaten aufzubauen... Wir reichen (den Arbeitern der anderen Länder) die Hände und rufen sie zur Vollendung der Weltrevolution auf (...) Ich proklamiere die freie sozialistische Republik Deutschland. " (Liebknecht am 9. November)

Am gleichen Abend besetzten revolutionäre Arbeiter und Soldaten die Druckerei einer bürgerlichen Zeitung und ermöglichten somit den Druck der ersten Ausgabe der Roten Fahne, der Tageszeitung des Spartakusbundes. Darin wurde sofort vor der SPD gewarnt: "Es gibt keine Gemeinschaft mit denen, die euch vier Jahre verraten haben. Nieder mit dem Kapitalismus und seinen Agenten! Es lebe die Revolution! Es lebe die Internationale!"

Am gleichen Tag ergriff die Bourgeoisie gegenüber der wachsenden revolutionären Gefahr entsprechende Schritte. Sie veranlasste die Abdankung des Kaisers Wilhelm II., rief die Republik aus und ernannte einen Führer der SPD, Ebert, zum Kanzler. Er wurde ebenso vom Vollzugsrat ernannt, in dem viele sozialdemokratische Funktionäre Mandate erheischt hatten. Ein "Rat der Volksbeau8ragten" wurde gegri5ndet, der aus SPD- und USPD-Mitgliedern zusammengesetzt war (d.h. aus "Zentristen", die im Februar 1917 wie die Spartakisten aus der SPD ausgeschlossen worden waren). Tatsächlich versteckte sich hinter dem "revolutionären" Titel (es war der gleiche Titel wie der der Sowjetregiernng in Russland) eine durch und durch bürgerliche Regierung, die alles unternehmen sollte, um die proletarische Revolution zu verhindern und das Massaker an den Arbeitern vorzubereiten.

Die erste Maßnahme dieser Regierung bestand darin, einen Tag nach ihrer Ernennung einen Waffenstillstand zu unterzeichnen (während die deutschen Truppen noch Feindesland besetzt hielten). Nach der Erfahrung mit der Revolution in Rußland, wo die Fortsetzung des Krieges den entscheidenden Faktor der Mobilisierung und der Bewußtwerdung des Proletariats bis hin zum Sturz der bürgerlichen Macht im Oktober 1917 geliefert hatte, wusste die deutsche Bourgeoisie ganz genau, dass sie sofort den Krieg beenden musste, um nicht das gleiche Schicksal zu erleiden wie die russische Bourgeoisie.

Obgleich heute die Sprecher der Bourgeoisie sorgfältigst die Rolle der proletarischen Revolution bei der Beendigung des Krieges verheimlichen, entgeht diese Tatsache den eher ernsthafteren und sorgfältiger arbeitenden Historikern (deren Schriften nur für eine kleine Leserschaft bestimmt sind) nicht.

"Entschlossen, die Verhandlungen trotz des Widerstands von Ludendorff fortzusetzen, sollte die deutsche Regierung bald dazu gezwungen sein. Zunächst brachte die österreichische Kapitulation eine neue und schreckliche Bedrohung für den Süden des Landes mit sich. Dann und vor allem brach die Revolution in Deutschland aus (...). (Die deutsche Delegation unterzeichnete den Waffenstillstand am 17. November um 5.20 h im berühmten Eisenbahnwagen Fochs. Sie unterzeichnete im Namen der deutschen Regierung, die auf Eile drängte. (...) Die deutsche Delegation erzielte winzige Vorteile, die " - so Pierre Renouvin "das gleiche Ziel verfolgten: der deutschen Regierung die Mittel nicht einreissen, damit sie gegen den Bolschewismus kämpfen konnte. Insbesondere lieferte das Heer nur 25'000 anstatt 30'000 geforderte Maschinengewehre ab. Es konnte weiterhin das Ruhrgebiet - Zentrum der Revolution - besetzen, anstatt "neutralisiert" zu werden. " (Jean-Baptiste Duroselle, Le Monde 12.11.1968)(9)

Sobald der Waffenstillstand unterzeichnet war, entwickelte die sozialdemokratische Regierung eine ganze Strategie zur Eindämmung und zur Niederschlagung der proletarischen Bewegung. Insbesondere die Spaltung zwischen Soldaten und den revolutionärsten Arbeitern wollte sie weiter vertiefen, wobei die meisten Soldaten davon ausgingen, dass man den Kampf nicht fortzusetzen brauche, da der Krieg nunmehr beendet sei. Die Sozialdemokratie unterstützte die Illusionen, die sie in einem beträchtlichen Teil der Arbeiterklasse aufrechterhalten konnte, um die Spartakisten von den großen Arbeitermassen zu isolieren.

