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OKTOBER 1917: ANFANG DER PROLETARISCHEN REVOLUTION (ll.)Submitted by InternationaleRevue on Fre, 09/03/2007 - 15:59.
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Der erste Teil dieses Artikels (l) versuchte aufzuzeigen, dass das Wesen der Russischen Revolution nicht durch die besonderen Eigenschaften Russlands zur Zeit der Revolution bestimmt wurde, sondern durch die allgemeine Entwicklung des Weltkapitalismus, dessen Eintritt in die Epoche seines historischen Verfalls durch den imperialistischen Krieg von 1914 gekennzeichnet war. Die objektiven Bedingungen für die proletarische Revolution bestanden auf internationaler Ebene, und die Russische Revolution konnte nur ein Teil dieser Weltrevolution sein. Somit verwarfen wir die Theorie der "Rätekommunisten", aus deren Sicht die Russische Revolution eine "bürgerliche" Revolution war. Wir haben aufgezeigt, dass solch eine Analyse zu folgendem führt:
- entweder zur Auffassung der Menschewisten und Kautskys, die zu einem Verrat an der Arbeiterklasse führen;
- oder zur stalinistischen Theorie der Möglichkeit des "Sozialismus in einem Land";
- oder zur anarchistischen Auffassung, die den Sozialismus mit Selbstverwaltung durch die Arbeiter in einzelnen Unternehmen gleichsetzt
- oder zur Auffassung der rechten Sozialdemokraten, für die die proletarische Revolution 1917 in keinem Land auf der Tagesordnung stand. -
Schließlich haben wir aufgezeigt, wie die Analyse der Rätekommunisten sie zu einer Abkehr vom Marxismus führt, obgleich sie selber davon überzeugt sind, ihre Analyse beruhe auf dem Marxismus.
In Wirklichkeit sind die Verirrungen des Rätekommunismus grundsätzlich der Ausdruck des schrecklichen Gewichts, das auf all den proletarischen Strömungen der Klasse lag, und das von der längsten Periode der Konterrevolution ausgeübt wurde, die die Arbeiterklasse jemals erlebt hat. Mit dem riesigen Staatsapparat konfrontiert, der sich in Russland nach der Degeneration der Revolution entwickelte, und - im Gegensatz zu den Stalinisten und Trotzkisten - dazu gezwungen, das konterrevolutionäre Wesen dieses Staates brandzumarken, empfanden die verschiedenen Strömungen der kommunistischen Linken große Schwierigkeiten, die Ursprünge und Ursachen dessen zu begreifen, was damals in Russland in einer Situation der Niederlage der Klasse vor sich ging. Aber es wäre falsch anzunehmen, dass die Rätekommunisten die einzigen gewesen waren, die sich in dieser schwierigen Lage verirrt hätten. Wenn man einmal vom Trotzkismus und dessen Theorie des "Bonapartismus" zur Erklärung des stalinistischen Phänomens und gleichzeitig zur Rechtfertigung der dauernden Verteidigung der UdSSR absieht, muss man feststellen, dass die anderen Strömungen der Linkskommunisten ebenso sehr verwirrt über diese Frage waren. Und obgleich die Italienische Linke mit BILAN viele wichtige Beiträge zum Verständnis des nachrevolutionären Russlands geleistet hat, blieb sie dennoch eine ganze Zeit lang in der Auffassung von der UdSSR als einem „entarteten Arbeiterstaat" gefangen.
Jedoch taucht eine der größten Verwirrungen in der Linkskommunistischen Bewegung mit dem Erscheinen der bordigistiscben Theorie der "Doppelrevolution" auf, die eine teilweise Rückkehr zu den Absurditäten der Rätekommunisten darstellte.
DIE HEILIGE DUALITÄT GEMÄSS DER BORDIGISTISTISCHEN DOKTRIN:
„So lautet die marxistische Erklärung der "Degenerierung der UdSSR": die Oktoberrevolution, während welcher das kommunistische Proletariat die Macht ergriff, konnte nur die feudalen Hindernisse zur kapitalistischen Entwicklung der Produktivkräfte brechen; das ist die Formel Russlands zur Zeit der NEP. Mit der Unterstützung der Weltrevolution hätte die bolschewistische Partei die Marktwirtschaft bändigen und in der Folge den Sozialismus einfahren können. An der Spitze einer riesenhaften, kapitalistischen Maschine isoliert, sich selber überlassen, wurde sie von den Marktmechanismen entartet und zu einem Räderwerk der kapitalistischen Akkumulation gemacht". (Programme Communiste, Nr.57,Seite 39)(2)
Man erkennt auf den ersten Blick, was die "bordigistische" Auffassung von der "rätekommunistischen" unterscheidet. Für die letztgenannte sind die wirtschaftlichen und politischen Aspekt« der Revolution eng miteinander verbunden: die Errichtung des Kapitalismus ist gekennzeichnet durch die Übernahme der Macht durch eine Partei, die sie als bürgerlich bezeichnen. Für die erstgenannte sind jedoch die beiden Aspekte klar unterschieden: die Bordigisten erkennen den proletarischen Charakters des Oktobers auf politischer Ebene an, aber sie stimmen mit den Rätekommunisten wiederum überein, wenn sie behaupten, dass es sich auf wirtschaftlicher Ebene um eine bürgerliche Revolution handelte. Und man könnte übrigens eine ganze Reihe von Zitaten finden, die die Konvergenz der bordigistischen Analysen mit denen der Rätekommunisten zeigen, obgleich die Bordigisten den Rätekommunisten gegenüber sehr bissig sind. Zum Beispiel: .
" Wenn man überhaupt von einer Wendung im April 1917 reden kann, dann muss man verstehen, dass diese mit dem Prozess, der ein kapitalistisches fortschrittliches Land zur kommunistischen Revolution führt, nichts zu tun hat: sie markiert nur in einem Land, in dem der Feudalismus im völligen Zerfall begriffen ist, den entscheidenden Augenblick einer bürgerlichen und Volksrevolution." (Programme Communiste, Nr.39, Seite 2l)
Man glaubt Pannekoek zu lesen! Und in der Tat erweist sich die bordigistische Auffassung der "Doppelrevolution" als doppeldeutig, und sie führt ihre Anhänger dazu, sich von einem Artikel zum anderen zu widersprechen, wenn nicht gar von einem Satz zum anderen.
So stammt das obige Zitat aus einem Artikel mit dem Titel: "Die Aprilthesen des Jahres 1917, Programm der proletarischen Revolution in Russland." In dem gleichen Artikel kann man in dem Kommentar zur gleichen These lesen: "Lenin fügt hier kein Adjektiv dem Wort Revolution im, aber wir können dies ohne zu zögern tun... es handelt sich immer um eine bürgerliche und demokratische Revolution, um eine antifeudalistische Revolution und nicht um eine sozialistische". (S.24) In einem anderen Artikel, genannt "Der Marxismus und Russland'' (S. 85 der deutschen Auflage) , kann man lesen: "Für uns war die Oktoberrevolution sozialistisch". Man müsste sich darüber einig werden! Tatsächlich kann die bordigistische Auffassung auf die folgende Formel zusammengefasst werden: "Die Oktoberrevolution war eine nichtproletarische proletarische Revolution, eine nichtsozialistische sozialistische Revolution".
Welche undurchsichtige Klarheit!
Aber die Tatsache, dass Bordiga und seine Epigonen sich widersprechen und eine unzusammenhängende Sprache gebrauchen, stört die letzten nicht so sehr: sie sind daran gewöhnt. Sie sollten jedoch schaudern, wenn sie Behauptungen vorbringen, die in direktem Widerspruch zu dem stehen, was Lenin, zu der Oktoberrevolution gesagt hat. Gemäß der bordigistischen Lehre hat Lenin nur zwei Fehler in seinem Leben begangen: (übrigens kleine Fehler, da "taktisch") hinsichtlich der "Einheitsfront" und hinsichtlich des "revolutionären Parlamentarismus". Für die Bordigisten:
"Im April 1917 geht es nur darum, die sozialen Kräfte der antizaristischen Revolution zu gewinnen, nicht um mehr zu machen, als man sich 1905 vorgenommen hatte, sondern um die Tatsache zu beheben, dass man weniger gemacht hatte, dass man unterhalb des Programms der kapitalistischen Revolution unter der demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauern stand." (Programme Communiste, Nr.39, Seite 25)
Für Lenin jedoch:
"... kann diese ganze Revolution überhaupt nur verstanden werden als ein Glied in der Kette der sozialistischen proletarischen Revolutionen, die durch den imperialistischen Krieg hervorgerufen werden." (Vorwort zu "Staat und Revolution")
Für Lenin kam es somit darauf an, 1917 „mehr zu tun“ als 1905} damals hatte er die Ziele der Revolution bescheidener definiert:
"Ein solcher Sieg wird aus unserer bürgerlichen Revolution noch keineswegs eine sozialistische machen; die demokratische Umwälzung wird über den Rahmen der bürgerlichen gesellschaftlich ökonomischen Verhältnisse nicht unmittelbar hinausgehen; aber nichtsdestoweniger wird die Bedeutung eines solchen Sieges für die künftige Entwicklung sowohl Russlands als auch der ganzen Welt gigantisch sein." ("Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution", in Ausgewählte Werke, Band I, S. 567).
Man könnte noch viele andere Beispiele bringen, in denen die bordigistischen Schriften das Gegenteil der Leninschen Auffassungen behaupten. Wir wollen uns mit einer weiteren zufrieden geben:
" Insofern darf die Partei des Proletariats den Sowjet nicht verwerfen, diese aus der bürgerlichen russischen Revolution entstandene historische Form.
.. Sie (die Sowjets) entsprechen dem, was Lenin als demokratische Diktatur definiert hatte... Die einzige Formel der antifeudalen russischen Revolution ist keine parlamentarische Versammlung wie in der Französischen Revolution, sondern ein andersartiges Organ, das auf der Grundlage der alleinigen Klasse der Arbeiter in den Städten und auf dem Land beruht." (Programme Communiste, Nr. 39, Seite 28)
Für Lenin dagegen:
"Nur muss eine praktische Form gefunden werden, die das Proletariat in den Stand setzt, seine Herrschaft zu verwirklichen. Diese Form ist das Sowjetsystem mit der Diktatur des Proletariats! Das war bisher Latein für die Massen. Mit der Ausbreitung des Sowjetsystems in der ganzen Welt ist dieses Latein in alle modernen Sprachen übersetzt worden: die praktische Form der Diktatur ist durch die Arbeitermassen gefunden." (Rede bei der Eröffnung des Kongresses, 2.März,S.469,Bd 28)
"... die Form der Diktatur des Proletariats, die schon praktisch ausgearbeitet ist, d.h. die Sowjetmacht in Russland, das Rätesystem in Deutschland... und andere analoge Sowjet-Institutionen in anderen Ländern."(Thesen und Referat über die bürgerlich Demokratie und die Diktatur des Proletariats, in Ausgewählte Werke, Bd. 3, Seite 17l).
Wir haben dem Leser die verschiedenen Zitate nicht aufgeführt, um uns hinter die Autorität Lenins zu flüchten, sondern um aufzug- zeigen, dass Lenin zwar Fehler gemacht hat, dass aber der von den Bordigisten im Namen der Treue gegenüber Lenin' vorgebrachte Unfug mit den Auffassungen Lenins absolut nichts zu tun hat.
WIDERLEGUNG DER „DOPPELREVOLUTION“
Wir werden hier nicht das im vorausgegangenen Artikel Gesagte wiederholen, in dem wir gezeigt haben, dass in Russland als auch übermall anderswo 1917 die bürgerliche Revolution nicht mehr auf der Tagesordnung der Geschichte stand, seitdem die materiellen Bedingungen der kommunistischen Revolution auf Weltebene vorhanden waren. Das was wir gegen die Rätekommunisten gesagt haben,- und und gegen die Menschewiki– trifft ebenso auf die bordigistische Auffassung zu. Dagegen müssen wir zu einigen Ideen Stellung nehmen, die mit dem Begriff der „Doppelrevolution" einhergehen.
