Der Kommunismus - Kein schönes Ideal, sondern eine Notwendigkeit [Serie I - Teil 1]

Vom
primitiven Kommunismus zum utopischen Sozialismus

Das erste Ziel dieser Artikelreihe besteht in
einer marxistischen Darstellung, daß der Kommunismus nicht irgendwie eine nette
Idee ist. Wie Marx in der "Deutschen Ideologie" 1845/46 schrieb:

"Der
Kommunismus ist für uns nicht ein Zu­stand, der hergestellt werden soll, ein
Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten ha­ben (wird). Wir nennen Kom­munismus
die wirkliche Bewegung, wel­che den jetzigen Zu­stand aufhebt" (Deutsche
Ideologie, I. Feu­erbach, MEW 3, S. 35).

25 Jahre später brachte Marx den glei­chen
Gedanken bei seiner Auswertung der Erfah­rung der Pariser Kommune zum Ausdruck. "Die Arbeiterklasse ver­langte keine
Wunder von der Kommune. Sie hat keine fix und fer­tigen Utopien durch
Volksbeschluß einzufüh­ren. Sie weiß, daß, um ihre eigene Befreiung und mit ihr
jene höhere Lebensform hervor­zuarbeiten, der die gegenwärtige Gesell­schaft
durch ihre eigne ökonomische Ent­wicklung unwider­stehlich entgegen­strebt, daß
sie, die Ar­beiterklasse, lange Kämpfe, eine ganze Reihe geschichtli­cher
Prozesse durch­zumachen hat, durch welche die Men­schen wie die Umstände
gänzlich umgewan­delt werden. Sie hat keine Ideale zu verwirk­lichen; sie hat
nur die Elemente der neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen, die sich bereits
im Schoß der zusammenbrechenden Bour­geoisgesellschaft entwickelt haben"
(Der Bürgerkrieg in Frankreich, MEW 17, S. 343).

Gegenüber der Auffassung, derzufolge der
Kommunismus nichts anderes wäre als eine "vorgefertigte Utopie",
welche von Marx oder anderen schönen Geistern er­funden worden wäre, besteht
der Mar­xismus darauf, daß die Tendenz zum Kommunismus schon innerhalb
dieser Ge­sellschaft vorhanden ist. Unmittelbar vor dem oben erwähnten Zitat
aus der "Deutschen Ideologie" unterstrich Marx schon, daß die
Grundlagen für die kom­munistische Umwälzung jetzt schon vor­handenen sind:
nämlich die Entwicklung der Produktivkräfte, die vom Kapital selbst her­vorgebracht
wird, und ohne die es kei­nen Überfluß geben kann, keine umfas­sende Be­friedigung
der menschli­chen Be­dürfnisse, "und
ohne Überfluß nur der Mangel verall­gemeinert, also mit der Not­durft auch der
Streit um das Notwen­dige wieder beginnen und die ganze alte Scheiße sich
herstellen müßte" (Deutsche Ideologie, I. Feuerbach, MEW 3, S. 34).

- die Existenz eines Weltmarktes auf der
Grundlage dieser Entwicklung, ohne "dies
könnte der Kommunismus nur als eine Loka­lität existieren. Aber der Kommunis­mus
ist empirisch nur als die Tat der herr­schenden Völker "auf ein­mal"
und gleich­zeitig mög­lich, was die universelle Ent­wicklung der Produktiv­kraft
und den mit ihm zusammenhängen­den Weltverkehr voraus­setzt" (Deutsche
Ideologie, I. Feu­erbach, MEW 3, S. 35).

- die Schaffung einer großen besitzlosen Masse,
das Proletariat, das den Welt­markt als eine fremde, nicht hinnehm­bare Macht
empfindet; der wachsende Widerspruch zwi­schen der Fähigkeit des
kapitalistischen Sy­stems, Wohlstand zu produzieren, und auf der anderen Seite
die Armut, in der das Proletariat lebt.
In dem Abschnitt aus "Der Bürgerkrieg in
Frankreich" unterstrich Marx noch einen an­deren Aspekt, der heute noch
bedeutsa­mer ist: Das Proletariat muß nur das Po­tential freiset­zen, das in
der "alten, zusammenbre­chenden bürgerlichen Gesell­schaft" vor­handen
ist. Wie wir an anderer Stelle ent­wickeln werden, wird der Kommu­nismus hier
sowohl als eine Mög­lichkeit als auch eine Notwendigkeit darge­stellt. Eine Mög­lichkeit,
weil die Produktions­kapazitäten entwickelt wurden, die die materiellen Be­dürfnisse
der Men­schen befriedigen könnten und die soziale Kraft, das Proletariat vor­handen
ist, das ein direktes und eigenes In­teresse an der Umwälzung des Kapitalismus
und am Auf­bau des Kommunismus hat. Eine Notwen­digkeit, weil bei einem be­stimmten
Punkt in ihrer Entwicklung diese Produktiv­kräfte sich gegen die ka­pitalistischen
Pro­duktionsbeziehungen aufbäumen, innerhalb derer sie sich vor­her
entwickelten und auf­blühten, wo­durch ein Zeitraum von Kata­strophen
eingeläutet wird, der die Existenz der Gesellschaft, ja der  Menschheit in­frage stellt.
1871 war es allerdings verfrüht, daß Marx die
bürgerliche Gesellschaft "als in einem Zustand des Zusammenbruchs"
beschrieb. Heute aber in  der letzten
Phase des deka­denten Kapitalismus fin­det dieser Zusam­menbruch überall statt,
und die Notwendig­keit der kommunisti­schen Re­volution war nie größer als
heute.

Der
Kommunismus vor dem Proletariat

Der  Kommunismus ist die wirkliche Bewe­gung,
und die wirkliche Bewegung ist die Bewegung des Proletariats. Eine Bewe­gung,
die auf dem Boden der Ver­teidigung der materiellen Interessen ge­gen die des
Kapitals stattfindet, aber die dazu gezwun­gen ist, die eigentlichen Grundlagen
der bürgerlichen Gesell­schaft infragezustellen und mit ihnen letztendlich
zusammenzu­prallen. Eine Bewe­gung, die sich über sich selbst bewußt wird
aufgrund ihrer eigenen Praxis, und die sich auf ihr Ziel hinbewegt durch eine
ständige Selbstkritik. Der Kommu­nismus ist somit "wissenschaftlich"
(Engels); er ist ein "kritischer Kommu­nismus" (Labriola). Der
Hauptzweck die­ser Artikel besteht darin, ge­nau auf­zuzeigen, daß der
Kommunismus aus der Sicht der Arbeiterklasse keine vorgefer­tigte Utopie, keine
statische Idee ist, son­dern eine sich entwickelnde, entfal­tende Auffas­sung,
die sowohl mit der objektiven Ent­wicklung der Produktiv­kräfte als auch mit
der subjektiven Rei­fung des Proletari­ats durch die ange­häufte historische Erfah­rung älter wie auch reifer geworden
ist. Wir wer­den deshalb untersuchen, wie die Auffassun­gen vom Kommunismus und
die Mittel zu seiner Errichtung durch die 
Ar­beiten von Marx und Engels an Tiefe und Klarheit ge­wonnen haben, wie
auch durch die Beiträge des linken Flügels der Sozial­demokratie, durch die
Auswertung des Sieges und der Niederlage der Ok­toberrevolution durch die
Linkskommu­nisten usw. Aber der Kommu­nismus ist älter als das Proletariat:
Marx zu­folge kann man sogar sagen, daß die ganze Bewegung der Geschichte der
Akt der Ent­stehung (Ökonomisch-philosophische Manu­skripte) ist. Um
aufzuzeigen, daß der Kom­munismus mehr als ein Ideal ist, muß man verdeutlichen,
daß der Kom­munismus aus der Bewegung der Arbei­terklasse hervor- und somit
Marx vor­herging. Aber um zu be­greifen, was am 
"modernen" proletari­schen Kommunis­mus spezifisch ist, ist es
ebenfalls not­wendig, ihn mit den Formen des Kom­munismus zu vergleichen und
ihn diesen ge­genüberzustellen, die dem Prole­tariat vor­hergingen und mit den
ersten unrei­fen For­men des proletarischen Kommu­nismus selbst, die einen
Übergang zwi­schen dem vor-proletarischen Kommu­nismus und seiner modernen
wissen­schaftlichen Form darstel­len. Wie La­briola es formulierte:

"Der
kritische Kommunismus hat sich nie und tut es auch jetzt nicht geweigert, die
reichen und vielfältigen ideologischen, ethischen, psychologi­schen und
pädagogi­schen Vorschläge zu verwerfen, die aus der Kenntnis und der
Untersuchung all der For­men des Kom­munismus von Phales dem Kal­zedonier bis
hin zu Cabet stammten. Darüber hinaus kann man durch die Untersu­chung und
Kenntnis dieser Formen ein Be­greifen der Loslösung des wissen­schaftlichen
Sozialismus entwickeln und so erst er­möglichen" (In Erinnerung an das
Kommuni­stische Manifest, 1891)

Die
Klassengesellschaft:

Eine
Übergangsphase in der Geschichte der Menschheit

Es wird oft behauptet, daß der Kommu­nismus nie
funktionieren könne, weil "er ge­gen das Wesen der Menschheit ge­richtet"
sei. Wettbewerb, Neid, das Be­dürfnis besser zu sein als der andere, das
Bedürfnis Wohl­stand anzuhäufen, die Notwendigkeit eines Staates, all das, so
wird uns gesagt, seien dem Menschen in­newohnende Elemente, die genauso
grundlegend wären wie das Bedürf­nis nach Essen und Sexualität. Wenn man sich
aber mit der Geschichte der Menschheit befaßt, sieht man, daß diese Auffassung
vom Menschen  verworfen werden muß. Denn
in der längsten Phase ihrer Geschichte, Hun­derttausende, vielleicht Millionen
von Jahren lebte die Menschheit in einer klas­senlosen Gesell­schaft, die von
Gemein­schaften gebil­det wurde, in denen der we­sentliche Reich­tum ohne das
Mittel des Austauschs und Geldes gebildet wurde; eine Gesellschaft, die ohne
Könige, Prie­ster, Adlige oder einem Staatsapparat son­dern von Stam­mesversammlungen
organi­siert wurde. Diese Gesellschaften waren das, was die Marxisten
"primitiven Kom­munismus" nennen.
Dieser Begriff des primitiven Kommu­nismus
bringt die Bürgerlichen und ihre Ideologie zutiefst in Verlegenheit, und
deshalb unter­nehmen sie alles, um seine Bedeutung zu leugnen oder sie einzu­schränken.
Weil sie sich bewußt sind, daß die marxistische Auf­fassung von der pri­mitiven
Gesellschaft zum großen Teil durch die Untersuchungen von Lewis Henry Morgan
über die Irokesen und an­dere "amerikanische Stämme" beein­flußt
wurde, verachten moderne akade­mische Anthropologen Morgans Er­kenntnisse, in­dem
sie diese oder jene Ungereimtheit bei gewissen Erhebungen in seiner Arbeit
"aufdecken", diesen oder jenen zweitrangi­gen Fehler aufzei­gen, all
das um seinen ge­samten Beitrag infragezustellen. Oder mit engstir­nigstem Empirismus
behaupten sie, daß es nicht möglich sei, irgend etwas über die Vorgeschichte
der Menschheit durch die Untersuchung der überlebenden pri­mitiven Völker
herauszufinden. Oder sie verweisen auf die vielen Einschränkun­gen und Mängel
der primitiven Gesell­schaften, um eine of­fene Tür einzuren­nen: nämlich die
Auffas­sung, daß diese Gesell­schaft eine Art Para­dies gewesen sei, in dem es
kein Leiden und keine Entfrem­dung gegeben habe.
Der Marxismus jedoch idealisiert diese Ge­sellschaften
nicht. Er ist sich dessen bewußt, daß sie ein notwendiges Ergeb­nis nicht von
irgendeinem angeborenen "Guten" im Men­schen waren, sondern der niedrigen
Ent­wicklung der Produk­tivkräfte, die die ersten menschlichen Ge­meinschaften
dazu zu zwangen, eine "kommunistische" Struktur zu überneh­men, um
ganz einfach zu  überleben. Die Aneignung
der Mehrarbeit durch einen be­sonderen Teil der Gesellschaft hätte ganz einfach
das Verschwinden des anderen Teils der Gesellschaft bedeutet. Unter die­sen Um­ständen
war es unmög­lich, einen ausreichen­den Mehrwert zu produzieren, um damit die
Existenz ei­ner privilegierten Klasse sicherzu­stellen. Der Marxismus ist sich
darüber im kla­ren, daß dieser Kom­munismus infolge­dessen ein ganz be­grenzter
war, der nicht die volle Entwick­lung der Men­schen als In­dividuen ermög­lichte.
Des­halb fügte En­gels, nachdem er von der persönlichen
Würde, der Gerad­heit, Charakterstärke und der Tapferkeit
der überlebenden
primitiven Völker gespro­chen hatte, in seiner Untersu­chung "Der Ursprung
der Familie, des Privateigen­tums und des Staates" hinzu: "Der Stamm, die Gens und ihre
Einrichtun­gen waren heilig und unantast­bar, waren eine von Natur gegebene hö­here
Macht, der der einzelne in Fühlen, Denken und Tun un­bedingt untertan blieb. So
impo­sant die Leute dieser Epoche uns er­scheinen, so sehr sind sie
ununterschie­den einer vom andern, sie hängen noch, wie Marx sagt, an der Nabel­schnur
des natürwüchsigen Gemeinwesens" (Der Ur­sprung der Familie, des
Privateigen­tums und des Staats, III. Die irokesische Gens, MEW 21, S. 97).

Dieser Kommunismus von kleineren Grup­pen, die
oft anderen Stammesgrup­pierungen gegenüber feindlich eingestellt waren, dieser
Kommunismus, in dem das Individuum durch die Gemeinschaft be­herrscht wurde,
dieser Kommunismus des Mangels unter­scheidet sich sehr stark von dem viel mehr
fortgeschritte­nen Kommu­nismus der Zu­kunft, der die Vereinigung der menschlichen
Gattung, die gegensei­tige Verwirklichung der In­dividuen der Gesellschaft und
einen Kommunismus des Überflusses bedeuten wird. Deswegen hat der Marxismus
nichts gemeinsam mit den verschiedenen primitivi­stischen Ideologien, die die
ar­chaischen Be­dingungen der Men­schen idealisieren und eine nostalgische Rück­kehr
zu diesen anstre­ben

[i]

.

Jedoch ist die Tatsache, daß diese Ge­meinschaften
bestanden und als ein Er­gebnis der materiellen Notwendigkeit auf­getaucht
waren, ein weiterer Beweis dafür, daß der Kommunismus alles an­dere als eine
"schöne Idee" ist, und auch kein "System", das "nie
funktionieren wird". Dieser Punkt wurde von Rosa Luxemburg in ihrer
"Einführung in die Nationalöko­nomie" hervorgehoben.
"Damit hat
Morgan aber eine mächtige neue Stütze dem wissenschaftlichen So­zialismus
geliehen. Während Marx und Engels auf dem Wege der ökonomischen Analyse des
Kapita­lismus den unver­meidlichen historischen Übergang der Ge­sellschaft zur
kommunisti­schen Welt­wirtschaft für die nächste Zukunft nach­gewiesen und
damit den sozialistischen Be­strebungen eine feste wissenschaftli­che Ba­sis
gegeben hatten, hat Morgan gewisser­maßen den ganzen gewaltigen Vorbau zu dem
Marx-Engelsschen Werk geliefert, in­dem er nachwies, daß die kommunistisch-demo­kratische
Gesell­schaft, wenn auch in ande­ren, primitive­ren Formen, die ganze lange
Vergan­genheit der menschlichen Kulturge­schichte vor der heutigen Zivilisa­tion
umfaßt. Den revolutionären Bestrebun­gen der Zu­kunft bot somit die adelige Überlieferung
der grauen Vergan­genheit die Hand, der Kreis der Erkenntnis schloß sich
harmonisch zusammen, und aus dieser Perspektive er­schien die heu­tige Welt der
Klassenherr­schaft und der Aus­beutung, die das all und einzige der Kul­tur,
das höchste Ziel der Weltge­schichte darzustellen vorgab, bloß als eine winzige
vorübergehende Etappe auf dem großen Kulturvormarsch der Menschheit"
("Einführung in die Natio­nalökonomie", Rosa Luxemburg, Ges. Werke,
Bd. 5, S. 612).

Der
Kommunismus ist der Traum der Unterdrückten

Der primitive Kommunismus war nicht sta­tisch.
Er durchlief verschiedene Stu­fen und, nachdem er mit unüberwindba­ren Wider­sprüchen
zusammenprallte,  löste er sich auf und
brachte schließlich die erste Klassenge­sellschaft hervor. Aber die
Ungerechtigkei­ten der Klassen­gesellschaft bereiteten wie­derum den Boden für
das Entstehen von Mythen und Philosophien, die einen mehr oder weniger bewußten
Wunsch der Abschaf­fung der Klassenge­gensätze und des Pri­vateigentums zum
Ausdruck brachten. Klassische Experten der Mythologie wie He­siod und Ovid be­richteten
vom My­thos des Goldenen Zeit­alters, als keine Unterschei­dung gemacht wurde
zwi­schen "mein" und "dein", einige der späteren
griechischen Philosophen "erfanden" perfekte Gesell­schaften, in
denen alles gemeinsam verwaltet wurde. In diesen  wurde die Erinnerung an eine wirkliche
Stammesgesellschaft zusam­mengeführt mit viel älteren Mythen vom Fall des
Menschen aus dem ursprüngli­chen Para­dies. Aber die kommunisti­schen Ideen ver­breiteten
sich immer mehr und wurden im­mer beliebter. Sie führten auch zu Versu­chen,
sie in  der Praxis umzusetzen in Zeiten
gesell­schaftlicher Krise und Mas­senrevolten gegen das Klassensystem der
damaligen Zeit. In den bekannten Revolten des Sparta­kus gegen das
niedergehende Rö­mische Reich unternahmen die rebellie­renden Skla­ven einige
verzweifelte, nur eine kurze Zeit dauernde Versuche, Ge­sellschaften zu er­richten,
die sich auf Brü­derlichkeit und Gleichheit stützten. Aber der typischste
kommunistische Trend der damaligen Zeit war natürlich das Chri­stentum, das,
wie En­gels und Luxemburg hervorgehoben haben, als eine Revolte der Sklaven
anderer Klas­sen angefangen hatte, die vom Römi­schen Reich niedergeschla­gen
worden war, bevor das Christentum dann vom niedergehenden Rö­mischen Reich
übernommen und zur offi­ziellen Ideologie der aufsteigenden Feudalord­nung
wurde. Die ersten christli­chen Ge­meinschaften predigten eine univer­selle
brüderliche Gemeinschaft und versuch­ten einen weitgreifenden Kommunismus des
Eigentums zu praktizieren. Aber wie Rosa Luxemburg in ihrem Text
"Sozialismus und die Kirche" aufzeigte, waren das auch ge­rade die
Grenzen des christlichen Kommu­nismus. Er stützte sich nicht auf die revolu­tionäre
Enteig­nung der herr­schenden Klassen und der Vergesellschaf­tung der
Produktion, wie das im modernen Kommunismus der Fall ist. Das Christen­tum trat
nur dafür ein, daß die Reichen wohltätiger sein sollten und ihre Güter mit den
Armen zu teilen hätten. Es war eine Doktrin des Sozial­pazifismus und der
Klassenzusammenar­beit, die schnell an die Bedürfnisse der herrschenden Klasse
an­gepaßt werden konnte. Die Unreife dieser Auffassungen vom Kommunismus war
das Ergebnis der Unreife der Produktivkräfte. Dies trifft sowohl auf die
Produktionsmög­lichkeiten der damaligen Zeit zu, denn in ei­ner Gesellschaft,
die an einer Krise der Un­terproduktion zugrunde geht, konnten dieje­nigen, die
gegen diese Gesellschaft rebel­lierten, sich nichts besseres vor­stellen, als
eben die damit verbundene Armut unterein­ander aufzuteilen. Und auch die
ausgebeute­ten und unterdrückten Klassen, die die ur­sprüngliche Triebkraft
hinter der christ­lichen Revolte waren, wa­ren Klassen ohne gemein­same Ziele
und ohne histo­rische Perspektive. "Einen
ge­meinsamen Weg zur Emanzipation all die­ser Ele­mente gab es absolut nicht.
Für sie alle lag das Paradies als verlorenes hin­ter ihnen; für den verkommenen
Freien die ehemalige Polis, Stadt und Staat zugleich, deren freier Bürger seine
Vor­fahren der­einst gewesen; für den kriegs­gefangenen Sklaven die Zeit der
Freiheit vor der Un­terjochung und Gefangen­schaft; für den Kleinbauern die
vernich­tete Gentilgesell­schaft und Bodenge­meinschaft" (Zur Ge­schichte
des Urchri­stentums, F. Engels, MEW Bd. 22, S. 463, Juli 1894).
Dies un­terstreicht
die im wesent­lichen rückwärts gerichteten, nostalgischen Auffassungen der christli­chen
Revolte. Es stimmt, daß das Chri­stentum als Fortsetzung der jüdi­schen
Religion einen Schritt vorwärts im Ver­gleich zu den heidnischen Mythen darge­stellt
hatte, weil es einen Bruch mit den alten zyklischen Auffassungen von der Zeit
bedeutete und behauptete, daß die Mensch­heit in einem historischen, sich
vorwärts entwickelnden  Drama gefan­gen
war. Aber die darin enthaltenen Grenzen der Klassen, welche diese Re­volten
betrie­ben, waren auch dafür ver­antwortlich, daß diese Geschichte immer noch
in mystifi­zierten, messianischen Begriffen aufgefaßt wurde, und daß die zu­künftige
Rettung in einem Eschaton, einer absoluten und weit entfernt liegen­den Lö­sung
außerhalb der Grenzen die­ser Welt ge­funden werden sollte.
Das gleiche trifft in gewisser Hinsicht auf die
zahlreichen Bauernrevolten gegen den Feu­dalismus zu, obgleich von dem mitrei­ßenden
Lollard Prediger John Ball, einer der Führer der großen Bauernre­volten in
England im Jahre 1381, be­richtet wird, "daß die Lage sich in Eng­land nicht
bes­sern wird, solange nicht alles in Gemein­besitz sei. Erst dann werde es
weder Un­tergebene noch Her­ren geben". Diese For­derungen führen uns
einen Schritt weiter als den bloßen Kommunismus des Besitzes hin zu einer
Auffassung, in der der gesell­schaftliche Reichtum zum Gemein­besitz werden
sollte. Dies mag daran liegen, weil die Lollards schon ein Vorläufer spä­terer
Bewegungen waren, die typisch für die aufsteigende Phase des Kapitalismus wa­ren.
Aber im allgemeinen litten diese Re­volten der Bauern unter den gleichen
grundlegen­den Schwächen wie die der Re­bellion der Sklaven. Der berühmte
Slogan der Revolte von 1381 "When Adam delved and Eva span, who was then
the gentle­man" besaß eine schöne poetische Kraft, aber er brachte auch
die Grenzen des Bau­ernkommunismus zum Ausdruck, der ge­nau wie die frühen
christlichen Revolten nur einer idylli­schen Vergangenheit zuge­wendet sein
konnte - zum Paradies Eden selber, zu den ersten Christen, zu der "wahren
Freiheit in England vor der Herr­schaft der Normannen" (3). Oder wenn sie
in die Zukunft blickten, legten sie die Brille der ersten Christen auf, die von
der Offenbarung eines Tausendjährigen Rei­ches sprachen, das von Christus er­richtet
würde, der wieder triumphierend zurückkeh­ren werde. Die Bauern waren nicht die
re­volutionäre Klasse der Feu­dalgesellschaft, selbst wenn ihre Revol­ten zur
Untergrabung der Fundamente der Feudalordnung beitru­gen und somit einen
Beitrag leisteten bei der Entste­hung des Kapitalismus. Und da sie selbst keine
Trä­ger einer Umorganisierung der Gesell­schaft waren, konnte aus ihrer Sicht
die Rettung, das Heil nur von Au­ßen kommen - von Jesus oder den "göttlichen
Königen", die von den ver­räterischen Bera­tern falsch beraten wur­den;
ein weiterer Rettertyp wa­ren 
Volkshelden wie Robin Hood.
Die Tatsache, daß diese kommunisti­schen Träume
die Massen ergreifen konnten, zeigt, daß sie deren materiellen Bedürfnis­sen
ent­sprachen, genauso wie die Träume des Ein­zelnen tiefe, aber unerfüllte Wün­sche
zum Ausdruck bringen. Aber weil die Bedingun­gen in der Geschichte ihre Ver­wirklichung
nicht ermöglichten, mußten sie eben nur Träume bleiben.

Die
ersten Regungen des Proletariats

"Von seinem
Ursprung an war das Bür­gertum behaftet mit seinem Gegensatz: Ka­pitalisten
können nicht bestehen ohne Lohn­arbeiter, und im selben Verhältnis wie der
mittelalterliche Zunftbürger sich zum moder­nen Bourgeois, im selben Verhältnis
entwic­kelte sich auch der Zunftgeselle und nicht­zünftige Taglöhner zum
Proletarier. Und wenn auch im ganzen und großen das Bür­gertum bean­spruchen
durfte, im Kampf mit dem Adel gleichzeitig die Interessen der verschie­denen
arbeitenden Klassen je­ner Zeit mit zu vertreten, so brachen doch, bei jeder
großen bürgerlichen Bewegung, selb­ständige Regungen derjenigen Klasse hervor,
die die mehr oder weniger ent­wickelte Vorgängerin des modernen Pro­letariats
war. So in der deutschen Refor­mations- und der Bauern­kriegszeit die
Wiedertäufer und Thomas Münzer; in der großen englischen Revolution die Level­lers;
in der großen französischen Revolu­tion Babeuf" (Engels, Die Ent­wicklung
des Sozialismus von der Utopie zur Wissen­schaft, MEW 19, S. 191).
 

 

Thomas  Münzer und das Reich Gottes

<<>>In seinem Text 
der  "Bauernkrieg in
Deutschland" entwickelte Engels seine Auf­fassung von Münzer und den Ana­baptisten.
Er ging davon aus, daß sie eine embryonal proletarische Strömung inner­halb
einer viel breiteren, bunt ge­färbten "plebejischen Bau­ernbewegung"
darstell­ten. Die Anabaptisten waren noch eine christliche Sekte, aber sehr
ketzerisch, hä­retisch. Und Münzers "theologische" Auf­fassungen
näherten sich ziemlich stark ei­ner Art Atheismus, die eine Fortsetzung der
vorhergehenden mystischen Trends in Deutschland und anderswo waren (z.B.
Meister Eckhart). Auf gesellschaftli­cher und politischer Ebene .."streifte sein politi­sches Pro­gramm  an den Kommunis­mus, und mehr als eine
moderne kommuni­stische Sekte hatte noch am Vorabend der Februarre­volution
über kein reichhalti­geres theo­retisches Arsenal zu verfügen als die "Münzerschen"
des 16. Jahrhunderts. Dies Programm, weniger die Zusam­menfassung der
Forderungen der dama­ligen Plebejer als die geniale Antizipa­tion der Emanzipations­bedingungen
der kaum sich entwickelnden proletarischen Ele­mente unter diesen Plebe­jern -
dies Pro­gramm forderte die sofortige Her­stellung des Reiches Gottes, des pro­phezeiten
Tau­sendjährigen Reiches auf Er­den, durch Zu­rückführung der Kirche auf ih­ren
Ur­sprung und Beseitigung al­ler Institu­tionen, die mit dieser angeb­lich
urchristli­chen, in Wirklichkeit aber sehr neuen Kirche in Wi­derspruch stan­den.
Unter dem Reich Got­tes verstand Münzer aber nichts anderes als einen Gesellschaftszustand,
in dem keine Klas­senunterschiede, kein Privatei­gentum und keine den
Gesellschaftsmit­gliedern ge­genüber selbständige, fremde Staats­gewalt mehr
bestehen würde. Sämtli­che bestehende Gewalten, sofern sie nicht sich fügen und
der Revolution anschlie­ßen wollten, sollten ge­stürzt, alle Ar­beiten und alle
Güter gemein­sam und die vollständige Gleichheit durch­geführt werden. Ein Bund
sollte gestiftet wer­den, um dies durchzuset­zen, nicht nur über ganz
Deutschland, sondern über die ganze Christenheit..." (Der deutsche
Bauernkrieg, MEW 7, S. 354).

>Überflüssig zu sagen, da es sich damals erst um
die Anfangsphase der bürgerli­chen Ge­sellschaft handelte, waren die materiel­len
Bedingungen für solch einen radikalen Wan­del überhaupt noch nicht vorhanden.
Auf subjektiver Ebene kam dies dadurch zum Ausdruck, daß mes­sianisch-religiöse
Auffas­sungen immer noch die Ideologie dieser Be­wegung be­stimmten. Auf
objekti­ver Ebene be­wirkte die Vorherrschaft des Kapitals, daß alle radikalen
kommunisti­schen For­derungen tatsächlich verzerrt und ver­dreht wurden und
hinausliefen auf prak­tische Vorschläge zur vollen Entfaltung der bürgerlichen
Gesell­schaft. Dies kam sicher sehr deutlich zum Vorschein, als Münzers Partei
im März 1525 in der Stadt Mühlhausen an die Macht kam: "Die Stel­lung Münzers an der Spitze des ewigen Rats von
Mühlhausen war indes noch viel gewagter als die irgendeines modernen re­volutionären
Regenten. Nicht nur die da­malige Bewegung, auch sein ganzes Jahr­hundert war
nicht reif für die Durchfüh­rung der Ideen, die er selbst erst dunkel zu ahnen
begonnen hatte. Die Klasse, die er reprä­sentierte, weit entfernt, vollständig
entwickelt und fähig zur Unterjochung und Umbildung der ganzen Gesellschaft zu
sein, war eben erst im Entstehen begriffen. Der gesell­schaftliche Umschwung,
der sei­ner Phanta­sie vorschwebte, war noch so we­nig in den vorliegenden
materiellen Ver­hältnissen be­gründet, daß diese sogar eine Gesellschafts­ordnung
vorbereiteten, die das gerade Ge­genteil seiner ge­träumten Gesellschaftsord­nung
war. Daher aber blieb er an seine bis­herigen Predigten von der christlichen
Gleichheit und der evan­gelischen Gütergemein­schaft gebunden, er mußte we­nigsten
den Versuch ihrer Durchführung ma­chen. Die Gemeinschaft aller Güter, die glei­che
Verpflichtung aller zur Arbeit und die Abschaffung aller Ob­rigkeit wurde
proklamiert. Aber in der Wirklichkeit blieb Mühlhausen eine repu­blikanische
Reichsstadt mit etwas demo­kratisierter Verfassung, mit einem aus all­gemeiner
Wahl hervorgegange­nen Senat, der unter der Kontrolle des Forums stand, und mit
einer eilig improvi­sierten Naturalver­pflegung der Armen. Der Gesell­schaftsumsturz,
der den protestanti­schen bürgerlichen Zeitgenossen so entsetz­lich vorkam,
ging in der Tat nie hinaus über einen schwachen und unbe­wußten Ver­such zur
übereilten Herstellung der spä­teren bür­gerlichen Gesellschaft" (Der
deutsche Bau­ernkrieg, MEW 7, S. 402 - Der thüringische, elsässische und östrei­chische
Bauernkrieg).
 

Winstanley
und die wahre Gemeinschaft

Die Gründer des Marxismus kannten sich besser
mit der deutschen Reforma­tion oder mit der französischen Revolu­tion aus als
mit der bürgerlichen engli­schen Reforma­tion. Dies ist schade, denn Historiker
wie Chri­stopher Hills haben aufzeigt, daß diese Re­volution eine ganze
Schwemme von schöpferi­schen Gedanken hervorgebracht hat, eine ganze Reihe von
mutigen radika­len Par­teien, Sekten und Bewegungen ent­stand. Die Levellers,
von denen Engels sprach, wa­ren eher eine heterogene Bewe­gung als eine formale
Partei. Ihr gemäßig­ter Flügel waren nur radikale Demokraten, die das Recht des
Einzelnen auf Eigen­tum hartnäckig verfoch­ten. Aber in An­betracht der Tiefe
der sozia­len Mobili­sierung, die die bürgerliche Re­volution vorantrieb,
brachte sie unvermeid­bar den linken Flügel hervor, der sich mehr und mehr mit
den Bedürfnissen der eigen­tumslosen Massen befaßte, und der einen eindeutig
kommuni­stischen Charakter an­nahm. Dieser Flügel wurde von den "true
Levellers", den wah­ren Gleichma­chern oder den Diggers (Grabenden) re­präsentiert.
Und ihr kohä­rentester Spre­cher war Winstanley. In sei­nen Schriften und
insbesondere in sei­nen späteren Ar­beiten gibt es eine klarere Be­wegung weg
von den religiös-messiani­schen Auf­fassungen als dies bei Münzer möglich
gewesen wäre. Seine wichtigste Ar­beit "The Law of Freedom in
Platform" stellt - wie der Name zeigt - einen eindeu­tigen Bruch auf der
Ebene der ausdrück­lich politi­schen Auffassungen dar. Die wei­terhin fort­bestehenden
Erwähnungen der Bibel, insbe­sondere der Sündenfall, sind hauptsächlich
allegorischer oder symboli­scher Funktion. Aus Winstanleys Sicht konnte es im
Gegen­satz zur Auffas­sung der gemäßigten Level­lers "keine allge­meine Freiheit geben, so­lange keine allge­meine
Gemeinschaft errich­tet worden ist"
(zitiert von Hill in seiner Ein­führung
zu "The Law of Freedom and other Writings" Penguin Ausgabe 1973, S.
49). Politisch-konstitutionelle Rechte, die die be­stehenden Eigentumsverhält­nisse
nicht an­rühren, seien ein Betrug. Und dann umriß er mit vielen Detailan­gaben
seine Auffas­sung einer wirklichen Gemeinschaft, in der alle Lohnarbeit, Kauf
und Verkauf abge­schafft, in der Erziehung und Wissenschaft anstatt des religiösen
Obskurantismus und der Staats­kirche gefördert würden, und wo die Funktionen
des Staates auf ein striktes Min­destmaß reduziert werden würden. Er sprach
sogar von einer Zeit, in der die "ganze
Erde wieder ein gemeinsamer Schatz für alle wer­den würde, so wie es sein
solle.. Dann wird diese Feindschaft aufhören und niemand wird versuchen, eine
Herrschaft über andere herzustellen"
, da "die Befürwortung von Ei­gentum und Einzelinteressen die Menschen eines
Lan­des spaltet und die ganze Welt in Parteien teilt, und dies die Ursache
aller Kriege, allen Blutvergießens und Streits überall ist"
(zitiert
von Hill in "The World Turned Upside Down" (‘Die um­gekrempelte
Welt’), S. 139, Ausgabe von 1984) 
Aber was Engels über Münzer sagte, traf auch auf
Winstanley zu: die neue, aus die­ser großen Revolution hervorgehende Gesell­schaft
war keine "allgemeine Ge­meinschaft", sondern die kapitalistische
Gesellschaft. Winstanley's Vorstellun­gen waren ein weite­rer Schritt hin zum
"modernen" Kommunis­mus, aber sie blie­ben reine Utopie. Dies kam vor
al­lem in der Unfähigkeit der "True Level­lers" (wahren Gleichmacher)
zum Aus­druck, zu begreifen, wie diese große Um­wälzung zu­stande kommen könnte.
Die Dig­ger Bewe­gung, die während des Bürger­kriegs ent­standen war, be­schränkte
sich auf Versu­che von kleinen Banden von Armen und landlosen Leu­ten, die
brachliegenden und der Gemein­schaft zugänglichen Böden zu bewirt­schaften. Die
Digger Gemein­schaften sollten als ein gewaltloses Beispiel für all die Armen
und Besitzlosen dienen, aber sie wurden kurze Zeit später von den Truppen
Cromwells bekämpft und auseinan­dergetrieben. Auch gingen sie in ihren Auf­fassungen
nicht wirklich über die Forderung nach altehrwürdigen Ge­meinschaftsrechten
hinaus. Nach der Nie­derschlagung dieser Bewegung und der Leveller Bewegung im
allgemeinen schrieb Winstanley sein Buch "The Law of Free­dom", um
die Lehren aus dieser Nieder­lage zu ziehen. Aber es war schon eine Ironie der
Geschichte, daß wäh­rend diese Arbeit den Höhepunkt der kom­munistischen
Theorie der damaligen Zeit zum Ausdruck brachte, sie niemand an­derem als
Oliver Cromwell gewidmet war, der erst drei Jahre zuvor 1649 den Auf­stand der
Le­veller hatte gewaltsam nieder­schlagen lassen, um das bürgerli­che Ei­gentum
und den bür­gerlichen Be­sitz zu schützen. Da er keine homogene Kraft sah, die
die Revolution von unten bringen könnte, flüchtete sich Winstan­ley in die
vergebliche Hoffnung auf eine Re­volution von oben 

Babeuf
und die Republik der Gleichen

Ein sehr ähnliches Phänomen tauchte in der
Französischen Revolution auf: in der abstei­genden Phase der Bewegung tauchte
ein ex­trem linker Flügel auf, der seine Unzufrie­denheit mit den rein poli­tischen
Freiheiten äußerte, die in der neuen Ver­fassung zu Pa­pier gebracht waren, da
sie vor allem die Freiheit des Kapitals begün­stigten, um die eigen­tumslose
Mehrheit auszubeuten. Die Strömung um Babeuf spiegelte die Be­mühungen des
entstehen­den städtischen Proletariats, das so viele Opfer für die Re­volution
der Bourgeoisie gebracht hatte, wi­der, für seine eigenen Klassen­interessen
ein­zutreten, und somit stieß sie unaufhaltsam auf die Forderung nach dem
Kommunismus. Im "Manifest der Gleichen" wurde die Per­spektive einer
neuen und endgültigen Revo­lution auf­geworfen: "Die Französische Re­volution ist nur der Vorläufer einer anderen Re­volution,
die weitaus größer, weitaus schwererwiegend und die letzte sein wird..."

Auf theoretischer Ebene waren die Glei­chen ein
reiferer Ausdruck der kommu­nistischen Impulse als die Wahren Le­vellers anderthalb
Jahrhun­derte zuvor. Nicht nur gab es bei ih­nen fast keine Über­reste der
alten religiösen Terminologie, sondern sie bewegten sich auch auf eine
marxistische Auffassung der Geschichte hin 
als der Geschichte von Klas­senkämpfen. Vielleicht noch wichtiger: sie
erkannten die Unvermeid­barkeit des gewalt­samen Aufstands ge­gen die Macht der
herr­schenden Klasse. Die "Verschwörung" der Gleichen 1796 war die
Konkretisierung die­ses Ver­ständnisses. Sich auf die Erfahrungen der direkten
De­mokratie stützend, die sie in ihren Pariser Sektionen und in der
"Kommune" von 1793 gemacht hatten, spra­chen sie auch von einem re­volutionären
Staat, der über den kon­ventionellen Parla­mentarismus hinaus­ging, indem sie
für das Prinzip der Ab­wählbarkeit ihrer gewählten Repräsen­tanten eintraten.
Aber die Unreife der materiellen Bedin­gungen
konnte wiederum nur dazu füh­ren, daß sie auch in der politischen Un­reife der
"Partei" Babeufs zum Ausdruck kamen. Da das Proletariat von Paris
noch nicht deutlich als eine eigenstän­dige Kraft unter den "sans
culottes", den armen Stadtbe­wohnern im all­gemeinen, hervorgetreten war,
war die Strömung um Babeuf selber unklar über das revo­lutionäre Subjekt: Das
"Manifest der Gleichen" war nicht an das Proletariat ge­richtet,
sondern an das "Volk Frankreichs". Weil ihnen eine klare Auf­fassung
vom re­volutionären Subjekt fehlte, richteten sich die Vorstellungen der Strö­mung
um Babeuf vom Aufstand und der revolutionären Diktatur haupt­sächlich an eine
Elite. Einige we­nige Auserwählte würden die Macht im Na­men der formlo­sen
Masse ergreifen, und sie würden dann an dieser Macht fest­halten bis diese Mas­sen
wirklich dazu in der Lage wä­ren, sel­ber zu regieren (solche Art Ansichten
sollten in der Ar­beiterbewegung noch ei­nige Jahrzehnte lang nach der Französi­schen
Re­volution bestehen bleiben, vor allem in der Ten­denz Blanquis, die ur­sprünglich
aus der Strömung Babeufs ab­stammte, und ins­besondere durch die Per­son
Buonarroti ver­körpert wurde).
Aber die Unreife der Strömung Babeufs kam nicht
nur in den Mitteln zum Aus­druck, für die sie eintrat (die ohnehin zu einem kom­pletten
Fiasko in dem Putsch von 1796 führ­ten), sondern auch in den unentwickelten
Auffassungen von der kommunistischen Ge­sellschaft. In den "Ökonomisch
philosophi­schen Ma­nuskripten" ging Marx heftig mit den Er­ben Babeufs
ins Gericht. "Der rohe Kom­munist
ist nur die Vollendung dieses Nei­des und dieser Nivellierung von dem vor­gestellten
Minimum aus. Er hat ein be­stimmtes begrenztes Maß. Wie wenig diese Aufhebung
des Privateigentums eine wirkli­che Aneignung ist, beweist eben die ab­strakte
Negation der ganzen Welt der Bil­dung und der Zivilisation, die Rückkehr zur
unnatürlichen Einfach­heit des armen und be­dürfnislosen Men­schen, der nicht
über das Privateigentum hinaus, sondern noch nicht einmal bei demselben
angelangt ist" (Ökonomisch-philosophische Manu­skripte, 1844, Ab­schnitt:
Privateigentum und Kommunis­mus", S. 112 Marx-Engels Gesamtaus­gabe).

Marx ging sogar soweit zu sagen, daß die­ser
"rohe Kommunismus" in Wirk­lichkeit nur eine Fortsetzung des Kapi­talismus
be­deuten würde.  Marxens An­griffe gegen
die Erben Babeufs waren insofern gerecht­fertigt, weil deren Auf­fassungen
mittler­weile überholt waren. Dennoch war das Ausgangsproblem ob­jektiv
vorhanden. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts war Frankreich hauptsäch­lich noch
eine Agrar­gesellschaft gewe­sen, und die Kommuni­sten der damali­gen Zeit konn­ten
sich kaum eine Über­flußgesellschaft vor­stellen. Des­halb konnte ihr Kommunismus
nur "asketisch, jedem Vergnügen des Lebens abgeneigt, spartanisch"
sein (Engels, Die Umwälzung des Sozialismus von der Uto­pie zur Wissenschaft).
Es war wie­derum eine weitere Ironie der Ge­schichte, daß die großen
Entbehrungen der industriellen Re­volution erforderlich waren, damit die aus­gebeuteten
Klassen aufwachten und sich über die Möglich­keit einer Gesellschaft bewußt
wurden, in der die Sinnesfreuden die sparta­nische Selbstleugnung ersetzen
würden 

Die
Erfinder der Utopie

Der Rückzug der großen revolutionären Welle Ende
des Jahrzehnts 1790 und die Un­fähigkeit des Proletariats, schon als eine un­abhängige
politische Kraft aufzu­treten, be­deuteten aber nicht, daß der Virus des Kommunismus
ausgelöscht worden wäre. Er nahm im Gegenteil eine neue Gestalt an - die der
utopischen Sozialisten. Die Uto­pisten - Saint-Si­mon, Fourier, Owen und andere
- wa­ren viel weniger aufständisch, viel weni­ger mit dem revolutionären Kampf
der Mas­sen verbunden als die An­hänger Ba­beufs. Auf den ersten Blick mochte
man ihre Auf­fassungen als einen Schritt rückwärts einschätzen. Sie waren in
der Tat das charakteristi­sche Ergebnis ei­nes Zeitraums der Reaktion und
stellten eine Flucht dar weg von der Welt des politi­schen Kampfes. Aber Marx
und En­gels äußerten immer ihre Anerken­nung ge­genüber den Utopisten und
meinten, daß sie bedeutende Schritte vorwärts im Ver­gleich zu dem "rohen
Kommunis­mus" der Gleichen gemacht hatten, vor allem bei ih­rer Kritik an
der kapitalisti­schen Zivilisa­tion und ihren Vorstellun­gen von einer mög­lichen
kommunisti­schen Alternative:

"Die
sozialistischen und kommunisti­schen Schriften bestehen aber auch aus kriti­schen
Elementen. Sie greifen alle Grundla­gen der bestehenden Gesell­schaft an. Sie
haben da­her höchst wert­volles Material zur Aufklä­rung der Ar­beiter
geliefert. Ihre positiven Sätze über die zukünftige Gesell­schaft, z.B. Aufhe­bung
des Gegensatzes zwischen Stadt und Land, der Familie, des Privater­werbs, der
Lohnarbeit, die Verkündi­gung der ge­sellschaftlichen Harmonie, die Verwandlung
des Staates in eine bloße Verwaltung der Produktion - all diese ihre Sätze drücken
bloß das Weg­fallen des Klassengegensatzes aus, der eben erst sich zu
entwickeln be­ginnt, den sie nur noch in seiner ersten ge­staltlosen
Unbestimmtheit kennen".
(aus "Manifest
der Kommunistischen Partei", MEW Bd 4, S. 490, Teil über "Der
kritisch-utopi­sche Sozialismus und Kommunismus")
In "Die Umwälzung des Sozialismus von der
Utopie zur Wissenschaft" erörtert En­gels detailliert die Beiträge der ein­zelnen
Utopi­sten: Saint-Simon wird da­für hervor­gehoben, daß er die Französi­sche
Revolu­tion als einen Klassenkrieg erkannt hatte, und daß er vor­hergesehen
habe, daß die Politik vollständig durch die Wirtschaft aufgesaugt werden würde,
und damit spä­ter auch einmal der Staat. Fourier wird als ein brillanter
Kritiker und Satiriker der bürgerlichen Heuche­lei, der Armut und der Entfremdung
gelobt, und daß er die dialektische Me­thode meisterhaft ange­wendet habe bei
der Entdeckung der Hauptstufen der ge­schichtlichen Entwick­lung. Man kann hinzufügen,
daß mit Fou­rier insbeson­dere ein endgültiger Bruch auftrat ge­genüber dem
asketischen Kom­munismus oder dem der Gleichen, was vor allem zu sehen ist bei
seiner Sorge, ent­fremdete Ar­beit durch schöpferische, Ver­gnügen berei­tende
Aktivität zu ersetzen. Engels kurze Biographie Robert Owens kon­zentriert sich
auf seine eher praktische angelsächsische Suche nach einer Alter­native
gegenüber der kapitalistischen Aus­beutung, sei es in den "idealen"
Baum­wollwebereien in New La­nark oder in sei­nen verschiedenen Experi­menten
mit Ko­operativen und gemeinschaftli­chem Leben. Aber Engels erkannte auch
Owens Mut an bei dessen Bruch mit sei­ner eigenen Klasse und seinem Einsatz für
das Proletariat. Seine späteren Ver­suche, eine große Ge­werkschaft für alle
Arbeiter Eng­lands auf­zubauen, stellten einen Schritt über die wohltätige Men­schenliebe
hinaus dar, um sich aktiv an den ersten Bestrebungen der Arbeiter­klasse an der
Suche ihrer eigenen Klas­senidentität und eigenen Organisation zu beteiligen.

"Aber
letzten Endes traf auch das auf die Utopisten zu, was schon bei den ersten Re­gungen
des proletarischen Kommu­nismus festgestellt worden war: die Un­ausgereiftheit
ihrer Theorien waren das Ergebnis unausge­reifter Bedingungen ka­pitalistischer
Produk­tion, aus der sie her­vorgingen. Unfähig, die gesellschaft­lichen und
wirtschaftlichen Widersprü­che zu se­hen, die letzten Endes zum Zu­sammenbruch
der kapitalistischen Aus­beutung führen würden, konnten sie sich die neue Gesellschaft
nur als ein Ergeb­nis von Planungen und Erfindungen vor­stellen, die sie in
ihren eigenen Köpfen ausgearbeitet hätten. Unfähig, das re­volutionäre Wesen
und Potential der Ar­beiterklasse zu erken­nen, glauben sie, daß sie weit über
jenen Klassengegen­satz er­haben zu sein glauben. Sie wollen die Le­benslage
aller Gesellschaftsmit­glieder, auch der bestge­stellten, verbes­sern. Sie
appellieren daher fortwährend an die ganze Gesellschaft ohne Unter­schied, ja
vorzugsweise an die herr­schende Klasse. Man braucht ihr System ja nur zur
verste­hen, um es als den bestmögli­chen Plan der bestmöglichen Gesellschaft
anzuerkennen. Sie verwer­fen daher alle poli­tische, na­mentlich alle revolutionäre
Aktion, sie wollen ihr Ziel auf friedlichem Weg errei­chen und ver­suchen,
durch kleine, natür­lich fehlge­schlagene Experimente, durch die Macht des
Beispiels dem neuen gesellschaftli­chen Evangelium Bahn zu bre­chen"
(Manifest, S. 490)

Später gingen die Utopisten sogar so­weit, die
"Schlösser in Spanien zu tau­fen", und die Klassenzusammenarbeit und
den Sozialpazi­fismus zu befürwor­ten. Aber was in Anbe­tracht der Unreife der
objekti­ven Bedingun­gen in den er­sten Jahrzehn­ten des 19. Jahr­hunderts
verständlich war, war nicht mehr hinzunehmen, nachdem das "Kommunistische
Manifest" 1847/48 ge­schrieben worden war. Von diesem Zeit­punkt an waren
die Nachfolger der Utopi­sten ein Haupthindernis für die Entwick­lung des
wissenschaftlichen So­zialismus, der von der Fraktion Marx-Engels im Bund der
Kommu­nisten ver­körpert wurde.


[i]

Siehe
unsere Artikel in "International Re­view" Nr. 43 "Antwort an die
Com­munist Workers' Organisation: Zur un­terirdischen  Reifung des Klassenbe­wußtseins". Die
CWO und das Interna­tionale Büro der Revolutio­nären Partei", dem sie
angehört, vertreten weiterhin eine leicht abgeschwächte Version der Theorie
Kautskys vom Klassenbewußts­ein. 

Theorie und Praxis: 

Entwicklung des proletarischen <br>Bewusstseins und der Organisation: 

Theoretische Fragen: