Der Kommunismus - Kein schönes Ideal, sondern eine Notwendigkeit [Serie I - Teil 1]

Vom primitiven Kommunismus zum utopischen Sozialismus

Das erste Ziel dieser Artikelreihe besteht in einer marxistischen Darstellung, daß der Kommunismus nicht irgendwie eine nette Idee ist. Wie Marx in der "Deutschen Ideologie" 1845/46 schrieb:
"Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zu­stand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten ha­ben (wird). Wir nennen Kom­munismus die wirkliche Bewegung, wel­che den jetzigen Zu­stand aufhebt" (Deutsche Ideologie, I. Feu­erbach, MEW 3, S. 35).
25 Jahre später brachte Marx den glei­chen Gedanken bei seiner Auswertung der Erfah­rung der Pariser Kommune zum Ausdruck. "Die Arbeiterklasse ver­langte keine Wunder von der Kommune. Sie hat keine fix und fer­tigen Utopien durch Volksbeschluß einzufüh­ren. Sie weiß, daß, um ihre eigene Befreiung und mit ihr jene höhere Lebensform hervor­zuarbeiten, der die gegenwärtige Gesell­schaft durch ihre eigne ökonomische Ent­wicklung unwider­stehlich entgegen­strebt, daß sie, die Ar­beiterklasse, lange Kämpfe, eine ganze Reihe geschichtli­cher Prozesse durch­zumachen hat, durch welche die Men­schen wie die Umstände gänzlich umgewan­delt werden. Sie hat keine Ideale zu verwirk­lichen; sie hat nur die Elemente der neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen, die sich bereits im Schoß der zusammenbrechenden Bour­geoisgesellschaft entwickelt haben" (Der Bürgerkrieg in Frankreich, MEW 17, S. 343).
Gegenüber der Auffassung, derzufolge der Kommunismus nichts anderes wäre als eine "vorgefertigte Utopie", welche von Marx oder anderen schönen Geistern er­funden worden wäre, besteht der Mar­xismus darauf, daß die Tendenz zum Kommunismus schon innerhalb dieser Ge­sellschaft vorhanden ist. Unmittelbar vor dem oben erwähnten Zitat aus der "Deutschen Ideologie" unterstrich Marx schon, daß die Grundlagen für die kom­munistische Umwälzung jetzt schon vor­handenen sind: nämlich die Entwicklung der Produktivkräfte, die vom Kapital selbst her­vorgebracht wird, und ohne die es kei­nen Überfluß geben kann, keine umfas­sende Be­friedigung der menschli­chen Be­dürfnisse, "und ohne Überfluß nur der Mangel verall­gemeinert, also mit der Not­durft auch der Streit um das Notwen­dige wieder beginnen und die ganze alte Scheiße sich herstellen müßte" (Deutsche Ideologie, I. Feuerbach, MEW 3, S. 34).
- die Existenz eines Weltmarktes auf der Grundlage dieser Entwicklung, ohne "dies könnte der Kommunismus nur als eine Loka­lität existieren. Aber der Kommunis­mus ist empirisch nur als die Tat der herr­schenden Völker "auf ein­mal" und gleich­zeitig mög­lich, was die universelle Ent­wicklung der Produktiv­kraft und den mit ihm zusammenhängen­den Weltverkehr voraus­setzt" (Deutsche Ideologie, I. Feu­erbach, MEW 3, S. 35).
- die Schaffung einer großen besitzlosen Masse, das Proletariat, das den Welt­markt als eine fremde, nicht hinnehm­bare Macht empfindet; der wachsende Widerspruch zwi­schen der Fähigkeit des kapitalistischen Sy­stems, Wohlstand zu produzieren, und auf der anderen Seite die Armut, in der das Proletariat lebt.
In dem Abschnitt aus "Der Bürgerkrieg in Frankreich" unterstrich Marx noch einen an­deren Aspekt, der heute noch bedeutsa­mer ist: Das Proletariat muß nur das Po­tential freiset­zen, das in der "alten, zusammenbre­chenden bürgerlichen Gesell­schaft" vor­handen ist. Wie wir an anderer Stelle ent­wickeln werden, wird der Kommu­nismus hier sowohl als eine Mög­lichkeit als auch eine Notwendigkeit darge­stellt. Eine Mög­lichkeit, weil die Produktions­kapazitäten entwickelt wurden, die die materiellen Be­dürfnisse der Men­schen befriedigen könnten und die soziale Kraft, das Proletariat vor­handen ist, das ein direktes und eigenes In­teresse an der Umwälzung des Kapitalismus und am Auf­bau des Kommunismus hat. Eine Notwen­digkeit, weil bei einem be­stimmten Punkt in ihrer Entwicklung diese Produktiv­kräfte sich gegen die ka­pitalistischen Pro­duktionsbeziehungen aufbäumen, innerhalb derer sie sich vor­her entwickelten und auf­blühten, wo­durch ein Zeitraum von Kata­strophen eingeläutet wird, der die Existenz der Gesellschaft, ja der  Menschheit in­frage stellt.
1871 war es allerdings verfrüht, daß Marx die bürgerliche Gesellschaft "als in einem Zustand des Zusammenbruchs" beschrieb. Heute aber in  der letzten Phase des deka­denten Kapitalismus fin­det dieser Zusam­menbruch überall statt, und die Notwendig­keit der kommunisti­schen Re­volution war nie größer als heute.

