Der Kommunismus - Kein schönes Ideal, sondern eine Notwendigkeit [Serie I - Teil 2]

Wie das Proletariat Marx für den Kommunismus gewonnen hat

"Die 
theoretischen Sätze der Kommu­nisten beruhen keineswegs auf Ideen, auf
Prinzi­pien, die von diesem oder jenem Weltver­besserer erfunden oder entdeckt
sind. Sie sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächli­cher Verhältnisse eines
existie­renden Klas­senkampfes, ei­ner unter un­seren Augen vor sich ge­henden
ge­schichtlichen Bewegung" (Manifest, MEW 4, S. 474).

Bislang haben wir versucht, dem bür­gerlichen
Cliché entgegenzutreten, daß der "Kommunismus eine schöne Idee sei, die
aber nie funktionieren werde", indem wir aufzeigten, daß der Kommu­nismus
keine durch Marx oder irgendei­nen anderen "Weltverbesserer" "erfundene
Idee" sei, sondern das Er­gebnis einer gigantischen hi­storischen
Bewegung, die bis in die er­sten men­schlichen Gesellschaften zurückzuverfol­gen
ist. Und vor allem, daß die Forde­rung nach einer klassenlosen Gesell­schaft,
ohne Staat und ohne Privatei­gentum in jeder großen Erhebung der Ar­beiterklasse
von dem Zeitpunkt ihrer Ent­stehung als gesell­schaftliche Klasse erho­ben
worden war.
Es gab eine proletarische Bewegung, be­vor Marx
geboren wurde, und als der junge Stu­dent Marx sich gerade in der Welt der radi­kalen
demokratischen Poli­tik in Deutschland Zugang verschaffte, gab es schon eine
Reihe von kommuni­stischen Gruppen und Tenden­zen, insbe­sondere in Frankreich,
wo die Be­wegung der Arbei­terklasse die größten Schritte zur Entfal­tung einer
kommunisti­schen Weltauffas­sung gemacht hatte. So war Paris in den späten 30er
und frühen 40er Jahren des 19. Jahrhunderts der Treff­punkt solcher Strömungen
wie der von Cabets uto­pischem Kommunismus, der Fortsetzung der Auffassung von
Saint-Simon und Fou­rier, Proudhon und seiner Anhänger, der Vorläu­fer des
Anarchis­mus, die zum da­maligen Zeitpunkt einen Anlauf unternah­men, die
bürgerliche politische Ökonomie vom Stand­punkt der Ausgebeuteten aus zu
kritisieren. Auch gab es die eher zum Auf­stand ge­neigten Blanquisten, die
einen fehlgelei­teten Aufstand 1839 angeführt hatten, und es gab auch die Erben
Babeufs und der "Gleichen" aus der großen französi­schen Revolution.
In Paris gab es auch ein ganzes Milieu von im Exil befindli­chen deutschen Intellektuellen
und Ar­beitern. Die kommunistischen Arbei­ter waren meist in dem Bund der
Gerechten zusammengefaßt, in dem Weitling eine füh­rende Rolle spielte.
Durch die kritische Philosophie trat Marx in die
politische Auseinanderset­zung ein. Wäh­rend seines Universitäts­studiums ge­riet
er nach anfänglichem Zögern, denn er ließ sich nicht leicht be­einflussen, in
den Bann He­gels. Hegel war seinerzeit der an­erkannte "Meister" im
Bereich der deut­schen Philoso­phie, und seine Arbeiten stellten den Höhe­punkt
der bürgerlichen philosophischen An­strengungen dar, denn es handelte sich um
den letzten großen Versuch die­ser Klasse, die ganze Bewe­gung der Menschenge­schichte
und des Bewußts­eins zu begreifen. Dabei wurde versucht, mit der dialektischen
Methode vorzuge­hen.
Sehr schnell jedoch schloß sich Marx den
"Jungen Hegelianern" an (Bruno Bauer, Feuerbach usw.), die angefangen
hatten zu begreifen, daß die Schlußfolge­rungen des "Meisters" nicht
mit seiner Methode in Ein­klang zu bringen, und daß Schlüsselbe­reiche seiner
Methode zutiefst mit Fehlern behaftet waren. Während Hegels dialekti­sche Vorge­hensweise
gegenüber der Ge­schichte auf­zeigte, daß alle Stadien der Ge­schichte nur
vorübergehende Stufen wa­ren, und das was in einer Zeit "rational"
war, in einer anderen vollkommen "irrational" war, gelangte Hegel zu
der Auffassung, daß der bestehende preußi­sche Staat die Verkörperung der Ver­nunft
und damit das "Ende der Ge­schichte" sei. Auch war es den jun­gen
Hegelianern - und die Arbeit Feuer­bachs war hier von großer Bedeutung - klar,
nachdem sie die Theolo­gie und den nicht auf Vernunft ge­bauten Glauben mit
ihrer philosophischen Schärfe untergra­ben hatten, daß Hegel Gott und die
Theologie unter dem Schleier der abso­luten Idee wieder eingeführt hatte. Das
Ziel der jungen Hegelianer bestand vor allem darin, Hegels dialektische Me­thode
zu ihren logischen Schlußfolge­rungen zu treiben und zu einer durch­greifenden
Kri­tik der Theolo­gie und der Religion zu ge­langen. Deshalb traf für Marx und
die jun­gen Hegelianer das sprichwörtlich zu: "Die Kritik der Reli­gion ist die Voraussetzung aller Kritik"
(Zur Kri­tik der Hegelschen Rechtsphilo­sophie, MEW 7, S. 378)
Aber die jungen Hegelianer lebten in ei­nem
halb-feudalen Staat, in dem die Kritik an der Religion durch die staatli­che
Zensur verbo­ten worden war: des­halb drängte die Kritik der Religion schnell
zu einer Kritik der Poli­tik vor. Nachdem er nach der Ent­lassung Bauers alle
Hoffnung aufgegeben hatte, eine Stelle als Lehrer an der Univer­sität zu er­halten,
wandte sich Marx dem politi­schen Journalismus zu, und er begann schnell, seine
Angriffe gegen die jäm­merliche Dummheit der Junker und de­ren herrschen­dem
politischem System in Deutschland zu entwickeln. Er spürte schnell republikani­sche
und demokrati­sche Sympathien, wie sich aus den ersten Arti­keln der
"Deutschen Jahrbücher" und der "Rheinischen Zeitung"
ersehen läßt. Aber sie wurden alle noch in einem Rahmen der radikalen
bürgerlichen Op­position gegen den Feudalismus entfaltet und befaßten sich
stark mit den Fragen der "politischen Freiheit", wie auch mit der
Pressefreiheit und dem allgemeinen Wahl­recht. Marx verwarf ausdrücklich die
Versu­che Moses Hess, der schon einen offen kommunisti­schen Standpunkt
entwickelt hatte, ob­gleich mit sehr sen­timentaler Fär­bung, kommunistische
Ideen in die "Rheinische Zeitung" einzu­schmuggeln. In einer Ant­wort
gegenüber einer Kritik von der "Augsburger All­gemeine Zeitung", der­zufolge
Marxens Zeitung sich dem Kommu­nismus ver­schrieben habe, schrieb Marx: "Die Rheinische Zeitung, die den kommunisti­schen
Ideen in ihrer jetzigen Ge­stalt nicht einmal theoretische Wirklich­keit
zugestehen, also noch weniger ihre prakti­sche Verwirklichung wünschen oder
auch nur für möglich halten kann, wird diese Ideen einer gründlichen Kritik un­terwerfen"
(Der Kommunismus und die Augsburger Zeitung, MEW 1, S. 108)

Später schrieb er in einem nahezu pro­grammatischen
Brief an Arnold Ruge (Sept. 1843), daß der Kommunismus des Cabet, Weitling usw.
eine "dogmatische Abstrak­tion" gewesen sei.
Diese Zögerungen gegenüber dem Ein­treten für
kommunistische Positionen äh­nelten den ersten Zögerungen von Marx  gegenüber Hegel. Er wurde wirk­lich vom
Kommunis­mus überzeugt, aber er wollte keine ober­flächliche Zustim­mung geben,
und er war sich der Schwä­chen der "gegenwärtig beste­henden"
kommunisti­schen Tendenzen wohl be­wußt. In dem gleichen Artikel, in dem er die
kommuni­stischen Ideen verwarf, meinte er, "daß aber Schriften, wie die von Leroux, Consi­dérant und vor allem das
scharfsinnige Werk Proudhons, nicht durch oberflächli­che Einfälle des Au­genblicks,
sondern nur nach lang an­haltenden und tief eingehen­dem Stu­dium kritisiert
werden können..." (ebenda, S. 108).

Und in dem oben zitierten Brief an Ruge
unterstrich er, daß seine wahren Ein­wände gegen den Kommunismus Weit­lings und
Ca­bets nicht darin bestanden, daß dieser kom­munistisch, sondern dogmatisch
gewe­sen sei, d.h. daß dieser sie nur als eine schöne Idee oder als einen
moralischen Imperativ auf­faßte, die den leidenden Mas­sen von einem Erlöser,
von Heiland ge­bracht werden müs­sen. Marx umriß dage­gen seine eigene Vor­gehensweise:
"Es hindert uns also nichts, unsere
Kri­tik an die Kritik der Politik, an die Par­teinahme in der Politik, also an
wirkli­che Kämpfe anzuknüpfen und mit ihnen zu iden­tifizieren. Wir treten dann
nicht der Welt doktrinär mit einem neuen Prinzip entge­gen: hier ist die
Wahrheit, hier kniee nie­der! Wir entwickeln der Welt aus den Prin­zipien der
Welt neue Prinzipien. Wir sagen ihr nicht: laß ab von deinem Kämpfen, sie sind
dum­mes Zeug; wir wollen  die wahre
Parole des Kampfes zuschreien. Wir zeigen ihr nur, warum sie eigentlich kämpft,
und das Be­wußtsein ist eine Sache, die sie sich aneignen muß, wenn sie auch
nicht will" (Brief von K. Marx an A. Ruge, Sept. 1843, in Marx-En­gels Gesamtausgabe,
S. 574).

Nachdem er mit den Verschleierungen He­gels
gebrochen hatte, die von einem "schwebenden Selbstbewußtsein" aus­gingen,
das außerhalb der wirklichen Welt der Men­schen stünde, wollte er nicht die
gleichen theoretischen Fehler im Bereich der Politik machen. Das Be­wußtsein be­stand
nicht vor der histori­schen Bewegung, es könnte nur die Be­wußtwerdung der
wirklichen Bewe­gung selber sein.

Das
Proletariat als eine kommunistische Klasse

Obgleich in diesem Brief nicht aus­drücklich  das Proletariat erwähnt und der Kommunis­mus
nicht endgültig be­fürwortet wird, geht aus diesem Datum hervor, daß Marx sich
damals in diesem Prozeß be­fand. Die in der Zeit von 1842-43 zu so­zialen
Fragen geschriebe­nen Artikel - das preußische Holzdieb­stahlsgesetz und die
Lage der Win­zer an der Mosel - zeigten, daß Marx die grundlegende Bedeutung
von wirtschaft­lichen und Klassenfaktoren bei politi­schen Fragen erkannt
hatte. Engels schrieb später, daß Marx immer gemeint habe, daß er von der
reinen Politik zu den ökonomischen Be­ziehungen und so zum Sozialismus durch
das Holzdieb­stahlsgesetz und die Lage der Weinbau­ern an der Mosel gelangt
sei.
Und Marxs Artikel zur Judenfrage, der auch Ende
1843 verfaßt wurde, ist - ab­gesehen vom Titel - durchdrungen vom Kommunis­mus,
da er von einer Befrei­ung spricht, die über den rein politischen Be­reich
hinausgeht und die Befreiung der Gesellschaft vom Kauf und Verkauf her­vorhebt,
vom Egoismus der konkur­rierenden Individuen und dem Privatei­gentum.
Aber man sollte nicht meinen, daß Marx auf diese
Gedanken einfach aufgrund sei­ner ei­genen Fähigkeit des Studierens und des
Nachdenkens stieß, auch wenn diese noch so groß waren. Er war kein isoliertes
Genie, das die Welt von "Oben" betrach­tete, son­dern er befand sich
ständig in Diskussionen mit seinen Zeitgenossen. In dem Prozeß sei­ner
"Bekehrung" zum Kommunismus er­kannte er das Verdienst der
zeitgenössi­schen Schriften von Weit­ling, Proudhon, Hess und Engels an. Und
mit den beiden Letztge­nannten war er in intensive di­rekte Gesprä­che
eingetreten, als diese schon Kommuni­sten waren, er jedoch noch nicht. Engels
be­saß vor allem den Vorteil, daß er den fortge­schritteneren Kapitalismus in
England aus erster Hand gesehen hatte, und daß dieser eine Theo­rie der
kapitalistischen Entwick­lung und Krise entwickelt hatte, die für die Aus­arbeitung
einer wissenschaftlichen Kritik der politi­schen Ökonomie unerläßlich und
wesent­lich sein sollte. Engels hatte auch die Chartisten-Bewegung in Eng­land
aus eige­ner Anschauung kennenge­lernt, die ja keine kleine politische Gruppe
mehr war, sondern eine wirkli­che Massenbewegung, und somit ein klarer Beweis
für die Fähig­keit des Pro­letariats, als eigenständige po­litische Kraft in
der Gesellschaft aufzutre­ten. Vielleicht war aber der direkte Kon­takt mit den
Gruppen kommunistischer Ar­beiter in Paris am wich­tigsten dafür, daß Marx vom
Kommunismus überzeugt wurde. Die Treffen dieser Grup­pen hat­ten auf ihn einen
großen Eindruck ge­macht: "Wenn die
kommunistischen Hand­werker sich vereinen, so gilt ihnen zunächst die Lehre, Propaganda
etc. als Zweck. Aber zugleich eignen sie sich da­durch ein neues Bedürfnis, das
Bedürfnis der Gesellschaft an, und was als Mittel erscheint, ist zum Zweck
geworden, diese praktische Bewe­gung kann man in ihren glänzendsten Re­sultaten
an­schauen, wenn man sozialisti­sche fran­zösische Ouvriers (Arbeiter) ver­einigt
sieht. Rauchen, Trinken, Essen etc. sind nicht mehr da als Mittel der Verbin­dung
oder als verbindende Mittel. Die Gesell­schaft, der Verein, die Unterhaltung,
die wieder die Ge­sellschaft zum Zweck hat, reicht ihnen hin, die
Brüderlichkeit der Menschen ist keine Phrase, 
sondern Wahrheit bei ihnen und der Adel der Menschheit leuchtet uns aus
den von der Arbeit verhärteten Gestalten entge­gen" (Ökonomisch
philosophische Manu­skripte, aus Abschnitt: Bedürfnis, Pro­duktion und
Arbeitsteilung, Marx-Engels Gesamtaus­gabe, S. 135).
 
Wir wollen Marx hier eine gewisse Über­treibung
nicht übelnehmen. Kom­munistische Vereinigungen, Arbeiteror­ganisationen sind
nie ein Ziel als sol­ches. Das wirkliche Ziel liegt woanders; nämlich in der
Beteiligung an der auf­kommenden proletarischen Bewe­gung. Marx erkannte auch,
daß der Kommu­nismus, die wirkli­che und konkrete Brü­derschaft der Men­schen,
nicht nur eine schönklingende Phrase sein könne, son­dern ein praktisches
Projekt war. 1844 bezeich­nete sich Marx zum ersten Mal in Paris aus­drücklich
als Kommunisten.
Was vor allem Marx ermöglichte, seine Zö­gerungen
gegenüber dem Kommu­nismus zu überwinden, war die Erkennt­nis, daß es eine
Kraft in der Gesellschaft gab, die ein materi­elles Interesse am Kommunismus
hatte. Da der Kommu­nismus keine dogmatische "Abstraktion" mehr war,
eine bloße "schöne Idee", würde die Rolle der Kommunisten nicht darin
bestehen, über die Übel des Kapi­talismus und den Nutzen des Kommu­nismus zu
"predigen". Diese Überzeu­gung führte dazu, sich mit den Kämpfen der
Arbeiter­klasse zu identifizieren, auf­zuzeigen, warum das Proletariat kämpfe
und "wie es sich der Endziele seines Kampfes bewußt werden kann". Mar­xens
Überzeugung und seine Anhänger­schaft gegenüber dem Kommunis­mus war auch eine
Anhängerschaft für die Sache der Ar­beiterklasse, weil die Ar­beiterklasse die
Klasse war, die die Er­richtung des Kom­munismus zur Aufgabe hat. Die
klassische Darstellung dieser Position wird in dem Schlußabsatz der
"Kritik der Hegelschen Rechtsphiloso­phie" geliefert. Obgleich die­ser
Artikel versuchte, sich mit der Frage auseinan­derzusetzen, welche ge­sellschaftliche
Kraft die Befreiung Deutsch­lands aus seinen feudalen Fesseln herbeifüh­ren
könnte, lieferten die Aussa­gen mehr eine Antwort auf die Frage, wie sich die
Mensch­heit vom Kapitalismus be­freien könnte:

"Die
positive Möglichkeit der deutschen Emanzipation... lag in der Bildung einer
Klasse mit radikalen Ketten, einer Klasse der bürgerlichen Gesellschaft, welche
keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft ist, ei­nes Standes, welcher die
Auflösung aller Stände ist, einer Sphäre, welche einen uni­versellen Cha­rakter
durch ihre universellen Leiden be­sitzt und kein beson­deres Recht in An­spruch
nimmt, weil kein besonderes Un­recht, sondern das Unrecht schlechthin an ihr
verübt wird, welche nicht mehr auf einen historischen, sondern nur noch auf den
men­schlichen Titel pro­vozieren kann, ....einer Sphäre endlich, welche sich
nicht emanzipie­ren kann, ohne sich von allen übrigen Sphä­ren der Gesell­schaft
und damit alle übrigen Sphären der Gesellschaft zu emanzipieren, welche mit
einem Wort der völlige Verlust des Men­schen ist, also nur durch die völlige
Wie­dergewinnung des Menschen in sich selbst gewinnen kann. Diese Auflösung der
Ge­sellschaft als ein besonderer Stand ist das Proletariat" (Zur Kritik
der Hegelschen Rechtsphilosophie", MEW 7, S. 390).

Ungeachtet der Tatsache, daß die Ar­beiterklasse
in Deutschland erst im Ent­stehen begriffen war, hatten Marxens er­ste Kon­takte
mit der mehr entwickelten Arbeiterbe­wegung in Frankreich und England ihn schon
vom revolutionären Potential des Pro­letariats überzeugt wer­den lassen. Hier
gab es eine Klasse, die all die Leiden der Gesell­schaft in sich bündelte. Hier
glich seine Lage der frü­her ausge­beuteten Klassen, obgleich sein
"Verlust der Menschlichkeit" auf eine noch höhere Stufe getrieben
worden war. Aber in vielen anderen Hinsichten hob es sich von den anderen, früheren
ausgebeute­ten Klassen ab. Und dies wurde umso deutli­cher, als die Ent­wicklung
der modernen In­dustrie ein modernes Industrieproletariat hervorge­bracht
hatte. Im Vergleich zu den frühe­ren ausgebeuteten Klassen wie den Bau­ern
unter dem Feudalismus, war die Ar­beiterklasse zunächst und vor allem eine
Klasse von gemeinschaftlich, assoziiert ar­beitenden Menschen. Dies bedeutete
von Anfang an, daß sie ihre unmittelba­ren Inter­essen auch nur gemeinschaft­lich,
as­soziiert verteidigen konnte, in­dem sie ihre Kräfte ge­gen all die Spal­tungen
bündelte, die die Feindesklasse gegen sie einsetzte. Aber dies hieß auch, daß
die Endlösung für die Über­windung ihrer Lage als ausge­beutete Klasse nur in
der Schaffung einer wirklichen men­schlichen Gemeinschaft be­stehen würde, d.h.
einer Gesellschaft, die auf freier Zusam­menarbeit anstatt auf Konkurrenz und
Herr­schaft beruht. Und weil diese Assoziierung auf einem gewalti­gen Fort­schritt
der Pro­duktivität der Ar­beit, die die kapitalistische Industrie er­möglicht
hatte, ruhte, würde sie nicht in frühere Formen und unter den Druck der Man­gelwirtschaft
zurückverfallen, sondern die Grundlage liefern für die Befriedi­gung der
menschlichen Bedürfnisse im Über­fluß. So beinhaltete das moderne Proleta­riat
aufgrund seines Wesens die Auf­lösung der alten Gesellschaft, die Abschaf­fung
des Privateigentums und die Befreiung der ganzen Menschheit: "Wenn das Proleta­riat die Auflösung
der bürgerlichen Weltord­nung verkündet, so spricht es nur das Ge­heimnis
seines ei­genen Denkens aus, denn es ist die fakti­sche Auflösung dieser
Weltord­nung. Wenn das Proletariat die Negation des Privateigentums verlangt,
so erhebt es nur zum Prinzip der Gesellschaft, was die Ge­sellschaft zu seinem
Prinzip erho­ben hat, was in ihm als negatives Re­sultat der Gesell­schaft
schon ohne sein Zutun verkörpert ist" (Zur Kritik der He­gelschen
Rechtsphiloso­phie, MEW 7, S. 391).

Deshalb vermochte Marx in der "Deutschen
Ideologie", die einige Jahre später verfaßt wurde, den Kommunismus
folgendermaßen zu definieren. Der Kom­munismus war nichts anderes als die wirk­liche
Bewegung des Proletariats, das auf­grund seines ihm ureige­nen Wesens, auf­grund
seiner praktischen materiellen Inter­essen dazu geführt wurde, die ge­meinsame
Aneignung allen gesellschaft­lichen Reich­tums zu fordern.
Gegenüber diesen Argumenten reagier­ten die
Kleinbürger der damaligen Zeit genau wie die von heute: "Wieviele Ar­beiter kennt ihr, die eine
kommunistische Revolu­tion wollen? Die große Mehrheit von ihnen scheint sich
ihrem Schicksal im Kapitalis­mus zu erge­ben
". Aber Marx antwortete
schon damals in der "Heiligen Familie" (1844): "Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier
oder selbst das ganze Prole­tariat als Ziel sich einst­weilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun
gezwungen sein wird"
(MEW 2, S. 38).
Hier warnte er erneut gegen eine rein empi­rische
Betrachtungsweise der Ar­beiterklasse, wenn man sich nur auf einen Arbeiter be­schränkt
oder auf das Bewußt­sein einer großen Mehrzahl von Arbeitern zu einem gegebenen
Zeit­punkt. Das Pro­letariat und sein Kampf müssen nämlich vielmehr auf ei­nem
Hintergrund und in ei­nem Zusammen­hang gesehen werden, der den ganzen Be­reich
seiner eigenen Ge­schichte um­faßt - auch den seiner revolu­tionären Zukunft.
Ge­rade weil er dazu in der Lage war, das Pro­letariat in seinem ge­schichtlichem
Rahmen zu sehen, konnte er zu der Erkenntnis kom­men, daß eine Klasse, die bis
dato nur eine Minderheit der Gesellschaft gewesen war, und die die Herrschaft
der Bürgerlichen nur im be­schränkten Rahmen herausgefordert hatte, eines Tages
die  Kraft werden werde, die die ganze
kapitalistische Welt bis in ihre Grundfeste erschüttern würde.

 "Die
Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an,
sie zu verändern"

Im gleichen Artikel, in dem Marx das revo­lutionäre
Wesen der Arbeiterklasse analy­siert hatte, war er auch so kühn ge­wesen zu
behaupten, daß "die Philo­sophie ihre materi­elle Waffen im Prole­tariat"
fin­det. Aus Mar­xens Sicht hatte Hegel den höchsten Punkt in der ge­schichtlichen
Entwicklung nicht nur der bürgerlichen Philosophie, sondern auch aller Philoso­phie
seit ihrem Anfang im alten Griechen­land erreicht. Aber nach­dem der Gipfel
erklommen war, erfolgte der Abstieg sehr schnell. Zunächst trat Feuerbach, der
Ma­terialist und Humanist, auf, um Hegels ab­solute Idee als den letzten
Ausdruck und Er­scheinung Got­tes bloßzulegen; und nachdem Gott als die
Projektion der unter­drückten Kräfte und Macht der Menschen aufgezeigt wurde,
sollte der Kult der Men­schen an des­sen Stelle gesetzt werden. Das war schon
ein Vorläufer für das aufzie­hende Ende der Philosophie als Philoso­phie.
Alles, was Marx als Vorkämpfer des Proletariats zu tun hatte, war den Gna­denstoß
zu versetzen. Der Ka­pitalismus hatte seine wirkliche Herrschaft über die
Gesellschaft errichtet; die Philoso­phie hatte nichts mehr zu sagen, denn die
Ar­beiterklasse konnte nun ein verwirk­lichbares Projekt (obgleich in mehr oder
we­niger roher, ungeschliffener Form) für die praktische Befreiung der
Menschheit aus diesen Verhältnissen aufzeigen. Von da an war es ganz richtig
das zu behaup­ten, was Marx meinte, daß nämlich die Philosophie und die Unter­suchung
der wirklichen Welt das gleiche Verhältnis zu­einander hätten wie die
Masturbation und die geschlechtliche Liebe. Die nachfol­gende Ungültigkeit, ja
der Bankrott nahezu aller bürgerlichen "Philosophie" nach Feu­erbach
beweist dies

[1]

.
Die Philosophen hatten verschiedene Inter­pretationen
der Welt geliefert. Im Bereich der "Naturphilosophie", der
Untersuchung der physikalischen Welt, mußten sie schon ihren Platz abtreten an
die Wissenschaftler der Bourgeoisie. Und nun, nach dem Er­scheinen des
Proletariats, mußten sie mit ih­rer Auto­rität in all den Bereichen wei­chen,
die sich auf die menschliche Welt bezogen. Nachdem sie ihre materiellen Waf­fen
im Pro­letariat gefunden hatte, wurde die Philoso­phie als ein eigenständiger
Be­reich aufgelöst. Praktisch gesehen be­deutete dies für Marx einen Bruch mit
Bruno Bauer und Feuer­bach. Hinsicht­lich Bauer und seiner Anhän­ger, die sich
in einen wahren Elfenbeinturm der Selbstbe­trachtung zurückgezogen hatten, und
die unter dem grandiosen Begriff "Kritische Kritik" bekannt wurde,
war Marx sehr sarkastisch. Dies war sicher die Philo­sophie als Mißbrauch an
sich selbst. Gegen­über Feuerbach zeigte Marx einen viel grö­ßeren Respekt, und
er vergaß nie den Bei­trag, den dieser geleistet hatte, um "Hegel auf die
Füße zu stellen". Die grundsätzliche Kritik an Feuerbachs Hu­manismus war,
daß der "Mensch" als ein abstraktes, unverän­dertes Wesen darge­stellt
wurde, das von der Gesellschaft und der historischen Entwick­lung losgelöst ge­sehen
wurde. Aus diesem Grund konnte der Feuer­bachsche Humanis­mus der men­schlichen
Einheit nicht mehr als eine neue Reli­gion vorschlagen. Aber wie Marx her­vorhob,
konnte die Menschheit sich nicht wirklich "vereinigen", solange die
Klas­senspaltungen noch nicht ihren Hö­hepunkt erreicht hatten, und all das,
was die ehrli­chen Philosophen von nun an tun konn­ten, war sich entschlossen
auf die Seite des Proletariats zu stellen.
Aber der ganze Satz lautet: "Wie die Philo­sophie im Proletariat ihre
materi­ellen, so findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen
Waffen".... ("Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphi­losophie", MEW
1, S. 391)

Die wirkliche Abschaffung der Philoso­phie durch
die proletarische Bewegung bedeu­tete nicht, daß diese Bewegung das geistige Le­ben
"abgeschafft" hätte. Im Gegenteil! Das beste der 'Philosophie' war
integriert worden - und damit auch das angehäufte "Wissen" der
Bourgeoisie und der vorher­gehenden gesellschaftli­chen Formationen - und sie
hatte die Aufgabe der Umwand­lung dessel­ben in eine wissenschaftliche Kritik
der beste­henden Verhältnisse in An­griff genom­men. Marx trat der Arbeiter­bewegung
nicht mit leeren Händen bei. Insbeson­dere brachte er die am meisten fortge­schrittenen
Metho­den und Schlußfolge­rungen, die von der deutschen Philoso­phie formuliert
worden waren, mit sich. Und mit Engels die Entdec­kungen der hellsten,
aufgeklärtesten politi­schen Ökonomen: in beiden Bereichen stell­ten sie den
geistigen Höhepunkt einer Klasse dar, die nicht nur einen fortschrittlichen Cha­rakter
hatte, sondern erst in ihre hel­denhafte revolutionäre Phase eingetreten war.
Der Beitritt von Leuten wie Marx und Engels zur Arbeiterbewegung stellte einen
qualitativen Schritt beim Selbstklä­rungsprozeß dieser Bewegung dar; ein
Schritt von den intuitiven, spekulativen, halb-gebildeten theoretischen
Ausarbei­tungen hin zu der Stufe der wissen­schaftlichen Un­tersuchungen und
des Be­greifens. Auf orga­nisatorischer Ebene wurde dies auch vollzo­gen durch
die Um­wandlungen eines sekten­haften, halbver­schwörerischen Bundes der Ge­rechten
in den Kommunistenbund, der das "Kommunistische Manifest" Ende 1847
als sein Programm übernahm. 
Aber wir wollen nochmal darauf beste­hen: dies
bedeutete nicht, daß das Klas­senbewußtsein in das Proletariat von ir­gendeiner
höheren Ebene eingeimpft wurde. Auf dem Hintergrund des oben Geschriebe­nen
kann man deutlicher se­hen, daß die Auf­fassungen Kautskys, derzu­folge sozialisti­sches
Bewußtsein von bür­gerlichen Intellek­tuellen in die Arbeiter­klasse hereingebracht
würde, tatsächlich eine Fortsetzung der utopi­schen Fehler sind, die von Marx
in den "Thesen über Feuerbach" kritisiert wur­den: "Die mate­rialistische Lehre, daß die
Men­schen Pro­dukte der Umstände und der Er­ziehung, veränderte Menschen also
Produkte ande­rer Umstände und geänderter Erziehung sind, vergißt, daß die
Umstände eben von den Menschen verändert werden und daß der Erzieher selbst
erzogen werden muß. Sie kommt daher mit Notwendigkeit dahin, die Ge­sellschaft
in zwei Teile zu sondern, von denen der eine über der Gesellschaft er­haben ist
(z.B. bei Robert Owen). Das Zu­sammenfallen des Änderns der Um­stände und der
menschlichen Tätigkeit kann nur als umwälzende
Praxis
gefaßt und rationell ver­standen werden".
(Marx, Thesen
über Feu­erbach, 3. These, MEW 3,
S.5)
Mit anderen Worten: die Auffassungen Kautskys -
die Lenin zunächst in "Was tun?" aufgriff, um sie später wieder zu
verwerfen (2) - stützt sich auf einen rohen Materialis­mus, der die Arbeiter­klasse
als ewig von den Ausbeutungsbe­dingungen bestimmt sieht, und nicht dazu in der
Lage ist, sich ihrer wirkli­chen Lage bewußt zu werden. Um aus diesem
geschlossenen Kreis auszubre­chen, wird der vulgäre Materialismus zum ver­rücktesten
Idealis­mus und be­hauptet, daß es ein "sozialistisches Be­wußtsein"
gebe, das aus unerklärten, mysteriösen Gründen ... von der Bour­geoisie
erfunden wird. Diese Vorge­hensweise stellt genau die Vorgehens­weise auf den
Kopf, wie Marx das Pro­blem gestellt hatte. So schrieb er in der
"Deutschen Ideologie":

"Schließlich
erhalten wir noch folgende Re­sultate aus der entwickelten Ge­schichtsauffassung:
1. In der Entwick­lung der Produktivkräfte tritt eine Stufe ein, auf welcher
Produktionskräfte und Verkehrsmit­tel hervorgerufen werden, wel­che unter den
bestehenden Verhält­nissen nur Unheil an­richten, welche keine Pro­duktionskräfte
mehr sind, son­dern De­struktionskräfte (Maschinerie und Geld)- und was damit
zusammen­hängt, daß eine Klasse hervorge­rufen wird, welche alle Lasten der
Gesell­schaft zu tragen hat, in den entschieden­sten Gegensatz zu allen anderen
Klassen forciert wird; eine Klasse, die die Majo­rität aller Ge­sellschaftsmitglieder
bildet und von der das Bewußtsein über die Notwendigkeit einer gründlichen Revo­lution,
das kommunisti­sche Bewußtsein, ausgeht, das sich natür­lich auch unter den
anderen Klassen ver­möge der An­schauung der Stellung dieser Klasse bil­den
kann" (Deutsche Ideologie, I. Feu­erbach, MEW 3, S. 69).

Sicher geht das kommunistische Bewußt­sein aus
dem Proletariat hervor, und als Ergebnis dessen sind auch Leute aus an­deren
Klassen dazu in der Lage, ein kom­munistisches Be­wußtsein zu errei­chen. Aber
nur, indem sie mit ihrer "ursprünglichen" Klassenideologie bre­chen
und den Standpunkt des Proletariats ein­nehmen. Dieser letzte Punkt wurde vor
allem im "Kommunistischen Mani­fest" her­vorgehoben: "In den Zeiten endlich, wo der
Klassenkampf sich der Entscheidung nähert, nimmt der Auflö­sungsprozeß in­nerhalb
der herrschenden Klasse, inner­halb der ganzen alten Ge­sellschaft, einen so
heftigen, so grellen Charakter an, daß ein kleiner Teil der herrschenden Klasse
sich von ihr lossagt und sich der revolutio­nären Klasse an­schließt, der
Klasse, wel­che die Zukunft in ihren Händen trägt. Wie daher früher ein Teil
des Adels zur Bour­geoisie über­ging, so geht jetzt ein Teil der Bour­geoisie
zum Pro­letariat über, und na­mentlich ein Teil der Bourgeoisideolo­gen, welche
zum theoreti­schen Verständ­nis der ganzen geschichtli­chen Bewe­gung sich
hinaufgearbeitet haben"
(Kommunistisches Manifest, MEW 4, S. 471)
Marx und Engels konnten der Arbeiter­klasse nur
das "bringen", was sie von der herr­schenden Klasse trennte und sie
von ihr "lossagte". Sie konnten nur theo­retisch die geschichtliche
Bewegung be­greifen, indem sie kritisch die bürgerli­che Philoso­phie, die
politische Ökono­mie vom Stand­punkt der Arbeiterklasse aus untersuchten.
Besser aus­gedrückt konnte die Arbeiter­bewegung, als sie Leute wie Marx und
Engels auf ihre Seite zog, sich den geisti­gen Reichtum der Bour­geoisie
aneignen und diesen für ihre eigenen Zwecke benut­zen. Gleich­zeitig wäre dies
nicht möglich gewesen, wenn sie nicht schon die Auf­gabe der Entfaltung einer
kommuni­stischen Theo­rie in Angriff genommen hätte. Marx erläuterte dies ausführlich,
als er Proud­hon und Weitling als die Theoretiker des Pro­letariats
bezeichnete. Zusammenge­faßt: die Arbeiterklasse machte sich die bür­gerliche
Philosophie und die politi­sche Öko­nomie zu eigen und schmiedete sie mit
Hammer und Amboß zu der un­abdingbarer Waffe um, die den Namen Marxismus trägt,
die aber nichts anderes ist als die "grundlegende
theoretische Er­rungenschaft des proletarischen Kampfes.... Er ist die ein­zige
Weltauf­fassung, die wirklich den Stand­punkt der Arbeiterklasse ausdrückt"
(aus Plattform der IKS).


[1]

Seitdem haben nur die Philosophen, die den Bankrott des
Kapitalismus aner­kennen, überhaupt nur etwas zu sagen. Aber durch die
wachsende Barbarei des zerfallenden ka­pitalistischen Systems traumatisiert,
und dennoch unfähig, sich vorzustellen, daß es etwas anderes als Kapitalismus
geben könnte, behaupten sie, daß nicht nur die ge­genwärtige Ge­sellschaft,
sondern die Exi­stenz selber eine komplette Absurdität sei. Leider ist der Kult
der Verzweiflung keine gute Werbung für die Gesundheit der Philo­sophie eines
Zeitalters.

 

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