Erstens die Idee, dass das Proletariat eine bürgerliche Revolution für und anstelle der Bourgeoisie ausführen könnte, ist falsch. Selbst wenn Marx solch eine Auffassung l848 vertreten konnte - eine von Lenin 1905 wieder aufgegriffene Auffassung- gibt die Geschichte kein Beispiel, in dem eine Klasse eine andere Klasse bei der Erfüllung ihrer historischen Aufgaben ersetzen konnte. Eine Revolution ist ein Akt, bei dem eine Klasse, die zum Träger der neuen, durch die Entwicklung der Produktivkräfte notwendig gewordenen Produktionsverhältnisse geworden ist, die politische Macht übernimmt. Nun hat die Geschichte vielfach bewiesen, dass die revolutionäre Klasse die politische Macht allgemein nur ergreifen kann, nachdem die Notwendigkeit und die materiellen Bedingungen der Revolution lange offenkundig geworden sind. Es handelt sich da um ein klassisches Phänomen des Hinterherhinkens des gesellschaftlichen Überbaus im Verhältnis zu der Basis, etwas, das vom Marxismus eindeutig bewiesen worden ist. Insbesondere dieses Phänomen ermöglicht uns zu begreifen, warum es in der Geschichte der Menschheit Zeiträume der Dekadenz gegeben hat, in denen die alten Produktionsverhältnisse zu Fesseln der Entwicklung der Produktivkräfte geworden waren, während jedoch gleichzeitig die als Träger der neuen Produktionsverhältnisse wirkende Klasse noch nicht genügend Macht gesammelt hatte - insbesondere politische Macht - um die alte, bestehende Gesellschaftsordnung zu zerstören. Daraus folgt: wenn eine Klasse ausreichend stark ist, um die politische Macht zu ergreifen, dann bedeutet das, dass die ökonomischen und sozialen Aufgaben, vor denen sie steht, gerade darin bestehen, die Produktionsverhältnisse zu entwickeln, deren historischer Träger sie ist. Weiterhin heißt das, dass sie nicht die Rolle der vorhergehenden historischen Klassen übernehmen und deren Aufgaben erfüllen kann, die in Wirklichkeit nicht mehr auf der Tagesordnung der Geschichte stehen. Das Proletariat hat sich wie die Bauern und Handwerker an den bürgerlichen Revolutionen beteiligen können, aber als stützende, verstärkende Kraft, und nie als ihre führende Kraft. Das Proletariat hat selbst eine sehr aktive Rolle in der Radikalisierung dieser Revolutionen gespielt, indem es den energischsten Kräften der Bourgeoisie Unterstützung gewährt hat. Sobald jedoch die eigenen Klasseninteressen des Proletariats vertreten wurden, standen diese unmittelbar den Interessen aller, einschließlich der radikalsten Fraktion der Bourgeoisie entgegen: die "Levellers" gegen Cromwell in der englischen Revolution, Babeuf gegen die Montagnards in der französischen Revolution, das Pariser Proletariat gegen die provisorische Regierung im Juni 1848.
Der andere Aspekt der "Doppelrevolution", auf den eingegangen werden muss, bezieht sich auf das Verständnis der Art der ökonomischen Maßnahmen, die das Proletariat am Anfang der Revolution ergreifen kann. Die Bordigisten kritisieren zurecht die trotzkistische Auffassung, wonach die "Hilfe für die Arbeitslosen" oder die "Eliminierung der Privateigentümer in der Großindustrie" "sozialistische Maßlahmen seien. Gemäß den Bordigisten handelt es sich bei der Hilfe für die Arbeitslosen um nichts anderes als um "Wohlfahrtsstaats" Maßnahmen, und bei dem letztgenannten um "staatskapitalistische" Maßnahmen, wohingegen der "ökonomische Sozialismus mit der Zerstörung des Kapitals beginnt". (Programme Communiste, Nr. 57, S.25). In dieser Hinsicht haben sie den noch notwendigerweise kapitalistischen Charakter der von der proletarischen Macht in Russland getroffenen Maßnahmen erkannt, und Sie versuchen demnach nicht, ihnen "sozialistische" Eigenschaften zuzuschreiben, im Gegensatz zu den Stalinisten und den Trotzkisten. Jedoch wird der der Bordigisten in dem folgenden Abschnitt zusammengefasst:
"In den fortgeschrittenen Ländern könnte die Diktatur des Proletariats versuchen, unmittelbar einen zahlenmäßig ausgearbeiteten Produktionsplan aufzustellen. In den anderen Ländern würde die Diktatur des Proletariats -während sie auf die Ausdehnung der Revolution wartet- den Kapitalismus verwalten, wobei die Produktivkräfte soweit wie möglich in den Händen des Staates zusammengefasst würden und wobei die Schutzmaßnahmen für die lohnabhängige Klasse getroffen würden, die unter den gleichen Bedingungen nie von einer bürgerlichen Partei ergriffen werden könnten. In allen Fällen bedeutet die Machtübernahme durch das Proletariat nichts anderes als die erste Welle der Weltrevolution, die siegen muss oder besiegt wird; entweder löst sie andere Revolutionen aus, oder sie geht im Bürgerkrieg unter, oder sie entartet zu einer bürgerlichen Macht, in dem Fall, wo sie einen jungen Kapitalismus verwalten müsste." (Programme Communiste, Nr.57, S.36)
Da haben wirs: Nur in "den Ländern, in denen das Proletariat einen jungen Kapitalismus zu leiten hat" (als ob der Kapitalismus, der insgesamt und auf Weltebene altersschwach geworden ist, irgendwo noch jung sein könnte!)"degeneriert die Revolution zu einer bürgerlichen Macht." So ist die Revolution in Russland degeneriert, weil sie in einem schwach industrialisierten Land isoliert geblieben ist (was Kommunistisches Programm fälschlicherweise als "jungen Kapitalismus" bezeichnet.) Wäre die Revolution dagegen in einem hoch industrialisierten Land isoliert geblieben, wäre sie gemäß dieser Argumentationsweise nicht degeneriert und die aufzubauenden Produktionsverhältnisse wären auch nicht mehr kapitalistisch gewesen. Kurzum, der Sozialismus wäre in einem Land möglich... unter der Bedingung, dass es sich um einen "alten Kapitalismus" handelt. Ebenso wie bei den Rätekommunisten führt die Auffassung der Bordigisten, wenn man sie bis zum Ende durchdenkt, notwendigerweise zu der stalinistischen These. Man muss also wählen zwischen Folgendem: entweder stellt in allen Fällen "die Machtübernahme durch das Proletariat nichts anderes dar als die erste Welle der Weltrevolution", oder sie ist es nur in bestimmten Fällen. Schließlich lässt sich der Begriff "Doppelrevolution" in Wirklichkeit auf eine "doppelte Auffassung" zurückführen: einmal internationalistisch hier, einmal nationalistisch da!
In Wirklichkeit ist es so: wie immer der Entwicklungsgrad der Länder sein mag, in denen das Proletariat die Macht ergreift, es kann auf keinen Fall darauf hoffen, wirklich "sozialistische" Maßnahmen unmittelbar nach der Machtübernahme ergreifen zu können. Es kann eine ganze Reihe von Vorkehrungen treffen — Enteignung der Privatkapitalisten, gleichen Lohn,Hilfe für die Ärmsten, freie Verfügung über bestimmte Konsumgüter-, welche sich auf sozialistische Maßnahmen hinbewegen, die aber als solche leicht vom Kapitalismus wieder für sich gewonnen werden können. Solange wie die Revolution in einem Land oder in einer beschränkten Anzahl von Ländern isoliert bleibt, wird die Wirtschaftspolitik, die von der Revolution durchgeführt werden kann, zu einem Großteil von den Wirtschaftsbeziehungen bestimmt, die dieses Land oder diese Länder mit dem Rest der kapitalistischen Welt aufrechterhalten müssen. Und diese Beziehungen können nur Handelsbeziehungen sein, d.h. das Gebiet, in dem das Proletariat die Macht ergriffen hat, muss auf dem Weltmarkt einen Teil seiner-. Produkte verkaufen, um in der Lage zu sein, auf diesem Markt all die Güter zu erwerben, die das Proletariat selber nicht herstellt, die aber dennoch unbedingt notwendig sind. Von daher bleibt die gesamte Wirtschaft dieses Gebietes stark von der Notwendigkeit geprägt, Waren zum niedrigsten Preis zu produzieren, um für diese Käufer zu finden angesichts der Konkurrenz der Waren, die in den Ländern hergestellt werden, in denen das Proletariat die Macht noch nicht ergriffen hat. Das bedeutet, dass diese Wirtschaft noch dem Konsum der arbeitenden Massen Beschränkungen auferlegen muss, nicht nur um die zukünftige Entwicklung der Produktivkräfte sicherzustellen, - eine unlabdingbare Bedingung für den Kommunismus - sondern auch ganz nüchtern ausgedrückt, um einen Mehrwert zu erarbeiten, der auf dem Weltmarkt realisiert werden kann, und um auf diesem die Wettbewerbsfähigkeit zu bewahren. Es ist offensichtlich, dass die Arbeiteracht eine größtmögliche Anzahl von Vorkehrungen gegen die korrumpier enden Auswirkungen treffen muss, die diese typisch kapitalistischen Praktiken unvermeidlich in dem Machtbereich und in den Institutionen der Macht der Arbeiter hervorbringen. Aber es ist ebenso offensichtlich, dass das Fortbestehen dieser Praktiken, in dem Falle der andauernden Isolierung der Revolution, nur zum Sturz der Macht der Arbeiter selber führen kann. Und was für den streng begrenzten Bereich der Ökonomie zutrifft, gilt ebenfalls für den militärischen Bereich. Isoliert dastehend, wird die Revolution dazu gezwungen, sich gegenüber den Angriffen des Kapitalismus, der die Revolution zerschlagen will, zur Wehr setzen. Das bedeutet, dass in dem Gebiet, wo das Proletariat die Macht ergriffen hat, eine ganze Reihe von Maßnahmen, die für die kapitalistische Gesellschaft typisch sind, aufrechterhalten bleiben: Waffenproduktion - was den Konsum der Arbeiter und die Entwicklungsmöglichkeiten der materiellen Bedingungen des Kommunismus belastet -, das Bestehen einer Armee, die selbst als "Rote Armee" weiterhin eine Institution bleibt, die das gleiche Wesen wie im Kapitalismus hat: eine Maschinerie, die dazu bestimmt ist, auf organisierte und systematische Weise Mord und Zwang zu verewigen. Das unterstreicht erneut die schwerwiegende Tragweite der Bedrohungen, die solche Notwendigkeiten auf die Arbeitermacht ausüben. Und all dies trifft ebenso auf die fortgeschrittenen als auch auf die rückständigen Länder zu. In Wirklichkeit ist ein hoch industrialisiertes Land gar noch abhängiger vom kapitalistischen Weltmarkt als die anderen Länder, und der Gedanke ist nicht absurd, dass in einem Land wie in Deutschland die isoliert dastehende Revolution noch schneller zerschlagen worden oder degeneriert wäre als in Russland. Es ist also nicht nur die Rückständigkeit Russlands, die den kapitalistischen Charakter der wirtschaftlichen Maßnahmen erklärt, die in den ersten Jahren der Sowjetmacht durchgeführt wurden. Wenn man die Maßnahmen, die in Deutschland im Falle eines proletarischen Sieges durchgeführt worden wären untersucht, findet man eine große Ähnlichkeit:
"1. Konfiskation aller dynastischen Vermögen und Einkünfte für die Allgemeinheit;
2. Annullierung der Staats- und anderer öffentlichen Schulden sowie sämtlicher Kriegsanleihen, ausgenommen Zeichnungen von einer bestimmten Höhe an, die durch den Zentralrat der A(rbeiter)- und S(oldaten)-Räte festzusetzen ist)
3. Enteignung des Grund und Bodens aller landwirtschaftlichen Groß- und Mittelbetriebe, Bildung sozialistischer landwirtschaftlicher Genossenschaften unter einheitlicher zentraler Leitung im ganzen Reiche, bäuerliche Kleinbetriebe bleiben im Besitze ihrer Inhaber bis zu deren freiwilligem Anschluss an die sozialistischen Genossenschaften;
4. Enteignung aller Banken, Bergwerke, Hütten sowie aller Großbetriebe in Industrie und Handel durch die Räterepublik.
5. Konfiskation aller Vermögen von einer bestimmten Hohe an, die durch den Zentralrat festzusetzen ist;
6. Übernahme des gesamten öffentlichen Verkehrswesens durch die Räterepublik.
7. Wahl von Betriebsräten in allen Betrieben, die im Einvernehmen mit den Arbeiterraten die inneren Angelegenheiten der Betriebe zu ordnen, die Arbeitsverhältnisse zu regeln, die Produktion zu kontrollieren und schließlich die Betriebsleitung zu übernehmen haben." ("Was will der Spartakusbund?" l4.12.l8, in Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke, Bd.4, S.449)
Der große Fehler der Bordigisten liegt darin, davon auszugehen, dass die Welt in verschiedene geoökonomische“ Gebiete aufgeteilt sei: solche, in denen der Kapitalismus reif und gar altersschwach geworden ist und solche, in denen der Kapitalismus "jung" oder "jugendlich" ist. Unfähig zu begreifen, dass der Kapitalismus auf Weltebene (das erste Weltsystem in der Geschichte) eine aufsteigende Phase durchlaufen hat, und seit 19l4 in seine dekadente Phase eingetreten ist, sind die Bordigisten ebenso unfähig zu begreifen, dass seit 19l4 die Aufgaben des Proletariats in allen Gebieten der Welt die gleichen sind: den Kapitalismus zu zerstören und neue Produktionsverhältnisse aufzubauen. Für die Bordigisten gibt es einerseits Länder, in denen die "reine“, proletarische Revolution auf der Tagesordnung der Geschichte steht, und andererseits Länder, wo die "Doppelrevolution" auf der Tagesordnung steht. Solch ein Schema beinhaltet:
- einerseits werden die Aufgaben des Proletariats innerhalb eines Prozesses der sozialistischen Umwälzung der Gesellschaft gemäß den verschiedenen Gebieten als unterschiedlich aufgefasst d.h. die fortgeschrittenen Länder können sofort sozialistische Maßnahmen ergreifen, wohingegen die rückständigen Länder sich vorerst noch der kapitalistischen Entwicklung der Bedingungen der Vergesellschaftung widmen können. Andererseits wird dem Proletariat und den Revolutionären als unmittelbare Aufgabe vorgegeben, die verschiedensten so genannten "nationalen Befreiungskämpfe" zu unterstützen, die dazu dienen sollen, die Grundlagen eines "jugendlichen" Kapitalismus in jenen Ländern zu schaffen.
