Partei, Arbeiterräte, Substitutionismus Teil 1

Submitted by InternationaleRevue on Mit, 15/08/2007 - 13:36.
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In der jungen revolutionären Bewegung, die durch das Wiedererstarken des Klassenkampfes am Ende der 60er Jahre hervorgebracht wurde, war das erste und hartnäckigste Hindernis für den Wiederaufbau einer internationalen Organisation der Revolutionäre das, was im allgemeinen als - der "Rätekommunismus" beschrieben werden kann. Durch den Verfall der Bolschewistischen Partei und durch die Erfahrung mit dem Stalinismus und dem Trotzkismus traumatisiert, erklärten die meisten dieser neuen revolu­tionären Strömungen, daß die Arbeiterklasse keine revolu­tionäre Partei benötige, und einzig und allein die Ein­heitsorgane der Klasse, die Arbeiterräte, für die Ver­wirklichung der kommunistischen Revolution notwendig sei­en. Diesem Standpunkt zufolge sollten die Revolutionäre vermeiden, sich zu organisieren und als Avantgarde im Klassenkampf zu handeln. Einige Strömungen gingen sogar soweit, daß sie jegliche Formen von revolutionären Grup­pen als Halsabschneiderei verwarfen, die von den Bedürf­nissen des Kapitals und nicht vom Proletariat bestimmt wären. Vom Anfang ihres Bestehens an hat unsere inter­nationale Strömung diese Verwirrungen verworfen, und sie ist aktiv interveniert, um sie zu bekämpfen - z.B. auf der internationalen Konferenz, die von der franzö­sischen Gruppe I.C.O. 1969 veranstaltet wurde. Wir ha­ben immer darauf bestanden, daß die Ablehnung des kon­terrevolutionären Erbes des Stalinismus und des Trotz­kismus sowie die notwendige Kritik der Fehler der frühe­ren proletarischen Parteien heute nicht zu der Verwer­fung der Notwendigkeit einer vereinigten Organisation der Revolutionäre führen darf, und wir haben vor der Gefahr eines Unverständnisses gewarnt, wodurch die un­abdingbare Rolle der kommunistischen Partei in der pro­letarischen Revolution nicht erkannt wird. Wenn diese unnachgiebige Verteidigung der Notwendigkeit einer re­volutionären Organisation von den Rätekommunisten und den verschiedenen Libertären als "Leninismus" beschimpft wird, dann ist das un so schlimmer für sie! Die IKS hat sich immer auf die großen historischen Verdienste Lenins und der bolschewistischen Partei als ein Teil unserer eigenen Vergangenheit berufen. Während aber die rätekommunistischen und organisationsfeindlichen Abweichungen in Zeiten der wachsenden Akti­vitäten der Klasse Auftrieb erhalten können, neigen die entgegengesetzten Abweichungen dazu, in den Zeiträumen der Ruhe in der Klasse oder in Niederlagen mehr in den Vordergrund zu rücken. Dann verlieren auch manche Revo­lutionäre ihre Überzeugung von der Fähigkeit des Prole­tariats, autonom zu kämpfen und sein revolutionäres We­sen zu verwirklichen. Heutzutage haben die meisten rä­tekommunistischen Strömungen eine politische Pleite er­fahren. Somit sieht sich die IKS immer mehr mit dem Sub­stitutionismus konfrontiert; nachdem die IKS von den Rätekommunisten als "leninistisch" beschimpft wurde, w wird sie jetzt von den Leninisten "rätekommunistischer Positionen" bezichtigt. Hinzu kommt, daß Organisationen, die ursprünglich ein klares Verständnis der Beziehungen zwischen Partei und Klasse hatten - wie z.B. die "Com­munist Workers' Organisation -CWO" - sich zu offen sub­stitutionistischen Positionen zurückentwickeln. Obwohl der Rätekommunismus mit der Entwicklung des Klassenkamp­fes wohl wieder entstehen kann, halten wir es für wich­tig, die Frage des Substitutionismus jetzt zu behandeln, da diese Ideologie in der heutigen Arbeiterbewegung ein tatsächliches Hindernis für die Entwicklung eines wirk­lichen Verständnisses der positiven Aufgaben der revolu­tionären Partei bedeutet.Gibt es einen Substitutionismus?Manche behaupten, der Substitutionismus wäre gar kein Problem, da die Partei die historischen Interessen des Proletariats verkörpere, könnte sie nicht an Stelle der Klasse handeln. Jedoch sind die Parteien keine meta­physische Abstraktion, sondern reale Körper. Sie sind weder immun gegen die bürgerliche Ideologie, noch von dem Druck der alten Welt befreit. Es gibt genügend Bei­spiele von degenerierten Parteien, oder von den Par­teien, die die Arbeiterklasse verraten haben. Und auch wenn sie die Klasse nicht verraten haben, können sie durchaus gegen das historische Interesse der Klasse handeln.Sicherlich hat eine Gruppe wie die CWO viel gewichtigere Argumente gegen den Begriff des Substitutionismus. Sie geben zu, Substitutionismus könne bedeuten, "daß eine Minderheit der Klasse versuchen könnte, die Aufgaben der gesamten Klasse auszuführen"("(Some Questions for the ICC", Internationale Revue <engl, franz., spanische Aus­gabe> Nr. 12). Aus der Sicht der CWO ist dies eine zu rechtfertigende Kritik an der Auffassung der Blanquisten, wonach eine Minderheit der Klasse ohne die aktive Unter­stützung und die Teilnahme der Mehrheit der Klasse die Macht ergreift; oder gemäß der CWO handelt es sich um eine Beschreibung der objektiven Lage, in der sich die Bolschewisten nach der Isolierung der Revolution befanden. Die CWO findet nichts substitutionistisches daran, daß die Partei "die Macht ergreift", wenn sie die Unter­stützung der Mehrheit der Arbeiterklasse gewonnen hat, und für die CWO gibt es auch keine Verbindung zwischen den Auffassungen der Bolschewisten von der Rolle der Partei im Jahre 1917 und den nachfolgenden Konfrontatio­nen zwischen den Bolschewisten und der Arbeiterklasse in Rußland. Aber somit lassen sie zu viele Fragen unbeant­wortet. Der Kern des Problems liegt nicht darin, die Theorien der Blanquisten zu verwerfen; der Marxismus hat das schon vor langer Zeit getan, und selbst die Bordigisten würden damit übereinstimmen, daß Putsche und Verschwörungen nicht zum Kommunismus führen können. Was wir hier herausstellen wollen, ist, daß gerade die Auffassung von der Machtergreifung durch die Partei -selbst wenn sie dazu demokratisch gewählt wird - eine Spielart des Substitutionismus darstellt, weil sie tat­sächlich bedeutet, daß "eine Minderheit der Klasse ver­sucht, die Aufgaben der gesamten Klasse auszuführen". Und wir werden versuchen aufzuzeigen, daß die Verwir­rungen der Bolschewisten in dieser Frage ein zusätz­licher Faktor in deren späterer Degenereszenz war. Für uns ist das Problem des Substitutionismus keine kluge Erfindung der IKS, sondern eine tief greifende Frage, welche in der gesamten Erfahrung der Geschichte der- Arbeiterklasse verwurzelt ist.DEP HISTORISCHE KONTEXT DER IDEOLOGIE DES SUBSTITUTIONISMUSIm Gegensatz zu jenen, die glauben, daß das kommunisti­sche Programm und die Klassenpartei in einem Raum un­veränderlicher Abstraktionen existieren, sind das Pro­gramm und die Partei der Klasse nichts anderes als hi­storische Produkte der Erfahrung der Arbeiterklasse. Diese Erfahrung wird von den objektiven Bedingungen der kapitalistischen Entwicklung zu einem gegebenen Zeitpunkt bestimmt und gestaltet sowie von dem allge­meinen Niveau des Klassenkampfes und der Klassenakti­vität, welche in dem Rahmen dieser Entwicklung stattfin­det. So waren Marx und Engels schon 1848 in der Lage, eine klare, allgemeine Auffassung von dem Wesen der pro­letarischen Revolution und von den Aufgaben der Kommu­nisten zu entwickeln, aber es war für sie objektiv un­möglich genau zu wissen, wie das Proletariat die Macht ergreifen würde, sowie das Wesen der kommunistischen Partei und ihre Rolle in der Diktatur des Proletariats gestaltet sein würde. Marxens und Engels Illusionen über die Möglichkeit, daß die Arbeiterklasse den beste­henden bürgerlichen Staat übernehmen könnte, konnte nur durch die praktische Erfahrung der Kommune (und das auch nur zu einem Teil) zerstört werden. Auf ähnliche Weise konnte ihre verschwommene Auffassung über das Wesen und die Rolle der Partei nur durch die Entwicklung der orga­nisierten Arbeiterbewegung selber überwunden werden.Wir sollten uns daran erinnern, daß der Marxismus in einem Zeitraum entstand, als selbst bürgerliche poli­tische Parteien gerade erst angefangen hatten, eine ver­einigte und relativ kohärente Gestalt - so wie heute -anzunehmen. Diese Entwicklung wurde durch die Bewegung zum allgemeinen Wahlrecht bestimmt, welches die früheren relativ ungebundenen Parteienkoalitionen unhaltbar mach­te. Damals hatte die Arbeiterbewegung nicht mal eine sehr klare Auffassung von dem Begriff Partei. Daher ist auch die große Unklarheit zu erkennen, als Marx diesen Begriff verwendete. Er benutzte ihn ziemlich unterschieds­los zur Beschreibung von vereinigten Individuen mit einem gemeinsamen Standpunkt, oder der gesamten Klasse, die in einem politischen Kampf gemeinsam handelte, oder einer kommunistischen Avantgardeorganisation, oder einer losen Verbindung von verschiedenen Strömungen und Tendenzen. Somit muß der berühmte Satz aus dem Kommunistischen Ma­nifest "diese Organisation der Proletarier zur Klasse, und damit zur politischen Partei..."als eine tiefgrei­fende Aussage über das politische Wesen des Klassenkamp­fes und die Notwendigkeit einer politischen Partei des Proletariats verstanden werden, sowie als ein Ausdruck der Unreife der Bewegung, die damals noch keine klare Definition der Partei als ein Teil der Klasse erarbeitet hatte.Der gleiche Mangel an Klarheit machte sich unvermeidba­r in den Auffassungen der Marxisten von den Auf­gaben der Partei in der proletarischen Revolution bemerkbar: "Obgleich die Revolutionäre in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg den Schlachtruf der I. Internationalen "Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Ar­beiter selbst sein" aufgriffen, neigten sie dazu, die Eroberung der Macht durch das Proletariat mit der Über­nahme der Macht durch die proletarische Partei gleichzu­setzen. Die einzigen Beispiele von Revolutionen, die ihnen für ihre Untersuchung zur Verfügung standen, waren bürgerliche Revolutionen; Revolutionen, in denen die Macht einer politischen Partei übertragen werden konnte. Solange wie die Arbeiterklasse nicht ihre eigenen Er­fahrung gemacht hatte, konnten die Revolutionäre diese Frage nicht begreifen" (Die gegenwärtigen Aufgaben der Revolutionäre, aus "Revolution Internationale", Organ der IKS in Frankreich, Nr. 27).Dieses ideologische Erbe der bürgerlichen Revolution wurde durch die allgemeinen Bedingungen, unter denen in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts der Klassenkampf stattfand, verstärkt. Nach dem blutigen Ende der auf­ständischen Kämpfe in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts (welche es Marx ermöglicht hatten, das kommunistische Wesen der Arbeiterklasse und die enge Verbindung zwischen "ökonomischen" und "wirtschaftli­chen" Kämpfen zu verstehen) trat die Arbeiterbewegung in einen langen Zeitraum des Kampfes um Reformen inner­halb des kapitalistischen Systems ein. Dieser Zeitraum institutionalisierte mehr oder weniger die Spaltung zwischen den ökonomischen und politischen Aspekten des Klassenkampfes. Insbesondere während des Bestehens der II. Internationalen wurde diese Spaltung durch die ver­schiedenen Massenorganisationen der Klasse verankert: die Gewerkschaften wurden als die Organe definiert, die die ökonomischen Kämpfe der Klasse führen müßten und die Partei als das Organ der politischen Kämpfe. Unabhängig davon, ob der politische Kampf der unmittel­bare Kampf war, um demokratische Reformen für die Ar­beiterklasse zu erringen, oder ob er der langfristige Kampf um die politische Macht der Arbeiterklasse war, hauptsächlich fand er auf der Ebene des Parlaments statt, diesem Feld par excellence der bürgerlichen Po­litik. Die Arbeiterparteien, die auf diesem Feld kämpf­ten, konnten nicht umhin von den Grundlagen und der Handlungsweise des parlamentarischen Kampfes durch­tränkt zu werden.Die parlamentarische Demokratie bedeutet, daß die Auto­rität in die Hände eines Körpers von Regierungs- und Parteispezialisten gelegt wird, deren Daseinsgrund in dem Streben nach der Macht selber besteht. In der bürgerlichen Gesellschaft, mit ihren "egoistischen Menschen, (den) vom Menschen und vom Gemeinwesen ge­trennten Menschen"- (Marx, "Zur Judenfrage") kann die politische Macht nur die Form der Macht über die In­dividuen und die Gesellschaft annehmen. So wie der "Staat der Mittler zwischen dem Menschen und der Frei­heit der Menschen ist" (Marx, "Zur Judenfrage") muß es in solch einer Gesellschaft ein Vermittlungsorgan geben zwischen dem "Volk" und seiner eigenen Regie­rungsmacht.Die atomisierte Masse, die in den bürgerlichen Wahlen zur Wahlurne geht, kann nur einen Anschein von kollekti­ven Interessen und kollektiver Führung durch die Ver­mittlung der politischen Parteien erhalten, welche die Massen repräsentieren, gerade weil sie sich selbst nicht repräsentieren können. Obgleich die Internationalistische  Kommunistische Partei (Battaglia Comunista) nicht fähig ist, alle notwendigen Konsequenzen daraus für ihre Praxis zu ziehen, drückte sie die Wirklichkeit der bürgerlichen Repräsentierung sehr gut aus."Aber selbst das Verhältnis zwischen dem Arbeiter, dem anerkannten und aktiven Mitglied der herrschenden Klasse, und dem Staatsapparat, wird den künstlichen und trügeri­schen Charakter der Beauftragung verlieren, Beauftragung eines Abgeordneten, einer Liste oder einer Partei. Denn "Beauftragen" bedeutet: auf die Möglichkeit der direkten Aktion verzichten, und diese angeblich "souveräne" Funk­tion ist bloß ein Entsagen, zumeist zu Gunsten der Gauner" ("Proletarische Diktatur und Klassenpartei", aus: "Texte der Internationalen Kommunistischen Partei", S. 44).Die proletarische Revolution schafft diese Art Repräsen­tierung ab. Die Revolution einer Klasse, die organisch durch untrennbare Klasseninteressen vereinigt ist, bietet die Möglichkeit, daß der Mensch "seine "forces propres" als gesellschaftliche Kräfte erkannt und or­ganisiert hat und daher die gesellschaftliche Kraft nicht mehr in der Gestalt der politischen Kraft von sich trennt" (Marx, "Zur Judenfrage").Die Praxis des proletarischen Kampfes neigt dazu, die Spaltung zwischen Denken und Handeln, zwischen Führern und Ausführenden, zwischen gesellschaftlichen Kräften und politischer Macht abzuschaffen. Die proletarische Revolution benötigt somit keine ständig spezialisierte Elite, welche die gestaltlosen Massen "repräsentieren" und deren Aufgaben in deren Namenausführen. Die Kommune von Paris, das erste Beispiel einer proletarischen Dik­tatur, verdeutlichte diese Realität als erste, indem sie praktische Maßnahmen ergriff, um die Spaltung zwi­schen den Massen und der politischen Macht aufzuheben: Abschaffung der parlamentarischen Spaltung zwischen Le­gislative und Exekutive; Sicherstellung, daß alle Ab­geordneten zu jeder Zeit gewählt und abwählbar waren; Auflösung der Polizei und der ständigen Armee. Aber die Erfahrung der Kommune kam verfrüht, war zu kurzle­big, um all die bürgerlichen demokratischen Auffassun­gen vom Staat und von der Rolle der Partei aus dem Pro­gramm der Arbeiterbewegung auszulöschen. Die Kommune be­wies, daß die Arbeiterklasse ohne eine kommunistische Partei an ihrer Spitze den Kampf bis zur Frage der Er­greifung der politischen Macht führen kann; aber das Hin- und Herschwanken der proletarischen und kleinbür­gerlichen Parteien, die den Aufstand anführten, bestä­tigte ebenso, daß die proletarische Revolution ohne die aktive Präsenz einer wirklich kommunistischen Partei von Anfang an behindert ist. Jedoch blieb das genauere Ver­hältnis, in dem sich solch eine Partei zur Kommune-Staat befinden sollte, ein ungelöstes Problem.Wichtiger ist vielleicht die Tatsache, daß die Erfahrung der Kommune den Illusionen der Revolutionäre über die demokratische Republik ein Ende setzte. 1917 schrieb Le­nin, daß die Kommune das Ergebnis der Revolution gewesen sei, die den alten bürgerlichen Staat vollständig zer­schlagen habe. Aber im letzten Viertel des 19. Jahrhun­derts und zu Anfang dieses Jahrhunderts neigten die Mar­xisten eher dazu, sie als ein Modell des Kampfes der Ar­beiter um die Kontrolle der demokratischen Republik zu verstehen, wo die schlechtesten Aspekte zu entfernen, und sie somit zu einem Instrument der proletarischen Macht umgewandelt werden könnte.Der internationale Sozialismus geht davon aus, daß die Republik die einzig mögliche Form der sozialistischen Befreiung ist - und verbunden mit dieser Bedingung, daß das Proletariat sie aus den Händen der Bourgeoisie reißt, und sie von einer "Maschine der Unterdrückung einer Klasse durch eine andere“ zu einer Waffe für die sozialistische Befreiung der Menschheit verwandelt" (Trotzki, "35 Jahre nach 1871-1906", veröffentlicht in "L. Trotzki über die Pariser Kommune", Pathfinder Press).Und in mancher Hinsicht behielt die Kommune, die auf territorialen, repräsentativen Einheiten, auf dem all­gemeinen Wahlrecht ruhte, viele Charakteristiken des bürgerlichen, demokratischen Staates aufrecht. Als solche ermöglichte sie es damals der Arbeiterbewegung nicht, über die Idee hinauszugehen, wonach die Macht des Proletariats durch eine Partei ausgeübt werde. Die­ses Problem wurde nur durch das Auftauchen der Arbei­terräte am Ende des Zeitraums der kapitalistischen Blütephase gelöst. In den Räten war die Klasse als Klasse organisiert; sie konnte ihre wirtschaftlichen, politischen und militärischen Aufgaben vereinigen, und ohne jegliche vermittelnden Zwischenmitglieder ent­scheiden und bewußt handeln. Das Auftauchen der Räte ermöglichte es somit den Revolutionären endgültig mit der Idee zu brechen, wonach die demokratische Republik eine Staatsform sei, die auf irgendeine Art vom Pro­letariat verwendet werden könnte. In Wirklichkeit war die demokratische Republik die letzte und heimtückisch­ste Schranke gegen die proletarische Revolution. Aber obgleich 1917 die Revolutionäre dazu in der Lage waren, sich von all den parlamentarischen Illusionen hinsicht­lich der Frage des Staates zu lösen, hielt sich das Fortbestehen der alten Denkweisen bei ihrer Auffassung von der Partei als altes Laster hartnäckig aufrecht.Wie wir gesehen haben, wurden der sozialdemokratischen Weltauffassung gemäß die Wirtschaftskämpfe der Klasse durch die Gewerkschaften ausgetragen, und die Partei führte die politischen Kämpfe, sowie den Kampf um die Macht durch. Gerade weil es sich um eine Frage der "Eroberung" der