Kapitel 1: Die Ursprünge (1912 – 1926)

KAPITEL 1

 

 

Alle Linken in den sozialdemokratischen Parteien entstammten der II. Internationale. Mit der reformistischen Strömung konfrontiert, die vor allem von Bernstein, Jaurès, Turati und Renner repräsentiert wurde, entstand die marxistische Strömung erst sehr spät. Zudem war sie mehr eine Tendenz linker Oppositioneller als eine wirklich international organisierte Fraktion innerhalb der Internationale. Zu Beginn des Jahrhunderts war die revolutionäre Strömung auf nationaler Ebene organisiert: zunächst 1903 in Russland und Bulgarien durch die Bolschewiki und „Tesniki", dann 1909 in den Niederlanden in Gestalt der neuen Partei Gorters und Pannekoeks. In der deutschen SPD, der viel beachteten und geachteten Führungspartei innerhalb der Internationale, waren die Linksradikalen um Rosa Luxemburg trotz der Gründung ihrer eigenen Partei in Polen, der SDKPIL, nicht als Fraktion organisiert. Obwohl die linken Strömungen schon lange die „opportunistische Gefahr" angeprangert hatten, begannen sie sich erst während des Weltkrieges international zu organisieren.

Die II. Internationale hatte sich als Föderation nationaler Sektionen ohne wirkliche Zentralisierung im Weltmaßstab gebildet, was zumindest teilweise der nationalstaatlichen Entwicklung des Kapitalismus geschuldet war. Das Internationale Büro in Brüssel, das unter der Leitung von Camille Huysmans stand, hatte eher die Aufgabe, die Sektionen zu koordinieren, als sie mit politischen Direktiven auszustatten. Es war der III. Internationale vorbehalten, erstmals in der Geschichte der Arbeiterbewegung eine internationale Organisation zu schaffen, ehe sich alle ihrer Mitglieder auf nationaler Ebene als Parteien konstituiert hatten.

Die starke Stellung der reformistischen Strömung und die Schwäche der konsequent marxistischen Gruppen waren nicht zufällig. Die ungeheure Entwicklung des Kapitalismus nach 1870 verleitete große Teile der Arbeiterbewegung zu glauben, dass der Kampf um Reformen und die daraus resultierenden realen Verbesserungen des Lebensstandards in den hochentwickelten Staaten die soziale Revolution hier und weltweit überflüssig gemacht hatten. Solange die Proletarier der verschiedenen Länder nicht mit der Realität von Weltkrieg und Weltkrise konfrontiert waren, erschien ihnen eine weltweite Arbeiterbewegung als Utopie, als Einfall überschwänglicher Geister. Auch die italienische Arbeiterbewegung entkam dieser für diese Zeit so charakteristischen Entwicklung nicht.

Die Geburt der Sozialistischen Partei Italiens

Bis 1870 war die italienische Arbeiterbewegung ausgesprochen schwach. Zu dieser Zeit existierten nicht mehr als 9.000 Industrieunternehmen, die etwa 400.000 Lohnarbeiter beschäftigten. 1871 zählte Engels, der von der Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA) zum Bevollmächtigten für Italien ernannt worden war, nur 750 Mitglieder in der italienischen Sektion der Internationale, der Federazione degli Operai. Im folgenden Jahr nahm diese Zahl wegen der Spaltung zwischen den Anhängern Mazzinis und den Sozialisten noch weiter ab. Die zunehmende Stärke der Anarchisten, eine allgemeine Tendenz in den weniger entwickelten Ländern, und das Verbot der italienischen Sektion der IAA 1874 ließen die sozialistische Arbeiterbewegung fast gänzlich verschwinden. Die Aufstände, die 1874 in der Romagna und 1877 in Benevent losbrachen, wurden von den Bakunisten dominiert.

Erst 1881 erschien mit der auf Initiative von Andrea Costa gegründeten Revolutionären Sozialistischen Partei der Romagna (RSP) wieder eine organisierte sozialistische Kraft. Ihr Programm basierte auf dem revolutionären Marxismus. So hieß es darin:

„Die RSP der Romagna ist revolutionär und muss es sein. Die Revolution ist vor allem ein gewalttätiger materieller Aufruhr der Massen gegen die Hindernisse, die die existierenden Institutionen der Bestätigung und Realisierung des Volkswillens in den Weg legen.

Daher ist die Revolution die zeitweilige Diktatur der arbeitenden Klassen, die Ansammlung aller gesellschaftlichen Kräfte (ökonomisch, politisch, militärisch) in den Händen der aufständischen Arbeiter mit dem Ziel der Zerstörung der Hindernisse, welche die alte Ordnung der Dinge gegen den Aufbau der neuen errichtet hat; der Verteidigung, Herbeiführung und Propagierung der Revolution; der Enteignung des Privateigentums und Etablierung von Gemeineigentum sowie der allgemeinen Organisation der Arbeit." (1)

Ein Jahr später vereinigte sich diese Partei mit der in Mailand um Turati herum gegründeten Partito Operaio. Bei dieser handelte es sich um eine Partei, die nur Lohnarbeiter als Mitglieder akzeptierte und allen Programmen und Ideologien ablehnend gegenüberstand und daher auch an den Wahlen nicht teilnahm. Zu ihren Mitgliedern gehörten der Drucker Lazzari und ihr Theoretiker Benedetto Croce. Zwischen dieser Partei und den ihr angehörenden Gewerkschaften, wie den Figli del Lavoro, bestand faktisch kein Unterschied. Dennoch vertrat die Partei einen kompromisslosen Internationalismus. So proklamierte sie während des Feldzuges in Äthiopien die Parole: „Keinen Mann und keinen Pfennig für die Abenteuer in Afrika!" 1886 übersetzte zudem Cafrera das „Kapital" ins Italienische, und trotz der Auflösung der Partei erschien die „Rivista Italiana del Socialismo" weiter. 1889 wurde erstmals das „Manifest der Kommunistischen Partei" auf Italienisch herausgegeben und 1891 die Zeitschrift „Critica Sociale" gegründet.

Das Wachstum des Proletariats und die Entwicklung des Klassenkampfes unter den Landarbeitern führte zur Einrichtung der ersten Gewerkschaftszentren (Camere del Lavoro) und 1892 in Genua zur Gründung der Italienischen Sozialistischen Partei (PSI).

Diese Gründung war vor allem deshalb bedeutsam, weil sie die Trennung der Sozialisten von den Anarchisten beinhaltete. Aber die neue Partei wurde auf reformistischer Basis gebildet und rief zum

Sehr bald hatte die Partei ihre ersten Feuerproben zu bestehen. Obwohl sie infolge der antisozialistischen Gesetze der Crispi-Regierung 1894 aufgelöst wurde, erlebte die Partei dennoch eine echte Entwicklung. 1898 brachen überall im Mezzogiorno, ausgelöst durch den Krieg, Hungerrevolten aus, und im selben Jahr kostete die grausame Repression in Mailand 100 Arbeitern das Leben. Trotz aller Unterdrückung wurde die Parteizeitung „L’Avanti" auf tägliches Erscheinen umgestellt. Und die Wahlen des Jahres 1900 brachten die Niederlage der Rechten sowie den Durchbruch der PSI, die 13% der Stimmen erhielt.

Dieser Wahlsieg bedeutete auch einen Sieg der reformistischen Strömung um Turati. Nach dem von Anarchisten verübten Attentat auf König Umberto erklärte Turati vor den Parlamentsabgeordneten: „Wir teilen eure Trauer." Und auf dem Parteikongress in Rom im gleichen Jahr triumphierte die Strömung voll und ganz. Auf diesem Kongress wurde nicht nur die Verteidigung der Verfassung, sondern auch die volle Autonomie jeder Parteisektion und der Parlamentsfraktion in Wahlfragen beschlossen. Das Verhalten der Regierung, die nach einigen großen Streiks das Koalitionsrecht anerkannte, förderte die reformistischen Tendenzen noch zusätzlich. Der Widerpart des Reformismus war die zuerst 1904 auf dem Parteitag in Bologna auftauchende „revolutionär-syndikalistische" Tendenz um Antonio Labriola, die die Notwendigkeit des Generalstreiks und die Vormachtstellung der Gewerkschaften über die Partei vertrat. Labriolas Strömung verließ aber bereits 1907 die Partei wieder.

Die Linke innerhalb der Partei (1913-1918)

Bis zu diesem Zeitpunkt existierte keine wirklich linke Strömung in der PSI. Die erste kompromisslos marxistische Reaktion stellte sich nicht vor 1910 ein. Als die Parlamentsfraktion die Rechte unterstützte, kritisierte Lazzaro auf dem Mailänder Parteitag scharf die parlamentarische Tätigkeit der Gruppe um Turati. Er erklärte, dass „es ein geringeres Übel darstellen würde, wenn das Proletariat nicht länger im Parlament vertreten wäre." Mussolini prangerte im Namen der Linken aus der Romagna den politischen Waffenstillstand zwischen Sozialisten und Republikanern an. Aber die linke Minderheit um Lazzaro wurde vernichtend geschlagen.

Erst der italienisch-türkische Krieg wegen der Libyenfrage verlieh den Kompromisslosen wirklichen Auftrieb. Die extreme Rechte der Partei um Bissolati, Bonomi und Felice (die auch von Labriola unterstützt wurde) erklärte ihre Unterstützung für die Regierung. Dennoch stimmte die gesamte sozialistische Fraktion 1912 gegen die Annexion Libyens durch das Königreich. Diese kompromisslose Position wurde in Reggio-Emilia bekräftigt, wo der Parteitag die Abgeordneten Bonomi, Bissolati, Cabrini und Podrecca ausschloss, die zum Quirinal gegangen waren, um ihre Missbilligung gegenüber einem Attentatsversuch auf den König zum Ausdruck zu bringen. Dies stellte einen großen Sieg für die Linke dar, die über zwei Publikationen verfügte: „Lotta di Classe" in Forli und „La Soffitta" („Die Rumpelkammer", was jene verspotten sollte, die den Marxismus in „die Rumpelkammer ablegen" wollten). Auf Anregung Mussolinis nahm der Kongress auch die Autonomie der Parlamentsfraktion zurück und kritisierte das Übergewicht der Wahlaktivitäten in der Partei. Das allgemeine Wahlrecht diene nur dazu, „dem Proletariat zu zeigen, dass dies nicht die Waffe ist, die es in die Lage versetzen wird, seine völlige Emanzipation zu erlangen." Ferner wurde darauf hingewiesen, dass „die Partei keine Bühne für illustre Männer" sei. Lenin, der die Linke unterstützte, kommentierte diese Spaltung in der Prawda folgendermaßen: „Eine Spaltung ist eine schwere, schmerzhafte Angelegenheit. Aber zuweilen wird sie notwendig, und in solchen Fällen ist jegliche Schwäche, jegliche ‚Sentimentalität’ (ein Wort, das in Reggio unsere Landsmännin Balabanowa gebrauchte) ein Verbrechen (...) Und indem die Partei des sozialistischen Proletariats Italiens die Syndikalisten und rechten Reformisten aus ihrer Mitte entfernte, beschritt sie den richtigen Weg." (Lenin, Werke Bd. 18, S. 161.) Gestärkt durch die Unterstützung der Internationale, wurde Mussolini Herausgeber des „L’Avanti".

Doch der entschlossenste Kampf gegen die Rechte und das Zentrum in der PSI entwickelte sich innerhalb der Föderation Junger Sozialisten, dem Jugendverband der PSI, der 1903 gegründet worden war. 1907 hielt er einen Kongress in Bologna ab, auf dem die Notwendigkeit antimilitaristischer Propaganda auf die Tagesordnung gesetzt wurde. Um die Reinheit der Partei zu erhalten, verbot die Föderation die Mitgliedschaft von Katholiken oder christlichen Demokraten in der Organisation und forderte in ihrem Organ „L’Avantguardia" auch den Ausschluss von Freimaurern aus der Partei. Zum endgültigen Triumph der Linken kam es aber erst 1912 auf dem Kongress in Bologna, auf dem erstmals auch eine kleine Gruppe ausnahmslos aus Neapel stammender kompromissloser junger Sozialisten auftrat, die schnell ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückten und deren Führer zweifelsohne Amadeo Bordiga war.

Bordiga war 1889 in der Nähe Neapels geboren worden. Sein Vater war Professor für Agrarökonomie, während seine Mutter dem Adel entstammte. 1910 schloss er sich der sozialistischen Bewegung an. Auch nach dem Austritt der revolutionären Syndikalisten war die PSI-Gruppe in Neapel vom Freimaurertum durchsetzt und neigte zur Autonomie gegenüber der Mutterpartei in Wahlangelegenheiten sowie zu Bündnissen mit den Parteien der republikanischen Linken. Daher sahen sich die kompromisslosen Marxisten 1912 gezwungen, die Parteisektion in Neapel, die sie nicht länger als sozialistisch anerkannten, in Scharen zu verlassen. Aus dieser Spaltung ging der Circolo Socialista Revoluzionario Carlo Marx hervor, dessen führende Köpfe Bordiga und Grieco waren. Diese Spaltung wurde von „La Soffitta" sehr begrüßt. Was die Reformisten anging, die in der Unione Socialista Neapels organisiert waren, so verließen sie 1914 die Partei. Anschließend reorganisierten Bordiga, Bombacci und Grieco die neapolitanische Sektion der PSI mit zunächst nur 16 Mitgliedern.

Auf dem Jugendkongress von 1912 nahm Bordiga den Kampf gegen Tascas „kulturalistische" Strömung auf, die „L’Avantguardia" in ein „im Wesentlichen kulturelles Organ" und all die sozialistischen Jugendgruppen durch ein System von Vorträgen und Büchereien in Studienzirkel umwandeln wollte. Der Antrag der Linken, der von Bordiga eingebracht wurde, errang die Mehrheit. Er bekräftigte, dass „innerhalb der kapitalistischen Herrschaft die Schule ein mächtiges Konservierungsmittel in den Händen der herrschenden Klasse ist, die dazu tendiert, der Jugend eine Erziehung zu geben, die ihr Loyalität und Resignation gegenüber dem derzeitigen System einimpfen soll." Folglich finde „die Erziehung der Jugend mehr in der Aktion statt als beim Studieren, das von einem bürokratischen System und seinen Normen reguliert" sei; Erziehung könne „nur in einer proletarischen Atmosphäre erfolgen, die durch den Klassenkampf belebt wird, welcher als Vorbereitung für die größten Eroberungen des Proletariats verstanden werden muss." (2)

Dieser Sichtweise der rigoros im Klassenkampf organisierten Partei als Organ revolutionärer Aktion hing Bordiga sein Leben lang an.

Sein Kampf innerhalb der Partei für einen kompromisslosen Marxismus besaß vier Achsen, deren Ziel die Erhaltung des proletarischen und politischen Charakters der Partei war:

- Antiparlamentarismus: Bordiga hat immer die Unterordnung von Wahlkampagnen unter die revolutionäre Zielsetzung befürwortet. Doch noch vor 1918 war er nicht abstentionistisch. So hatte er 1913 einen gegen die Anarchisten gerichteten Artikel geschrieben, der den Titel trug: „Contro l’ astensionismo" (Gegen den Abstentionismus);

- revolutionärer Syndikalismus: Bordiga war der entschiedenste Anhänger einer Unterordnung der Gewerkschaftsaktionen unter die Partei. So war er ein Gegner der revolutionären Syndikalisten, die das Gegenteil anstrebten. Daher wurde er auch zum Widersacher Gramscis, Togliattis, Tascas und des „L’Ordinovismo", der aussagte, dass die Partei auf dem Fundament der Fabriksräte im Besonderen und der ökonomischen Aktion im Allgemeinen gestellt werden müsse;

- Reformismus: Bordiga war neben Mussolini (dieser allerdings nur bis 1914) der entschiedenste Befürworter eines Parteiausschlusses der Freimaurer und der Parteirechten mit ihrer abwartenden Haltung gegenüber dem Klassenkampf. Die Reinheit der Partei zu erhalten, um ihre revolutionäre Integrität aufrechtzuerhalten – das war stets die Losung der „bordigistischen" Strömung;

- Krieg und Antimilitarismus: Angesichts des drohenden Krieges stand die kompromisslose marxistische Strömung in der ersten Reihe des Kampfes gegen den Militarismus. 1912 begrüßte sie das Basler Manifest gegen den Krieg, das die Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg forderte. In der Zeitschrift „Voce de Castellamare di Stabia" schrieb Bordiga: „Wenn der Befehl zur Mobilmachung erfolgt, werden wir mit dem unbegrenzten Generalstreik antworten; auf die Kriegserklärung werden wir mit dem bewaffneten Aufstand antworten. Dies wird die soziale Revolution sein." Um diese prinzipielle Position zu unterstützen, machte der Jugendverband der Jungen Sozialisten Bordiga zum Herausgeber einer antimilitaristischen Zeitschrift, deren Titel „Soldatenpfennig" lautete und die mit dem Jugendverband verbunden war.

Aber Bordigas Hoffnung auf eine Umwandlung des Krieges in eine Revolution erfüllte sich nicht. Nachdem die „Rote Woche" in Ancona zu einer Welle von Aktionen der Arbeiterklasse gegen Repression und Krieg im ganzen Land geführt hatte, brach die Entscheidung der Gewerkschaft HQ, zur Rückkehr zum Arbeitsplatz aufzurufen, der Bewegung das Genick.

Wie würde nun die PSI, mit einer linken Fraktion in ihrer ersten Reihe, auf den Krieg antworten? Die wichtigsten sozialistischen Parteien hatten sich mehrheitlich selbst als Mitwirkende am imperialistischen Krieg entlarvt. In „L’Avanti" schrieb Mussolini, dass er sich weigere, über ein Bündnis mit der italienischen Bourgeoisie nachzudenken. Bordiga argumentierte gegen jede Unterscheidung zwischen Offensiv- und Defensivkrieg. 1914 kritisierte er auch jegliche Idee von Neutralität in den Reihen der Arbeiterklasse: „Für uns bedeutet Neutralität eine glühende sozialistische Verstärkung des Kampfes gegen den bürgerlichen Staat, die Betonung aller Klassenantagonismen, die die wirkliche Quelle jeder revolutionären Entwicklung sind." Die Linke erklärte, „auf dem Posten für den Sozialismus" zu sein, und Bordiga schrieb in einem anderen Artikel: „Wir müssen auf unserem Posten sein und bleiben – gegen alle Kriege und für das Proletariat, das durch sie alles zu verlieren, aber nichts zu gewinnen oder erhalten hat." Doch der Artikel unterstrich auch die Schwäche der proletarischen Reaktion:

„…in allen Ländern ist es der herrschenden Klasse gelungen, das Proletariat glauben zu machen, dass sie wohlgesinnt sei, dass sie in den Krieg getrieben worden sei, weil sie das Land und seine höchsten Interessen verteidigen müsse. In der Realität aber ist die Bourgeoisie in allen Ländern gleichermaßen verantwortlich für den Ausbruch des Konflikts oder – besser - ist das kapitalistische System, das mit seinem Bedürfnis nach Expansion das Wettrüsten erzeugt hat, dafür verantwortlich…" (Avanti, „Al Nostro Posto!", 16. August 1914.)

Die PSI sollte diese kompromisslose Position nicht lange aufrechterhalten. Mussolini schwor seiner revolutionären Vergangenheit ab, indem er sich zum Krieg bekannte. Er wurde im Oktober 1914 zum Interventionisten, als er seine neue Position in einem Artikel mit dem Titel „Von absoluter Neutralität zu aktiver und operativer Neutralität" in „L’Avanti" veröffentlichte. Nach seinem Ausschluss aus der Partei gab er dank der Finanzierung durch die Entente, die er durch die Vermittlung des französischen sozialistischen Abgeordneten Marcel Cachin, eines späteren Führungsmitgliedes der Kommunistischen Partei Frankreichs, erhalten hatte, die Zeitung „Il Popolo d’Italia" heraus. In der Frage des Krieges blieb aber auch die Position der Parteiführung, die durch Lazzari vertreten wurde, nicht die klarste. Mit dem Krieg konfrontiert, verkündete sie, die Partei werde den Krieg weder unterstützen noch sabotieren, was bezüglich der Frage der Umwandlung des Krieges in die Revolution mehrdeutig verstanden werden konnte und in der Praxis die Form einer Neutralität gegenüber der italienischen Bourgeoisie annahm. Indes, als der Krieg ausbrach titelte „Il Socialista" in Neapel: „Der Krieg wurde beschlossen. Nieder mit dem Krieg!" Und „L’Avanti" erklärte sich „gegen den Krieg und für den antimilitaristischen internationalen Sozialismus".

Das Schwanken der PSI zwischen der Parteirechten und –linken begünstigte nicht die Entstehung einer linken Fraktion während des Weltkrieges. In Zimmerwald war nicht die Linke vertreten, sondern die Rechte in der Person des Abgeordneten Modigliani. Bordiga, in den Jahren 1915 und 1916 zweimal zum Militär eingezogen, war vor 1917 nicht in der Lage, eine linke Opposition zu bilden.

Auf dem Weg zur Eroberung der Partei (1918-1921)

Erst 1917, auf dem Parteitag in Rom, verschärfte sich der Gegensatz zwischen der Rechten und Linken. Erstere erhielt 17.000 Stimmen, während Letztere es auf 14.000 brachte. Der Sieg Turatis, Treves’ und Modiglianis zu einer Zeit, in der die Russische Revolution bereits tobte, führte zur Formation einer „kompromisslosen revolutionären Fraktion" in Florenz, Mailand, Turin und Neapel. Gegen die Formel „Für Frieden und Leben nach dem Krieg", die weiterhin von der Mehrheit der Partei verwendet wurde, verteidigte die Plattform der Fraktion „das Recht des Proletariats in allen Ländern, seine Diktatur zu errichten" und „allen bürgerlichen Institutionen nicht nur auf dem politischen Terrain, sondern auch durch die sozialistische Enteignung der Kapitalisten den Kampf anzusagen".

Die Kristallisierung einer revolutionären Fraktion signalisierte eine Reifung des revolutionären Bewusstseins des italienischen Proletariats. Getrieben vom Hunger und angespornt vom russischen Beispiel (nur wenige Monate zuvor hatten sie den sowjetischen Repräsentanten einen triumphalen Empfang bereitet), errichteten im August 1917 die Turiner Arbeiter Barrikaden und bewaffneten sich mit Gewehren, die sie von Soldaten erhalten hatten. In den Kämpfen wurden mehr als 50 Arbeiter getötet. Trotz dieses Aufschwungs der revolutionären Bewegung versäumte es der Parteitag in Rom 1918, die rechte Fraktion auszuschließen. Der Kongress vergaß, dass Turati zur Zeit von Caporetto erklärt hatte, dass „‘L’Avanti‘ während der Periode des Krieges eine ruhmreiche Seite in der Geschichte der Arbeiterklasse geschrieben" habe. So wurde die ‚maximalistische" Tendenz geboren – trotz ihres Verbalradikalismus wagte sie es nicht, durch eine Spaltung eine klare Linie zwischen der Linken und der Rechten zu ziehen. (3)

Überzeugt davon, dass sie entschlossen in Richtung einer Organisierung der linken Fraktion zu gehen habe, um die Rechte und das Zentrum zu eliminieren, rüstete sich die kompromisslose Fraktion im Dezember 1918 mit einem eigenen Organ aus: dem in Neapel erscheinenden „Il Soviet". Dies war die Geburtsstunde der Abstentionistischen Kommunistischen Fraktion. Formell konstituierte sich die Fraktion nach dem Bologneser Parteitag im Oktober 1919, in einer Situation proletarischer Erregung, die sich durch ökonomische Streiks ausdrückte. In einem Brief aus Neapel nach Moskau im November sah sie ihr Ziel im „Ausschluss der Reformisten aus der Partei, um eine revolutionärere Haltung zu gewährleisten." Zudem bestand sie darauf, dass eine der Komintern zugehörige Partei auf antiparlamentarischer Basis begründet sein müsse. Nicht nur müsse „jeder Kontakt mit dem demokratischen System abgebrochen werden", darüber hinaus sei eine wirklich kommunistische Partei nur möglich, „wenn wir auf die Wahl- und Parlamentsaktivitäten verzichten."

Aber Bordiga wollte keine Spaltung. Obwohl sie als eigenständige Fraktion innerhalb der PSI mit ihrer eigenen Presse organisiert war, strebte die Abstentionistische Fraktion vor allem die Gewinnung der Mehrheit der Partei für ihr Programm an. Sie ging noch davon aus, dass dies trotz des erdrückenden Sieges der pro-parlamentarischen Tendenz, die durch die Allianz von Lazzari und Serrati repräsentiert wurde, möglich ist. Die Fraktion könne erst zu einer Partei werden, wenn sie zuvor mit aller Kraft auf die Gewinnung zumindest signifikanter Minderheiten hingearbeitet habe. Das Terrain nicht preiszugeben, solange der Kampf nicht so weit wie möglich geführt worden war - das war stets die Hauptsorge der „bordigistischen" Bewegung. Hier zeigt sich, dass es sich um keine Sekte handelte, wie es ihre Gegner immer behauptet haben.

Der bedingungslose Rückhalt, den die Komintern auf ihrem II. Weltkongress Bordigas Fraktion gewährte, versetzte die Abstentionistische Kommunistische Fraktion in die Lage, aus ihrer Isolation als Minderheit innerhalb der Partei auszubrechen. Obwohl in der Frage der prinzipiellen Wahlenthaltung gegensätzlicher Meinung, betrachtete Lenin Bordiga als den leidenschaftlichsten und entschlossensten Anhänger einer Gründung der Internationale auf strenger Grundlage. Der Repräsentant von „Il Soviet" bewegte den Kongress zur Annahme der 21. Bedingung zur Aufnahme in die Komintern: den Ausschluss all jener Parteien, die nicht allen Bedingungen und Thesen der Internationale zuzustimmen bereit waren. Im sicheren Gefühl, dass der Kampf gegen den Reformismus entschlossen geführt werde, unterwarf sich Bordiga der Forderung der Komintern, dass jede Partei Kandidaten für die Wahlen zu präsentieren hat. Um sich von den Anarchisten abzugrenzen, versicherte er, dass sein Abstentionismus „taktischer" Natur sei, dass sich in der Praxis die Wahl zwischen einer „Wahlvorbereitung", die eine übermäßige Mobilisierung der Ressourcen der Partei in Anspruch nehme, und der „revolutionären Vorbereitung", d.h. einer für die Entwicklung der Partei notwendigen Agitation und Propaganda, stelle. (4)

Bordiga und die "Partito Comunista d’Italia"

Somit war der Weg frei zur Gründung einer kommunistischen Partei. Im März 1920 brach in Turin ein Generalstreik aus, der zehn Tage andauerte. Die Zersplitterung der Kämpfe und die Unbeweglichkeit der PSI, die durch eine legalistische Gewerkschaft unterstützt wurde, zwang die verschiedenen Oppositionsgruppen zur Zusammenarbeit und kurz darauf zur Vereinigung. Am 1. Mai 1919 erschien die erste Ausgabe von „L’Ordine Nuovo", die von Gramsci, Togliatti und Tasca herausgegeben wurde. Die Kontakte zur „bordigistischen" Strömung waren aus naheliegenden Gründen eng: Die Turiner Parteigruppe war abstentionistisch und wurde von einem Parteigänger Bordigas, dem Arbeiter Giovanni Boero, geleitet. Dennoch befürwortete die Gruppe um Gramsci die Beteiligung an den Wahlen. Sie stellte „Il Soviet" eine raffinierte Mischung aus Lenin und De Leons revolutionärem Syndikalismus entgegen. Der Grundgedanke war, dass „der Tradeunionismus gezeigt hat, dass er nichts anderes ist als eine Form der kapitalistischen Gesellschaft" und dass er durch Betriebsräte und Sowjets ersetzt werden müsse. Im weiteren Verlauf rief sie die Arbeiter zur Selbstverwaltung der Fabriken auf und schien die Rolle der kommunistischen Partei zu unterschätzen, indem sie ihr lediglich ökonomische Aufgaben zuwies. Für „Il Soviet" bestand die Schlüsselfrage in der Rolle der Partei, ohne die ihrer Meinung nach der Klassenkampf nicht auf den richtigen Pfad gelangen werde. Zwar war Bordiga ein Anhänger der Räteidee, aber er bestand darauf, dass die Räte einen revolutionären Inhalt nur durch ihre Formierung auf der Basis „lokaler Sektionen der kommunistischen Partei" annehmen könnten. Für ihn konnte die Diktatur des Proletariats nur durch die Diktatur der Partei realisiert werden, denn die Räte seien „im Kern keine revolutionären Organe". Abseits dieser theoretischen Fragen, über die Bordiga eine kontinuierliche Auseinandersetzung führte, bestand die fundamentale Divergenz in dem Versäumnis der Gruppe um „L’Ordine Nuovo", mit dem Maximalismus zu brechen, und in ihrem Zögern, sich selbst als eigenständige Fraktion zu konstituieren, in Aussicht auf einen baldigen Bruch mit Serratis Zentrum. (5)

Gegen Ende 1920 näherte sich die Gruppe um „L‘Ordine Nuovo" der Fraktion um Bordiga an, die mittlerweile nicht nur in Neapel, sondern auch in Turin, Mailand und Florenz über die Mehrheit in der Partei verfügte. Der gescheiterte Versuch im September, die Fabriken zu besetzen, versetzte Gramscis Theorien der Wirtschaftsverwaltung und der „Arbeiterkontrolle" einen herben Rückschlag. Durch ein geschicktes Manöver gelang es der Giolotti-Regierung, die Streiks abklingen zu lassen und eine Arbeiterkontrolle zu verordnen. Die revolutionären Ereignisse deckten die Abwesenheit einer kommunistischen Partei auf, die in der Lage gewesen wäre, die Bewegung zu unterstützen und zu führen. Der darauffolgende Rückfluss der revolutionären Welle war für die abstentionistische Fraktion und für „L‘Ordine Nuovo" der Beweis, dass ein Abwarten und getrenntes Agieren nicht länger möglich ist. So wurde im Oktober die Vereinigte Kommunistische Fraktion gegründet. Sie gab ein Manifest heraus, das die Bildung einer kommunistischen Partei durch den Ausschluss von Turatis rechtem Flügel forderte. Sie gab den Wahlboykott auf und folgte somit den Entscheidungen des II. Kongresses der Komintern.

Der Schritt zur Spaltung, die zu diesem Zeitpunkt noch unterschwellig war, fand im Dezember auf der Konferenz von Imola statt. Das deutsche Modell einer Vereinigung von Kommunisten und Linkssozialisten wurde dabei zurückgewiesen: „Unsere Arbeit als Fraktion ist und muss nun beendet sein." Die Teilnehmer an der Konferenz erklärten einstimmig, dass sie nicht länger „in der alten Partei (bleiben können), um die ermüdende Arbeit der Überzeugung zu leisten, die in jedem Fall beendet ist, da so das Proletariat bis zum nächsten Kongress zur Unbeweglichkeit verurteilt wäre." So war die Schlussfolgerung „ein umgehender Rückzug aus der Partei und vom Kongress (der PSI), sobald die Abstimmung uns zur Mehrheit oder Minderheit macht. Daraus folgt … eine Abspaltung vom Zentrum."

Am 21. Januar 1921 erhielt der Antrag von Imola ein Drittel der Stimmen: 58 783 gegen 172 487. Die Kommunistische Partei Italiens, Sektion der Kommunistischen Internationale, war gegründet worden. Kurz zuvor hatte Bordiga auf dem Parteitag der PSI erklärt, dass „die Sozialistische Partei bleibt, was sie am Vorabend des Krieges gewesen war: die beste Partei der II. Internationale, aber eben keine Partei der III. Internationale." Serrati habe zwar formal die 21 Bedingungen akzeptiert, sei aber nicht in der Lage gewesen, „sie in die Tat umzusetzen. Wir nehmen mit uns die Ehre unserer Vergangenheit", schloss er und verließ den Kongress. Die Abstentionistische Fraktion löste sich in der neuen Partei auf, die ihrerseits das Bestehen autonomer Fraktionen ablehnte, um in „strikter Homogenität und Disziplin" zu agieren.

Was waren nun die Grundlagen der neuen Partei unter Bordigas Führung? Sie waren in den „Thesen der abstentionistischen Fraktion" von 1920 festgelegt worden. Sie legten dar, dass die Kommunistische Partei „als Generalstab des Proletariats im revolutionären Krieg" zu handeln habe, denn „nur seine Organisation in einer politischen Partei kann die Formierung des Proletariats als Klasse, die für ihre Emanzipation kämpft, ausführen." Der Text lehnte die Einheitsfront mit anderen Parteien, die das kommunistische Programm nicht vertreten, und die Unterordnung der Partei unter die ökonomische Aktion ab und unterstrich das Hauptziel jeder kommunistischen Partei: die gewaltsame Ergreifung der Macht und die Errichtung einer Diktatur der Partei.

Die in der Revolution aufkommenden Räte seien nur revolutionär, „wenn die Mehrheit von der Kommunistischen Partei gewonnen ist". Andernfalls würden sie eine „ernsthafte Gefahr für den revolutionären Kampf darstellen". In den gegenwärtigen Kämpfen müssen die Kommunisten durch Propaganda, durch „intensive Schulung und Kritik (...) die Entwicklung kontinuierlich in Richtung auf eine effektive Vorbereitung für den unvermeidlichen bewaffneten Kampf gegen all jene lenken, die die Prinzipien und Macht der Bourgeoisie verteidigen".

Die „Thesen von Rom", die Bordiga und Terracini für den II. Parteitag der PCI im Jahre 1922 verfasst hatten, bestätigten diese Sichtweise. Sie stellten die Grundlage der „bordigistischen" Strömung dar. Sie zeigten auf, dass der Krieg eine neue historische Epoche eröffnet hat, in der „die kapitalistische Gesellschaft auseinanderfällt und in der der Klassenkampf nur in einem bewaffneten Konflikt zwischen den arbeitenden Massen und den Mächten der verschiedenen kapitalistischen Staaten enden kann." Die Partei sei die Synthese von Programm und Wille, das Instrument, um diese in die Tat umzusetzen, und werde durch ihre organische Kontinuität mit der Fraktion, aus der sie sich entwickelt hatte, definiert. Sie könne kein Konglomerat mit anderen Parteien und Fraktionen eingehen, ohne „die Beständigkeit ihrer politischen Position und die Festigkeit ihrer Struktur" zu gefährden. Als einheitliche Partei müsse sie die einheitliche Führung der Gewerkschaften und aller ökonomischen Vereinigungen der Arbeiter anstreben. Abschließend wurde festgestellt, dass die Partei keine Ansammlung von Individuen sei, sondern ein diszipliniertes Kollektiv. Sie müsse eine unablässige Kritik an den anderen Parteien üben und deren praktische Tätigkeit anprangern, sobald diese eine fehlerhafte und gefährliche Taktik aufwiesen. (6)

Doch die Kommunistische Partei war zu spät gegründet worden. Die Entwicklung der faschistischen Bewegung schränkte ihre Tätigkeit ein und drängte sie in die Defensive. Sie organisierte zwar bewaffnete Gruppen, um ihre Büros zu verteidigen und die faschistische Offensive zurückzudrängen. Aber auch wenn dies gelegentlich erfolgreich war, bestand die Hoffnung der PCI, den Faschismus tatsächlich zurückzudrängen, letztendlich in der Ausbreitung breiter wirtschaftlicher Kämpfe. Seit dem September 1920 befanden sich diese aber im Rückgang. Zudem konnte die PCI nicht auf eine Zusammenarbeit mit der PSI zählen, denn diese nahm eine Position der Neutralität ein, indem sie einen „Befriedungspakt" mit Mussolini unterschrieb. Ihre Forderungen nach einer „Rückkehr zur Legalität" zeigten das Unvermögen, das sich hinter ihrer maximalistischen Sprache verbarg. Daher führte die PCI ihre eigene Politik aus, die jegliche Einheitsfront mit Elementen ablehnte, „deren Ziel nicht der bewaffnete revolutionäre Kampf des Proletariats gegen den gegenwärtigen Staat" war. Identisch dazu war die Politik der Partei gegenüber antifaschistischen Bündnissen. Um eine revolutionäre Vision innerhalb des Proletariats aufrechtzuerhalten, um seine Klassenautonomie zu bewahren, konnte es für die Partei nicht in Frage kommen, sich den „arditi del popolo" anzuschließen, die wie die PSI für eine Rückkehr zur „demokratischen Ordnung" eintraten. Aus dem Faschismus stammend, schlugen diese vor, „den inneren Frieden herbeizuführen". Sie erklärten sich selbst zu Patrioten und erlaubten lediglich früheren Kriegsteilnehmern und Mitgliedern von Sturmabteilungen den Zugang. Es geschah also nicht aus Gründen des „Sektierertums" oder „Purismus", dass die PCI sich weigerte, solche Bündnisse zu bilden. Als revolutionäre Partei konnte sie keinerlei Zweideutigkeiten über das Wesen der Demokratie zulassen oder das Proletariat von seinem Ziel ablenken, das nicht in der Verteidigung des „demokratischen" Staates bestand, sondern in seiner Zerstörung.

Tatsächlich unterstrich Bordiga, dass es faktisch die Demokratie war, die die faschistische Bewegung unterstützt und geschaffen hatte. Die Regierung, die von der PSI wegen ihrer fehlenden Konsequenz kritisiert wurde, hatte in ihrem Dekret vom 20. Dezember 1920 60.000 demobilisierte Offiziere in Ausbildungslager entsandt, mit der Verpflichtung, sich den Gruppen der Squadristi anzuschließen. Wann immer die Faschisten die Büros der Gewerkschaften oder der Arbeiterparteien niederbrannten, waren Polizei und Armee des liberalen und demokratischen Staates auf ihrer Seite.

Aus diesen historischen Erfahrungen entwickelte die PCI auf dem IV. Kongress der Komintern die in ihren Augen wichtigsten Lehren.

- Der Faschismus sei nicht die Bewegung der Mittelklassen und der agrarischen Bourgeoisie. Vielmehr sei er das Produkt der Niederlage, die das Proletariat erlitten hatte und die die unentschlossenen kleinbürgerlichen Schichten hinter die faschistische Reaktion gedrängt habe:

„Als die Mittelklasse sah, dass die Sozialistische Partei unfähig war, aus der Situation Vorteile zu ziehen, verlor sie Stück für Stück das Vertrauen in die Möglichkeiten des Proletariats und schloss sich der gegnerischen Klasse an. Diese nutzte den Geisteszustand aus, in dem sich die Mittelschicht befand."

- Der Faschismus sei keine „feudale" Reaktion. Er sei in den großen Industriestädten entstanden, wie in Mailand, wo Mussolini 1919 seine Partei gegründet hatte. Die Industriellen unterstützten die faschistische Bewegung, die sich selbst präsentierte als „große Einheitsbewegung der herrschenden Klasse, bereit, sich in ihren Dienst zu stellen, alle Mittel, sämtliche partiellen und lokalen Interessen der sowohl agrarischen als auch industriellen Gruppen der Bosse zu nutzen und auszuschöpfen".

- Der Faschismus sei nicht mit der Demokratie unvereinbar. Er sei ihre unverzichtbare Ergänzung für den Fall, „dass der Staat nicht mehr in der Lage ist, die Macht der Bourgeoisie zu verteidigen". Die faschistische Partei unterstützte den Staat mit einer „einheitlichen Partei, einer zentralisierten konterrevolutionären Organisation".

An anderer Stelle zog die Italienische Linke die praktischen Konsequenzen aus ihren Analysen gegenüber der PCI und des „Antifaschismus":

- Es sei die Linke und in erster Linie die Sozialdemokratie gewesen, die die Tür zum Faschismus aufgestoßen hätten, indem sie die Arbeiter mit der Verteidigung der „demokratischen Freiheiten" und des „demokratischen Staates" eingeschläfert hätten. Neben der Linken sah Bordiga in der italienischen CGL, die 1921 die Kämpfe der Metallarbeiter in der Lombardei, Venetien und Ligurien in einen regionalen Rahmen gesperrt habe, einen Hauptfaktor bei der Demobilisierung der Arbeiter und ihrer schutzlosen Auslieferung gegenüber den faschistischen Angriffen. Um seine Position zusammenzufassen, erklärte er unter Bezugnahme auf das deutsche Beispiel von 1919, dass dies „die Straße war, die zum ‚Noskismus’ führt".

- Der „Antifaschismus" sei das schlimmste Produkt des Faschismus, denn er täuschte vor, dass ein Bündnis mit den liberalen oder linken Parteien das Proletariat vor den Schlägen der vereinigten bürgerlichen Reaktion retten könne. Der Antifaschismus habe die übelsten Illusionen über die „demokratische" Linke aufrechterhalten, die 1922 die Macht kampflos an Mussolini abgetreten hatte.

Die kommunistische Linke sah die Lösung in einer sich aus ökonomischen Kämpfen heraus entwickelnden Arbeiteroffensive gegen den Kapitalismus. Gegen den vereinten Angriff der Bourgeoisie könne das italienische Proletariat nur eine einheitliche Antwort auf ihrem spezifischen Terrain geben: den Streik. Daher unterstützte die „bordigistische" Führung, obwohl sie die politische Einheitsfront ablehnte, die Idee einer Einheitsfront der Gewerkschaften mit den sozialistischen und anarchistischen Gewerkschaften. Die PCI schloss sich dem „Arbeiterbündnis" an, das auf Initiative der Eisenbahner-Gewerkschaft gebildet worden war und dem im Februar 1922 alle Gewerkschaften beitraten. Angesichts seiner Politik der lokalen Streiks musste die Kommunistische Partei allerdings feststellen, dass das Bündnis „träge und passiv (blieb); nicht nur hat es den Kampf nicht aufgenommen, es hat weder klar gesagt, dass die Zeit dazu reif ist, noch gezeigt, dass es sich dafür vorbereiten will." Tatsächlich rief das Bündnis während des großen Auguststreiks, der sich überall im Land ausbreitete, dazu auf, zur Arbeit zurückzukehren. (7)

Trotz dieser bitteren Erfahrung stellte die PCI genauso wie später die Kommunistische Linke niemals die Parole der „gewerkschaftlichen Einheitsfront" in Frage. Diese Position enthielt einen gewissen logischen Mangel: Wenn die Gewerkschaften von den politischen Parteien geführt wurden, vertraten sie auch notwendigerweise die Politik dieser Parteien. Folglich ist es schwierig, die Grundlage für diese Unterscheidung zwischen der Einheitsfront der Gewerkschaften und der politischen Einheitsfront zu erkennen. Im Gegensatz zur Deutsch-Holländischen Linken stellte die Italienische Linke ihre Mitwirkung in den Gewerkschaften, die sie weiterhin als opportunistische Arbeiterorganisationen definierte, nicht in Frage.

Es war gerade die Frage der Einheitsfront, die zu einem ständigen Gegensatz zwischen der „bordigistischen" Führung und der Komintern führte. Auf ihrem III. Kongress hatte die Kommunistische Internationale die Übernahme dieser „Taktik" in allen Ländern angeordnet. Sie hatte sogar an einer gemeinsamen Konferenz der drei Internationalen teilgenommen, um die Einheitsfront zu organisieren. Auf dem IV. Weltkongress stellte sich die Delegation der PCI dieser Parole entgegen und erklärte, dass sie:

„... nicht akzeptieren wird, ein Teil gemeinsamer Organe verschiedener politischer Organisationen zu sein (...) (Sie) wird ebenfalls vermeiden, gemeinsame Erklärungen mit anderen politischen Organisationen zu verabschieden, wenn diese Erklärungen ihrem Programm widersprächen und dem Proletariat als Resultat von Verhandlungen präsentiert würden, mit dem Ziel, eine gemeinsame Linie für die Praxis zu finden."

Die PCI weigerte sich auch, die Parole der „Arbeiterregierungen" zu übernehmen, die eine Konkretisierung der Einheitsfront darstellten:

„Über Arbeiterregierungen zu reden, indem man erklärt, dass wir die Möglichkeit der Bildung einer parlamentarischen Koalition, an der sich die Kommunistische Partei beteiligt, nicht ausschließen dürfen, führt zu einer praktischen Verleugnung des politischen Programms des Kommunismus, d.h. der Notwendigkeit, die Massen für den Kampf um die Diktatur des Proletariats vorzubereiten." (8)

„Bolschewisierung" und die Reaktion der Linken

Doch die Hauptdivergenz zwischen der Führung der Komintern und der italienischen Parteiführung kristallisierte sich in der Frage der Verbindung der PCI mit der Linken der PSI heraus, sobald Letztere Turatis rechten Flügel ausgeschlossen hatte. Die Komintern wollte eine Massenpartei in Italien nach dem Modell der deutschen VKPD schaffen. Sie nahm an, dass Serrati und Lazzari Revolutionäre seien, von denen sich Bordigas Tendenz aus reinem „Sektierertum" distanziere. Auch wenn sie verkündete, dass „Reformisten und Zentristen Blei an den Füßen der Partei waren", dass sie „nichts anderes (waren) als die Agenten der Bourgeoisie im Lager der Arbeiterklasse", ordnete die Exekutive der Komintern ohne Zögern eine Fusion an, um eine vereinte kommunistische Partei zu bilden. Zu diesem Zweck wurde ein Organisationskomitee gebildet, das Bordiga und Tasca für die PCI, Serrati und Maffi für die PSI sowie Sinowjew für die Exekutive umfasste. Somit räumte die Komintern in der Absicht, die „bordigistische" Führung zu zähmen, dem rechten Flügel der Partei (der eine kleine Minderheit war, die lediglich 4.000 Stimmen gegen 31.000 Stimmen für die Linke auf dem Römer Kongress erhielt) das gleiche Gewicht ein. Die rechte Tendenz setzte sich aus all den alten „Ordinovisti" zusammen, mit Ausnahme von Gramsci und Togliatti, die noch der Mehrheit folgten. Es wurde beschlossen, Sinowjews „Direktiven" anzuwenden. (9)

Was die Fusion anbetrifft, die für die Komintern das Motiv für die Eliminierung der Führung war, so fand sie nicht einmal statt. Die PSI weigerte sich, die Bedingungen für den Beitritt zu akzeptieren, und schloss die Serrati-Maffi-Gruppe mit ihrer Zeitschrift „Pagine Rosse" aus. Die „Terzionalisti" oder „Terzini" schlossen sich schließlich im August 1924 in ihrer Gesamtheit an und brachten 2.000 Mitglieder aus einer Partei mit, die unter den Auswirkungen der Repression und Demoralisierung nur noch 20.000 Angehörige hatte.

Sinowjews Bolschewisierung war es nicht gelungen, Bordigas kompromisslose Tendenz, die die überwältigende Mehrheit in der Partei bildete, zu eliminieren. Die Exekutive der Komintern versuchte daraufhin, ihre unangefochtenen Führer zu neutralisieren, indem sie Bordiga aufforderte, ins italienische Exekutivkomitee zurückzukehren. Aufgrund seiner Meinungsverschiedenheiten mit Letzterem lehnte Bordiga ab. Er lehnte ebenfalls den Posten eines Abgeordneten ab, der ihm angeboten worden war – eine wahre Beleidigung eines Abstentionisten. Seine Antwort war kurz und prägnant: „Ich werde niemals ein Abgeordneter sein, und je eher Sie ihre Projekte ohne mich fortsetzen, desto mehr Zeit werden Sie sparen." (Brief von Bordiga an Togliatti, 2. Februar 1924)

Im Mai 1924 wurde in Como unter Geheimhaltung die Konferenz der PCI abgehalten. Sie war ein überwältigender Erfolg für die Linke. 35 von 45 Gebietssekretäre, vier von fünf zwischenregionale Sekretäre stimmten den von Bordiga, Grieco, Fortichiari und Repossi präsentierten Thesen zu. Diese stellten fest, dass die Partei in einer ungünstigen Periode gebildet worden sei; jedoch habe der Faschismus, „nach der Zerschlagung des Proletariats (...) die politischen Methoden und die Illusionen des alten pazifistischen Sozialismus liquidiert" und somit die Arbeiterklasse vor die Alternative gestellt: „Diktatur des Proletariats oder Diktatur der Bourgeoisie". Insbesondere kritisierten sie die Komintern, die Verschmelzung erzwungen zu haben und gegenüber dem Charakter des Maximalismus mehrdeutig geblieben zu sein. Auf politischer Ebene müsse die Partei, während sie einen entschlossenen Kampf gegen den Faschismus führte, ebenfalls „eine entschiedene Kritik der so genannten antifaschistischen bürgerlichen Parteien wie der sozialdemokratischen Parteien verfassen und jegliche Block- oder Bündnispolitik vermeiden..." Doch vor allem richtete die gesamte Linke ihre Angriffe gegen die Bolschewisierung, die eine disziplinarische Funktionsweise durchgesetzt habe. In ihrem neopolitanischen Organ „Prometeo" zeigte sie, dass in der gesamten Geschichte der Arbeiterbewegung „die revolutionäre Orientierung durch einen Bruch mit der Disziplin und mit dem hierarchischen Zentralismus der früheren Organisationen gekennzeichnet war". Die Parteizugehörigkeit müsse auf freiwilliger Mitgliedschaft beruhen, die Disziplin könne nur das Resultat und nicht die Voraussetzung einer gesunden Funktionsweise sein. Andernfalls würde Letztere „auf eine banale Regel des mechanischen Gehorsams" reduziert werden.

Doch paradoxerweise war Bordiga auf dem V. Kongress der entschiedenste Vertreter einer Anwendung der Disziplin, auch wenn er seine frühere Kritik aufrechterhielt. „Wir wollen eine wirkliche Zentralisierung, eine wirkliche Disziplin", erklärte er, um zu beweisen, dass es nicht, wie behauptet wurde, seine Absicht war, eine linke Fraktion zu konstituieren. Seine Ablehnung von Sinowjews Angebot einer Vizepräsidentschaft in der Komintern mag somit widersprüchlich erscheinen. Jedoch war diese Vorschlag nicht ohne Hintergedanken: Er war nichts anderes als ein Versuch, den Gründer der italienischen Partei zu kaufen. Aber Bordiga war nicht Togliatti.

Von nun an herrschte Krieg zwischen der „bordigistischen" Tendenz und der russischen Führung der Komintern. Das Jahr 1925 sollte sich als entscheidend erweisen.

1925 war das Jahr der aktiven Bolschewisierung der Parteien. Es war auch das Jahr, in dem der Kampf der russischen KP und der Komintern gegen Trotzkis Linksopposition seinen eigentlichen Anfang nahm: Im Januar trat Trotzki von seinem Posten als Volkskommissar zurück. Es war das Jahr, in dem die alte „linke" Führung unter Fischer und Maslow langsam aus der KPD gedrängt wurde und Karl Korsch seine Fraktion zu organisieren begann. Es war somit das Jahr, in dem der Kampf der Komintern gegen ihre linken Tendenzen begann, zu Gunsten einer zentristischen Führung, die Stalin untergeordnet war.

Es geschah daher mehr aus einer Reaktion gegen diese Politik denn auf eigener Initiative, dass die Italienische Linke veranlasst wurde, sich als eine Tendenz zu organisieren und den Kampf gegen Gramsci-Togliatti und die russische Führung aufzunehmen.

Im März-April 1925 setzte die Erweiterte Exekutive der Komintern die Eliminierung der „bordigistischen" Tendenz auf die Tagesordnung des III. Kongresses der PCI. Sie verbat die Veröffentlichung eines Artikels von Bordiga, in dem sich dieser für Trotzki ausgesprochen hatte („Die Trotzki-Frage"). Die Bolschewisierung der italienischen Sektion begann mit der Entfernung Fortichiaris von seinem Posten als Gebietssekretär von Mailand. Im April gründete die Linke, mit Damen, Repossi und Fortichiari, ein „Bündniskomitee", um ihre Aktivitäten zu koordinieren. (10)

Die Gramsci-Führung griff dieses Komitee gewaltsam an und denunzierte es als eine „organisierte Fraktion". Tatsächlich aber wollte sich die Linke noch nicht als Fraktion konstituieren; sie wollte keinerlei Vorwand für ihren Ausschluss aus der Partei liefern, während sie noch in der Mehrheit war. Zunächst weigerte sich Bordiga, dem Komitee beizutreten, da er nicht den ihm auferlegten disziplinarischen Rahmen übertreten wollte. Erst im Juni schloss er sich der Position von Damen, Fortichiari und Repossi an. Ihm wurde die Aufgabe zugeteilt, eine „Plattform" der Linken zu entwerfen, die der erste systematische Angriff auf die Bolschewisierung war. Die Plattform verurteilte die Politik der „Manöver und Zweckdienlichkeit", die auf die willkürliche Schaffung einer Massenpartei abzielte, „geht man davon aus, dass das Verhältnis zwischen der Partei und den Massen im Wesentlichen von den objektiven Bedingungen der Situation abhängt". Sie verurteilte das System der Fabrikzellen, „eine Negation der Zentralisierung der kommunistischen Parteien". In einem Artikel, der in denselben Tagen wie die Plattform veröffentlicht wurde, betonte Bordiga, dass die Funktion dieser Zellen es sei, jegliches interne Leben zu ersticken und die Arbeiter in die engen Grenzen der Fabrik einzusperren. Im Namen des Kampfes gegen die „Intellektuellen" wurde die Macht der Funktionäre wieder verstärkt. Es lohnt sich, die Argumente der Linken zu untersuchen, die am systematischsten die Politik der Bolschewisierung kritisierte:

- Die Ersetzung der territorialen Sektionen durch Zellen bedeute die Abschaffung des organischen Lebens einer revolutionären Partei, die sich „als ein aktives Kollektiv mit einer einheitlichen Führung" präsentieren müsse. Sie seien die Negation der Zentralisierung und der bürokratische Triumph des Föderalismus, in dem der Parteikörper in hermetisch voneinander isolierte Zellen aufgeteilt werden würde.

- Die „Bolschewisierung" fördere den Partikularismus und Individualismus. Die Partei würde zu einer Summe von individuellen Arbeitern, die mit ihrem Berufszweig verhaftet seien. Die Konsequenz daraus sei der Korporatismus und die Arbeitertümelei, der Bruch der organischen Einheit des Parteikollektivs, das über alle Berufskategorien hinweggehen müsse.

- Statt die Rolle der „Intellektuellen" in der Partei einzuschränken, hätten die Zellen den entgegengesetzten Effekt:

„Der Arbeiter in den Zellen wird dazu neigen, einzig und allein ökonomische Fragen im Interesse der Arbeiter in seinem Unternehmen zu diskutieren. Der Intellektuelle wird weiter intervenieren, nicht dank der Stärke seiner Beredsamkeit, sondern eher dank des Monopols der Autorität, die ihm von der Parteizentrale verliehen wurde, um aufkommende Fragen zu ‚regeln‘."

Darüber hinaus entsprach die „Bolschewisierung" der Parteiführung – ein Ziel, das die „Bolschewiki" verkündeten – nur wenig der tatsächlichen Realität: Die neue Führung hatte im Gegensatz zur alten nicht einen Arbeiter in der Exekutive.

- Führer mit Arbeiterherkunft zu haben war keine Garantie für den proletarischen Charakter der Partei, weil „Führer mit Arbeiterherkunft sich zumindest genauso fähig zum Opportunismus und Verrat zeigen können wie die Intellektuellen und im Allgemeinen anfälliger gegenüber bürgerlichen Einflüssen sind."

Unter der Drohung des Ausschlusses löste sich das Bündniskomitee auf und beugte sich der Disziplin. Dies war der Anfang vom Ende der Italienischen Linken als Mehrheit. Mit den Rekrutierungskampagnen der Gramsci-Führung wuchs die Partei von 12.000 auf 30.000 Mitglieder. Die neuen Mitglieder waren vorwiegend sehr junge Arbeiter und Bauern, die zum ersten Mal am politischen Leben teilnahmen. Togliatti meinte, dass „das Niveau der politischen Kapazität und Reife ziemlich niedrig gewesen war". Mit dieser tiefgreifend veränderten Partei im Rücken (11) verdrängte der Kongress von Lyon definitiv die Anhänger Bordigas aus den verantwortlichen Positionen; sie erhielten lediglich 9,2% der Stimmen. Um seine Tendenz jedoch nicht zur Bildung einer Fraktion oder gar zu einer neuen Partei zu verleiten, holte Gramsci drei Mitglieder der Linken ins Zentralkomitee.

Anlässlich dieses Kongresses wurden die berühmten „Thesen von Lyon" vorgestellt, die der Politik der Kommunistischen Linken in der Emigration eine Orientierung geben sollten.

Die Thesen sind an erster Stelle eine Verurteilung der Politik Gramscis, deren pseudo-marxistische Mischung à la Croce und Bergson angeprangert wurde. Sie kritisierten den Vorschlag einer Bildung eines Bündnisses mit den antifaschistischen Parteien nach der Ermordung von Matteotti sowie die Parole der „föderalen Arbeiterrepublik" als einen Verrat am Marxismus.

An zweiter Stelle fassten sie die „bordigistische" Konzeption der Partei zusammen. Diese müsse, um den Klassenkampf zum Sieg zu führen, auf drei Ebenen handeln:

- auf theoretischer Ebene: Der Marxismus bereichere sich durch komplexe Situationen. Er könne nicht auf einen „unabänderlichen und feststehenden Katechismus" reduziert werden, sondern sei „ein lebendiges Instrument zum Verstehen und Verfolgen der Gesetze des historischen Prozesses".

- auf organisatorischer Ebene: Die Partei werde nicht durch den reinen Willen einer kleinen Gruppe von Menschen gebildet, sondern als Antwort auf eine günstige objektive Situation. „Die Revolution ist nicht eine Frage der Organisation", und die Partei sei „gleichzeitig Faktor und Produkt der historischen Entwicklung". Die „Thesen" lehnten daher Voluntarismus und Fatalismus ab.

- auf der Ebene der Intervention: Die Partei müsse sich unabhängig von allen anderen Parteien am Klassenkampf beteiligen.

An dritter Stelle verwarf die „bordigistische" Plattform jene Art von Disziplin, die den freiwilligen Anschluss durch die militärische Regel der Unterwerfung unter einer Autorität ersetzt. Sie unterstrich die Gefahr der Degenerierung der in der Internationale zusammengeschlossenen Parteien, die sich der Bolschewisierung unterworfen hatten. Angesichts dieser Gefahr fassten die Thesen nicht die Bildung einer Fraktion ins Auge, da die wahre Gefahr „in der Form einer subtilen Durchdringung im einheitlichen und demagogische Gewand" lauere und „von oben kommt, um die Initiativen der revolutionären Avantgarde zu frustrieren".

Wie war es um die historischen Aussichten bestellt, die aus dieser Degenerierung resultierten? Sie verdüsterten sich aus zwei Gründen :

- wegen der Stabilisierung des Kapitalismus: In vollkommener Kenntnis der Tatsache, dass „die Krise des Kapitalismus noch andauert", habe die „partielle Stabilisierung" zu einer „Schwächung der revolutionären Arbeiterbewegung in nahezu allen ökonomisch entwickelten Ländern" geführt.

- wegen der Gefahr der Konterrevolution in Russland: Eine revolutionäre Politik von Russland und der Komintern würde subjektiv die künftigen Bedingungen der Revolution bestimmen. Doch Russland werde durch den Kapitalismus innerhalb seiner Grenzen bedroht, durch die Wirtschaft, wo bürgerliche (staatskapitalistische) und sozialistische Elemente koexistieren. Angesichts einer Entwicklung, die der Russischen Revolution „ihren proletarischen Charakter zu rauben droht", könne sie nur durch „den Beitrag aller Parteien und der Internationale" gerettet werden.

Um einen solchen Beitrag zu leisten, nahm Bordiga im März/April 1926 zum letzten Mal an der VI. Erweiterten Exekutive Teil. (12) Dies bot ihm die Gelegenheit zu langen Diskussionen mit Trotzki. Er versicherte ihm die Solidarität der Italienischen Linken mit seinem Kampf gegen den „Sozialismus in einem Land". In äußerst harten Interventionen attackierte er Stalin. Couragiert verteidigte er die Notwendigkeit „eines Widerstandes von links gegen die Gefahr von rechts", und zwar auf „internationaler Ebene". Bordiga beabsichtigte nicht die Bildung einer Fraktion, lehnte jedoch auch nicht die mögliche Bildung einer solchen ab. Er erinnerte daran, dass „die Geschichte der Fraktionen die Geschichte Lenins ist". Fraktionen seien keinesfalls eine Krankheit, sondern das Symptom einer Krankheit. Sie seien eine Reaktion der „Verteidigung gegen den opportunistischen Einfluss".

Dies war der letzte Kampf Bordigas und der Italienischen Linken innerhalb der Komintern. Von nun an begann sie sich langsam als Fraktion der PCI zu formieren. Nach ihrer Eliminierung aus der Partei und aufgrund ihrer Zerstreuung in etlichen Ländern unter den Schlägen der faschistischen Repression befand sie sich allein und isoliert in ihrem Kampf um die Wiederbelebung der Komintern. Ohne Kontakt zu Trotzki, der seinen eigenen Weg verfolgte, ohne die Möglichkeit, ihre Propaganda in Italien und in der Komintern zu verbreiten, sah sie sich in dem Status einer sehr begrenzten, minoritären Opposition versetzt.

Die Beziehungen zu Karl Korsch

Die erste Aufgabe, die sich nun der Italienischen Linken stellte, war, Verbindungen mit der deutschen Linksopposition herzustellen. Diese arbeitete damals für eine internationale Regruppierung der Kommunistischen Linken. Diese Verbindungen waren schon 1923 geknüpft worden, als Mitglieder der Tendenz um Bordiga in Deutschland direkten Kontakt mit der Linken innerhalb der KPD unterhielten. Einige, beispielsweise Pappalardi (siehe folgendes Kapitel), hatten sich sogar von der PCI losgesagt und die erste organisierte Opposition der italienischen Emigration gebildet.

Doch die engsten Verbindungen existierten vor allem zu Karl Korsch, den Bordiga seit dem V. Kongress der Komintern kannte. Korsch war am 1. Mai 1926 wegen seiner Opposition gegen die Außenpolitik des russischen Staates, die er als roten Imperialismus bezeichnete, aus der KPD ausgeschlossen worden und hatte eine mehrere Tausend Mitglieder umfassende Opposition, Die Entschiedene Linke, gegründet, die die Zeitschrift „Kommunistische Politik" herausgab. In den Thesen dieser Gruppierung definierte Korsch die Russische Revolution als bürgerlich, deren Charakter „mit dem Rückfluss der Weltrevolution" immer klarer geworden sei. Seine Gruppe hatte im Gegensatz zur Italienischen Linken „jegliche Hoffnung auf eine revolutionäre Rückeroberung der Komintern aufgegeben". (13)

Die organisatorischen Ziele der Gruppe kamen nicht deutlich zum Ausdruck. „Kommunistische Politik" betrachtete sich weder als Partei noch als Fraktion, und ihre Mitglieder durften parteilos sein oder der KAPD angehören. Dennoch unterstrich sie, dass „in der gegenwärtigen Situation die historische Aufgabe aller Marxisten die Neugründung einer wirklich revolutionären Klassenpartei auf nationaler wie internationaler Ebene, einer neuen Kommunistischen Internationale ist". Doch betonte sie, dass „es nicht möglich ist, diese Aufgabe zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu verwirklichen". Ohne die Existenz kommunistischer Parteien sah die Gruppe keine andere Lösung als die Einberufung eines neuen Zimmerwald:

„Die Formel, die wir für unsere politische und taktische Linie zum gegenwärtigen Zeitpunkt gefunden haben, ist die von Zimmerwald und der Zimmerwalder Linken. Damit wollen wir sagen, dass man in einer Phase der Liquidierung der III. Internationale die Taktik Lenins zur Zeit der Liquidierung der II. Internationale wiederaufnehmen sollte." (Brief von Korsch an die italienische Oppositionsgruppe im Ausland, 27. August 1926, zitiert in: Montaldi, „Korsch und die italienischen Kommunisten").

Dieser Vorschlag wurde der Italienischen Linken unterbreitet, und es wurde ein Brief mit der Einladung zu einer internationalen Konferenz der Linken in Deutschland an Bordiga geschickt, der in Neapel weilte. Die „Kommunistische Politik" glaubte, nachdem sie Kenntnis von den Protokollen des IV. Erweiterten Exekutivkomitees, die auf Deutsch in Hamburg veröffentlicht wurden, erhalten hatte, dass rasch eine Ideen- und Aktionsgemeinschaft zwischen den beiden linken Strömungen geschaffen werden könne.

Die Antwort Bordigas und der Italienischen Linken – die seinerzeit in ständigem Briefkontakt mit Ersteren stand - war eine klare Absage. Diese Ablehnung war die Konsequenz aus den politischen Divergenzen, nicht einer „sektiererischen" Zurückhaltung.

Die Divergenzen konzentrierten sich auf die Fragen des Charakters der Russischen Revolution und der Arbeitsperspektiven der Linkskommunisten:

- der Charakter des russischen Staates: Dieser wurde als proletarisch definiert, auch wenn die Gefahr der Konterrevolution real sei:

„Die Art, wie Ihr Euch ausdrückt, scheint mir nicht richtig zu sein. Man kann nicht sagen, dass die Russische Revolution eine bürgerliche Revolution gewesen sei. Die Revolution von 1917 war eine proletarische Revolution, obwohl es ein Fehler wäre, ihre taktischen Lektionen zu verallgemeinern. Jetzt stellt sich das Problem, was mit der Diktatur des Proletariats in einem Land geschieht, wenn die Revolution sich nicht auf andere Länder ausdehnt. Es kann eine Konterrevolution geben; es kann ein Prozess der Degenerierung eintreten, deren Symptome und Reflexe in der kommunistischen Partei entdeckt und definiert werden müssen. Man kann nicht einfach sagen, dass Russland ein Land sei, wo der Kapitalismus expandiert."

- die Ablehnung einer Spaltung: „Wir sollten nicht die Spaltung der Parteien und der Internationale anstreben. Wir sollten dem Experiment der willkürlichen und mechanischen Disziplin eine Chance geben, indem wir Letztere so weit wie möglich, bis zur totalen Absurdität ihres Verfahrens, respektieren, ohne jedoch auf unsere ideologische und politische Kritik zu verzichten und ohne uns jemals mit der herrschenden Orientierung zu solidarisieren."

- die Ablehnung von Oppositionsblöcken: „Ich glaube, dass einer der Fehler der gegenwärtigen Internationale darin besteht, dass sie einen ‚Block‘ lokaler und nationaler Oppositionen darstellt."

- die kritische Einschätzung der Vergangenheit: „Generell denke ich, dass mehr noch als Organisation und Manöver heute die Erarbeitung einer politischen Ideologie der internationalen Linken zuoberst stehen sollte, die auf den beredten Erfahrungen der Komintern beruht. Da wir noch entfernt sind von diesem Punkt, erscheint jede internationale Initiative schwierig."

Aus all diesen Gründen kam Bordiga zum Schluss, jegliche gemeinsame Erklärung abzulehnen, denn er glaubte nicht, dass dies in der Praxis möglich sei. (14)

Der ganze Geist der Italienischen Linken spiegelte sich in diesem Brief wider. Zuoberst stand die Treue zur Russischen Revolution und zur Internationale. Es gab einen fundamentalen Unterschied zu den anderen Linken: die Herangehensweise und die Methode. Die Italienische Linke verließ niemals das Schlachtfeld, ehe sie den Kampf zu Ende geführt hatte. Es war insofern ein theoretischer Kampf, als er danach strebte, alle Lehren zu ziehen, die der Niederlage zu entnehmen waren. Hier ähnelte die Herangehensweise der Italienischen Linken jener von Luxemburg, für die Niederlagen reich an Lehren für die künftigen Siege waren. Es war vor allem ein politischer Kampf, mit der Konzeption einer revolutionären Organisation, die sich durch die Klarheit ihrer Ziele, ihrer Prinzipien sowie ihrer Taktik auszeichnet, welche alle durch ihren theoretischen Rahmen miteinander verknüpft waren.

Im Unterschied zu den Gruppen, die voreilig die Gründung neuer Parteien und einer neuen Internationale forderten, ging die Italienische Linke mit Methode vor. Solange die Internationale nicht tot war, solange sie noch ein Funken Leben in sich hatte, hielt die Italienische Linke an ihr fest wie ein Glied an seinem Körper. Ihre Organisationsauffassung war einheitlich: Spaltungen waren ein Übel, das es zu vermeiden galt, um die Kräfte nicht zu zerstreuen, die zu einer zentralisierten internationalen Organisation drängen. Erst als der Tod der Internationale feststand, fasste sie die Bildung einer autonomen Organisation ins Auge. Die Gründung einer Fraktion in der alten Partei, die deren früheres revolutionäres Programm aufrecht hält, sei eine Vorbedingung für die Konstituierung einer neuen Partei, die erst bei einem revolutionären Aufstand proklamiert werden könne. Die Internationale sollte denselben Gesetzmäßigkeiten gehorchen: Nur die reale Existenz von revolutionären Parteien in mehreren Ländern konnte die Grundlage für eine Internationale bieten.

Diese organische Sichtweise der Partei sollte bis zum Zweiten Weltkrieg der Italienischen Linken eigen bleiben. Sie wollte sich als Organ einer Internationale und einer Partei gemäß den natürlichen Gesetzen dieser Organe entwickeln, ohne riskante Transplantationen zu unternehmen und ohne ihre freie, natürliche Entwicklung zu beschleunigen.

1926 hatte die Kommunistische Linke Italiens im Grunde die Erarbeitung ihrer fundamentalsten Prinzipien abgeschlossen. Sie verwarf:

- die Einheitsfront sowie „Arbeiter- und Bauernregierungen",

- den Antifaschismus sowie jegliche Politik, die sich nicht auf dem Terrain des Klassenkampfes befand,

- den Sozialismus in einem Land,

- die Verteidigung der Demokratie.

Andere theoretische Aspekte wie die Frage des russischen Staates und die Bildung von Fraktionen wurden kaum erörtert. Dies sollte später die Aufgabe der Italienischen Linken in der Emigration sein.

Man kann sich fragen, weshalb die Strömung um Bordiga innerhalb der italienischen KP eine Niederlage erlitt. Wenn man aus den Augen verliert, dass die Italienische Kommunistische Partei eine Sektion der Komintern war, bleibt die Frage in der Tat ungeklärt. Nicht die Parteibasis eliminierte Bordiga, sondern die Komintern via Gramsci und Togliatti, die sich ihre hierarchische Autorität zunutze machten. Das Gewicht der russischen Partei innerhalb der Komintern, die ein Instrument des russischen Staates geworden war, vertrieb jegliche linke Opposition. Unter diesen Umständen war der Widerstand äußerst gering. Nicht nur ging die revolutionäre Welle zurück, hinzu kam, dass das Prestige der Komintern trotz ihrer Degeneration immer noch enorm war und den Willen der Opposition lähmte.

All diese Gründe erklären, warum die Niederlage trotz aller Sympathien, die der „bordigistischen" Führung in der Partei entgegengebracht wurden, unvermeidlich war. Vielleicht beschleunigten der zögerliche Widerstand, das halb-mechanische Akzeptieren der Disziplin sowie ihre Ablehnung, eine Fraktion zu bilden, diese Niederlage. Doch während wir die Vergangenheit interpretieren können, können wir keine Geschichte mit Wenn und Aber‘s neu schaffen.

Bordigas Entwicklung nach 1926

Amadeo Bordiga wurde Ende 1926, nachdem sein Haus von den Faschisten verwüstet worden war, verhaftet und zu drei Jahren Verbannung verurteilt, die er zuerst in Ustica, dann in Ponza verbrachte. Er organisierte mit Gramsci eine Parteischule, wo er die wissenschaftliche Abteilung leitete. Schnell traten Unstimmigkeiten unter den Verurteilten auf. Als 38 Gefangene, unter ihnen Bordiga, sich im Gegensatz zu 102 weiteren Gefangene gegen die anti-trotzkistische Kampagne aussprachen, entschied die KP-Führung in Paris, den Gründer der Partei auszuschließen. Der Ausschluss wurde im März 1930 nach einem Rapport des stalinistischen Schergen Giuseppe Berti vollzogen.

Während die Italienische Linke in den italienischen Gefängnissen und im Ausland ihren Kampf fortführte, entfernte sich Bordiga Schritt für Schritt aus dem politischen Leben, um sich seinem Beruf als Architekt zu widmen.

Viele waren über sein Schweigen erstaunt und führten dies auf die ununterbrochene Überwachung durch die faschistische Polizei zurück: Wo immer er hinging, wurde er von zwei Polizeiagenten begleitet.

In den dreißiger Jahren fragte Trotzki Alfonso Leonetti, der Trotzkist geworden war und Bordiga gut kannte, seit er 1924 im Publikationskomitees des „Prometeo" gewesen war: „Warum tut Bordiga nichts?" Leonetti antwortete: „Bordiga denkt, dass alles verfault sei. Man müsse die Entstehung neuer Situationen abwarten und dann neu beginnen." (Brief von Leonetti an Franco Livorsi, 1.5.1974)

Ein Bericht der Polizei vom 26. Mai 1936 (ACS CPC 747), der ein Gespräch zwischen Bordiga und seinem Schwiegerbruder zum Inhalt hatte, unterstützte diese Aussage. Bordiga erklärte: „Es ist notwendig, auf Distanz zu gehen und zu warten (...) warte nicht auf diese Generation, sondern auf die künftigen Generationen". Bordiga war erschöpft und abgestoßen vom militanten Leben, was das folgende Gespräch vom 3. Juli 1936 bestätigte (ACS 19496, Divisione degli affari generali e riservati): „Ich bin glücklich, außerhalb der kleinlichen und unbedeutenden Ereignisse der politischen Militanz zu leben (...) Ihre täglichen Geschehnisse interessieren mich nicht mehr. Ich bleibe meiner Ansicht treu. Ich bin glücklich in meiner Isolation."

Trotz aller Anstrengungen, die die Mitglieder der Italienischen Linken unternahmen, um mit Bordiga zusammenzukommen, lehnte dieser jeden Kontakt ab und beschränkte sich auf rein informelle Kontakte über alte Kämpen der Linken wie Indorico Tarisia oder Antonio Natangelo, der 1939 von Bordiga gebeten wurde, seine Solidarität an Freunde in Mailand zu übermitteln, mit der Empfehlung, dass sie ihr Vertrauen in sich nicht verlieren sollten, dass sie unbeirrt, ohne Schwanken und auf alle Eventualitäten vorbereitet bleiben (ACS, Bordigas Schnellhefter im Zentralen Politischen Archiv).

Wie ersichtlich wird, gelangten Bordiga und seine Genossen, obwohl sie dieselbe Ansicht über den konterrevolutionären Charakter der Periode teilten, zu sehr unterschiedlichen Schlussfolgerungen: Für Ersteren bestand sie in der Unmöglichkeit jeglicher organisierten Arbeit in dieser Phase; für die anderen in der absoluten Notwendigkeit solch einer Arbeit, als eine linke Fraktion, die sich von der alten Partei gelöst hat. Dieser große Unterschied sollte, entsprechend Bordigas großem Einfluss, ein enormes Gewicht bei den Orientierungen erlangen, die von der internationalistischen Bewegung in Italien nach dem II. Weltkrieg formuliert wurden. Es scheint, dass Bordiga vom Krieg das Wiederaufflammen der revolutionären Welle erwartete: „Wenn Hitler die verhassten Mächte Großbritannien und die Vereinigten Staaten zurückdrängen kann und so das Gleichgewicht der kapitalistischen Welt prekär macht, so lebe der Schlächter Hitler, der so die Bedingungen für die proletarische Weltrevolution schafft." Und er fügte hinzu: „Alle Kriege erlebten als Folge die revolutionäre Tat. Nach der Niederlage kommt die Revolution." (ebenda, 26. Mai 1936)

Bordiga war daher überzeugt, dass die Revolution aus dem Krieg hervorgehen würde, und erschien 1944 wieder auf der politischen Bühne, in einer Fraktion der italienischen Kommunisten und Sozialisten (siehe unten). Zuvor hatte er alle Angebote zur Zusammenarbeit abgelehnt, die ihm zuerst von Bombacci - der eine profaschistische Zeitschrift „der Linken" gegründet hatte - und schließlich von den Amerikanern unterbreitet worden waren. (15)

Von 1926 bis 1945 verfolgte die Italienische Linke ihren eigenen Weg und musste dabei jenen Mann entbehren, der sie am besten verkörperte.

Aufgrund ihrer internationalen Aktivitäten in mehreren Ländern war die Italienische Linke weder „italienisch" noch „bordigistisch". Zwar war sie in Italien entstanden, entwickelt hat sie sich jedoch international. Kristallisierte sie sich zuerst in den theoretischen und politischen Beiträgen Bordigas, so wurde sie später anonym. Hier folgte sie den wesentlichen Linien der „Thesen von Lyon", die die Organisation als einheitliches Kollektiv definierten.

Den Ausdruck „Bordigismus", der ihr oft angeheftet wurde, wies die Kommunistische Linke in der Emigration stets zurück, da er einen Personenkult begünstigte, den sie, zumindest bis zum Ende des Krieges, nicht unterstützte. Die theoretische und politische Entwicklung dieser Linken sollte, angereichert durch die Erfahrung, die Beiträge Bordigas übertreffen und bereichern. Deshalb war die heftige Reaktion der italienischen Fraktion 1933 völlig verständlich:

„Wiederholt haben wir in der italienischen Partei in Anwesenheit des Genossen Bordiga, wie auch in der Internationale und in der linken Opposition die Nichtexistenz des ‚Bordigismus‘ sowie all der anderen „ismen" betont, die eine inflationäre Verbreitung gefunden haben, seitdem sich eine Börse der Verwirrung und des politischen Betrugs in der kommunistischen Bewegung eingerichtet hat. Ein einziges Mal ist der Begriff ‚Bordigismus‘ auf dem Deckblatt der französischen Ausgabe unserer Plattform erschienen, was wir mehrmals zu klären versucht haben. Wir haben gesagt, dass dieser Begriff ein Irrtum ist, dass es lediglich die Absicht der Genossen war, mit diesem Begriff die Traditionen der politischen Strömung, die diese Plattform herausgab, unter den zahllosen Oppositionsgruppen der französischen Partei zu spezifizieren. Der Begriff ‚Bordigismus‘ ist wie die Reduzierung unserer politischen Strömung auf die Person Bordiga die krasseste Deformation der Ansichten des Genossen Bordiga selbst, welcher auf den Spuren von Marx den Begriff der Individualität zerstört und theoretisch aufgezeigt hat, dass nur die Kollektivität und ihre sozialen Organismen dem Individuum eine Bedeutung geben können."

(Bilan, Nr. 2, "Pas de Bordigisme")

Wenn wir in dieser Untersuchung hie und da den Begriff „Bordigismus" benutzen oder über eine „bordigistische" Strömung sprechen, so ist dies keine bösartige Absicht. Es handelt sich mehr um eine Angelegenheit des Ausdrucks als um die Überzeugung, dass die Italienischen Linke Bordiga zum Fetisch macht. Dagegen waren in der Nachkriegszeit viele ehemalige Mitglieder der Fraktion außer sich vor Begeisterung und vielmals ohne irgendeine Kritik der „Partei Bordigas" beigetreten oder haben sich „für Bordiga" abgespalten. Für sie ist der Begriff „Bordigismus" gerechtfertigt.

Fußnoten:

Zur Geschichte der sozialistischen Bewegung vor 1918 können wir entweder auf Bordigas Buch (Storia della sinistra italiana), das unersetzliche Zeugnis eines Mitglieds, oder auf das Buch von G. Arfe: Storia del socialismo italiana (1892-1926), 1966, Einaudi, verweisen.

Zu Bordiga weisen „Invariance", „Le Fil du Temps", „Programme Communiste" in ihren zahlreichen Neuauflagen alle diesbezüglichen Texte auf. Siehe besonders „Le Fil du Temps" Nr. 13, Nov. 1976 und „Programme Communiste" Nr. 48-56.

Zur PSI im Krieg siehe die Gesammelten Werke „Il PSI e la grande guerra", Florenz, 1969.

Die Beziehungen zwischen Lenin und Bordiga sind von H. König in „Lenin und der Italienische Sozialismus" (1915-21, Tübingen, 1967) untersucht worden.

A. Leonetti hat eine Textsammlung über die Auseinandersetzung zwischen Bordiga und Gramsci zur Frage der Räte herausgegeben: „Dibattilo sur consigli di fabrica", 1973. „Programme Communiste" hat in den Nummern 71, 72 und 74 eine Reihe von französischsprachigen Texten über die Debatte veröffentlicht, wobei es einen kritischen Standpunkt gegenüber Gramsci und dem „Gramscismus" vertrat.

Zur Entstehung der italienischen KP hatte G. Galli eine sehr prägnante „Storia del partito comunista italiano" (1958) verfasst. Die programmatischen Texte der Kommunistischen Partei Italiens können in „Le Fil du Temps", Nr. 8, Oktober 1971, nachgelesen werden.

Die Auffassung der Italienischen Linken über den Faschismus werden in einer Sammlung von Texten Bordigas präsentiert. „Kommunismus und Faschismus" in „Programme Communiste", 1970. Siehe auch „Programme Communiste", Nr. 45-50. „Le PC d’Italie face l’offensive fasciste".

Siehe „Relazione del PC d’14 congresso dell’Internazionale, novembre 1922", Maspero-Reprint.

Die Resolution über Italien kann in „Les Quatre Premiers Congrès de l’IC", Maspero-Reprint, nachgelesen werden.

Es hat den Anschein, als wären Damen und vor allem Repossi im Gegensatz zu Bordiga für die sofortige Bildung einer linken Fraktion gewesen. „... die linken Elemente müssen nicht Posten einnehmen, aber sich selbst zu einer Fraktion bilden und in den Massen arbeiten, um die Partei wieder zu einer gesunden Aktivität zurückzuführen." (Brief von Repossi an Genossen, zitiert von D. Montaldi, „Korsch i comunisti italiani", 1975)

Togliatti: „La formazione del gruppo dirigente del PCI", 1962, welches sinnvollerweise mit S. Merli, „Le origini della direzione centrista del PCI d’I" in „Rivista storia del socialismo", 1964, und mit seiner Untersuchung „Il PCI, 1921-1926", Annali Feltrinelli, 1960, verglichen werden sollte.

Bordigas Interventionen können auf Französisch in „Programme Communiste", Nr. 69-70, Mai 1976 gefunden werden.

D. Montaldi, oben zitiert. Die Entschiedene Linke, die die kompromisslosesten linken Opponenten des Stalinismus um sich scharte, wurde eigentlich am 2. April 1926 auf einer Konferenz in Berlin gegründet, die eine „Plattform der Linken" verabschiedete. Diese sprach sich gegen jegliche Spaltung in der KPD und in der Komintern aus. Sie war äußerst heterogen, was zum schnellen Auseinanderbrechen der EL führte:

    die Gruppe um Iwan Katz, die besonders stark in Niedersachsen war und sich am 16. Mai 1926 von der Korsch-Gruppe trennte; mit Pfenferts AAU-E gründete sie am 28. Juni den „Spartacusbund der Linkskommunistischen Organisationen" und veröffentlichte die Zeitung „Spartakus". „Spartacusbund Nr.2" verschwand im Frühling 1927;

    die Gruppe um Schwarz, einem KPD-Reichstagsabgeordneten, die die EL mit Korsch gegründet hatte, trennte sich von derselben am 28. September. Sie veröffentlichte daraufhin eine Zeitung namens „Die Entschiedene Linke", die den Originalnamen der Organisation annahm. Die EL verband sich mit der KAPD im Juni 1927; dies führte zu einer schweren Krise in der Partei, da Schwarz sich weigerte, seinen Sitz im Parlament aufzugeben;

    die Gruppe um Korsch, die sich nach der Spaltung im September „Kommunistische Politik" nannte, in Anlehnung an den Namen der Zeitschrift, die seit 1926 publiziert wurde. Feindlich gegenüber der KAPD eingestellt, favorisierte sie eine „Politik der kommunistischen Unionen". Sie war für die Schaffung einer „unabhängigen KP" in einer Internationale, die unabhängig von der Komintern war. Als reine Propagandagruppe, deren Mitglieder auch Arbeiterparteien, die auf Klassenprinzipien fußen (wie die KAPD), den Unionen oder den revolutionären syndikalistischen Organisationen angehören konnten, verschwand diese Gruppe praktisch im Dezember 1927.

in „Programme Communiste", Nr. 68, Dezember 1975.

Während des Krieges behauptete der pro-deutsche Sprecher Herriot wie auch gewisse Zeitungen im Mai und Juni 1944, dass Bordiga den Vormarsch der Roten Armee in Europa als einen Sieg für die „proletarische Revolution" unterstützt habe. Diese Behauptung, die die Italienische Fraktion in Frankreich und Belgien perplex machte, ist nicht glaubwürdig. Man sollte die Atmosphäre jener Zeit – Gerüchteküchen und die unglaublichsten Verfälschungen von Informationen – dabei nicht außer Acht lassen. Jedoch gab die Internationalistische Kommunistische Partei niemals ein offizielles Dementi zu diesem Punkt heraus (zu Bordigas politischer Position siehe letztes Kapitel).

Das Kommuniqué, das auf Italienisch von der Italienischen Fraktion in Marseille veröffentlicht wurde, kann in ihrem „Bulletin de Discussion", Nr. 7 (Juli 1944) gefunden werden. Es stellte fest: „Wir denken nicht, dass ein Genosse mit der ideologischen Kapazität eines Bordiga solch eine Position zum Ausdruck bringen könnte, die hinter ihrer scheinbar radikalen Phraseologie lediglich die Position des internationalen Kapitalismus und seiner Alliierten (‚Sozialismus in einem Land‘) ausdrückt und es Letzteren erlaubt hat, das Proletariat in den imperialistischen Krieg zu werfen. Die gegenwärtigen Bedingungen erlauben es uns nicht, die Wahrheit schnell und präzise durchzusetzen."