Was die letztgenannte Idee der bordigistischen Auffassung betrifft, konnte man in letzter Zeit feststellen, zu welchen Verirrungen diese führt:
zur Rechtfertigung der von den Roten Khmer an der kambodschanischen Bevölkerung ausgeübten Massaker, die als Ausdruck des "radikalen Jakobinertums" gewertet werden, weiterhin zur Teilnahme an den stalinistischen und trotzkistischen Chören mit der Mandelschön Variante, um "Che Guevara" zu rühmen, der als lebendiges Symbol der "demokratischen, antiimperialistischen Revolution... von den Yankee-Imperialisten und ihren lateinamerikanischen Lakaien feige umgebracht worden ist". (P.C., Nr.75, S.5l) Ebenso führte es zu allen möglichen mehr oder weniger "kritischen" Stellungnahmen zugunsten diesen oder jenen Teilnehmers an den augenblicklichen interimperialistischen Konflikten. (Vietnam, Angola, Mozambique, usw.) Was den erstgenannten Punkt angeht, drückt er die absurde und von der Bourgeoisie geprägten Idee aus, dass das Proletariat eines jeden Landes, sobald es die Macht übernommen hat, seine "eigenen Angelegenheiten in seiner Ecke regeln muss". In Wirklichkeit ist es die Gesamtheit des Weltproletariats die die Gesamtheit der ökonomischen Probleme in Angriff nimmt, die sich in den verschiedenen Gebieten der Erde stellen. Diese Probleme sind durch die doppelte Aufgabe, die sich das Proletariat gleichzeitig stellt, bestimmt: die Produktivkräfte voranzutreiben, insbesondere in den rückständigen Gebieten, und die Produktionsverhältnisse in zunehmend Maße zum Kommunismus hin zu entwickeln.
Sobald das Proletariat die Macht auf Weltebene
Übernommen hat, hat es somit nirgendwo auf der Welt kapitalistische Aufgaben zu erfüllen. Innerhalb des Rahmens der sozialistischen Umwälzung der Gesellschaft arbeitet das Proletariat an der Entwicklung der Produktivkräfte, die durch die historische Dekadenz der kapitalistischen Produktionsweise zur Stagnation verdammt sind. Innerhalb dieses Rahmens muss das Proletariat die Überreste der vorkapitalistischen Gesellschaft auslöschen, die der Kapitalismus nicht integrieren konnte. Dies geschieht mittels der Verbreitung der am weitesten entwickelten produktiven Techniken und mittels der Integration des enorm großen Sektors der handwerklichen und bäuerlichen Kleinproduzenten - die heute noch die übergroße Mehrheit der Weltbevölkerung stellen - in die assoziierte Produktion des vergesellschafteten Sektors. Und diese Aufgabe muss nicht nur in den rückständigen Ländern durchgeführt wanden, sondern auch in einer ganzen Reihe von fortgeschrittenen Ländern wie Japan, Frankreich, Spanien oder Italien, wo Millionen von Kleinbesitzern oder Arbeitern, die immer noch in dem Feudalismus nahe stehenden Agrarstrukturen eingegliedert sind, weiterhin bestehen. Warum sprechen die Bordigisten nicht von einer "Doppelrevolution" für diese Länder? So stellen sie einerseits dem Proletariat in den fortgeschrittenen Ländern, indem es noch isoliert bleibt, viel zu ehrgeizige Aufgaben, und andererseits ordnen sie dem Weltproletariat, sobald dieses überall die Macht ergriffen hat, Aufgaben zu, die weit hinter den historischen Notwendigkeiten zurückbleiben, wie z.B. in einigen Ländern die Entwicklung eines Kapitalismus, der überall am Ende seiner Kräfte ist. Wir haben also im ersten Teil dieses Artikels gesehen, wie die Rätekommunisten, nachdem sie die Errungenschaften der Oktoberrevolution begrüßt hatten, sich mit den Sozialdemokraten und Anarchisten in den Chor der Verurteilung dieser Revolution einreihen. Wir haben weiter gesehen, dass die Bordigisten sich zu ihrem unnachgiebigen Verteidiger machen. Sie verstehen zwar im Gegensatz zu den Rätekommunisten den Vorrang der politischen über die ökonomischen Aspekte, was sich in dem folgenden Satz klar ausdrückt:
„Die Oktoberrevolution darf an erster Stelle nicht unter dem Blickwinkel der unmittelbaren Umwälzungen der Produktionsformen und der Wirtschaftsstruktur verstanden werden, sondern als eine Phase des internationalen politischen Kampfes des Proletariats." (Programme Communiste, Nr. 68, S.20)
Aber leider erweisen sie sich als unfähig, die menschewistische Behauptung, die später von den Rätekommunisten wieder aufgegriffen wurde, zurückzuweisen. Im Gegenteil:
aufgrund eines religiösen Treueverhältnisses zu den Analysen Lenins (insbesondere über die nationale Frage, in der eine mehr als 50-jährige Erfahrung den fehlerhaften Charakter dieser Analyse bewiesen hat) zeigen sie sich als unfähig, die grundlegenden Beiträge Lenins und der Bolschewisten und die Bedeutung der Erfahrung der Oktoberrevolution für das proletarische Programm zu begreifen. Die Oktoberrevolution muss sich deshalb nicht nur den Verleumdungen der Bourgeoisie oder deren Versuche, sie für sich zu "verwerten", unterziehen, sondern auch abgesehen von den absurden Verurteilungen durch die Rätekommunisten, der gut gemeinten aber vernichtenden Analyse, die von ihren eifrigsten Verteidigern, den Bordigisten, vorgebracht wird.
Wesen und Rolle der Bolschewistischen ParteiEine Verteidigung des proletarischen Charakters der Oktoberrevolution wäre unvollständig, wenn sie sich nicht mit dem Wesen der bolschewistischen Partei als einem der Hauptträger der Revolution befassen würde. Genauso was den Klassencharakter der Revolution selber angeht, bestanden innerhalb aller damaligen revolutionären Strömungen keine Zweifel über den Klassencharakter dieser Partei. Die Idee einer nicht-proletarischen, bolschewistischen Partei entwickelte sich anders als bei Kautsky und der Sozialdemokratie - erst später. Die rätekommunistischen "Thesen über den Bolschewismus" sind ziemlich deutlich in dieser Hinsicht:
"Der Bolschewismus ist in Prinzip, Taktik und Organisation eine Bewegung und Methode der bürgerlichen Revolution in einem vorwiegenden Bauernlande..." (These 66) (3)
Obgleich die Thesen an anderer Stelle widersprüchlich sind:
"Vor allem ist die Bewegung der russischen Sozialdemokratie in ihrer berufsrevolutionären Führerschicht eine revolutionärkleinbürgerliche Partei." (These l6)
Ob bürgerlich, kleinbürgerlich oder "staatskapitalistisch" , stimmen die verschiedenen Versionen der rätekommunistischen Betrachtungsweisen in einem Punkt überein: jeglichen proletarischen Charakter der bolschewistischen Partei zu leugnen. Bevor wir fortfahren und die Gründe aufdecken, die hinter dieser Analyse stecken, ist es notwendig, einige elementare Gesichtspunkte der Ursprünge und der Einstellungen der Bolschewisten, sowie die von ihnen geführten Kämpfe in Erinnerung zu rufen, und insbesondere herauszustellen, gegen wen diese Kämpfe gerichtet waren.
Der Bolschewismus entstand als eine marxistische Strömung, als ein integrierter Bestandteil der russischen Sozialdemokratie, die als solche oder innerhalb der russischen Sozialdemokratie folgendes bekämpfte
1.) gegen die Volkstümler und den Agrarsozialismus,
2.) gegen den Terror als eine Kampfmethode, anstelle dessen verteidigten sie den Massenkampf der Arbeiterklasse,
3.) gegen den legalistischen Marxismus und die Verteidiger des russischen Liberalismus,
4.) gegen den ouvrieristischen Ökonomismus, der den proletarischen Kampf einzig auf ökonomische Forderungen innerhalb des Kapitalismus reduzierte, um diesem den globalen, politischen Kampf der Arbeiterklasse entgegenzustellen, und die historischen Aufgaben der Arbeiterklasse hochzuhalten,
5.) gegen den Intellektualismus, gegen die Intelligentia, gegen die unsicheren und dilettantenhaften Mitläufer der Arbeiterbewegung, anstelle dessen traten sie ein für die Idee des militanten Engagements der Revolutionäre innerhalb der Klasse,
6.) gegen den Menschewismus und seine unterstützende Funktion gegenüber der Bourgeoisie in Gestalt des "Marxismus"
in der Revolution von 1905,
7.) gegen die "Liquidatoren", die nach der Revolution von 1905 und ihrer Niederschlagung anfingen, die Notwendigkeit der politischen Organisation des Proletariats zu leugnen.
8.) gegen die Verteidiger des imperialistischen Krieges, für einen wahren Internationalismus, der sich klar von dem humanistischen Pazifismus abhob,
9.) gegen die provisorische Regierung, die aus der Februarrevolution von 1917 hervorging, gegen irgendeine "kritische oder bedingte Unterstützung" für die Regierung, und für den Schlachtrufs:
"Alle Macht den Räten!".
Diese Punkte ermöglichen uns, schon ein genaueres Bild der bolschewistischen Partei zu haben, als das von den Rätekommunisten vorgegebene. Tatsächlich befand sich die bolschewistische Fraktion immer auf der Seite der Arbeiterklasse. Dies gilt besonders für die Revolution 1905,die die russische Gesellschaft erschütterte. Die Bolschewisten spielten darin eine aktive Rolle:
- im Kampf für die Zerstörung des zaristischen
Systems,
- in den Sowjets, an der Seite der Arbeiter,
- in dem Aufstand, gegen die Menschewiki, die sich
gegen die Bewaffnung der Arbeiter aussprachen.
Sicher ist die Analyse der Bolschewiki über 1905
(die sie als eine bürgerliche Revolution betrachteten) falsch. Aber ihre Analyse war eine genaue Kopie der Marxschen Haltung zum Verlauf der bürgerlichen Revolution in Deutschland l848: sie betonten die aktive und autonome, selbständige Rolle des Proletariats in der Revolution, anstatt es aufzurufen, sich ans Schlepptau der Bourgeoisie zu hängen. Das ist der Punkt, der eine Klassengrenze darstellt, und nicht das Begreifen der Tatsache, dass von da an keine bürgerliche Revolution mehr möglich war. Die Analyse der Bolschewisten hinkte hinter der Realität her. Aber da man sich damals an einem Wendepunkt zwischen zwei Epochen befand, war sich 1905 niemand bewusst, dass man am Vorabend einer historischen Krise des Kapitalismus stand, seinem Eintritt in die kapitalistische Niedergangsphase. Erst 1910-11 warf Rosa Luxemburg die Frage eines Wandels der historischen Perspektive auf.
Die Aktivitäten und die Positionen der Bolschewisten richteten sich nicht nur auf die in Russland aufgeworfenen Probleme. Zusammen mit der ganzen russischen Sozialdemokratie waren sie ein tragender Bestandteil der II. Internationalen, innerhalb derer sie bei allen großen Debatten dem linken Flügel angehörten. Sie sprachen sich gegen den Reformismus, gegen den Revisionismus, den Kolonialismus aus. Insbesondere gehörten sie zur Vorhut im Kampf für den Internationalismus.
1907, auf dem Kongress in Stuttgart, unterzeichnete Lenin mit Rosa Luxemburg einen (später angenommenen) Ergänzungsentwurf, der eine etwas zaghafte Resolution über den Krieg präzisierte und der als Grundlage für die Haltung der Internationalisten 1914 diente:
"Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, ist es die Pflicht der Sozialdemokratie, für dessen rasche Beendigung einzutreten und mit allen Kräften dahin zu streben, die durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische Krise zur Aufrüttelung des Volkes auszunutzen und dadurch die Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft zu beschleunigen." (R. Luxemburg, Ges. Werke, Bd.4, S. 130).
1912, auf dem außerordentlichen Kongress in Basel, wo das Problem der Möglichkeit und der Bedrohung durch den imperialistischen Krieg gestellt wurde, rief die gesamte Linke zu der revolutionären Haltung auf, sich der nationalen Verteidigung entgegenzustellen und für den proletarischen Internationalismus einzutreten.
1914. waren die Bolschewisten die ersten, die nach dem Zusammenbruch der II. Internationalen wieder zu Kräften gelangten. Sie waren die ersten, die das Kampfwort vorbrachten, welches den Sinn der Stuttgarter und der Baseler Resolutionen in die Praxis umsetzte: "den imperialistischen Krieg in einen Bürgerkrieg verwandeln!". Sie begriffen als erste die Notwendigkeit, nicht nur mit den sozialdemokroatischen Chauvinisten zu brechen, sondern auch mit den "Zentristen" a la Kautsky. Sie waren die ersten, die die Notwendigkeit einer neuen - vom Ballast der Opportunisten, die die II.Internationale verraten hatten, - befreiten Internationale erkannt hatten, die die Vorbereitung auf die sozialistische Revolution zu ihrer unmittelbaren Aufgabe machen sollte.
1915,auf der Zimmerwalder Konferenz(5.-8.September) standen Lenin und die Bolschewisten an der Spitze der Linken, deren von Radek formulierter und von Lenin verbesserter Antrag aussagte;
"Ohne Verbindung mit dem revolutionären Klassenkampf des Proletariats ist der Kampf für den Frieden nur eine pazifistische Phrase sentimentaler oder das Volk betrügender Bourgeois"(Lenin, Werke, Band 21, S. 379, aus "An die Internationale Sozialistische Kommission“).
Dieser Antrag wurde ohne Diskussion verworfen, und schließlich schloss sich die Linke (8 von 38 Delegierten) dem von Trotzki geschriebenen Manifest an (Trotzki war der Initiator des "Zentrums", dem damals ebenso die beiden Delegierten des Spartakus noch angehörten). Gleichzeitig äußerte die Linke jedoch die größten Vorbehalte gegenüber diesem Manifest: "ein inkonsequentes und ängstliches Manifest" (Artikel des "Sozialdemokrat“ vom 11.10.1915 mit der Überschrift "der Erste Schritt"). Um die eigenen Positionen verteidigen zu können, eröffnete die Linke ein "Ständiges Büro der Zimmerwalder Linken", das neben der "Kommission der Sozialistischen Internationalen" existierte. Dieses ständige Büro wurde gleichfalls hauptsächlich von den Bolschewisten getragen.
1916, auf der Kienthaler Konferenz (24.4.) standen die Bolschewisten erneut an der Spitze der Linken, deren Position sich verstärkt hatte (12 von 43 Delegierten), hauptsächlich weil die Spartakisten sich den Linken angeschlossen hatten. Dies bestätigt die Richtigkeit der von den Linken auf der Zimmerwalderb Konferenz eingenommenen Haltung.
L917 wurde die Vorbereitung der Oktoberrevolution von Lenin direkt mit dem Kampf gegen den imperialistischen Krieg und für den proletarischen Internationalismus verbunden:
" Man kann nicht aus dem imperialistischen Krieg herausspringen, man kann einen demokratischen, nicht auf Gewalt basierenden Frieden nicht erzielen ohne den Sturz der Herrschaft des Kapitals, ohne den Übergang der Staatsmacht an eine andere Klasse, an das Proletariat..."
" Die internationalen Pflichten der Arbeiterklasse Russlands treten gerade jetzt mit besonderem Nachdruck in den Vordergrund."
" Es gibt nur einen wirklichen Internationalismus: die hingebungsvolle Arbeit an der Entwicklung der revolutionären Bewegung und des revolutionären Kampfes im eigenen Lande, die Unterstützung (durch Propaganda, durch moralische und materielle Hilfe) eben eines solchen Kampfes, eben einer solchen Linie und nur einer solchen allein, in ausnahmslos allen Ländern." (Aus "Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution", April 1917, Lenin, in Gesammelte Werke,Bd.2, S. 60, 67, 68).
" Dem russischen Proletariat wurde die große Ehre zuteil, zu beginnen, es darf aber nicht vergessen, dass seine Bewegung und seine Revolution nur ein Teil der internationalen, revolutionären, proletarischen Bewegung sind, die, wie zum Beispiel in Deutschland, von Tag zu Tag stärker und stärker wird. Nur unter diesem Gesichtswinkel können wir unsere Aufgaben bestimmen." (Eröffnungsrede zur 7. Gesamtrussischen Konferenz des SDAPR, April 1917).
Im März 1919 wurde die Kommunistische Internationale in Moskau gegründet, deren Hauptaufgabe in dem Namen, den sie sich gegeben hatte, zusammengefasst ist: "Weltpartei der Kommunistischen Revolution". Dies war der Höhepunkt der von den Bolschewisten seit Zimmerwald geleisteten Arbeit. Es war die bolschewistische Partei (die zur "Kommunistischen Partei Russlands" geworden war), die den Kongress einberief; es waren zwei Bolschewiki, Lenin und Trotzki, die die zwei Haupttexte schrieben: "Thesen und Referat über bürgerliche Demokratie und Diktatur des Proletariats" und das "Manifest". Und nicht nur weil die Revolution in Russland stattfand, zählten zwei Mitglieder des Exekutivkomitees der Komintern (Lenin und Sinowjew) schon zu den 3 Mitgliedern des "Ständigen Büros der Zimmerwalder Linken". Dies war vielmehr ein Ausdruck des standfesten Internationalismus, für welchen die Bolschewiki eingetreten waren, bevor das Zurückweichen der Revolution sie in das Lager des Feindes riss. So handelten die Bolschewiki inmitten der Erschütterungen des kapitalistischen Systems am Anfang des Jahrhunderts. Und dennoch gibt es immer noch Revolutionäre, die behaupten, es habe sich um eine bürgerliche Strömung gehandelt. Untersuchen wir ihre Argumente.
l) DER"SUBSTITUTIONISMUS"DER BOLSCHEWIKI
"Das tragende Prinzip der Politik des Bolschewismus ist jakobinisch: Machtergreifung und Machtausübung durch die Organisation." "Als Führerbewegung der jakobinischen Diktatur hat der Bolschewismus in allen seinen Phasen konsequent den Gedanken der Selbstbestimmung der Arbeiterklasse bekämpft und die Unterwerfung des Proletariats unter die bürokratisierte Organisation verlangt." ("Thesen über den Bolschewismus" 21 und 42)
Bevor wir fortfahren, wollen wir Lenin zitieren, um einiges richtig zu stellen:
„Wir sind keine Utopisten. Wir wissen: Nicht jeder ungelernte Arbeiter und jede Köchin sind imstande, sofort an der Verwaltung des Staates mitzuwirken. Darin stimmen wir sowohl mit den Kadetten als auch mit der Breschkowsjkaja und mit Zereteli überein. Wir unterscheiden uns jedoch von diesen Bürgern dadurch, dass wir den sofortigen Bruch mit dem Vorurteil verlangen, als ob nur Reiche oder aus reichen Familien stammende Beamte imstande wären, den Staat zu verwalten, gewohnheitsmäßige, tägliche Verwaltungsarbeit zu leisten. Wir verlangen, dass die Ausbildung für die Staatsverwaltung von klassenbewussten Arbeitern und Soldaten besorgt und dass sie unverzüglich in Angriff genommen werden, d.h. dass unverzüglich begonnen werde, alle Werktätigen, die ganze arme Bevölkerung, in diese Ausbildung einzubeziehen«.. Selbstverständlich sind bei den ersten Schritten dieses neuen Apparats Fehler nicht zu vermeiden. ..Kann es denn einen anderen Weg geben, um das Volk zu lehren, sich selbst zu regieren, um Fehler zu überwinden, als den Weg der Praxis, als den sofortigen Übergang zu einer wirklichen Selbstverwaltung des Volkes?... Die Hauptsache ist, den Unterdrückten und Werktätigen Vertrauen in ihre eigenen Kräfte einzuflößen, ihnen in der Praxis zu zeigen, dass sie selbst die richtige, aufs strengste geregelte, organisierte Verteilung des Brotes, aller Nahrungsmittel, der Milch, der Kleidung, der Wohnungen usw. im Interesse der Armen in die Hand nehmen können und müssen... Nimmt man hingegen gewissenhaft, kühn und allerorts die Übergabe des Verwaltungswesens in die Hände der Proletarier und Halbproletarier in Angriff, so wird das einem in der Geschichte beispiellosen revolutionären Enthusiasmus in den Massen wecken und die Kräfte des Volkes im Kampf gegen das Elend derart vervielfachen, dass vieles von dem, was unsere alten, bürokratischen Kräften unmöglich erscheint, sich als durch führbar erweisen wird für die Kräfte der Millionenmasse, die beginnt, für sich selbst zu arbeiten, die nicht für den Kapitalisten, nicht für das Herrensöhnchen, nicht für den Bürokraten, nicht unter Zwang arbeitet." (Lenin, Gesammelte Werke, Band II, S. 470) zitiert aus: "Werden die Bolschewiki die Staatsmacht
behaupten ?")
So drückte sich Lenin, der "Jakobiner" aus! "Aber", werden manche sagen, "dies war vor der Oktoberrevolution. Diese Sprache war reine Demagogie, und sie hatte keinen anderen Zweck als das Vertrauen der Massen zu gewinnen, um die Macht besser anstelle der Massen übernehmen zu können. Nachher hat sich das alles geändert!
Also, sehen wir mal nach, was Lenin-"Robespierre" nach der Oktoberrevolution sagte:
" Mag die korrupte bürgerliche Presse jeden Fehler, den unsere Revolution begeht, in die Welt hinausposaunen. Wir fürchten unsere Fehler nicht. Mit Beginn der Revolution sind die Menschen nicht zu Heiligen geworden. Makel- und fehlerlos die Revolution zu Ende zu führen, das können die werktätigen Klassen nicht, die Jahrhunderte hindurch ausgebeutet, gewaltsam niedergehalten und in den Schraubstock der Not, der Unwissenheit und der Verwilderung gepresst wurden... Auf je hundert unserer Fehler, von denen die Bourgeoisie und ihre Speichellecker (unsere Menschewiki und die Rechtssozialrevolutionäre darunter) in die Welt hinausschreien, kommen zehntausend Heldenakte, die um so größer und um so heldenhafter sind, da sie einfach und unscheinbar sind, sich im Alltag des Fabrikviertels oder des entlegenen Dorfes abspielen und von Menschen vollbracht werden, die nicht gewohnt sind (und auch keine Möglichkeit dazu haben), jeden ihrer Erfolge in die Welt hinauszutrompeten.
Aber wenn auch das Gegenteil der Fall wäre,...wenn selbst auf hundert unserer richtigen Schritte zehntausend Fehler entfielen, ja, auch dann noch wäre unsere Revolution groß und unbesiegbar; und sie wird auch vor der Weltgeschichte groß und unbesiegt dastehen, denn zum ersten Mal geschieht es, dass nicht die Minorität, nicht die Reichen und Gebildeten, sondern die wirklichen Volksmassen, die ungeheure Majorität der Werktätigen selbst, ein neues Leben aufbauen, selbst, aus EIGENER ERFAHRUNG, über die schwierigsten Fragen sozialistischer Organisation entscheiden.
Ein jeder Fehler in dieser Arbeit, in dieser gewissenhaftesten und aufrichtigsten Mitwirkung von zehn Millionen einfacher Arbeiter und Bauern an der Neugestaltung ihres ganzen Lebens -, ein jeder solcher Fehler wiegt Tausende und Millionen "fehlerloser" Erfolge der ausbeutenden Minorität auf... denn nur an diesen Fehlern werden die Arbeiter und die Bauern lernen,
das neue Leben aufzubauen, werden lernen, ohne die Kapitalisten auszukommen; nur so werden sie sich den Weg, durch tausend Hindernisse hindurch, zum siegreichen Sozialismus bahnen." (Lenin, in "Brief an die amerikanischen Arbeiter", 20.August 19l8, in "Die Kommunistische Internationale", Nr. 31-32,'Seite 53).
Dieses Zitat schwächt ein wenig das Bild ab, das oft von Lenin vermittelt wird, wonach er als höhnisches Schreckgespenst dargestellt wird, nur um seine diktatorische Macht und die "pausenlose Bekämpfung der Idee dar Selbstbestimmung der Arbeiterklasse" besorgt. Man könnte Dutzende von anderen Texten aus den Jahren 1917, 19l8, 1919 zitieren, die die gleiche Idee ausdrücken. Wahrhaftig trifft es jedoch zu, dass Lenin und die Bolschewisten eine falsche, von der bürgerlichen Revolution herrührende Auffassung vertrat: die Übernahme der politischen Macht durch das Proletariat bestünde in der Machtübernahme durch die Partei. Aber diese Auffassung wurde vertreten von allen Strömungen der II. Internationalen - den Linken eingeschlossen. Gerade die Erfahrung der Revolution in Russland und ihre Degenerierung ermöglichte es, den grundlegenden Unterschied zwischen der proletarischen und der bürgerlichen Revolution hinsichtlich dieser Frage zu begreifen. Bis zum Ende ihres Lebens im Januar 1919 vertrat beispielsweise Rosa Luxemburg, deren Differenzen mit den Bolschewisten über die Organisationsfrage bekannt sind, die gleiche falsche Auffassung: "Der Spartakusbund wird nie anders die Regierungsgewalt übernehmen als durch den klaren, unzweideutigen Willen der großen Mehrheit der proletarischen Masse."("Was will der Spartakusbund?" in Gesammelte Werke, Bd.4, S. 450).
Muss man daraus schließen, das Rosa Luxemburg selbst eine "bürgerliche Jakobinerin" war? Für welche Art "bürgerliche Revolution" kämpften sie und die Spartakisten im industrialisierten Deutschland des Jahres 1919? Vertrat sie vielleicht diese Position, weil sie vorher eine Führerin der SDKP (Sozialdemokratie des Königreiches Polen) gewesen war, die auch in den polnischen und litauischen Provinzen des zaristischen Russlands aktiv war, in denen nur eine "bürgerliche Revolution auf der Tagesordnung der Geschichte stand"? So lächerlich dies klingen mag, gleicht es dem Argument, nach welchem Lenin, der die meiste Zeit seines Lebens als Militant in Deutschland, der Schweiz, England und Frankreich verbracht hatte (d.h. in den damals am weitesten entwickelten Ländern), als ein "reines Produkt des Bodens Russlands" und der bürgerlichen Revolution, die die Gesellschaft dieses Landes erzeugt hätte, dargestellt wird.
