Partei, Arbeiterräte, Substitutionismus Teil 2

Submitted by InternationaleRevue on Mon, 27/08/2007 - 22:12.

PARTEI UND STAAT

Für verschiedene Strömungen, die CWO sowie verschie­dene Rätekommunisten eingeschlossen, besteht das Prob­lem des Staates in der Übergangsgesellschaft überhaupt nicht. Der Staat, das sind die Arbeiterräte, und dabei bleibts. Daher ist jegliches Gerede über mögliche Kon­flikte zwischen den Einheitsorganen der Klasse und dem Übergangsstaat vollkommener Unfug. Leider handelt es sich hierbei um eine idealistische Auffassung von der Revolution. Als Marxisten müssen wir unsere Auffassung von der Revolution nicht auf dem aufbauen, was wir wün­schen, sondern auf dem, was die historische Notwendig­keit in der Vergangenheit hervorgebracht hat, und was sie in der Zukunft ebenfalls hervorbringen wird. Das einzige wirkliche Beispiel, wo die Arbeiterklasse tat­sächlich die Macht auf der Ebene eines ganzen Landes übernommen hatte - die Russische Revolution - zwingt uns einzugestehen, daß eine sich in der Revolution be­findende Gesellschaft auf unvermeidbare Weise Staats­formen hervorbringen wird, welche sich nicht nur von den Einheitsorganen der Klasse unterscheiden, sondern die in tiefgreifende und gar gewalttätige Konflikte mit denselben treten können. Die unvermeidbare Notwendigkeit der Organisierung einer Roten Armee, einer Staatspoli­zei, eines Verwaltungsapparates, einer Form von politi­scher Repräsentation, all der nichtausbeutenden Klassen und Schichten: diese materiellen Notwendigkeiten sind es, die eine Staatsmaschinerie hervorbringen werden, welche - egal ob sie als nicht-proletarisch oder prole­tarisch bezeichnet wird - nicht einfach mit den Arbei­terräten gleichgestellt werden kann. Im Gegensatz zu der Auffassung einiger Rätekommunisten schufen die Bol­schewisten diese Staatsmaschinerie nicht ex nihilo, um ihre machiavellistischen Bedürfnisse zu befriedigen. Obgleich wir verstehen müssen, wie die bolschewistische Auffassung von ihrer Rolle als einer Regierungspartei aktiv die Tendenz beschleunigte, wonach der Staatsappa­rat der Kontrolle der Arbeiterräte entwich, bildeten und veränderten sie nur ein Staatsorgan, das schon vor der Oktoberrevolution angefangen hatte, aufzutauchen. Die Kongresse der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte entwickelten sich schon zu einer neuen Staatsform vor dem Sturz des Kerenski-Regimes. Die Notwendigkeit, die Gesellschaft nach dem Aufstand zu organisieren, ver­stärkte diesen Prozeß zu dem Sowjetstaat.

Wenn die Russische Revolution uns irgendetwas über die­sen Staat lehren kann, dann ist es das folgende: die Isolierung der Revolution, die Schwächung der Arbei­terräte neigen dazu, den Staatsapparat auf Kosten der Arbeiterklasse zu stärken; dieser Staat wird somit zu einem Instrument der Unterdrückung und der Ausbeutung gegen die Klasse. Der Staat ist der anfälligste Punkt für die Kräfte der Konterrevolution. Er ist das Organ, mittels dessen die unpersönliche Macht des Kapitals da­rauf hinarbeitet, sich wieder zu behaupten und die proletarische Revolution in das bürokratische Gespenst des Staatskapitalismus zu pervertieren. Diejenigen, die behaupten, daß diese Gefahr nicht besteht, entwaffnen die Klasse angesichts der zukünftigen Kämpfe.

Einige Tendenzen, besonders jene, die mit den Schriften der Italienischen Linken zu dieser Frage vertraut sind, begreifen, daß hier ein Problem besteht. Battaglia Co­munista behauptete während der neulich in Paris statt­gefundenen internationalen Konferenz (siehe Internatio­nale Revue Nr. 4, 1979), die Partei müsse tatsächlich die Macht ergreifen. In ihrer Plattform jedoch meinen sie, daß der Rahmen der Partei "den Staat auf den Pfad der revolutionären Kontinuität festhalten müsse", dass aber "die Partei auf keinen Fall mit dem Staat verwech­selt oder in ihn eingegliedert werden" dürfe. Diese Tendenzen wollen wie Bilan in den 30er Jahren daß die Partei die Macht übernimmt, die proletarische Diktatur ausübt und den Staatsapparat kontrolliert - daß die Partei aber nicht mit dem Staat - so wie es mit der bolschewistischen Partei geschah - zusammengefaßt wird. Somit verstehen diese Tendenzen, daß die Verwicklung der bolschewistischen Partei mit dem sowjetischen Staats­apparat zu der Degeneration beigetragen hat. Aber diese Position ist widersprüchlich. Zu der Zeit des Bestehens der Gruppe Bilan war dieser Widerspruch "fruchtbar", denn sie befanden sich in einem Prozeß der Klärung des richtigen Verhältnisses zwischen der Partei und der Klasse; dieser Prozeß, diese Bewegung, wird nach unserer Auffassung von den Linkskommunisten Frankreichs (Gauche Communiste de France - GCF) nach dem Krieg und von der IKS heute auf die fruchtbarste Weise fortgeführt. Aber auf die widersprüchlichen Positionen Bilans zurück­zufallen, kann heute nur ein Rückschritt sein.

Diese Position ist widersprüchlich, weil die Partei den Staat nicht kontrollieren kann ohne über Mittel zur Durchsetzung dieser Kontrolle zu verfügen. Um dies zu tun, muß die Partei eigene Organe der Zwangsausübung be­sitzen, um sicherzustellen, daß der Staat ihren Anord­nungen folgt, oder - was wahrscheinlich ist und so wie es in Rußland geschah- die Partei muß sich immer mehr mit den Kommandostellen des Staates, mit dem Verwal­tungs- und Unterdrückungsapparat identifizieren. In beiden Fällen wird die Partei zu einem Staatsorgan. Wenn man behauptet, daß die Partei dies vermeiden kann, indem sie entweder organisatorische Maßnahmen ergreift (wie die Errichtung einer speziellen Unterkommission für die Kontrolle des Staates, die von dem Zentralkomi­tee überwacht wird) oder sich auf die programmatische Klarheit allein stützt, versteht man nicht, daß das, was in Rußland geschah, das Ergebnis des Zusammenspie­lens von großen gesellschaftlichen Kräften war. Und man versteht dann auch nicht, daß eine Wiederholung desselben nur durch eine Intervention noch größerer gesellschaft­licher Kräfte verhindert werden kann. Ideologische und organisatorische Sicherheitsmaßnahmen sind unzureichend.

Der Übergangsstaat, obgleich eine absolute Notwendig­keit für die Verteidigung der Revolution, kann selber nicht der dynamische Träger der Bewegung zum Kommunismus sein. Im besten Fall kann er ein Instrument sein, wel­ches die Klasse verwendet, um die von der kommunisti­schen Bewegung erzielten Fortschritte abzusichern und gesetzlich festzulegen. Aber die Bewegung selber wird von den Einheitsorganen der Klasse angeführt, denn die­se spiegeln das Leben und die Bedürfnisse der Klasse eng wider, sowie von der kommunistischen Partei, welche ständig die allgemeinen - übergeordneten Ziele der Bewe­gung hervorhebt. Die Einheitsorgane der Klasse dürfen nicht durch die Alltagsaufgaben des Staates erdrückt werden. Sie können nur in einem Zustand des ständigen Aufstands bestehen, und sie brechen immer aus den en­gen Grenzen der Verfassung, der Gesetze und der Ver­waltungsroutine aus, welche alle jedoch gerade das eigentliche Wesen des Staates ausmachen. Nur so können sie auf schöpferische Weise den ungeheuren Problemen entgegentreten, welche durch den Aufbau des Kommunis­mus gestellt werden, und nur so können sie den Staat dazu zwingen, sich den globalen Bedürfnissen der Re­volution zu unterwerfen. Das gleiche trifft für die Partei zu, welche sich sowohl vor als auch nach der Machtübernahme in den Massen und in deren Kampforganen verankern 71U,,, Und diese ohne Ermüdung vorwärts drängt und deren Zögerungen und Verwirrungen kriti­siert. Die Verschmelzung von Partei und Staat wird - so wie dies mit den Bolschewisten geschah - ihre dynamische Rolle untergraben und die Partei zu einer konservativen Kraft machen, welche sich vor allem mit den unmittelbaren Bedürfnissen der Wirtschaft und mit reinen Verwaltungsaufgaben befaßt. Die Partei würde somit ihre grundlegende Funktion, eine politische Rich­tung zu liefern, der alle Verwaltungsaufgaben unterge­ordnet werden müssen, verlieren.

Die Partei wird sicherlich in den Unterdrückungsorga­nen des Staates intervenieren, aber auf organisatori­scher Ebene wird sie vollkommen vom Staatsapparat ge­trennt sein. Welche Richtung sie dem Staat geben kann, hängt von ihrer Fähigkeit ab, die Delegierten der terri­torialen Sowjets, der Soldatenkomitees, der Massen der Kleinbauern, der landlosen Bauern usw. politisch von der Richtigkeit ihrer Positionen zu überzeugen. Aber sie kann den Staat nicht kontrollieren ohne selbst zu einem Staatsorgan zu werden. Nur die Arbeiterräte können den Staat wirklich kontrollieren, da sie während des revolutionären Prozesses bewaffnet bleiben, und ihre Anweisungen dem Staat durch Massenaktionen und durch Zwangsausübung aufzwingen können. Und das "Haupt­feld' der Intervention der Partei werden die Arbeiter­räte sein, in denen sie beständig Agitation betreiben wird, um sicherzustellen, daß die wachsame Kontrolle der Räte über all die Staatsorgane keinen Augenblick nachläßt.

PARTEI UND KLASSE

Früher oder später werden alle Gruppen im revolutionären Lager den Unklarheiten und Widersprüchen ihrer Position hinsichtlich der Frage der Partei ein Ende setzen müssen Wenn man sagt, daß die Partei die Macht ergreifen muß, ist darin eine bestimmte Logik erhalten, und unserer An­sicht nach sind die logischsten Vertreter diese Position innerhalb der proletarischen Bewegung die Bordigisten: "Der proletarische Staat kann nur von einer einzigen Partei beseelt werden; es wäre völlig sinnlos und käme über die konkreten Bedingungen nicht hinaus von dieser Partei zu fordern, daß sie in ihren Reihen eine Mehr­zahl eingliedere, oder mit der alten Masche der Bour­geoisie, den "Volksabstimmungen" die Genehmigung einer statistischen Mehrheit erlange. ... Die kommunistische Partei wird also allein regieren und nie ohne physischen Kampf der Macht entsagen.Der mutige Beschluß, den trü­gerischen Zahlen nicht zu unterliegen und sie nicht zu gebrauchen, wird den Kampf gegen die Entartung der Re­volution erleichtern."("Proletarische Diktatur und Klassenpartei", S. 41/42, Texte der Internationalen Kommunistischen Partei, geschrieben 1951).

Verglichen mit dem demokratischen Formalismus der CWO ist diese Position erfrischend eindeutig. Die kommuni­stische Partei, welche die "historischen Interessen der Arbeiterklasse" unveränderlich verteidigt, gebraucht die demokratischen Mechanismen der Räte nur,um die Macht zu ergreifen: sobald sie an der Macht ist, ver­wendet sie den Staat dazu, den Massen die Entscheidungen der Partei aufzuzwingen. Falls die Massen gegen das, was die Partei als historische Interessen der Massen bezeichnet, handeln, wird sie Gewalt anwenden, den be­rühmten roten Terror, um die Klasse zu zwingen, sich "ihren historischen Interessen" anzuschließen. Die Be­fürworter der Machtergreifung durch die Partei zögern aber dieser Logik zu folgen, weichen der historischen Wirklichkeit aus. Aber wie diese erbarmungslose Logik wirkt, wurde neulich auf der Pariser Konferenz von der CWO auf karikaturale Weise verdeutlicht. Dort be­hauptete die CWO, daß die Partei, sobald sie an der Macht sei, nicht zögern sollte, Gewalt gegen "rückstän­dige" oder "konterrevolutionäre" Erscheinungen der Klasse anzuwenden.

Es ist in der Tat ironisch, daß die CWO - die so lange darauf bestanden hat, daß das Massaker des Kronstädter Aufstandes den Übergang der Bolschewisten in das kapi­talistische Lager kennzeichnete - daß sie die Interna­tionale Kommunistische Strömung als "Apologeten" des Massakers denunzierten, weil die IKS der Meinung ist, daß 1921 nicht das endgültige Ende des Daseins der Bol­schewisten als proletarische Partei war, daß die CWO jetzt den ideologischen Boden für ein neues Kronstadt vorbereitet- welch eine Ironie! Wir dürfen nicht verges­sen, daß Kronstadt nur der Höhepunkt eines Prozesses war, bei dem die Partei immer mehr auf Zwangsmaßnahmen gegen die Klasse zurückgegriffen hatte. Die Lehren aus diesem ganzen Prozeß, der durch das Massaker von Kron­stadt auf tragische Weise unterstrichen wird, sind: eine proletarische Partei darf - ob mit oder ohne Un­terstützung der Mehrheit der Klasse - keine physische Unterdrückung gegen einen Teil der Klasse ausüben, ohne damit zutiefst der Revolution zu schaden und ihr eigenes Wesen auf den Kopf zu stellen. Dies wurde 1938 sehr deut­lich von der ITALIENISCHEN LINKEN ausgedrückt:

"Die Frage, vor der wir  stehen, ist die folgende: eine Situation könnte entstehen, in der ein Teil des Prole­tariats - und wir können sogar einräumen, daß dieser Teil das unbewußte Opfer von Manövern des Feindes ist -den Kampf gegen den proletarischen Staat aufnimmt. Was soll man in solch einer Lage tun? Wir müssen von dem Prinzip ausgehen, daß der Sozialismus dem Proletariat nicht durch Zwang oder Gewalt auferlegt werden kann. Es wäre besser gewesen, Kronstadt zu verlieren, weil das Festhalten an Kronstadt vom geographischen Stand­punkt aus nur eines zur Folge haben konnte: eine Ent­artung des eigentlichen Wesens der Aktivität des Pro­letariats. Wir kennen die Einwände gegen dies; der Ver­lust Kronstadts wäre ein entscheidender Schlag gegen die Revolution gewesen; vielleicht sogar der Verlust der Revolution selber.Wir kommen hier auf den Kern der Sache zu sprechen. Auf welche Maßstäbe stützt man sich hier? Auf diejenigen, die von Klassenprinzipien abge­leitet sind, oder auf diejenigen, die von einer gege­benen Lage ausgehen? Gehen wir von dem Axiom aus, daß es für die Arbeiter besser sei, Fehler zu begehen -selbst fatale Fehler - oder gehen wir von der Idee aus, daß wir unsere Prinzipien zurückstellen sollten, weil die Arbeiter uns anschließend dankbar sein werden, weil wir sie selbst mit Gewalt verteidigt haben?

Jede Situation bringt eine Reihe von zwei sich gegenüber­stehenden Maßstäben hervor, welche zu zwei entgegen ge­setzten taktischen Schlußfolgerungen führen. Wenn wir unsere Untersuchung nur auf die reine Form beschränken, dann kommen wir zu der Schlußfolgerung, welche von der folgenden Annahme ausgeht: dieses oder jenes Organ ist proletarisch, und wir müssen es als solches verteidigen, selbst wenn dies die Niederschlagung einer Arbeiterbe­wegung bedeutet. Wenn wir jedoch unsere Untersuchung auf die Frage der Substanz stützen, kommen wir zu einer ganz anderen Schlußfolgerung: eine politische Bewegung, welche vom Feind manipuliert ist, beinhaltet in ihrem Innern einen organischen Widerspruch zwischen dem Pro­letariat und seinem Klassenfeind. Um diesen Widerspruch an die Oberfläche zu bringen, ist es notwendig unter den Arbeitern Propaganda zu betreiben. Die Arbeiter wer­den dann im Laufe der Ereignisse wieder zu ihrer Klassen­stärke zurückfinden und die Pläne des Feindes vereiteln. Aber falls es unter bestimmten Umständen wahr wäre, daß dieses oder jene Ereignis das Ende der Revolution bedeu­ten könnte, dann ist es sicher, daß ein Sieg nicht nur eine Verdrehung der Wirklichkeit wäre, sondern es würde auch die Bedingungen für den wirklichen Verlust der Re­volution verwirklichen (historische Ereignisse Wie die Russische Revolution können in Wirklichkeit nicht von einem einzigen Ereignis abhängen, und nur ein kurzsich­tiger, oberflächlich Denkender könnte glauben, daß die Niederschlagung des Kronstädter Aufstandes die Revolu­tion hätte retten können). Dieses Untergraben der Prin­zipien würde nicht auf eine Stadt beschränkt bleiben, sondern es würde sich unvermeidlich auf die Aktivitäten des proletarischen Staates ausdehnen" (Die Frage des Staates - Oktober 1938).

Obgleich Oktober weiterhin die Diktatur der Partei ver­teidigte, bestand für die Gauche Communiste de France  und für die IKS heute der einzige Weg darin, diese kla­ren Einsichten richtig zu verwenden und zu bestätigen, daß die proletarische Partei nicht nach der Macht strebt und nicht darauf hinarbeitet, ein Staatsorgan zu werden.

Andernfalls vertraut man nur auf den "Willen" oder auf die guten Absichten der Partei, daß sie verhindern mag, mit der Klasse in gewalttätige Konflikte zu geraten. Aber sobald die Partei zu einem Staatsorgan geworden ist, reicht der stärkste Wille der besten kommunisti­schen Partei auf der Welt nicht aus, gegen den unerbitt­lichen Druck des Staates unempfindlich zu sein. Deshalb kam die Gauche Communiste de France 1948 zu dem Schluß:

"Während der Periode des revolutionären Aufstands besteht die Rolle der Partei nicht darin,die Macht für sich selbst zu verlangen, auch nicht von den Massen zu ver­langen, daß diese ihr ihr Vertrauen schenken. Die Inter­vention und die Aktivität der Partei zielen auf die Selbstmobilisierung der Klasse für den Sieg der revo­lutionären Prinzipien ab.

Die Mobilisierung einer Klasse um eine Partei, der sie Vertrauen schenkt oder besser der sie die Führung über­gibt, spiegelt einen Ausdruck der Unreife der Klasse wi­der. Die Erfahrung hat gezeigt, daß unter solchen Bedin­gungen die Revolution nicht siegen kann, und daß diese Auffassung schließlich zur Degeneration der Partei und zu einem Widerspruch zwischen Partei und Klasse führt. Die Partei wäre schnell dazu gezwungen, immer mehr auf die Methoden der Gewalt zurückzugreifen, um sich der Klasse aufzuzwingen. Somit würde sie zu einem ungeheuren Widerstand für die Revolution."

("über das Wesen und die Funktion der politischen Par­tei des Proletariats" - INTERNATIONALISME Nr. 38, Okto­ber 1948).

Heute stehen die Revolutionäre vor einer Wahl. Einerseits können sie sich Positionen anschließen, welche zum Bordigismus führen, in Richtung auf eine Theoretisierung ­der Rechtfertigung der Degenerierung der Bolschewistischen Partei, in die Richtung des Substitutionismus in seiner voll entwickelten Form. Aus dieser Sicht werden sie feststellen, daß der Substitutionismus in der Tat in der proletarischen Bewegung "unmöglich" ist, weil er zu Prak-iken und Positionen führt, die direkt konterrevolutionär sind. Die andere Richtung besteht darin, den zutiefst revolutionären Geist Lenins und der Bolschewisten zur Zeit der Oktoberrevolution wieder aufzugreifen. Lenin meinte einige Tage nach dem Aufstand in seinem Aufruf "An die Bevölkerung":

"Genossen, Werktätige! Denkt daran, daß ihr selber jetzt den Staat verwaltet! Niemand wird euch helfen, wenn ihr euch nicht selber vereinigt und nicht alle Angelegenheiten des Staates in eure Hände nehmt. Eure Sowjets sind von nun an die Organe der Staats­gewalt, bevollmächtigte, beschließende Organe" ("An die Bevölkerung", in Lenin, Ges. Werke II, S.555)-

Diese Einstellung, welche durch die Erfahrungen der Russischen Revolution hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Partei, Klasse und dem Staat geschärft wor­den ist, muß uns heute führen. Diese Einstellung stimmt mit den Zielen, und den Methoden der kommu­nistischen Revolution, mit dem revolutionären Wesen der Arbeiterklasse vollkommen überein. Wenn wir es 1000 Mal sagen müssen, dann tun wir es: der Kommu­nismus kann nur durch die bewußte Selbstaktivität des ganzen Proletariats geschaffen werden, und die kommu­nistische Avantgarde darf niemals gegen diese grund­legende Realität handeln. Die revolutionäre Partei darf niemals den Mangel an Homogenität in der Klasse, das Gewicht der bürgerlichen Ideologie oder die Be­drohung durch die Konterrevolution als Rechtfertigung für den Gebrauch von Gewalt dafür verwenden, um die Klasse dazu zu "zwingen", revolutionär zu handeln. Dies ist ein vollständiger Widerspruch zwischen den Begriffen und als solches drückt dies das Gewicht der bürgerlichen Ideologie innerhalb der Klasse aus. Die Arbeiterklasse kann das Gewicht der bürgerlichen Ideologie nur durch ihre eigene Massenaktivität, durch ihre eigene Erfahrung über Bord werfen. In bestimmten Augenblicken kann es für sie als leichter erscheinen, ihre schwierigsten Aufgaben auf eine revolutionäre Or­ganisation abzuwälzen, aber auch wenn dies kurzfristige Gewinne zu erbringen scheint, kann die langfristige Wirkung nur eine Schwächung der Klasse sein. In der proletarischen Revolution darf es kein plötzliches Ste­henbleiben geben: "diejenigen, die nur eine halbe Re­volution machen, graben nur ihr eigenes Grab" (St. Juste). Für die Arbeiterklasse bedeutet das einen unaufhörlichen Kampf, um die passiven, konservativen Tendenzen in ihren Reihen zu überwinden. Diese Tendenzen sind das zwangs­läufige Ergebnis der Herrschaft der bürgerlichen Ideolo­gie. Es bedeutet ebenso, die eigene Selbstorganisierung und das Selbstbewußtsein vor, während und nach der Er­greifung der politischen Macht unermüdlich zu entwic­keln und auszudehnen. Pannekoeks Polemik gegen die par­lamentarischen Taktiken der Komintern können ebenso gut gegen diejenigen angewandt werden, welche der kommunisti­schen Partei in den Sowjets eine grundlegend parlamen­tarische Rolle zuschreiben:

"Die Revolution erfordert auch noch etwas mehr als die massive Kampftat, die ein Regierungssystem stürzt und von der wir wissen, daß sie nicht von Führern bestellt, sondern nur aus dem tiefen Drang der Massen emporsprin­gen kann. Die Revolution erfordert, daß die großen Fra­gen der gesellschaftlichen Rekonstruktion in die Hand genommen, daß schwierige Entscheidungen getroffen wer­den, daß das ganze Proletariat in schaffende Bewegung gebracht wird - und das ist nur möglich, wenn zuerst die Vorhut, dann eine immer größere Masse sie selbst zur Hand nimmt, sich selbst dafür verantwortlich weiß, sucht, propagiert, ringt, versucht, nachdenkt, wägt, wagt und durchführt. Aber das ist alles schwer und müh­sam; solange daher die Arbeiterklasse glaubt, einen leichteren Weg zu sehen, indem andere für sie handeln -Heute stehen die Revolutionäre vor einer Wahl. Einerseits von einer hohen Tribüne Agitation führen, Entscheidun‑ gen treffen, Signale für die Aktionen geben, Gesetze machen - wird sie zögern und durch die alten Denkgewohnheiten und die alten Schwächen passiv bleiben"(Anton PANNEKOEK, "Weltrevolution und Kommunistische Taktik", Wien 1920, Kapitel IV).

Viele Leute wollen "Führer"der Arbeiterklasse sein. Aber die meisten von ihnen verwechseln die bürgerliche Auffassung von der Führung mit der Art und Weise, auf der das Proletariat seine eigene Führung hervorbringt. Diejenigen, die im Namen der Führung der Klasse diese dazu aufrufen, ihre Hauptaufgaben einer Minderheit ge­genüber aufzugeben, führen das Proletariat nicht zum Kommunismus, sondern sie stärken den Einfluß der bürger­lichen Ideologie in der Klasse. Gerade diese Ideologie versucht die Arbeiter von der "Wiege bis zum Grab" davon zu überzeugen, daß sie unfähig sind, sich selbst zu or­ganisieren. Die revolutionäre Partei wird zur zu dem Voranschreiten zum Kommunismus beitragen, indem sie ein Bewußtsein anregt und zu verbreiten hilft, das der Ideo­logie der Bourgeoisie vollkommen entgegengesetzt ist: ein Bewußtsein von der unerschöpflichen Fähigkeit der Klasse, sich selbst zu organisieren und sich der Rolle als Subjekt der Geschichte selbst bewußt zu werden. Die Kommunisten, welche von einer Klasse hervorgebracht werden, die keine neuen Ausbeutungsverhältnisse in sich trägt, sind insofern in der Geschichte der revolutionä­ren Parteien einzigartig, als sie alles unternehmen, um auf die Auflösung ihrer eigenen Funktion hinzuarbei­ten, in dem Maße wie das Klassenbewußtsein und die Ak­tivität eine homogene Realität innerhalb der gesamten Klasse werden. Je mehr das Proletariat auf dem Weg zum Kommunismus fortschreitet, umso mehr wird die gesamte Klasse zum lebendigen Ausdruck des "wirklichen Selbst­bewußtseins des Menschen", einer befreiten und bewussten menschlichen Gemeinschaft.

C.D.Ward

(Frühjahr 1979)

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