OKTOBER 1917: ANFANG DER PROLETARISCHEN REVOLUTION (ll.)

Submitted by InternationaleRevue on Fre, 09/03/2007 - 15:59.

Der erste Teil dieses Artikels (l) versuchte aufzuzeigen, dass das Wesen der Russischen Revolu­tion nicht durch die besonderen Eigenschaften Russlands zur Zeit der Revolution bestimmt wur­de, sondern durch die allgemeine Entwicklung des Weltkapitalismus, dessen Eintritt in die Epoche seines historischen Verfalls durch den imperialistischen Krieg von 1914 gekennzeich­net war. Die objekti­ven Bedingungen für die proletarische Revolution bestanden auf inter­nationaler Ebene, und die Russische Revolution konnte nur ein Teil dieser Weltrevolution sein. Somit verwarfen wir die Theorie der "Rätekommunisten", aus deren Sicht die Russische Re­volution eine "bürgerliche" Revolution war. Wir haben aufgezeigt, dass solch eine Analyse zu folgendem führt:

 

- entweder zur Auffassung der Menschewisten und Kautskys, die zu einem Verrat an der Ar­beiterklasse führen;

 

- oder zur stalinistischen Theorie der Mög­lichkeit des "Sozialis­mus in einem Land";

 

- oder zur anarchistischen Auffassung, die den Sozialismus mit Selbstverwaltung durch die Arbeiter in einzelnen Unterneh­men gleichsetzt

 

- oder zur Auffassung der rechten Sozialdemo­kraten, für die die proletarische Revolu­tion 1917 in keinem Land auf der Tages­ord­nung stand.                         -

 

Schließlich haben wir aufgezeigt, wie die Analyse der Rätekom­munisten sie zu einer Ab­kehr vom Marxismus führt, obgleich sie selber davon überzeugt sind, ihre Analyse beruhe auf dem Mar­xismus.

 

In Wirklichkeit sind die Verirrungen des Rätekommunismus grundsätzlich der Ausdruck des schrecklichen Gewichts, das auf all den proletarischen Strömungen der Klasse lag, und das von der längsten Periode der Konterrevo­lution ausgeübt wurde, die die Arbeiterklasse jemals erlebt hat. Mit dem riesigen Staatsap­parat konfrontiert, der sich in Russland nach der Degeneration der Re­volution entwickelte, und - im Gegensatz zu den Stalinisten und Trotzkisten - dazu gezwungen, das konterrevo­lutionäre Wesen dieses Staates brandzumarken, empfanden die verschiedenen Strö­mungen der kommunistischen Linken große Schwierigkeiten, die Ursprünge und Ursachen dessen zu begrei­fen, was damals in Russland in einer Situation der Niederlage der Klasse vor sich ging. Aber es wäre falsch anzunehmen, dass die Rätekommunisten die einzigen gewesen waren, die sich in dieser schwierigen Lage verirrt hätten. Wenn man einmal vom Trotzkismus und dessen Theorie des "Bonapartismus" zur Erklärung des stalinistischen Phänomens und gleichzeitig zur Rechtfertigung der dauernden Verteidigung der UdSSR absieht, muss man feststellen, dass die anderen Strömun­gen der Linkskommunisten ebenso sehr verwirrt über diese Frage waren. Und obgleich die Italienische Linke mit BILAN viele wich­tige Beiträge zum Verständnis des nachrevolutionären Russlands geleistet hat, blieb sie dennoch eine ganze Zeit lang in der Auffas­sung von der UdSSR als  einem „entarteten Arbeiterstaat" gefan­gen.

 

Jedoch taucht eine der größten Verwirrungen in der Linkskom­munistischen Bewegung mit dem Erscheinen der bordigistiscben Theorie der "Doppel­revolution" auf, die eine teilweise Rückkehr zu den Absurditäten der Rätekommunisten darstellte.

 

DIE HEILIGE DUALITÄT GEMÄSS DER BORDI­GISTISTISCHEN DOKTRIN:

 

„So lautet die marxistische Erklärung der "Degenerierung der UdSSR": die Okto­berrevolution, während welcher das kom­munisti­sche Proletariat die Macht ergriff, konnte nur die feudalen Hinder­nisse zur kapitalistischen Entwicklung der Produk­tivkräfte brechen; das ist die Formel Russlands zur Zeit der NEP. Mit der Unter­stützung der Weltrevolution hätte die bolschewistische Partei die Marktwirt­schaft bändigen und in der Folge den So­zialismus einfah­ren können. An der Spitze einer riesenhaften, kapitalistischen Ma­schine isoliert, sich selber überlassen, wurde sie von den Marktme­chanismen entar­tet und zu einem Räderwerk der kapitalis­tischen Akkumulation gemacht". (Programme Communiste, Nr.57,Seite 39)(2)

 

Man erkennt auf den ersten Blick, was die "bordigistische" Auf­fassung von der "rätekommunistischen" unterscheidet. Für die letztgenannte sind die wirtschaftlichen und politischen Aspekt« der Revolu­tion eng miteinander verbunden: die Er­richtung des Kapitalismus ist gekennzeich­net durch die Übernahme der Macht durch eine Partei, die sie als bürgerlich be­zeichnen. Für die erstgenannte sind je­doch die beiden Aspekte klar unterschieden: die Bordigisten erkennen den prole­tarischen Charakters des Oktobers auf po­liti­scher Ebene an, aber sie stimmen mit den Rätekommunisten wie­derum überein, wenn sie behaupten, dass es sich auf wirtschaftli­cher Ebene um eine bürgerliche Revolution handelte. Und man könnte übri­gens eine ganze Reihe von Zitaten finden, die die Kon­vergenz der bordigistischen Analysen mit denen der Rätekommu­nisten zeigen, obgleich die Bordigisten den Räte­kommunisten gegenüber sehr bissig sind. Zum Beispiel:                .

 

" Wenn man überhaupt von einer Wendung im April 1917 reden kann, dann muss man ver­stehen, dass diese mit dem Prozess, der ein kapitalistisches fortschrittliches Land zur kommunistischen Revolution führt,  nichts zu tun hat: sie markiert nur in einem Land, in dem der Feudalismus im völ­ligen Zerfall begriffen ist, den ent­schei­denden Augenblick einer bürgerlichen und Volksrevolution." (Programme Communiste, Nr.39, Seite 2l)

 

Man glaubt Pannekoek zu lesen! Und in der Tat erweist sich die bordigistische Auf­fassung der "Doppelrevolution" als doppel­deu­tig, und sie führt ihre Anhänger dazu, sich von einem Artikel zum anderen zu wi­dersprechen, wenn nicht gar von einem Satz zum anderen.

 

So stammt das obige Zitat aus einem Artikel mit dem Titel: "Die Aprilthesen des Jahres 1917, Programm der proletarischen Revolu­tion in Russland." In dem gleichen Artikel kann man in dem Kom­mentar zur gleichen These lesen: "Lenin fügt hier kein Adjektiv dem Wort Revolu­tion im, aber wir können dies ohne zu zö­gern tun... es handelt sich immer um eine bürgerliche und demokrati­sche Revolution, um eine antifeudalistische Revolution und nicht um eine sozialistische". (S.24) In einem anderen Artikel, genannt "Der Marxis­mus und Russland'' (S. 85 der deutschen Auf­lage) , kann man lesen: "Für uns war die Oktoberrevolution sozialistisch". Man müss­te sich darüber einig werden! Tatsächlich kann die bor­digistische Auffassung auf die folgende Formel zusammengefasst werden: "Die Oktoberrevolution war eine nichtprole­tarische prole­tarische Revolution, eine nichtsozialistische sozialistische Revolu­tion".

 

Welche undurchsichtige Klarheit!

 

Aber die Tatsache, dass Bordiga und seine Epigonen sich wider­sprechen und eine unzusammenhängende Sprache gebrauchen, stört die letzten nicht so sehr: sie sind daran gewöhnt. Sie sollten jedoch schaudern, wenn sie Behauptungen vorbringen, die in direk­tem Widerspruch zu dem stehen, was Lenin, zu der Oktoberrevolu­tion gesagt hat. Ge­mäß der bordigistischen Lehre hat Lenin nur zwei Fehler in seinem Leben begangen: (übrigens kleine Fehler, da "taktisch") hinsichtlich der "Einheitsfront" und hin­sichtlich des "revolutionären Parlamenta­rismus". Für die Bordigisten:

 

"Im April 1917 geht es nur darum, die so­zialen Kräfte der antiza­ristischen Revo­lution zu gewinnen, nicht um mehr zu machen, als man sich 1905 vorgenommen hatte, sondern um die Tatsache zu beheben, dass man weniger gemacht hatte, dass man unterhalb des Programms der kapitalistischen Revolu­tion unter der demokrati­schen Diktatur des Proletariats und der Bauern stand." (Pro­gramme Communiste, Nr.39, Seite 25)

 

Für Lenin jedoch:

 

"... kann diese ganze Revolution über­haupt nur verstanden werden als ein Glied in der Kette der sozialistischen proleta­rischen Re­volutionen, die durch den impe­rialistischen Krieg hervorgerufen werden." (Vorwort zu "Staat und Revolution")

 

Für Lenin kam es somit darauf an, 1917 „mehr zu tun“  als 1905} damals hatte er die Ziele der Revolution bescheidener de­finiert:

 

"Ein solcher Sieg wird aus unserer bürger­lichen Revolution noch keineswegs eine so­zialistische machen; die demokratische Um­wälzung wird über den Rahmen der bürgerli­chen gesellschaftlich ökonomischen Ver­hältnisse nicht unmittelbar hinausgehen; aber nichtsdestoweniger wird die Bedeutung eines solchen Sieges für die künftige Ent­wicklung sowohl Russlands als auch der gan­zen Welt gigantisch sein." ("Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution", in Ausge­wählte Werke, Band I, S. 567).

 

Man könnte noch viele andere Beispiele bringen, in denen die bordigistischen Schriften das Gegenteil der Leninschen Auffassun­gen behaupten. Wir wollen uns mit einer weiteren zufrieden geben:

 

" Insofern darf die Partei des Proletariats den Sowjet nicht ver­werfen, diese aus der bürgerlichen russischen Revolution entstan­dene historische Form.

 

.. Sie (die Sowjets) entsprechen dem, was Lenin als demokratische Diktatur definiert hatte... Die  einzige Formel der antifeudalen russischen Revolution ist keine parlamentarische Versammlung wie in der Französischen Revolution, sondern ein andersartiges Or­gan, das auf der Grundlage der alleinigen Klasse der Arbeiter in den Städten und auf dem Land beruht." (Programme Communiste, Nr. 39, Seite 28)

 

Für Lenin dagegen:

 

"Nur muss eine praktische Form gefunden werden, die das Proleta­riat in den Stand setzt, seine Herrschaft zu verwirklichen. Diese Form ist das Sowjetsystem mit der Diktatur des Proletariats! Das war bisher Latein für die Massen. Mit der Ausbreitung des Sowjetsys­tems in der ganzen Welt ist dieses Latein in alle modernen Spra­chen übersetzt worden: die praktische Form der Diktatur ist durch die Arbeitermassen gefunden." (Rede bei der Eröffnung des Kon­gresses, 2.März,S.469,Bd 28)

 

"... die Form der Diktatur des Proletariats, die schon praktisch ausgearbeitet ist, d.h. die Sowjetmacht in Russland, das Rätesystem in Deutschland... und andere analoge Sowjet-Institutionen in ande­ren Ländern."(Thesen und Referat über die bürgerlich Demokratie und die Diktatur des Proletariats, in Ausgewählte Werke, Bd. 3, Seite 17l).

 

Wir haben dem Leser die verschiedenen Zitate nicht aufgeführt, um uns hinter die  Autorität Lenins zu flüchten, sondern um aufzug- zeigen, dass Lenin zwar Fehler gemacht hat, dass aber der von den Bordigisten im Namen  der Treue gegenüber Lenin' vorgebrachte Unfug mit den Auffassungen Lenins absolut nichts zu tun hat.

 

 

WIDERLEGUNG DER „DOPPELREVOLUTION“

 

Wir werden hier nicht das im vorausgegangenen Artikel Gesagte wiederholen, in dem wir gezeigt haben, dass in Russland als auch übermall anderswo 1917 die bürgerliche Revolution nicht mehr auf der Tagesordnung der Geschichte stand, seitdem die materiel­len Bedingungen der kommunistischen Revolution auf Weltebene vorhanden waren. Das was wir gegen die Rätekommunisten gesagt haben,- und und gegen die Menschewiki– trifft ebenso auf die bordigistische Auffassung zu. Dagegen müssen wir zu einigen Ideen Stellung nehmen, die mit dem Begriff der „Doppelrevolution" einhergehen.

 

Erstens die Idee, dass das Proletariat eine bürgerliche Revolution für und anstelle der Bourgeoisie ausführen könnte, ist falsch. Selbst wenn Marx solch eine Auffassung l848 vertreten konnte - eine von Lenin 1905 wieder aufgegriffene Auffassung- gibt die Geschichte kein Beispiel, in dem eine Klasse eine andere Klasse bei der Erfül­lung ihrer historischen Aufgaben ersetzen konnte. Eine Revolution ist ein Akt, bei dem eine Klasse, die zum Träger der neuen, durch die Entwicklung der Produktivkräfte notwendig gewordenen Pro­duktionsverhältnis­se geworden ist, die politische Macht über­nimmt. Nun hat die Geschichte vielfach be­wiesen, dass die revolu­tionäre Klasse die politische Macht allgemein nur ergreifen kann, nachdem die Notwendigkeit und die materiellen Bedingungen der Revolution lan­ge offenkundig geworden sind. Es handelt sich da um ein klassisches Phänomen des Hinterherhinkens des gesell­schaftlichen Überbaus im Verhältnis zu der Basis, etwas, das vom Marxismus eindeutig bewiesen wor­den ist. Insbesondere dieses Phänomen er­möglicht uns zu begreifen, warum es in der Ge­schichte der Menschheit Zeiträume der Dekadenz gegeben hat, in denen die alten Produktionsverhältnisse zu Fesseln der Ent­wick­lung der Produktivkräfte geworden wa­ren, während jedoch gleich­zeitig die als Träger der neuen Produktionsverhältnisse wirkende Klasse noch nicht genügend Macht gesammelt hatte - insbesondere politische Macht - um die alte, bestehende Gesell­schaftsordnung zu zerstören. Daraus folgt:  wenn eine Klasse ausreichend stark ist, um die politische Macht zu ergreifen, dann bedeutet das, dass die ökonomischen und sozialen Aufgaben, vor denen sie steht, gera­de darin bestehen, die Produktionsverhält­nisse zu entwickeln, deren historischer Träger sie ist. Weiterhin heißt das, dass sie nicht die Rolle der vorhergehenden his­torischen Klassen übernehmen und deren Auf­gaben erfüllen kann, die in Wirklichkeit nicht mehr auf der Tagesordnung der Ge­schichte stehen. Das Proletariat hat sich wie die Bauern und Handwerker an den bür­gerlichen Revolutionen beteiligen können, aber als stützende, verstärkende Kraft, und nie als ihre führende Kraft. Das Proletariat hat selbst eine sehr akti­ve Rolle in der Radikalisierung dieser Re­volutionen gespielt, indem es den energi­schsten Kräften der Bourgeoisie Unterstüt­zung gewährt hat. Sobald jedoch die eige­nen Klasseninteressen des Proletariats ver­treten wurden, standen diese unmittelbar den Interessen aller, einschließlich der radikalsten Fraktion der Bourgeoisie entgegen: die "Levellers" gegen Cromwell in der englischen Revolution, Babeuf gegen die Montagnards in der französischen Revolution, das Pariser Proletariat gegen die provisorische Regierung im Juni 1848.

 

Der andere Aspekt der "Doppelrevolution", auf den eingegangen werden muss, bezieht sich auf das Verständnis der Art der ökono­mischen Maßnahmen, die das Proletariat am Anfang der Revolu­tion ergreifen kann. Die Bordigisten kritisieren zurecht die trotz­kistische Auffassung, wonach die "Hil­fe für die Arbeitslosen" oder die "Eliminierung der Privateigentümer in der Groß­industrie" "sozialistische Maßlahmen seien. Gemäß den Bordigisten handelt es sich bei der Hilfe für die Arbeitslosen um nichts anderes als um "Wohlfahrtsstaats" Maßnahmen, und bei dem letztgenannten um "staatskapi­talistische" Maßnahmen, wohingegen der "ökonomische Sozialismus mit der Zerstörung des Kapitals beginnt". (Programme Communiste, Nr. 57, S.25). In dieser Hinsicht ha­ben sie den noch notwendigerweise kapita­listischen Charakter der von der proletari­schen Macht in Russland getroffenen Maßnah­men erkannt, und Sie versuchen demnach nicht, ihnen "sozialistische" Eigenschaften zuzuschreiben, im Gegensatz zu den Stalinis­ten und den Trotzkis­ten. Jedoch wird der der Bordigisten in dem folgenden Ab­schnitt zusammengefasst:

 

"In den fortgeschrittenen Ländern könnte die Diktatur des Proleta­riats versuchen, unmittel­bar einen zahlenmäßig ausgearbeiteten Produk­tionsplan aufzustellen. In den anderen Ländern würde die Diktatur des Proletariats -während sie auf die Ausdehnung der Revolution wartet- den Kapitalismus verwalten, wobei die Produktivkräfte  soweit wie möglich in den Händen des Staates zusam­mengefasst würden und wobei die Schutzmaßnahmen für die lohn­abhängige Klasse getroffen  würden, die unter den gleichen Be­dingungen nie von einer bürgerlichen Partei ergriffen werden könnten. In allen Fällen be­deutet die Machtübernahme durch das Proleta­riat nichts anderes als die erste Welle der Weltrevolution, die siegen muss oder besiegt wird; entweder löst sie andere Revo­lutionen aus, oder sie geht im Bürgerkrieg unter, oder sie entartet zu einer bürgerlichen Macht, in dem Fall, wo sie einen jungen Kapitalismus verwalten müsste." (Programme Communiste, Nr.57,  S.36)

 

 

Da haben wirs: Nur in "den Ländern, in de­nen das Proletariat einen jungen Kapitalis­mus zu leiten hat" (als ob der Kapitalismus, der insgesamt und auf Weltebene altersschwach geworden ist, irgendwo noch jung sein könn­te!)"degeneriert die Revolution zu einer bürgerlichen Macht." So ist die Revolution in Russland dege­neriert, weil sie in einem schwach industrialisierten Land isoliert geblieben ist (was Kommunistisches Programm fälschlicherweise als "jungen Kapitalismus" bezeichnet.) Wäre die Revolution dage­gen in einem hoch industrialisierten Land isoliert geblieben, wäre sie gemäß dieser Argumentationsweise nicht degeneriert und die  aufzubauenden Produktionsverhältnisse  wären auch nicht mehr kapi­talistisch gewesen. Kurzum, der Sozialismus wäre in einem Land möglich... unter der Bedingung, dass es sich um einen "alten Ka­pitalismus" handelt. Eben­so wie bei den Rätekommunisten führt die Auffassung der Bordigisten, wenn man sie bis zum Ende durchdenkt, notwendigerweise zu der stalinistischen These. Man muss also wählen zwischen Folgendem: entweder stellt in allen Fällen "die Machtübernahme durch das Proletariat nichts anderes dar als die erste Welle der Weltrevolution", oder sie ist es nur in bestimmten Fällen. Schließ­lich lässt sich der Begriff "Doppelrevo­lu­tion" in Wirklichkeit auf eine "doppelte Auffassung" zurückfüh­ren:  einmal interna­tionalistisch hier, einmal nationalistisch da!

 

In Wirklichkeit ist es so: wie immer der Entwicklungsgrad der Länder sein mag, in denen das Proletariat die Macht ergreift, es kann auf keinen Fall darauf hoffen, wirklich "sozialistische" Maß­nahmen unmittelbar nach der Machtübernahme ergreifen zu kön­nen. Es kann eine ganze Reihe von Vorkehrungen treffen — Enteignung der Privatkapitalisten, gleichen Lohn,Hilfe für die Ärmsten, freie Verfügung über bestimmte Konsumgüter-, welche sich auf sozialistische Maßnahmen hinbewegen, die aber als solche leicht vom Kapitalismus wieder für sich gewonnen werden können. Solange wie die Revolution in einem Land oder in einer be­schränkten Anzahl von Ländern isoliert bleibt, wird die Wirt­schaftspolitik, die von der Revolution durchgeführt werden kann, zu einem Großteil von den Wirtschaftsbeziehungen bestimmt, die dieses Land oder diese Länder mit dem Rest der kapitalistischen Welt aufrechterhalten müssen. Und diese Beziehungen können nur Handelsbeziehungen sein, d.h. das Gebiet, in dem das Proletariat die Macht ergriffen hat, muss auf dem Weltmarkt einen Teil seiner-. Produkte verkaufen, um in der Lage zu sein, auf diesem Markt all die Güter zu erwer­ben, die das Proletariat selber nicht her­stellt, die aber dennoch unbedingt notwen­dig sind. Von daher bleibt die gesamte Wirtschaft dieses Gebietes stark von der Notwendigkeit geprägt, Waren zum niedrig­sten Preis zu produzieren, um für diese Käufer zu finden angesichts der Konkurrenz der Waren, die in den Ländern hergestellt werden, in denen das Proletariat die Macht noch nicht ergriffen hat. Das bedeutet, dass diese Wirtschaft noch dem Konsum der arbeitenden Massen Beschränkungen aufer­legen muss, nicht nur um die zukünftige Entwicklung der Produktivkräfte sicherzu­stellen, - eine unlabdingbare Bedingung für den Kommu­nismus - sondern auch ganz nüch­tern ausgedrückt, um einen Mehrwert zu er­arbeiten, der auf dem Weltmarkt realisiert werden kann, und um auf diesem die Wettbewerbsfähigkeit zu bewahren. Es ist offen­sichtlich, dass die Arbeiteracht eine größtmögliche Anzahl von Vorkehrungen ge­gen die korrumpier enden Auswir­kungen tref­fen muss, die diese typisch kapitalisti­schen Praktiken unvermeidlich in dem Macht­bereich und in den Institutionen der Macht der Arbeiter hervorbringen. Aber es ist ebenso offensicht­lich, dass das Fortbe­stehen dieser Praktiken, in dem Falle der an­dauernden Isolierung der Revolution, nur zum Sturz der Macht der Arbeiter selber führen kann. Und was für den streng be­grenzten Bereich der Ökonomie zutrifft, gilt ebenfalls für den militärischen Be­reich. Isoliert dastehend, wird die Revo­lution dazu gezwungen, sich gegenüber den Angriffen des Kapitalismus, der die Revolu­tion zerschlagen will, zur Wehr setzen. Das bedeutet, dass in dem Ge­biet, wo das Prole­tariat die Macht ergriffen hat, eine ganze Reihe von Maßnahmen, die für die kapitalis­tische Gesellschaft typisch sind, aufrecht­erhalten bleiben: Waffenproduktion - was den Kon­sum der Arbeiter und die Entwick­lungsmöglichkeiten der mate­riellen Bedin­gungen des Kommunismus belastet -, das Be­stehen einer Armee, die selbst als "Rote Armee" weiterhin eine Institution bleibt, die das gleiche Wesen wie im Kapitalismus hat: eine Ma­schinerie, die dazu bestimmt ist, auf organisierte und systematische Weise Mord und Zwang zu verewigen. Das un­terstreicht erneut die schwerwiegende Trag­weite der Bedrohungen, die solche Notwen­digkeiten auf die Arbeitermacht ausüben. Und all dies trifft ebenso auf die fortge­schrittenen als auch auf die rückständigen Länder zu. In Wirklichkeit ist ein hoch industrialisiertes Land gar noch abhän­giger vom kapitalistischen Weltmarkt als die an­deren Länder, und der Gedanke ist nicht ab­surd, dass in einem Land wie in Deutsch­land die isoliert dastehende Revolution noch schneller zerschlagen worden oder degene­riert wäre als in Russland. Es ist also nicht nur die Rückständigkeit Russlands, die den kapitalistischen Charakter der wirtschaftlichen Maßnahmen erklärt, die in den ersten Jahren der Sowjetmacht durchgeführt wurden. Wenn man die Maßnah­men, die in Deutschland im Falle eines proletarischen Sieges durchgeführt worden wären untersucht, findet man eine große Ähnlichkeit:

 

"1. Konfiskation aller dynastischen Vermögen und Einkünfte für die Allgemeinheit;

 

2. Annullierung der Staats- und anderer öffentlichen Schulden sowie sämtlicher Kriegs­anleihen, ausgenommen Zeichnungen von einer bestimmten Höhe an, die durch den Zentralrat der A(rbeiter)- und S(oldaten)-Räte festzu­setzen ist)

 

3. Enteignung des Grund und Bodens aller landwirtschaftlichen Groß- und Mittelbetrie­be, Bildung sozialistischer landwirtschaft­licher Genossenschaften unter einheitlicher zentraler Leitung im ganzen Reiche, bäuerliche Kleinbetriebe bleiben im Besitze ihrer Inhaber bis zu deren freiwilligem Anschluss an die sozialistischen Genossenschaften;

 

4. Enteignung aller Banken, Bergwerke, Hüt­ten sowie aller Großbetriebe in Industrie und Handel durch die Räterepublik.

 

5. Konfiskation aller Vermögen von einer bestimmten Hohe an, die durch den Zentralrat festzusetzen ist;

 

6. Übernahme des gesamten öffentlichen Ver­kehrswesens durch die Räterepublik.

 

7. Wahl von Betriebsräten in allen Betrieben, die im Einverneh­men mit den Arbeiterraten die inneren Angelegenheiten der Be­triebe zu ordnen, die Arbeitsverhältnisse zu regeln, die Produktion zu kontrollieren und schließ­lich die Betriebsleitung zu übernehmen haben." ("Was will der Spartakusbund?" l4.12.l8, in Rosa Luxem­burg, Gesammelte Werke, Bd.4, S.449)

 

Der große Fehler der Bordigisten liegt da­rin, davon auszugehen, dass die Welt in verschiedene geoökonomische“ Gebiete aufge­teilt sei: solche, in denen der Kapitalismus reif und gar altersschwach geworden ist und solche, in denen der Kapitalismus "jung" oder "jugendlich" ist. Unfähig zu begreifen, dass der Kapitalismus auf Weltebene (das er­ste Weltsystem in der Geschichte) eine auf­stei­gende Phase durchlaufen hat, und seit 19l4 in seine dekadente Phase eingetreten ist, sind die Bordigisten ebenso unfähig zu be­greifen, dass seit 19l4 die Aufgaben des Proletariats in allen Ge­bieten der Welt die gleichen sind: den Kapitalismus zu zerstören und neue Produktionsverhältnisse aufzubauen. Für die Bordigisten gibt es einerseits Län­der, in denen die "reine“, proletarische Revo­lution auf der Tagesordnung der Geschichte steht, und andererseits Länder, wo die "Dop­pelrevolution" auf der Tagesordnung steht. Solch ein Schema beinhaltet:

 

- einerseits werden die Aufgaben des Prole­tariats innerhalb eines Prozesses der sozia­listischen Umwälzung der Gesellschaft ge­mäß den verschiedenen Gebieten als unter­schiedlich aufgefasst d.h. die fortgeschrit­tenen Länder können sofort sozialistische Maßnahmen ergreifen, wohingegen die rück­ständigen Länder sich vorerst noch der ka­pitalistischen Entwicklung der Bedingungen der Vergesell­schaftung widmen können. Andererseits wird dem Proletariat und den Revolutionären als unmittelbare Aufgabe vorgegeben, die verschiedensten so genannten "nationalen Befreiungskämpfe" zu unterstützen, die dazu dienen sollen, die Grundlagen eines "ju­gendlichen" Kapitalismus in jenen Län­dern zu schaffen.

 

Was die letztgenannte Idee der bordigistischen Auffassung betrifft, konnte man in letzter Zeit feststellen, zu welchen Verir­rungen diese führt:

 

zur Rechtfertigung der von den Roten Khmer an der kambodscha­nischen Bevölkerung ausgeübten Massaker, die als Ausdruck des "radikalen Jakobinertums" ge­wertet werden, weiterhin zur Teil­nahme an den stalinistischen und trotzkistischen Chören mit der Mandelschön Variante, um "Che Guevara" zu rühmen, der als lebendiges Symbol der "demokratischen, antiimperialistischen Revolution... von den Yankee-Impe­rialisten und ihren lateinameri­kanischen Lakaien  feige umgebracht worden ist". (P.C., Nr.75, S.5l) Ebenso führte es zu allen möglichen mehr oder weniger "kriti­schen" Stellungnahmen zugunsten diesen oder jenen Teilnehmers an den augenblick­lichen interimperialistischen Konflikten. (Vietnam, Angola, Mozambique, usw.)

Was den erstgenannten Punkt angeht, drückt er die absurde und von der Bourgeoisie ge­prägten Idee aus, dass das Proletariat ei­nes jeden Landes, sobald es die Macht über­nommen hat, seine "eigenen Angelegenheiten in seiner Ecke regeln muss". In Wirklichkeit ist es die Gesamtheit des Weltproletariats die die Gesamtheit der ökono­mischen Probleme in Angriff nimmt, die sich in den ver­schiedenen Gebieten der Erde stellen. Diese Probleme sind durch die doppelte Aufgabe, die sich das Proletariat gleichzeitig stellt, bestimmt: die Produktivkräfte voranzutrei­ben, insbesondere in den rückständigen Ge­bieten, und die Produktionsverhältnisse in zunehmend Maße zum Kommunismus hin zu entwickeln.

 

Sobald das Proletariat die Macht auf Weltebene

 

Übernommen hat, hat es somit nirgendwo auf der Welt kapitalisti­sche Aufgaben zu erfüllen. Innerhalb des Rahmens der sozialisti­schen Umwälzung der Gesell­schaft arbeitet das Proletariat an der Ent­wicklung der Produktivkräfte, die durch die historische Deka­denz der kapitalisti­schen Produktionsweise zur Stagnation ver­dammt sind. Innerhalb dieses  Rahmens muss das Proletariat die Überreste der vorkapi­talistischen Gesellschaft auslöschen, die der Kapitalismus nicht integrieren konnte. Dies geschieht mittels der Verbreitung der am weitesten entwickelten produktiven Tech­niken und mittels der Integration des enorm großen Sektors der hand­werklichen und bäuer­lichen Kleinproduzenten - die heute noch die übergroße Mehrheit der Weltbevölkerung stel­len - in die assoziierte Produktion des ver­gesellschafteten Sektors. Und diese Aufga­be muss nicht nur in den rückständigen Län­dern durchgeführt wanden, sondern auch in einer ganzen Reihe von fortgeschrittenen Ländern wie Japan, Frankreich, Spanien oder Italien, wo Millionen von Kleinbesitzern oder Arbeitern, die immer noch in dem Feu­dalismus nahe stehenden Agrarstrukturen eingegliedert sind, weiterhin beste­hen. Warum sprechen die Bordigisten nicht von einer "Doppelre­volution" für diese Länder? So stellen sie einerseits dem Proletariat in den fortgeschrittenen Ländern, indem es noch isoliert bleibt, viel zu ehrgeizige Aufgaben, und andererseits ordnen sie dem Welt­proletariat, sobald dieses überall die Macht ergriffen hat, Aufgaben zu, die weit hinter den historischen Notwendigkeiten zu­rückblei­ben, wie z.B. in einigen Ländern die Entwicklung eines Kapitalis­mus, der überall am Ende seiner Kräfte ist. Wir haben also im ersten Teil dieses Arti­kels gesehen, wie die Rätekommunisten, nach­dem sie die Errungenschaften der Oktoberre­volution begrüßt hatten, sich mit den So­zialdemokraten und Anarchisten in den Chor der Verurteilung dieser Revolution einrei­hen. Wir haben weiter gesehen, dass die Bordigisten sich zu ihrem unnachgiebigen Ver­teidiger machen. Sie verstehen zwar im Ge­gensatz zu den Räte­kommunisten den Vorrang der politischen über die ökonomischen As­pekte, was sich in dem folgenden Satz klar ausdrückt:

 

„Die Oktoberrevolution darf an erster Stelle nicht unter dem Blickwinkel der unmittelba­ren Umwälzungen der Produktionsfor­men und der Wirtschaftsstruktur verstanden werden, sondern als eine Phase des internationalen politischen Kampfes des Proletari­ats." (Programme Communiste, Nr. 68, S.20)

 

Aber leider erweisen sie sich als unfähig, die menschewistische Behauptung, die spä­ter von den Rätekommunisten wieder aufge­griffen wurde, zurückzuweisen. Im Gegenteil:

 

aufgrund eines religiösen Treueverhältnisses zu den Analysen Lenins (insbesondere über die nationale Frage, in der eine mehr als 50-jährige Erfahrung den fehlerhaften Charak­ter dieser Analyse bewiesen hat) zeigen sie sich als unfähig, die grundlegenden Bei­träge Lenins und der Bolschewisten und die Bedeutung der Erfah­rung der Oktoberre­volution für das proletarische Programm zu begreifen. Die Oktoberrevolution muss sich deshalb nicht nur den Verleumdungen der Bourgeoisie oder deren Versuche, sie für sich zu "verwerten", unterziehen, sondern auch abgesehen von den absurden Verurtei­lungen durch die Rätekommunisten, der gut ­gemeinten aber vernichtenden Analyse, die von ihren eifrigsten Verteidigern, den Bordigisten, vorgebracht wird.

 

Wesen und Rolle der Bolschewistischen  Partei

Eine Verteidigung des proletarischen Cha­rakters der Oktoberrevo­lution wäre unvoll­ständig, wenn sie sich nicht mit dem Wesen der bolschewistischen Partei als einem der Hauptträger der Revolution befassen würde. Genauso was den Klassencharakter der Revo­lution selber angeht, bestanden innerhalb aller damaligen revolutionären Strömungen keine Zweifel über den Klassencharakter dieser Partei. Die Idee einer nicht-prole­tarischen, bolschewistischen Partei ent­wickelte sich anders als bei Kautsky und der Sozialdemokratie - erst später. Die rätekommunistischen "Thesen über den Bolsche­wismus" sind ziemlich deutlich in dieser Hinsicht:

 

"Der Bolschewismus ist in Prinzip, Taktik und Organisation eine Bewegung und Methode der bürgerlichen  Revolution in einem vor­wiegenden Bauernlande..." (These 66)   (3)

 

Obgleich die Thesen an anderer Stelle widersprüchlich sind:

 

"Vor allem ist die Bewegung der russischen Sozialdemokratie  in ihrer berufsrevolutio­nären Führerschicht  eine revolutionärklein­bürgerliche Partei." (These l6)

 

 

Ob bürgerlich, kleinbürgerlich oder "staatskapitalistisch" , stimmen die verschiedenen Versionen der rätekommunistischen Betrach­tungsweisen in einem Punkt überein: jeglichen proletarischen Charakter der bolschewisti­schen Partei zu leugnen. Bevor wir fortfah­ren und die Gründe aufdecken, die hinter dieser Analyse stecken, ist es notwendig, einige elementare Gesichtspunkte der Ur­sprünge und der Einstellungen der Bolschewisten, sowie die von ihnen geführten Kämp­fe in Erinnerung zu rufen, und insbesondere herauszustellen, gegen wen diese Kämpfe ge­richtet waren.

 

Der Bolschewismus entstand als eine marxis­tische Strömung, als ein integrierter Be­standteil der russischen Sozialdemokratie, die als solche oder innerhalb der russi­schen Sozialdemokratie folgendes bekämpfte

 

1.) gegen die Volkstümler und den Agrarsozialismus,

 

2.) gegen den Terror als eine Kampfmethode, anstelle dessen ver­teidigten sie den Mas­senkampf der Arbeiterklasse,

 

3.) gegen den legalistischen Marxismus und die Verteidiger des russischen Liberalismus,

 

4.) gegen den ouvrieristischen Ökonomismus, der den proletari­schen Kampf einzig auf  ökonomische Forderungen innerhalb des Kapi­talismus reduzierte, um diesem den globa­len, politischen Kampf der Arbeiterklasse entgegenzustellen, und die historischen Aufgaben der Arbeiterklasse hochzuhalten,

 

5.) gegen den Intellektualismus, gegen die Intelligentia, gegen die unsicheren und dilettantenhaften Mitläufer der Arbeiterbewe­gung, anstelle dessen traten sie ein für die  Idee des militanten Engage­ments der Revolutionäre innerhalb der Klasse,

 

6.) gegen den Menschewismus und seine unterstützende Funktion gegenüber der Bourgeoisie in Gestalt des "Marxismus"

 

in der Revolution von 1905,

 

7.) gegen die "Liquidatoren", die nach der Revolution von 1905 und ihrer Niederschla­gung anfingen, die Notwendigkeit der poli­tischen Organisation des Proletariats zu leugnen.

 

8.) gegen die Verteidiger des imperialisti­schen Krieges, für einen wahren Internatio­nalismus, der sich klar von dem humanisti­schen Pazifismus abhob,

 

9.) gegen die provisorische Regierung, die aus der Februarrevolu­tion von 1917 hervor­ging, gegen irgendeine "kritische oder be­dingte Unterstützung" für die Regierung, und für den Schlachtrufs:

 

"Alle Macht den Räten!".

 

Diese Punkte ermöglichen uns, schon ein ge­naueres Bild der bol­schewistischen Partei zu haben, als das von den Rätekommunisten vorgegebene. Tatsächlich befand sich die bolschewistische Frak­tion immer auf der Seite der Arbeiterklasse. Dies gilt beson­ders für die Revolution 1905,die die russi­sche Gesellschaft erschütterte. Die Bolschewisten spielten darin eine aktive Rolle:

 

- im Kampf für die Zerstörung des zaristi­schen

 

  Systems,

 

- in den Sowjets, an der Seite der Arbeiter,

 

- in dem Aufstand, gegen die Menschewiki, die sich

 

  gegen die Bewaffnung der Arbeiter aussprachen.

 

Sicher ist die Analyse der Bolschewiki über 1905

 

(die sie als eine bürgerliche Revolution betrachteten) falsch. Aber ihre Analyse war eine genaue Kopie der Marxschen Hal­tung zum Verlauf der bürgerlichen Revolu­tion in Deutschland l848: sie be­tonten die aktive und autonome, selbständige Rolle des Proletariats in der Revolution, anstatt es aufzurufen, sich ans Schlepptau der Bourgeoi­sie zu hängen. Das ist der Punkt, der eine Klassengrenze darstellt, und nicht das Be­greifen der Tatsache, dass von da an keine bürgerliche Revolution mehr möglich war. Die Analyse der Bolschewisten hinkte hinter der Realität her. Aber da man sich damals an einem Wendepunkt zwischen zwei Epochen befand, war sich 1905 niemand bewusst, dass man am Vorabend einer histori­schen Krise des Kapitalismus stand, seinem Eintritt in die kapita­listische Niedergangsphase. Erst 1910-11 warf Rosa Luxemburg die Frage eines Wan­dels der historischen Perspektive auf.

 

Die Aktivitäten und die Positionen der Bol­schewisten richteten sich nicht nur auf die in Russland aufgeworfenen Probleme. Zusammen mit der ganzen russischen Sozialdemokratie waren sie ein tragender Bestandteil der II. Internationalen, innerhalb derer sie bei allen großen Debatten dem linken Flügel an­gehörten. Sie sprachen sich gegen den Re­formismus, gegen den Revisionismus, den Kolonia­lismus aus. Insbesondere gehörten sie zur Vorhut im Kampf für den Internatio­nalismus.

 

1907, auf dem Kongress in Stuttgart, unter­zeichnete Lenin mit Rosa Luxemburg einen (später angenommenen) Ergänzungsent­wurf, der eine etwas zaghafte Resolution über den Krieg präzisierte und der als Grundlage für die Haltung der Internationalisten 1914 diente:

 

"Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, ist es die Pflicht der Sozialdemokratie, für dessen rasche Beendigung einzutreten und mit allen Kräften dahin zu streben, die durch den Krieg herbeige­führte wirtschaftliche und politische Krise zur Aufrüttelung des Volkes auszunutzen und dadurch die Be­seitigung der kapitalisti­schen Klassenherr­schaft zu beschleunigen." (R. Luxemburg, Ges. Werke, Bd.4, S. 130).

 

1912, auf dem außerordentlichen Kongress in Basel, wo das Prob­lem der Möglichkeit und der Bedrohung durch den imperialisti­schen Krieg gestellt wurde, rief die gesamte Lin­ke zu der revoluti­onären Haltung auf, sich der nationalen Verteidigung entgegenzu­stellen und für den proletarischen Internationalismus einzutreten.

 

1914. waren die Bolschewisten die ersten, die nach dem Zusam­menbruch der II. Interna­tionalen wieder zu Kräften gelangten. Sie waren die ersten, die das Kampfwort vorbrach­ten, welches den Sinn der Stuttgarter und der Baseler Resolutionen in die Praxis umsetzte: "den imperialistischen Krieg in ei­nen Bürgerkrieg ver­wandeln!". Sie begriffen als erste die Notwendigkeit, nicht nur mit den sozialdemokroatischen Chauvinisten zu brechen, sondern auch mit den "Zentristen" a la Kautsky. Sie waren die ersten, die die Notwendigkeit einer neuen - vom Ballast der Opportunisten, die die II.In­ternationale verraten hatten, - befreiten Internationale erkannt hatten, die die Vor­bereitung auf die sozialistische Revolution zu ihrer unmittelbaren Aufgabe machen sollte.

 

1915,auf der Zimmerwalder Konferenz(5.-8.September) standen Lenin und die Bolsche­wisten an der Spitze der Linken, deren von Radek  formulierter und von Lenin verbesser­ter Antrag aussagte;

 

"Ohne Verbindung mit dem revolutionären Klassenkampf des Proletariats ist der Kampf für den Frieden nur eine pazifistische Phrase sentimentaler oder das Volk betrügender Bour­geois"(Lenin, Werke, Band 21, S. 379, aus "An  die Internationale Sozialistische Kommission“).

 

Dieser Antrag wurde ohne Diskussion verwor­fen, und schließlich schloss sich die Linke (8 von 38 Delegierten) dem von Trotzki ge­schriebenen Manifest an (Trotzki war der Initiator des "Zentrums", dem damals eben­so die beiden Delegierten des Spartakus noch angehörten). Gleichzeitig äußerte die Linke jedoch die größten Vorbehalte gegen­über diesem Manifest: "ein inkonsequentes und ängstliches Manifest" (Artikel des "So­zialdemokrat“ vom 11.10.1915 mit der Über­schrift "der Erste Schritt"). Um die eige­nen Positionen verteidigen zu können, eröff­nete die Linke ein "Ständi­ges Büro der Zimmerwalder  Linken", das neben der "Kommis­sion der Sozialistischen Internationalen" existierte. Dieses ständige Büro wurde gleichfalls hauptsächlich von den Bolschewisten getragen.

 

1916, auf der Kienthaler  Konferenz (24.4.) standen die Bolsche­wisten erneut an der Spitze der Linken, deren Position sich ver­stärkt hatte (12 von 43 Delegierten), hauptsächlich weil die Spar­takisten sich den Linken angeschlossen hatten. Dies bes­tätigt die Richtigkeit der von den Linken auf der Zimmerwalderb Konfe­renz eingenomme­nen Haltung.

 

L917 wurde die Vorbereitung der Oktoberre­volution von Lenin direkt mit dem Kampf ge­gen den imperialistischen Krieg und für den proletarischen Internationalismus verbunden:

 

" Man kann nicht aus dem imperialistischen Krieg herausspringen, man kann einen demo­kratischen, nicht auf Gewalt basierenden Frieden nicht erzielen ohne den Sturz der Herrschaft des Kapitals, ohne den Übergang der Staatsmacht an eine andere Klasse, an das Proletariat..."

 

" Die internationalen Pflichten der Arbei­terklasse Russlands treten gerade jetzt  mit besonderem Nachdruck in den Vordergrund."

 

" Es gibt nur einen wirklichen Internatio­nalismus: die hingebungs­volle  Arbeit an der Entwicklung der revolutionären Bewegung und des revolutionären Kampfes im eigenen Lande, die Unterstützung (durch Propaganda, durch moralische und materielle Hilfe) eben eines solchen Kampfes, eben einer solchen Linie und nur einer solchen allein, in aus­nahmslos allen Ländern." (Aus "Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution", April 1917, Lenin, in Gesammelte Werke,Bd.2, S. 60, 67, 68).

 

" Dem russischen Proletariat wurde die große Ehre zuteil, zu be­ginnen, es darf aber nicht vergessen, dass seine Bewegung und sei­ne Revolution nur ein Teil der internatio­nalen, revolutionären, proletarischen Bewe­gung sind, die, wie zum Beispiel in Deutsch­land, von Tag zu Tag stärker und stärker wird. Nur unter diesem Gesichtswinkel kön­nen wir unsere Aufgaben bestimmen." (Eröff­nungsrede zur 7. Gesamtrussischen Konferenz des SDAPR, April 1917).

 

Im März 1919 wurde die Kommunistische Inter­nationale in Mos­kau gegründet, deren Haupt­aufgabe in dem Namen, den sie sich gegeben hatte, zusammengefasst ist: "Weltpartei der Kommunisti­schen Revolution". Dies war der Höhepunkt der von den Bolsche­wisten seit Zimmerwald geleisteten Arbeit. Es war die bolschewis­tische Partei (die zur "Kommunis­tischen Partei Russlands" gewor­den war), die den Kongress einberief; es waren zwei Bolsche­wiki, Lenin und Trotzki, die die zwei Haupt­texte schrieben: "Thesen und Referat über bürgerliche Demokratie und Diktatur des Pro­letariats" und das "Manifest". Und nicht nur weil die Revolution in Russland stattfand, zählten zwei Mitglieder des Exekutivkomitees der Ko­mintern (Lenin und Sinowjew) schon zu den 3 Mitgliedern des "Ständigen Büros der Zimmerwalder  Linken". Dies war vielmehr ein Ausdruck des standfesten Internationalismus, für welchen die Bolschewiki eingetreten wa­ren, bevor das Zurückweichen der Revolution sie in das Lager des Feindes riss. So handel­ten die Bolschewiki inmitten der Erschütte­rungen des kapitalistischen Systems am An­fang des Jahrhunderts. Und dennoch gibt es immer noch Revolutionäre, die behaupten, es habe sich um eine bürgerli­che Strömung ge­handelt.  Untersuchen wir ihre Argumente.

 

l) DER"SUBSTITUTIONISMUS"DER BOLSCHEWIKI

 

"Das tragende Prinzip der Politik des Bol­schewismus ist jakobi­nisch: Machtergreifung und Machtausübung durch die Organisa­tion." "Als Führerbewegung der jakobinischen Dik­tatur hat der Bolschewismus in allen seinen Phasen konsequent den Gedanken der Selbstbestimmung der Arbeiterklasse bekämpft und die Unter­werfung des Proletariats unter die bürokratisierte Organisation verlangt." ("Thesen über den Bolschewismus" 21 und 42)

 

Bevor wir fortfahren, wollen wir Lenin zi­tieren, um einiges richtig zu stellen:

 

„Wir sind keine Utopisten. Wir wissen: Nicht je­der ungelernte Arbeiter und jede Köchin sind imstande, sofort an der Verwaltung des Staates mitzuwirken. Darin stimmen wir sowohl mit den Ka­detten als auch mit der Breschkowsjkaja  und mit Zereteli  überein. Wir unterscheiden uns jedoch von diesen Bürgern dadurch, dass wir den sofortigen Bruch mit dem Vorurteil verlangen, als ob nur Reiche oder aus reichen Familien stammende Beamte imstande wären, den Staat zu verwalten, gewohnheitsmäßige, tägliche Ver­waltungsarbeit zu leisten. Wir verlangen, dass die Ausbildung für die Staatsverwaltung von klassenbewussten  Arbeitern und Soldaten besorgt und dass sie unverzüglich  in Angriff genommen werden, d.h. dass unverzüglich begonnen werde, alle Werktätigen, die ganze arme Bevölkerung, in diese Ausbildung einzubeziehen«.. Selbstverständlich sind bei den ersten Schrit­ten dieses neuen Appa­rats Fehler nicht zu ver­meiden. ..Kann  es denn einen anderen Weg geben, um das Volk zu lehren, sich selbst  zu regieren, um Fehler zu überwinden, als den Weg der Praxis, als den sofortigen Über­gang zu einer wirk­lichen  Selbstverwaltung des Volkes?... Die Hauptsache ist, den Unterdrückten und Werk­tätigen Vertrauen in ihre eigenen Kräfte ein­zuflößen, ihnen in der Praxis zu zeigen, dass sie selbst die richtige, aufs strengste gere­gelte, organisierte Ver­teilung des Brotes, aller Nahrungsmittel, der Milch, der Kleidung, der Wohnungen usw. im Interesse der Armen in die Hand nehmen können und müssen... Nimmt man hingegen gewissenhaft, kühn und allerorts die Übergabe des Verwaltungswesens in die Hände der Proletarier und Halbproletarier in Angriff, so wird das einem in der Geschichte beispiellosen revolutionären Enthusiasmus in den Massen wec­ken und die Kräfte des Volkes im Kampf gegen das Elend derart vervielfachen, dass vieles von dem, was unsere alten, bürokratischen Kräften unmöglich erscheint, sich als durch führ­bar erweisen wird für die Kräfte der Millionenmasse, die beginnt, für sich selbst zu arbeiten, die  nicht für den Kapitalisten, nicht für das Herrensöhnchen, nicht für den Bürokraten, nicht unter Zwang  arbeitet." (Lenin, Gesammelte Werke, Band II, S. 470) zitiert aus: "Werden die Bolschewiki die Staatsmacht 

 

 behaupten ?")

 

So drückte sich Lenin, der "Jakobiner" aus! "Aber", werden man­che sagen, "dies war vor der Oktoberrevolution. Diese Sprache war reine Demagogie, und sie hatte keinen ande­ren Zweck als das Vertrauen der Massen zu gewinnen, um die Macht besser anstelle der Massen übernehmen zu können. Nachher hat sich das alles geändert! 

 

Also, sehen wir mal nach, was Lenin-"Robespierre" nach der Ok­toberrevolution sagte:

 

" Mag die korrupte bürgerliche Presse jeden Fehler, den unsere Revolution begeht, in die Welt hinausposaunen. Wir fürchten un­sere Fehler nicht. Mit Beginn der Revolution sind die Menschen nicht zu Heiligen gewor­den. Makel- und fehlerlos die Revolution zu Ende zu führen, das können die werktätigen Klassen nicht, die Jahrhunderte hindurch ausgebeutet, gewaltsam niedergehalten und in den Schraubstock der Not, der Unwissen­heit und der Verwilde­rung gepresst wurden... Auf  je hundert unserer Fehler, von denen die Bourgeoisie und ihre Speichellecker (unsere Menschewiki und die Rechtssozialrevolutio­näre darunter) in die Welt hinausschreien, kommen zehntausend Heldenakte, die um so größer und um so heldenhafter sind, da sie einfach und unscheinbar sind, sich im Alltag des Fabrikviertels oder des entlegenen Dorfes abspielen und von Menschen vollbracht werden, die nicht gewohnt sind (und auch keine Mög­lichkeit dazu haben), jeden ihrer Erfolge in die Welt hinauszutrompeten.

 

Aber wenn auch das Gegenteil der Fall wäre,...wenn  selbst auf hundert unserer richti­gen Schritte zehntausend Fehler entfielen, ja, auch dann noch wäre unsere Revolution groß und unbesiegbar; und sie wird auch vor der Weltgeschichte groß und unbesiegt dastehen, denn zum ersten Mal geschieht es, dass nicht die Mino­rität, nicht die Reichen und Gebildeten, sondern die wirklichen Volksmassen, die ungeheure Majorität der Werktätigen selbst, ein neues Leben aufbauen, selbst, aus EIGENER ERFAHRUNG, über die schwierigsten Fragen sozialistischer Organisation entschei­den.

 

 

Ein jeder Fehler in dieser Arbeit, in dieser gewissenhaftesten und aufrichtigsten Mitwir­kung von zehn Millionen einfacher Arbeiter und Bauern an der Neugestaltung ihres ganzen Lebens -, ein jeder solcher Fehler wiegt Tau­sende und Millionen "fehlerloser" Erfolge der ausbeutenden Minorität auf... denn nur an die­sen Fehlern werden die Arbeiter und die Bauern lernen,

 

 

 

das  neue Leben aufzubauen, wer­den lernen, ohne die Kapitalisten auszukommen; nur so werden sie sich den Weg, durch tausend Hindernisse hindurch, zum siegreichen Sozialismus bahnen." (Le­nin, in "Brief an die amerikanischen Arbeiter", 20.August 19l8, in "Die Kommunistische Internationale", Nr. 31-32,'Seite 53).

 

Dieses Zitat schwächt ein wenig das Bild ab, das oft von Lenin vermittelt wird, wonach er als höhnisches Schreckgespenst darge­stellt wird, nur um seine diktatorische Macht und die "pausenlose Bekämpfung der Idee dar Selbstbestimmung der Arbeiterklasse" besorgt. Man könnte Dutzende von anderen Texten aus den Jahren 1917, 19l8, 1919 zitieren, die die gleiche Idee ausdrücken. Wahr­haftig trifft es jedoch zu, dass Lenin und die Bolschewisten eine falsche, von der bürgerlichen Revolution herrührende Auffassung vertrat: die Übernahme der politischen Macht durch das Proletariat bestünde in der Machtübernahme durch die Partei. Aber diese Auffassung wurde vertreten von allen Strömungen der II. In­ternati­onalen - den Linken eingeschlossen. Gerade die Erfahrung der Revolution in Russ­land und ihre Degenerierung ermöglichte es, den grundlegenden Unterschied zwischen der proletarischen und der bürgerlichen Revolu­tion hinsichtlich dieser Frage zu begreifen. Bis zum Ende ihres Lebens im Januar 1919 vertrat beispielsweise Rosa Luxemburg, de­ren Differenzen mit den Bolschewisten über die Organisationsfrage bekannt sind, die gleiche falsche Auffas­sung: "Der Spartakus­bund wird nie anders die Regierungsgewalt übernehmen als durch den klaren, unzweideu­tigen Willen der großen Mehrheit der prole­tarischen Masse."("Was will der Sparta­kus­bund?" in Gesammelte Werke, Bd.4, S. 450).

 

Muss man daraus schließen, das Rosa Luxemburg selbst eine "bür­gerliche Jakobinerin" war? Für welche Art "bürgerliche Revolu­tion" kämpften sie und die Spartakisten im indus­trialisierten Deutschland des Jahres 1919? Vertrat sie vielleicht diese Position, weil sie vorher eine Führerin der SDKP (Sozial­demokratie des Königreiches Polen) gewesen war, die auch in den polnischen und litau­ischen Provinzen des zaristischen Russlands aktiv war, in denen nur eine "bürgerliche Revolution auf der Tagesordnung der Geschich­te stand"? So lächerlich dies klingen mag, gleicht es dem Argument, nach welchem Lenin, der die meiste Zeit seines Lebens als Mili­tant in Deutschland, der Schweiz, England und Frankreich verbracht hatte (d.h. in den damals am weitesten entwickelten Ländern), als ein "reines Produkt des Bodens Russlands" und der bürgerlichen Revolution, die die Gesellschaft dieses Landes erzeugt hätte, dargestellt wird.

 

2) DIE AGRARFRAGE

 

"Sie (die Bolschewiken) drückten in ihrer Agrar-Praxis und ihren Bauernlosungen (Friede und Land) vollkommen das Interesse der um Sicherung von Kleinprivatbesitz, also auf kapitalistischer Linie kämpfenden Bauern aus und waren so in der Agrarfrage rückhalt­los Verfechter des kleinkapitalistischen, also nicht des sozialistisch-proletarischen Interesses gegen den feudalen und kapitalis­tischen Großgrundbesitz." (Thesen... Nr.46).

 

Hier müssen wir erneut den wirklichen Sach­verhalt richtig stellen.

 

 

Wenn die Bolschwisten in dieser Frage Fehler begangen ha­ben, müssen wir ihre wirklichen Positionen kritisieren, so wie es Rosa Luxemburg in ihrer Schrift "Die Russische Revolution" getan hat, und nicht eine zum Zwecke der Beweisführung eines Arguments erfundene Po­sition kritisieren. Das Folgende steht in dem "Dekret über Grund und Boden", ein von Lenin eingebrachter Antrag, der auf dem 2. Gesamtrussischen Sowjetkongress genau an dem Tag des Oktoberaufstandes angenommen wurde:

 

„Das Privateigentum an Grund und Boden wird für immer aufge­hoben, der Boden darf weder verkauft noch gekauft, weder in Pacht gegeben noch ver­pfändet, noch auf irgendeine andere Weise ver­äußert werden. Der gesamte Boden: die Staatsapanage-, Kabinetts-, Kloster-, Kirchenland usw. wird entschädigungslos enteignet, zum Gemein­eigentum des Volkes erklärt und allen, die ihn bear­beiten, zur Nutzung übergeben. ... Lände­reien mit hoch entwickelten Wirtschaften: Gärten, Plantagen,  Pflanzschulen, Baumschulen, Gewächshäuser usw., unterliegen nicht der Auf­teilung, sondern werden in Musterwirtschaften umgewandelt und je nach ihrer Größe und Bedeu­tung dem Staat oder den Gemeinden zur aus­schließlichen Nutzung übergeben." (Gesammelte Werke, Band II, S. 536, Abschnitt über "Bäuerlicher Wählerauftrag zur Boden­frage")

 

Dies unterscheidet sich vollkommen von der "Verteidigung ei­nes kleinen Privatbesitzes auf der Grundlage kapitalistischer In­teres­sen". Diese sind "für immer abgeschafft".

 

Die Verordnungen dieses Dekrets werden außerdem im "imperati­ven Bauernmandat zur Frage des Bodens" wortwörtlich übernom­men, der im August 1917 auf der Grundlage von 242 lokalen Bau­ernmandaten aufgesetzt wurde. In seinem Bericht liefert Lenin dafür eine Erklärung:

 

"Hier werden Stimmen laut, das  Dekret selbst und der Wählerauf­trag seien von den Sozialre­volutionären abgefasst worden. Sei's drum. Es ist einerlei, von wem sie abgefasst worden sind; als de­mokratische Regierung können wir einen Beschluss der Volksmas­sen nicht umgehen, selbst wenn wir mit ihm nicht einverstanden wären. Wenn die Bauern das Dekret in der Pra­xis anwenden und an Ort und Stelle durch­führen, so werden sie in der lebendigen Wirk­lichkeit selbst erkennen,

 

wo die Wahrheit liegt... Das Leben ist der beste Lehrmeister, es wird sich zeigen, wer recht hat; mögen die Bauern an die Lösung dieser Frage von dem ei­nen Ende herangehen und wir von dem anderen. (ebenda, S. 537)

 

Die Position der Bolschewisten war eindeu­tig: falls sie den Bauern Zugeständnisse machten, dann deshalb, weil sie ihnen ihr Pro­gramm nicht aufzwingen wollten. Das hieß aber noch lange kein Verzicht auf das Pro­gramm. In dem Augenblick, als das Dekret angenommen wurde, hatten die Bauern übri­gens schon fast überall angefangen, das Land aufzuteilen. Was den Ruf "das Land den Bauern" angeht, war es kein Produkt der "erbarmungslosen Vertei­diger der klein­kapitalistischen Interessen", sondern ein Versuch, alle bürgerlichen und versöhnle­rischen Parteien zu entlarven, die Menschewisten und die Sozialrevolutionäre, die die Bauern mit dem Versprechen der Landre­form nur betrügen wollten, denn sie hatten weder die Absicht noch die Mittel, diese Reformen durchzu­führen. In dieser Hinsicht bestätigten diese Parteien nur das, was Lenin und die ganze marxistische Linke seit Jahren unaufhörlich wiederholten: die Bour­geoisie in den unterentwickelten Ländern war unfähig geworden, irgendeine "fort­schrittliche historische" Aufgabe durchzu­führen, insbesondere die feudalen Struktu­ren und Gesetze zu zerstören, und den Bauern das Land zuzuteilen, so wie es die Bourgeoi­sie in den fortgeschrittenen Ländern zu Be­ginn des Kapitalismus gemacht hatte. Jedoch beging Lenin einen Fehler, als er annahm, dass diese von der Bourgeoisie unvollendeten Aufga­ben von dem Proletariat übernommen wer­den konnten. Die Bour­geoisie war unfähig geworden, diese Aufgaben zu erfüllen, weil diese Aufgaben historisch nicht mehr ver­wirklichbar waren: sie entsprachen weder einer Notwendigkeit, noch dem neuesten Stand der Produktivkräfte, und sie standen in der Tat in Widerspruch zu den neuen Auf­gaben, vor welchen die Gesellschaft stand. Rosa Luxemburg betonte zurecht, dass die Aufteilung von Grund und Boden "vor der Umgestaltung der Agrarverhältnisse im sozialisti­schen Sinne unüberwindliche Schwie­rigkeiten auftürmte." (Ges.Werke, Bd.4,S.343) Demgegenüber rief sie zur "Nationalisie­rung des großen und mittleren Grundbesitzes, Vereinigung der Industrie und der Landwirt­schaft" auf. Anstatt die Bolschewisten als die "Verteidiger von kleinkapitalistischen Interessen" zu verur­teilen, schrieb sie ganz richtig:

 

"Dass die Sowjetregierung in Russland diese gewaltigen Reformen nicht durchgeführt hat - wer kann ihr das zum Vorwurf machen? Es wäre ein übler Spaß, von Lenin und Genossen zu verlangen oder zu erwarten, dass sie in der kurzen Zeit ihrer Herrschaft, mitten im reißenden Strudel der inneren und äuße­ren Kämpfe, von zahllosen Feinden und Wider­ständen ringsherum bedrängt, eine der schwie­rigsten, ja, wir können ruhig sagen, die schwierigste Aufgabe der sozialistischen Umwälzung lösen oder auch nur in Angriff nehmen sollten! Wir werden uns, einmal zur Macht gelangt, auch im Wes­ten und unter den günstigsten Bedingungen an dieser har­ten Nuss manchen Zahn ausbrechen, ehe wir nur aus den gröbsten der tau­send komplizier­ten Schwierigkeiten dieser Riesenaufgabe heraus sind". (R.L. "Zur Russischen Re­volution" in Ges.Werke, Bd.4, S. 343).

 

3) DIE NATIONALE FRAGE

 

" Der Appell des Bolschewismus an die inter­nationale Arbeiter­schaft war nur eine Seite einer groß angelegten Politik der interna­tionalen Stützung der russischen Revolution. Die andere Seite war die Politik und Propa­ganda der "nationalen Selbstbestimmung" der Völker, in der der Klassenbegriff noch stär­ker als im Begriff der "Volksrevolution" zu Gunsten eines allgemeinen Appells an alle Klassen bestimmter Völker aufgegeben worden ist." (Thesen...These-Nr. 46).

 

Es fällt schwer zu glauben, dass die russi­sche Sozialdemokratie seit ihrer Gründung 1898 (und nicht nur die Bolschewisten),so­wie die internationale Sozialdemokratie den Ruf des "Rechtes auf Selbstbestimmung der Nationen" im Hinblick auf eine Vertei­digungstaktik einer Revolution angenommen hatten, die 1917 stattfand, obgleich nie­mand in diesem Land und unter diesen Bedin­gungen sie vorausgesehen hatte. Soll man glauben, dass Gorter und Pannekoek,

 

die die Position Lenins in dieser Frage kritisierten, eine zukünftige Verteidigung der "bürgerlichen Revolution in Holland" vor Augen hatten, als sie ausnahmsweise die "Selbstbestimmung" des niederländischen Indiens befürworteten?

 

Was das "Aufgeben der Klassenziele" angeht, sehen wir einmal nach, was Lenin inmitten der Polemik mit Rosa Luxemburg zu dieser Frage, meinte:

 

"Die Sozialdemokratie als Partei des Prole­tariats betrachtet es als ihre Hauptaufgabe an der freien Selbstbestimmung nicht der Völker und Nationen mitzuarbeiten, sondern an der des Proletariats einer jeden Natio­nalität. Wir haben immer das engste Bündnis des Proletariat aller Nationalitäten bedin­gungslos unterstützt und nur in besonderen, in Ausnahmefällen können wir Forderungen nach einem neuen Klassenstaat oder nach der Ersetzung einer umfassenden politischen Ein­heit des Staats durch eine lose föderative Union vortragen." (Iskra, 44, Übersetzung von IKS)

 

Nach dieser notwendigen Richtigstellung, - denn die Beschimpfer des "bürgerlichen" Bolschewismus kennen meistens weniger als die bedingungslosen Verfechter des Bolschewismus -, müssen wir ohnehin bestä­tigen, dass das "Recht auf nationale Selbst­bestimmung" entschieden zurückgewiesen werden muss. Und dies aufgrund des verkehr­ten theoretischen Inhaltes dieser Position, und vor allem weil die Erfahrung gezeigt hat, was aus dieser Forderung geworden ist, wozu sie in der Praxis gebraucht wurde. Die IKS hat eine ganze Reihe von Texten über diese Frage veröffentlicht, insbeson­dere die Broschüre "Nation oder Klasse", wir brauchen deshalb hier nicht länger da­rauf einzugehen. Jedoch müssen wir auf die Bedeutung dieser Frage bei den Bolschewiki hinweisen, und den grundlegenden Unterschied zwischen einem Fehler und einem Verrat her­ausstellen. Lenin und die Mehrheit der Bolschewisten, die von den Interessen der sozialistischen Weltrevolution ausgingen glaubten an eine mögliche Verwendung der Forderung nach dem "Recht auf nationale Selbstbestimmung" gegen den Kapitalismus. In dieser Hinsicht haben sie sich vollstän­dig getäuscht. Die Renegaten und Verräter aller Art, von den Sozialisten bis zu den Stalinisten, haben aber diese Position dazu benutzt, ihre konterrevolutionäre Politik zu vertreten, um den nationalen und inter­nationalen Kapitalismus zu bewahren und zu stärken. Hier liegt der Unterschied. Aber dieser Unterschied ist so schwerwiegend, dass er eine Klassengrenze ausmacht.

 

Die Renegaten und Verräter des Proleta­riats versuchen natürlich, sich besser zu tarnen, indem sie diesen oder jenen fal­schen Satz Lenins zur Rechtfertigung von Schlussfolgerungen verwenden, die dem unauf­hörlichen Streben Lenins vollkommen entge­gengesetzt sind. Aber es ist stupide, wenn Revolutionäre auch noch dabei helfen, den Unterschied zwischen den Schuften und Le­nin zu verwischen. Es ist schwachsinnig zu behaupten, dass Lenin das Recht auf "Selbst­bestimmung" der Völker und auf die Loslö­sung von Russland gefordert hätte, um die „nationalen Interessen der bürgerlichen Revolution zu vertreten. Wenn wir sagen, dass die "Befreiung" der Kolonien, die formale "Unabhängigkeit"  mit den Interessen der Kolonialmächte nicht unvereinbar ist, verstehen wir darunter, dass der Impe­rialismus sich sehr gut an diese formale Unabhängigkeit anpassen kann. Das heißt aber nicht, dass der Imperialismus diese Politik mit "gutem Willen" und mit Gleich­gültigkeit durchführt. All diese "Befreiun­gen" waren das Ergebnis interner Kämpfe, Interessenzusammenstöße zwischen verschie­denen Bourgeoisien und internationaler In­trigen der sich bekämpfenden Imperialismen. Stalin zeigte später auf blutige Weise, dass die Interessen Russlands nicht gerade in der Unabhängigkeit der angrenzenden Länder la­gen und eher die gewaltsame Einverleibung in das große russischen Reich verlangten.

 

Erklären heißt nicht rechtfertigen. Aber jene, die zur Verurteilung einer falschen Position das "Recht der Volker auf Selbst­bestimmung" mit der gewaltsamen Einverlei­bung verwechseln, die Lenin und Stalin durcheinander werfen, verstehen überhaupt nichts und machen aus der Geschichte ein wirres Durcheinander. Lenin sah im "Recht der Na­tionen auf Selbstbestimmung" vor allem eine Möglichkeit zur Verurteilung des Imperia­lismus, nicht so sehr des Imperialismus an­derer Länder als viel mehr den des "eigenen" Landes, der "eigenen" Bourgeoisie. Dass die­se Position Lenins zu Widersprüchen führte, ist nicht zu leugnen, und der folgende Ab­schnitt zeigt es:

 

" Die Lage ist zweifellos sehr verwirrt, aber es gibt aus ihr einen Ausweg, bei dem ALLE Beteiligten Internationalisten blei­ben: die russischen und die deutschen So­zialdemokraten, indem sie die bedingungslo­se "FREIHEIT der Lostrennung" Polens ver­langen, und die polnischen Sozialdemokraten, indem sie für die Einheit des proletarischen Kampfes in einem kleinen Lande und den großen Ländern kämpfen, ohne für die gege­bene Epoche oder die gegebene Periode die Losung der Unabhängigkeit Polens aufzustel­len." (Lenin: "Die Ergebnisse der Diskussion über die Selbstbestimmung", in Gesammelte Werke, Bd. 22, S. 359).

 

Aber dieser Abschnitt hebt ebenso hervor, dass die Widersprüche, die "sehr verwirrte Lage", zu welchen ihn seine Analyse führte, zweifellos von einem unnachgiebigen inter­nationalistischen Bestreben geleitet wurden. Als Lenin diesen Text verfasste, war die Sozialdemokratie die wichtigste konterrevolutionäre Kraft. Er nannte sie "Sozial­imperialisten", "sozialistisch in Worten, imperialistisch in Taten." Ohne die Hilfe der Sozialdemokratie hätte der Kapitalismus nie die Arbeiter in die große Schlach­terei des Weltkrieges führen können. Diese "Sozialisten" rechtfertigten dies im Namen der nationalen Interessen der Arbeiter, die sie angeblich mit der Bourgeoisie gemeinsam hätten. Für sie bedeutete der imperialisti­sche Krieg die Verteidigung der Freiheit, der Errungenschaften der Arbeiter, der Demokratie, alles Werte, die von den "bösar­tigen ausländischen Imperialisten" bedroht worden wären. Diese Lügen und die falschen Sozialisten zu entlarven, war die erste Pflicht, die wichtigste Aufgabe eines jeden Revolutionärs. Für Lenin war die Losung des Rechtes der Völker auf Selbstbestimmung Teil dieser Aufgabe.

 

 

Es ging ihm nicht um die Verteidigung der russischen Interessen. sondern vielmehr um die Entlarvung der Inte­ressen der nationalen und internationalen Bourgeoisie. Er denunzierte eindeutig die Befürworter einer Teilnahme am imperialisti­schen Krieg:

 

"Wer sich jetzt auf Marx' Stellungnahme zu den Kriegen in der Epoche der fortschrittlichen Bourgeoisie beruft und Marx`s Worte "die Arbeiter haben kein Vaterland" vergisst - diese Worte, die sich gerade auf die Epo­che der reaktionären, überlebten Bourgeoi­sie beziehen, auf die Epoche der sozialis­tischen Revolution -, der fälscht Marx schamlos und ersetzt die sozialistische Auffassung durch die bürgerliche."(Lenin, "Sozialismus und Krieg", Gesammelte Werke, Bd. 21, S. 310).

 

4) DER "TAKTISCHE" INTERNATIONALISMUS

 

" Ihr revolutionärer Internationalismus war jedoch ebenso von ihrer Taktik im Kampf um die russische Revolution bestimmt wie etwa später ihre Umstellung zur NEP-Politik in Russland." (Thesen... Nr.50) " Die einzige wirkliche Gefahr, die der russischen Revolution drohte, war die Ge­fahr des Eingriffs der imperialistischen Mächte... Das Problem der aktiven Gegenwehr des Bolschewismus gegen den Weltimperialismus bestand also darin, den Angriff auf ihn in den Zentren seiner Macht selbst vorzutragen. Das geschah durch die doppel­seitige internationale Politik des Bolsche­wismus." (Nr.5l).

 

" Der Begriff der "Weltrevolution" hat für die Bolschewiken also einen ganz anderen Klasseninhalt. Er hat nichts mehr mit dem Gedanken der internationalen proletari­schen Revolution gemein." (Nr. 54)

 

Das ist eine weitere, über die Bolschewisten verbreitete alte Lügengeschichte: da­nach war ihr Internationalismus nur tak­tisch und dazu bestimmt: l. das Vertrauen der kriegsmüde gewordenen Volksmassen zu gewinnen) 2. die Arbeiterbewegung auf der ganzen Welt einer Politik der Verteidigung des russischen kapitalistischen Staates zu unterwerfen.

 

Was das erste Argument angeht, verweisen wir die Leser auf die Stellungnahmen der Bolschewisten lange vor Kriegsausbruch, insbesondere auf die internationalen Kon­gresse 1907 und 1912. Weiterhin hatte die bolschewistische Auffassung des Kampfes gegen den Krieg überhaupt nichts gemeinsam mit den Positionen der pazifistischen Tei­le der Bourgeoisie, die einige Arbeiter beein­flussten. Anstatt einen "demokratischen Frieden ohne Annexionen"  zu fordern, "dem Krieg den Krieg zu erklären", haben sie als erste in der Arbeiterbewegung den wirk­lich revolutionären Kampfruf vorge­bracht: "Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bür­gerkrieg." Ebenso haben sie jegliche Illusion des Pazifismus gna­denlos denunziert. Falls ihr einziges Vorhaben gewesen wäre, "die Massen zu gewinnen, um die Macht zu übernehmen", warum haben sie es dann als notwendig empfunden, Kampfrufe hervorzubringen, die sie von den Massen isolierten» diese Massen, die in der Idee des "Kampfes bis zum Ende" verfangen waren- zunächst in der chauvinistischen Form und danach in der Gestalt der "revolutionä­ren Verteidigung"? Die Verleumder der Bolschewisten antworten: "weil sie vorausgesehen hatten, dass die durch den Krieg und die damit verbundenen Notlagen ermüdeten Massen sich schließlich doch zu den Bolschewisten hinwenden würden." Aber warum haben dann Plechanow, die Menschewisten, die So­zialrevolutio­näre, Kerenski, alle Fraktio­nen der Bourgeoisie, die ebenfalls die Macht ergreifen wollten, nicht ebenso zum "revolutionären Defä­tismus" aufgerufen? Mit anderen Worten, warum haben sie nicht behauptet, dass eine Niederlage ihres Landes im imperialistischen Krieg den Interessen des russischen Proletariats entsprach? Die­se Strömungen hätten ebenfalls die "internationalistische Karte" spie­len sollen, da dies die richtige war; ein Trumpf, der nicht mit den Interessen des russischen Kapitals stand, da laut den Rätekommu­nisten, die Bolschewisten die gleichen bürgerlichen Interessen vertraten« Ist der Unterschied zwischen den Bolschewisten und all den an­deren kein Klassenunterschied, sondern nur ein Unterschied in der klaren Voraussicht, der Intelligenz? Darauf läuft die Ana­lyse dieser professionellen Verleugner hinaus! Aber wie soll man denn folgendes begreifen, wie ist es möglich, dass alle am weites­ten fortgeschrittenen Elemente des Weltproletariats (die "Sparta­kisten" und die Gruppe "Arbeiterpolitk" in Deutschland, die Gruppe um Loriot in Frankreich, um Russel Williams oder die "Trade Unionisten" in Eng-lind, MacLean in Schottland, die "So­zialistische Arbeiterpartei" in den USA, die Gruppe "De Tribune" in Holland, die  Partei der „Jungen oder der Linken“ in Schweden, die "Tesnjaki" - Engherzigen - in Bulgarien, das "Nationa­le Büro" und das "allgemeine Büro" in Po­len, die Linkssozialisten in der Schweiz, die Gruppe des "Karl-Marx-Klubs" in Öster­reich usw.), von denen die große Mehrheit an der Spitze der großen Klassen­kämpfe nach dem Krieg stand, dass all diese Elemente (die zu­künftigen "Rätekommunisten" einge­schlossen) gleiche oder ähnli­che Positionen wie die Bolschewisten in der Frage des Krie­ges vertraten? Warum haben all diese Ele­mente mit den Bolschewisten innerhalb der Zimmerwalder und der Kienthaler Linken zu­sam­mengearbeitet? Im allgemeinen bestreiten die Rätekommunisten den proletarischen Cha­rakter dieser Strömungen nicht (und mit gutem Grund). Warum aber behaupten sie, dass das, was die Bol­schewisten von den Men­schewisten unterschied, nur eine Frage der Intelligenz war, während der gleiche Gegen­satz zwischen den Spartakisten und der So­zialdemokratie eine Klassengrenze auf­deckte? In Deutschland gelang es einen im Vergleich zu Russland viel älteren, mächtigeren und erprobteren Kapitalismus nicht, das zu tun, wozu der in vielen Hinsichten schwächere russischen Ka­pitalismus in der Lage gewe­sen war: eine politische Strömung hervor­zubringen, die geschickt genug war, schon 1907 und insbe­sondere 1914 internationalis­tische Kampfrufe vorzubringen, die es ihr im rechten Augenblick ermöglichten, die Un­zufriedenheit der Massen zu ihrem Vorteil und zum Vorteil des nationalen Kapitals auszunützen. Das ist die logische Schluss­folgerung der Idee des "taktischen" Inter­nationalismus. Und dieses Paradox ist noch größer, wenn man bedenkt, dass dies die bür­gerliche Partei war, die in Zimmerwald die korrekteste Position vertrat, während die pro­letarischen Spartakisten in den Verwir­rungen des "Zentrums" versunken waren. Als die Revolutionärin Rosa Luxemburg diese Verwirrungen in ihrer Broschüre gegen den Krieg in der „Junius Broschüre zum Vorschein kommen lässt, wie folgendes Zitat be­weist:

 

" Ja, die Sozialdemokraten sind verpflich­tet, ihr Land in einer großen historischen Krise zu verteidigen. Und darin liegt gera­de eine schwere Schuld der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion, dass sie in ih­rer Erklärung vom 4. August 1914 feierlich verkün­detes "Wir lassen das Vaterland in der Stunde der Gefahr nicht im Stich", ih­re Worte aber im gleichen Augenblick ver­leugnete... Denn die erste Pflicht gegen­über dem Vaterland in jener Stunde war, ihm den wahren Hintergrund dieses imperia­listischen Krieges zu zeigen, das Gewebe von patriotischen und diplomatischen Lügen zu zerreißen, womit dieser Anschlag auf das Vaterland umwoben war ...,dem imperialis­tischen...Programm des Krieges das alte wahrhaft nationale Programm der Patrioten und Demokraten von l848, das Programm von Marx, Engels und Lassalle, die Losung der einigen großen deutschen Republik, entge­genzustellen."(Rosa Luxemburg, Ges.V., Bd. 4, S. 147).

 

Ist es dann wirklich überraschend, dass gerade der "bürgerliche" Lenin diese Feh­ler folgendermaßen kritisiert:

 

"Das Irrige seiner Ausführungen springt in die Augen ... Er schlägt vor, dem impe­rialistischen Krieg ein nationales Programm "entge­genzustellen". Der fortschrittlichen Klasse schlägt er vor, sich der Vergangenheit und nicht der Zukunft zuzuwenden!... Jetzt ist für die führenden, größten Staa­ten Europas die OBJEKTIVE Lage eine ande­re (als 1793 und 1848 - IKS). Die Vorwärts­entwicklung - wenn man von möglichen, vor­übergehenden Rückschlägen absieht -, ist zu verwirklichen nur in der Richtung der sozialistischen Gesell­schaft, der sozialis­tischen Revolution." (Lenin, Ges-Werke, Bd.22, S. 321, "Über die Junius-Broschüre")

 

Schließlich läuft die These des "taktischen" Internationalismus auf die Behauptung hi­naus, dass die Haltung gegenüber dem impe­rialistischen Krieg damals ein zweitrangiger Punkt des proletari­schen Programms ge­wesen wäre, der sich ebenso im Programm einer bürgerlichen Partei hätte befinden können. Das ist vollkom­men falsch. In Wirk­lichkeit steht von 1914 an das Problem des Krieges im Mittelpunkt des Lebens des Kapi­talismus. In dieser Frage werden all seine Widersprüche aufgedeckt. Der Krieg be­wies, dass das System in die Phase seines histo­rischen Niedergangs eingetreten war, ei­ne Fessel für die Entwicklung der Produktiv­kräfte geworden war und nur noch durch wie­derholte Mordopfer und katastrophenartige Massenmorde überleben kann. Wie immer auch die Interessensgegensätze zwischen den ver­schiedenen Tei­len der Bourgeoisie in einem Land aussehen mochten, zwang der Krieg all diese Fraktionen der Bourgeoisie dazu, sich für die Ver­teidigung des gemeinsamen Erbes zu mobilisieren: das nationale Kapital und seinen höchsten Vertreter, den Staat. Des­halb wurde 1914 der Burgfrieden zwischen Parteien und Organisationen mög­lich, die sich jahrzehntelang bekämpft hatten. Trotz der weiterhin bestehenden Konflikte inner­halb der herrschenden Klasse während des Krieges, wurde die Notwendigkeit nie in Frage gestellt, soviel wie möglich vom im­perialistischen Kuchen abzubekommen. Die Konflikte drehten sich um die Frage, auf welche Art und Weise jeder am meisten  bekommen sollte. Deshalb gab die bürgerli­che provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution die Macht übernommen hat­te, keines der Ziele auf, die in den di­plo­matischen Vereinbarungen zwischen dem zaristischen Russland und den Ententeländern festgelegt worden waren. Im Gegenteil war die bürgerliche herrschende Fraktion in der provisorischen Regierung: der Auffas­sung, dass das zaristische Regime nicht ent­schlos­sen genug den Krieg zusammen mit Frankreich und England führte, und dass der Zar dazu neigen konnte, seine Bündnisse zu  brechen und Übereinkommen mit Deutschland zu treffen. Deshalb trug sie zum Sturz Ni­kolaus II. bei. Wenn die Oktoberrevolution wirklich eine „bürgerliche“ Revolution gewesen wäre, mit dem Ziel, das nationale Kapital noch wirkungsvoller zu verteidigen, hätte sie  nicht unmittelbar den Frieden als notwendig erklärt, die Veröffentlichung der  diplomati­schen Geheimverträge durchgeführt  und auf alle darin enthaltenen Kriegsbeuten verzichtet. Sie hätte im Gegenteil sofort die not­wendigen Maßnahmen für eine wirkungsvollere Kriegsführung ergriffen. Wenn die bolsche­wistische Partei bürgerlich gewesen wäre, hätte sie nicht an der Spitze aller dama­ligen proletarischen Parteien gestanden, den imperialistischen Krieg denunziert und die Arbeiter dazu aufgerufen, dem Krieg durch die sozialistische Revolution ein Ende zu setzen. Während des imperialisti­schen Krieges war der Internationalismus für die Arbeiterbewegung kein zweitrangiger Punkt. Im Gegenteil: er bildete die Klassengrenze zwischen dem proletarischen und dem bürgerlichen Lager. Und dies war nur die Verdeutlichung einer allgemeinen Wahrheit: der Internationalismus gehört einzig und allein der Arbeiterklasse. Sie ist die einzige Klasse in der Geschichte, die kein Eigentum besitzt und deren Herr­schaft über die Gesellschaft das Ende aller Eigen­tumsformen beinhaltet. Als solche ist sie als einzige Klasse dazu in der Lage, den Rahmen territorialer Grenzen zu über­winden (ob regionale für den Adel oder na­tionale für die Bourgeoisie), die der geopolitische Ausdruck des Bestehens des Ei­gentums sind, der Rahmen, in welchem die herrschenden Klassen den Schutz und die Verteidigung ihres Eigentums sicherstellen. Und wenn die Bildung von Nationen dem Sieg der Bourgeoisie über den Adel entsprach, so wird das Verschwinden der Nationen nur mit dem Sieg der Arbeiterklasse über die Bourgeoisie möglich sein.

 

Dies führt uns zu dem zweiten Argument der Rätekommunisten, dessen sie sich zur Un­terstützung ihrer Behauptung, der Interna­tionalismus der Bolschewisten sei nur "taktisch" gewesen, bedie­nen: der Kampfruf um Internationalismus, diente nur dazu, die Arbeiterbewegung auf der ganzen Welt einer Politik der Verteidi­gung des russischen kapitalistischen Staates zu unterwerfen, und die Komintern war seit ihrer Gründung - so die Rätekommunisten - nur ein Instru­ment der sowjetischen Diplomatie. Solch eine Auffassung wird auch von G.Sabatier, Mitglied der Gruppe "PIC" (Für eine kommu­nistische Intervention) in seiner Schrift "Der Vertrag von Brest-Litovsk 19l8, Rück­schlag der Revolution" vertreten. Nach die­sem Genossen (der immerhin nicht in die menschewisti­sche Haltung der Rätekommunisten hinsichtlich der "bürgerlichen" Natur der Russischen Revolution verfällt): "wurde die III. Interna­tionale mit der un­mittelbaren Aufgabe der Verteidigung des russi­schen Staates in allen Ländern und als Unterstützung der traditio­nellen Diplomatie auf gefasst."(S.32) Obwohl Sabatier zugibt, dass "mehrere Texte das Vordringen der interna­tionalen proletarischen Bewegung widerspie­geln, wie z.B. das

 

 von Trotzki verfasste Ma­nifest „An die Proletarier der ganzen Welt", geht er davon aus, dass "der vom Kongress verbreitete Aufruf „An die Arbeiter aller Länder“ das bedeutendste Do­kument über die tatsachliche Rolle war, die diese Weltorganisation unter dem Schlei­er der kommunistischen Glaubensbekenntnis spieltet: die Arbeiter wurden vor allen da­zu aufgerufen, den Kampf des von den kapi­talistischen Staaten bedrohten proletari­schen Staates zu unter­stützen, und um dies zu tun, sollten die Arbeiter allen mögli­chen Druck auf ihre Regierungen, falls not­wendig einschließlich „revo­lutionärer Mit­tel“'(sic !) ausüben. Weiterhin betonte die­ser Aufruf die Dankbarkeit, die 'dem

 

revo­lutionären russischen Proletariat und sei­ner führenden Partei, der kommunistischen Partei, den Bolschewisten' geschuldet wer­den sollte. Somit legte der Aufruf die Grundlagen für die 'Verteidigung der UdSSR“, dem Kult des Parteienstaates."(S.34)

 

Wenn man seinen Hund totschlagen will, muss man sagen, dass er tollwütig ist! Es ist doch immerhin eine merkwürdige Sache, als bedeutendstes Dokument der tatsächlichen Rolle der Komintern ein einfaches Memoran­dum zu betrachten, das von Sadoul als Er­klä­rung der franzosischen Delegation auf dem Kongress eingereicht wurde. Und es ist betrügerisch, diesen Text als " vom Kongress ausgegebenen Aufruf" zu bezeichnen, der nicht einmal zur Billigung dem Kongress vorgelegen hat. Somit soll die Komintern in einem zweitrangigen Text als Hauptauf­gabe des Weltproletariats die Verteidigung des russischen Staates ausgegeben haben! Dabei verteidigten die von den Bolschewis­ten geschriebenen Haupttexte des Kongresses (das "Manifest" von Trotzki, "Thesen und Referat zur bürgerlichen Demokratie und Diktatur des Proletariats" von Lenin, die "Plattform" von Bucharin und Albert, die "Resolution zur Stellung gegenüber der sozialistischen Strömungen und der Berner Konferenz" von Sinowjew) folgende Positio­nen:

 

+ Denunzierung der sozialistischen Partei­en als Agenten der Bour­geoisie und das Be­stehen auf der absoluten Notwendigkeit, mit diesen zu brechen;

 

+ die Denunzierung aller demokratischen und parlamentarischen Illusionen, die noch auf die Arbeiter einwirkten;

 

+ die Notwendigkeit der gewaltsamen Zerstö­rung des kapitalisti­schen Staates;

 

+ die Machtübernahme durch die Arbeiterräte auf Weltebene und die Einrichtung der Dik­tatur des Proletariats.

 

In keinem dieser Texte findet man die ge­ringste Spur eines Aufrufs zur "Verteidi­gung der UdSSR". Es wäre kein Fehler gewe­sen, die Arbeiter anderer Länder dazu auf­zurufen, der Hilfe ihrer Regierun­gen an die Weißen Armeen und deren direkte Beteiligung am Bürgerkrieg entgegenzutreten. Darin be­stand aber nicht die Haupt­rolle der Komintern. Sie fasste sich vielmehr als "die Internationale der offenen Massenaktion, der revolutionären Verwirklichung, die Internationale der Tat" auf. (Manifest der Komintern). Vielleicht behauptet man jetzt, Sadoul sei von den Bolschewisten "fernge­steuert" oder "manipuliert“ gewesen, um den Proletariern ihre Pflicht der "Verteidi­gung der UdSSR" aufzuzeigen, während des­sen die Bolschewisten selbst sich mit "kommunistischen Glaubens­bekenntnissen" verschleierten? Dies wäre ein weiterer Be­weis der oft erwähnten Doppelrolle der Bol­schewisten. Warum hätten aber die Bolschewisten zu einer solchen "Taktik" gegriffen? Wenn sie wirklich bei der Gründung der In­ternationalen das Hauptziel der Mobilisie­rung der Arbeiter für die Verteidigung der UdSSR ver­folgt hätten, hätten sie solch einen Aufruf in einem der offiziellen Tex­te des Kongresses einfügen, und ihre tatsächlich große Autori­tät unter den Arbei­tern der ganzen Welt dahinter setzen können. Kann man wirklich vermuten, dass solch ein Aufruf mehr Einfluss auf die proletarischen Massen gehabt haben soll, wenn er auf fast vertrauliche Weise in einem zweitrangigen Dokument veröffent­licht wurde, und dazu noch von einem nicht sehr bekannten Mili­tanten geschrieben, der nicht einmal offi­zieller Delegierter war (der Vertreter der Zimmerwalder Linken war nämlich Guilbeaux)? Die Unbeständigkeit dieser Argumente ist ein weiterer Beweis für die Unhaltbarkeit der These, die aus der Komintern von Anfang an ein Instrument der russischen kapitalis­tischen Diplomatie macht.

 

Nein, Genosse Sabatier und alle anderen Ver­leumder der Bolsche­wisten! Die Komintern war bei ihrer Gründung nicht bürgerlich, sie ist es erst nachher geworden, aber gleichzeitig starb sie dann als Internatio­nale, weil es keine Internationale der Bourgeoisie geben kann. Niemals hat eine bürgerliche Revolution eine Internationale hervorgebracht: die "bürgerliche" Revolu­tion von 1917 wäre die einzige Ausnahme. Da die Rätekommunisten wie die Stalinisten

 

Die russische Revolution auf die gleiche Ebene wie die so genannte chinesische „Revolution“ stellen, "Thesen über die chinesische Revolution" von Cajo Brendel), schulden sie uns eine Erklärung darüber, warum die chinesische Revolution keine neue Internationale hervor gebracht hat.

 

Wie ist auch zu erklären, wenn die Komintern tatsächlich seit ihrer Gründung nur eine einfache kapitalistische Institution gewe­sen ist, dass alle lebendigen Kräfte des Pro­letariats - die zukünftigen links­kommunis­tischen Strömungen und Elemente eingeschlossen - sich innerhalb der Internationalen zusammengeschlossen hatten? Das Büro der Komintern für Westeuropa wurde von Pannekoek und seinen Freunden geführt. Wie hätte aber auch ein bürgerliches Organ kommunis­tische Fraktio­nen hervorbringen können, die während der Konterrevolution als einzige die proletarischen Prinzipien aufrechterhal­ten haben? Wie ist auch zu erklären, dass während der großen revolutionären Welle der Nachkriegszeit Millionen von kämpfen­den Arbeitern sowie die bewusstesten und auf­geklärtesten Militanten der Arbeiterbewe­gung ganz einfach die falsche Tür geöffnet haben, als sie sich der Komintern anschlos­sen? Auf diese Frage bringt der Rätekommu­nismus seine Antwort:

 

 

5) DER "MACHIAVELLISMUS" DER BOLSCHEWISTEN

 

" In ähnlicher Weise haben die Bolschewiki auch Parolen in die Arbeiterschaft hinein­geschleudert, wie z.B. die Räteparole. Ent­scheidend für ihre Taktik war lediglich der momentane Erfolg einer Parole, die durchaus nicht als prinzipielle Verpflich­tung der Partei gegenüber den Massen be­trachtet wurde, sondern als propagandisti­sches Mittel einer Politik, die die Macht­er­greifung der Organisation zum letzten Inhalt erhebt." (Thesen... Nr. 3l)

 

" Die Errichtung des Sowjet-Staates war die Errichtung der Herr­schaft der Partei des Bolschewismus – Machiavellismus."(Th.57).

 

Nicht der Rätekommunismus hat die Idee des "Machiavellismus" der Bolschewisten und Lenins erfunden, sondern die Bourgeoisie 1917. Danach und im Gefolge die Anarchisten, haben sich die Rätekommunisten an dieser Verleumdung beteiligt. Vorweg wol­len wir feststellen, dass solch eine Geschichtsauf­fassung den Kri­minalromanen ähnlich ist, und auch typisch für die Geschichtsauffas­sung der ausbeutenden Klassen, für welche jegliche soziale Bewegung immer nur ein Er­gebnis von "Manipulationen, Anfüh­rern und Anstiftern" ist. Von einem marxistischen Standpunkt aus (und die Rätekommunisten nennen sich selbst Marxisten) ist eine sol­che Auffassung so absurd, dass wir uns zu ihrer Widerlegung auf einige Zitate und Tatsachen in Bezug auf die Handlungen der Bolschewisten beschränken werden. War et­wa Lenin ein übler "Machiavellist" und "Demagoge", als er 1917 erklärte:

 

'Glaubt nicht an Worte. Lasst euch nicht von Versprechungen ködern. Überschätzt eure Kräf­te nicht. Organisiert euch in jedem Betrieb, in jedem Regiment, in jeder Kompanie, in je­dem Häuser­block. Arbeitet täglich und stünd­lich an der Organisation, arbeitet daran sel­ber, dieser Arbeit darf man niemanden anderen anver­trauen…Das ist der grundlegende Inhalt aller Beschlüsse dieser Konferenz. Das ist die Hauptlehre aus dem ganzen Verlauf der Re­volution. Das ist die einzige Gewähr für den Erfolg.

 

Genossen Arbeiter ! Wir rufen euch zu schwe­rer, ernster, uner­müdlicher Arbeit auf, die das Klassenbewusste, revolutionäre Proletariat aller Länder zusammenschweißt. Dieser und nur die­ser Weg ist der Ausweg aus der Sack­gasse, nur er führt zur Erlö­sung der Mensch­heit von den Schrecken des Krieges, von dem Joch des Kapitals.(Einleitung zu den Resolu­tionen der 7. Gesamt­russischen Konferenz der SDAPR/Aprilkonferenz/, Lenin Ges.Werke,II, S.156)

 

"Es kommt nicht auf die Zahl an, sondern auf den richtigen Aus­druck der Ideen und der Po­litik des wirklich revolutionären Prole­tariats. ..Lieber zu zweit bleiben, wie Liebknecht- und das heißt beim revolutionären Proletariat blei­ben."(Die Aufgaben des Pro­letariats in unserer Revolution, Lenin Ges.Werke, Band II, S.75,77)

 

Die Bolschewisten erklärten nicht nur, dass man in bestimmten Situationen isoliert bleiben muss, sondern sie taten es auch jedes Mal, damit die Arbeiterklasse auf das Ter­rain der Bourgeoisie nicht mitgerissen wurde. Da­gegen  standen sie wahrscheinlich aus "rei­ner Demagogie" auf der Seite der Arbeiter und gingen ihnen sogar voraus, als sich die Arbei­terklasse auf die Revolution zube­wegte. All das war nur taktisch und seit 1903 haben sie jeden zu täuschen versucht:

 

- das russische Proletariat, um an die Macht zu kommen;

 

- das Weltproletariat, um es zur Verteidigung ihrer Macht auszu­nutzen;

 

- die russischen Bauern, indem sie ihnen das Land gaben, um es ihnen später wieder besser wegzunehmen;

 

- die nationalen Minderheiten;

 

- die russische Bourgeoisie;

 

- die Weltbourgeoisie.

 

Und in Wirklichkeit war ihr Machiavellismus so groß, dass es ihnen sogar gelang, sich selbst zu täuschen... Pannekoek erkannte dies, als er schrieb: „Lenin (der jedoch ein Schüler von Marx war) verstand niemals richtig, was der Marxismus wirklich war.“(Pannekoek, „Lenin als Philosoph“)

 

DIE ENTWICKLUNG DES KLASSENBEWUSSTSEINS DES PROLETARIATS

 

Wir verteidigen den proletarischen Charakter der Bolschewisten und der Oktoberrevolution nicht, um deren Andenken andächtig in Ehre zu halten. Die Auffassung des bürgerlichen Charakters der Bolschewisten oder der Oktoberrevolution bedeutet aber einen Bruch mit dem Marxismus, dem unabdingbaren theoretischen Instrument des Klassenkampfes, ohne welchen ein Sieg des Prole­tariats über den Kapitalismus undenkbar ist. Wir haben schon gezeigt, wie die rätekommunistische oder gar die bordigistische Auffassung der Oktoberrevolution von 1917 in Wirklichkeit zu den menschewistischen oder stalinistischen Verirrungen führen. Gleich­falls verhindert jede Auffassung der Bolschewisten als eine bürger­liche Partei das Begreifen des lebendigen Prozesses der Bewusst­seinsentwicklung des Proletariats. Die Revolutionäre haben die Aufgabe, diesen Prozess zu beschleunigen, vertiefen und auszu­dehnen. Dafür müssen sie dessen Verlauf so gut wie möglich ver­stehen.

 

An diejenigen, die die Oktoberrevolution als proletarisch, die bol­schewistische Partei jedoch als bürgerlich betrachten, sowie an diejenigen, die beiden einen bürgerlichen Charakter zuschreiben, dennoch nicht leugnen  können, dass

 

Die russische Revolution ein wichtiger Bestandteil der Entwicklung der Arbeiterklasse war; zunächst weil in ihr neue Formen politi­scher Streiks, dem Instrument der Revolution, auftauchten; und dann – das ist von noch größerer Wichtigkeit – weil bei dieser Gelegenheit neue Organisationsformen der kämpfenden Arbeiter, die Sowjets oder Arbeiterräte, zum ersten Mal in Erscheinung getreten sind.“ (Pannekoek, „Die Arbeiterräte“ in : International Council Correspondence, April 36).

 

An diejenigen richten wir folgende Frage: wie drückte sich in einem so bedeutungsvollen Ereignis für das Leben und den Kampf der Arbeiterklasse das Klassenbewusstsein aus? Ist es möglich, dass solch ein Ereignis nicht von irgendeiner Entwicklung des Klassenbewusstseins begleitet war, da sich die proletarischen Massen in Bewegung gesetzt haben, und sich ganz neue, unbe­kannte Kampf- und Organisationsformen gegeben haben, und gleichzeitig wie vorher dem Gewicht der bürgerlichen Ideologie unterworfen blieben? Die Frage zeigt schon die Absurdität einer solchen Vorstellung. Aber fand dann diese Bewusstseinsentwick­lung in aller Stille statt? Welche Militanten, Zeitungen, Flugblätter haben es ausgedrückt? Geschah diese Ausbreitung durch Gedan­kenübertragung oder ging es von der millionenfachen, indivi­duellen, gleichartigen Erfahrung aus? War es möglich, dass alle Mitglieder und Berei­che der Klasse sich auf eine homogene, gleichartige Weise entwickelten? Offen­sichtlich nicht!  Aber ist es dann möglich, dass die fortgeschrittensten Elemente und Bereiche isoliert, atomisiert blieben, ohne zu versuchen, sich zusammenzu­schließen, um ihre Positionen zu vertiefen, und aktiv im Kampf und im allgemeinen Prozess der Bewusstwerdung einzugreifen? Auch nicht! Wel­che Organisation oder Organisationen (ab­gesehen von den Räten, die die ganze Klasse und nicht nur die am weitesten fortgeschrit­tenen Elemente zusammenfassten) drückten diesen Bewusstwerdungsprozess aus, trug zu dessen Erweiterung und Vertiefung bei?

 

DIE BOLSCHEWISTISCHE PARTEI?

 

Manche Verfechter der bürgerlichen Natur der Bolschewisten vermuten, dass diese Par­tei "dennoch" und auf "verzerrte" Art die­ses Bewusstsein ausdrückte. Solch eine Analyse ist unhaltbar. Entweder ist diese Partei aus dem Kapitalismus hervorgegangen, oder sie ist proletarisch, oder kommt aus irgendeiner anderen Klasse der Gesellschaft. Aber falls sie wirklich aus dem Kapitalis­mus hervorgegangen ist (unter welcher Form auch immer), konnte sie nicht gleichzeitig das Leben des Todfeindes des Kapitalismus (des Proletariates) widerspiegeln. Sie konn­te nicht die bewusstesten Elemente dieser Klasse zusammenschließen, sondern im Ge­gen­teil die am meisten mystifizierten Elemente.

 

DIE ANARCHISTISCHE STRÖMUNG?

 

Diese Strömung war sehr zersplittert und heterogen. Zwischen einem Kropotkin, der zum Kampf gegen die "preußische Barbarei" aufrief und einem Volin, der  selbst während der schlimmsten Zeit  des II.Weltkrieges ein Internationalist blieb, besteht eine große Kluft. Der Anarchismus, unfähig sich zu organisieren und ständig zwischen ver­schiedenen individualistischen, syndika­listischen oder kommunistischen Varianten hin- und hergerissen, lief - unge­achtet sei­ner großen Anhängerschaft - den Ereignissen hinterher oder verfolgte bis 1917 die glei­che Politik wie die Bolschewisten. Wenn also schon die bewusstesten Elemente der Klasse sich nicht innerhalb der bolschewistischen Partei zusammenschließen konn­ten, konnten sie es noch weniger in der anar­chistischen Strömung.

 

DIE LINKEN SOZIALREVOLUTIONÄRE?

 

Hier trifft das gleiche zu: das beste, was diese Strömung überhaupt geleistet hat, hat sie zusammen mit den Bolschewisten gemacht:

 

gegen die provisorische Regierung Kerenskis zu kämpfen, die Teilnahme am Oktoberaufstand, die Verteidigung der Macht der Räte. Ansonsten betrachteten sie sich hauptsäch­lich als Verteidiger des kleinen Bauern­tums. Nach 1917 kehrte diese Strömung schnell zu ihren Ursprüngen zurück: dem Terrorismus. Falls die Bolsche­wisten keine Militanten der Klasse waren, waren es die linken Sozialrevolutionäre noch weniger.

 

Sollen wir somit die bewusstesten Elemente in den Parteien suchen, die an der bürger­lichen provisorischen Regierung teilgenom­men hatten, bei den Sozialrevolutionären und den Menschewisten? Vielleicht halten die Rätekommunisten, die die Analysen der   Menschewisten übernommen haben, diese Partei für den besten Ausdruck des prole­tarischen Bewusstseins?

 

In Wirklichkeit sind die Rätekommunisten vollkommen unfähig, irgendeine dieser Fra­gen zu beantworten, es sei, sie würden be­haupten:

 

- dass die Ereignisse von l917 entweder überhaupt

 

kein Klassenbewusstsein hervorge­bracht oder ausgedrückt ha­ben,

 

- oder dass dieses Bewusstsein vollkommen stumm,

 

  atomisiert und individualistisch geblieben sei.

 

Aber dies sind nicht die einzigen Verir­rungen, zu denen die räte­kommunistische Auffassung führt. Wie wir gesehen haben, stützt sich ihre Analyse des "bürgerlichen" Wesens der bolschewistischen Partei darauf, dass die Bolschewisten in bestimmten Fragen bür­gerliche Positionen vertraten:

 

+ in der Frage des Substitutionismus

 

+ in der  Agrarfrage

 

+ in der nationalen Frage

 

Die Tatsache, dass der Rätekommunismus den Bolschewisten Positionen zuschreibt, die diese niemals vertreten haben (zumin­dest nicht bis 1917 und auch nicht in den er­sten darauf folgenden Jahren) und eine ih­nen völlig entgegengesetzte Vorgehensweise und Kohärenz unterstellt, darf nicht davon abhalten, die wirklichen Fehler der Bolschewisten zu erkennen. Auf keinen Fall dürfen die Fehler der Bolschewisten vertuscht wer­den, wie es z.B. die Bordi­gisten tun. Die Bolschewisten waren die ersten, die ihre Fehler zugaben, insofern sie sich ihrer bewusst wurden. Aber der Rätekom­munismus weigert sich gerade anzuerkennen, dass die­se Positionen Fehler waren: aus ihrer Sicht handelt es sich um die klare Verdeutlichung des "bürgerlichen Wesens" der bolschewisti­schen Partei.

 

Die Vorgehensweise des Rätekommunismus zeigt eine systemati­sche Befangenheit auf:

 

wenn, von einem proletarischen Standpunkt aus, die Bolschewisten die korrekteste Po­sition in einer bestimmten Frage vertraten (Bruch mit der Sozialdemokratie, Zerstörung des kapitalistischen Staates, Macht der Ar­beiterräte, Internationalismus), dann ge­schah es "per Zufall" oder als "taktischer Schritt". Wenn sie jedoch ge­genüber anderen damaligen revolutionären Strömungen eine Po­sition weniger korrekt vertraten (Agrarfra­ge, nationale Frage), dann ist es für den Rätekommunismus ein Beweis ihres "bürgerli­chen Wesens". Die logische Schlussfolgerung der von den Rätekommu­nisten verwendeten Kriterien ist die Behauptung, dass alle da­mali­gen proletarischen Parteien der Kapita­listenklasse angehörten.

 

Für die Rätekommunisten war die III. Inter­nationale und somit die Parteien, die ihr angehörten, von Anfang an ein kapitalisti­sches Organ. Was muss man dann von der II. Internationalen halten? Vertrat sie in den von der Arbeiterbewegung in Frage gestell­ten Punkten richtigere Positionen als die III.Internationale und die Bolschewisten? Welche Position vertrat sie z.B. in Bezug auf die nationale Frage, bzw. auf die pol­nische Frage, die im Mittelpunkt der Kontro­verse zwischen Lenin und Luxemburg stand? Die Antwort wird offensichtlich, wenn man weiß, dass Lenin sich in dieser Debatte ge­rade auf die von Luxemburg be­kämpften Reso­lutionen des Kongresses der Internationalen stützte.

 

In der Frage der Machtübernahme durch das Proletariat ging die offizielle Position der Internationalen davon aus, dass die Arbeiter­partei diese Aufgabe zu erfüllen habe; in dieser Hinsicht haben we­der Lenin noch Rosa etwas Neues erfunden. Dagegen sprach man in den sozialistischen Parteien recht wenig von der Notwendigkeit der Zerschlagung des kapitalistischen Staa­tes. Unzählige weitere Beispiele würden gleichfalls nur hervorheben, dass die fal­schen Positionen der Bolschewisten ein Er­be der II. Internationalen waren. Der Ana­lyse der Rätekommunisten zufolge war dem­nach diese Internationale auch ein bürger­liches Organ, in welchem En­gels, Luxemburg, Liebknecht, Pannekoek, Gorter irrtümlicher­weise jahrelang für die Verteidigung des Kapitalismus gearbeitet hät­ten! Unbegreif­lich bleibt übrigens, warum die I. Interna­tionale eher eine "Arbeiterorganisation" gewesen sei als die nachfolgenden Interna­tionalen. Vielleicht gab ihr die Anwesen­heit der Positivis­ten, Proudhonisten und der Anhänger Mazzinis diesen proletari­schen "Atem", der ihren Nachfolgern so sehr fehl­te? Muss man bis zum Bund der Kommunisten zurückgreifen, um eine wirklich proletari­sche Strömung zu finden? Diese Idee vertre­ten zumindest manche Rätekommunisten. Wir empfehlen ihnen, das Manifest von 1848 nach­zulesen; sie werden feststellen müssen, dass die Klasse und die Partei als gleich be­trachtet werden, und dass das Programm der konkreten Maßnahmen stark dem Staatskapita­lismus ähnelt. Letztendlich führt vielleicht die rätekommunistische Auffassung zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass es nie eine or­ganisierte Arbei­terbewegung gegeben hat, oder eher dass eine solche Bewegung mit ihnen anfängt. Und ebenso hat es niemals vor ihnen Revolutio­näre gegeben. Marx und En­gels waren wahrscheinlich bürgerliche Demo­kraten. Wie ist sonst die Position Engels zur Eroberung der Macht durch das Parlament in einer Einleitung aus dem Jahre l895 zu "Klassenkämpfen in Frankreich" zu verste­hen, oder auch die Rede von Marx zum glei­chen Thema auf dem Haager Kongress im Jahre 1872, sein Glückwunschtelegramm an Lincoln, oder die Haltung von Marx und Engels während der Revolution l848 , als sie sich vom Bund der Kommunisten entfernten und sich der "De­mokratischen Gesellschaft" anschlossen?

 

Wie die bordigistische Analyse, für welche es seit l848 ein unver­änderliches und stets gleich bleibendes Programm gibt, ist die rätekommunistische Vorgehensweise vollkom­men ahistorisch, weil sie nicht einsehen will, dass das Bewusstsein und die politi­schen Positionen des Proletariats Ergebnisse sei­ner historischen Erfahrung sind. Die Auffas­sung, dass jeglicher Fehler und jegliche bürgerliche Position innerhalb einer poli­tischen Organisation notwendigerweise die Zugehörigkeit dieser Organisation zur Bour­geoisie bedeutet, beruht auf der absurden und der marxistischen Vorgehensweise völlig entgegengesetzten Vorstellung eines von Anfang an "verwirklichten" kommunistischen Bewusstseins. Dieses Bewusstsein ist aber im Gegenteil das Ergebnis eines langen Reife­prozesses, bei welchem theoretisches Nach­denken und Praxis eng miteinander