2) DIE AGRARFRAGE
"Sie (die Bolschewiken) drückten in ihrer Agrar-Praxis und ihren Bauernlosungen (Friede und Land) vollkommen das Interesse der um Sicherung von Kleinprivatbesitz, also auf kapitalistischer Linie kämpfenden Bauern aus und waren so in der Agrarfrage rückhaltlos Verfechter des kleinkapitalistischen, also nicht des sozialistisch-proletarischen Interesses gegen den feudalen und kapitalistischen Großgrundbesitz." (Thesen... Nr.46).
Hier müssen wir erneut den wirklichen Sachverhalt richtig stellen.
Wenn die Bolschwisten in dieser Frage Fehler begangen haben, müssen wir ihre wirklichen Positionen kritisieren, so wie es Rosa Luxemburg in ihrer Schrift "Die Russische Revolution" getan hat, und nicht eine zum Zwecke der Beweisführung eines Arguments erfundene Position kritisieren. Das Folgende steht in dem "Dekret über Grund und Boden", ein von Lenin eingebrachter Antrag, der auf dem 2. Gesamtrussischen Sowjetkongress genau an dem Tag des Oktoberaufstandes angenommen wurde:
„Das Privateigentum an Grund und Boden wird für immer aufgehoben, der Boden darf weder verkauft noch gekauft, weder in Pacht gegeben noch verpfändet, noch auf irgendeine andere Weise veräußert werden. Der gesamte Boden: die Staatsapanage-, Kabinetts-, Kloster-, Kirchenland usw. wird entschädigungslos enteignet, zum Gemeineigentum des Volkes erklärt und allen, die ihn bearbeiten, zur Nutzung übergeben. ... Ländereien mit hoch entwickelten Wirtschaften: Gärten, Plantagen, Pflanzschulen, Baumschulen, Gewächshäuser usw., unterliegen nicht der Aufteilung, sondern werden in Musterwirtschaften umgewandelt und je nach ihrer Größe und Bedeutung dem Staat oder den Gemeinden zur ausschließlichen Nutzung übergeben." (Gesammelte Werke, Band II, S. 536, Abschnitt über "Bäuerlicher Wählerauftrag zur Bodenfrage")
Dies unterscheidet sich vollkommen von der "Verteidigung eines kleinen Privatbesitzes auf der Grundlage kapitalistischer Interessen". Diese sind "für immer abgeschafft".
Die Verordnungen dieses Dekrets werden außerdem im "imperativen Bauernmandat zur Frage des Bodens" wortwörtlich übernommen, der im August 1917 auf der Grundlage von 242 lokalen Bauernmandaten aufgesetzt wurde. In seinem Bericht liefert Lenin dafür eine Erklärung:
"Hier werden Stimmen laut, das Dekret selbst und der Wählerauftrag seien von den Sozialrevolutionären abgefasst worden. Sei's drum. Es ist einerlei, von wem sie abgefasst worden sind; als demokratische Regierung können wir einen Beschluss der Volksmassen nicht umgehen, selbst wenn wir mit ihm nicht einverstanden wären. Wenn die Bauern das Dekret in der Praxis anwenden und an Ort und Stelle durchführen, so werden sie in der lebendigen Wirklichkeit selbst erkennen,
wo die Wahrheit liegt... Das Leben ist der beste Lehrmeister, es wird sich zeigen, wer recht hat; mögen die Bauern an die Lösung dieser Frage von dem einen Ende herangehen und wir von dem anderen. (ebenda, S. 537)
Die Position der Bolschewisten war eindeutig: falls sie den Bauern Zugeständnisse machten, dann deshalb, weil sie ihnen ihr Programm nicht aufzwingen wollten. Das hieß aber noch lange kein Verzicht auf das Programm. In dem Augenblick, als das Dekret angenommen wurde, hatten die Bauern übrigens schon fast überall angefangen, das Land aufzuteilen. Was den Ruf "das Land den Bauern" angeht, war es kein Produkt der "erbarmungslosen Verteidiger der kleinkapitalistischen Interessen", sondern ein Versuch, alle bürgerlichen und versöhnlerischen Parteien zu entlarven, die Menschewisten und die Sozialrevolutionäre, die die Bauern mit dem Versprechen der Landreform nur betrügen wollten, denn sie hatten weder die Absicht noch die Mittel, diese Reformen durchzuführen. In dieser Hinsicht bestätigten diese Parteien nur das, was Lenin und die ganze marxistische Linke seit Jahren unaufhörlich wiederholten: die Bourgeoisie in den unterentwickelten Ländern war unfähig geworden, irgendeine "fortschrittliche historische" Aufgabe durchzuführen, insbesondere die feudalen Strukturen und Gesetze zu zerstören, und den Bauern das Land zuzuteilen, so wie es die Bourgeoisie in den fortgeschrittenen Ländern zu Beginn des Kapitalismus gemacht hatte. Jedoch beging Lenin einen Fehler, als er annahm, dass diese von der Bourgeoisie unvollendeten Aufgaben von dem Proletariat übernommen werden konnten. Die Bourgeoisie war unfähig geworden, diese Aufgaben zu erfüllen, weil diese Aufgaben historisch nicht mehr verwirklichbar waren: sie entsprachen weder einer Notwendigkeit, noch dem neuesten Stand der Produktivkräfte, und sie standen in der Tat in Widerspruch zu den neuen Aufgaben, vor welchen die Gesellschaft stand. Rosa Luxemburg betonte zurecht, dass die Aufteilung von Grund und Boden "vor der Umgestaltung der Agrarverhältnisse im sozialistischen Sinne unüberwindliche Schwierigkeiten auftürmte." (Ges.Werke, Bd.4,S.343) Demgegenüber rief sie zur "Nationalisierung des großen und mittleren Grundbesitzes, Vereinigung der Industrie und der Landwirtschaft" auf. Anstatt die Bolschewisten als die "Verteidiger von kleinkapitalistischen Interessen" zu verurteilen, schrieb sie ganz richtig:
"Dass die Sowjetregierung in Russland diese gewaltigen Reformen nicht durchgeführt hat - wer kann ihr das zum Vorwurf machen? Es wäre ein übler Spaß, von Lenin und Genossen zu verlangen oder zu erwarten, dass sie in der kurzen Zeit ihrer Herrschaft, mitten im reißenden Strudel der inneren und äußeren Kämpfe, von zahllosen Feinden und Widerständen ringsherum bedrängt, eine der schwierigsten, ja, wir können ruhig sagen, die schwierigste Aufgabe der sozialistischen Umwälzung lösen oder auch nur in Angriff nehmen sollten! Wir werden uns, einmal zur Macht gelangt, auch im Westen und unter den günstigsten Bedingungen an dieser harten Nuss manchen Zahn ausbrechen, ehe wir nur aus den gröbsten der tausend komplizierten Schwierigkeiten dieser Riesenaufgabe heraus sind". (R.L. "Zur Russischen Revolution" in Ges.Werke, Bd.4, S. 343).
3) DIE NATIONALE FRAGE
" Der Appell des Bolschewismus an die internationale Arbeiterschaft war nur eine Seite einer groß angelegten Politik der internationalen Stützung der russischen Revolution. Die andere Seite war die Politik und Propaganda der "nationalen Selbstbestimmung" der Völker, in der der Klassenbegriff noch stärker als im Begriff der "Volksrevolution" zu Gunsten eines allgemeinen Appells an alle Klassen bestimmter Völker aufgegeben worden ist." (Thesen...These-Nr. 46).
Es fällt schwer zu glauben, dass die russische Sozialdemokratie seit ihrer Gründung 1898 (und nicht nur die Bolschewisten),sowie die internationale Sozialdemokratie den Ruf des "Rechtes auf Selbstbestimmung der Nationen" im Hinblick auf eine Verteidigungstaktik einer Revolution angenommen hatten, die 1917 stattfand, obgleich niemand in diesem Land und unter diesen Bedingungen sie vorausgesehen hatte. Soll man glauben, dass Gorter und Pannekoek,
die die Position Lenins in dieser Frage kritisierten, eine zukünftige Verteidigung der "bürgerlichen Revolution in Holland" vor Augen hatten, als sie ausnahmsweise die "Selbstbestimmung" des niederländischen Indiens befürworteten?
Was das "Aufgeben der Klassenziele" angeht, sehen wir einmal nach, was Lenin inmitten der Polemik mit Rosa Luxemburg zu dieser Frage, meinte:
"Die Sozialdemokratie als Partei des Proletariats betrachtet es als ihre Hauptaufgabe an der freien Selbstbestimmung nicht der Völker und Nationen mitzuarbeiten, sondern an der des Proletariats einer jeden Nationalität. Wir haben immer das engste Bündnis des Proletariat aller Nationalitäten bedingungslos unterstützt und nur in besonderen, in Ausnahmefällen können wir Forderungen nach einem neuen Klassenstaat oder nach der Ersetzung einer umfassenden politischen Einheit des Staats durch eine lose föderative Union vortragen." (Iskra, 44, Übersetzung von IKS)
Nach dieser notwendigen Richtigstellung, - denn die Beschimpfer des "bürgerlichen" Bolschewismus kennen meistens weniger als die bedingungslosen Verfechter des Bolschewismus -, müssen wir ohnehin bestätigen, dass das "Recht auf nationale Selbstbestimmung" entschieden zurückgewiesen werden muss. Und dies aufgrund des verkehrten theoretischen Inhaltes dieser Position, und vor allem weil die Erfahrung gezeigt hat, was aus dieser Forderung geworden ist, wozu sie in der Praxis gebraucht wurde. Die IKS hat eine ganze Reihe von Texten über diese Frage veröffentlicht, insbesondere die Broschüre "Nation oder Klasse", wir brauchen deshalb hier nicht länger darauf einzugehen. Jedoch müssen wir auf die Bedeutung dieser Frage bei den Bolschewiki hinweisen, und den grundlegenden Unterschied zwischen einem Fehler und einem Verrat herausstellen. Lenin und die Mehrheit der Bolschewisten, die von den Interessen der sozialistischen Weltrevolution ausgingen glaubten an eine mögliche Verwendung der Forderung nach dem "Recht auf nationale Selbstbestimmung" gegen den Kapitalismus. In dieser Hinsicht haben sie sich vollständig getäuscht. Die Renegaten und Verräter aller Art, von den Sozialisten bis zu den Stalinisten, haben aber diese Position dazu benutzt, ihre konterrevolutionäre Politik zu vertreten, um den nationalen und internationalen Kapitalismus zu bewahren und zu stärken. Hier liegt der Unterschied. Aber dieser Unterschied ist so schwerwiegend, dass er eine Klassengrenze ausmacht.
Die Renegaten und Verräter des Proletariats versuchen natürlich, sich besser zu tarnen, indem sie diesen oder jenen falschen Satz Lenins zur Rechtfertigung von Schlussfolgerungen verwenden, die dem unaufhörlichen Streben Lenins vollkommen entgegengesetzt sind. Aber es ist stupide, wenn Revolutionäre auch noch dabei helfen, den Unterschied zwischen den Schuften und Lenin zu verwischen. Es ist schwachsinnig zu behaupten, dass Lenin das Recht auf "Selbstbestimmung" der Völker und auf die Loslösung von Russland gefordert hätte, um die „nationalen Interessen der bürgerlichen Revolution zu vertreten. Wenn wir sagen, dass die "Befreiung" der Kolonien, die formale "Unabhängigkeit" mit den Interessen der Kolonialmächte nicht unvereinbar ist, verstehen wir darunter, dass der Imperialismus sich sehr gut an diese formale Unabhängigkeit anpassen kann. Das heißt aber nicht, dass der Imperialismus diese Politik mit "gutem Willen" und mit Gleichgültigkeit durchführt. All diese "Befreiungen" waren das Ergebnis interner Kämpfe, Interessenzusammenstöße zwischen verschiedenen Bourgeoisien und internationaler Intrigen der sich bekämpfenden Imperialismen. Stalin zeigte später auf blutige Weise, dass die Interessen Russlands nicht gerade in der Unabhängigkeit der angrenzenden Länder lagen und eher die gewaltsame Einverleibung in das große russischen Reich verlangten.
Erklären heißt nicht rechtfertigen. Aber jene, die zur Verurteilung einer falschen Position das "Recht der Volker auf Selbstbestimmung" mit der gewaltsamen Einverleibung verwechseln, die Lenin und Stalin durcheinander werfen, verstehen überhaupt nichts und machen aus der Geschichte ein wirres Durcheinander. Lenin sah im "Recht der Nationen auf Selbstbestimmung" vor allem eine Möglichkeit zur Verurteilung des Imperialismus, nicht so sehr des Imperialismus anderer Länder als viel mehr den des "eigenen" Landes, der "eigenen" Bourgeoisie. Dass diese Position Lenins zu Widersprüchen führte, ist nicht zu leugnen, und der folgende Abschnitt zeigt es:
" Die Lage ist zweifellos sehr verwirrt, aber es gibt aus ihr einen Ausweg, bei dem ALLE Beteiligten Internationalisten bleiben: die russischen und die deutschen Sozialdemokraten, indem sie die bedingungslose "FREIHEIT der Lostrennung" Polens verlangen, und die polnischen Sozialdemokraten, indem sie für die Einheit des proletarischen Kampfes in einem kleinen Lande und den großen Ländern kämpfen, ohne für die gegebene Epoche oder die gegebene Periode die Losung der Unabhängigkeit Polens aufzustellen." (Lenin: "Die Ergebnisse der Diskussion über die Selbstbestimmung", in Gesammelte Werke, Bd. 22, S. 359).
