Editorial

Imperialistisches Chaos, Ökokatastrophe: Der Kapitalismus in der Sackgasse

Vor
mehr als hundert Jahren sagte Engels voraus, dass die kapitalistische
Gesellschaft, sich selber überlassen, die Menschheit in die Barbarei stürzen
würde. Und tatsächlich, in den letzten hundert Jahren haben imperialistische
Kriege nicht aufgehört, auf immer abstoßendere Weise diese Voraussage zu
bestätigen. Heute hat die kapitalistische Welt eine neue Türe zur Apokalypse
geöffnet, zu der von Menschenhand geschaffenen ökologischen Katastrophe, welche
in wenigen Generationen den Planeten Erde zu einem unwirtlichen Ort wie den
Planeten Mars machen könnte. Obwohl sich die Verteidiger der kapitalistischen
Ordnung dieser Perspektive bewusst sind, können sie rein gar nichts dagegen
tun, denn es ist ihre eigene Produktionsweise, welche die imperialistischen
Kriege wie auch die ökologische Katastrophen hervorruft.

Imperialistischer Krieg = Barbarei

Das
blutige Fiasko des Irakfeldzuges der 2003 von den USA angeführten Koalition stellt
ein schicksalhaftes Moment in der Entwicklung der imperialistischen Kriege auf
dem Weg der Zerstörung der Gesellschaft selber dar. Vier Jahre nach der
Invasion ist der Irak weit davon entfernt, „befreit“ zu sein, und hat sich in
das verwandelt, was die bürgerliche Presse vorsichtig als einen „gescheiterten
Staat“ definiert; dieses Land, dessen Bevölkerung die Massaker von 1991 über
sich ergehen lassen musste, danach während eines Jahrzehnts durch die
Wirtschaftssanktionen
1

[1]

ausgeblutet wurde und nun täglich durch
Selbstmordattentate, Pogromen der verschiedenen „Aufständischen“, von den
Todesschwadronen des Innenministeriums oder durch willkürliche Hinrichtungen
durch die Besatzungstruppen aufgerieben wird. Die Situation im Irak ist nichts
anderes als das Epizentrum eines Prozesses des Zerfalls und des militärische
Chaos, welches sich über Palästina, Somalia, den Sudan, den Libanon und
Afghanistan ausbreitet und immer neue Regionen zu befallen droht. Die
kapitalistischen Metropolen sind nicht davon ausgenommen, wie die Anschläge in
New York, Madrid oder London im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts zeigen.
Weit davon entfernt, eine neue Ordnung im Nahen und Mittleren Osten aufzubauen,
hat die amerikanische Militärmacht das Chaos nur vergrößert.

In
diesem Sinn gibt es nichts Neues an diesem Massaker. Der Erste Weltkrieg von
1914 bis 1918 war ein erster Schritt zu einer barbarischen „Zukunft“. Das
Gemetzel von Millionen junger Arbeiter, welche die jeweiligen imperialistischen
Herrscher in die Schützengräben geschickt hatten, wurde abgelöst durch die
Pandemie der „spanischen Grippe“, welche weitere Millionen von Opfern forderte.
Die mächtigsten europäischen Nationen befanden sich am Ende des Krieges
ökonomisch am Boden. Nach der Niederlage der Oktoberrevolution von 1917 und der
verschiedenen Arbeiterrevolutionen, die im Laufe der 20er Jahren unter diesem
Einfluss ausbrachen, war der Weg zu einem noch katastrophaleren Krieg geebnet,
zum Zweiten Weltkrieg von 1939 bis 1945. Hier wurde die wehrlose Zivilbevölkerung
das Hauptziel eines systematischen Massakers durch die Luftstreitkräfte; ein
Völkermord im Herzen der europäischen Zivilisation forderte Millionen von
Menschenleben.