Wir können hier nicht weiter auf die Einzelheiten der damaligen Zeit vom Waffenstillstand bis zum Moment der Ermordung Rosa Luxemburgs . und Karl Liebknechts eingehen (dieser Zeitraum wird in zwei Artikeln in unserer Artikelserie in der Internationalen Revue Nr. 18 und 19 behandelt). Aber die einige Jahre später von General Groener, oberster Armeechef von Ende 1918 bis Anfang 1919, veröffentlichten Schriften sind sehr aufschlussreich über die von Ebert betriebene Politik, der mit ihm jeden Tag in Verbindung stand:

" Wir haben uns verbündet zum Kampf gegen den Bolschewismus. (...) Ich habe dem Feldmarschall den Rat gegeben, nicht mit der Waffe die Revolution zu bekämpfen, weil zu befürchten sei, dass bei der Tierfassung der Truppen eine solche Bekämpfung scheitern würde. Ich habe ihm vorgeschlagen, die Oberste Heeresleitung möge sich mit der SPD verbünden, da es zurzeit keine Partei gebe, die Einfluss genug habe im Volke, besonders bei den Massen, um eine Regierungsgewalt mit der Obersten Heeresleitung wieder herzustellen. (...) Zunächst handelte es sich darum, in Berlin den Arbeiter- und Soldatenräten die Gewalt zu entreiJ3en. Zu diesem Zwecke wurde ein Unternehmen geplant. 10 Divisionen sollten in Berlin einmarschieren. Ebert war damit einverstanden. (...) Wir haben ein Programm ausgearbeitet, das nach dem Einmarsch eine Säuberung Berlins und die Entwaffnung der Spartakisten vorsah. Das war auch mit Ebert besprochen, dem ich dafür besonders dankbar bin wegen seiner absoluten Vaterlandsliebe. (...) Dieses Bündnis war geschlossen gegen die Gefahr der Bolschewiken und gegen das Rätesystem " (Groener, Oktober-November 1925, Zeugenaussage).

Im Januar 1919 versetzte die Bourgeoisie den entscheidenden Schlag gegen die Revolution. Nachdem sie mehr als 80'000 Soldaten um Berlin zusammengezogen hatte, fädelte sie am 4. Januar eine Provokation ein, indem sie den Polizeipräfekten von Berlin, das USPD Mitglied Eichhorn, absetzte. Mit großen Demonstrationen wurde auf diese Provokation reagiert. Während der Gründungsparteitag der KPD mit Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht an seiner Spitze 4 Tage zuvor die Einschätzung entwickelt hatte, dass die Zeit noch nicht reif sei für den Aufstand, ließ sich Karl Liebknecht in eine Falle locken und beteiligte sich an einem Aktionsausschuss, der zum Auf stand aufrief Für die Arbeiterklasse bedeutete dies ein wahres Desaster. Tausende von Arbeitern, insbesondere Spartakisten wurden massakriert. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die Berlin nicht hatten verlassen wollen, wurden am 15. Januar verhaftet und ohne Prozess von den Soldaten unter dem Vorwand des "Fluchtversuchs" kaltblütig erschossen. Zwei Monate später wurde Leo Jogiches, ehemaliger Gefährte Rosa Luxemburgs und ebenfalls ein Führer der Partei, im Gefängnis umgebracht.

Heute versteht man, warum die Bourgeoisie und insbesondere ihre "sozialistischen Parteien" diese Ereignisse, die den Ersten Weltkrieg zu Ende brachten, vertuschen wollen. Insbesondere ist den "demokratischen" und vor allem den "sozialistischen" Parteien überhaupt nicht daran gelegen, dass ihre Rolle bei den Massakern an der Arbeiterklasse aufgedeckt wird; diese Rolle wird in den gegenwärtigen Märchen immer den "faschistischen Diktaturen" und den "Kommunisten" zugeschrieben.

Zweitens geht es ihnen darum, gegenüber der Arbeiterklasse zu verheimlichen, dass ihr Kampf das einzige Hindernis für den imperialistischen Krieg darstellt. Während weltweit sich überall die Massaker fortsetzen und weiter zunehmen, geht es den Herrschenden vor allem darum, dass die Arbeiterklasse ein Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber dieser Lage empfinden soll. Um jeden Preis soll sie an der Bewusstwerdung gehindert werden, dass ihre Kämpfe gegen die wachsenden Angriffe, die durch die ausweglose Krise hervorgerufen werden, das einzige Mittel sind, um die Generalisierung dieser Konflikte zu verhindern. Konflikte, welche letztendlich die Welt in eine neue kriegerische Barbarei stürzen, wie es im 20. Jahrhundert schon zweimal der Fall war. Die Arbeiter sollen somit von der Idee der Revolution abgebracht werden, die als der Grund für alles Übel dieses Jahrhunderts dargestellt wird. Doch es war die Niederschlagung der Revolution, die es ermöglichte, dass dieses Jahrhundert das blutigste und barbarischste der Geschichte wurde - gerade weil sie die einzige Hoffnung für die Menschheit darstellt.

Fabienne

    "Erinnern wir uns, dass einige Wochen nach ihrer Ermordung die erste Sitzung des ersten Kongresses der Kommunistischen Internationale mit einer Würdigung dieser beiden Militanten eröffnet wurde, seither haben die Organisationen der Arbeiterbewegungen immer wieder ihrer gedacht.

  • (2) In Frankreich wurden 16,8% aller Mobilisierten getötet. Das Verhältnis ist für Deutschland kaum geringer: 15,4%. Aber es steigt für Bulgarien auf 22%, für Rumänien auf 25%, für die Türkei auf 27%, für Serbien auf 37%. Gewisse Kategorien der Kämpfenden erlebten schrecklichere Verluste: Die Infanterie Frankreichs 25% sowie ein Drittel aller Männer die 1914 20 Jahre alt waren. Erst 1950 erreichte die Bevölkerung wieder das Niveau vom Ersten August 1914. Man muss sich auch die menschliche Tragödie der Invaliden und der Verstümmelten vorstellen. Unter den Verstümmelten gab es ganz schreckliche Fälle: Allein in Frankreich zählte man 20000 "kaputte Fressen", Soldaten, die absolut entstellt waren und nicht mehr ins soziale Leben integriert werden konnten, so dass man für sie Spezialinstitutionen schaffen musste, wo sie in einem Getto den Rest ihrer Tage verbrachten. Auch darf man die Hunderttausenden von jungen Männern nicht vergessen, die irr geworden waren und von den Behörden im Allgemeinen als "Simulanten" betrachtet wurden.
  • (3) Kischinjow: Ort in Russland, wo 1903 die vom zaristischen Regime geschaffenen
  • (4) Auf beiden Seiten überboten sich die Lügen der bürgerlichen Presse in Geschmacklosigkeit und Unverschämtheit. "Schon ab August 1914 denunzierten die Allierten die `Grausamkeiten', die die Invasoren an der Bevölkerung Belgiens und Nordfrankreichs verübt hatte: die `abgeschnittenen Hände' der Kinder, die Vergewaltigungen, die hingerichteten Geiseln und die `als Exempel' verbrannten Dörfer ... Die deutschen Zeitungen umgekehrt veröffentlichten täglich Meldungen Über die `Grausamkeiten', die die belgischen Zivilen an den deutschen Soldaten verübt hatten: ausgestochene Augen, abgeschnittene Finger, bei lebendigem Leibe verbrannte Gefangene." ("Realité et propagande: la barbarie allemande", in L'Histoire, November 1998)
  • (5) Siehe Internationale Revue Nr 88 bis 91 (englisch/französisch/spanische Ausgabe)
  • (6) Der französische Premierminister zitierte in seiner Rede eine Strophe des "Craonne-Liedes", das nach den Meutereien verfasst wurde. Aber er hat mit Bedacht den folgenden Abschnitt ausgelassen: "Diejenigen, die Geld haben, werden wiederkommen.
  • Denn für sie sterben wir.
  • (7) Nach den Meutereien in der französischen Armee wurden ca. 10'000 russische Soldaten, die neben den französischen Soldaten an der Westfront kämpften, von der Front zurückbeordert und bis Kriegsende im Lager La Courtine isoliert. Es musste verhindert werden, dass ihr Enthusiasmus, den sie für die Revolution zeigten, die sich bei "ihnen zu Hause" entwickelte, die französischen Soldaten ansteckte.
  • (8) Man muss festhalten, dass die Verbrüderungen an der Westfront einige Monate nach Kriegsbeginn und der Abreise mit Blumen im Gewehr und dem Slogan einsetzten "Nach Berlinl!" oder "Nach Paris!". "Am 25. Dezember 1914: Keine Feindestätigkeit. In der Nacht und im Laufe des 25. Dezember wurde Verbindung aufgenommen zwischen Franzosen und Bayern, von Graben zu Graben (Gespräche, Notizen seitens des Gegners mit Schmeicheleien, Zigaretten... Besuch von einigen Soldaten in den deutschen Gräben" (Aufzeichnungen und Marschbefehle der 139. Brigade). In einem Brief vom 1.1.1915 eines Generals, der an einen anderen General gerichtet war, steht: "Man muJ3 feststellen, dass die Soldaten zu lange am gleichen Ort bleiben, und somit zu sehr ihre Gegner von gegenüber kennenlernen, so dass daraus Gespräche entstehen und manchmal gar Besuche, die meistens nachteilige Auswirkungen haben. " Dies nahm im Laufe des Krieges noch zu, insbesondere 1917. In einem im November 1917 von der Post abgefangenen Brief schrieb ein französischer Soldat an seinen Schwager: "Wir sind nur 20 Meter von den Deutschen entfernt, aber sie sind ziemlich nett, denn sie geben uns Zigarren und Zigaretten, und wir geben ihnen Brot." (Zitate aus L'Histoire, Januar 1988).
  • Aber das ist jetzt vorbei, denn die Soldaten werden jetzt alle in den Streik treten "
  • (9) Jean-Baptiste Duroselle und Pierre Renouvin sind zwei sehr bekannte Historiker, Spezialisten dieses Zeitraums.