Aber dieser Abschnitt hebt ebenso hervor, dass die Widersprüche, die "sehr verwirrte Lage", zu welchen ihn seine Analyse führte, zweifellos von einem unnachgiebigen internationalistischen Bestreben geleitet wurden. Als Lenin diesen Text verfasste, war die Sozialdemokratie die wichtigste konterrevolutionäre Kraft. Er nannte sie "Sozialimperialisten", "sozialistisch in Worten, imperialistisch in Taten." Ohne die Hilfe der Sozialdemokratie hätte der Kapitalismus nie die Arbeiter in die große Schlachterei des Weltkrieges führen können. Diese "Sozialisten" rechtfertigten dies im Namen der nationalen Interessen der Arbeiter, die sie angeblich mit der Bourgeoisie gemeinsam hätten. Für sie bedeutete der imperialistische Krieg die Verteidigung der Freiheit, der Errungenschaften der Arbeiter, der Demokratie, alles Werte, die von den "bösartigen ausländischen Imperialisten" bedroht worden wären. Diese Lügen und die falschen Sozialisten zu entlarven, war die erste Pflicht, die wichtigste Aufgabe eines jeden Revolutionärs. Für Lenin war die Losung des Rechtes der Völker auf Selbstbestimmung Teil dieser Aufgabe.
Es ging ihm nicht um die Verteidigung der russischen Interessen. sondern vielmehr um die Entlarvung der Interessen der nationalen und internationalen Bourgeoisie. Er denunzierte eindeutig die Befürworter einer Teilnahme am imperialistischen Krieg:
"Wer sich jetzt auf Marx' Stellungnahme zu den Kriegen in der Epoche der fortschrittlichen Bourgeoisie beruft und Marx`s Worte "die Arbeiter haben kein Vaterland" vergisst - diese Worte, die sich gerade auf die Epoche der reaktionären, überlebten Bourgeoisie beziehen, auf die Epoche der sozialistischen Revolution -, der fälscht Marx schamlos und ersetzt die sozialistische Auffassung durch die bürgerliche."(Lenin, "Sozialismus und Krieg", Gesammelte Werke, Bd. 21, S. 310).
4) DER "TAKTISCHE" INTERNATIONALISMUS
" Ihr revolutionärer Internationalismus war jedoch ebenso von ihrer Taktik im Kampf um die russische Revolution bestimmt wie etwa später ihre Umstellung zur NEP-Politik in Russland." (Thesen... Nr.50) " Die einzige wirkliche Gefahr, die der russischen Revolution drohte, war die Gefahr des Eingriffs der imperialistischen Mächte... Das Problem der aktiven Gegenwehr des Bolschewismus gegen den Weltimperialismus bestand also darin, den Angriff auf ihn in den Zentren seiner Macht selbst vorzutragen. Das geschah durch die doppelseitige internationale Politik des Bolschewismus." (Nr.5l).
" Der Begriff der "Weltrevolution" hat für die Bolschewiken also einen ganz anderen Klasseninhalt. Er hat nichts mehr mit dem Gedanken der internationalen proletarischen Revolution gemein." (Nr. 54)
Das ist eine weitere, über die Bolschewisten verbreitete alte Lügengeschichte: danach war ihr Internationalismus nur taktisch und dazu bestimmt: l. das Vertrauen der kriegsmüde gewordenen Volksmassen zu gewinnen) 2. die Arbeiterbewegung auf der ganzen Welt einer Politik der Verteidigung des russischen kapitalistischen Staates zu unterwerfen.
Was das erste Argument angeht, verweisen wir die Leser auf die Stellungnahmen der Bolschewisten lange vor Kriegsausbruch, insbesondere auf die internationalen Kongresse 1907 und 1912. Weiterhin hatte die bolschewistische Auffassung des Kampfes gegen den Krieg überhaupt nichts gemeinsam mit den Positionen der pazifistischen Teile der Bourgeoisie, die einige Arbeiter beeinflussten. Anstatt einen "demokratischen Frieden ohne Annexionen" zu fordern, "dem Krieg den Krieg zu erklären", haben sie als erste in der Arbeiterbewegung den wirklich revolutionären Kampfruf vorgebracht: "Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg." Ebenso haben sie jegliche Illusion des Pazifismus gnadenlos denunziert. Falls ihr einziges Vorhaben gewesen wäre, "die Massen zu gewinnen, um die Macht zu übernehmen", warum haben sie es dann als notwendig empfunden, Kampfrufe hervorzubringen, die sie von den Massen isolierten» diese Massen, die in der Idee des "Kampfes bis zum Ende" verfangen waren- zunächst in der chauvinistischen Form und danach in der Gestalt der "revolutionären Verteidigung"? Die Verleumder der Bolschewisten antworten: "weil sie vorausgesehen hatten, dass die durch den Krieg und die damit verbundenen Notlagen ermüdeten Massen sich schließlich doch zu den Bolschewisten hinwenden würden." Aber warum haben dann Plechanow, die Menschewisten, die Sozialrevolutionäre, Kerenski, alle Fraktionen der Bourgeoisie, die ebenfalls die Macht ergreifen wollten, nicht ebenso zum "revolutionären Defätismus" aufgerufen? Mit anderen Worten, warum haben sie nicht behauptet, dass eine Niederlage ihres Landes im imperialistischen Krieg den Interessen des russischen Proletariats entsprach? Diese Strömungen hätten ebenfalls die "internationalistische Karte" spielen sollen, da dies die richtige war; ein Trumpf, der nicht mit den Interessen des russischen Kapitals stand, da laut den Rätekommunisten, die Bolschewisten die gleichen bürgerlichen Interessen vertraten« Ist der Unterschied zwischen den Bolschewisten und all den anderen kein Klassenunterschied, sondern nur ein Unterschied in der klaren Voraussicht, der Intelligenz? Darauf läuft die Analyse dieser professionellen Verleugner hinaus! Aber wie soll man denn folgendes begreifen, wie ist es möglich, dass alle am weitesten fortgeschrittenen Elemente des Weltproletariats (die "Spartakisten" und die Gruppe "Arbeiterpolitk" in Deutschland, die Gruppe um Loriot in Frankreich, um Russel Williams oder die "Trade Unionisten" in Eng-lind, MacLean in Schottland, die "Sozialistische Arbeiterpartei" in den USA, die Gruppe "De Tribune" in Holland, die Partei der „Jungen oder der Linken“ in Schweden, die "Tesnjaki" - Engherzigen - in Bulgarien, das "Nationale Büro" und das "allgemeine Büro" in Polen, die Linkssozialisten in der Schweiz, die Gruppe des "Karl-Marx-Klubs" in Österreich usw.), von denen die große Mehrheit an der Spitze der großen Klassenkämpfe nach dem Krieg stand, dass all diese Elemente (die zukünftigen "Rätekommunisten" eingeschlossen) gleiche oder ähnliche Positionen wie die Bolschewisten in der Frage des Krieges vertraten? Warum haben all diese Elemente mit den Bolschewisten innerhalb der Zimmerwalder und der Kienthaler Linken zusammengearbeitet? Im allgemeinen bestreiten die Rätekommunisten den proletarischen Charakter dieser Strömungen nicht (und mit gutem Grund). Warum aber behaupten sie, dass das, was die Bolschewisten von den Menschewisten unterschied, nur eine Frage der Intelligenz war, während der gleiche Gegensatz zwischen den Spartakisten und der Sozialdemokratie eine Klassengrenze aufdeckte? In Deutschland gelang es einen im Vergleich zu Russland viel älteren, mächtigeren und erprobteren Kapitalismus nicht, das zu tun, wozu der in vielen Hinsichten schwächere russischen Kapitalismus in der Lage gewesen war: eine politische Strömung hervorzubringen, die geschickt genug war, schon 1907 und insbesondere 1914 internationalistische Kampfrufe vorzubringen, die es ihr im rechten Augenblick ermöglichten, die Unzufriedenheit der Massen zu ihrem Vorteil und zum Vorteil des nationalen Kapitals auszunützen. Das ist die logische Schlussfolgerung der Idee des "taktischen" Internationalismus. Und dieses Paradox ist noch größer, wenn man bedenkt, dass dies die bürgerliche Partei war, die in Zimmerwald die korrekteste Position vertrat, während die proletarischen Spartakisten in den Verwirrungen des "Zentrums" versunken waren. Als die Revolutionärin Rosa Luxemburg diese Verwirrungen in ihrer Broschüre gegen den Krieg in der „Junius Broschüre zum Vorschein kommen lässt, wie folgendes Zitat beweist:
" Ja, die Sozialdemokraten sind verpflichtet, ihr Land in einer großen historischen Krise zu verteidigen. Und darin liegt gerade eine schwere Schuld der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion, dass sie in ihrer Erklärung vom 4. August 1914 feierlich verkündetes "Wir lassen das Vaterland in der Stunde der Gefahr nicht im Stich", ihre Worte aber im gleichen Augenblick verleugnete... Denn die erste Pflicht gegenüber dem Vaterland in jener Stunde war, ihm den wahren Hintergrund dieses imperialistischen Krieges zu zeigen, das Gewebe von patriotischen und diplomatischen Lügen zu zerreißen, womit dieser Anschlag auf das Vaterland umwoben war ...,dem imperialistischen...Programm des Krieges das alte wahrhaft nationale Programm der Patrioten und Demokraten von l848, das Programm von Marx, Engels und Lassalle, die Losung der einigen großen deutschen Republik, entgegenzustellen."(Rosa Luxemburg, Ges.V., Bd. 4, S. 147).
Ist es dann wirklich überraschend, dass gerade der "bürgerliche" Lenin diese Fehler folgendermaßen kritisiert:
"Das Irrige seiner Ausführungen springt in die Augen ... Er schlägt vor, dem imperialistischen Krieg ein nationales Programm "entgegenzustellen". Der fortschrittlichen Klasse schlägt er vor, sich der Vergangenheit und nicht der Zukunft zuzuwenden!... Jetzt ist für die führenden, größten Staaten Europas die OBJEKTIVE Lage eine andere (als 1793 und 1848 - IKS). Die Vorwärtsentwicklung - wenn man von möglichen, vorübergehenden Rückschlägen absieht -, ist zu verwirklichen nur in der Richtung der sozialistischen Gesellschaft, der sozialistischen Revolution." (Lenin, Ges-Werke, Bd.22, S. 321, "Über die Junius-Broschüre")
Schließlich läuft die These des "taktischen" Internationalismus auf die Behauptung hinaus, dass die Haltung gegenüber dem imperialistischen Krieg damals ein zweitrangiger Punkt des proletarischen Programms gewesen wäre, der sich ebenso im Programm einer bürgerlichen Partei hätte befinden können. Das ist vollkommen falsch. In Wirklichkeit steht von 1914 an das Problem des Krieges im Mittelpunkt des Lebens des Kapitalismus. In dieser Frage werden all seine Widersprüche aufgedeckt. Der Krieg bewies, dass das System in die Phase seines historischen Niedergangs eingetreten war, eine Fessel für die Entwicklung der Produktivkräfte geworden war und nur noch durch wiederholte Mordopfer und katastrophenartige Massenmorde überleben kann. Wie immer auch die Interessensgegensätze zwischen den verschiedenen Teilen der Bourgeoisie in einem Land aussehen mochten, zwang der Krieg all diese Fraktionen der Bourgeoisie dazu, sich für die Verteidigung des gemeinsamen Erbes zu mobilisieren: das nationale Kapital und seinen höchsten Vertreter, den Staat. Deshalb wurde 1914 der Burgfrieden zwischen Parteien und Organisationen möglich, die sich jahrzehntelang bekämpft hatten. Trotz der weiterhin bestehenden Konflikte innerhalb der herrschenden Klasse während des Krieges, wurde die Notwendigkeit nie in Frage gestellt, soviel wie möglich vom imperialistischen Kuchen abzubekommen. Die Konflikte drehten sich um die Frage, auf welche Art und Weise jeder am meisten bekommen sollte. Deshalb gab die bürgerliche provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution die Macht übernommen hatte, keines der Ziele auf, die in den diplomatischen Vereinbarungen zwischen dem zaristischen Russland und den Ententeländern festgelegt worden waren. Im Gegenteil war die bürgerliche herrschende Fraktion in der provisorischen Regierung: der Auffassung, dass das zaristische Regime nicht entschlossen genug den Krieg zusammen mit Frankreich und England führte, und dass der Zar dazu neigen konnte, seine Bündnisse zu brechen und Übereinkommen mit Deutschland zu treffen. Deshalb trug sie zum Sturz Nikolaus II. bei. Wenn die Oktoberrevolution wirklich eine „bürgerliche“ Revolution gewesen wäre, mit dem Ziel, das nationale Kapital noch wirkungsvoller zu verteidigen, hätte sie nicht unmittelbar den Frieden als notwendig erklärt, die Veröffentlichung der diplomatischen Geheimverträge durchgeführt und auf alle darin enthaltenen Kriegsbeuten verzichtet. Sie hätte im Gegenteil sofort die notwendigen Maßnahmen für eine wirkungsvollere Kriegsführung ergriffen. Wenn die bolschewistische Partei bürgerlich gewesen wäre, hätte sie nicht an der Spitze aller damaligen proletarischen Parteien gestanden, den imperialistischen Krieg denunziert und die Arbeiter dazu aufgerufen, dem Krieg durch die sozialistische Revolution ein Ende zu setzen. Während des imperialistischen Krieges war der Internationalismus für die Arbeiterbewegung kein zweitrangiger Punkt. Im Gegenteil: er bildete die Klassengrenze zwischen dem proletarischen und dem bürgerlichen Lager. Und dies war nur die Verdeutlichung einer allgemeinen Wahrheit: der Internationalismus gehört einzig und allein der Arbeiterklasse. Sie ist die einzige Klasse in der Geschichte, die kein Eigentum besitzt und deren Herrschaft über die Gesellschaft das Ende aller Eigentumsformen beinhaltet. Als solche ist sie als einzige Klasse dazu in der Lage, den Rahmen territorialer Grenzen zu überwinden (ob regionale für den Adel oder nationale für die Bourgeoisie), die der geopolitische Ausdruck des Bestehens des Eigentums sind, der Rahmen, in welchem die herrschenden Klassen den Schutz und die Verteidigung ihres Eigentums sicherstellen. Und wenn die Bildung von Nationen dem Sieg der Bourgeoisie über den Adel entsprach, so wird das Verschwinden der Nationen nur mit dem Sieg der Arbeiterklasse über die Bourgeoisie möglich sein.
Dies führt uns zu dem zweiten Argument der Rätekommunisten, dessen sie sich zur Unterstützung ihrer Behauptung, der Internationalismus der Bolschewisten sei nur "taktisch" gewesen, bedienen: der Kampfruf um Internationalismus, diente nur dazu, die Arbeiterbewegung auf der ganzen Welt einer Politik der Verteidigung des russischen kapitalistischen Staates zu unterwerfen, und die Komintern war seit ihrer Gründung - so die Rätekommunisten - nur ein Instrument der sowjetischen Diplomatie. Solch eine Auffassung wird auch von G.Sabatier, Mitglied der Gruppe "PIC" (Für eine kommunistische Intervention) in seiner Schrift "Der Vertrag von Brest-Litovsk 19l8, Rückschlag der Revolution" vertreten. Nach diesem Genossen (der immerhin nicht in die menschewistische Haltung der Rätekommunisten hinsichtlich der "bürgerlichen" Natur der Russischen Revolution verfällt): "wurde die III. Internationale mit der unmittelbaren Aufgabe der Verteidigung des russischen Staates in allen Ländern und als Unterstützung der traditionellen Diplomatie auf gefasst."(S.32) Obwohl Sabatier zugibt, dass "mehrere Texte das Vordringen der internationalen proletarischen Bewegung widerspiegeln, wie z.B. das
von Trotzki verfasste Manifest „An die Proletarier der ganzen Welt", geht er davon aus, dass "der vom Kongress verbreitete Aufruf „An die Arbeiter aller Länder“ das bedeutendste Dokument über die tatsachliche Rolle war, die diese Weltorganisation unter dem Schleier der kommunistischen Glaubensbekenntnis spieltet: die Arbeiter wurden vor allen dazu aufgerufen, den Kampf des von den kapitalistischen Staaten bedrohten proletarischen Staates zu unterstützen, und um dies zu tun, sollten die Arbeiter allen möglichen Druck auf ihre Regierungen, falls notwendig einschließlich „revolutionärer Mittel“'(sic !) ausüben. Weiterhin betonte dieser Aufruf die Dankbarkeit, die 'dem
revolutionären russischen Proletariat und seiner führenden Partei, der kommunistischen Partei, den Bolschewisten' geschuldet werden sollte. Somit legte der Aufruf die Grundlagen für die 'Verteidigung der UdSSR“, dem Kult des Parteienstaates."(S.34)
Wenn man seinen Hund totschlagen will, muss man sagen, dass er tollwütig ist! Es ist doch immerhin eine merkwürdige Sache, als bedeutendstes Dokument der tatsächlichen Rolle der Komintern ein einfaches Memorandum zu betrachten, das von Sadoul als Erklärung der franzosischen Delegation auf dem Kongress eingereicht wurde. Und es ist betrügerisch, diesen Text als " vom Kongress ausgegebenen Aufruf" zu bezeichnen, der nicht einmal zur Billigung dem Kongress vorgelegen hat. Somit soll die Komintern in einem zweitrangigen Text als Hauptaufgabe des Weltproletariats die Verteidigung des russischen Staates ausgegeben haben! Dabei verteidigten die von den Bolschewisten geschriebenen Haupttexte des Kongresses (das "Manifest" von Trotzki, "Thesen und Referat zur bürgerlichen Demokratie und Diktatur des Proletariats" von Lenin, die "Plattform" von Bucharin und Albert, die "Resolution zur Stellung gegenüber der sozialistischen Strömungen und der Berner Konferenz" von Sinowjew) folgende Positionen:
+ Denunzierung der sozialistischen Parteien als Agenten der Bourgeoisie und das Bestehen auf der absoluten Notwendigkeit, mit diesen zu brechen;
+ die Denunzierung aller demokratischen und parlamentarischen Illusionen, die noch auf die Arbeiter einwirkten;
+ die Notwendigkeit der gewaltsamen Zerstörung des kapitalistischen Staates;
+ die Machtübernahme durch die Arbeiterräte auf Weltebene und die Einrichtung der Diktatur des Proletariats.
In keinem dieser Texte findet man die geringste Spur eines Aufrufs zur "Verteidigung der UdSSR". Es wäre kein Fehler gewesen, die Arbeiter anderer Länder dazu aufzurufen, der Hilfe ihrer Regierungen an die Weißen Armeen und deren direkte Beteiligung am Bürgerkrieg entgegenzutreten. Darin bestand aber nicht die Hauptrolle der Komintern. Sie fasste sich vielmehr als "die Internationale der offenen Massenaktion, der revolutionären Verwirklichung, die Internationale der Tat" auf. (Manifest der Komintern). Vielleicht behauptet man jetzt, Sadoul sei von den Bolschewisten "ferngesteuert" oder "manipuliert“ gewesen, um den Proletariern ihre Pflicht der "Verteidigung der UdSSR" aufzuzeigen, während dessen die Bolschewisten selbst sich mit "kommunistischen Glaubensbekenntnissen" verschleierten? Dies wäre ein weiterer Beweis der oft erwähnten Doppelrolle der Bolschewisten. Warum hätten aber die Bolschewisten zu einer solchen "Taktik" gegriffen? Wenn sie wirklich bei der Gründung der Internationalen das Hauptziel der Mobilisierung der Arbeiter für die Verteidigung der UdSSR verfolgt hätten, hätten sie solch einen Aufruf in einem der offiziellen Texte des Kongresses einfügen, und ihre tatsächlich große Autorität unter den Arbeitern der ganzen Welt dahinter setzen können. Kann man wirklich vermuten, dass solch ein Aufruf mehr Einfluss auf die proletarischen Massen gehabt haben soll, wenn er auf fast vertrauliche Weise in einem zweitrangigen Dokument veröffentlicht wurde, und dazu noch von einem nicht sehr bekannten Militanten geschrieben, der nicht einmal offizieller Delegierter war (der Vertreter der Zimmerwalder Linken war nämlich Guilbeaux)? Die Unbeständigkeit dieser Argumente ist ein weiterer Beweis für die Unhaltbarkeit der These, die aus der Komintern von Anfang an ein Instrument der russischen kapitalistischen Diplomatie macht.
Nein, Genosse Sabatier und alle anderen Verleumder der Bolschewisten! Die Komintern war bei ihrer Gründung nicht bürgerlich, sie ist es erst nachher geworden, aber gleichzeitig starb sie dann als Internationale, weil es keine Internationale der Bourgeoisie geben kann. Niemals hat eine bürgerliche Revolution eine Internationale hervorgebracht: die "bürgerliche" Revolution von 1917 wäre die einzige Ausnahme. Da die Rätekommunisten wie die Stalinisten
Die russische Revolution auf die gleiche Ebene wie die so genannte chinesische „Revolution“ stellen, "Thesen über die chinesische Revolution" von Cajo Brendel), schulden sie uns eine Erklärung darüber, warum die chinesische Revolution keine neue Internationale hervor gebracht hat.
Wie ist auch zu erklären, wenn die Komintern tatsächlich seit ihrer Gründung nur eine einfache kapitalistische Institution gewesen ist, dass alle lebendigen Kräfte des Proletariats - die zukünftigen linkskommunistischen Strömungen und Elemente eingeschlossen - sich innerhalb der Internationalen zusammengeschlossen hatten? Das Büro der Komintern für Westeuropa wurde von Pannekoek und seinen Freunden geführt. Wie hätte aber auch ein bürgerliches Organ kommunistische Fraktionen hervorbringen können, die während der Konterrevolution als einzige die proletarischen Prinzipien aufrechterhalten haben? Wie ist auch zu erklären, dass während der großen revolutionären Welle der Nachkriegszeit Millionen von kämpfenden Arbeitern sowie die bewusstesten und aufgeklärtesten Militanten der Arbeiterbewegung ganz einfach die falsche Tür geöffnet haben, als sie sich der Komintern anschlossen? Auf diese Frage bringt der Rätekommunismus seine Antwort:
5) DER "MACHIAVELLISMUS" DER BOLSCHEWISTEN
" In ähnlicher Weise haben die Bolschewiki auch Parolen in die Arbeiterschaft hineingeschleudert, wie z.B. die Räteparole. Entscheidend für ihre Taktik war lediglich der momentane Erfolg einer Parole, die durchaus nicht als prinzipielle Verpflichtung der Partei gegenüber den Massen betrachtet wurde, sondern als propagandistisches Mittel einer Politik, die die Machtergreifung der Organisation zum letzten Inhalt erhebt." (Thesen... Nr. 3l)
" Die Errichtung des Sowjet-Staates war die Errichtung der Herrschaft der Partei des Bolschewismus – Machiavellismus."(Th.57).
Nicht der Rätekommunismus hat die Idee des "Machiavellismus" der Bolschewisten und Lenins erfunden, sondern die Bourgeoisie 1917. Danach und im Gefolge die Anarchisten, haben sich die Rätekommunisten an dieser Verleumdung beteiligt. Vorweg wollen wir feststellen, dass solch eine Geschichtsauffassung den Kriminalromanen ähnlich ist, und auch typisch für die Geschichtsauffassung der ausbeutenden Klassen, für welche jegliche soziale Bewegung immer nur ein Ergebnis von "Manipulationen, Anführern und Anstiftern" ist. Von einem marxistischen Standpunkt aus (und die Rätekommunisten nennen sich selbst Marxisten) ist eine solche Auffassung so absurd, dass wir uns zu ihrer Widerlegung auf einige Zitate und Tatsachen in Bezug auf die Handlungen der Bolschewisten beschränken werden. War etwa Lenin ein übler "Machiavellist" und "Demagoge", als er 1917 erklärte:
'Glaubt nicht an Worte. Lasst euch nicht von Versprechungen ködern. Überschätzt eure Kräfte nicht. Organisiert euch in jedem Betrieb, in jedem Regiment, in jeder Kompanie, in jedem Häuserblock. Arbeitet täglich und stündlich an der Organisation, arbeitet daran selber, dieser Arbeit darf man niemanden anderen anvertrauen…Das ist der grundlegende Inhalt aller Beschlüsse dieser Konferenz. Das ist die Hauptlehre aus dem ganzen Verlauf der Revolution. Das ist die einzige Gewähr für den Erfolg.
Genossen Arbeiter ! Wir rufen euch zu schwerer, ernster, unermüdlicher Arbeit auf, die das Klassenbewusste, revolutionäre Proletariat aller Länder zusammenschweißt. Dieser und nur dieser Weg ist der Ausweg aus der Sackgasse, nur er führt zur Erlösung der Menschheit von den Schrecken des Krieges, von dem Joch des Kapitals.(Einleitung zu den Resolutionen der 7. Gesamtrussischen Konferenz der SDAPR/Aprilkonferenz/, Lenin Ges.Werke,II, S.156)
"Es kommt nicht auf die Zahl an, sondern auf den richtigen Ausdruck der Ideen und der Politik des wirklich revolutionären Proletariats. ..Lieber zu zweit bleiben, wie Liebknecht- und das heißt beim revolutionären Proletariat bleiben."(Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution, Lenin Ges.Werke, Band II, S.75,77)
Die Bolschewisten erklärten nicht nur, dass man in bestimmten Situationen isoliert bleiben muss, sondern sie taten es auch jedes Mal, damit die Arbeiterklasse auf das Terrain der Bourgeoisie nicht mitgerissen wurde. Dagegen standen sie wahrscheinlich aus "reiner Demagogie" auf der Seite der Arbeiter und gingen ihnen sogar voraus, als sich die Arbeiterklasse auf die Revolution zubewegte. All das war nur taktisch und seit 1903 haben sie jeden zu täuschen versucht:
- das russische Proletariat, um an die Macht zu kommen;
- das Weltproletariat, um es zur Verteidigung ihrer Macht auszunutzen;
- die russischen Bauern, indem sie ihnen das Land gaben, um es ihnen später wieder besser wegzunehmen;
- die nationalen Minderheiten;
- die russische Bourgeoisie;
- die Weltbourgeoisie.
Und in Wirklichkeit war ihr Machiavellismus so groß, dass es ihnen sogar gelang, sich selbst zu täuschen... Pannekoek erkannte dies, als er schrieb: „Lenin (der jedoch ein Schüler von Marx war) verstand niemals richtig, was der Marxismus wirklich war.“(Pannekoek, „Lenin als Philosoph“)
DIE ENTWICKLUNG DES KLASSENBEWUSSTSEINS DES PROLETARIATS
Wir verteidigen den proletarischen Charakter der Bolschewisten und der Oktoberrevolution nicht, um deren Andenken andächtig in Ehre zu halten. Die Auffassung des bürgerlichen Charakters der Bolschewisten oder der Oktoberrevolution bedeutet aber einen Bruch mit dem Marxismus, dem unabdingbaren theoretischen Instrument des Klassenkampfes, ohne welchen ein Sieg des Proletariats über den Kapitalismus undenkbar ist. Wir haben schon gezeigt, wie die rätekommunistische oder gar die bordigistische Auffassung der Oktoberrevolution von 1917 in Wirklichkeit zu den menschewistischen oder stalinistischen Verirrungen führen. Gleichfalls verhindert jede Auffassung der Bolschewisten als eine bürgerliche Partei das Begreifen des lebendigen Prozesses der Bewusstseinsentwicklung des Proletariats. Die Revolutionäre haben die Aufgabe, diesen Prozess zu beschleunigen, vertiefen und auszudehnen. Dafür müssen sie dessen Verlauf so gut wie möglich verstehen.
An diejenigen, die die Oktoberrevolution als proletarisch, die bolschewistische Partei jedoch als bürgerlich betrachten, sowie an diejenigen, die beiden einen bürgerlichen Charakter zuschreiben, dennoch nicht leugnen können, dass
Die russische Revolution ein wichtiger Bestandteil der Entwicklung der Arbeiterklasse war; zunächst weil in ihr neue Formen politischer Streiks, dem Instrument der Revolution, auftauchten; und dann – das ist von noch größerer Wichtigkeit – weil bei dieser Gelegenheit neue Organisationsformen der kämpfenden Arbeiter, die Sowjets oder Arbeiterräte, zum ersten Mal in Erscheinung getreten sind.“ (Pannekoek, „Die Arbeiterräte“ in : International Council Correspondence, April 36).
An diejenigen richten wir folgende Frage: wie drückte sich in einem so bedeutungsvollen Ereignis für das Leben und den Kampf der Arbeiterklasse das Klassenbewusstsein aus? Ist es möglich, dass solch ein Ereignis nicht von irgendeiner Entwicklung des Klassenbewusstseins begleitet war, da sich die proletarischen Massen in Bewegung gesetzt haben, und sich ganz neue, unbekannte Kampf- und Organisationsformen gegeben haben, und gleichzeitig wie vorher dem Gewicht der bürgerlichen Ideologie unterworfen blieben? Die Frage zeigt schon die Absurdität einer solchen Vorstellung. Aber fand dann diese Bewusstseinsentwicklung in aller Stille statt? Welche Militanten, Zeitungen, Flugblätter haben es ausgedrückt? Geschah diese Ausbreitung durch Gedankenübertragung oder ging es von der millionenfachen, individuellen, gleichartigen Erfahrung aus? War es möglich, dass alle Mitglieder und Bereiche der Klasse sich auf eine homogene, gleichartige Weise entwickelten? Offensichtlich nicht! Aber ist es dann möglich, dass die fortgeschrittensten Elemente und Bereiche isoliert, atomisiert blieben, ohne zu versuchen, sich zusammenzuschließen, um ihre Positionen zu vertiefen, und aktiv im Kampf und im allgemeinen Prozess der Bewusstwerdung einzugreifen? Auch nicht! Welche Organisation oder Organisationen (abgesehen von den Räten, die die ganze Klasse und nicht nur die am weitesten fortgeschrittenen Elemente zusammenfassten) drückten diesen Bewusstwerdungsprozess aus, trug zu dessen Erweiterung und Vertiefung bei?
DIE BOLSCHEWISTISCHE PARTEI?
Manche Verfechter der bürgerlichen Natur der Bolschewisten vermuten, dass diese Partei "dennoch" und auf "verzerrte" Art dieses Bewusstsein ausdrückte. Solch eine Analyse ist unhaltbar. Entweder ist diese Partei aus dem Kapitalismus hervorgegangen, oder sie ist proletarisch, oder kommt aus irgendeiner anderen Klasse der Gesellschaft. Aber falls sie wirklich aus dem Kapitalismus hervorgegangen ist (unter welcher Form auch immer), konnte sie nicht gleichzeitig das Leben des Todfeindes des Kapitalismus (des Proletariates) widerspiegeln. Sie konnte nicht die bewusstesten Elemente dieser Klasse zusammenschließen, sondern im Gegenteil die am meisten mystifizierten Elemente.
DIE ANARCHISTISCHE STRÖMUNG?
Diese Strömung war sehr zersplittert und heterogen. Zwischen einem Kropotkin, der zum Kampf gegen die "preußische Barbarei" aufrief und einem Volin, der selbst während der schlimmsten Zeit des II.Weltkrieges ein Internationalist blieb, besteht eine große Kluft. Der Anarchismus, unfähig sich zu organisieren und ständig zwischen verschiedenen individualistischen, syndikalistischen oder kommunistischen Varianten hin- und hergerissen, lief - ungeachtet seiner großen Anhängerschaft - den Ereignissen hinterher oder verfolgte bis 1917 die gleiche Politik wie die Bolschewisten. Wenn also schon die bewusstesten Elemente der Klasse sich nicht innerhalb der bolschewistischen Partei zusammenschließen konnten, konnten sie es noch weniger in der anarchistischen Strömung.
DIE LINKEN SOZIALREVOLUTIONÄRE?
Hier trifft das gleiche zu: das beste, was diese Strömung überhaupt geleistet hat, hat sie zusammen mit den Bolschewisten gemacht:
gegen die provisorische Regierung Kerenskis zu kämpfen, die Teilnahme am Oktoberaufstand, die Verteidigung der Macht der Räte. Ansonsten betrachteten sie sich hauptsächlich als Verteidiger des kleinen Bauerntums. Nach 1917 kehrte diese Strömung schnell zu ihren Ursprüngen zurück: dem Terrorismus. Falls die Bolschewisten keine Militanten der Klasse waren, waren es die linken Sozialrevolutionäre noch weniger.
Sollen wir somit die bewusstesten Elemente in den Parteien suchen, die an der bürgerlichen provisorischen Regierung teilgenommen hatten, bei den Sozialrevolutionären und den Menschewisten? Vielleicht halten die Rätekommunisten, die die Analysen der Menschewisten übernommen haben, diese Partei für den besten Ausdruck des proletarischen Bewusstseins?
In Wirklichkeit sind die Rätekommunisten vollkommen unfähig, irgendeine dieser Fragen zu beantworten, es sei, sie würden behaupten:
- dass die Ereignisse von l917 entweder überhaupt
kein Klassenbewusstsein hervorgebracht oder ausgedrückt haben,
- oder dass dieses Bewusstsein vollkommen stumm,
atomisiert und individualistisch geblieben sei.
Aber dies sind nicht die einzigen Verirrungen, zu denen die rätekommunistische Auffassung führt. Wie wir gesehen haben, stützt sich ihre Analyse des "bürgerlichen" Wesens der bolschewistischen Partei darauf, dass die Bolschewisten in bestimmten Fragen bürgerliche Positionen vertraten:
+ in der Frage des Substitutionismus
+ in der Agrarfrage
+ in der nationalen Frage
Die Tatsache, dass der Rätekommunismus den Bolschewisten Positionen zuschreibt, die diese niemals vertreten haben (zumindest nicht bis 1917 und auch nicht in den ersten darauf folgenden Jahren) und eine ihnen völlig entgegengesetzte Vorgehensweise und Kohärenz unterstellt, darf nicht davon abhalten, die wirklichen Fehler der Bolschewisten zu erkennen. Auf keinen Fall dürfen die Fehler der Bolschewisten vertuscht werden, wie es z.B. die Bordigisten tun. Die Bolschewisten waren die ersten, die ihre Fehler zugaben, insofern sie sich ihrer bewusst wurden. Aber der Rätekommunismus weigert sich gerade anzuerkennen, dass diese Positionen Fehler waren: aus ihrer Sicht handelt es sich um die klare Verdeutlichung des "bürgerlichen Wesens" der bolschewistischen Partei.
Die Vorgehensweise des Rätekommunismus zeigt eine systematische Befangenheit auf:
wenn, von einem proletarischen Standpunkt aus, die Bolschewisten die korrekteste Position in einer bestimmten Frage vertraten (Bruch mit der Sozialdemokratie, Zerstörung des kapitalistischen Staates, Macht der Arbeiterräte, Internationalismus), dann geschah es "per Zufall" oder als "taktischer Schritt". Wenn sie jedoch gegenüber anderen damaligen revolutionären Strömungen eine Position weniger korrekt vertraten (Agrarfrage, nationale Frage), dann ist es für den Rätekommunismus ein Beweis ihres "bürgerlichen Wesens". Die logische Schlussfolgerung der von den Rätekommunisten verwendeten Kriterien ist die Behauptung, dass alle damaligen proletarischen Parteien der Kapitalistenklasse angehörten.
Für die Rätekommunisten war die III. Internationale und somit die Parteien, die ihr angehörten, von Anfang an ein kapitalistisches Organ. Was muss man dann von der II. Internationalen halten? Vertrat sie in den von der Arbeiterbewegung in Frage gestellten Punkten richtigere Positionen als die III.Internationale und die Bolschewisten? Welche Position vertrat sie z.B. in Bezug auf die nationale Frage, bzw. auf die polnische Frage, die im Mittelpunkt der Kontroverse zwischen Lenin und Luxemburg stand? Die Antwort wird offensichtlich, wenn man weiß, dass Lenin sich in dieser Debatte gerade auf die von Luxemburg bekämpften Resolutionen des Kongresses der Internationalen stützte.
In der Frage der Machtübernahme durch das Proletariat ging die offizielle Position der Internationalen davon aus, dass die Arbeiterpartei diese Aufgabe zu erfüllen habe; in dieser Hinsicht haben weder Lenin noch Rosa etwas Neues erfunden. Dagegen sprach man in den sozialistischen Parteien recht wenig von der Notwendigkeit der Zerschlagung des kapitalistischen Staates. Unzählige weitere Beispiele würden gleichfalls nur hervorheben, dass die falschen Positionen der Bolschewisten ein Erbe der II. Internationalen waren. Der Analyse der Rätekommunisten zufolge war demnach diese Internationale auch ein bürgerliches Organ, in welchem Engels, Luxemburg, Liebknecht, Pannekoek, Gorter irrtümlicherweise jahrelang für die Verteidigung des Kapitalismus gearbeitet hätten! Unbegreiflich bleibt übrigens, warum die I. Internationale eher eine "Arbeiterorganisation" gewesen sei als die nachfolgenden Internationalen. Vielleicht gab ihr die Anwesenheit der Positivisten, Proudhonisten und der Anhänger Mazzinis diesen proletarischen "Atem", der ihren Nachfolgern so sehr fehlte? Muss man bis zum Bund der Kommunisten zurückgreifen, um eine wirklich proletarische Strömung zu finden? Diese Idee vertreten zumindest manche Rätekommunisten. Wir empfehlen ihnen, das Manifest von 1848 nachzulesen; sie werden feststellen müssen, dass die Klasse und die Partei als gleich betrachtet werden, und dass das Programm der konkreten Maßnahmen stark dem Staatskapitalismus ähnelt. Letztendlich führt vielleicht die rätekommunistische Auffassung zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass es nie eine organisierte Arbeiterbewegung gegeben hat, oder eher dass eine solche Bewegung mit ihnen anfängt. Und ebenso hat es niemals vor ihnen Revolutionäre gegeben. Marx und Engels waren wahrscheinlich bürgerliche Demokraten. Wie ist sonst die Position Engels zur Eroberung der Macht durch das Parlament in einer Einleitung aus dem Jahre l895 zu "Klassenkämpfen in Frankreich" zu verstehen, oder auch die Rede von Marx zum gleichen Thema auf dem Haager Kongress im Jahre 1872, sein Glückwunschtelegramm an Lincoln, oder die Haltung von Marx und Engels während der Revolution l848 , als sie sich vom Bund der Kommunisten entfernten und sich der "Demokratischen Gesellschaft" anschlossen?
Wie die bordigistische Analyse, für welche es seit l848 ein unveränderliches und stets gleich bleibendes Programm gibt, ist die rätekommunistische Vorgehensweise vollkommen ahistorisch, weil sie nicht einsehen will, dass das Bewusstsein und die politischen Positionen des Proletariats Ergebnisse seiner historischen Erfahrung sind. Die Auffassung, dass jeglicher Fehler und jegliche bürgerliche Position innerhalb einer politischen Organisation notwendigerweise die Zugehörigkeit dieser Organisation zur Bourgeoisie bedeutet, beruht auf der absurden und der marxistischen Vorgehensweise völlig entgegengesetzten Vorstellung eines von Anfang an "verwirklichten" kommunistischen Bewusstseins. Dieses Bewusstsein ist aber im Gegenteil das Ergebnis eines langen Reifeprozesses, bei welchem theoretisches Nachdenken und Praxis eng miteinander |