Während
des Kalten Krieges von 1947 bis 1989 gab es eine ganze Reihe von zerstörerischen
Kriegen, in Korea, Vietnam, Kambodscha und quer durch ganz Afrika, während der
Antagonismus zwischen den USA und der UdSSR die Welt dauernd mit der weltweiten
nuklearen Apokalypse bedrohte.

Was
heute am imperialistischen Krieg neu ist, ist nicht das absolute Ausmaß der
Zerstörung, obwohl die Zerstörungskraft mindestens der USA sehr viel größer ist
als je zuvor, denn die jüngeren militärischen Konflikte haben noch nicht die
wesentlichen Bevölkerungskonzentrationen im Herzen des Kapitalismus in den
Abgrund geführt, wie dies während des Ersten und Zweiten Weltkriegs der Fall
war. 1918 verglich Rosa Luxemburg die Barbarei des Ersten Weltkrieges mit dem
Niedergang des Alten Roms und der düsteren Zeit, die darauf folgte. Heute
scheint selbst dieser dramatische Vergleich unangemessen, wenn man den
grenzenlosen Schrecken beschreiben will, den uns der Kapitalismus bietet. Trotz
der Brutalität und dem Chaos der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts gab es
dabei immer noch eine Perspektive - wenn auch eine illusorische - eines
Wiederaufbaus einer gesellschaftlichen Ordnung im Interesse der herrschenden
imperialistischen Mächte. Die Spannungsfelder unserer Zeit bieten hingegen
keine andere Perspektive als diejenige des immer tieferen Versinkens im
gesellschaftlichen Auseinanderdriften auf allen Ebenen, im Zerfall jeglicher
sozialen Ordnung, in einem endlosen Chaos.

Die Sackgasse des US-amerikanischen Imperialismus ist
diejenige des Kapitalismus

Ein
ganz großer Teil der US-amerikanischen Bourgeoisie ist gezwungen worden zu
anerkennen, dass die Strategie des Unilateralismus bei ihren weltweiten
Hegemonialansprüchen sowohl auf der diplomatischen als auch auf der
militärischen und der ideologischen Ebene gescheitert ist. Der Bericht der
Irak-Studiengruppe (Irak Study Group, ISG), der dem amerikanischen Kongress
vorgelegt worden ist, verheimlicht diese offensichtliche Tatsache nicht. Statt
das Ansehen der USA zu stärken, hat die Besetzung des Iraks ihr Prestige in
praktisch allen Bereichen geschwächt. Aber welche Alternative schlagen die
härtesten Kritiker der Bush-Administration innerhalb der herrschenden Klasse
der USA vor? Der Rückzug der Truppen ist nicht möglich, ohne die amerikanische
Hegemonie weiter zu schwächen und das Chaos zu beschleunigen. Eine Teilung des
Iraks in ethnische Zonen hätte den gleichen Effekt. Einige schlagen eine
Politik der Eindämmung vor wie während der Zeit des Kalten Krieges, aber es ist
klar, dass man nicht zur Politik der zwei imperialistischen Blöcke zurückkehren
kann. Außerdem ist das Versagen der US-Truppen im Irak viel schlimmer als
dasjenige in Vietnam, denn im Gegensatz zu Vietnam geht es für die USA im Irak
darum, die ganze restliche Welt in die Schranken zu weisen, und nicht mehr bloß
den seinerzeit rivalisierenden Block der UdSSR.

Trotz
der harschen Kritik der ISG und der durch die demokratische Partei errungenen
Kontrolle über den Kongress wurde Bush ermächtigt, die Zahl der Soldaten im
Irak um 20´000 zu erhöhen. Gleichzeitig begann eine Politik der militärischen
und diplomatischen Drohung gegenüber dem Iran. Welches die alternativen
Strategien der herrschenden Klasse der USA auch immer sind, wird sie früher
oder später gezwungen sein, einen weiteren blutigen Beweis für ihren Status als
Supermacht zu liefern mit noch widerwärtigeren Konsequenzen für die Menschen
der ganzen Welt, was einmal mehr die Ausbreitung der Barbarei beschleunigen
wird.

Das
ist weder das Resultat der Inkompetenz noch der Arroganz der republikanischen
Administration unter Bush und der Neokonservativen, wie dies die Bourgeoisien
der anderen imperialistischen Mächte unaufhörlich wiederholen. Sich auf die UNO
und den Multilateralismus abzustützen, ist keine wirkliche Friedensoption,
entgegen den Empfehlungen dieser Bourgeoisien und der Pazifisten jeder Couleur.
Seit 1989 hat Washington sehr gut verstanden, dass die UNO eine Tribüne
geworden ist, auf der die Rivalen der USA die amerikanischen Pläne durchkreuzen
können: ein Ort, wo ihre weniger mächtigen Rivalen die amerikanische Politik
verzögern und verwässern oder gar mit einem Veto verhindern können, um der
Schwächung ihrer eigenen Position entgegen zu wirken. Indem Frankreich,
Deutschland und die anderen die USA als die einzigen Verantwortlichen für Chaos
und Krieg darstellen, offenbaren sie lediglich, dass sie selber ihren vollen
Anteil an der zerstörerischen Logik des Kapitalismus haben: einer Logik, nach
der jeder für sich selber spielt und sich gegen alle anderen durchsetzen muss.

Es
überrascht nicht, dass die regelmäßigen Antikriegsdemonstrationen in großen
Städten der wichtigen Metropolen im allgemeinen laut die kleinen
imperialistischen Mächte des Nahen und Mittleren Ostens unterstützen, wie
beispielsweise die Aufständischen im Irak oder die Hisbollah im Libanon, welche
die USA bekämpfen. Das zeigt, dass dem Imperialismus eine Logik innewohnt, der
sich keine Nation entziehen kann, und dass der Krieg nicht nur das Resultat der
Aggressionen der Großmächte ist.

Andere
verkünden dauernd wider besseres Wissen, dass das Abenteuer der USA im Irak ein
„Krieg ums Öl“ sei. Dabei werden die Gefahren ihrer grundlegenden
geostrategischen Ziele völlig außer acht gelassen. Dies ist eine grobe
Unterschätzung der aktuellen Lage. Die Situation, in der sich die USA im Irak
befinden, ist nur der Ausdruck der weltweiten Sackgasse, in der die ganze
kapitalistische Gesellschaft steckt. George Bush senior proklamierte
seinerzeit, dass mit dem Wegfall des Ostblocks eine Zeit des Friedens und der
Stabilität begonnen habe, eine „neue Weltordnung“. Schon schnell sollte die
Realität diese Vorhersage Lügen strafen, zunächst mit dem ersten Irakkrieg,
dann mit dem barbarischen Konflikt in Jugoslawien, einem Krieg im Herzen
Europas. Die 90er Jahre waren keineswegs Jahre der Ordnung, sondern des
zunehmenden militärischen Chaos. Ironischerweise ist George Bush junior die
Rolle zugefallen, einen weiteren entscheidenden Schritt hin zu diesem
unumkehrbaren Chaos zu tun.

Die Zerstörung der Biosphäre

Gleichzeitig
zur Verschärfung seines imperialistischen Kurses hin zu einer immer
sichtbareren Barbarei, verstärkt der zerfallende Kapitalismus seine Attacke
gegen die Biosphäre in einem solchen Ausmaß, dass ein künstlicher klimatischer
Holocaust die Zivilisation und die Menschen zu zerstören droht. Laut den
Erkenntnissen, zu denen die Umweltwissenschaftler im Bericht des
Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaveränderung (IPCC) gekommen sind, wird
bestätigt, dass die Theorie über die Klimaerwärmung durch hohe
Kohlendioxid-Werte in der Atmosphäre, verursacht durch die massenhafte
Verbrennung fossiler Brennstoffe, nicht nur eine simple Hypothese, sondern
„Wahrscheinlichkeit“ sei. Das Kohlendioxid in der Atmosphäre hält die von der
Erdoberfläche und der Umgebungsluft abgestrahlte Sonnenwärme zurück und führt
zu einem „Treibhauseffekt“. Dieser Prozess hat um 1750 begonnen, zur Zeit der
kapitalistischen industriellen Revolution, und seither haben die
Kohlendioxid-Emissionen und die Erderwärmung stetig zugenommen. Seit 1950 hat
sich dies ständig beschleunigt, und während des letzten Jahrzehnts wurden jedes
Jahr neue Temperaturrekorde gemessen. Die Konsequenzen dieser Erderwärmung
haben bereits alarmierende Ausmaße angenommen: Die Klimaveränderung führt zu
wiederkehrenden Dürren und riesigen Überschwemmungen, zu tödlichen Hitzewellen
in Nordeuropa und Klimabedingungen mit einer großen Zerstörungskraft. Sie führt
zur Verschärfung der Hungersnöte und der Krankheiten in der Dritten Welt und
selbst zum Ruin von Städten wie New Orleans nach dem Hurrikan Katrina.

Sicher,
man darf nicht den Kapitalismus anklagen, damit begonnen zu haben, fossile
Brennstoffe zu verbrennen, oder mit der Umwelt in gefährlicher und
zerstörerischer Weise umzugehen. Dies war schon zu Beginn der menschlichen
Zivilisation der Fall:

„Die
Leute, die in Mesopotamien, Griechenland, Kleinasien und anderswo die Wälder
ausrotteten, um urbares Land zu gewinnen, träumten nicht, dass sie damit den
Grund zur jetzigen Verödung jener Länder legten, indem sie ihnen mit den
Wäldern die Ansammlungszentren und Behälter der Feuchtigkeit entzogen. Die
Italiener der Alpen, als sie die am Nordabhang des Gebirges so sorgsam gehegten
Tannenwälder am Südabhang vernutzten, ahnten nicht, dass sie damit der
Sennwirtschaft auf ihrem Gebiet die Wurzeln abgruben; sie ahnten noch weniger,
dass sie dadurch ihren Bergquellen für den größten Teil des Jahrs das Wasser
entzogen, damit diese zur Regenzeit um so wütender Flutströme über die Ebene
ergießen könnten. Die Verbreiter der Kartoffel in Europa wussten nicht, dass
sie mit den mehligen Knollen zugleich die Skrofelkrankheit verbreiteten. Und so
werden wir bei jedem Schritt daran erinnert, dass wir keineswegs die Natur
beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht, wie jemand, der
außer der Natur steht – sondern dass wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr
angehören und mitten in ihr stehn, und dass unsre ganze Herrschaft über sie
darin besteht, im Vorzug vor allen andern Geschöpfen ihre Gesetze erkennen und
richtig anwenden zu können.“

(Friedrich Engels, Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen in
Dialektik der Natur)

Doch
der Kapitalismus ist verantwortlich für die enorme Zunahme dieser
Umweltzerstörung. Dies nicht wegen der Industrialisierung an sich, sondern
wegen seiner Jagd nach einem maximalen Profit und seiner Blindheit gegenüber
den ökologischen und menschlichen Bedürfnissen, außer wenn sie zufällig mit dem
Ziel der Anhäufung von Reichtum zusammenfallen. Die kapitalistische
Produktionsweise hat aber noch andere Charakteristiken, welche zur ungebremsten
Zerstörung der Umwelt führen. Die gnadenlose Konkurrenz unter den Kapitalisten,
vor allem unter den verschiedenen Nationalstaaten, verhindert schlussendlich
jegliche Kooperation auf Weltebene. Und verbunden mit dieser Charakteristik die
Tendenz des Kapitalismus zur Überproduktion, in seiner unersättlichen Suche
nach Profit.

Im
dekadenten Kapitalismus, in seiner Periode der permanenten Krise, wird diese
Tendenz zur Überproduktion chronisch. Dies ist seit Ende des Zweiten
Weltkrieges besonders deutlich geworden, da die Erweiterung der
kapitalistischen Wirtschaft auf einer künstlichen Basis vorangetrieben wird,
vor allem durch die Politik der Finanzierung über Defizite und die enorme
Zunahme der Verschuldung in der Wirtschaft. All dies hat nicht zur Befriedigung
der Bedürfnisse der Masse der arbeitenden Bevölkerung geführt, welche weiterhin
im Morast der Armut steckt, sondern zu einer enormen Vergeudung, zu Bergen von
unverkauften Gütern; zur Verschleuderung von Millionen Tonnen von
Lebensmitteln; wegen fehlender Planung der Produktion zu immensen Mengen von
überschüssigen Gütern; vom Auto bis zum Computer zu Produkten, die schnell
wieder auf den Müll geworfen werden; zu einer gigantischen Masse von
identischen Produkten aus der Produktion der verschiedenen Konkurrenten für
denselben Markt.

Während der Rhythmus der technologischen Entwicklung und
Spezialisierung in der Dekadenz des Kapitalismus zunimmt, werden die daraus
resultierenden Innovationen vor allem durch den militärischen Sektor angeregt,
dies im Gegensatz zur Zeit des aufsteigenden Kapitalismus. Auf der Ebene der Infrastruktur:
Gebäude, sanitäre Einrichtungen, Energieproduktion, Transportwesen, sind wir
aber keineswegs Zeugen von revolutionären Entwicklungen, welche mit dem Beginn
der kapitalistischen Produktionsweise vergleichbar wären. In der Phase des
Zerfalls des Kapitalismus, der letzten Phase der Dekadenz, herrscht eine andere
Tendenz vor: das Herunterschrauben der Kosten für die Aufrechterhaltung selbst
der alten Infrastruktur, in der Hoffnung auf kurzfristige Profite. Man kann
eine Karikatur dieses Prozesses in der Entwicklung der Produktion in China und
Indien beobachten, wo die industrielle Infrastruktur größtenteils fehlt.
Anstatt dem Kapitalismus einen neuen Lebenselan einzuhauchen, führt diese
Entwicklung zu grausamsten Verschmutzungen: zur Zerstörung der Flüsse, enormen
Smog-Decken, die ganze Länder überdecken, usw.

Dieser
lange Prozess des Niedergangs und Zerfalls der kapitalistischen
Produktionsweise liefert eine Erklärung, weshalb es eine dermaßen dramatische
Zunahme der Kohlendioxid-Verschmutzung und der Erwärmung des Planeten in den
letzten Jahrzehnten gibt. Er lässt auch begreifen, weshalb gegenüber einer
solchen wirtschaftlichen und klimatischen Entwicklung der Kapitalismus und
seine „Machthaber“ unfähig sind, die katastrophalen Auswirkungen der Erderwärmung
zu bekämpfen.

Die
apokalyptischen Szenarien, welche zur Zerstörung der Menschheit führen können,
werden in einem gewissen Sinne durch die Sprecher und Medien der Regierungen
aller kapitalistischer Länder anerkannt und öffentlich dargestellt. Die Tatsache,
dass sie zahllose Heilmittel anpreisen, um diese Auswirkungen zu vermeiden,
heißt noch lange nicht, dass nur ein Einziger von ihnen eine realistische
Alternative gegenüber der barbarischen Perspektive anzubieten hätte. Ganz im
Gegenteil. Angesichts des ökologischen Desasters ist der Kapitalismus, gleich
wie gegenüber der imperialistischen Barbarei, absolut hilflos.   

„Viel Wind“ um die Klimaerwärmung

Die Regierungen der ganzen Welt finanzieren seit 1990
über die Vereinten Nationen großzügig die Forschung des Zwischenstaatlichen
Ausschusses für Klimaänderung, und ihre Medien haben die kürzlich gezogenen,
schrecklichen Schlussfolgerungen breit gewalzt.

Die
wichtigsten politischen Parteien der Bourgeoisie aller Länder stellen sich alle
als Variationen von Ökologen dar. Aber wenn man genauer hinschaut, verschleiert
die „grüne“ Politik dieser Parteien, wie radikal sie auch erscheinen mögen,
vorsätzlich den Ernst des Problems, denn die einzige Erfolg versprechende
Lösung würde gerade das System in Frage stellen, dessen Lob sie singen. Der
gemeinsame Nenner all dieser „grünen“ Kampagnen besteht darin, die Entwicklung
eines revolutionären Bewusstseins in einer Bevölkerung zu verhindern, die zu
Recht über die klimatische Erwärmung entsetzt ist. Die ständig wiederholte
ökologische Botschaft der Regierungen lautet, dass „den Planeten zu retten die
Verantwortung jedes und jeder Einzelnen“ sei, während die überwiegende Mehrheit
keinerlei wirtschaftliche oder politische Macht hat und von jeder Kontrolle
über die Produktion und den Konsum ausgeschlossen ist. Und die Bourgeoisie, die
diese Entscheidungsmacht hat, beabsichtigt in keiner Weise, ihre Profite den
allgemeinen ökologischen und menschlichen Bedürfnissen zu opfern.

Al
Gore, der im Jahre 2000 beinahe demokratischer Präsident der Vereinigten
Staaten geworden wäre, stellte sich mit seinem Film „Eine unbequeme Wahrheit“
an die Spitze einer internationalen Kampagne gegen den Kohlendioxidausstoß. Der
Film gewann in Hollywood einen Oscar für die lebendige Art und Weise, mit der
er die Gefahr des globalen Temperaturanstiegs, des Schmelzens der Polarkappen,
des Anstiegs der Meere und aller Zerstörungen behandelt, die sich daraus
ergeben. Aber der Film ist auch eine Wahlplattform für Al Gore selbst. Er ist
nicht der einzige alte Politiker, der auf die Idee kommt, die gerechtfertigte
Angst der Bevölkerung vor der ökologischen Katastrophe für die Jagd aufs
Präsidentenamt auszunutzen, die das demokratische Spiel der großen
kapitalistischen Länder ausmacht. In Frankreich haben alle
Präsidentschaftskandidaten den „ökologischen Pakt“ des Journalisten Nicolas
Hulot unterzeichnet. In Großbritannien rivalisieren die politischen
Hauptparteien darum, wer der „grünste“ sei. Der von Gordon Brown und seiner New
Labour in Auftrag gegebene Stern-Bericht hat mehrere Regierungsinitiativen nach
sich gezogen, die die CO
2-Emissionen
reduzieren sollen. David Cameron, Chef der konservativen Opposition, geht mit
dem Fahrrad zum Parlament (während seine Entourage im Mercedes folgt).

Es
reicht, die Ergebnisse der früheren Regierungsstrategien anzuschauen, die
angeblich den Zweck hatten, den Kohlendioxidausstoß zu reduzieren, um die
Unfähigkeit der Staaten festzustellen, den Beweis irgendeiner Wirksamkeit ihrer
Politik zu erbringen. Statt die Emission von Gasen mit Treibhauseffekt bis ins
Jahr 2000 auf dem Stand von 1990 zu stabilisieren, wie sich die Unterzeichner
des Kyoto-Protokolls im Jahre 1997 bescheiden verpflichteten, gab es in Tat und
Wahrheit bis Ende des Jahrhunderts in den wichtigsten Industrieländern eine
Erhöhung des Ausstoßes um 10,1%, und die Voraussage lautet, dass diese
Umweltverschmutzung bis ins Jahr 2010 noch um 25,3% steigen wird! (Deutsche
Umwelthilfe
)

Es
genügt auch, die grobe Fahrlässigkeit der kapitalistischen Staaten bei den
Unglücken festzustellen, die sich bereits wegen der Klimaänderung ereignet
haben, um sich ein Urteil über die Aufrichtigkeit der zahllosen Erklärungen
guter Absichten zu machen.

Es
gibt natürlich diejenigen, die erkennen, dass das Interesse an der Profitmaximierung
einen mächtigen Faktor darstellt, welcher der wirksamen Begrenzung der
Umweltverschmutzung entgegenwirkt; sie glauben, dass man das Problem lösen
könne, indem man die liberale Politik durch Lösungen ersetze, die der Staat
organisiere. Aber er ist insbesondere auf internationaler Ebene klar, dass die
kapitalistischen Staaten, selbst wenn sie innenpolitisch etwas umsetzen würden,
unfähig sind, untereinander in dieser Frage zusammenzuarbeiten, denn jeder
müsste wirtschaftliche Opfer bringen. Kapitalismus heißt Konkurrenz, und er ist
heute mehr denn je durch das Jeder-für-sich beherrscht.

Die
kapitalistische Welt ist unfähig, sich für ein gemeinsames Vorhaben
zusammenzuschließen, das so massiv und kostspielig wäre wie eine vollständige
Umstrukturierung der Industrie und des Verkehrs, die nötig wäre, um eine
drastische Reduzierung der Erzeugung von Energie zu erreichen, die Kohlenstoff
verbrennt. Vielmehr besteht das Hauptanliegen aller kapitalistischen Nationen
darin zu versuchen, dieses Problem zu benutzen, um ihren eigenen widerwärtigen
Ehrgeiz zu befriedigen. Wie auf der imperialistischen und militärischen Ebene
ist der Kapitalismus auch auf der ökologischen Ebene von unüberwindbaren
nationalen Grenzen durchzogen und kann deshalb nicht einmal auf die
dringendsten Bedürfnisse der Menschheit eingehen.

Für
das Proletariat ist noch nicht alles verloren – wir haben immer noch eine Welt
zu gewinnen

Aber
es wäre falsch, einfach zu resignieren und zu meinen, der Untergang in der
Barbarei sei aufgrund der mächtigen Tendenzen – des Imperialismus und der
ökologischen Zerstörung - unvermeidlich. Angesichts der Selbstgefälligkeit
aller halben Maßnahmen, die der Kapitalismus uns vorschlägt, um den Frieden und
die Harmonie mit der Natur herzustellen, ist der Fatalismus eine gleichermaßen
falsche Einstellung wie der naive Glauben an die Wirksamkeit kosmetischer
Mittel.

Während
der Kapitalismus alles dem Kampf um den Profit und der Konkurrenz opfert, hat
er gleichzeitig die Elemente geschaffen, die seine Überwindung als
Ausbeutungsweise erlauben. Er hat die technologischen und kulturellen Mittel
entwickelt, die für ein weltweites Produktionssystem nötig sind, das als
Gesamtheit und nach einem Plan funktioniert und in Einklang mit den
Bedürfnissen der Menschheit und der Natur steht. Er hat eine Klasse
hervorgebracht, das Proletariat, die aus nationalen Vorurteilen oder
Konkurrenzdenken allgemein keinen Vorteil schöpft und jedes Interesse an der
Entwicklung der internationalen Solidarität hat. Die Arbeiterklasse hat kein
Interesse an der gierigen Jagd nach Profit. Mit anderen Worten hat der
Kapitalismus die Grundlagen für eine höhere Gesellschaftsordnung, für seine
Überwindung durch den Sozialismus gelegt. Der Kapitalismus hat die Mittel
entwickelt, die menschliche Gesellschaft zu zerstören, aber er hat auch ihren
eigenen Totengräber, die Arbeiterklasse, geschaffen, die diese menschliche
Gesellschaft erhalten und sie einen entscheidenden Schritt in ihrer Entfaltung
weiter bringen kann.

Der
Kapitalismus hat die Schaffung einer Wissenschaftskultur erlaubt, die fähig
ist, unsichtbare Gase wie Kohlendioxid zu erkennen und seine Konzentration
sowohl in der Atmosphäre von heute als auch in jener von vor 10’000 Jahren zu
messen. Die Wissenschaftler können die spezifischen Isotope von Kohlendioxid
erfassen, die durch die Verbrennung von fossilen Energieträgern produziert
wurden. Die wissenschaftliche Gemeinschaft war fähig, die Hypothese des
„Treibhauseffektes“ zu prüfen und zu bestätigen. Jedoch sind die Zeiten längst
vorbei, zu denen der Kapitalismus als Gesellschaftssystem fähig war, die
wissenschaftliche Methode und ihre Ergebnisse im Interesse des Fortschritts der
Menschheit zu nutzen. Der größte Teil der Forschungsarbeiten und der
wissenschaftlichen Entdeckungen von heute wird der Zerstörung gewidmet, der
Entwicklung immer raffinierterer Methoden der Massentötung. Nur eine neue
Gesellschaftsordnung, eine kommunistische Gesellschaft, kann die Wissenschaft
in den Dienst der Menschheit stellen.

Trotz
der hundert letzten Jahre des Niedergangs und der Fäulnis des Kapitalismus und
der ernsthaften Niederlagen, welche die Arbeiterklasse eingesteckt hat, ist die
notwendige Grundlage für eine neue Gesellschaft immer noch vorhanden.

Dass
das Proletariat nach 1968 weltweit wieder auf der Bühne erschienen ist, belegt
diese Ausgangslage. Die Entwicklung seines Klassenkampfes gegen den konstanten
Druck auf den Lebensstandard der Proletarier während der Jahrzehnte, die auf
1968 gefolgt sind, hat den barbarischen Ausgang verhindert, der durch den
Kalten Krieg vorgezeichnet war: den vernichtende Zusammenstoß zwischen den
imperialistischen Blöcken. Seit 1989 jedoch und dem Verschwinden der Blöcke hat
die defensive Haltung der Arbeiterklasse nicht ausgereicht, eine Abfolge
entsetzlicher lokaler Kriege zu verhindern, die drohen, sich außerhalb jeder
Kontrolle zu beschleunigen und immer mehr Regionen des Planeten in
Mitleidenschaft zu ziehen. In dieser kapitalistischen Zerfallsperiode läuft dem
Proletariat die Zeit davon, und dies umso mehr als noch eine drohende
ökologische Katastrophe in die historische Gleichung aufgenommen werden muss.

Aber
es ist noch nicht so weit, dass wir sagen müssten, der Niedergang und der
Zerfall des Kapitalismus hätten einen Punkt erreicht, wo es kein Zurück mehr
gibt - einen Punkt, von dem an seine Barbarei nicht mehr aufzuhalten wäre.

Seit
2003 beginnt die Arbeiterklasse, den Kampf mit einer neu gewonnenen Kraft
wieder aufzunehmen, nachdem der Zusammenbruch des Ostblocks für eine gewisse
Zeit den 1968 begonnenen Aufbruch gestoppt hat.

Unter
diesen Bedingungen der Entwicklung des Vertrauens in der Klasse können die
wachsenden Gefahren, die der imperialistische Krieg und die ökologische
Katastrophe darstellen, statt Ohnmachts- und Fatalismusgefühle hervorzurufen
auch zu einem vertieften politischen Nachdenken und zu einem stärkeren
Bewusstsein darüber führen, was weltweit auf dem Spiel steht, zu einem
Bewusstsein über die Notwendigkeit der revolutionären Überwindung der
kapitalistischen Gesellschaft. Es ist die Verantwortung der Revolutionäre,
aktiv an dieser Bewusstseinsbildung teilzunehmen.

Como,
3/04/2007


[1]

Die
Kindersterblichkeit im Irak ist zwischen 1990 und 2005 von 40 auf 102 Promille
angestiegen, The Times, 26. März 2007.

Theoretische Fragen: