Klassenbewusstsein und die Rolle der Revolutionäre

Submitted by InternationaleRevue on Die, 17/10/2006 - 11:25.

"Wenn das Proletariat die Auflösung der gegenwärtigen Weltordnung ankündigt, drückt es nur das Geheimnis seines eigenen Seins aus, denn es konstituiert die tatsächliche Auflösung dieser Weltordnung", sagt uns Marx.

Diese Zerstörung kann jedoch auf keinen Fall ein blinder und streng vorherbestimmter Akt sein... ...irgendwie das direkte Ergebnis, durch eine bestimmte Anzahl von wirtschaftlichen Ursachen mechanisch hervorgerufen. Im Gegenteil, Sie verlangt von ihrem Subjekt ein voll entwickeltes Bewusstsein des zu verwirklichenden Zieles. Wenn man aber eine Bürgerliche Betrachtungsweise der Geschichte vertritt, geht dieses Bewusstsein, definiert als ein Empfinden der eigenen Existenz, nicht über eine subjektive und intellektuelle Kategorie, einer Summe von Ideen, die in der Interpretation der Realität angewendet wurde, hinaus. Denn für jede Wissenschaft ist das Denken, das Bewusstsein getrennt von der allgemeinen Bewegung der Materie, vor allem eine Angelegenheit von isolierten Individuen oder Gruppen, von Individuen mit einem vagen gemeinsamen Interesse. Da ihre Beweisführung unfähig ist, sich von den großen Verzerrungen der herrschenden Ideologie zu befreien, kann sich die bürgerliche Wissenschaft den Bewusstseinsbildungsprozess deshalb nur als einen reinen geistigen Mechanismus vorstellen, der ein Individuum oder gar eine ganze Gruppe mittels einer Kette von Reiz, Reaktion, Nachdenken und Aktion dazu bringt, zu einem Bewusstsein von dem was er oder sie ist, zu gelangen. Durch die Übertragung dieser Bewegung von einem Individuum zu der Dynamik einer sozialen Klasse, führt diese Betrachtungsweise dazu, soziale Klassen in individuellen und mythischen Begriffen darzustellen und zu bestimmen. Die Arbeiterklasse erscheint somit als erstarrt, vergegenständlicht als eine ökonomische Kategorie. Sie wird zu einer Art dichten Masse reduziert, die wie ein homogenes Wesen ein "Bewusstsein erlangen" soll, dessen, was Sie ist und was Sie zu vollbringen hat. Und von dieser hoch gebildeten, zweidimensionalen Betrachtungsweise der Gesellschaft wird die Schlussfolgerung gezogen, dass die Arbeiterklasse nun ganz einfach eine "Klasse für das Kapital" sei, oder es aus reiche, in der Eigenschaft als bloße "Masse" zu warten, bis das Bewusstsein sich gleichzeitig und gleichartig im Gehirn eines jeden Arbeiters einfindet, oder dass Sie nicht anderes sei als ein menschlicher Körper, mit der Partei als dem Kopf und den Arbeiterräten als den Füssen, usw... Diese vollständige irrige Vorstellung von der historischen Entwicklung einer sozialen Klasse, schon bei Marx in den Thesen über Feuerbach kritisiert, erklärt sich durch die Tatsache, dass die Bourgeoisie unfähig ist, ihre eigene Existenz in Frage zu stellen, dass sie nur in Begriffen wie Schichten, Kategorien und willkürlichen Unterscheidungen denken kann. Für die Bourgeoisie existiert nur die vollendete und vollkommene Wirklichkeit, eine von der Praxis getrennten Welt, eine immer gleich bleibenden und tote Materie, ein Denken, welches die Wirklichkeit wie ein Schleier umspannt, ohne diese umzuwandeln. Form und Inhalt, wahrgenommenes Objekt und denkendes Subjekt, Geist und Materie, Theorie und Praxis, sind miteinander verbunden, kleben aufeinander und sind als Paare untrennbar, aber sie sind ebenso verschieden, alle werden als eine eigenständige Existenzweise aufgefasst. Die Welt der Konzepte bildet und verbreitet sich; im Hintergrund des Bewusstseins begnügt sich die Welt der Objekte damit, im Gegensatz zu Ihr, "da zu sein". Was ihre Einheit betrifft, die gemäß dem bürgerlichen Geist nichts anderes als jene von zwei Parallelen sein kann, die sich irgendwo im Unendlichen treffen, so ist diese reduziert zu nichts anderem als zu einem intellektuellen Zauberkunststück. Tatsächlich ist der Fehler jeglichen Vulgärmaterialismus, selbst wenn er die Bestimmtheit der Materie anerkennt, dass er das Objekt nur unter der äußeren und vom Subjekt unabhängigen Form betrachtet und nicht als menschliche Praxis. Das Klassenbewusstsein braucht nur in einem theoretischen Programm zusammengefasst und von einer Minderheit vertreten zu werden, während die Arbeiterklasse in der materiellen Welt in Erregung gerät, unfähig, ein Bewusstsein anders zu erlangen, als durch die Hilfe eines Verbindungsstückes, einer notwendigen Verbindung: der Partei, Vermittler zwischen der Erfahrung und dem Bewusstsein der Klasse. Oder es ist nichts anderes als eine Art instinktive und unverzügliche Antwort auf äußere Reize und die Revolutionäre vor lauter Angst, diesen natürlichen Stoffwechsel zu stören und zu verletzen brauchen nur den Kopf in den Sand zu stecken und zu warten, bis alles spontan geschieht. Die Revolutionäre ihrerseits geben sich mit dieser grob vereinfachenden Betrachtungsweise nicht zufrieden, da sie sich bewusst sind, dass ihr Realitätsbild kein Zufallsprodukt, das Produkt eines individuellen Willens ist; da ihre Hauptrolle, die Sie in der sozialen Wirklichkeit spielen, sich nicht auf intellektuelle oder empirische Feststellungen der objektiven und subjektiven Bedingungen der kommunistischen Revolution beschränkt und in ihren Überlegungen als zu abstrakt und zu theoretisch erscheinen mag, ist nichts anderes als ein notwendiger Schritt, ein Moment der Praxis ihrer organisierten Intervention. Denn, sich eine Bewegung theoretisch vorzustellen, sich ein geistiges 'Bild' einer Entwicklung auszudenken, wäre vergleichbar damit, einen Fluss hinunterfahren zu wollen, ohne sich jemals vom Ufer zu lösen. Deshalb begnügen sich die Revolutionäre, da sie keine unterschiedlichen Interessen haben, nicht mit Vorstellungen oder abstrakten Schemen, mit journalistischen Alltagsbeschreibungen der sozialen Wirklichkeit. Als aktiver Teil eines Ganzen, als Produkte und Faktoren einer historischen Entwicklung, stellen ihre historischen Überlegungen letzten Endes eine politische Stellungnahme zu der Wirklichkeit dar, ein Wunsch der radikalen Umwälzung der Gesellschaft.

Aus diesem Grund dürfen Überlegungen über das Klassenbewusstsein und die Rolle der Revolutionäre sowie die Rolle der Partei auf keinem Fall von einer theoretischen Seite aus erörtert werden.

Wenn die ersten Elemente der hier vorgebrachten Analyse sich noch darauf beschränken, die großen Umrisse zu zeichnen, so werden andere Faktoren, die aus der unmittelbaren Erfahrung der Klassenkämpfe selbst gewonnen sind, zahlreiche Punkte bejahen, abändern und erklären. Letzten Endes kann nur die Aktivität der Klasse die revolutionäre Theorie bejahen oder als falsch erweisen.

DIE BEDINGUNGEN DER KOMMUNISTISCHEN REVOLUTION

I. Wenn die kapitalistische Produktionsweise die Grenze ihrer Wirklichkeit erreicht hat, kann Sie nur durch die Aktion einer Klasse die ein generalisiertes Bewusstsein hat und weltumfassend vereint ist, überwunden werden: dem Proletariat.

Und diese hat solch eine zentrale Bedeutung, dass sie die einzige ist, die den besonderen Charakter der kommunistischen Revolution und den Übergang von einer Produktionsweise, die auf dem Wertgesetz fußt, zu einer höheren Existenzweise verständlich machen kann. Es besteht in der Tat eine große Kluft zwischen dem, was die Menschheit bis heute im Verlauf der Geschichte gekannt hat und dem qualitativen Sprung, für den Sie sich vorbereitet, um diesem Zyklus ein Ende zu bereiten, und um die Menschheit von jeglicher Ausbeutung zu befreien. Und dieser enorme Unterschied ist umso schwerer zu begreifen, da die Reihenfolge der verschiedenen Produktionsweisen in der Geschichte wie eine notwendige, bestimmte und mehr oder weniger unbewusste Entwicklung erfolgt ist. Da bis heute dies durch eine revolutionäre Klasse vollzogen wurde, die schon Träger der wirtschaftlichen Macht in der alten, überkommenen Produktionsweise war. dieser qualitative Unterschied spiegelt sich wieder auf dem Niveau des historischen Bewusstseins, das für die Zerstörung der kapitalistischen Produktionsweise und ihre Umwandlung zum Kommunismus notwendig ist. Diese Bewusstsein, weit davon entfernt, auf ein einfaches, geistiges, ideologisches oder individuelles Phänomen reduziert werden zu können, muss im Zusammenhang mit einer gesellschaftlichen Klasse betrachtet werden.

II. Das Konzept der sozialen Klasse, das nicht als einfache Klassifizierung oder ökonomische Kategorie oder als Summe isolierter Individuen verstanden wird, beruht hauptsächlich auf einer geschichtlichen Entwicklung, die gemeinsame politische Interessen schmiedet.

Das Proletariat existiert eigentlich nur als Klasse aufgrund der geschichtlichen Entwicklung, in der es der Kapitalistenklasse als Todfeind gegenübersieht, und diese Entwicklung hat nur eine reelle Grundlage in dem Verlauf der Bewusstwerdung, die Sie begleitet.

Die kommunistische Revolution unterscheidet sich daher grundlegend von allen vorherigen Revolutionen, insofern als zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit eine revolutionäre Klasse als Träger der neuen gesellschaftlichen Verhältnisse keine wirtschaftliche Macht innerhalb der alten Gesellschaft besitzt. Das Proletariat ist die erste und letzte revolutionäre Klasse in der Geschichte die auch eine ausgebeutete Klasse ist. Dies bedeutet, dass es aufgrund der sozioökonomischen Stellung, die es in der kapitalistischen Gesellschaft einnimmt, sich voll der historischen Ziele bewusst sein muss. Es ist in der Tat die einzige Klasse, die die objektive und subjektive Möglichkeit besitzt, zu einem Bewusstsein über die ganze Gesellschaft zu gelangen. Das Proletariat hat keine wirtschaftliche Wurzeln im kapitalistischen Boden; es besitzt keine Möglichkeit, eine Ideologie auf der Grundlage solcher Wurzeln zu entwickeln, da es keinen Samen, keine Ausgangsbasis einer neuen Ausbeutung des Menschen durch den Menschen in sich selbst trägt.

Während die Ideologie einen politisch-juristischen Überbau und eine wirtschaftliche Basis voraussetzt, die durch die Produktivkräfte bestimmt sind, die den Menschen weiterhin beherrschen, kann der Prozess der Bewusstwerdung der Arbeiterklasse dagegen nur als notwendige Vorbedingung der Machtübernahme und der totalen Umwälzung der kapitalistischen Basis möglich sein.

III. Das Proletariat ist die einzige Klasse in der Geschichte, für die die historische Notwendigkeit der Zerstörung des Ausbeutungssystems mit seinen Interessen als revolutionäre Klasse voll ständig übereinstimmt: die Interessen, die selbst mit den Interessen der ganzen Menschheit verbunden sind.

Keine andere Klasse oder soziale Schicht in dieser Gesellschaft kann diese historische Zukunft zur Wirklichkeit werden lassen.

Deshalb können sich diese Klassen nicht der Notwendigkeit einer Umwälzung der gesamten Gesellschaft bewusst werden, selbst dann nicht, wenn sie eine vage Ahnung von der sie umgebenden Barbarei haben (eine Ahnung, die übrigens immer auf irgendeine Weise durch die herrschende Klasse und durch die Blindheit der bürgerlichen Ideologie deformiert wird).

Von einem kapitalistischen und deshalb ideologischen Standpunkt aus ist natürlich ein Begreifen des historischen und zeitlich bedingten Charakters der Gesellschaft unmöglich. die gesellschaftlichen Verhältnisse sind in den Augen der Bourgeoisie ewig existierend, erstarrte und unabhängig vom Willen der Menschen bestehende Verhältnisse. Selbst wenn die Bourgeoisie in ihren Verschleierungsbemühungen gegen die Arbeiterklasse mit mehr oder weniger Scharfsicht vorgeht, wird sie alles daran setzen, die Klassenkämpfe aus dem Bewusstsein zu verbannen. In diesem Sinn bestimmen die objektiven Grenzen der kapitalistischen Produktion die Grenzen ihres "Bewusstseins", das aufgrund dieser Beschränkungen nur Ideologie sein kann.

IV. Das Klassenbewusstsein, weit davon entfernt, mit der Ideologie übereinzustimmen, ist vor allem die grundsätzliche Negation, ihre grundlegende Antithese. Heute kommt es vor allem darauf an, die Menschheit aus der Lethargie, in die sie gestürzt ist, herauszuführen, die Welt ihrer Handlungen und ihrer selbst wieder bewusst werden zu lassen, wozu eine Ideologie unfähig ist. Da die Ideologie, das Produkt ökonomischer Faktoren und einer entfremdeten sozialen Wirklichkeit, den Gegenständen eine eigenständige Existenz und dem Bewusstsein eine Fähigkeit der Abstraktion zuordnet, die von allen materielle Gesetzmäßigkeiten getrennt ist, ist es ihr unmöglich, eine kritische und praktische Umwälzung durchzuführen. Revolutionäres Klassenbewusstsein, weit davon entfernt, der Handlung einfach vorauszugehen, die Handlung auf ein konkretes Ziel zu lenken, ist vor allem ein Prozess, der durch die Entwicklung und die Vertiefung der Widersprüche der dekadenten kapitalistischen Produktionsweise hervorgerufen wird, der eine soziale Klasse dazu zwingt, das Wesen ihrer Existenz durch eine praktische und theoretische (und daher bewusste) Negation ihrer Lebensbedingungen zu verwirklichen. Die Geschichte dieses Prozesses schließt die Geschichte des Kampfes der Arbeiterklasse und den der revolutionären Minderheiten ein, die aus diesem Kampf als aktiv teilnehmender Bestandteil hervorgegangen sind.

DIE CHARAKTERISTIKEN DER BEWUSSTWERDUNG

I. Die grundsätzlichen Unterschiede zwischen Ideologie und Klassenbewusstsein beruhen auf dem Ursprung selber der Ideologie und ihren materiellen Wurzeln. Wurzeln, die bis in die Geschichte der Arbeitsteilung zurückgreifen, die Trennung des Produzenten von seinem Produkt, die Unabhängigkeit der Produktionsverhältnisse und die Beherrschung des Menschen durch die materielle Form, seiner eigenen Arbeit. Die dem Kapitalismus innewohnenden Gesetze, die durch die Herrschaft von toter Arbeit und lebendiger Arbeit, der Vorherrschaft des Tauschwertes über den Gebrauchswert und dem Wertfetischismus gekennzeichnet sind, ziehen die Umwandlung der gesellschaftlichen Beziehungen zu Beziehungen zwischen Sachen nach sich. Sie bedingen so das Erscheinen von Rechtsbeziehungen, deren Ausgangsbasis das isolierte Individuum ist.

Es sind ebenso dies Gesetze, die dem Menschen, aufgrund der Entwicklung der Spezialisierung ein Bild von der Gesellschaft unmöglich machen, und die ihn in einer Reihe von getrennter Kategorien einschließen, die alle voneinander isoliert und unabhängig sind (die Nation, die Fabrik, der Stadtteil usw.). Der Blick für die Gesamtheit wird somit also nichts anderes als eine einfache Addition von bestimmten Wissensbereichen; ein Wissen, das wiederum von Spezialisten gehortet wird.

Das Klassenbewusstsein dagegen bedeutet eine Sicht des Ganzen und ein Bewusstsein der Klasse als Ganzes. Das Klassenbewusstsein ist ein außerordentlich kollektiver Prozess. Sein Ausgangspunkt ist eine im Kampf vereinte Klasse, die dazu bestimmt ist, die kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnisse zu zerstören; es beinhaltet die ausschlaggebende Herrschaft des Ganzen über die Teile. Aber dieses Ganze kann nur hergestellt werden, wenn das Subjekt, das diese herstellt, selbst ein ganzes ist, und diese Betrachtungsweise der Totalität ist nur durch eine Klasse möglich. Deshalb muss die Arbeiterklasse, um eine vereinte und bewusste Klasse zu werden, alle Trennwände, alle Trennungen, welche Grenzen

das auch immer sein mögen, zerschlagen und die Diktatur ihrer Arbeiterräte über diese nationalen Grenzen hinaus errichten.

Eine andere Folge der Vereinigung im sozialen Bewusstsein ist die Aufhebung der Trennung zwischen den Teilen und dem Ganzen, dem Teilziel und dem Endziel, dem wirtschaftlichen und politischen Kampf. In dieser Periode der Dekadenz des Kapitalismus, in der jede Reform unmöglich geworden ist, in der die Revolution auf der Tagesordnung steht, neigen die wirtschaftlichen Kämpfe dazu, in politische Kämpfe umzuwandeln und das System unmittelbar anzugreifen. Die Arbeiterklasse ist dazu berufen, die Gesellschaft bewusst umzuwälzen, deshalb beinhaltet für die der Blick für die Gesamtheit ein verstehen der dialektischen Widersprüche zwischen unmittelbaren Interessen und Endziel, zwischen einem isolierten Teil und der Gesamtheit. Da der isolierte Teil, d.h. seine Lage als atomisierte und mystifizierte Klasse mit dem Kapitalismus zusammenhängt, muss die Arbeiterklasse sich weltweit vereinigen und sich somit von einer ökonomischen Kategorie zu einer revolutionären Klasse um(zu)wandeln. Zu dieser Vereinigung zur bewussten Klasse ist nur die Arbeiterklasse fähig, da die Natur der assoziierten Arbeit ihr diese globale Sicht verleiht.

II. Die Natur dieses Bewusstwerdungsprozesses, die es vor allem zu einem Klassenbewusstsein macht, ermöglicht uns, den grundlegenden Widerspruch, der augenblicklich zwischen Ideologie und Bewusstsein besteht, zu begreifen. Und es hat nichts mit linguistischen Purismus zu tun, wenn wir behaupten, dass es keine proletarische Ideologie oder revolutionäre Wissenschaft gibt; eine revolutionäre Minderheit kann niemals der Träger oder die Verkörperung dieses Klassenbewusstseins ein.

Indem die historische Erscheinung, die gleichzeitig praktisch und theoretisch ist, auf den einfachen Ausdruck eines Gedanken gebracht

wird, der sich in einem Parteiprogramm kristallisiert, betrachten die Leninisten und Bordigisten verschiedener Schattierung der Natur des Klassenbewusstseins mit den gleichen Beweisführungsfehlern, die es den Mystikern ermöglicht zu behaupten, die Hostie verkörpere den Körper Christus.

Tatsächlich verdanke die Ideologie und der Mystizismus ihre Existenz der Tatsache, dass die Trennung zwischen der eigenen Realität und den materiellen Bedingungen ihrer Existenz, und dem Bemühen, als unabhängiges und selbstständiges Denken zu erscheinen als einzig ursächlich wirkende kraft, die die Materie bewegt. Indem sie die Realität als eine Reihe von Vermittlungen begreift, die notwendigen Etappen zwischen dem Menschen und der Materie sind, weigert sich die bürgerliche Ideologie, ihren wahren Ursprung an zuerkennen. Indem sie der Realität eine unabhängige Existenz zu spricht, stellt sie dem metaphysischen Materialismus (1) einen Idealismus gegenüber, der die Wahre Bewegungskraft der Handlung sei, und in dem die Praxis auf ihre 'tiefe' natürliche Form zurückgewiesen wird.

Das Klassenbewusstsein selber stimmt insoweit voll mit der sozialen Wirklichkeit überein, wie sein Daseinsgrund ein Produkt der historischen Entwicklung des Widerspruchs zwischen den Produktionskräften und den Produktionsverhältnissen ist. Diese Notwendigkeit einer radikalen Veränderung der Produktionsverhältnisse verlangt wirklich eine globale Betrachtungsweise der Gesamtheit der sozialen Wirklichkeit. Das Klassenbewusstsein erkennt seinen Ursprung und sein Objekt: das Proletariat, das lebendige Kernstück der Produktion, eine dauernd im Werden begriffene soziale Klasse.

Der Prozess der Bewusstwerdung des Proletariats, der auf der dialektischen Einheit von Sein und Bewusstsein beruht, verwirft jede Form von Zwischenstücken der Vermittlung zwischen Existenz und Bewusstsein. Proletarisches Klassenbewusstsein wird ein Bewusst sein seiner selbst und stellt dadurch die Einheit zwischen dem Menschen und der Realität wieder her.

III. Der Proletarier ist dazu gezwungen, seine Arbeitskraft im Vergleich zu seiner gesamten Persönlichkeit als ein bloßes Objekt

zu verkaufen, und es ist diese Objektivität und die Trennung, die zwischen der Arbeitskraft der Ausbeutung unterworfenes Objekt und dem sie verkaufenden Subjekt, vorgenommen wird, die die Bewusstwerdung möglich werden lässt. Aufgrund ihres Kampfes gegen die kapitalistische Ausbeutung kann die Arbeiterklasse sich gleichzeitig als Subjekt und Objekt der Erkenntnis wahrnehmen. Diese Wahrnehmung und das Bewusstsein über die extreme Armut und seine unmenschliche Lage ist gleichzeitig eine Bloßstellung der ganzen Gesellschaft und die Zerstörung derselben. Somit drückt die Arbeiterklasse, indem sie die gesamte Gesellschaft zerstört, nur das Wesen ihrer eigenen Existenz aus, da sie die Negation der Gesellschaft ist (die einzig bestehende gesellschaftliche Beziehung zwischen dem Kapitalismus und dem Proletariat ist der Klassenkampf). Die Selbstverwirklichung der Arbeiterklasse als eine Klasse für sich wird durch die Zerstörung des Systems erreicht; das Bewusstsein ist Faktor und Produkt dieses Prozesses. Die Selbsterkenntnis bedeutet für die Arbeiterklasse, das Wesen der Gesellschaft zu erkennen; sie gelangt nicht einfach zu einem Bewusstsein über ein Objekt, sondern zu einem direkten Bewusstsein des Objekts selber, in diesem sinne ist dies schon Praxis und wirkt wie eine Veränderung des Objekts. Indem der objektive Charakter der Arbeit als Ware anerkannt wird, erlaubt dieser Prozess, den Warenfetischismus zu entlarven und den unmenschlichen Charakter des Kapital-Arbeit-Verhältnisses zu enthüllen.

Die Illusion, die Mystifikationen, die dem Denken durch die Ideologie auferlegten Hindernisse, sind also nichts anderes als der geistige Ausdruck dieser Wirklichkeit, die selbst einer ökonomischen Struktur entspricht, die auf der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ruht. Ihre Negation kann nicht durch eine einfache Willensbekundung verwirklicht werden, sondern nur durch die Überwindung in der Praxis. Deshalb ist das Klassenbewusstsein nicht ein einfaches theoretisches Infragestellen des Kapitalismus, es geht aber vor allem von einer Kritik und einer materiellen Zerstörung des ganzen Systems aus. Indem das Klassenbewusstsein die geschichtliche Natur der ökonomischen Gesetze anerkennt, enthüllt es den geschichtlichen und vorübergehenden Charakter der kapitalistischen Produktionsweise, legt die objektiven Grenzen derselben fest und untersucht die geschichtlichen Epochen der Gesellschaft. Diese Enthüllung ist ein Prozess, der Theorie und Praxis insofern miteinander verbindet, wie jede Illusion die zusammenbricht, jede entschleierte Mystifikation der praktischen Bereitschaft entspricht, die Lohnsklaverei zu zerstören.

IV. Dennoch, falls diese historische Bewusstsein aus der Notwendigkeit erwächst, dass die Arbeiterklasse ein umfassendes Verständnis von einem Klassenstandpunkt aus entwickeln muss, so bedeutet dies noch lange nicht, dass sie diese Erkenntnis unmittelbar gewinnt. Ganz im Gegenteil, der Klassencharakter dieses Prozesses entspricht genau der heterogenen und schmerzvollen Entwicklung einer Praxis und Theorie der Arbeiterklasse, die von Anfang an mit dem starken Druck der Bourgeoisie konfrontiert war. Die Arbeiterklasse, selbst wenn sie in Zeiträumen des Kampfes vereinigt ist, handelt nicht wie ein einheitliches Wesen, das mechanistisch auf ein Ziel gerichtet ist. Der dialektische Widerspruch, der zwischen ihrer Lage als revolutionäre Klasse und ausgebeutete Klasse besteht, ihre totale Verarmung innerhalb der Gesellschaft, bestimmt sie dazu, das erste Opfer der bürgerlichen Ideologie zu sein. Unfähig, ihr Bewusstsein gemäß des gesetzten Richtlinie einer Ideologie oder einer Reihe von praktischen Rezepten zu entwickeln, da sie gleichzeitig Subjekt und Objekt der Erkenntnis ist.

Dieser objektiven Bedingung und die allgegenwärtige Unterdrückung durch die herrschende Ideologie sind es, die die Arbeiterklasse in ihrer Entwicklung, sich als revolutionäre Klasse zu bilden, dazu zwingt, revolutionäre Minderheiten als integraler Bestandteil hervorzubringen. Diese haben die Aufgabe, den Prozess der theoretischen Aufarbeitung der geschichtlichen Erkenntnis und deren Ausbreitung während der Kämpfe zu beschleunigen. Das Klassenbewusstsein ist somit kein 'Spiegel' der Realität, eine mechanische Widerspiegelung der wirtschaftlichen Lage der Arbeiterklasse (unter diesen Umständen hätte sie überhaupt keine aktive Rolle zu spielen) und das Klassenbewusstsein entsteht nicht spontan auf dem Boden der kapitalistischen Ausbeutung. In Wirklichkeit erwächst das Bewusstsein aus dem Übereinstimmen mehrerer Faktoren, wobei die wirtschaftlichen Voraussetzungen obgleich unabdingbar keineswegs ausreichend sind. Der wirtschaftliche Kampf der Arbeiterklasse reicht nicht aus, um eine ganze theoretische und praktische Bewegung hervorzubringen; er besitzt in der Tat nicht die einzigartigen, magischen und schöpferischen Kräfte, die ihm so manche Spontaneisten zuschreiben wollen.

Aus diesem Grund kann nur die Verbindung einer Anzahl von Elementen das Produkt der Entwicklung des Klassenkampfs selber letzten Endes das sozialistische Bewusstsein zu seinem höchsten historischen Niveau führen. Diese Elemente sind hauptsächlich die folgenden:

a) der wirtschaftliche Druck, dem die Arbeiterklasse unterworfen ist und ihre Lage als ausgebeutete Klasse,

b) die objektiven Gegebenheiten der Periode und das Niveau, bei dem die Widersprüche des Systems angelangt sind (Dekadenz des Kapitalismus, Vertiefung der Krise),

c) das Niveau des Klassenkampfes als Antwort auf diese Lage und die Tendenz des Proletariats, sich auf mehr oder weniger entwickelte Weise als autonome Klasse zu organisieren,

d) der mehr und mehr entscheidende Einfluss der revolutionären Gruppen im Kampf und die Fähigkeit der Arbeiterklasse, sich ihre revolutionäre Theorie wieder anzueignen.

Keiner der Elemente kann, für sich selbst betrachtet, von den an deren getrennt werden und als einzige grundsätzliche Hauptursache der Bewegung angesehen werden. Es ist ziemlich offensichtlich, dass der wirtschaftliche Druck oder die revolutionäre Theorie sich als aktive Faktoren in der Entwicklung des proletarischen Bewusstseins aufzwingen, aber sie bilden nicht in sich selber die Hauptursache des Prozesses. Eine grundlegende und isolierte Ursache einer ganzen Bewegung zu suchen, läuft darauf hinaus, diesen Prozess als starr aufzufassen und dies führt zu vollständig fruchtlosen Debatten wie: "was war zuerst- das Huhn oder das Ei?".

DIE ROLLE DER REVOLUTIONÄRE UND DER PARTEI

Proletarisches Bewusstsein als einen historischen Prozess zu definieren, der für eine soziale Klasse charakteristisch ist, und der auf der historischen Szene durch die Bejahung des Bewusstseins gekennzeichnet ist, bedeutet, dass man über eine einfache Tatsachenaussage nicht hinausgeht. Wenn man bei diesem Stadium aufhörte, hätte man nichts anderes als eine theoretische Abhandlung über die Charakteristiken der Bewusstwerdung anfertigt, ohne die objektiven gründe zu begreifen, die uns zur Formulierung dieser Definition veranlasst haben. Nun, indem die Revolutionäre gerade über den rein theoretischen Aspekt ihrer Tätigkeit hinausgehen, werden sie sich ihrer historischen Rolle als aktiver Teil eines Ganzen bewusst. Man kann eine Wand nicht umwerfen, indem man dagegen bläst, man kann ein ganzes Ausbeutungssystem nicht mit frommen Worten und philosophischen Überlegungen zerstören. Indem sie vollständig ihrer Verantwortung gegenüber der Arbeiterklasse übernehmen, können die Revolutionäre des Prozess der Bewusstwerdung der Arbeiterklasse und ihrer Bildung als autonome Klasse beschleunigen. Diese Verantwortung erfordert eine klare Vorstellung ihrer Funktion, eine klare Formulierung der historischen Aufgabe, für die sie entstanden sind.

I. Die Natur und die Funktion der revolutionären Gruppen und der Partei können nur wirklich durch die grundsätzlich widersprüchliche Natur des Bewusstwerdungsprozesses der Arbeiterklasse erklärt werden: ein Widerspruch, der mit der Bewegung des Klassenkampfes verbunden ist und ihn umfasst, der ebenso die Übergangsperiode bis zu verschwinden aller Klassen kennzeichnen wird. Ein Widerspruch zwischen der Lage der Arbeiterklasse als ausgebeuteter Klasse und ihrer historischen Aufgaben in Richtung der Abschaffung jeglicher Ausbeutung, Ein Widerspruch zwischen der Unmöglichkeit, das sich die Arbeiterklasse eine proletarische ' Ideologie' auf der Grundlage irgendeiner wirtschaftlichen Macht formt, und der dringenden Notwendigkeit, ihre Erkenntnisse theoretisch zu verarbeiten und sich der historischen Ziel voll bewusst zu sein. Somit zwingt sich dem Proletariat die Notwendigkeit auf, einerseits die grundlegende Bedingung der kommunistischen Revolution in den alltäglichen Kampf umsetzen: "die Befreiung der Arbeiterklasse wird das Werk der Arbeiter selbst sein", andererseits, sich die theoretischen Waffen zu schmieden, die für die bewusste Emanzipierung notwendig sind, während es ihm gleichzeitig unmöglich ist, dem Einfluss der herrschenden Ideologie vollständig zu entfliehen. Die revolutionären Minderheiten erscheinen somit als Produkt dieser widersprüchlichen Notwendigkeit. Sie entstehen als integraler Bestandteil des Proletariats und sind dennoch nicht notwendiger weise Mitglieder der Arbeiterklasse im soziologischen Sinne. Da die wirtschaftlich herrschende Klasse die materiellen und ökonomischen Mittel der Produktion kontrollier, ist das Proletariat unfähig, eine Kultur oder Ideologie zu entwickeln, die ihr soziologisch voll entsprechen würde, denn die würde ein ökonomisches Interesse beinhalten, das darauf abzielen würde, ihre Lage als ausgebeutete Klasse zu verewigen. Aus diesem Grund ist ein politisches Kriterium, das die Revolutionäre als wirkliche Mitglieder der Arbeiterklasse bestimmt, und ihnen die Aufgabe zuweist, die geschichtlichen Lehren der Klasse theoretisch aufzuarbeiten und sicherzustellen, dass diese Lehren von der größtmöglichen Zahl zu den eigenen gemacht werden.

II. Da die Arbeiterklasse vor der Notwendigkeit steht, die alte Gesellschaft umzustürzen, erfordert diese Umwälzung, die gleichzeitig praktisch und theoretisch ist, eine klare "Einsicht in di Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung" (Marx, Manifest). Solange wie der Klassenantagonismus und die kapitalistische Ausbeutung fortbestehen, wird diese klare Sicht der Endziele der Bewegung dem starken Druck der bürgerlichen Ideologie gegenüberstehen. Und aus diesem Grund wird die Mehrheit der Arbeiterklasse diese klare sicht nicht haben. Die Ausbreitung und das Wachstum der revolutionären Theorie und des Bewusstseins der Endziele der proletarischen Revolution innerhalb der ganzen Klasse sind keine 'natürlichen' Phänomene mit einer linearen mathematischen Progression: dies ist vor allem das Produkt organisierter Bemühungen der Klasse. Dieser bewusste Versuch des Proletariats, sich eine revolutionäre Theorie zu geben und die Lehren der vergangenen Kämpfe zu ziehen, nimmt eine materielle Gestalt an mit dem Erscheinen von revolutionären Minderheiten und ihrer Bildung zur Partei während des Zeitraums des revolutionären Aufschwungs.

Dieses konstante Streben innerhalb des Proletariats auf die Gründung der revolutionären Partei hin, kann unter keinen Umständen mit der voluntaristischen Handlung von Individuen oder von Gruppe verglichen werden, die glauben, dass der Aufbau einer revolutionären Partei ein Ersatz für die Handlung der Klasse als Ganzes sei. Das Emporkommen revolutionärer Theorie als der Theorie revolutionärer Gruppe ist nicht die Frucht eines individuellen Willens oder die Erkenntnis "dieses oder jenes Weltverbesserers" (Marx). Dies konkretisiert vielmehr die Entwicklung eines realen Klassenkampfes und erwächst als eine Antwort auf ein wahres Bedürfnis im Proletariat.

III. das Proletariat wird somit nicht auf einer abstrakten Ebene als eine Klasse betrachtet, sondern im Bereich der konkreten Handlung, aufgrund der ständigen Kämpfe in seiner Konfrontation mit den objektiven der Periode. Aus dieser historischen Praxis sind keineswegs eine Reihe von organischen Prinzipien, die wie theoretische Rezepte auf den Klassenkampf angewendet werden, her vorgegangen, sondern der theoretische Ausdruck dieser Erfahrung. Die revolutionäre Theorie stellt keine Summe von endgültigen und unveränderlichen Prinzipien dar, sondern die Widerspiegelung einer konkreten Aktivität des Proletariats, die auf theoretischer Ebene durch die revolutionären Gruppen deutlich ausgedrückt und verallgemeinert wird und von der Klasse wieder angeeignet wird. Somit entspricht jedes Problem, das durch den Kampf und die Organisation der Klasse gelöst wird, einem neuen theoretischen Beitrag, der selbst wiederum in praktische Wirklichkeit umgewandelt wird durch die Intervention der Revolutionäre in zukünftigen Kämpfen. Somit schöpft die Theorie, die das Produkt der sozialen Existenz der Kämpfe ist, ihre Energie aus der Praxis und beeinflusst wiederum die politische Klarheit der zukünftigen Kämpfe. Sich aus den konkreten Kämpfen der Klasse entwickelnd, bleibt revolutionäre Theorie die ursprünglich von den revolutionären Gruppen getragen wird damit noch lange nicht ihr ausschließliches Eigentum, wie ein versteckter Schatz. Ganz im Gegenteil: die Rolle selber der Revolutionäre und der Partei verdeutlicht das grundsätzliche Bestreben der Arbeiterklasse, sich die historischen Lehren wieder anzueignen und so weit wie möglich zu verbreiten. Ihre Funktion besteht darin, diese Theorie innerhalb der Klasse zu verbreiten, wohl wissend, dass es sich nicht darum handelt, eine Theorie in die Praxis "einzuflössen" oder die Theorie als ein chemischer Grundstoff zu betrachten, der den ganzen historischen Prozess aktivieren würde. Theorie und Praxis vervollständigen sich, dringen ineinander ein; das eine auf Kosten des anderen zu bevorzugen, darauf zu bestehen, dass die Theorie der alles bestimmende Faktor sei oder andererseits die aktive Seite der Theorie nicht zu betrachten, trägt das Risiko in sich, dass wir auf die gefährlichen Wege des Voluntarismus und Akademismus abgleiten.

IV. Es ist nicht die Existenz revolutionärer Gruppen, die die Arbeiterklasse zu einer revolutionären Klasse macht. die Bourgeoisie könnte in der Tat alle Revolutionäre unterdrücken und den noch, sie würde nur ihr eigenes Todesurteil hinauszuzögern, ohne in der Lage zu sein, den Klassenkampf aufzuhalten und die Arbeiter klasse daran zu hindern, revolutionäre Gruppen zu bilden. Indem man die ersten Blüten an einem Baum zerstört, kann man sich Lange nicht endgültig den ganzen Prozess seiner Reproduktion aufhalten. In diesem Sinne haben die Revolutionäre keine von der Arbeiterklasse unterschiedlichen Interessen und unterscheiden sich auch nicht von ihr, obgleich sie nicht identisch mit ihr sind. Sie sind nur ein Teil der Klasse, der entschlossenste; sie sind jene, die ohne damit der Führungsstab einer unbewussten und gehorsamen Armee oder die großen Führer der Revolution zu sein, die großen allgemeinen Stossrichtungen des Kampfes zu stecken, und sie die Endrichtung der Bewegung anzeigen. Ihre Funktion besteht nicht darin, die 'technische' Leitung der Kämpfe vorzubereiten, sie sind nicht jene, "die durch richtige Parolen organisch die Bedingungen und Möglichkeiten für die technische Organisation der Arbeiter klasse hervorzubringen" (Lukacs). Ihre Rolle ist nicht die Arbeiterklasse zu organisieren, die autonome Organisation der Klasse mittels praktischer Anweisungen über diese oder jene Einheitsorganisation zu leiten, sondern ihre Rolle liegt darin, immer die allgemein politische Richtung der Bewegung hervorzuheben.

V. Die Tatsache, dass die Partei nicht an die stelle der Klasse treten kann, bedeutet keineswegs, dass ihre Existenz eine Notlösung darstellt, ein notwendiges übel, das abgeschwächt oder so weit wie möglich vermieden werden müsste. Die Revolutionäre und die Partei existieren als notwendige Produkte, als unabdingbare Elemente im Prozess der Bewusstwerdung des Proletariats. Ihre Funktion unter dem Vorwand der Fehler der Vergangenheit wie Substitutionismus zu leugnen, hieße einen sterilen Purismus an den Tag zu legen, hieße dem Proletariat eines seiner lebenswichtigen Waffe wegzunehmen. Die historische Aufgabe der revolutionäre und der Partei weit davon entfern, eine Art Notbehelf zu sein

ist Teil einer allgemeinen Tendenz des Proletariats, sich selbst als eine bewusste revolutionäre Klasse zu bilden. Als die kampfkräftigsten und entschlossensten Elemente der Arbeiterklasse, entfalten sie in den Kämpfen der Arbeiterklasse eine organisierte Intervention mit der Perspektive, die Endziele der Bewegung hervorzuheben. Ihre aktive Teilnahme an den Kämpfen übt auf die allgemeine Organisation der Bewegung der Klasse einen entscheidenden Einfluss aus, Ein Einfluss, der sich in der Tat in der allgemeinen politischen Stossrichtung des Kampfes und der Beschleunigung der Bildung der Arbeiterklasse als autonome Klasse im Hinblick auf die Machtübernahme und sie Zerstörung der Lohnsklaverei niederschlägt.

VI. Die Revolutionäre und die Partei haben nicht die Klasse zu ersetzen, was bedeutet, dass ihre unabdingbare Funktion keinen Selbstzweck darstellt und auch kein vollständiges und vollkommenes Werk, indem sie anstelle der Arbeiterklasse handeln könnten oder der spontanen Massenbewegung der Klasse die der Partei immanenten "Wahrheit" eintrichtern könnten, um die Arbeiterklasse von der Ebene der bloßen wirtschaftlichen Notwendigkeiten zu bewussten und revolutionären Handlungen zu "heben". Deshalb ist die Partei, die ein aktives und grundlegendes Element des Proletariats ist, das voll am Bewusstwerdungsprozess des Proletariats teilnimmt, keinesfalls eine Vermittlungsstelle zwischen Theorie und Praxis, zwischen Erfahrung und Bewusstsein. sowohl die Partei als auch die Klasse sind die materielle Einheit zwischen Theorie und Praxis; dies Einheit den beiden identisch braucht nicht von einem Vermittler "übernommen" werden. (Man kann in der Tat nur einen Vermittler zwischen zwei vormals getrennten Einheiten stellen). Diese Einheit ist ein lebendiger Prozess, der sowohl die Partei als auch die Handlung der Klasse in ihrer Gesamtheit und ihrer Einheitsorganisation, den Räten, bestimmt. Aus der Partei den Vermittler zwischen Theorie und Praxis zu machen, läuft darauf hinaus, die Theorie als etwas außerhalb der Arbeiterklasse Existierendes zu betrachten, als etwas ausschließlich der Partei Zugehöriges anzusehen. Somit wird die Partei als einzige Kraft dazu fähig, alle Richtlinien der Praxis zu bestimmen, was darauf hinaus läuft, dass das Proletariat jeder bewussten und politischen Möglichkeit der Machteroberung beraubt wird. Denn wenn man dieser Argumentation folgt, wandeln sich die Arbeiterräte zu leeren Schalen, werden zu administrativen staatlichen Organen, denen nur die Partei einen revolutionären Inhalt geben könnte. In diesem Fall wäre es sehr logisch die wahre Führung der Diktatur über die Gesellschaft in die Hände der Partei zu legen und die Partei an die Staatsspitze und die Diktatur des Proletariats zu stellen. Die Partei stellt keinen Organismus der Leitung oder der Ausführung dar, ein Organ von der Arbeiterklasse geschaffen, um die Macht zu erobern. Die Idee, dass die Führung der Diktatur der Arbeiterklasse die Aufgabe einer revolutionären Einheitspartei sei, die als Massenpartei während der nachrevolutionären Periode gebildet wäre, beweist einen großen Mangel an Verständnis der wirklichen politischen Ziele der Partei. Die Partei zielt nicht darauf ab, sich übermäßig zu vergrößern, um somit die größtmögliche Anzahl von Elementen zu integrieren. Ihre Funktion ist nicht, die einer totalitären und staatlichen Einheitspartei. Im Gegenteil wird sie immer mehr Ausdruck eines Teils der Klasse bleiben, und ihre Existenzberechtigung wird dazu neigen zu verschwinden, in dem Masse wie das sozialistische Bewusstsein in der gesamten Klasse zunimmt.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN

Die Diskrepanz zwischen den Produktionsverhältnissen und den Produktionskräften hat in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg solch großes Ausmaß erreicht, dass sie heute den lügenhaften Charakter der Ideologien die den überkommenen gesellschaftlichen Verhältnissen entsprechen, offen gelegt, und die Bourgeoisie dazu zwingt, eine ganze Reihe von Mystifikationen zu entwickeln, die darin bestehen, die Kämpfe der Arbeiterklasse von ihren wahren Zielen abzulenken. Die grundsätzlichen Unterschiede gegenüber der aufsteigenden Phase des Kapitalismus beeinflussen zutiefst die Einheit zwischen Theorie und Praxis, insofern sie die Entwicklung der objektiven Bedingungen der kommunistischen Revolution diese Einheit bekräftigen. In der Dekadenzperiode wird die kommunistische Revolution eine objektive Möglichkeit, und die Praxis der Klassenkämpfe radikalisiert sich in dieser Richtung, somit neigt die Theorie immer mehr dazu, das primäre Objekt ihrer Analyse praktisch zu fassen. Das Klassenbewusstsein bestätigt sich in seinem Prozess als eine reale Einheit zwischen Theorie und Praxis, letztendlich dem Prozess eines bewussten Wesens. Die Stärkung dieser Einheit gesellschaftlichen Seins des Proletariats und seiner Theorie drückt sich in der Geschichte der Arbeiterklasse während der Dekadenzperiode durch die Entstehung revolutionärer Organisationen der Klasse aus, die nicht mehr das Ziel der Verbesserung der Lebensbedingungen der Proletariats innerhalb des kapitalistischen Systems verfolgen, sondern die Notwendigkeit der Zerstörung der kapitalistischen Produktionsweise durch die Gewalt und die politische Machtergreifung durch die autonomen Klassenorgane in den Vordergrund stellen. In der aufsteigenden Phase des Kapitalismus, als die permanenten Organisationen des Proletariats in Form der Klassenparteien oder der Gewerkschaften den Kampf für wahre und anhaltende Reformen bedeutete, konnte das Entstehen von revolutionären Minderheiten nur in einem beschränkten Masse geschehen. Heute sind alle permanenten Formen der Klassenorganisation unvermeidlich dazu verdammt, zu verschwinden oder von der Konterrevolution integriert zu werden. Was revolutionäre Minderheiten betrifft, beschränken sie sich nicht einfach darauf, die Lehren proletarischer Erfahrung theoretisch aufzuarbeiten, da ihre Praxis innerhalb des Klassenkampfes ein wirklicher Faktor der Umwälzung und der Klärung der historischen Perspektive der Klasse sein kann. Die Theorie neigt nicht mehr einfach dazu, sich in der Praxis zu verwirklichen, sondern die Wirklichkeit selber beginnt sich das Denken einzuverleiben; d.h. dass das Proletariat dazu neigt, sich die Theorie wieder anzueignen. indem es sich durch seine Kämpfe der Klassengrenzen als Errungenschaften der Vergangenheit bewusst wird. So ist das revolutionäre Programm nicht einfach eine Summe von mehr oder weniger flexiblen Positionen, die sich Schwankungen der Aktualität anpassen. Es geht vielmehr aus der historischen Verbindung hervor, die die verschiedenen Momente des Auftretens des Proletariats als einer für ihre historische Mission die Zerstörung des Kapitalismus denkenden und handelnden Klasse vereint. Die Intervention der Revolutionäre stellt nichts anderes dar, als die Bemühungen des Proletariats, zu einem wahren Begreifen seiner wirklichen Interessen zu gelangen, das somit über eine einfache empirische Aussage über ein besonderes Phänomen hinausgeht; es ist das Bemühen, eine Verbindung mit den aus der historischen Erfahrung hervorgegangenen allgemeinen Prinzipien herzustellen. Da diese Bewusstwerdung die Machtergreifung des Proletariats durch die Arbeiterräte voraussetzt und gleichzeitig vervollständigt, kündigt sie eine Produktionsweise an, in der die Menschen endlich die Produktivkräfte beherrschen, und diese mit vollem Bewusstsein entwickeln, um dem Reich der Notwendigkeit ein Ende zu setzen, damit das Reich der Freiheit beginnt.

J. L. Juli 1977 aus der Internationalen Revue Nr.7

 

Fußnoten der Seite 17:

(*): World Revolution, Nr. 3: Modernism, From leftism to the void.

(**): Die Politik des Kriegskommunismus auf dem Lande während des Bauernkrieges die von der RWG so gelobt wird war nicht weniger antikapitalistisch als die NEP. Weiterhin: die vollständige Enteignung der Bauern (Getreide) kann obwohl es zu jener Zeit eine absolut lebenswichtige Maßnahme für die proletarische Offensive in Russland war kaum als ein Programm (Plünderung?) angesehen werden. Es ist leicht verständlich, dass diese temporären Maßnahmen von Gewalt gegen die Bauern nicht endlos andauern konnten. vor, während und nach dem Kriegskommunismus war das Privateigentum die Grundlage der Produktion auf dem Lande. Die RWG unterstreicht zu Recht die Bedeutung des Klassenkampfes auf dem Lande, dieser Kampf führt jedoch nicht automatisch und unmittelbar zur Auflösung der Bauernschaft oder ihrer Produktionsweise.

- Revolutionary Workers Group, PO Box 60 161, 1723 W. Devon, Chicago, ILLINOIS 60 660, USA,

 

 

 

 

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