Der Kommunismus vor dem Proletariat

Der  Kommunismus ist die wirkliche Bewe­gung, und die wirkliche Bewegung ist die Bewegung des Proletariats. Eine Bewe­gung, die auf dem Boden der Ver­teidigung der materiellen Interessen ge­gen die des Kapitals stattfindet, aber die dazu gezwun­gen ist, die eigentlichen Grundlagen der bürgerlichen Gesell­schaft infragezustellen und mit ihnen letztendlich zusammenzu­prallen. Eine Bewe­gung, die sich über sich selbst bewußt wird aufgrund ihrer eigenen Praxis, und die sich auf ihr Ziel hinbewegt durch eine ständige Selbstkritik. Der Kommu­nismus ist somit "wissenschaftlich" (Engels); er ist ein "kritischer Kommu­nismus" (Labriola). Der Hauptzweck die­ser Artikel besteht darin, ge­nau auf­zuzeigen, daß der Kommunismus aus der Sicht der Arbeiterklasse keine vorgefer­tigte Utopie, keine statische Idee ist, son­dern eine sich entwickelnde, entfal­tende Auffas­sung, die sowohl mit der objektiven Ent­wicklung der Produktiv­kräfte als auch mit der subjektiven Rei­fung des Proletari­ats durch die ange­häufte historische Erfah­rung älter wie auch reifer geworden ist. Wir wer­den deshalb untersuchen, wie die Auffassun­gen vom Kommunismus und die Mittel zu seiner Errichtung durch die  Ar­beiten von Marx und Engels an Tiefe und Klarheit ge­wonnen haben, wie auch durch die Beiträge des linken Flügels der Sozial­demokratie, durch die Auswertung des Sieges und der Niederlage der Ok­toberrevolution durch die Linkskommu­nisten usw. Aber der Kommu­nismus ist älter als das Proletariat: Marx zu­folge kann man sogar sagen, daß die ganze Bewegung der Geschichte der Akt der Ent­stehung (Ökonomisch-philosophische Manu­skripte) ist. Um aufzuzeigen, daß der Kom­munismus mehr als ein Ideal ist, muß man verdeutlichen, daß der Kom­munismus aus der Bewegung der Arbei­terklasse hervor- und somit Marx vor­herging. Aber um zu be­greifen, was am  "modernen" proletari­schen Kommunis­mus spezifisch ist, ist es ebenfalls not­wendig, ihn mit den Formen des Kom­munismus zu vergleichen und ihn diesen ge­genüberzustellen, die dem Prole­tariat vor­hergingen und mit den ersten unrei­fen For­men des proletarischen Kommu­nismus selbst, die einen Übergang zwi­schen dem vor-proletarischen Kommu­nismus und seiner modernen wissen­schaftlichen Form darstel­len. Wie La­briola es formulierte:
"Der kritische Kommunismus hat sich nie und tut es auch jetzt nicht geweigert, die reichen und vielfältigen ideologischen, ethischen, psychologi­schen und pädagogi­schen Vorschläge zu verwerfen, die aus der Kenntnis und der Untersuchung all der For­men des Kom­munismus von Phales dem Kal­zedonier bis hin zu Cabet stammten. Darüber hinaus kann man durch die Untersu­chung und Kenntnis dieser Formen ein Be­greifen der Loslösung des wissen­schaftlichen Sozialismus entwickeln und so erst er­möglichen" (In Erinnerung an das Kommuni­stische Manifest, 1891)

Die Klassengesellschaft:

Eine Übergangsphase in der Geschichte der Menschheit

Es wird oft behauptet, daß der Kommu­nismus nie funktionieren könne, weil "er ge­gen das Wesen der Menschheit ge­richtet" sei. Wettbewerb, Neid, das Be­dürfnis besser zu sein als der andere, das Bedürfnis Wohl­stand anzuhäufen, die Notwendigkeit eines Staates, all das, so wird uns gesagt, seien dem Menschen in­newohnende Elemente, die genauso grundlegend wären wie das Bedürf­nis nach Essen und Sexualität. Wenn man sich aber mit der Geschichte der Menschheit befaßt, sieht man, daß diese Auffassung vom Menschen  verworfen werden muß. Denn in der längsten Phase ihrer Geschichte, Hun­derttausende, vielleicht Millionen von Jahren lebte die Menschheit in einer klas­senlosen Gesell­schaft, die von Gemein­schaften gebil­det wurde, in denen der we­sentliche Reich­tum ohne das Mittel des Austauschs und Geldes gebildet wurde; eine Gesellschaft, die ohne Könige, Prie­ster, Adlige oder einem Staatsapparat son­dern von Stam­mesversammlungen organi­siert wurde. Diese Gesellschaften waren das, was die Marxisten "primitiven Kom­munismus" nennen.
Dieser Begriff des primitiven Kommu­nismus bringt die Bürgerlichen und ihre Ideologie zutiefst in Verlegenheit, und deshalb unter­nehmen sie alles, um seine Bedeutung zu leugnen oder sie einzu­schränken. Weil sie sich bewußt sind, daß die marxistische Auf­fassung von der pri­mitiven Gesellschaft zum großen Teil durch die Untersuchungen von Lewis Henry Morgan über die Irokesen und an­dere "amerikanische Stämme" beein­flußt wurde, verachten moderne akade­mische Anthropologen Morgans Er­kenntnisse, in­dem sie diese oder jene Ungereimtheit bei gewissen Erhebungen in seiner Arbeit "aufdecken", diesen oder jenen zweitrangi­gen Fehler aufzei­gen, all das um seinen ge­samten Beitrag infragezustellen. Oder mit engstir­nigstem Empirismus behaupten sie, daß es nicht möglich sei, irgend etwas über die Vorgeschichte der Menschheit durch die Untersuchung der überlebenden pri­mitiven Völker herauszufinden. Oder sie verweisen auf die vielen Einschränkun­gen und Mängel der primitiven Gesell­schaften, um eine of­fene Tür einzuren­nen: nämlich die Auffas­sung, daß diese Gesell­schaft eine Art Para­dies gewesen sei, in dem es kein Leiden und keine Entfrem­dung gegeben habe.
Der Marxismus jedoch idealisiert diese Ge­sellschaften nicht. Er ist sich dessen bewußt, daß sie ein notwendiges Ergeb­nis nicht von irgendeinem angeborenen "Guten" im Men­schen waren, sondern der niedrigen Ent­wicklung der Produk­tivkräfte, die die ersten menschlichen Ge­meinschaften dazu zu zwangen, eine "kommunistische" Struktur zu überneh­men, um ganz einfach zu  überleben. Die Aneignung der Mehrarbeit durch einen be­sonderen Teil der Gesellschaft hätte ganz einfach das Verschwinden des anderen Teils der Gesellschaft bedeutet. Unter die­sen Um­ständen war es unmög­lich, einen ausreichen­den Mehrwert zu produzieren, um damit die Existenz ei­ner privilegierten Klasse sicherzu­stellen. Der Marxismus ist sich darüber im kla­ren, daß dieser Kom­munismus infolge­dessen ein ganz be­grenzter war, der nicht die volle Entwick­lung der Men­schen als In­dividuen ermög­lichte. Des­halb fügte En­gels, nachdem er von der persönlichen Würde, der Gerad­heit, Charakterstärke und der Tapferkeit der überlebenden primitiven Völker gespro­chen hatte, in seiner Untersu­chung "Der Ursprung der Familie, des Privateigen­tums und des Staates" hinzu: "Der Stamm, die Gens und ihre Einrichtun­gen waren heilig und unantast­bar, waren eine von Natur gegebene hö­here Macht, der der einzelne in Fühlen, Denken und Tun un­bedingt untertan blieb. So impo­sant die Leute dieser Epoche uns er­scheinen, so sehr sind sie ununterschie­den einer vom andern, sie hängen noch, wie Marx sagt, an der Nabel­schnur des natürwüchsigen Gemeinwesens" (Der Ur­sprung der Familie, des Privateigen­tums und des Staats, III. Die irokesische Gens, MEW 21, S. 97).
Dieser Kommunismus von kleineren Grup­pen, die oft anderen Stammesgrup­pierungen gegenüber feindlich eingestellt waren, dieser Kommunismus, in dem das Individuum durch die Gemeinschaft be­herrscht wurde, dieser Kommunismus des Mangels unter­scheidet sich sehr stark von dem viel mehr fortgeschritte­nen Kommu­nismus der Zu­kunft, der die Vereinigung der menschlichen Gattung, die gegensei­tige Verwirklichung der In­dividuen der Gesellschaft und einen Kommunismus des Überflusses bedeuten wird. Deswegen hat der Marxismus nichts gemeinsam mit den verschiedenen primitivi­stischen Ideologien, die die ar­chaischen Be­dingungen der Men­schen idealisieren und eine nostalgische Rück­kehr zu diesen anstre­ben[i].
Jedoch ist die Tatsache, daß diese Ge­meinschaften bestanden und als ein Er­gebnis der materiellen Notwendigkeit auf­getaucht waren, ein weiterer Beweis dafür, daß der Kommunismus alles an­dere als eine "schöne Idee" ist, und auch kein "System", das "nie funktionieren wird". Dieser Punkt wurde von Rosa Luxemburg in ihrer "Einführung in die Nationalöko­nomie" hervorgehoben.
"Damit hat Morgan aber eine mächtige neue Stütze dem wissenschaftlichen So­zialismus geliehen. Während Marx und Engels auf dem Wege der ökonomischen Analyse des Kapita­lismus den unver­meidlichen historischen Übergang der Ge­sellschaft zur kommunisti­schen Welt­wirtschaft für die nächste Zukunft nach­gewiesen und damit den sozialistischen Be­strebungen eine feste wissenschaftli­che Ba­sis gegeben hatten, hat Morgan gewisser­maßen den ganzen gewaltigen Vorbau zu dem Marx-Engelsschen Werk geliefert, in­dem er nachwies, daß die kommunistisch-demo­kratische Gesell­schaft, wenn auch in ande­ren, primitive­ren Formen, die ganze lange Vergan­genheit der menschlichen Kulturge­schichte vor der heutigen Zivilisa­tion umfaßt. Den revolutionären Bestrebun­gen der Zu­kunft bot somit die adelige Überlieferung der grauen Vergan­genheit die Hand, der Kreis der Erkenntnis schloß sich harmonisch zusammen, und aus dieser Perspektive er­schien die heu­tige Welt der Klassenherr­schaft und der Aus­beutung, die das all und einzige der Kul­tur, das höchste Ziel der Weltge­schichte darzustellen vorgab, bloß als eine winzige vorübergehende Etappe auf dem großen Kulturvormarsch der Menschheit" ("Einführung in die Natio­nalökonomie", Rosa Luxemburg, Ges. Werke, Bd. 5, S. 612).

Der Kommunismus ist der Traum der Unterdrückten

Der primitive Kommunismus war nicht sta­tisch. Er durchlief verschiedene Stu­fen und, nachdem er mit unüberwindba­ren Wider­sprüchen zusammenprallte,  löste er sich auf und brachte schließlich die erste Klassenge­sellschaft hervor. Aber die Ungerechtigkei­ten der Klassen­gesellschaft bereiteten wie­derum den Boden für das Entstehen von Mythen und Philosophien, die einen mehr oder weniger bewußten Wunsch der Abschaf­fung der Klassenge­gensätze und des Pri­vateigentums zum Ausdruck brachten. Klassische Experten der Mythologie wie He­siod und Ovid be­richteten vom My­thos des Goldenen Zeit­alters, als keine Unterschei­dung gemacht wurde zwi­schen "mein" und "dein", einige der späteren griechischen Philosophen "erfanden" perfekte Gesell­schaften, in denen alles gemeinsam verwaltet wurde. In diesen  wurde die Erinnerung an eine wirkliche Stammesgesellschaft zusam­mengeführt mit viel älteren Mythen vom Fall des Menschen aus dem ursprüngli­chen Para­dies. Aber die kommunisti­schen Ideen ver­breiteten sich immer mehr und wurden im­mer beliebter. Sie führten auch zu Versu­chen, sie in  der Praxis umzusetzen in Zeiten gesell­schaftlicher Krise und Mas­senrevolten gegen das Klassensystem der damaligen Zeit. In den bekannten Revolten des Sparta­kus gegen das niedergehende Rö­mische Reich unternahmen die rebellie­renden Skla­ven einige verzweifelte, nur eine kurze Zeit dauernde Versuche, Ge­sellschaften zu er­richten, die sich auf Brü­derlichkeit und Gleichheit stützten. Aber der typischste kommunistische Trend der damaligen Zeit war natürlich das Chri­stentum, das, wie En­gels und Luxemburg hervorgehoben haben, als eine Revolte der Sklaven anderer Klas­sen angefangen hatte, die vom Römi­schen Reich niedergeschla­gen worden war, bevor das Christentum dann vom niedergehenden Rö­mischen Reich übernommen und zur offi­ziellen Ideologie der aufsteigenden Feudalord­nung wurde. Die ersten christli­chen Ge­meinschaften predigten eine univer­selle brüderliche Gemeinschaft und versuch­ten einen weitgreifenden Kommunismus des Eigentums zu praktizieren. Aber wie Rosa Luxemburg in ihrem Text "Sozialismus und die Kirche" aufzeigte, waren das auch ge­rade die Grenzen des christlichen Kommu­nismus. Er stützte sich nicht auf die revolu­tionäre Enteig­nung der herr­schenden Klassen und der Vergesellschaf­tung der Produktion, wie das im modernen Kommunismus der Fall ist. Das Christen­tum trat nur dafür ein, daß die Reichen wohltätiger sein sollten und ihre Güter mit den Armen zu teilen hätten. Es war eine Doktrin des Sozial­pazifismus und der Klassenzusammenar­beit, die schnell an die Bedürfnisse der herrschenden Klasse an­gepaßt werden konnte. Die Unreife dieser Auffassungen vom Kommunismus war das Ergebnis der Unreife der Produktivkräfte. Dies trifft sowohl auf die Produktionsmög­lichkeiten der damaligen Zeit zu, denn in ei­ner Gesellschaft, die an einer Krise der Un­terproduktion zugrunde geht, konnten dieje­nigen, die gegen diese Gesellschaft rebel­lierten, sich nichts besseres vor­stellen, als eben die damit verbundene Armut unterein­ander aufzuteilen. Und auch die ausgebeute­ten und unterdrückten Klassen, die die ur­sprüngliche Triebkraft hinter der christ­lichen Revolte waren, wa­ren Klassen ohne gemein­same Ziele und ohne histo­rische Perspektive. "Einen ge­meinsamen Weg zur Emanzipation all die­ser Ele­mente gab es absolut nicht. Für sie alle lag das Paradies als verlorenes hin­ter ihnen; für den verkommenen Freien die ehemalige Polis, Stadt und Staat zugleich, deren freier Bürger seine Vor­fahren der­einst gewesen; für den kriegs­gefangenen Sklaven die Zeit der Freiheit vor der Un­terjochung und Gefangen­schaft; für den Kleinbauern die vernich­tete Gentilgesell­schaft und Bodenge­meinschaft" (Zur Ge­schichte des Urchri­stentums, F. Engels, MEW Bd. 22, S. 463, Juli 1894). Dies un­terstreicht die im wesent­lichen rückwärts gerichteten, nostalgischen Auffassungen der christli­chen Revolte. Es stimmt, daß das Chri­stentum als Fortsetzung der jüdi­schen Religion einen Schritt vorwärts im Ver­gleich zu den heidnischen Mythen darge­stellt hatte, weil es einen Bruch mit den alten zyklischen Auffassungen von der Zeit bedeutete und behauptete, daß die Mensch­heit in einem historischen, sich vorwärts entwickelnden  Drama gefan­gen war. Aber die darin enthaltenen Grenzen der Klassen, welche diese Re­volten betrie­ben, waren auch dafür ver­antwortlich, daß diese Geschichte immer noch in mystifi­zierten, messianischen Begriffen aufgefaßt wurde, und daß die zu­künftige Rettung in einem Eschaton, einer absoluten und weit entfernt liegen­den Lö­sung außerhalb der Grenzen die­ser Welt ge­funden werden sollte.
Das gleiche trifft in gewisser Hinsicht auf die zahlreichen Bauernrevolten gegen den Feu­dalismus zu, obgleich von dem mitrei­ßenden Lollard Prediger John Ball, einer der Führer der großen Bauernre­volten in England im Jahre 1381, be­richtet wird, "daß die Lage sich in Eng­land nicht bes­sern wird, solange nicht alles in Gemein­besitz sei. Erst dann werde es weder Un­tergebene noch Her­ren geben". Diese For­derungen führen uns einen Schritt weiter als den bloßen Kommunismus des Besitzes hin zu einer Auffassung, in der der gesell­schaftliche Reichtum zum Gemein­besitz werden sollte. Dies mag daran liegen, weil die Lollards schon ein Vorläufer spä­terer Bewegungen waren, die typisch für die aufsteigende Phase des Kapitalismus wa­ren. Aber im allgemeinen litten diese Re­volten der Bauern unter den gleichen grundlegen­den Schwächen wie die der Re­bellion der Sklaven. Der berühmte Slogan der Revolte von 1381 "When Adam delved and Eva span, who was then the gentle­man" besaß eine schöne poetische Kraft, aber er brachte auch die Grenzen des Bau­ernkommunismus zum Ausdruck, der ge­nau wie die frühen christlichen Revolten nur einer idylli­schen Vergangenheit zuge­wendet sein konnte - zum Paradies Eden selber, zu den ersten Christen, zu der "wahren Freiheit in England vor der Herr­schaft der Normannen" (3). Oder wenn sie in die Zukunft blickten, legten sie die Brille der ersten Christen auf, die von der Offenbarung eines Tausendjährigen Rei­ches sprachen, das von Christus er­richtet würde, der wieder triumphierend zurückkeh­ren werde. Die Bauern waren nicht die re­volutionäre Klasse der Feu­dalgesellschaft, selbst wenn ihre Revol­ten zur Untergrabung der Fundamente der Feudalordnung beitru­gen und somit einen Beitrag leisteten bei der Entste­hung des Kapitalismus. Und da sie selbst keine Trä­ger einer Umorganisierung der Gesell­schaft waren, konnte aus ihrer Sicht die Rettung, das Heil nur von Au­ßen kommen - von Jesus oder den "göttlichen Königen", die von den ver­räterischen Bera­tern falsch beraten wur­den; ein weiterer Rettertyp wa­ren  Volkshelden wie Robin Hood.
Die Tatsache, daß diese kommunisti­schen Träume die Massen ergreifen konnten, zeigt, daß sie deren materiellen Bedürfnis­sen ent­sprachen, genauso wie die Träume des Ein­zelnen tiefe, aber unerfüllte Wün­sche zum Ausdruck bringen. Aber weil die Bedingun­gen in der Geschichte ihre Ver­wirklichung nicht ermöglichten, mußten sie eben nur Träume bleiben.

Die ersten Regungen des Proletariats

"Von seinem Ursprung an war das Bür­gertum behaftet mit seinem Gegensatz: Ka­pitalisten können nicht bestehen ohne Lohn­arbeiter, und im selben Verhältnis wie der mittelalterliche Zunftbürger sich zum moder­nen Bourgeois, im selben Verhältnis entwic­kelte sich auch der Zunftgeselle und nicht­zünftige Taglöhner zum Proletarier. Und wenn auch im ganzen und großen das Bür­gertum bean­spruchen durfte, im Kampf mit dem Adel gleichzeitig die Interessen der verschie­denen arbeitenden Klassen je­ner Zeit mit zu vertreten, so brachen doch, bei jeder großen bürgerlichen Bewegung, selb­ständige Regungen derjenigen Klasse hervor, die die mehr oder weniger ent­wickelte Vorgängerin des modernen Pro­letariats war. So in der deutschen Refor­mations- und der Bauern­kriegszeit die Wiedertäufer und Thomas Münzer; in der großen englischen Revolution die Level­lers; in der großen französischen Revolu­tion Babeuf" (Engels, Die Ent­wicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissen­schaft, MEW 19, S. 191).  

 

Thomas  Münzer und das Reich Gottes

<<>>In seinem Text  der  "Bauernkrieg in Deutschland" entwickelte Engels seine Auf­fassung von Münzer und den Ana­baptisten. Er ging davon aus, daß sie eine embryonal proletarische Strömung inner­halb einer viel breiteren, bunt ge­färbten "plebejischen Bau­ernbewegung" darstell­ten. Die Anabaptisten waren noch eine christliche Sekte, aber sehr ketzerisch, hä­retisch. Und Münzers "theologische" Auf­fassungen näherten sich ziemlich stark ei­ner Art Atheismus, die eine Fortsetzung der vorhergehenden mystischen Trends in Deutschland und anderswo waren (z.B. Meister Eckhart). Auf gesellschaftli­cher und politischer Ebene .."streifte sein politi­sches Pro­gramm  an den Kommunis­mus, und mehr als eine moderne kommuni­stische Sekte hatte noch am Vorabend der Februarre­volution über kein reichhalti­geres theo­retisches Arsenal zu verfügen als die "Münzerschen" des 16. Jahrhunderts. Dies Programm, weniger die Zusam­menfassung der Forderungen der dama­ligen Plebejer als die geniale Antizipa­tion der Emanzipations­bedingungen der kaum sich entwickelnden proletarischen Ele­mente unter diesen Plebe­jern - dies Pro­gramm forderte die sofortige Her­stellung des Reiches Gottes, des pro­phezeiten Tau­sendjährigen Reiches auf Er­den, durch Zu­rückführung der Kirche auf ih­ren Ur­sprung und Beseitigung al­ler Institu­tionen, die mit dieser angeb­lich urchristli­chen, in Wirklichkeit aber sehr neuen Kirche in Wi­derspruch stan­den. Unter dem Reich Got­tes verstand Münzer aber nichts anderes als einen Gesellschaftszustand, in dem keine Klas­senunterschiede, kein Privatei­gentum und keine den Gesellschaftsmit­gliedern ge­genüber selbständige, fremde Staats­gewalt mehr bestehen würde. Sämtli­che bestehende Gewalten, sofern sie nicht sich fügen und der Revolution anschlie­ßen wollten, sollten ge­stürzt, alle Ar­beiten und alle Güter gemein­sam und die vollständige Gleichheit durch­geführt werden. Ein Bund sollte gestiftet wer­den, um dies durchzuset­zen, nicht nur über ganz Deutschland, sondern über die ganze Christenheit..." (Der deutsche Bauernkrieg, MEW 7, S. 354).>Überflüssig zu sagen, da es sich damals erst um die Anfangsphase der bürgerli­chen Ge­sellschaft handelte, waren die materiel­len Bedingungen für solch einen radikalen Wan­del überhaupt noch nicht vorhanden. Auf subjektiver Ebene kam dies dadurch zum Ausdruck, daß mes­sianisch-religiöse Auffas­sungen immer noch die Ideologie dieser Be­wegung be­stimmten. Auf objekti­ver Ebene be­wirkte die Vorherrschaft des Kapitals, daß alle radikalen kommunisti­schen For­derungen tatsächlich verzerrt und ver­dreht wurden und hinausliefen auf prak­tische Vorschläge zur vollen Entfaltung der bürgerlichen Gesell­schaft. Dies kam sicher sehr deutlich zum Vorschein, als Münzers Partei im März 1525 in der Stadt Mühlhausen an die Macht kam: "Die Stel­lung Münzers an der Spitze des ewigen Rats von Mühlhausen war indes noch viel gewagter als die irgendeines modernen re­volutionären Regenten. Nicht nur die da­malige Bewegung, auch sein ganzes Jahr­hundert war nicht reif für die Durchfüh­rung der Ideen, die er selbst erst dunkel zu ahnen begonnen hatte. Die Klasse, die er reprä­sentierte, weit entfernt, vollständig entwickelt und fähig zur Unterjochung und Umbildung der ganzen Gesellschaft zu sein, war eben erst im Entstehen begriffen. Der gesell­schaftliche Umschwung, der sei­ner Phanta­sie vorschwebte, war noch so we­nig in den vorliegenden materiellen Ver­hältnissen be­gründet, daß diese sogar eine Gesellschafts­ordnung vorbereiteten, die das gerade Ge­genteil seiner ge­träumten Gesellschaftsord­nung war. Daher aber blieb er an seine bis­herigen Predigten von der christlichen Gleichheit und der evan­gelischen Gütergemein­schaft gebunden, er mußte we­nigsten den Versuch ihrer Durchführung ma­chen. Die Gemeinschaft aller Güter, die glei­che Verpflichtung aller zur Arbeit und die Abschaffung aller Ob­rigkeit wurde proklamiert. Aber in der Wirklichkeit blieb Mühlhausen eine repu­blikanische Reichsstadt mit etwas demo­kratisierter Verfassung, mit einem aus all­gemeiner Wahl hervorgegange­nen Senat, der unter der Kontrolle des Forums stand, und mit einer eilig improvi­sierten Naturalver­pflegung der Armen. Der Gesell­schaftsumsturz, der den protestanti­schen bürgerlichen Zeitgenossen so entsetz­lich vorkam, ging in der Tat nie hinaus über einen schwachen und unbe­wußten Ver­such zur übereilten Herstellung der spä­teren bür­gerlichen Gesellschaft" (Der deutsche Bau­ernkrieg, MEW 7, S. 402 - Der thüringische, elsässische und östrei­chische Bauernkrieg).  

Winstanley und die wahre Gemeinschaft

Die Gründer des Marxismus kannten sich besser mit der deutschen Reforma­tion oder mit der französischen Revolu­tion aus als mit der bürgerlichen engli­schen Reforma­tion. Dies ist schade, denn Historiker wie Chri­stopher Hills haben aufzeigt, daß diese Re­volution eine ganze Schwemme von schöpferi­schen Gedanken hervorgebracht hat, eine ganze Reihe von mutigen radika­len Par­teien, Sekten und Bewegungen ent­stand. Die Levellers, von denen Engels sprach, wa­ren eher eine heterogene Bewe­gung als eine formale Partei. Ihr gemäßig­ter Flügel waren nur radikale Demokraten, die das Recht des Einzelnen auf Eigen­tum hartnäckig verfoch­ten. Aber in An­betracht der Tiefe der sozia­len Mobili­sierung, die die bürgerliche Re­volution vorantrieb, brachte sie unvermeid­bar den linken Flügel hervor, der sich mehr und mehr mit den Bedürfnissen der eigen­tumslosen Massen befaßte, und der einen eindeutig kommuni­stischen Charakter an­nahm. Dieser Flügel wurde von den "true Levellers", den wah­ren Gleichma­chern oder den Diggers (Grabenden) re­präsentiert. Und ihr kohä­rentester Spre­cher war Winstanley. In sei­nen Schriften und insbesondere in sei­nen späteren Ar­beiten gibt es eine klarere Be­wegung weg von den religiös-messiani­schen Auf­fassungen als dies bei Münzer möglich gewesen wäre. Seine wichtigste Ar­beit "The Law of Freedom in Platform" stellt - wie der Name zeigt - einen eindeu­tigen Bruch auf der Ebene der ausdrück­lich politi­schen Auffassungen dar. Die wei­terhin fort­bestehenden Erwähnungen der Bibel, insbe­sondere der Sündenfall, sind hauptsächlich allegorischer oder symboli­scher Funktion. Aus Winstanleys Sicht konnte es im Gegen­satz zur Auffas­sung der gemäßigten Level­lers "keine allge­meine Freiheit geben, so­lange keine allge­meine Gemeinschaft errich­tet worden ist" (zitiert von Hill in seiner Ein­führung zu "The Law of Freedom and other Writings" Penguin Ausgabe 1973, S. 49). Politisch-konstitutionelle Rechte, die die be­stehenden Eigentumsverhält­nisse nicht an­rühren, seien ein Betrug. Und dann umriß er mit vielen Detailan­gaben seine Auffas­sung einer wirklichen Gemeinschaft, in der alle Lohnarbeit, Kauf und Verkauf abge­schafft, in der Erziehung und Wissenschaft anstatt des religiösen Obskurantismus und der Staats­kirche gefördert würden, und wo die Funktionen des Staates auf ein striktes Min­destmaß reduziert werden würden. Er sprach sogar von einer Zeit, in der die "ganze Erde wieder ein gemeinsamer Schatz für alle wer­den würde, so wie es sein solle.. Dann wird diese Feindschaft aufhören und niemand wird versuchen, eine Herrschaft über andere herzustellen", da "die Befürwortung von Ei­gentum und Einzelinteressen die Menschen eines Lan­des spaltet und die ganze Welt in Parteien teilt, und dies die Ursache aller Kriege, allen Blutvergießens und Streits überall ist" (zitiert von Hill in "The World Turned Upside Down" (‘Die um­gekrempelte Welt’), S. 139, Ausgabe von 1984) 
Aber was Engels über Münzer sagte, traf auch auf Winstanley zu: die neue, aus die­ser großen Revolution hervorgehende Gesell­schaft war keine "allgemeine Ge­meinschaft", sondern die kapitalistische Gesellschaft. Winstanley's Vorstellun­gen waren ein weite­rer Schritt hin zum "modernen" Kommunis­mus, aber sie blie­ben reine Utopie. Dies kam vor al­lem in der Unfähigkeit der "True Level­lers" (wahren Gleichmacher) zum Aus­druck, zu begreifen, wie diese große Um­wälzung zu­stande kommen könnte. Die Dig­ger Bewe­gung, die während des Bürger­kriegs ent­standen war, be­schränkte sich auf Versu­che von kleinen Banden von Armen und landlosen Leu­ten, die brachliegenden und der Gemein­schaft zugänglichen Böden zu bewirt­schaften. Die Digger Gemein­schaften sollten als ein gewaltloses Beispiel für all die Armen und Besitzlosen dienen, aber sie wurden kurze Zeit später von den Truppen Cromwells bekämpft und auseinan­dergetrieben. Auch gingen sie in ihren Auf­fassungen nicht wirklich über die Forderung nach altehrwürdigen Ge­meinschaftsrechten hinaus. Nach der Nie­derschlagung dieser Bewegung und der Leveller Bewegung im allgemeinen schrieb Winstanley sein Buch "The Law of Free­dom", um die Lehren aus dieser Nieder­lage zu ziehen. Aber es war schon eine Ironie der Geschichte, daß wäh­rend diese Arbeit den Höhepunkt der kom­munistischen Theorie der damaligen Zeit zum Ausdruck brachte, sie niemand an­derem als Oliver Cromwell gewidmet war, der erst drei Jahre zuvor 1649 den Auf­stand der Le­veller hatte gewaltsam nieder­schlagen lassen, um das bürgerli­che Ei­gentum und den bür­gerlichen Be­sitz zu schützen. Da er keine homogene Kraft sah, die die Revolution von unten bringen könnte, flüchtete sich Winstan­ley in die vergebliche Hoffnung auf eine Re­volution von oben 

Babeuf und die Republik der Gleichen

Ein sehr ähnliches Phänomen tauchte in der Französischen Revolution auf: in der abstei­genden Phase der Bewegung tauchte ein ex­trem linker Flügel auf, der seine Unzufrie­denheit mit den rein poli­tischen Freiheiten äußerte, die in der neuen Ver­fassung zu Pa­pier gebracht waren, da sie vor allem die Freiheit des Kapitals begün­stigten, um die eigen­tumslose Mehrheit auszubeuten. Die Strömung um Babeuf spiegelte die Be­mühungen des entstehen­den städtischen Proletariats, das so viele Opfer für die Re­volution der Bourgeoisie gebracht hatte, wi­der, für seine eigenen Klassen­interessen ein­zutreten, und somit stieß sie unaufhaltsam auf die Forderung nach dem Kommunismus. Im "Manifest der Gleichen" wurde die Per­spektive einer neuen und endgültigen Revo­lution auf­geworfen: "Die Französische Re­volution ist nur der Vorläufer einer anderen Re­volution, die weitaus größer, weitaus schwererwiegend und die letzte sein wird..."
Auf theoretischer Ebene waren die Glei­chen ein reiferer Ausdruck der kommu­nistischen Impulse als die Wahren Le­vellers anderthalb Jahrhun­derte zuvor. Nicht nur gab es bei ih­nen fast keine Über­reste der alten religiösen Terminologie, sondern sie bewegten sich auch auf eine marxistische Auffassung der Geschichte hin  als der Geschichte von Klas­senkämpfen. Vielleicht noch wichtiger: sie erkannten die Unvermeid­barkeit des gewalt­samen Aufstands ge­gen die Macht der herr­schenden Klasse. Die "Verschwörung" der Gleichen 1796 war die Konkretisierung die­ses Ver­ständnisses. Sich auf die Erfahrungen der direkten De­mokratie stützend, die sie in ihren Pariser Sektionen und in der "Kommune" von 1793 gemacht hatten, spra­chen sie auch von einem re­volutionären Staat, der über den kon­ventionellen Parla­mentarismus hinaus­ging, indem sie für das Prinzip der Ab­wählbarkeit ihrer gewählten Repräsen­tanten eintraten.
Aber die Unreife der materiellen Bedin­gungen konnte wiederum nur dazu füh­ren, daß sie auch in der politischen Un­reife der "Partei" Babeufs zum Ausdruck kamen. Da das Proletariat von Paris noch nicht deutlich als eine eigenstän­dige Kraft unter den "sans culottes", den armen Stadtbe­wohnern im all­gemeinen, hervorgetreten war, war die Strömung um Babeuf selber unklar über das revo­lutionäre Subjekt: Das "Manifest der Gleichen" war nicht an das Proletariat ge­richtet, sondern an das "Volk Frankreichs". Weil ihnen eine klare Auf­fassung vom re­volutionären Subjekt fehlte, richteten sich die Vorstellungen der Strö­mung um Babeuf vom Aufstand und der revolutionären Diktatur haupt­sächlich an eine Elite. Einige we­nige Auserwählte würden die Macht im Na­men der formlo­sen Masse ergreifen, und sie würden dann an dieser Macht fest­halten bis diese Mas­sen wirklich dazu in der Lage wä­ren, sel­ber zu regieren (solche Art Ansichten sollten in der Ar­beiterbewegung noch ei­nige Jahrzehnte lang nach der Französi­schen Re­volution bestehen bleiben, vor allem in der Ten­denz Blanquis, die ur­sprünglich aus der Strömung Babeufs ab­stammte, und ins­besondere durch die Per­son Buonarroti ver­körpert wurde).
Aber die Unreife der Strömung Babeufs kam nicht nur in den Mitteln zum Aus­druck, für die sie eintrat (die ohnehin zu einem kom­pletten Fiasko in dem Putsch von 1796 führ­ten), sondern auch in den unentwickelten Auffassungen von der kommunistischen Ge­sellschaft. In den "Ökonomisch philosophi­schen Ma­nuskripten" ging Marx heftig mit den Er­ben Babeufs ins Gericht. "Der rohe Kom­munist ist nur die Vollendung dieses Nei­des und dieser Nivellierung von dem vor­gestellten Minimum aus. Er hat ein be­stimmtes begrenztes Maß. Wie wenig diese Aufhebung des Privateigentums eine wirkli­che Aneignung ist, beweist eben die ab­strakte Negation der ganzen Welt der Bil­dung und der Zivilisation, die Rückkehr zur unnatürlichen Einfach­heit des armen und be­dürfnislosen Men­schen, der nicht über das Privateigentum hinaus, sondern noch nicht einmal bei demselben angelangt ist" (Ökonomisch-philosophische Manu­skripte, 1844, Ab­schnitt: Privateigentum und Kommunis­mus", S. 112 Marx-Engels Gesamtaus­gabe).
Marx ging sogar soweit zu sagen, daß die­ser "rohe Kommunismus" in Wirk­lichkeit nur eine Fortsetzung des Kapi­talismus be­deuten würde.  Marxens An­griffe gegen die Erben Babeufs waren insofern gerecht­fertigt, weil deren Auf­fassungen mittler­weile überholt waren. Dennoch war das Ausgangsproblem ob­jektiv vorhanden. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts war Frankreich hauptsäch­lich noch eine Agrar­gesellschaft gewe­sen, und die Kommuni­sten der damali­gen Zeit konn­ten sich kaum eine Über­flußgesellschaft vor­stellen. Des­halb konnte ihr Kommunismus nur "asketisch, jedem Vergnügen des Lebens abgeneigt, spartanisch" sein (Engels, Die Umwälzung des Sozialismus von der Uto­pie zur Wissenschaft). Es war wie­derum eine weitere Ironie der Ge­schichte, daß die großen Entbehrungen der industriellen Re­volution erforderlich waren, damit die aus­gebeuteten Klassen aufwachten und sich über die Möglich­keit einer Gesellschaft bewußt wurden, in der die Sinnesfreuden die sparta­nische Selbstleugnung ersetzen würden 

Die Erfinder der Utopie

Der Rückzug der großen revolutionären Welle Ende des Jahrzehnts 1790 und die Un­fähigkeit des Proletariats, schon als eine un­abhängige politische Kraft aufzu­treten, be­deuteten aber nicht, daß der Virus des Kommunismus ausgelöscht worden wäre. Er nahm im Gegenteil eine neue Gestalt an - die der utopischen Sozialisten. Die Uto­pisten - Saint-Si­mon, Fourier, Owen und andere - wa­ren viel weniger aufständisch, viel weni­ger mit dem revolutionären Kampf der Mas­sen verbunden als die An­hänger Ba­beufs. Auf den ersten Blick mochte man ihre Auf­fassungen als einen Schritt rückwärts einschätzen. Sie waren in der Tat das charakteristi­sche Ergebnis ei­nes Zeitraums der Reaktion und stellten eine Flucht dar weg von der Welt des politi­schen Kampfes. Aber Marx und En­gels äußerten immer ihre Anerken­nung ge­genüber den Utopisten und meinten, daß sie bedeutende Schritte vorwärts im Ver­gleich zu dem "rohen Kommunis­mus" der Gleichen gemacht hatten, vor allem bei ih­rer Kritik an der kapitalisti­schen Zivilisa­tion und ihren Vorstellun­gen von einer mög­lichen kommunisti­schen Alternative:
"Die sozialistischen und kommunisti­schen Schriften bestehen aber auch aus kriti­schen Elementen. Sie greifen alle Grundla­gen der bestehenden Gesell­schaft an. Sie haben da­her höchst wert­volles Material zur Aufklä­rung der Ar­beiter geliefert. Ihre positiven Sätze über die zukünftige Gesell­schaft, z.B. Aufhe­bung des Gegensatzes zwischen Stadt und Land, der Familie, des Privater­werbs, der Lohnarbeit, die Verkündi­gung der ge­sellschaftlichen Harmonie, die Verwandlung des Staates in eine bloße Verwaltung der Produktion - all diese ihre Sätze drücken bloß das Weg­fallen des Klassengegensatzes aus, der eben erst sich zu entwickeln be­ginnt, den sie nur noch in seiner ersten ge­staltlosen Unbestimmtheit kennen". (aus "Manifest der Kommunistischen Partei", MEW Bd 4, S. 490, Teil über "Der kritisch-utopi­sche Sozialismus und Kommunismus")
In "Die Umwälzung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft" erörtert En­gels detailliert die Beiträge der ein­zelnen Utopi­sten: Saint-Simon wird da­für hervor­gehoben, daß er die Französi­sche Revolu­tion als einen Klassenkrieg erkannt hatte, und daß er vor­hergesehen habe, daß die Politik vollständig durch die Wirtschaft aufgesaugt werden würde, und damit spä­ter auch einmal der Staat. Fourier wird als ein brillanter Kritiker und Satiriker der bürgerlichen Heuche­lei, der Armut und der Entfremdung gelobt, und daß er die dialektische Me­thode meisterhaft ange­wendet habe bei der Entdeckung der Hauptstufen der ge­schichtlichen Entwick­lung. Man kann hinzufügen, daß mit Fou­rier insbeson­dere ein endgültiger Bruch auftrat ge­genüber dem asketischen Kom­munismus oder dem der Gleichen, was vor allem zu sehen ist bei seiner Sorge, ent­fremdete Ar­beit durch schöpferische, Ver­gnügen berei­tende Aktivität zu ersetzen. Engels kurze Biographie Robert Owens kon­zentriert sich auf seine eher praktische angelsächsische Suche nach einer Alter­native gegenüber der kapitalistischen Aus­beutung, sei es in den "idealen" Baum­wollwebereien in New La­nark oder in sei­nen verschiedenen Experi­menten mit Ko­operativen und gemeinschaftli­chem Leben. Aber Engels erkannte auch Owens Mut an bei dessen Bruch mit sei­ner eigenen Klasse und seinem Einsatz für das Proletariat. Seine späteren Ver­suche, eine große Ge­werkschaft für alle Arbeiter Eng­lands auf­zubauen, stellten einen Schritt über die wohltätige Men­schenliebe hinaus dar, um sich aktiv an den ersten Bestrebungen der Arbeiter­klasse an der Suche ihrer eigenen Klas­senidentität und eigenen Organisation zu beteiligen.

"Aber letzten Endes traf auch das auf die Utopisten zu, was schon bei den ersten Re­gungen des proletarischen Kommu­nismus festgestellt worden war: die Un­ausgereiftheit ihrer Theorien waren das Ergebnis unausge­reifter Bedingungen ka­pitalistischer Produk­tion, aus der sie her­vorgingen. Unfähig, die gesellschaft­lichen und wirtschaftlichen Widersprü­che zu se­hen, die letzten Endes zum Zu­sammenbruch der kapitalistischen Aus­beutung führen würden, konnten sie sich die neue Gesellschaft nur als ein Ergeb­nis von Planungen und Erfindungen vor­stellen, die sie in ihren eigenen Köpfen ausgearbeitet hätten. Unfähig, das re­volutionäre Wesen und Potential der Ar­beiterklasse zu erken­nen, glauben sie, daß sie weit über jenen Klassengegen­satz er­haben zu sein glauben. Sie wollen die Le­benslage aller Gesellschaftsmit­glieder, auch der bestge­stellten, verbes­sern. Sie appellieren daher fortwährend an die ganze Gesellschaft ohne Unter­schied, ja vorzugsweise an die herr­schende Klasse. Man braucht ihr System ja nur zur verste­hen, um es als den bestmögli­chen Plan der bestmöglichen Gesellschaft anzuerkennen. Sie verwer­fen daher alle poli­tische, na­mentlich alle revolutionäre Aktion, sie wollen ihr Ziel auf friedlichem Weg errei­chen und ver­suchen, durch kleine, natür­lich fehlge­schlagene Experimente, durch die Macht des Beispiels dem neuen gesellschaftli­chen Evangelium Bahn zu bre­chen" (Manifest, S. 490)
Später gingen die Utopisten sogar so­weit, die "Schlösser in Spanien zu tau­fen", und die Klassenzusammenarbeit und den Sozialpazi­fismus zu befürwor­ten. Aber was in Anbe­tracht der Unreife der objekti­ven Bedingun­gen in den er­sten Jahrzehn­ten des 19. Jahr­hunderts verständlich war, war nicht mehr hinzunehmen, nachdem das "Kommunistische Manifest" 1847/48 ge­schrieben worden war. Von diesem Zeit­punkt an waren die Nachfolger der Utopi­sten ein Haupthindernis für die Entwick­lung des wissenschaftlichen So­zialismus, der von der Fraktion Marx-Engels im Bund der Kommu­nisten ver­körpert wurde.


[i] Siehe unsere Artikel in "International Re­view" Nr. 43 "Antwort an die Com­munist Workers' Organisation: Zur un­terirdischen  Reifung des Klassenbe­wußtseins". Die CWO und das Interna­tionale Büro der Revolutio­nären Partei", dem sie angehört, vertreten weiterhin eine leicht abgeschwächte Version der Theorie Kautskys vom Klassenbewußts­ein. 

Theorie und Praxis: 

Entwicklung des proletarischen <br>Bewusstseins und der Organisation: 

Theoretische Fragen: