Partei, Arbeiterräte, Substitutionismus Teil 1

In der jungen revolutionären Bewegung, die durch das Wiedererstarken des Klassenkampfes am Ende der 60er Jahre ins Leben gerufen wurde, war das erste und hartnäckigste Hindernis für den Wiederaufbau einer internationalen Organisation der Revolutionäre, was im allgemeinen als  Rätekommunismus beschrieben werden kann. Traumatisiert durch den Verfall der bolschewistischen Partei und durch die Erfahrung mit dem Stalinismus und Trotzkismus, erklärten die meisten dieser neuen revolu­tionären Strömungen, daß die Arbeiterklasse keine revolutionäre Partei benötige und einzig und allein die Ein­heitsorgane der Klasse, die Arbeiterräte, für die Verwirklichung der kommunistischen Revolution notwendig sind. Diesem Standpunkt zufolge sollten die Revolutionäre vermeiden, sich zu organisieren und als Avantgarde im Klassenkampf zu handeln. Einige Strömungen gingen sogar soweit, daß sie jegliche Form einer revolutionären Grup­pe als "Gaunerbande" ablehnten, die von den Bedürf­nissen des Kapitals und nicht vom Proletariat diktiert seien. Seit Anbeginn ihres Bestehens hat unsere inter­nationale Strömung diese Konfusionen abgelehnt und aktiv interveniert, um sie zu bekämpfen - z.B. auf der internationalen Konferenz, die 1969 von der franzö­sischen Gruppe INFORMATIONS CORRESPONDENCE OUVRIERES veranstaltet wurde. Wir ha­ben immer darauf bestanden, daß die Zurückweisung der kon­terrevolutionären Hypothek des Stalinismus und Trotz­kismus sowie die notwendige Kritik an den Irrtümern frühe­rer proletarischer Parteien nicht zur Absage an die Notwendigkeit einer vereinigten Organisation der Revolutionäre führen darf, und haben vor der Gefahr eines mangelnden Verständnisses der unverzichtbaren Rolle der kommunistischen Partei in der pro­letarischen Revolution gewarnt. Wenn diese kompromißlose Verteidigung der Notwendigkeit einer re­volutionären Organisation von den Rätekommunisten und den verschiedenen Libertären als "Leninismus" beschimpft wird, dann ist das um so schlimmer für sie! Die IKS hat sich immer auf die großen historischen Verdienste Lenins und der bolschewistischen Partei als ein Teil unserer eigenen Erbes berufen.
Die rätekommunistische Ideologie, die großen Wert auf ihre eigene, besondere Interpretation der "Massenspontaneität" der Arbeiterklasse legt, kann in Zeiten wachsender Klassenaktivitäten , wenn die Kreativität der Klasse ein hohes Niveau erreicht und die revolutionären Minderheiten in ihr Schlepptau nimmt, gelegentlich aufblühen. So war der Mai '68 die Hochphase zahlloser rätekommunistischer Tendenzen, von der Situationistischen Internationalen bis zur GLAT. Doch solchen Tendenzen erging es nicht so gut, wenn der Klassenkampf den Rückzug antrat. Nach dem Abebben der Welle von Kämpfen in den fortgeschritteneren kapitalistischen Ländern zwischen 1968 und 1972 zerbröselte die überwiegende Mehrheit dieser Tendenzen, die sich auf eine immediatistische und aktivistische Konzeption der revolutionären Arbeit stützten, oder entwickelte sich zu sterilen, akademischen Sekten. Die Liste der Verluste ist lang: die SI, Gauche Marxiste, Pouvoir Ouvrier, Noir et Rouge, die GLAT, Combate und die mannigfaltigen modernistischen, anti-organisatorischen Tendenzen: Invariance, Mouvement Communiste, Kommunismen, Internationell Arbeitarkampf, Negation, For Ourselves... In der schwierigen und manchmal entmutigenden Atmosphäre der letzten paar Jahre, in denen die Vertiefung der Krise nicht ein entsprechendes Niveau des Klassenkampfes bewirkt hat, hat nahezu die Hälfte aller kommunistischen Gruppierungen, die überlebten oder gar wuchsen, auf die eine oder andere Weise besonderen Wert auf die Notwendigkeit der Organisation gelegt: die IKS, die CWO, Battaglia Comunista und, trotz ihrer politischen Degenerierung, die bordigistische IKP. So wie auf einer größeren, historischen Ebene ihre Klarheit in der Organisationsfrage es der Italienischen Linken ermöglichte, sicherer in der Periode der Konterrevolution zu überleben als andere linkskommunistische Fraktionen, so waren die letztgenannten Gruppen besser gerüstet, um mit den Auswirkungen der heutigen Periode einer verhältnismäßigen Ruhe an der Klassenfront fertigzuwerden.
Doch wenn die rätekommunistischen und organisationsfeindlichen Abweichungen in Zeiten der wachsenden Akti­vitäten der Klasse Auftrieb erhalten können, so neigen die entgegengesetzten Abweichungen dazu, in Zeiten der Niederlage der Klasse oder der Zwangsruhe in den Vordergrund zu rücken, wenn Revo­lutionäre oft ihre Überzeugung in der Fähigkeit des Prole­tariats verlieren, autonom zu kämpfen und sein revolutionäres We­sen zu verwirklichen. Die substitionistischen Übertreibungen in Lenins Was tun? waren weitgehend das Produkt der Periode der internationalen Klassenruhe Ende des 19. Jahrhunderts gewesen. Als Folge von 1905 und insbesondere der Revolution von 1917 war Lenin in der Lage, diese Übertreibungen zu kritisieren und seine eigenen politischen Positionen mit der massenhaften Selbstaktivität der Klasse zu verknüpfen; der Niedergang der revolutionären Welle verleitete Lenin und die Bolschewiki jedoch dazu, zu den alten sozialdemokratischen Deformationen zurückzukehren. Auch der Preis, den die Italienische Linke für ihr Festhalten an Klassenpositionen in den langen Jahren der Konterrevolution entrichten mußte, war hoch: eine, besonders nach dem II. Weltkrieg, wachsende Überbetonung der Rolle der Partei, die in dem Partei-Größenwahn der Bordigisten kulminierte.
So wurde die IKS unter den gegenwärtigen Umständen - angesichts der Auflösungserscheinungen im Rätekommunismus und seines Bankrotts, der sich in  diesem Verfall manifestiert - immer mehr mit der entgegengesetzten Abweichung konfrontiert: dem Substitutionismus,  der Unterschätzung der Bedeutung der Selbstaktivität der Massen und einer Überschätzung der Rolle der Partei, was soweit ging, daß der Partei  Aufgaben zugeschrieben wurden, die nur die Klasse in ihrer Gesamtheit ausführen kann, insbesondere die Ergreifung und Ausübung der politischen Macht. Nachdem die IKS von den Rätekommunisten als leninistisch beschimpft wurde, wird sie nun von den Leninisten als rätekommunistisch denunziert... Hinzu kommt, daß Organisationen, die ursprünglich ein klareres Verständnis des Verhältnisses zwischen Partei und Klasse hatten - wie z.B. die "Com­munist Workers' Organisation" (CWO) -, sich zu offen sub­stitutionistischen Positionen zurückentwickeln. So stellte die Plattform von REVOLUTIONARY PERSPECTIVE 1975 fest, daß die revolutionäre Organisation "nicht im Namen der Klasse handeln kann, sondern nur als ein Teil von ihr, unmißverständlich anerkennend, daß die Hauptlehre von 1917 in Rußland und Deutschland war, daß die Ausübung der Macht in der Diktatur des Proletariats und die Errichtung des Kommunismus die Aufgaben der Klasse selbst und ihrer klassen-weiten Organisationen (Räte, Fabrikkomitees, bewaffnete Milizen) sind."
Heute argumentiert die CWO, daß die Partei den Kampf um die Macht "anführt und organisiert" (CWO-Text für die Pariser Konferenz der revolutionären Gruppen) und:
"Im Moment seines Sieges wird der Aufstand in eine Revolution umgewandelt, und die mehrheitliche Unterstützung für den Kommunismus wird sich dadurch manifestieren, daß die Klasse - auf dem Wege der Partei in den Räten - die Macht innehält." (INTERNATIONAL REVIEW, Nr. 12, S. 23)
Selbst innerhalb der IKS sind ähnliche Gedanken entwickelt worden, was Genossen in Frankreich und Italien zu den beruhigenden Dogmen des Bordigismus geführt hat. Morgen, wenn das Proletariat entschlossen auf die Bühne zurückgekehrt ist, werden wir es möglicherweise wieder mit Rätekommunisten, Ouvrieristen und Autonomen aller Schattierungen zu tun haben. Die Resolution "Die Rolle der Partei in der proletarischen Revolution", die auf dem Dritten Kongreß von WORLD REVOLUTION angenommen worden war, ist ein Versuch, beiden Garnituren von Abweichungen entgegenzutreten und einen allgemeinen Rahmen zur Entwicklung einer detaillierteren und genaueren Analyse der Rolle der Partei zu liefern - eine Analyse, die zwangsläufig unvollständig bleiben muß, bis der zukünftige revolutionäre Kampf der Klasse bislang ungelöste Fragen beantworten wird. Wenn wir uns in diesem Beitrag auf die Frage des Substitutionismus konzentrieren, so deshalb, weil wir denken, daß die Weiterexistenz dieser Ideologie in der gegenwärtigen Arbeiterbewegung ein Haupthindernis für die Entwicklung eines wirklichen Verständnisses der positiven Aufgaben der revolutionären Partei ist. Der Substitutionismus ist für uns etwas, das die historische Erfahrung bereits geklärt hat. Wenn die revolutionäre Avantgarde ihren Aufgaben in den Klassenschlachten von morgen gerecht werden will, so muss sie schonungslos all die Ladenhüter der Vergangenheit entsorgen.


GIBT ES EINEN SUBSTITUTIONISMUS?
Manche behaupten, der Substitutionismus sei kein Problem. Einige dieser Elemente suchen Zuflucht in solch philosophischen Tiefsinnigkeiten wie: "Wie kann sich eine Partei, die die historischen Interessen des Proletariats repräsentiert, an die Stelle der Klasse setzen?" Natürlich können die historischen Interessen der Klasse nicht die Klasse ersetzen, doch das Problem ist, daß proletarischen Parteien keine metaphysischen Einheiten sind, sondern das Erzeugnis der realen Welt des Klassenkampfes: Selbst die größte theoretische Klarheit immunisiert sie nicht völlig gegen die Auswirkungen der bürgerlichen Ideologie, befreit sie nicht automatisch vom sehr realen Druck der alten Welt, von den Gefahren des Konservatismus, der Bürokratisierung oder des unverhohlenen Verrats. Genug Parteien sind degeneriert. Es gibt genügend Bei­spiele von degenerierten Parteien oder von Par­teien, die die Arbeiterklasse verraten haben. Und selbst wenn sich Parteien weitab ab von jeglicher eindeutigen Degeneration befinden, können sie dennoch den historischen Interessen der Klasse zuwider handeln. Ein Blick auf die erste Reaktion der bolschewistischen Partei auf die Februarrevolution reicht aus, um das zu verstehen. Es gibt keine absolute Garantie dafür, daß die die Handlungen oder Positionen einer proletarischen Partei ausnahmslos mit den historischen Interessen der Klasse übereinstimmen; Handlungen, von denen Revolutionäre glauben, daß sie im besten Interesse der Klasse sind, haben häufig die katastrophalsten Konsequenzen sowohl für die Partei als auch für die Klasse.
Allerdings hat eine Gruppe wie die CWO ein weitaus handfesteres Argument gegen den Begriff des Substitutionismus. Sie gibt zu, Substitutionismus könne bedeuten, "daß eine Minderheit der Klasse versucht, die Aufgaben der gesamten Klasse auszuführen" ("(Some Questions for the ICC", Internationale Revue, engl, franz., spanische Aus­gabe, Nr. 12). Aus der Sicht der CWO ist dies eine gerechtfertigte Kritik an der Auffassung der blanquistischen Vorstellung einer Machtergreifung ohne aktive Unterstützung und Teilnahme der Mehrheit der Klasse; oder es handelt sich um eine bloße Beschreibung der objektiven Lage, in der sich die Bolschewiki nach der Isolierung der Revolution befanden. Die CWO findet nichts Substitutionistisches daran, daß die Partei "die Macht ergreift", sofern sie die Unter­stützung der Mehrheit der Arbeiterklasse gewonnen hat, und sieht auch keine Verbindung zwischen der Parteikonzeption der Bolschewiki im Jahre 1917 und ihren anschließenden Konfrontationen mit der russischen Arbeiterklasse. Doch dies läßt zu viele Fragen offen. Der Kern des Problems liegt nicht darin, die Theorien Blanquis abzulehnen; der Marxismus hat das schon vor langer Zeit getan, und selbst die Bordigisten würden zustimmen, daß Putsche und Komplotte uns nicht zum Kommunismus führen. Was wir hier herausstellen wollen, ist, daß schon die Vorstellung einer Machtergreifung durch die Partei, selbst wenn sie dazu demokratisch gewählt wäre, eine Spielart des Substitutionismus darstellt, weil sie bedeutet, daß "eine Minderheit der Klasse ver­sucht, die Aufgaben der gesamten Klasse auszuführen". Und wir werden versuchen aufzuzeigen, daß die Konfusion der Bolschewiki in dieser Frage ein zusätz­licher Faktor in ihrer anschließenden Degeneration war. Für uns ist das Problem des Substitutionismus keine clevere Erfindung der IKS, sondern eine tief greifende Frage, die in der gesamten Erfahrung der Geschichte der Arbeiterklasse verwurzelt ist.


DER HISTORISCHE KONTEXT DER IDEOLOGIE DES SUBSTITUTIONISMUS
Anders als jene, die glauben, daß das kommunisti­sche Programm und die Klassenpartei in einer Sphäre un­veränderlicher Abstraktionen existieren, sind das Pro­gramm und die Partei der Klasse nichts anderes als hi­storische Produkte der Erfahrung der Arbeiterklasse. Diese Erfahrung wird von den objektiven Bedingungen der kapitalistischen Entwicklung zu einem gegebenen Zeitpunkt sowie vom allge­meinen Niveau des Klassenkampfes und der Klassenaktivitäten gebündelt und geprägt, welche im Rahmen dieser Entwicklung stattfin­den. So waren Marx und Engels schon 1848 in der Lage, eine klare, allgemeine Auffassung vom Charakter der pro­letarischen Revolution und von den Aufgaben der Kommu­nisten zu entwickeln, aber es war für sie objektiv unmöglich, ein präzises Verständnis der Art und Weise, wie das Proletariat die Macht ergreifen würde, sowie des Charakters der kommunistischen Partei und ihrer Rolle in der Diktatur des Proletariats zu erlangen. Ihre Illusionen über die Möglichkeit, daß die Arbeiterklasse den bestehenden bürgerlichen Staat kapern könnte, konnte nur durch die praktische Erfahrung der Kommune (und das auch nur teilweise) zerstreut werden. Auch ihre Unschärfe in der Frage des Charakters und der Rolle der Partei konnte erst durch die Entwicklung der orga­nisierten Arbeiterbewegung überwunden werden.
Es sei daran erinnert, daß der Marxismus zu einer Zeit entstand, als selbst bürgerliche politische Parteien gerade erst begonnen hatten, die ver­einigte und relativ kohärente Gestalt , die sie heute haben, anzunehmen - eine Entwicklung, die durch die Bewegung zum allgemeinen Wahlrecht bestimmt wurde, das die alten, losen parlamentarischen Koalitionen unhaltbar mach­te. Damals hatte die Arbeiterbewegung nicht einmal eine sehr klare Auffassung darüber, was der Begriff Partei bedeutete. Daher die extreme Vagheit, mit der Marx diesen Begriff verwendete: Er benutzte ihn zur Beschreibung einiger Individuen, die durch einen gemeinsamen Standpunkt vereint sind,  zur Beschreibung der gesamten Klasse, die in einem gemeinsamen politischen Kampf vereint ist, einer avantgardistischen kommunistischen Organisation oder einer losen Assoziation von verschiedenen Strömungen und Tendenzen. So muß die berühmte Formulierung aus dem Kommunistischen Manifest, die "Organisation der Proletarier zur Klasse, und damit zur politischen Partei..." sowohl als eine grundsätzliche Aussage über den politischen Charakter des Klassenkamp­fes als auch als Ausdruck der Notwendigkeit einer politischen Partei des Proletariats wie auch der Unreife der Bewegung verstanden werden, die noch nicht zu einer klaren Definition der Partei als ein Teil der Klasse gelangt war.
Der gleiche Mangel an Klarheit machte sich zwangsläufig in den Auffassungen der Marxisten über die Auf­gaben der Partei in der proletarischen Revolution bemerkbar.
"Obgleich die Revolutionäre in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg den Schlachtruf der I. Internationalen: 'Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Ar­beiter selbst sein' aufgriffen, neigten sie dazu, die Eroberung der Macht durch das Proletariat mit der Über­nahme der Macht durch die proletarische Partei gleichzu­setzen. Die einzigen Beispiele von Revolutionen, die ihnen für ihre Untersuchung zur Verfügung standen, waren bürgerliche Revolutionen; Revolutionen, in denen die Macht einer politischen Partei übertragen werden konnte. Solange die Arbeiterklasse nicht ihre eigenen Er­fahrung gemacht hatte, konnten sich die Revolutionäre noch nicht sehr klar über diese Frage sein" ("Die gegenwärtigen Aufgaben der Revolutionäre", aus REVOLUTION INTERNATIONALE, Organ der IKS in Frankreich, Nr. 27).
Das ideologische Erbe der bürgerlichen Revolution wurde durch die allgemeinen Bedingungen verstärkt, unter denen der Klassenkampf in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stattfand. Nach dem Ende der auf­ständischen Kämpfe in den 1840er Jahren (die es Marx ermöglicht hatten, den kommunistischen Charakter der Arbeiterklasse und die enge Verbindung zwischen ihren "ökonomischen" und ihren "politischen" Kämpfen zu verstehen) trat die Arbeiterbewegung in eine lange Periode des Kampfes um Reformen inner­halb des kapitalistischen Systems ein. Diese Periode institutionalisierte mehr oder weniger die Trennung zwischen den ökonomischen und politischen Aspekten des Klassenkampfes. Insbesondere in der Zeit der Zweiten Internationalen wurde diese Trennung in den ver­schiedenen Massenorganisationen der Klasse kodifiziert: Die Gewerkschaften wurden als die Organe, die die ökonomischen Kämpfe der Klasse anführen, und die Partei als das Organ der politischen Kämpfe definiert.
Ob dieser politische Kampf nun unmittelbar demokratische Reformen anstrebte oder ober er langfristig die politische Macht der Arbeiterklasse anvisierte - er fand im wesentlichen auf der Ebene des Parlaments statt, diesem Terrain par excellence für die bürgerliche Po­litik. Die Arbeiterparteien, die auf diesem Terrain kämpf­ten, wurden unweigerlich von seinen Anmaßungen und Arbeitsmethoden durchtränkt.
Die parlamentarische Demokratie bedeutet, daß die Auto­rität in die Hände eines Körpers von Regierungs- und Parteispezialisten gelegt wird, deren Daseinsgrund im Streben nach eigener Macht besteht. In der bürgerlichen Gesellschaft, der Gesellschaft der "egoistischen Menschen, (der) vom Menschen und vom Gemeinwesen ge­trennten Menschen" (Marx, "Zur Judenfrage"), kann die politische Macht nur die Form der Macht über die In­dividuen und die Gemeinschaft hinaus annehmen. So wie der "Staat der Mittler zwischen dem Menschen und der Frei­heit der Menschen ist" (ebenda), so muß es in solch einer Gesellschaft einen Vermittler geben zwischen dem "Volk" und seiner eigenen Regie­rungsmacht.Die atomisierte Masse, die in den bürgerlichen Wahlen zur Wahlurne geht, findet lediglich den Anschein kollekti­ver Interessen und Führung durch das Medium einer politischen Partei vor, die die Massen repräsentiert, gerade weil diese sich selbst nicht repräsentieren können. Obgleich die Internationalistische  Kommunistische Partei aus Italien (BATTAGLIA COMUNISTA) nicht fähig ist, alle notwendigen Konsequenzen daraus für ihre Praxis zu ziehen, drückte sie diese Wirklichkeit der bürgerlichen Repräsentierung sehr gut aus:
Der bürgerliche Staat basierte auf "jenes fiktive und hinterlistige Merkmal einer Delegierung der Macht, einer Repräsentation durch die Vermittlung eines Abgeordneten, des Wahlzettels oder durch eine Partei. Delegierung bedeutet faktisch den Verzicht auf die Möglichkeit der direkten Aktion. Die vorgetäuschte 'Souveränität' der demokratischen Rechte ist nichts anderes als eine Entsagung, und in den meisten Fällen ist es eine Entsagung zugunsten eines Gauners." ("Proletarische Diktatur und Klassenpartei", aus: "Texte der Internationalen Kommunistischen Partei", S. 44)
Die proletarische Revolution schafft diese Art Repräsen­tierung ab, die in der Tat eine Art von Entsagung ist. Die Revolution einer Klasse, die organisch durch untrennbare Klasseninteressen vereinigt ist, bietet die Möglichkeit, daß der Mensch "seine 'forces propres' als gesellschaftliche Kräfte erkannt und or­ganisiert hat und daher die gesellschaftliche Kraft nicht mehr in der Gestalt der politischen Kraft von sich trennt" ("Zur Judenfrage"). Die Praxis des proletarischen Kampfes neigt dazu, die Trennung zwischen Denken und Handeln, zwischen Führenden und Ausführenden, zwischen gesellschaftlichen Kräften und politischer Macht zu beseitigen. Die proletarische Revolution benötigt somit keine permanente, spezialisierte Elite, die die gestaltlosen Massen "repräsentiert" und deren Aufgaben in deren Namen ausführt. Die Pariser Kommune, das erste Beispiel einer proletarischen Dik­tatur, begann diese Realität zu beleuchten, indem sie praktische Maßnahmen ergriff, um die Trennung zwi­schen den Massen und der politischen Macht aufzuheben: Abschaffung der parlamentarischen Trennung zwischen Le­gislative und Exekutive; Sicherstellung, daß alle Abgeordneten jederzeit gewählt und abgewählt werden können; Auflösung der Polizei und des stehenden Heeres. Aber die Erfahrung der Kommune kam verfrüht, war zu kurzle­big, um all die bürgerlichen demokratischen Auffassun­gen über den Staat und die Rolle der Partei aus dem Programm der Arbeiterbewegung zu eliminieren. Die Kommune zeigte, daß auch ohne eine kommunistische Partei an ihrer Spitze die Arbeiterklasse den Kampf auf das Niveau der politischen Machtergreifung heben kann; doch das rückgratlose Lavieren der proletarischen und kleinbürgerlichen Parteien, die den Aufstand anführten, bestä­tigte auch, daß die proletarische Revolution ohne die aktive Präsenz einer realen kommunistischen Partei von Anfang an verkrüppelt ist. Jedoch blieb das genauere Ver­hältnis, das solch eine Partei zum Kommune-Staat haben sollte, eine offene Frage.
Wichtiger ist vielleicht die Tatsache, daß die Erfahrung der Kommune den Illusionen der Revolutionäre über die demokratische Republik kein Ende setzte. 1917 schrieb Le­nin, daß die Kommune das Ergebnis einer Revolution gewesen sei, die den alten bürgerlichen Staat an Haupt und Gliedern zerschlagen habe. Aber im letzten Viertel des 19. Jahrhun­derts und zu Anfang dieses Jahrhunderts neigten die Mar­xisten dazu, sie als ein Modell des Kampfes der Ar­beiter um die Kontrolle über die demokratischen Republik zu verstehen, die die schlechtesten Eigenschaften "los geworden" sei und sich zu einem Instrument der proletarischen Macht gewandelt habe.
"Der internationale Sozialismus geht davon aus, daß die Republik die einzig mögliche Form der sozialistischen Befreiung ist - unter dieser Bedingung entreißt das Proletariat sie aus den Händen der Bourgeoisie und verwandelt sie von einer 'Maschinerie zur Unterdrückung einer Klasse durch eine andere' in eine Waffe für die sozialistische Befreiung der Menschheit." (Trotzki, "35 Jahre nach 1871-1906", veröffentlicht in: "L. Trotzki über die Pariser Kommune", Pathfinder Press)
Und in mancherlei Hinsicht behielt die Kommune, die auf territorialen, repräsentativen Einheiten, auf dem all­gemeinen Wahlrecht ruhte, viele Eigenschaften des bürgerlichen demokratischen Staates bei. Von daher ermöglichte sie es der Arbeiterbewegung nicht, über die Vorstellung hinauszugehen, daß die Macht des Proletariats durch eine Partei vermittelt wird. Die­ses Problem wurde erst durch das Auftauchen der Arbei­terräte am Ende der Epoche des kapitalistischen Aufstiegs gelöst. In den Räten war die Klasse als Klasse organisiert; sie war in der Lage, ihre wirtschaftlichen, politischen und militärischen Aufgaben zu vereinen, bewußt und ohne Vermittler zu entscheiden und zu handeln. Das Auftauchen der Räte ermöglichte es den Revolutionären, endgültig mit der Idee zu brechen, daß die demokratische Republik eine Staatsform ist, die irgendwie vom Pro­letariat benutzt werden kann. In Wirklichkeit war die demokratische Republik die letzte und heimtückisch­ste Schranke gegen die proletarische Revolution. Aber auch wenn die Revolutionäre 1917 imstande waren, sich all der parlamentarischen Illusionen in der Frage des Staates zu entledigen, lasteten die fortdauernden alten Gewohnheiten immer noch schwer auf ihrer Parteikonzeption.ENDE
Wir haben gesehen, daß in der sozialdemokratischen Weltanschauung die ökonomischen Kämpfe der Klasse von den Gewerkschaften ausgetragen werden, die politischen Kämpfe - bis hin zum Kampf um die Macht - von der Partei. Gerade weil es sich um eine Frage der "Eroberung" der bürgerlichen Staatsmacht handelte, existierte die Idee von politischen Massenorganen der Revolution der Arbeiterklasse nicht. Das einzige politische Organ des Proletariats war die Partei. Dem Staat wurde nur in dem Maße eine proletarische Funktion zugesprochen, wie er von der Partei des Proletariats kontrolliert wurde. Somit war es unvermeidbar, daß der Aufstand und die Machtergreifung von der Partei organisiert werden; kein anderes Organ konnte die Klasse auf politischer Ebene vereinen und mobilisieren. In der Theorie mußte daher die Partei zu einer Massenpartei werden, zu einer riesigen disziplinierten Armee, um ihre revolutionären Aufgaben auszuführen. In der Praxis dagegen spielte die Massenbasis der Partei eine Rolle in ihrem Kampf um Reformen und nicht für die Revolution. Das sozialdemokratische Modell der Revolution wurde und konnte nie in die Praxis umgesetzt werden. Doch seine Bedeutung lag in dem ideologischen Vermächtnis, das es den Revolutionären vermachte, die in den Schulen der Sozialdemokratie großgezogen worden waren. Und jenes Vermächtnis konnte nur ein substitutionistisches sein: auch wenn die Revolution von einer Massenpartei verwirklicht werden sollte, handelte es sich immer noch um eine Auffassung, die der Partei Aufgaben zuteilte, welche nur von der ganzen Klasse erfüllt werden konnten.
Sicherlich rührten diese Auffassungen nicht von irgend­einer moralischen Schwäche der Sozialdemokratie her. Die Vorstellung, daß die Partei im Namen der Klasse han­delt, war das Ergebnis der Praxis der Arbeiter­bewegung in der aufsteigenden Phase des Kapitalismus und  tief verwurzelt in der gesamten Klasse. In dieser Zeit konnten die Tageskämpfe der Klasse für Reformen sowohl auf ökonomischer als auch auf politischer Ebene zu einem großen Maße den ständigen "Repräsentanten", den Verhandlungsspeziali­sten der Gewerkschaften und den parlamentarischen Spre­chern anvertraut werden. Aber die Praxis und die Auffassungen, die in der aufsteigenden Phase des Kapitalismus möglich waren, wurden beim Eintritt in die  Dekadenzphase, als die Epoche der Reformkämpfe zu Ende ging, unmöglich und reaktionär. Die revolutionären Aufgaben, vor denen das Proletariat heute steht, beinhalten ganz andere Methoden des Kampfes.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts versuchten Revolutio­näre wie Lenin, Trotzki, Pannekoek und Luxemburg das Verhältnis zwischen der Partei und der Klasse im Lichte der sich umwälzenden historischen Bedingungen und der Massenkämpfe zu klären, die diese insbesondere in Russland hervorbrachten. Wenn wir ihren reichen, aber oftmals widersprüchlichen Beiträgen die profundesten Gesichts­punkte entnehmen, können wir die Entwicklung ei­nes Bewußtseins erkennen, daß die sozialdemokratische Massenpartei nur für den Zeitraum der Kämpfe um Reformen geeignet war. Lenin erkannte am klarsten, daß die re­volutionäre Partei nur eine straff organisierte und gut ausgewählte kommunistische Avantgarde sein kann. Und namentlich Luxemburg hatte begriffen, daß die Aufgabe der Partei nicht in der "Organisierung" der Kämpfe der Klasse lag. Die Erfahrung hatte gezeigt, daß der Kampf spontan ausbricht und die Klasse dazu zwingt, vom Teilkampf zum allgemeinen Kampf überzugehen. Die Organisation des Kampfes erwuchs aus dem Kampf selbst und erfaßte die gesamte Klasse. Die Rolle der kommunistischen Avant­garde innerhalb dieser Massenkämpfe war keine organisatorische in dem Sinne, daß sie der Klasse eine vorfabrizierte Organisationsstruk­tur für den Kampf liefert.
"Statt sich mit der technischen Seite, mit dem Mecha­nismus der Massenstreiks fremden Kopf zu zerbrechen, ist die Sozialdemokratie berufen, die politische Leitung auch mitten in der Revolutionsperiode zu über­nehmen." (Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke , Bd. 2, "Massenstreik, Partei und Gewerkschaften", S. 133)
Mit anderen Worten, die Aufgabe der Partei bestand darin, in diesen spontanen Kämpfen aktiv mitzuwirken, um sie so bewußt und organisiert wie möglich zu gestalten; um die Aufgaben aufzuzeigen, die die gesamte Klasse, die in ihren Einheitsorganen organisiert ist, selbst erfüllen muß.
Aber es wäre unmöglich gewesen, daß all diese Konsequenzen von den damaligen Revolutionären sofort vollständig begriffen worden wären. Und hier kehren wir wieder zum Problem des Substitutionismus zurück. Das Fortbestehen von sozialdemokratischen Auffassungen nicht nur in der Klasse als Ganzes, sondern auch in Köpfen der besten Revolutionäre, der Mangel an tatsächlicher Erfahrung darin, was es in Wirklichkeit bedeutete, wenn die Arbeiterklasse die Macht ergreift, sollte zu einer schweren Hypothek für die Klasse werden, als sie sich in die revolutionäre Konfrontation von 1917-23 stürzte.
Die Überreste der sozialdemokratischen Ideologie können z.B. in der offiziellen Position der Kommunisten Internationalen zur Gewerkschaftsfrage gesehen werden. Im Gegensatz zur deutschen Linken, die zu erkennen begannen, daß der gewerkschaftliche Kampf in der Epoche der Dekadenz unmöglich geworden ist, blieb die KI immer noch der Idee von der Partei als dem Organisator der defensiven Kämpfe der Klasse verhaftet; die Gewerkschaften wurden als notwendige Brückenköpfe zwischen Partei und Klasse betrachtet. Somit konnte die KI die Bedeutung der autonomen Organe nicht begreifen, die die Massen während des Kampfes außerhalb und gegen die Gewerkschaften schufen.
Wichtiger in diesem Zusammenhang ist jedoch, aufzuzeigen wie die alten Denkmuster das Verhältnis zwischen Partei und Räten im Verständnis der KI dominierten. Nachdem auf ihrem Ersten Kongreß Lenins "Thesen über bürgerliche Demokratie und der proletarischen Diktatur", wie "Staat und Revolution", noch ihre ganze Betonung auf die Sowjets als Organe der direkten proletarischen Herrschaft gelegt hatten, machten sich die Auswirkungen der Niederlage, die die Klasse 1919 hatte hinnehmen müssen, auf dem 2. Kongreß schon bemerkbar: Nun wurde das Schwergewicht von den Sowjets auf die Partei verlagert. Die KI-"Thesen über die Rolle der kommunistischen Partei in der proletarischen Revolution" stellten ausdrücklich fest: "Die politische Macht kann eben nur durch die politische Partei erobert, organisiert und geleitet werden".
Diese Auffassung wurde mehr oder weniger von allen Strömungen der Arbeiterbewegung bis 1920 geteilt. Alle, Luxemburg eingeschlossen, die die Idee der "Diktatur der Partei" kritisierte, vertraten eine halb-parlamentarische Auffassung, wonach die Sowjets eine Partei an die Macht wählen. Nur die deutsche Linke begann sich von dieser Idee zu lösen; allerdings entwickelte sie nur eine Teilkritik, die schnell zu einem rein rätekommunistischen Standpunkt degenerierte. Doch wenn man behauptet, die politische Macht des Proletariats könne nur durch eine Partei ausgedrückt werden, sagt man, daß die Sowjets selbst unfähig sind, die Macht auszuüben. Es heißt, die Partei bei den wichtigsten Aufgaben an die Stelle der Sowjets zu setzen und sie somit ihres realen Inhalts zu entleeren.
1917 waren diese Fragen nicht besonders dringend gewe­sen. Wenn die Klasse sich in größerem Maße in Bewegung befindet, ist das Problem des Substitutionismus nicht besonders akut. In solchen Momenten ist es für die Partei unmöglich, sich um die "Organisierung" des Kampfes zu kümmern: Der Kampf ist bereits im Gange, die Organisationen des Kampfes sind bereits vorhanden. Das Problem für die Partei besteht darin, wie sie eine wirk­liche politische Präsenz innerhalb dieser Organisatio­nen etablieren und einen direkten Einfluß auf sie ausüben kann. Somit gehen jene, die fragen: "Hat sich die bolschewistische Partei  im Oktober  1917 an die Stelle der Klasse gesetzt?“, am Punkt vorbei. Nein, es gab keinen Substitutionismus in der Oktober-Erhebung. Der Aufstand wurde nicht von der bolschewistischen Partei organisiert oder ausgeführt, sondern von dem revolutionären Militärkomitee des Petrograder Sowjets unter der politischen Führung der bolschewistischen Partei. Jene, die denken, daß es sich um eine rein formale Unterscheidung handelt, sollten Trotzkis "Geschichte der Russischen Revolution" nachlesen, wo er die politische Bedeutung unterstreicht, die die Bolschewiki der Tatsache beimaßen, daß die Erhebung im Namen des Sowjets - dem Massenorgan der Klasse - durchgeführt wurde und nicht im Namen der kommunistischen Avantgarde. Es ist richtig, daß, wenn die Klasse vorwärts schreitet, das Verhältnis zwischen der Partei und den Massenorganen sehr eng und harmonisch ist, aber das ist kein Grund, den Unterschied zwischen der Partei und den Einheitsorganen zu verwischen. In der Tat kann solch eine Verwechslung der Rollen später fatale Auswirkungen haben, wenn die Klassenbewegung zurückweicht. So nahm das Problem des Substitutionismus in der Russischen Revolution sein volles Ausmaß erst nach der Machtübernahme an: in der Organisierung des Sowjet-Staates und während des Bürgerkriegs und der Isolierung der Revolution sowie den damit verbundenen Schwie­rigkeiten. Aber obgleich die objektiven Schwierigkeiten, vor denen die Russische Revolution und die Bolschewiki standen, die tieferliegende Erklärung für den Grund lieferten, weshalb sich die Bolschewiki schließlich an die Stelle der Arbeiterräte setzten und auf der Seite der Konterrevolution endeten, dürfen wir die Analyse hier nicht beenden. Andernfalls können wir keine Lehren aus der russischen Erfahrung ziehen, außer der offensichtlichen Tatsache, daß die Konterrevolution durch die ... Konterrevolution verursacht wird. Wenn die Revolutionäre die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen wollen, dann müssen wir untersuchen, wie die politischen Konfusionen der bolschewistischen Partei die Degeneration der Revolution und ihen eigenen Übergang ins Lager des Kapitals beschleunigten. Insbesonde­re müssen wir aufzeigen, warum die Konfusionen der Bolschewiki über das Verhältnis zwischen Par­tei, Klasse und Staat zu einer Situation führten, in der:              
-  die bolschewistische Partei fast unmittel­bar nachdem sie zur Regierungspartei geworden war und lange bevor die Massen der russischen Arbeiter vom Bürgerkrieg zerstreut und dezimiert worden waren und die internationale revolutionäre Welle abgeklungen und niedergeschlagen war, mit den Einheitsorganen der Klasse in Konflikt geriet;             
-  es die Partei, der am weitesten fortgeschrittene Ausdruck des russischen Proletariats, war, die zur Vorhut der Konterrevolution wurde. Dies zerstörte die Partei von innen heraus und führte zu der monströsen Geburt des Stalinismus; ein historischer Verrat, der mehr als jeder andere Verrat durch eine proletarische Or­ganisation die Arbeiterbewegung desorientierte.
Wenn wir vermeiden wollen, diese Tatsachen zu erklären, indem wir uns auf die naiven Theorien der Libertären zurückziehen ("Die Bolschewiki taten dies, weil sie autoritär waren", "Alle Parteien trachten nach der Macht", "Macht korrumpiert", etc), dann müssen wir die Probleme der Partei, der Räte und des Staates in der proletarischen Revolu­tion etwas näher untersuchen.


PARTEI UND RÄTE
Aus der Sicht mancher rätekommunistischer Strömungen ist der Interessengegensatz zwischen revolutionären politischen Organisationen und den Einheitsorganen der Klasse so groß, daß sie die Auflösung aller politischen Gruppen befürworten, sobald die Räte auftauchen. Oder sie haben Angst davor, von der Existenz einer Partei oder Parteien innerhalb der Räte zu sprechen, werden sie doch von der bürgerlichen Sichtweise heimgesucht, daß die Partei nichts anderes ist als ein Spezialistenkorps ist, dessen alleinige Funktion es ist, sich selbst an die Macht zu manövrieren. Für diese Strömungen haben sich politische Gruppierungen und Parteien irgendeine Ursünde zuschulden kommen lassen, die sie unweigerlich dazu bringt, Verrat an der Klasse zu begehen und deren Kampforgane zu manipulieren oder zu übernehmen. Wir brauchen kaum darauf eingehen, wie kindisch diese Auffassung ist und wie sehr sie die Autonomie der Klasse trifft. Die tragische Erfahrung der deutschen Revolution führte die Kommunistische Internationale zu folgender richtigen Schlussfolgerung:
"... die Existenz einer starken Kommunistischen Partei notwendig ist, die sich nicht einfach den Räten 'anpassen', sondern imstande sein muß, ihre Politik entsprechend zu beeinflussen; sie zu veranlassen, sich von der 'Anpas­sung' an die Bourgeoisie und die weiße Sozialdemokratie loszusagen" ("Leitsätze über die Rolle der kommunisti­schen Partei in der proletarischen Revolution" , II. Kongreß der Komintern im Juli 1920).
Doch das Beharren auf der Notwendigkeit, daß die Partei in den Räten intervenieren und all ihren Handlungen eine klare politische Orientierung geben muß, darf uns nicht dazu verleiten, die Erfahrungen aus der Ver­gangenheit zu ignorieren, insbesondere nicht die Erfahrungen aus der Russischen Revolution, und vorzutäu­schen, als gebe es keine Probleme im Verhältnis zwischen Partei und Räte, als sei die Gefahr der Ersetzung der Räte durch die Partei nur eine rätekommunistische Neu­rose. Tatsächlich konnten die Abweichungen des Räte­kommunismus nur solche Ausmaße annehmen, weil sie eine falsche Lösung für ein reales Problem waren.
Nach all den hitzigen Debatten, die in der revolutionä­ren Bewegung in den letzten fünfzig Jahren stattgefunden haben, ist es eher traurig zu sehen, wie eine Gruppe wie die CWO das ganze Problem mit einem spitzfindigen Argument zu vertuschen versucht. Laut CWO:
-  muß die Partei, damit eine revolutionäre Eroberung der Macht stattfinden kann, über eine Mehrheit der Delegierten in den Arbeiterräten verfügen. Andernfalls müßte man behaup­ten, daß "die Revolution erfolgreich sein könnte, auch wenn die Mehrheit der Klasse sich der Notwendigkeit des Kom­munismus nicht bewußt ist oder die Mehrheit der Delegierten in den Räten nicht kommunistisch ist" (Internationale Revue, Nr. 12, S. 24/ engl. Ausgabe).
-  ist die Partei, da sie die Mehrheit der Delegierte besitzt, faktisch an der Macht.
Hier haben wir's! Diese Logik ist makellos, aber sie ruht auf völlig falschen Prämissen. Erstens: sie enthüllt eine absurde formalistische und demokratistische Auffassung vom Klassenbewußtsein. Zweifellos ist die Entwicklung einer ausschlaggebenden Präsenz und eines entscheidenden Einflusses von kommunistischen Parteimilitanten in den Räten eine not­wendige Vorbedingung für den Erfolg der Revolution. Aber diesen Einfluß nur in Begriffen einer statistischen Mehr­heit der Delegierten zu definieren, ist absurd: Ein Rat könnte leicht für revolutionäre Positionen gewonnen werden, wenn nur eine Minderheit der Delegierten Par­teimitglied wäre. Die CWO scheint jedoch davon auszugehen, daß nur die Mitglieder der Partei zu revolutionärem Denken und Handeln fähig sind. Die anderen Delegierten in den Räten, ob Mitglieder anderer politischer Strömungen oder "unab­hängige" Arbeiter, werden als gänzlich unbewußt dargestellt, die von der bürgerlichen Ideologie vereinahmt sind. In Wirk­lichkeit entwickelt sich das Klassenbewußtsein nicht nach diesem sterilen Schema. Die Entwicklung dieses revolutio­nären Bewußtseins in der Klasse bedeutet nicht, daß eine bewußte Partei eine unbewußte Klasse dirigiert. Sie bedeutet, daß die gesamte Klasse, durch ihren Kampf, durch Massen­aktionen sich auf kommunistische Positionen zubewegt, wobei die Partei die Richtung aufzeigt, die die gesamte Klasse bereits zu folgen beginnt. In einer revolutionären Situation entwickelt sich das Klassenbewußtsein mit großer Geschwindigkeit, und die Dynamik der Bewegung führt viele Arbeiter dazu, Positionen zu vertreten, die ihrer formalen "Parteizugehörigkeit" weit voraus sind. Im Grunde zeigt bereits allein die Bildung der Arbeiterräte, auch wenn sie in sich selbst nicht ausreicht, um die Revolution auszuführen, daß der Klasse bereits ein revolutionäres Ausmaß an Aktivitäten aufgezwungen wurde. Wie die KAPD in ihren "Leitsätzen über die Rolle der Partei in der proletarischen Revolution" (1921) schrieb:
"Die politischen Arbeiterräte (Sowjets) sind die hi­storisch gegebene breite Organisationsform der prole­tarischen Herrschaft und Verwaltung: sie tauchen jeweils auf bei Zuspitzung des Klassenkampfes zum Kampf um die ganze Macht."
In der proletarischen Bewegung kann es keine Trennung zwischen Bewußtsein und Organisation geben. Ein bestimm­tes Niveau von Selbstorganisation setzt ein bestimmtes Niveau von Klassenbewußtsein voraus. Die Räte sind nicht bloße Formen, in die die Partei einen revolutionären Inhalt hineingießt; sie sind selbst Pro­dukte eines entstehenden revolutionären Bewußtseins in der Klasse. Die Partei flößt dieses Bewußtsein nicht ein; sie entwickelt und verallgemeinert es bis zu seinem höchsten Potential.
Im Wissen um die Komplexität und Reichhaltigkeit des Prozesses, durch den die Klasse bewußt wird, kann die revolutionäre Avantgarde (gleichgültig, ob wir über die Partei oder über eine breitere Vorhut der Delegierten der zentralen Räteorgane sprechen) nie durch rein statistische Mittel das ganze Ausmaß der kommunistischen Massenbewegung ermessen, und sie kann ihre Handlungskriterien sicherlich nicht auf die Mechanismen einer formalen Abstimmung begrenzen. Wie Rosa Luxemburg in ihrer Broschüre über die Russische Revolution schrieb:
"... haben die Bolschewiki die berühmte Frage nach der 'Mehrheit des Volkes' gelöst, die den deutschen Sozialdemokraten seit jeher wie ein Alp auf der Brust liegt. Als eingefleischte Zöglinge des parlamentarischen Kretinimus übertragen sie auf die Revolution einfach die hausbackene Weisheit aus der parlamentarischen Kinderstube: um etwas durchzusetzen, müsse man erst die Mehrheit haben. Also auch in der Revolution: Zuerst werben wir eine 'Mehrheit'. Die wirkliche Dialektik der Revolutionen stellt aber diese parlamenta­rische Maulwurfsweisheit auf den Kopf: Nicht durch Mehrheit zur revolutionären Taktik, sondern durch revolutionäre Taktik zur Mehrheit geht der Weg." (R. Lu­xemburg, "Zur Russischen Revolution", Ges. Werke, Bd. 4, S. 341)
Die zweite falsche Prämisse des Argumentes der CWO lautet, daß das Gewinnen einer Mehrheit der Delegierten in den Räten gleichbedeutend mit der an der Macht befindlichen Partei ist. Dies war die große Konfusion der gesamten Arbeiterbewegung zur Zeit der russischen Revolution und sollte die schädlichsten Folgen haben. Heute kann solch eine Auffassung nicht mehr entschuldigt werden. REVOLUTION INTERNATIONALE (Sektion der IKS in Frankreich) schrieb 1969:­
"Es ist möglich und sogar wahrscheinlich, daß in be­stimmten Augenblicken des Kampfes ein oder mehrere Rä­te mit den Positionen dieser oder jener revolutionären Organisation voll übereinstimmen. Dies bedeutet schlicht, daß zu einem beliebigen Zeitpunkt die jeweilige Gruppe vollkommen dem Bewußtseinsgrad des Proletariats ent­spricht; es heißt keinesfalls, daß die Räte ihre Macht dem 'Zentralkomitee' dieser Gruppe zu überlassen hätten. Es kann sogar sein, daß die Delegierten, die vom Rat gewählt werden, allesamt Mitglieder jener Gruppe sind. Das ist un­wichtig und heißt nicht, daß der Rat sich in einer untergeordneten Stellung gegenüber dieser Gruppe befindet, so lange der Rat seine Macht bewahrt, seine Dele­gierte abzuwählen." (Nr. 3, alte Serie, "Über die Organisation")
Dies ist kein demokratischer Formalismus, sondern eine lebenswichtige Frage, die vom tollen Schema der CWO nicht beantwortet wird. Die wirkliche Frage lautet: Wer trifft die Entscheidungen? Sind die Dele­gierte der Räte zu jeder Zeit abwählbar oder nur bis zur "Machtergreifung durch die Partei" ? Sind Wahl und die Abwahl der Delegierten nur ein Mittel für die Partei, um an die Macht zu gelangen - und können danach verdrängt werden - oder gehorchen sie nicht einem tieferen Bedürfnis im Proletariat? Und eine andere Frage, die von der CWO außer Acht gelassen wird, die für die Bordigisten aber offensichtlich ist, die nicht vorgeben, daß sie den demokratischen Regeln der Räte treu bleiben werden: Wenn die Partei eine Weltpartei ist, wie dies in der nächsten revolutionären Welle der Fall sein wird, bedeutet dann nicht die An­nahme der Macht durch die Partei selbst in einem einzigen Land, daß sich die Macht in den Händen des zen­tralen Organs der Weltpartei befinden muß? Und wie sollen die Arbeiter in einer Bastion ihre Kon­trolle über ein Organ aufrechterhalten, das auf Weltebene organisiert ist?
In Wirklichkeit kann man nicht gleichzeitig für die Macht der Partei und für die Macht der Räte sein. Wie wir an anderer Stelle gesehen haben, ist die Delegierung der Macht an eine Partei in bürgerlichen Parlamenten un­vermeidbar, wo die Wähler einen Apparat "wählen", der in einem gegebenen Zeitraum über sie herrscht. Ein solches Schema steht jedoch im totalen Widerspruch zur Funktionsweise der Räte, die die Trennung zwischen den Massen und ihrer politischen Macht, zwischen Legislative und Exekutive, zwischen "Regierung" und "Regierten" aufzuheben trachten. Die auf der Klasse beruhende, kollektive Struktur der Räte, ihre Mechanismen der Wahl und Abwahl ermöglichen es, daß die Macht, Entscheidungen zu treffen und auszuführen, zu jeder Zeit in den Händen der Massen bleibt. Die Delegierten, die der Partei angehö­ren, werden ihre politische Zugehörigkeit nicht verheimlichen: Gewiß werden sie aktiv die Positionen ihrer Organisation vertreten, aber das ändert nichts an der Tat­sache, daß sie von den Vollversammlungen oder den Räten ge­wählt werden, um die Entscheidungen dieser Versammlun­gen und Räte auszuführen, und daß sie abgewählt werden, wenn sie dies nicht tun. Selbst wenn eine große Harmonie zwischen den Positionen der Partei und den Entscheidun­gen der Räte herrscht, bedeutet das nicht, daß die Macht an die Partei delegiert wird. Die Macht zu delegieren bedeutet - wenn es überhaupt etwas bedeutet - die Delegierung der Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen und sie einem Apparat aufzuzwingen, der sich nicht mit den Räteorganen deckt und deshalb nicht unter ihrer Kontrolle bleiben kann. Sobald die Macht der Räte wirklich einer Partei übertragen wird, verlie­ren Wahlen und Abwählbarkeit ihren Sinn. Posten mit größter Verantwortung könnten von der Partei ernannt werden; wichtige Entscheidungen könnten ohne jegliche Berücksichtigung der Räte getrof­fen werden. Allmählich würden die Räte aufhören, im Fokus des Lebens der Revolution zu stehen, und in bloße Abnicker der Parteientscheidungen verwandelt werden.
Es ist wichtig, auf diesen Punkt zu bestehen, nicht weil wir aus demokratischen Formen einen Fetisch machten; wie wir schon gesagt haben, kann Klassenbewußtsein nicht an Stimmen allein gemessen werden. Doch dies ändert nichts an der Tatsache, daß die Räte nicht in der Lage sein werden, ihre grundlegende politische Rolle als lebendige Zentren der revolutionären Klärung und Handlung für die ganze Klasse auszuüben, wenn sie nicht ihre "demokratischen" Mechanismen erhalten (Wahl und Abwahl, kollektive Entscheidungs­findung usw.). Die demokratischen Formen sind unabding­bar, weil sie die Klasse dazu befähigen, selbst zu den­ken, zu entscheiden und zu handeln. Wenn der Sozialis­mus die selbstbewußte Kontrolle der Produzenten über ihr eigenes Schicksal ist, dann kann nur eine aktive und selbstbewußte Arbeiterklasse das sozialistische Projekt durchführen.
Einige Leute mögen einwenden, die offene Demokratie der Räte sei keine Garantie dafür, daß Letztere auf  revolutio­näre Manier handeln werden. Dies trifft selbstverständlich zu; genau diese Offenheit macht die Räte "offen" gegenüber dem Einfluß bürgerlicher Organisationen und der bürgerlichen Ideologie. Aber solche Einflüsse können durch kein Parteidekret aus­geschaltet werden: Die Partei kann ihnen nur ent­gegentreten, indem sie sie vor der Klasse bloßstellt, indem sie demonstriert, wie sie die wirklichen Bedürfnisse des Kampfes blockieren. Wenn die Arbeitermassen den Unterschied zwi­schen revolutionären und konterrevolutionären Positionen völlig verstehen sollen, dann können sie dies nur selbst herausfinden, indem sie die Konsequenzen ihrer Handlungen und Entscheidungen begreifen. Das Festhalten der Räte an der Entscheidungsbefugnis ist eine notwendige, jedoch nicht ausreichende Voraussetzung für die Entwicklung eines kommunistischen Bewußtseins. Andererseits kann, wie die Erfahrung der Russischen Revolution bestätigt, die Kontrolle der besten Partei der Welt über ein passives, gebändigtes Sowjetsystem nur gegen die Entwicklung dieses Bewußtseins arbeiten.  
Nun, im Gegensatz zu den Behauptungen der Rätekommunisten spielte sich der Prozeß, in dem die Entscheidungsbefug­nis von den Räten auf die Bolschewisten überging, nicht von heute auf morgen ab und war sicherlich nicht das Er­gebnis systematischer Bemühungen der Bolschewi­sten, die Macht der Räte zu untergraben. Die Theoretisie­rung der "Diktatur der Partei" durch Elemente wie Sinowjew und Trotzki setzte erst ein, nachdem der Bür­gerkrieg und die Zerstörungen durch die imperia­listische Blockade die Arbeiterklasse dezimiert und die materiellen Grundlagen der Aktivitäten der Sowjets ausgelaugt hatten. Zuvor (und im Grunde bis zum Ende seines Lebens) bestand Lenin unentwegt auf der Notwendigkeit, die Sowjets zu regenerieren und wieder an die zentrale Stelle zu rücken, die sie zu Beginn der Revolution besetzt hatten. Es wäre allerdings ein Fehler, davon auszuge­hen, daß die irrigen Auffassungen der Bolschewiki kei­ne Rolle in dem Prozeß gespielt haben, in dessen Verlauf die Par­tei an die Stelle der Räte trat; daß der Verlust an Macht und Einfluß der Räte ein rein automatisches Ergebnis der Iso­lierung der Revolution gewesen war. In Wirklichkeit begann die Umwandlung der bolschewistischen Partei in eine Regierungspartei, die Delegierung der Macht an die Partei die eigentliche Macht der Räte sofort zu schwächen. Ab 1917 wurden immer mehr Exekutivposten und -kommissionen von der Partei eingerichtet, die immer weniger Bezug zu den Räteversammlungen hatten. Sowjet-Delegierte wurden von der Partei, statt von den Sowjet-Organen, abgesetzt oder ernannt. Einheits­organe wie die Fabrikkomitees wurden von den Gewerkschaften, den Organen des Parteistaates, absorbiert; die Arbeitermili­zen wurden auf ähnliche Weise in die Rote Armee eingeglie­dert. All dies begann, bevor die großen Arbeiterkonzentrationen durch den Bürgerkrieg aufgebrochen wurden. Es geht hier nicht darum, einen Katalog der Fehler der Bolsche­wiki in dieser Frage aufzustellen, sondern darum, zu zeigen, wie ihre politischen Positionen, ihre Parteiauffassung die Tendenz beschleunigten, durch die die Einheitsorgane der Klasse dem Verwaltungs- und Unterdrüc­kungsapparat des Staates unterworfen wurden. Die politi­sche Rechtfertigung für diesen Prozeß werden in einer Stellungnahme Trotzkis aus dem Jahre 1920 deutlich:
"Heute haben wir von der polnischen Regierung Friedensvor­schläge erhalten. Wer entschied diese Frage? Da ist Sow­narkom, aber sie muß einer bestimmten Kontrolle unterwor­fen werden. Welcher Kontrolle? Der Kontrolle der Arbei­terklasse als einer formlosen, chaotischen Masse? Nein! Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei ist zusam­mengerufen worden, um die Vorschläge zu diskutieren und zu entscheiden, ob darauf geantwortet werden soll. Das gleiche gilt für die Agrar- und Lebensmittelfragen wie für alle anderen Fragen." (Rede auf dem 2. Kongreß der Komintern)
Dieser Einstellung liegt die alte sozialdemokratische Idee zugrunde, daß der Staat automatisch im Interesse des Proletariats gelenkt wird, wenn die proletarische Partei erst die Staatsmacht übernommen hat. Die Klasse "vertraut" ihre Macht der Partei an, und das Bedürfnis der Sowjets, die eigent­lichen Entscheidungen zu treffen, wird aus der Welt geschafft. In Wirklichkeit konnte dies nur ein Verzicht auf die Verantwortlichkeit der Sowjets sein und diese immer unfähiger machen, sich den Tendenzen der Bürokratisierung, die sich so chronisch im Bürgerkrieg entwickel­ten, zu widersetzen. Um hier jegliches Mißverständnis zu vermeiden, wollen wir hier diesen Punkt anders formulieren. Wir sagen keineswegs, daß die Partei nicht versuchen sollte, Unterstützung für ihre Positionen zu gewinnen. Im Gegenteil, es ist für die Partei lebenswich­tig zu versuchen, einen entscheidenden Einfluß in den Rä­ten zu gewinnen. Aber dieser Einfluß kann nur ein politi­scher sein: Die Partei kann in dem Prozeß der Entschei­dungsfindung nur intervenieren, indem sie die Räte von der Richtigkeit ihrer Positionen politisch überzeugt. Statt sich die Entscheidungsbefugnis selbst anzumaßen, muß sie immer und immer wieder darauf bestehen, daß alle wichtigen Entscheidungen, die den Verlauf der Revolution betreffen, in den Räten vollinhaltlich diskutiert und verstanden werden und entsprechend gehandelt wird. Und deshalb ist es vollkommen falsch, von der "Machtübernahme durch die Partei" mit oder ohne formale Mehrheit in den Räten zu sprechen. In der realen Welt ist die Macht nicht eine Frage der Stimmen, sondern eine Frage der Kräfte. Die Partei kann nur "an der Macht" sein, wenn sie die Fähigkeit besitzt, ihre Positionen in der Klasse, im Rätesystem durchzusetzen. Dies beinhaltet, daß die Partei über einen Machtapparat verfügen muß, der von den Räten  getrennt ist. Parteien als solche besitzen im allgemei­nen nicht solch einen Apparat, und die bolschewistische Partei war keine Ausnahme. Tatsächlich bestand die ein­zige Möglichkeit einer Machtübernahme durch die bolsche­wistische Partei darin, sich mit dem Staat zu identifi­zieren. Aus diesem Grund ist es unmöglich, das Problem des Sub­stitutionismus ohne ein korrektes Verständnis des Problems des post-revolutionären Staates zu erfassen.
Quell-URL: http://de.internationalism.org/ir8/1982_parteiraete