bürgerlichen Staatsmacht handelte, existierte die Idee von politischen Massenorganen der Revolution der Arbeiterklasse nicht. Das einzige politische Organ des Proletariats war die Partei. Dem Staat würde nur in dem Maße eine proletarische Funktion zugesprochen werden, wie er von der Partei des Proletariats kontrolliert werde. Somit war es unvermeidbar, daß der Aufstand und die Machtergreifung von der Partei organisiert werden müsste; kein anderes Organ konnte die Klasse auf politischer Ebene vereinigen und mobilisieren. Dieser Theorie zufolge müßte somit die Partei zu einer Massenpartei, zu einer disziplinierten Armee werden, um diese revolutionären Aufgaben auszuführen. In Wirklich­keit spielte die Massenbasis der Partei eine Rolle in ihrem Kampf um Reformen und nicht für die Revolution. Das sozialdemokratische Modell der Revolution wurde und konnte nie in der Praxis umgesetzt werden. Aber seine Bedeutung lag in der ideologischen Erbschaft, welches es den Revolutionären vermachte, die in den Schulen der Sozialdemokratie erzogen worden waren. Und dieses Erbe konnte nur ein substitutionistisches sein, obgleich die Revolution von einer Massenpartei verwirklicht werden sollte, handelte es sich immer noch um eine Auffassung, welche der Partei Aufgaben zuteilte, die nur von der ganzen Klasse erfüllt werden könnten.Sicherlich rührten diese Auffassungen nicht von irgend­einer moralischen Schwäche der Sozialdemokratie her. Die Idee, wonach die Partei im Namen der Klasse han­deln sollte, war das Ergebnis der Praxis der Arbeiter­bewegung in der aufsteigenden Phase des Kapitalismus, und sie war in der ganzen Klasse tief verwurzelt. Wäh­rend des damaligen Zeitraums konnten die Tageskämpfe der Klasse für Reformen sowohl auf ökonomischer als auch auf politischer Ebene zu einem großen Maße den ständigen "Repräsentanten", den Verhandlungsspeziali­sten der Gewerkschaften und den parlamentarischen Spre­chern anvertraut werden. Aber die Praktiken und die Auffassungen, die während der aufsteigenden Phase des Kapitalismus möglich waren, wurden bei dem Eintritt desselben in seine Phase der Dekadenz, als der der Zeitraum der Kämpfe um Reformen zu Ende ging,  unmöglich und reaktionär. Die revolutionären Aufgaben, vor denen das Proletariat - heute steht, beinhalten ganz andere Methoden des Kampfes.Zu Beginn des 20. Jahrhunderts untersuchten (Revolutio­näre wie Lenin, Trotzki, Pannekoek und Luxemburg das Verhältnis zwischen der Partei und der Klasse im Lichte der sich umwälzenden historischen Bedingungen und der Massenkämpfe, welche diese insbesondere in Russland hervorbrachten. Wenn wir die tiefstgreifenden Gesichts­punkte aus ihrem reichen aber oft widerspruchsvollem Vermächtnis betrachten, können wir die Entwicklung ei­nes Bewußtseins erkennen, wonach die sozialdemokratische Massenpartei nur für den Zeitraum der Kämpfe um Reformen geeignet war. Lenin erkannte am klarsten, daß die re­volutionäre Partei nur eine streng organisierte und gut ausgewählte kommunistische Avantgarde sein könnte. Und R. Luxemburg insbesondere hatte begriffen, daß die Aufgabe der Partei nicht in der "Organisierung" der Kämpfe lag. Die Erfahrung hatte gezeigt, daß der Kampf spontan ausbrach und die Klasse dazu zwang, vom Teilkampf zum generalisierten Kampf überzugehen. Die Organisation des Kampfes erwuchs aus dem Kampf selber, und sie umfaßte die gesamte Klasse. Die Rolle der kommunistischen Avant­garde innerhalb dieser Massenkämpfe war in dem Sinne keine organisatorische, wonach die kommunistische Avant­garde der Klasse eine vorfabrizierte Organisationsstruk­tur für den Kampf geliefert hätte. "Statt sich mit der technischen Seite, mit dem Mecha­nismus der Massenstreiks fremden Kopf zu zerbrechen, ist die Sozialdemokratie berufen, die politische Leitung auch mitten in der Revolutionsperiode zu über­nehmen" (Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke , Bd.2, "Massenstreik, Partei und Gewerkschaften", S. 133). Mit anderen Worten bestand die Aufgabe der Partei darin, in diesen spontanen Kämpfen aktiv mitzuwirken- um diese so bewußt und organisiert wie möglich zu machen, und um die Aufgaben aufzuzeigen, welche die gesamte Klasse, die in ihren Einheitsorganen organisiert ist, notwendiger­weise selbst erfüllen muß.Aber es wäre unmöglich gewesen, daß all diese Konsequenzen von den Revolutionären damals sofort vollständig begriffen worden wären. Aber hier kehren wir wieder zum Problem des Substitutionismus zurück. Das Fortbestehen von sozialdemokratischen Auffassungen nicht nur in der Klasse als Ganzes, sondern auch in Köpfen der besten Revolutionäre, der Mangel an tatsächlicher Erfahrung darin, was es in Wirklichkeit bedeutete, wenn die Arbeiterklasse die Macht ergreife, all dies sollte zu einer -- schweren Last für die Klasse werden, als sie sich in die revolutionäre Konfrontation von 1917-23 stürzteDie Überreste der sozialdemokratischen Ideologie können z.B. in der offiziellen Position der Kommunisten Inter- nationalen hinsichtlich der Gewerkschaftsfrage gesehen werden. Im Gegensatz zu der Deutschen Linken, welche Tatsache beimaßen, daß der Aufstand im Namen der Kampfes im Zeitraum der Dekadenz des Kapitalismus nun- möglich geworden war, blieb die Komintern immer noch der Idee von der Partei als dem Organisator der defensiven Kämpfe verhaftet. Weiterhin betrachtete die Komintern die Gewerkschaften als die notwendigen Brücken- köpft zwischen der Partei und der Klasse. Somit konnte die Komintern die Bedeutung der autonomen Organe nicht begreifen, welche die Massen während des Kampfes aus- serhalb und gegen die Gewerkschaften schufen.Wichtiger ist jedoch in diesem Zusammenhang aufzuzeigen wie die alten Gedankenschemata die Auffassung der Kom- intern von dem Verhältnis zwischen der Partei und den Räten beherrschten. Obgleich Lenins Thesen über "Bürgerliche Demokratie und proletarische Diktatur" auf dem das ganze Schwergewicht auf die Sowjets als die Organe der direkten Herrschaft des Proletariats gelegt hatten, wurden die Auswirkungen der Niederlage der Klasse, welche sie während des Jahres 1919 hatte hinnehmen müssen, auf dem 2. Kongreß schon spürbar: jetzt wurde das Schwergewicht von den Sowjets weg auf die Partei hin gelagert. Die "Thesen über die Rolle der kommunistischen Partei in der proletarischen Revolution" sagten ausdrücklich: "Die politische Macht kann eben nur durch die politische Partei erobert, organisiert und geleitet werden". Diese Auffassung wurde mehr oder weniger von all den Strömungen der Arbeiterbewegung bis zum Jahre 1920 ge­teilt. Alle, Luxemburg eingeschlossen, die die Idee von der "Diktatur der Partei" kritisierten, vertraten eine halb-proletarische Auffassung, wonach die Sowjets eine Partei an die Macht wählen würden. Nur die Deutsche Linke löste sich von dieser Idee, aber sie entwickelte nur eine begrenzte Kritik, welche schnell zu einem rein rätekommunistischen Standpunkt entartete. Aber wenn man behauptet, die politische Macht des Proletariats könne nur durch eine Partei ausgedrückt werden, sagt man, daß die Sowjets selber unfähig sind, die Macht auszuüben. Das heißt die wichtigsten Aufgaben der Sowjets sollen von der Partei verwirklicht werden - und somit entleert man die Räte ihres wirklichen Inhalts. 1917 waren diese Fragen nicht besonders dringend gewe­sen. Wenn die Klasse sich in größerem Maße in Bewegung befindet, kann das Problem des Substitutionismus nicht deutlich auftreten. In jenen Momenten ist es für die Partei unmöglich, die "Organisierung" des Kampfes zu übernehmen: der Kampf existiert tatsächlich und die Organisationen des Kampfes sind ebenso vorhanden. Das Problem für die Partei lautet: wie kann sie eine wirk­liche politische Präsenz innerhalb dieser Organisatio­nen entwickeln und einen direkten Einfluß auf sie ha­ben? Somit gehen diejenigen, die fragen: "substituierte sich die Bolschewistische Partei der Klasse im Oktober  1917“ am Problem vorbei. Nein, während des Oktoberaufstandes gab es keinen Substitutionismus. Der Aufstand wurde nicht von der bolschewistischen Partei organisiert oder ausgeführt, sondern von dem revolutionären Militärkomitee des Petrograder Sowjets- unter der politischen Führung der bolschewistischen Partei. Diejenigen, die glauben, daß es sich um eine rein formale Unterscheidung handelt, sollten Trotzkis "Geschichte der Russischen Revolution" nachlesen, wo er die politische Bedeutung unterstreicht, die die Bolschewisten anfing zu begreifen, daß die Form des gewerkschaftlichen der Sowjets - dem Massenorgan der Klasse - und nicht im Namen der kommunistischen Avantgarde ausgeführt werde. Wenn die Klasse vorwärts schreitet, stimmt es, daß das Verhältnis zwischen der Partei und den Massenorganen sehr eng und harmonisch ist, aber das ist kein Grund, den Unterschied zwischen der Partei und den Einheitsorganen zu verwischen. In der Tat kann solch eine Verwechslung der Rollen nur später fatale Auswirkungen haben, nämlich wenn die Klassenbewegung zurückweicht. So nahm das Problem des Substitutionismus in der Russischen Revolution erst sein volles Ausmaß nach der Machtübernahme an: in der Organisierung des Sowjet-Staates und während des Bürgerkriegs und der Isolierung der Revolution und den damit verbundenen Schwie­rigkeiten. Aber obgleich die objektiven Schwierigkeiten, vor denen die Russische Revolution und die Bolschewisten standen, die Erklärung für den Grund lieferten, weshalb sich die Bolschewisten schließlich den Arbeiterräten "substitutierten", und letztlich auf der Seite der Konterrevolution endeten, dürfen wir die Untersuchung hier nicht aufgeben. Andernfalls können wir keine Lehren aus der russischen Erfahrung ziehen, außer der offensichtlichen Tatsache, daß die Konterrevolution durch die ... Konterrevolution verursacht wird. Wenn die Revolutionäre die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen sollen, müssen wir untersuchen, wie die politischen Verwirrungen der bolschewistischen Partei die Degeneration der Revolution und deren eigenen Über­gang ins Lager des Kapitals beschleunigten. Insbesonde­re müssen wir aufzeigen, warum die Verwirrungen der Bol­schewisten hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Par­tei, Klasse und Staat zu einer Situation führten, in der:-              die bolschewistische Partei mit den Einheitsorganen der Klasse in Konflikt geriet, nämlich fast unmittel­bar nachdem sie zu der Regierungspartei geworden war, und lange bevor die Massen der russischen Arbeiter von dem Bürgerkrieg zerstreut und dezimiert worden waren, oder bevor die internationale revolutionäre Welle abgeklungen und niedergeschlagen war.-              es war die Partei, der am weitesten fortgeschrittene Ausdruck des russischen Proletariats, die zur Avant­garde der Konterrevolution wurde. Dies zerstörte die Partei von innen heraus und führte zu der furchtbaren Geburt des Stalinismus; ein historischer Verrat, der mehr als jeder andere Verrat einer proletarischen Or­ganisation die proletarische Bewegung desorientierte.Wenn wir eine Erklärung dieser Tatsachen durch das Zu­rückgreifen auf die naiven Theorien der Libertären ver­meiden wollen (ihnen zufolge taten die Bolschewisten dies, weil sie autoritär waren, alle Parteien nach der Macht für sich selber strebten, weil Macht jeden kor­rumpiert usw.), dann müssen wir das Problem der Partei, der Räte und des Staates in der proletarischen Revolu­tion etwas näher untersuchen. PARTEI UND RÄTE Aus der Sicht mancher rätekommunistischer Strömungen ist der Interessengegensatz zwischen revolutionären politischen Organisationen und den Einheitsorganen der Klasse so groß, daß sie die Auflösung aller politischen Gruppen befürworten sobald die Räte auftauchen. Oder sie haben Angst davor, von der Existenz einer Partei oder Parteien innerhalb der Räte zu sprechen, denn sie werden von einer bürgerlichen Auffassung der Partei verfolgt, wonach die einzige Funktion der Partei darin bestünde sich als Spezialistenorgan an die Macht heranzuarbeiten. Gemäß dieser Strömungen sind die politischen Gruppen oder Parteien  einer Erbsünde verfallen, welche diese zum Verrat an der Klasse zwingt, sowie zu dem Versuch die Kampforgane zu manipulieren oder sie unter ihre Kontrolle zu bringen. Wir brauchen nicht lange zu betonen, daß dies eine sehr kindische Auffassung und in Wirklichkeit gegen die Autonomie der Klasse gerichtete Einstellung ist. Die tragische Erfahrung der deutschen Revolution führte die Komintern zu der richtigen Schlussfolgerung, daß: "die Existenz einer starken Kommunistischen Partei notwendig ist, die sich nicht einfach den Räten "anpassen", sondern imstande sein muß, ihre Politik entsprechend zu beeinflussen; sie zu veranlassen, sich von der "Anpas­sung" an die Bourgeoisie und die weiße Sozialdemokratie loszusagen" ("Leitsätze über die Rolle der kommunisti­schen Partei in der proletarischen Revolution" ­angenommen auf dem II. Kongreß der Komintern im Juli 1920).Aber wenn wir auf dieser Notwendigkeit bestehen, daß die Partei in den Räten intervenieren muß und diesen in ihren Handlungen eine klare politische Orientierung geben muß, darf uns dies nicht die Augen vor der Erfahrung der Ver­gangenheit verschließen lassen, insbesondere die Erfahrung der Russischen Revolution. Und wir dürfen nicht vortäu­schen, daß die Beziehungen zwischen Partei und Räten problemlos seien, und daß die Gefahr der Substitutierung der Räte durch die Partei nur eine rätekommunistische Neu­rose sei. Tatsächlich konnten die Verwirrrungen der Räte­kommunisten nur solche Ausmaße annehmen, weil sie eine falsche Lösung für ein wirkliches Problem suchten.Nach all den hitzigen Debatten, welche in der revolutionä­ren Bewegung während der letzten 50 Jahre stattgefunden haben, ist es eher traurig zu sehen, wie solche Gruppen wie die CWO das ganze Problem mit einem rein sophistischen Argument vertuschen. Gemäß der CWO muß folgendes geschehen:"Damit eine revolutionäre Eroberung der Macht stattfinden kann, muß die Partei über eine Mehrheit der Delegierten in den Arbeiterräten verfügen. Sonst müßte man behaup­ten, daß die Revolution erfolgreich sein könnte, während die Mehrheit der Klasse sich der Notwendigkeit des Kom­munismus nicht bewußt wäre, oder während die Mehrheit der Delegierten in den Räten nicht kommunistisch wären" (Internationale Revue, Nr. 12, S. 24/ engl. Ausgabe).Hier haben wirs! Diese Logik ist makellos, aber sie ruht auf ganz falschen Voraussetzungen. Erstens: sie deckt eine absurde, formalistische und demokratische Auffassung vom Klassenbewußtsein auf. Zweifellos ist die Verstärkung des Einflusses und der entscheidenden Anwesenheit von kom­munistischen Militanten der Partei in den Räten eine not­wendige Vorbedingung für den Erfolg der Revolution. Aber diesen Einfluß nur in Begriffen wie statistischer Mehr­heit der Delegierten zu bestimmen, ist absurd: ein Rat könnte leicht für revolutionäre Positionen gewonnen werden, wenn nur eine Minderheit der Delegierten Militante der Par­tei wären. Die CWO scheint jedoch davon auszugehen, daß nur die Mitglieder der Partei zu revolutionärem Denken und Handeln fähig sind. Die anderen Delegierten in den Räten, ob Mitglieder anderer politischer Strömungen oder "unab­hängige" Arbeiter, werden als ganz unbewußt, als von der bürgerlichen Ideologie Beherrschte dargestellt. In Wirk­lichkeit entwickelt sich das Klassenbewußtsein nicht nach diesem sterilen Schema. Die Entwicklung dieses revolutio­nären Bewußtseins in der Klasse bedeutet nicht, daß eine bewußte Partei eine unbewußte Klasse dirigiert. Im Gegen­teil: die Entwicklung des Klassenbewußtseins bedeutet, daß die gesamte Klasse, durch ihren Kampf, durch Massen­aktionen, sich auf kommunistische Positionen hin bewegt, wobei die Partei die Richtung aufzeigt, welche die gesamte Klasse schon eingeschlagen hat. In einer revolutionären Situation entwickelt sich das Klassenbewußtsein mit gros­ser Geschwindigkeit, und die Dynamik der Bewegung führt viele Arbeiter dazu, Positionen zu verteidigen, die ihrer formalen "Parteizugehörigkeit" weit voraus sind. Obgleich die eigentliche Bildung der Arbeiterräte für die Verwirk­lichung der Revolution als solche unzureichend ist, zeigt sie dennoch tatsächlich, daß die Klasse schon zu Hand­lungen auf einer revolutionären Ebene gezwungen ist. Wie die KAPD in ihren "Thesen über die Rolle der Partei in der 1376Tetarischen Revolution" (1921) schrieb: "Die politischen Arbeiterräte (Sowjets) sind die hi­storisch gegebene breite Organisationsform der prole­tarischen Herrschaft und Verwaltung: sie tauchen jeweils auf bei Zuspitzung des Klassenkampfes zum Kampf um die ganze Macht" ( "Leitsätze über die Rolle der Partei in der proletarischen Revolution" von der KAPD).In der proletarischen Bewegung kann es keine Spaltung zwischen Bewußtsein und Organisation geben. Ein bestimm­tes Niveau von Selbstorganisation setzt ein bestimmtes Niveau von Klassenbewußtsein voraus. Die Räte sind nicht nur Formen, in die ein revolutionärer Inhalt durch die Partei eingegeben werden könnte; sie sind selber Pro­dukte des auftauchenden revolutionären Bewußtseins in der Klasse. Die Partei flößt dieses Bewußtsein nicht ein: sie entwickelt und verallgemeinert, verbreitet es bis zu sei­nem höchsten Potential.Die revolutionäre Avantgarde (egal ob wir von der Partei oder von der Avantgarde der Delegierten in den zentralen Arbeiterräten sprechen) begreift, daß der Prozeß, durch den die Klasse bewußt wird, sehr reich und komplex ist. Sie können nie die Stärke der kommunistischen Bewegung der Massen durch rein statistische Mittel messen, und die Maßstäbe für Handlungen können sicherlich nicht auf die Mechanismen der formalen Wahlen beschränkt werden. Wie Rosa Luxemburg in ihrer Broschüre über die Russische Revolution schrieb:"Damit haben die Bolschewiki die berühmte Frage nach der "Mehrheit des Volkes" gelöst, die den deutschen Sozialdemokraten seit jeher wie ein Alp auf der Brust liegt. Als eingefleischte Zöglinge des parlamentarischen Kretinimus übertragen sie auf die Revolution einfach die hausbackene Weisheit aus der parlamentarischen Kinderstube: um etwas durchzusetzen, müsse man erst die Mehrheit haben. Also auch in der Revolution: Zuerst werben wir eine "Mehrheit". Die wirkliche Dialektik der Revolutionen stellt aber diese parlamenta­rische Maulwurfsweisheit auf den Kopf: Nicht durch Mehrheit zur revolutionären Taktik, sondern durch revolutionäre Taktik zur Mehrheit geht der Weg" (R. Lu­xemburg, "Zur Russischen Revolution", Ges. Werke, Bd. 4, S. 341).Die zweite falsche Prämisse des Argumentes der CWO liegt darin, daß das Erobern einer Mehrheit der Delegierten in den Räten hieße, die Partei käme somit an die Macht. Dies war die große Verwirrung der gesamten Arbeiterbewegung zur Zeit der russischen Revolution und dies sollte da­mals schwerwiegende Folgen haben. Heute kann solch eine Auffassung nicht mehr entschuldigt werden. Revolution Internationale (Sektion der IKS in Frankreich) schrieb 1959:­"Es ist möglich und sogar wahrscheinlich, daß in be­stimmten Augenblicken des Kampfes ein oder mehrere Rä­te mit den Positionen dieser oder jener revolutionären Organisation voll übereinstimmen. Dies bedeutet nur, daß zu einem gegebenen Zeitpunkt die jeweilige Gruppe vollkommen der Bewußtseinsebene des Proletariats ent­spricht. Auf keinen Fall heißt dies, daß die Räte ihre Macht an das "Zentralkomitee" dieser Gruppe zu überge­ben hätten. Es kann sogar sein, daß die Delegation, welche von dem Rat gewählt wurde, aus Mitgliedern die­ser bestimmten Gruppe zusa-g,engesetzt ist. Das ist un­wichtig und es heißt nicht, daß der Rat sich in einer Stellung der Unterwerfung unter diese Gruppe befindet, so lange wie der Rat seine Macht besitzt, seine Dele­gierte abzuwählen" ("Revolution Internationale", Nr.3 "Über die Organisation").Dies ist kein demokratischer Formalismus, sondern eine lebenswichtige Frage, welche von dem "lückenlosen" Sche­ma der CWO nicht beantwortet wird. Die wirkliche Frage lautet: wer trifft die Entscheidungen? Sind die Dele­gierte der Räte zu jeder Zeit abwählbar oder nur biszur "Machtergreifung durch die Partei" ? Sind die Wahlen und die Abberufung der Delegierten nur ein Mittel für die Partei, um die Macht zu übernehmen - wonach diese beiden Kontrollmöglichkeiten abgeschafft werden können -oder unterliegen diese beiden Elemente nicht einer tie­feren Notwendigkeit der Kämpfe. Und eine andere Frage, die von der CWO außer Acht gelassen wird, die für die Bordigisten aber offensichtlich ist; denn diese täuschen nicht vor zu sagen, daß sie den demokratischen Regeln der Räte treu bleiben werden: wenn die Partei eine Weltpartei ist - so wie sie es in der nächsten revolutionären Welle sein wird - dann bedeutet die An­nahme der Machtergreifung durch die Partei selbst in einem Land, daß sich die Macht in den Händen des zen­tralen Organs der Weltpartei befinden muß, oder nicht?Und wie sollen die Arbeiter in einer Bastion ihre Kon­trolle über ein Organ aufrechterhalten, wenn dies auf Weltebene organisiert ist?In Wirklichkeit kann man nicht gleichzeitig für die Macht der Partei und für die Macht der Räte sein. Wie wir vorhin gesehen haben, ist die Übertragung der Macht an eine Partei in bürgerlichen Parlamenten un­vermeidbar, wo die Wähler einen Apparat "wählen", der während eines bestimmten Zeitraums über sie herrscht. Aber dies steht im totalen Widerspruch zu dem Funk­tionieren der Räte, denn sie versuchen die Spaltung zwischen den Massen und der politischen Macht, zwi­schen der Entscheidung und der Ausführung der Entschei­dung, zwischen "Regierung" und "Regierten" aufzuheben. Die auf der Klasse beruhende, kollektive Struktur der Räte, die Funktionsweisen der Wahl und der Abwahl er­möglichen es, daß die Macht, welche die Entscheidungen trifft und ausführt, zu jeder Zeit in den Händen der Massen bleibt. Die Delegierten, die der Partei angehö­ren, werden ihre Zugehörigkeit nicht verheimlichen: in der Tat werden sie aktiv die Positionen der Organisa­tion verteidigen, aber das ändert nichts an der Tat­sache, daß sie von den Vollversammlungen der Räte ge­wählt werden, um die Entscheidungen dieser Versammlun­gen und Räte auszuführen - und wenn sie dies nicht tun, werden sie abgewählt, selbst wenn eine große Harmonie zwischen den Positionen der Partei und den Entscheidun­gen der Räte besteht, bedeutet das nicht, daß die Macht der Partei übertragen worden ist. Die Macht zu übertra­gen bedeutet - wenn es überhaupt etwas bedeutet - die Übertragung der Fähigkeit, einem Apparat Entscheidungen aufzuzwingen und sie durchzusetzen, wobei dieser Apparat nicht mit den Räteorganen übereinstimmt und deshalb nicht unter ihrer Kontrolle sein kann. Falls die Macht der Räte wirklich einer Partei übertragen wird, verlie­ren Wahlen und Abwählbarkeit ihren Sinn. Posten mit größter Verantwortung könnten von der Partei ernannt werden. Ebenso könnten die schwerstwiegenden Entschei­dungen ohne jegliche Berücksichtigung der Räte getrof­fen werden. Allmählich würden die Räte aufhören das Zentrum des Lebens der Revolution zu sein, und sie wür­den zu einfachen Jasagern der Entscheidungen der Par­tei. Es ist wichtig auf diesen Punkt zu bestehen, nicht weil wir aus demokratischen Formen einen Fetisch machten; wie wir schon gesagt haben, kann Klassenbewußtsein nicht durch Stimmen allein gemessen werden. Aber das ändert nichts an der Tatsache, daß die Räte unfähig sind ihre grundlegende politische Rolle als lebendiges Zentrum der revolutionären Klärung und Handlung für die ganze Klasse auszuüben, wenn sie nicht "demokratisch" funk­tionieren (Wahl und Abwahl, kollektives Entscheidungs­treffen usw.). Die demokratischen Formen sind unabding­bar, weil sie die Klasse dazu befähigen, selbst zu den­ken, zu entscheiden und zu handeln. Wenn der Sozialis­mus die selbstbewußte Kontrolle der Produzenten über ihr eigenes Schicksal ist, dann kann nur eine aktive und selbstbewußte Arbeiterklasse dieses sozialistische Projekt durchführen.Einige mögen den Einwand erheben, die offene Demokratie der Räte sei keine Garantie dafür, daß sie auf revolutio­näre Art handeln werden. Natürlich stimmt das, diese Of­fenheit "öffnet" die Räte tatsächlich dem Einfluß bürger­licher Organisationen und der bürgerlichen Ideologie. Aber solch ein Einfluß kann durch kein Parteidekret aus­geschaltet werden: die Partei kann ihnen nur dadurch ent­gegentreten, indem sie sie vor der Klasse bloßstellt, und aufzeigt, wie sie den wirklichen Zielen der Klasse entgegenstehen. Wenn die Arbeitermassen den Unterschied zwi­schen revolutionären und konterrevolutionären Positionen wirklich verstehen sollen, dann können sie dies nur selbst herausfinden, indem sie selbst die Konsequenzen ihrer Handlungen und Entscheidungen begreifen. Das Bestehen der Räte auf der Entscheidungsbefugnis ist eine notwendige aber nicht ausreichende Bedingung für die Entwicklung des kommunistischen Bewußtseins. Andererseits kann, wie die Erfahrung der Russischen Revolution dies bestätigt - die Kontrolle über ein passives, unterworfenes Sowjetsystem durch die beste Partei auf der Welt nur gegen die Entwicklung dieses Bewußtseins arbeiten.  Im Gegensatz zu den Behauptungen der Rätekommunisten ent­wickelte sich der Prozeß, bei dem die Entscheidungsbefug­nis von den Räten auf die Bolschewisten überging, nicht von heute auf morgen, und er war sicherlich nicht das Er­gebnis systematischer Bemühungen seitens der Bolschewi­sten, die Macht der Räte zu untergraben. Die Theoretisie­rung der "Diktatur der Partei" durch Elemente wie Sinowjew und Trotzki entwickelte sich erst, nachdem der Bür­gerkrieg und nachdem die Zerstörungen durch die imperia­listische Blockade die Arbeiterklasse geschwächt und die materiellen Grundlagen der Aktivität der Sowjets ange­griffen hatten.Davor(und tatsächlich bis zum Ende seines Lebens) be­stand Lenin ständig auf der Notwendigkeit, die Sowjets wieder ins Leben zu rufen, und sie erneut in den Mittel­punkt zu stellen, den sie zu Beginn der Revolution ein­genommen hatten. Aber es wäre ein Fehler, davon auszuge­hen, daß die irrigen Auffassungen der Bolschewisten kei­ne Rolle in dem Prozeß gespielt hätten, bei dem die 'Par­tei an die Stelle der Räte trat. Ebenso falsch wäre es zu glauben, daß der Verlust der Macht und der Einfluß durch die Räte ein rein automatisches Ergebnis der Iso­lierung der Revolution gewesen wäre. Die Umwandlung der bolschewistischen Partei in eine Regierungspartei, die Delegierung der Macht an eine Partei schwächte tatsäch­lich die wirkliche Macht der Räte unmittelbar und sofort. Von 1917 an wurden mehr und mehr Exekutivstellen und Kommissionen von der Partei eingerichtet, wobei sich im­mer weniger nach den Sowjets gerichtet wurde. Delegierte in den Sowjets wurden durch die Partei von "oben" abgesetzt oder ernannt, anstatt durch die Sowjets selber; Einheits­organe wie die Fabrikkomitees wurden in die Gewerkschaften - Organe des Partei-Staats- aufgesaugt; die Arbeitermili­zen ebenso auf ähnliche Weise in die Rote Armee eingeglie­dert. All dies fing schon an, bevor die Arbeiterkonzen­trationen durch den Bürgerkrieg zersprengt wurden. Es kommt nicht darauf an, eine Liste der Fehler der Bolsche­wisten hinsichtlich dieser Frage aufzustellen, sondern zu zeigen wie ihre politischen Positionen, ihre Auffassung von der Partei die Tendenz beschleunigte, wodurch die Einheitsorgane der Klasse dem Verwaltungs- und Unterdrüc­kungsapparat des Staates unterworfen wurde. Die politi­schen Rechtfertigungen für diesen Prozeß können in einer Aussage Trotzkis aus dem Jahre 1920 deutlich gemacht werden:"Heute haben wir von der polnischen Regierung Friedensvor­schläge erhalten. Wer entschied diese Frage? Da ist Sow­narkom, aber sie muß einer bestimmten Kontrolle unterwor­fen werden. Welcher Kontrolle? Der Kontrolle der Arbei­terklasse als einer formlosen, chaotischen Masse? Nein! Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei ist zusam­mengerufen worden, um die Vorschläge zu diskutieren und zu entscheiden, ob darauf geantwortet werden soll. Das gleiche gilt für die Agrar- und Lebensmittelfragen wie für alle anderen Fragen" (Rede auf dem 2. Kongreß der Komintern).Dieser Einstellung liegt die alte sozialdemokratische Idee zugrunde, der zufolge die Übernahme der Staatsmacht durch die proletarische Partei automatisch damit der Staat die Interessen des Proletariats ausführen wird. Die Klasse "traut" ihre Macht der Partei an, und die Notwendigkeit des Bestehens der Sowjets, die die eigent­lichen Entscheidungen treffen sollen, wird aus der Welt geschafft. In Wirklichkeit könnte dies nur ein Abtreten der Verantwortung durch die Sowjets sein, und diese immer unfähiger machen, sich den Tendenzen der Bürokratisierung, welche sich so stark während des Bürgerkriegs entwickel­ten, entgegenzustellen. Um hier jegliches Mißverständnis zu vermeiden, wollen wir hier diesen Punkt erneut formu­lieren. Wir sagen in keiner Weise, daß die Partei nicht versuchen sollte, Unterstützung für ihre Positionen zu gewinnen. Im Gegenteil, für die Partei ist es lebenswich­tig zu versuchen, einen entscheidenden Einfluß in den Rä­ten zu gewinnen. Aber dieser Einfluß kann nur ein politi­scher sein: die Partei kann in dem Prozeß des Entschei­dungstreffens nur so intervenieren, indem sie die Räte von der Richtigkeit ihrer Positionen politisch überzeugt. Anstatt sich die Entscheidungsbefugnis selbst anzumaßen, muß sie immer wieder darauf bestehen, daß alle Hauptentscheidungen, welche den Verlauf der Revolution betreffen, in den Räten voll diskutiert, verstanden und befolgt wer­den, vor allem, daß danach gehandelt wird. Und deshalb ist es vollkommen falsch, von der "Machtübernahme durch die Partei", ob mit oder ohne formale Mehrheit in den Räten, zu sprechen. In Wirklichkeit ist die Macht nicht eine Frage der Stimmen, sondern eine Frage der Kraft und Stärke. Die Partei kann nur "an der Macht" sein, falls sie die Fähigkeit besitzt, ihre Positionen der Klasse, den Räten aufzuzwingen. Dies beinhaltet, daß die Partei über einen Machtapparat verfügen muß, der von den Räten  getrennt wäre. Parteien als solche besitzen im allgemei­nen solch einen Apparat nicht und die bolschewistische Partei war keine Ausnahme. Tatsächlich bestand die ein­zige Möglichkeit einer Machtübernahme durch die bolsche­wistische Partei darin, sich mit dem Staat zu identifi­zieren. Deshalb ist es unmöglich, das Problem des Sub­stitutionismus ohne ein vollständiges Begreifen des Problems des nachrevolutionären Staates zu erfassen.

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