Der Kommunismus - Kein schönes Ideal, sondern eine Notwendigkeit [Serie I - Teil 8]

1871:  die erste proletarische Revolution Kommunismus: eine staatenlose Gesellschaft

Gemäß der falschen, weitverbreiteten Auffas­sung,
die systematisch von sämtlichen Sprachroh­ren der bürgerlichen Ideologie, von
der Sensati­onspresse bis hin zu den Professo­ren der Akade­mien, aufrechterhalten
und ausgestreut wird, be­deutet der Kommunismus eine Gesellschaft, in der alles
vom Staat ge­regelt wird. Die ganze Identifi­zierung des Kommunismus mit den
stalinistischen Regi­men geht auf diese Annahme zurück.
Und noch immer ist dies eine vollkommene Lüge,
bei der die Wahrheit auf den Kopf ge­stellt wird. Für Marx, für Engels, für all
die Revolutionäre, die in ihre Fußstapfen traten, bedeutete der Kom­munismus
eine Gesell­schaft ohne Staat, eine Ge­sellschaft, in der die menschlichen
Individuen ihre Angelegen­heiten ohne eine über ihnen stehende Zwangs­kraft,
ohne Regierungen, Armeen, Gefäng­nisse und nationale Grenzen regeln.
Natürlich hat die bürgerliche Weltsicht auf
diese Version des Kommunismus eine Ant­wort parat: Ja, ja, dies sei jedoch nur
eine Utopie, die niemals eintreten werde; moderne Gesellschaften seien zu groß,
zu komplex; die Menschen seien nicht ver­trauenswürdig genug, zu gewalttätig,
zu gierig nach Macht und Privilegien. Die ganz Raffinierten (Professoren wie
J.Talmond, Autor von The Ori­gins of Totalitarian Democracy, zum Bei­spiel) set­zen
uns gar davon in Kenntnis, daß der Versuch, eine staatenlose Ge­sellschaft zu
gründen, nur zu einer Art mon­strösen leviathanischen Staat,  wie er in Rußland unter Stalin entstanden
war, füh­ren könne.
Aber halt: Wenn die Vision eines staatenlo­sen
Kommunismus nichts anderes ist als eine Utopie, als ein edler Traum, warum
spenden die gegen­wärtigen Meister des Staats soviel Zeit und Energie für die
Wiederholung der Lüge, daß Kommunis­mus gleich Staatskon­trolle über die
Gesellschaft ist? Kann es daran liegen, daß die authentische Ver­sion
gegenwärtig eine subversive Herausforde­rung für die existierende Ordnung
darstellt und daß sie mit den Notwendigkeiten einer wirklichen Bewe­gung korrespondiert,
die un­vermeidlich dazu ge­zwungen wird, den Staat und die Gesellschaft, die er
beschützt, zu konfrontieren?
Wenn der Marxismus der theoretische Stand­punkt
und die Methode dieser Bewegung ist, der Bewe­gung der internationalen Arbeiter­klasse,
dann wird es schnell ersichtlich, warum die bürgerliche Ideologie in all ihren
Formen - nicht zuletzt jener, die sich selbst als Marxisten etikettieren -
immer danach getrachtet hat, die marxistische Theorie des Staates unter einer
riesigen Halde intellektu­eller Verweigerung zu begraben. Als Lenin 1917 ‘Staat
und Revolution’ schrieb, sprach er über die Not­wendigkeit, die marxistische Po­sition
zum Staat vom reformistischen Schutt zu befreien. Heute, wo im Gefolge all der
bürgerlichen Kampagnen der stalinistische Staatskapitalismus als Kommunismus
identifi­ziert wird, muß dieses Werk fortgesetzt wer­den. Dieser Artikel
konzentriert sich auf ein hervorragendes Ereignis, die Pariser Kommune, die
erste proletarische Revolution in der Geschichte, die der Arbeiterklasse die
wert­vollsten Erkenntnisse über genau diese Frage hin­terlassen hat 

Die
1. Internationale:  Erneut
der  politische Kampf

1865 kehrte Marx aus mehr als einem Jahr­zehnt
der Versenkung in tiefreichende theo­retische Un­tersuchungen auf die Bühne der
praktischen Politik zurück. In dem folgenden Jahrzehnt sollte sich seine
wesentliche Ener­gie auf zwei durch und durch politische Fra­gen richten: die
Gründung ei­ner internatio­nalen Arbeiterpartei und die Machteroberung durch
die Arbeiterklasse.  
Nach einer langen Abwesenheit des Klassen­kampfes,
die durch die Niederlage der großen so­zialen Aufstände von 1848 ausge­löst
wurde, be­gann das Proletariat in Europa Zeichen für ein Wiedererwachen seines
Be­wußtseins und seiner Militanz zu setzen. Die Ent­wicklung von
Streikbewegungen mit sowohl ökonomischen als auch politischen Forderun­gen, die
Bildung von Gewerkschaften und Arbeiterkooperativen, die Mobilisierung der Ar­beiter
in Fragen der ‘Außenpolitik’, wie bei der Unterstützung der polnischen Unab­hängigkeit
oder der Sklaverei-Gegner im amerikanischen Bürger­krieg - all dies über­zeugte
Marx davon, daß die Periode der Nie­derlagen an ihr Ende angelangt war. Daher
unterstützte er aktiv die Initiative engli­scher und französischer
Gewerkschafter zur Grün­dung der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA) (1)
im September 1864. Wie Marx im Bericht des Gene­ralrats an den Brüsseler
Kongreß der Internatio­nale 1868 sagte: „Sie
[die IAA] ist nicht die Treibhauspflanze einer Sekte oder einer Theorie. Sie
ist ein naturwüchsiges Gebild der proletarischen Bewegung, die ihrerseits aus
den normalen und unwiderstehlichen Tendenzen der modernen Gesellschaft entspringt.“
(MEW Bd.16, S.322)
Daher hinderte die Tatsache, daß die Motive vieler Ele­mente,
die die Interna­tionale mitgründeten, wenig gemeinsam hatten mit der Sichtweise
von Marx (das Hauptin­teresse der englischen Gewerkschafter war es zum
Beispiel, die Internationale als Mittel da­für zu benutzen, den Import von
ausländi­schen Streik­brechern zu verhindern), Marx nicht daran, eine füh­rende
Rolle in der IAA einzu­nehmen, indem er nahezu die gesamte Zeit im Leben des
Generalrats einen Sitz in dem­selben einnahm und viele seiner wich­tigsten Dokumente
verfaßte. Da die Internationale das Produkt einer Bewegung des Proletariats auf
einer bestimmten Stufe in seiner histori­schen Ent­wicklung war, einer Stufe,
auf der es sich noch als eine Kraft innerhalb der bür­gerlichen Gesellschaft
entfaltete, war es für die marxistische Fraktion sowohl möglich als auch notwendig,
zusammen mit anderen Ar­beitertendenzen in der Internatio­nale zu ar­beiten,
sich an ihren unmittelbaren Aktivitä­ten im Tageskampf der Arbeiter zu beteili­gen
sowie gleichzeitig zu versuchen, die Organi­sation von bürgerlichen und kleinbürgerli­chen
Vorurteilen zu befreien und soweit wie möglich mit der politischen und theoretischen
Klarheit zu erfüllen, die erforderlich war, damit sie als eine revolutionäre
Vorhut einer revolutionären Klasse handeln konnte.
Dies ist nicht der Platz, um auf die Ge­schichte
aller theoretischen und praktischen Kämpfe einzugehen, die die marxistische
Fraktion innerhalb der Inter­nationale aus­focht. Es genügt zu erwähnen, daß
sie auf bestimmten Prinzipien beruhten, die bereits im Kommunistischen
Manifest vorgestellt und durch die Erfahrung der Revolution von 1848
bekräftigt wurden, insbesondere daß:

 -“die Emanzipation der Arbeiterklasse durch
die Arbeiterklasse selbst erobert werden muß.“

(Provisorische Statuten der IAA, MEW Bd.16, S.14) Daraus folgte die
Notwendigkeit einer Organisation, die „von
den Arbeitern selbst für die Arbeiter gegründet [wird].“
(Rede zum
7.Jahrestag der IAA 1871 in London, MEW Bd.17, S.432) und die sich des  Einflusses bürgerlicher Liberaler und
Reformer entledigt - kurz, die Erarbeitung einer unab­hängigen Klassenpolitik
und der unabhängi­gen Tat für das Proletariat selbst in einer Pe­riode, in der
Allianzen mit fortschrittlichen bürgerlichen Frak­tionen noch auf der Tages­ordnung
standen. Inner­halb der Internationale sollte die Verteidi­gung dieser Prinzi­pien
zu einem Bruch mit Mazzini und seinen bürgerlich-nationalistischen Anhängern
füh­ren.
- „daß
die Arbeiterklasse gegen diese Gesamtgewalt der besitzenden Klassen nur als
Klasse handeln kann, indem sie sich selbst als besondere politische Partei
konstituiert, im Gegensatz zu allen alten Parteibildungen der besitzenden
Klassen; daß diese Konstituierung der Arbeiterklasse als politischer Partei
unerläßlich ist für den Triumph der sozialen Revolution und ihres Endziels
Abschaffung der Klassen.“ (Beschlüsse der Londoner Konfe­renz der IAA im Sept.
1871, MEW Bd.17, S.422) Diese Verteidigung der Klassenpartei, einer zentralisierten,
internatio­nalen Organisation der fortgeschrittensten Proleta­rier (2) wurde
gegen alle Föderalisten, anti-au­toritären anarchistischen Elemente geführt, be­sonders
gegen die Anhänger von Proudhon und Ba­kunin, die glaubten, daß alle Formen der
Zen­tralisierung unweigerlich despotisch seien und daß in keinem Fall die
Internationale irgend etwas mit Politik zu tun haben sollte, weder in der
Verteidi­gungs- noch in der re­volutionären Phase der pro­letarischen Bewe­gung.
Schon Marxens Inauguraladresse an die Internationale von 1864 be­stand darauf,
daß die“politische Macht zu erobern...
daher jetzt die große Pflicht der Arbeiterklassen [ist].“ MEW Bd.16, S.12)

Der Beschluß von 1871 war somit eine Wiederholung dieses Grün­dungsprinzips
gegen all jene, die glaubten, daß die soziale Revolution vonstatten gehen
würde, ohne daß die Arbeiter den Ärger auf sich nehmen müßten, eine politische
Partei zu gründen und als eine Klasse um die politische Macht zu kämpfen.
In der Periode zwischen 1864 und 1871 be­zog
sich die Debatte über die politische An­teilnahme größ­tenteils auf die Frage,
ob die Arbeiterklasse zum Zwecke der Erlangung von Reformen und der Stärkung
der eigenen Position innerhalb der kapi­talistischen Gesell­schaft das Gebiet
der bürgerli­chen Politik betreten soll oder nicht (der Ruf nach allge­meiner
Wahlberechtigung, die Teilnahme der Arbeiter an Wahlen und am Parlament, der
Kampf um demokratische Rechte usw.). Die Bakunisten und Blanquisten, (3) Meister
des allgegenwärtigen re­volutionären Willens, weigerten sich, die objekti­ven
materiellen Bedingungen zu analysieren, in­nerhalb derer die Arbeiterbewegung
wirkte, und lehnten solche Taktiken als eine Ablenkung von der sozialen
Revolution ab. Auf der anderen Seite erkannte die materialistische Fraktion von
Marx, daß der Kapitalismus als ein weltweites System noch nicht seine histori­sche
Mission vervollstän­digt, noch nicht die Bedingungen für eine revolu­tionäre
Umge­staltung geschaffen hatte und daß es für die Arbeiterklasse folglich immer
noch notwen­dig war, sowohl auf wirtschaftlicher als auch auf politischer Ebene
für Reformen zu kämp­fen. Dabei würde sie nicht nur ihre unmittel­bare
materielle Lage verbessern, sondern sich auch für den revo­lutionären Showdown
vorbereiten und organisie­ren, der unver­meidlich von der kapitalistischen
Laufbahn zu Krise und Zusammenbruch heraufbe­schworen werde.
Diese Debatte sollte in den kommenden Jahr­zehnten
fortgesetzt werden, wenn auch in ver­schiedenen Zusammenhängen und mit
unterschied­lichen Protagonisten. Aber 1871 sollten gewaltige Ereignisse in
Kontinentaleu­ropa der Debatte über die Tat der Arbeiter­klasse eine ganz neue
Dimen­sion hinzufügen. Denn dies war das Jahr der ersten proletari­schen
Revolution in der Geschichte, der tatsächlichen Eroberung der politischen Macht
durch die Arbeiterklasse - das Jahr der Pariser Kommune.

Die
Kommune und die materialistische Geschichtsauffas­sung

„Jeder Schritt
wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme.“

(Marx an Bracke, Mai 1875, MEW Bd.34, S.137)
Das Drama und die Tragödie der Pariser Kom­mune
wird in Marxens ‘Der Bürgerkrieg in Frankreich’ brillant beschrieben und analy­siert,
das im Sommer 1871 als offizielle Adresse der Interna­tionale veröffentlicht
wurde. In diesem leiden­schaftlichen Traktat zeigte Marx auf, wie ein Krieg
zwischen Na­tionen, Frankreich und Preußen, in einen Krieg zwischen den Klassen
umgewandelt wurde: Im Anschluß an den katastrophalen militä­rischen Zusammenbruch
hatte die Thiers-Regie­rung einen unpopulären Frieden geschlossen und danach
getrachtet, seine Be­dingungen Paris auf­zuzwingen. Dies konnte nur durch die
Entwaff­nung der in der Natio­nalgarde versammelten Ar­beiter geschehen. Am
18.März 1871 versuchten Truppen, die von Versailles ausgesandt wurden, die
unter der Kontrolle der Garde befindlichen Kano­nen in ihren Besitz zu bringen.
Dies sollte das Vorspiel einer massiven Repression ge­gen die Arbeiterklasse
und ihre revolutio­nären Minderhei­ten sein. Die Arbeiter von Paris antworteten
dar­auf, indem sie die Stra­ßen in Besitz nahmen und sich mit den Ver­sailler
Truppen verbrüderten. In den darauf­folgenden Tagen riefen sie die Kom­mune
aus.
Die Kommune von 1871 war als Bezeich­nung ein
Echo auf die revolutionäre Kom­mune von 1793, dem Organ der sans culottes in der radikalsten Phase
der bürgerlichen Re­volution. Aber die zweite Kommune hatte eine ganz andere
Bedeu­tung, da sie nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft blickte -
auf die kommunistische Re­volution der Arbeiterklasse.
Obwohl Marx während der Belagerung von Paris davor
warnte, daß ein Aufstand unter Kriegsbedin­gungen „eine verzweifelte Torheit“ (Zweite Adresse des Gene­ralrates der
IAA zum Deutsch-Französischen Krieg, Sept.1870, MEW Bd.17, S.277) wäre,
verpflichtete sich Marx und die Inter­nationale, als der Aufstand ausbrach, zur
einhelli­gen Solidarität mit den Kommunarden, unter denen die Mit­glieder der
Internationale aus Paris eine füh­rende Rolle spielten, auch wenn sie kaum die
marxistischen politischen Überzeugungen teilten. Er konnte nicht anders
reagieren an­gesichts der üblen Verleumdungen, die die Weltbourgeoisie der
Kommune andichtete, und der schrecklichen Ra­che, die die herr­schende Klasse
an dem Pariser Proletariat nahm, das es gewagt hatte, ‘ihre’ Zivi­lisation
herauszufordern: Nachdem schon Tau­sende von Kämpfern ihr Leben auf den
Barrikaden gelassen hatten, wurden weitere Abertau­sende - Männer, Frauen und
Kinder - in Massenexekutio­nen hingerichtet, unter den schlimmsten Bedingun­gen
eingekerkert oder zu harter Arbeit in die Kolo­nien deportiert. Niemals zuvor
seit den Tagen des alten Roms haben Sklavenhalter solch eine blutige Orgie
entfesselt.
Aber abgesehen von der elementaren Frage der
proletarischen Solidarität gab es noch einen ande­ren Grund, warum Marx sich
ver­anlaßt sah, die fundamentale Bedeutung der Kommune anzuer­kennen. Auch wenn
die Kommune historisch zu früh in dem Sinne war, daß die materiellen Bedin­gungen
für eine weltweite proletarische Revolution noch nicht herangereift waren, so
war sie dennoch ein Ereignis von welthistorischer Bedeutung, ein entscheidender
Schritt auf dem Weg zu dieser Re­volution. Sie war eine Schatzgrube voller
Lehren für die Zukunft, für die Klä­rung des kommunisti­schen Programms. Vor
der Kommune hatte die fortgeschrittenste Fraktion der Klasse, die Kom­munisten,
zwar begriffen, daß die Arbeiterklasse in einem er­sten Schritt hin zum Aufbau
einer klassenlo­sen menschlichen Gemeinschaft die politi­sche Macht zu
ergreifen hat. Aber die genaue Art und Weise, wie das Proletariat seine
Diktatur er­richtet, war noch nicht geklärt, da ein sol­cher theo­retischer
Fortschritt nur auf der le­bendigen Erfah­rung der Klasse fußen konnte. Die
Pariser Kom­mune war solch eine Erfah­rung, vielleicht der deutlichste Beweis
dafür, daß das kommunistische Programm kein fixes und statisches Dogma ist,
sondern etwas, das sich in enger Verbindung mit der Praxis der Arbeiterklasse
entfaltet und wächst; nicht eine Utopie, sondern ein großes wissen­schaftliches
Experiment, dessen Labor die tatsäch­liche Bewegung der Gesellschaft ist. Es
ist wohl­bekannt, daß Engels in einem späteren Vorwort zum ‘Kommunistischen
Manifest’ von 1848 aus­drücklich betonte, daß die Erfahrung der Kom­mune jene
Formulie­rungen im Text obsolet ge­macht hat, die den Gedanken ausgedrückt
hatten, die herr­schende Staatsmaschinerie einfach zu über­nehmen. Die
Schlußfolgerungen, die Marx und Engels aus der Kommune zogen, waren mit ande­ren
Worten eine Demonstration und Rechtfertigung der Methode des historischen
Materialismus. Wie Lenin in ‘Staat und Re­volution’ es ausdrückte:

„Bei Marx findet
man auch nicht die Spur von Utopismus in dem Sinne, daß er sich die neue
Gesellschaft erdichtet, zusammmenphantasiert. Nein, er studiert - wie einen
naturgeschichtlichen Prozeß - die Geburt der neuen Gesellschaft aus der alten,
studiert die Übergangsformen von der alten zur neuen. Er hält sich an die
tatsächlichen Erfahrungen der proletarischen Massenbewegung und ist bemüht, aus
ihr praktische Lehren zu ziehen. Er `lernt' von der Kommune, wie alle großen
revolutionären Denker sich nicht gescheut haben, aus den Erfahrungen der großen
Bewegungen der unterdrückten Klassen zu lernen." (LW Bd.25, S.438)

Unser Ziel ist nicht, die Geschichte der Kommune einfach wiederzukäuen. Die
wich­tigsten Ereignisse sind bereits in Der Bürger­krieg in Frankreich  und in vielen anderen Werken geschildert worden,
ein­schließlich in jenen von Revolutionären wie Lissa­garay, der selbst auf den
Barrikaden gekämpft hatte. Was wir hier versuchen wollen, ist eine ex­akte
Untersuchung dessen, was Marx von der Kommune gelernt hatte. In einem anderen
Artikel werden wir unseren Blick darauf richten, wie er diese Lehren gegen all
die vorherrschenden Ver­wirrungen in der Ar­beiterbewegung seiner Tage verteidigte. 

Marx
gegen den Staatskult

  "Daher war die Kommune nicht eine Revolution
gegen diese oder jene - legitimistische, konstitutionelle, republikanische oder
kaiserliche - Form der Staatsmacht. Die Kommune war eine Revolution gegen den
Staat selbst, gegen diese übernatürliche Fehlgeburt der Gesellschaft; sie war
eine Rücknahme des eignen gesellschaftlichen Lebens des Volkes durch das Volk
und für das Volk.“
(Marx, Erster Entwurf zu Der Bürgerkrieg in Frankreich,
Kapitel: Der Charakter der Kommune, MEW Bd.1 Bd.7, S.541)
Die Schlußfolgerungen, die Marx aus der Kom­mune
zog, waren andererseits kein au­tomatisches Produkt der direkten Erfahrun­gen
der Arbeiter. Sie waren eine Bekräfti­gung und Bereicherung eines Elements in
der Idee von Marx, die ihn seit seinem Bruch mit dem Hegelianismus und der
Hinwen­dung zum Proletariat geleitet hatte.
Noch bevor er Kommunist wurde, hatte Marx be­reits
damit begonnen, die Hegeliani­sche Idealisie­rung des Staates zu kritisieren.
Für Hegel, dessen Idee ein widersprüchliches Gemisch aus Radika­lismus, der vom
Schwung der bürgerlichen Revo­lution her­rührte, und Konservatismus war, der
mit der erstickenden Atmosphäre des preußischen Ab­solutismus einherging, war
der Staat, und erst recht der preußische Staat, die Ver­körperung des Absoluten
Geistes, die perfek­tionierte Gestalt gesell­schaftlichen Daseins. In seiner
Kritik an Hegel zeigte Marx auf, daß im Gegenteil das rationale Subjekt des
gesellschaftlichen Daseins, der Staat und vor allem die preußische Bürokratie -
weit ent­fernt davon, das höchste und edelste Produkt des Menschen zu sein -
ein Aspekt der men­schlichen Entfremdung, des Verlustes der Kontrolle über die
eigenen gesellschaftlichen Kräfte war. Hegels Idee kehrte das Unterste
zuoberst: „Hegel geht vom Staat aus und
macht den Menschen zum versubjektivierten Staat; die Demokratie geht vom
Menschen aus und macht den Staat zum verobjektivierten Menschen.“
(Kritik
des Hegelschen Staatsrechts, §279, von 1843, MEW Bd.1, S.231) An dieser Stelle
ent­spricht der Standpunkt von Marx dem der ra­dikalen bürgerlichen Demokratie
(obwohl derart radikal, daß, wie er immer argumen­tierte, wahre Demokratie zum
Verschwinden des Staates führen würde.); ein Standpunkt, der die menschliche
Emanzipation als etwas betrachtete, das zuallererst im politischen Be­reich
angesiedelt ist. Doch als er begann, die Dinge aus der Perspektive der Arbei­terklasse
zu betrachten, war er sehr schnell dazu im­stande zu erkennen, daß der Staat
aus dem Grund sich von der Gesellschaft entfremdet, weil er das Produkt einer
Gesellschaft ist, die auf Pri­vateigentum und Klassenprivilegien begründet ist.
In seinen Schriften über die Gesetze gegen den Holzdiebstahl begann er z.B.
sich die Sichtweise anzueignen, daß der Staat der Wächter der sozialen
Ungleichheit und beschränkter Klasseninteressen ist. In ‘Zur Judenfrage’ begann
er anzuerken­nen, daß eine wirkliche menschliche Emanzi­pation sich nicht auf
die politische Dimension beschrän­ken konnte, sondern einer anderen Form des ge­sellschaftlichen
Lebens bedurfte. Marxens Kom­munismus war also von Anbe­ginn darum bemüht, den
Staat zu entmystifi­zieren, und er wich niemals davon ab.
Wie wir in den Artikeln über das ‘Kommuni­stische
Manifest’ und über die Revolutionen von 1848 (‘International Review’, Nr.72 und
73) gesehen ha­ben, setzte der Kommunismus, nachdem er als eine Strömung mit
einem klar umrissenen politischen Programm und einer eignen Orga­nisation
entstanden war, die­sen Kurs fort. Das ‘Kommunistische Manifest’, vor den
großen sozialen Aufständen von 1848 ver­faßt, schaute nicht nur vorwärts auf
die Er­greifung der politischen Macht durch das Proletariat, sondern noch
weiter, auf das schließliche Absterben des Staates, sobald seine Wurzeln - eine
in Klassen ge­spaltene Gesellschaft - erst einmal ausgegraben und herausgezogen
worden sind. Die faktischen Er­fahrungen von 1848 versetzten dann die im Bund
der Kommunisten organisierte revolutionäre Minder­heit in die Lage, beträchtliche
Klarheit über den Weg des Proletariats zur Macht zu bekommen, indem sie die
Notwendigkeit für das Proletariat in einer revolu­tionären Erhebung erkannte,
seine eigenen Waf­fen und Klas­senorganisationen zu behalten, und (zuerst in
‘Der 18.Brumaire des Louis Bonaparte’) sogar erkannte, daß die Aufgabe des internationa­len
Proletariats nicht die Perfektionierung des bürgerli­chen Staates, sondern
seine Zerstö­rung ist.
Die marxistische Fraktion nahm die Inter­pretation
der Erfahrung der Kommune also nicht ohne jegli­ches theoretisches Erbe in
Angriff: Die Leh­ren der Geschichte sind insofern nicht ‘spontan’, als ein von
der kommunistischen Avantgarde er­richtetes Ide­engerüst bereits existiert.
Aber diese Ideen selbst müssen ständig im Lichte der Erfah­rung der
Arbeiterklasse geprüft und getestet wer­den. Es war das Verdienst der Pariser
Arbeiter, daß sie einen überzeugenden Be­weis dafür brachten, daß die Arbeiterklasse
ihre Revolution nicht ausführen kann, indem sie sich einer Maschinerie bedient,
deren ei­gentliche Struktur und Funktions­weise auf die Fortsetzung von
Ausbeutung und Unterdrüc­kung zugeschnitten sind. Wenn der erste Schritt der
proletarischen Revolution die Er­oberung der politischen Macht ist, dann kann
dies nur durch die gewaltsame Zerstörung des existie­renden bürgerlichen
Staates ge­schehen.

Die
Bewaffnung der Arbeiter

Daß die Kommune durch den Versuch der Ver­sailler
Regierung ausgelöst wurde, die Arbeiter zu entwaffnen, ist geradezu symbo­lisch:
Es demon­striert, daß die Bourgeoisie kein bewaffnetes Pro­letariat tolerieren
kann. Umgekehrt kann das Pro­letariat nur mit Waf­fen in den Händen an die
Macht gelangen. Die gewalttätigste und gnadenlo­seste herr­schende Klasse in
der Geschichte wird nie­mals zulassen, aus der Macht gewählt zu wer­den - sie
kann nur hinausgezwungen wer­den, und die Arbeiterklasse kann ihre Revo­lution
gegen alle Versuche ihrer Umkehrung nur durch die Auf­rechterhaltung eigener be­waffneter
Kräfte verteidi­gen. In der Tat be­standen zwei der schärfsten Vorwürfe, die
Marx gegenüber der Kommune äu­ßerte, darin, daß sie nicht ausreichend davon
Gebrauch machte, daß sie in ‘abergläubischer Ehrfurcht’ vor der Bank von
Frankreich stand, anstatt sie zu beset­zen und als Geldschalter (bargaining coun­ter) zu benutzen, und
daß sie unterließ, eine Offensive gegen Versailles zu er­öffnen, als es
Versailles noch an Nachschub mangelte, um seine konterrevolutionäre At­tacke
gegen die Hauptstadt zu eröffnen.
Aber trotz ihrer Schwächen in diesem Zu­sammenhang
machte die Kommune einen entschei­denden historischen Fortschritt, als sie mit
einem ihrer ersten Dekrete die ste­hende Armee auflöste und die allgemeine
Bewaffnung der Bevölkerung in der Natio­nalgarde einführte, welche im Endeffekt
in eine Volksmiliz umgewandelt wurde. Indem sie so verfuhr, machte die Kommune
den er­sten Schritt zur Demontage der alten Staats­maschinerie, die ihren Ausdruck
par ex­cellence in der Armee findet, in einer be­waffneten Kraft, die Wache
hält über die Be­völkerung, nur den höchsten Rängen der Staatsmaschinerie
gehorcht und vollkommen jeglicher Kontrolle von unten enthoben ist. 

Die
Demontage der Bürokratie durch die
Arbeiterdemokratie

Zusammen mit der Armee und tief mit ihr verwo­ben,
ist die Bürokratie, die Institution, anhand derer der Staat als ‘parasitärer
Aus­wuchs’, der sich der Gesellschaft entfremdet hat, am klarsten zu identi­fizieren
ist; jenes byzantinische Netzwerk von hauptberuflichen Funktionären, die den
Staat fast als ihr eige­nes Privateigentum betrachten. Auch hier er­griff die
Kommune sofort Maßnahmen, um sich von diesen Parasiten zu befreien. Engels
zählte diese Maßnahmen in seiner Einleitung zu ‘Der Bürgerkrieg in Frankreich’
prägnant auf:

"Gegen
diese in allen bisherigen Staaten unumgängliche Verwandlung des Staats und der
Staatsorgane aus Dienern der Gesellschaft in Herren der Gesellschaft wandte die
Kommune zwei unfehlbare Mittel an. Erstens besetzte sie alle Stellen,
verwaltende, richtende, lehrende, durch Wahl nach allgemeinem Stimmrecht der
Beteiligten, und zwar auf jederzeitigen Widerruf durch die dieselben
Beteiligten. Und zweitens zahlte sie für alle Dienste, hohe wie niedrige, nur
den Lohn, den andre Arbeiter empfangen. Das höchste Gehalt, das sie überhaupt
zahlte, war 6000 Franken. Damit war der Stellenjägerei und dem Strebertum ein
sicherer Riegel vorgeschoben, auch ohne die gebundnen Mandate bei Delegierten
zu Vertretungskörpern, die noch zum Überfluß hinzugefügt wurden“ (Einleitung
zur Ausgabe von 1891, MEW Bd.17, S.624)

Marx unterstrich ebenfalls, daß durch die Vereini­gung von Exekutive und
Legislative die Kommune "nicht eine
parlamentarische, sondern eine arbeitende Körperschaft [war]." (‘
Der
Bürgerkrieg in Frankreich’, Abschnitt
III, MEW Bd.17, S.339)
Mit anderen Worten: Sie war eine höhere Form der De­mokratie
als die des Par­lamentarismus. Selbst in den Hochzeiten des Parlamentarismus
bedeutete die Trennung zwischen Legis­lative und Exe­kutive, daß die letztere
dazu neigte, sich der Kontrolle der ersteren zu entziehen, und in­folgedessen
eine wachsende Bürokratie entstand. Diese Tendenz ist natürlich in der Epoche
der kapitalistischen Dekadenz immens ver­stärkt worden, in der die Exekutivor­gane
des Staates die Legislative in eine bloße Fassade ver­wandelt haben.
Der vielleicht wichtigste Beweis dafür, daß die
von der Kommune verkörperte proletari­sche Demokra­tie fortschrittlicher als
alles war, was sich jemals in der bürgerlichen Demokratie entwickelt hat, ist
je­doch das Prinzip der jederzeitigen Abwählbarkeit der Delegierten.

"Statt
einmal in drei oder sechs Jahren zu entscheiden, welches Mitglied der herrschenden
Klasse das Volk im Parlament ver- und zertreten soll, sollte das allgemeine
Stimmrecht dem in Kommunen konstituierten Volk dienen." (ebenda S.340)

Bürgerliche Wahlen gründen sich auf dem Prinzip des vereinzelten Bür­gers in
der Wahlkabine, der eine Stimme ab­gibt, die ihm keine wirkliche Kon­trolle
über seinen `Vertreter' verleiht. Das proleta­rische Konzept der gewählten und
jederzeit abwähl­baren Delegierten kann im Gegensatz dazu nur auf der Basis
einer permanenten und kollekti­ven Mobilisierung der Arbeiter und der Unter­drückten
funktionieren. In der Tra­dition der revo­lutionären Sektionen, aus der die
Kommune von 1793 hervorging (abgesehen von den radikalen ‘Agitatoren’, die aus
den Rei­hen der ‘New Model Army’ Cromwells in der englischen Revolution ge­wählt
wurden) wur­den die Delegierten des Rates der Kommune von öffentlichen Versammlungen
gewählt, die in jedem Arrondissement von Paris abge­halten wurden. Formell
besaßen diese Wahlversammlungen die Macht, das Mandat ihrer Delegierten zu
formulieren und letztere not­falls wieder abzuwählen. Praktisch wurde ein
Großteil der Arbeit der Beaufsich­tigung und des Unter-Druck-Setzens der Kommune-Delegierten
durch die etlichen ‘Selbstschutzkomitees’ und re­volutionären Clubs ausgeführt,
die in den Arbei­terbezirken aus dem Boden schossen und Brenn­punkte intensiver
und lebendiger politischer Debat­ten sowohl über allgemeine theoretische Fra­gen,
mit denen das Proletariat konfrontiert war, als auch über Fragen des unmittelbaren
Überlebens, der Organisation und Verteidi­gung waren. Die Erklä­rung von
Prinzipien durch den ‘Club Communal’, der sich in der Kirche von
St.-Nicolas-des-Champs im 3.Arrondissement traf, geben uns eine Ah­nung von dem
Grad an politischem Bewußt­sein, das von den Proletariern von Paris wäh­rend
der beiden heißen Monate der Existenz der Kommune erlangt wurde:

"Unsere
Ziele sind die folgenden:
 Die Feinde unserer kommunalen Rechte, der
Freiheit und der Republik zu bekämpfen.
Die
Rechte des Volkes zu verteidigen, es zu befähigen, daß es sich selbst regieren
kann.
Unsere
Delegierten an ihre Pflichten zu erinnern, wenn sie davon abweichen sollten,
und sie in all ihren Bemühungen zur Rettung der Republik zu unterstützen.
Vor
allem aber die Souveränität des Volkes, das nie sein Recht aufgeben darf, die
Handlungen seiner Delegierten zu überwachen, aufrechtzuerhalten.
Regiert
euch selbst durch politische Versammlungen, durch eine eigene Presse; macht
Druck auf eure Vertreter, die gar nicht zu weit in der revolutionären Richtung
gehen können.....
Lang
lebe die Kommune!“ 

Vom
Halb-Staat zu keinem Staat

Auf der permanenten Selbstmobilisierung der be­waffneten
Arbeiter fußend, war, wie En­gels sagte, die
Kommune "schon kein Staat im eigentlichen Sinne mehr."
(Brief an
Bebel, März 1875, MEW Bd.34, S.128). Lenin zitiert in ‘Staat und Revolution’
diese Zeile und ergänzt sie:

"Die
Kommune hörte auf, ein Staat zu sein, insofern sie nicht die Mehrheit der
Bevölkerung, sondern eine Minderheit (die Ausbeuter) niederzuhalten hatte; die
bürgerliche Staatsmaschine wurde von ihr zerschlagen; an Stelle einer
besonderen Repressionsgewalt trat die Bevölkerung selbst auf den Plan. Alles
das sind Abweichungen vom Staat im eigentlichen Sinne. Und hätte sich die
Kommune behauptet, so wären in ihr die Spuren des Staates von selbst abgestorben,
sie hätten seine Institutionen nicht abzuschaffen brauchen, diese hätten in dem
Maße aufgehört zu funktionieren, wie sie nichts mehr zu tun gehabt
hätten." (LW Bd.25, S.454)

Die ‘Anti-Staatlichkeit’ der Arbeiterklasse
wirkt also auf zwei Ebenen oder vielmehr in zwei Stufen: zunächst in der
gewaltsamen Zerstörung des bür­gerlichen Staates; dann in seiner Ersetzung
durch eine neue Art politi­scher Macht, die so gut wie möglich die
"schlimmsten Seiten" aller vorherge­henden Staaten vermeidet und die
es schießlich dem Proletariat ermöglicht, den Staat wegzulegen, ihn, in Engels’
bildhafter Formulierung, "ins Museum
der Altertümer, neben das Spinnrad und die bronzene Axt."
(‘Der
Ursprung der Familie, des Privateigen­tums und des Staates’, MEW Bd.21, S.168)
zu geben.

Von
der Kommune zum Kommunis­mus: die
Frage der gesellschaftlichen Um­wandlung

Das Absterben des Staates gründet sich auf der
Umwandlung der gesellschaftlichen und ökonomi­schen Infrastruktur - auf der
Elimi­nierung der ka­pitalistischen Produktionsver­hältnisse und der Be­wegung
zu einer klas­senlosen menschlichen Ge­meinschaft. Wie wir schon bemerkt haben,
exi­stierten die materiellen Bedingungen für solch eine Um­wandlung auf
Weltebene im Jahre 1871 noch nicht. Zudem befand sich die Kommune nur zwei
Monate an der Macht, und das auch nur in einer belagerten Stadt, auch wenn sie
an­dere Städte in Frankreich (Marseilles, Lyon, Toulouse, Nar­bonne, etc.) zu
revolutionären Versuchen anregte.
Wenn bürgerliche Historiker versuchen, die Be­hauptungen
von Marx über die revolutio­näre Natur der Kommune zu widerlegen, grei­fen sie
auf die Tatsache zurück, daß die mei­sten gesellschaftlichen und ökonomischen
Maßnahmen, die von der Kommune ergriffen wurden, kaum sozialistisch waren: Die
Tren­nung von Kirche und Staat war zum Beispiel vollkommen vereinbar mit dem
radi­kalen bürgerlichen Republikanismus. Selbst die Maßnahmen, die besonders
das Proletariat betrafen - Abschaffung der Nachtarbeit für Bäcker, Unter­stützung
bei der Bildung von Gewerkschaften usw. - waren eher dazu be­stimmt, die
Arbeiter gegen die Ausbeutung zu verteidigen, als die Ausbeutung selbst ab­zulegen.
All dies verleitete einige ‘Experten’ zum Thema Kommune dazu, zu argumentie­ren,
daß sie eher der letzte Atemzug der ja­kobinischen Tradition als der Beginn der
proletarischen Revolution gewesen sei. An­dere hielten die Kommune, wie Marx be­merkte,
fälschlicherweise "für eine
Wiederbelebung der mittelalterlichen Kommunen, welche jener Staatsmacht erst
vorausgingen und ihre Grundlage bildeten."
(‘Der Bürger­krieg in Frankreich’,
MEW Bd.17, S.340).
All diese Interpretationen beruhen auf einer
falschen Auffassung der Natur der proletari­schen Revolution. Die Lehren der
Pariser Kommune sind grundsätzliche politische Leh­ren, Lehren über die Formen
und Funktionen proletarischer Macht Aus dem einfachen Grund, weil die proletarische
Re­volution nur als ein politischer Akt beginnen kann. In Er­mangelung einer
wirtschaftlichen Veranke­rung innerhalb des alten Systems kann das Proleta­riat
den Prozeß der gesellschaftlichen Umwandlung erst angehen, sobald es die
Herrschaft über die po­litische Macht, und zwar auf Weltebene, über­nommen hat.
Die Russische Revolution von 1917 fand in einer historischen Epoche statt, in
der ein welt­weiter Kommunismus möglich war, und sie war auf der Ebene eines
riesigen Landes er­folgreich. Noch immer ist das funda­mentale Vermächtnis der
Russischen Revolu­tion mit dem Problem der politischen Macht der Arbeiterklasse
verknüpft, wie wir noch in späteren Folgen dieser Artikelserie sehen werden.
Von der Kommune die Einführung des Kommunismus in einer einzigen Stadt zu
erwarten, hätte geheißen, an Wunder zu glauben. Marx dagegen betonte: "Die Arbeiterklasse verlangte keine
Wunder von der Kommune. Sie hat keine fix und fertigen Utopien durch
Volksbeschluß einzuführen. Sie weiß, daß, um ihre eigene Befreiung und mit ihr
jene höhre Lebensform hervorzuarbeiten, der die gegenwärtige Gesellschaft durch
ihre eigne ökonomische Entwicklung unwiderstehlich entgegenstrebt, daß sie, die
Arbeiterklasse, lange Kämpfe, eine ganze Reihe geschichtlicher Prozesse
durchzumachen hat, durch welche die Menschen wie die Umstände gänzlich umgewandelt
werden. Sie hat keine Ideale zu verwirklichen; sie hat nur die Elemente der
neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen, die sich bereits im Schoß der
zusammenbrechenden Bourgeoisgesellschaft entwickelt haben." (ebenda S.342)

Gegenüber all diesen falschen Interpretationen
der Kommune bestand Marx darauf, daß sie
"wesentlich eine Regierung der Arbeiterklasse, das Resultat des Kampfes
der hervorbringenden gegen die aneignende Klasse, die endlich entdeckte
politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen
konnte, [war]." (ebenda S.342)

An dieser Stelle erkannte Marx an, daß die Kom­mune
zuallererst politischer Gestalt war und daß es nicht um irgendwelche Utopien
ging, die über Nacht unter ihrer Herrschaft etabliert werden soll­ten. Und doch
erkannte er im gleichen Atemzug, daß, hat das Prole­tariat die Macht einmal
ergriffen, es eine Dy­namik in Gang setzen, oder besser: ‘freisetzen’ kann und
muß, die trotz aller objekti­ven Beschränkungen, die sich ihr ent­gegenstellen,
zur "ökonomischen Umwand­lung der Arbeit" füh­ren wird. Daher enthält
die Kommune, wie die Russische Revolution, auch wertvolle Erkenntnisse über die
zukünf­tige gesellschaftliche Umwandlung. Als ein Beispiel dieser Dynamik,
dieser Logik der gesellschaftlichen Umwälzung hob Marx die Ent­eignung der von
den Kapitalisten (die aus der Stadt geflohen waren) verlassenen Fabri­ken und
ihre Übernahme durch die Arbeiter­kooperativen her­vor, die von einer einzigen
Gewerkschaft organi­siert worden waren. Für ihn war dies ein unmittel­barer
Ausdruck des endgültigen Ziels der Kom­mune, die allge­meine Enteignung der
Eigentümer:

"Sie [die
Kommune] wollte das individuelle Eigentum zu einer Wahrheit machen, indem sie
die Produktionsmittel, den Erdboden und das Kapital, jetzt vor allem Mittel zur
Knechtung und Ausbeutung der Arbeit, in bloße Werkzeuge der freien und assoziierten
Arbeit verwandelt. - Aber dies ist der Kommunismus, der unmögliche Kommunismus.
Nun, diejenigen Leute aus der herrschenden Klasse, die verständig genug sind,
die Unmöglichkeit der Fortdauer des jetzigen Systems einzusehn . und deren gibt
es viele -, haben sich zu zudringlichen und großmäuligen Aposteln der
genossenschaftlichen Produktion aufgeworfen. Wenn aber die genossenschaftliche
Produktion nicht eitel Schein und Schwindel bleiben, wenn sie das
kapitalistische System verdrängen, wenn die Gesamtheit der Genossenschaften die
nationale Produktion nach einem einheitlichen Plan regeln, sie damit unter ihre
eigne Leitung nehmen und der beständigen Anarchie und den periodisch wiederkehrenden
Konvulsionen, welche das unvermeidliche Schicksal der kapitalistischen
Produktion sind, ein Ende machen soll, was wäre das anders, meine Herren, als
der Kommunismus, der mögliche Kommunismus."

(ebenda S.342f) 

Die
Arbeiterklasse als Vorhut der Un­terdrückten

Die Kommune hat uns auch wichtige Ele­mente zum
Verständnis für das Verhältnis zwischen der Arbeiterklasse, nachdem sie einmal
die Macht er­griffen hat, und den ande­ren nicht-ausbeutenden Gesellschaftsschich­ten,
in diesem Fall dem städti­schen Kleinbür­gertum und der Bauernschaft, hinter­lassen.
Indem sie als entschlossene Vorhut der ge­samten unterdrückten Bevölkerung
handelte, de­monstrierte die Arbeiterklasse ihre Fähig­keit, das Vertrauen
dieser anderen Schichten zu gewinnen, die nicht imstande waren, als vereinte
gesellschaft­liche Kraft zu handeln. Und um diese Schichten auf der Seite der
Revolution zu halten, führte die Kommune eine Reihe von Maßnahmen ein, die ihre
materiellen Bürden erleichterten, die alle Arten von Schulden und Steuern
abschafften, die die unmittelbaren Unterdrückungsorgane der Bauern, "seine Blutsauger, den Advokaten, den
Gerichtsvollzieher und andere gerichtliche Vampire, in besoldete
Kommunalbeamte, von ihm selbst gewählt und ihm verantwortlich,"

verwandelten. (ebenda S.345)  Im Falle
der Bauern verblie­ben diese Maßnahmen größten­teils hypothe­tisch, da die Autorität
der Kommune nicht bis in die ländlichen Bezirke reichte. Aber die Arbeiter von
Paris gewannen in einem be­trächtlichen Umfang die Unterstützung des städti­schen
Kleinbürgertums, insbesondere durch den Aufschub der Schuldenobligatio­nen und
der Auf­hebung der Zins 

Der
Staat als notwendiges Übel

Auch die Wahlstrukturen der Kommune ver­setzten
die anderen nicht-ausbeutenden Schichten in die Lage, sich politisch am re­volutionären
Prozeß zu beteiligen. Dies war unvermeidbar und notwendig und sollte in der
Russischen Revolution wiederholt wer­den. Aber gleichzeitig können wir heute
aus der Perspektive des 20.Jahrhunderts sehen, daß ei­nes der Hauptanzeichen
dafür, daß die Kommune der ‘unreife’ Ausdruck der pro­letarischen Dikta­tur,
die Kreation einer Ar­beiterklasse war, die noch nicht ihre volle Entwicklung
erreicht hatte, die Tatsache war, daß die Arbeiter keine spezifi­sche und unab­hängige
Organisation in ihr oder ein ent­scheidendes Gewicht in ihrem Wahlmecha­nismus
hatten. Die Kommune wurde aus­schließlich von territorialen Einheiten (den Arrondissements) gewählt, die, auch wenn
sie vom Proletariat domi­niert waren, es der Ar­beiterklasse nicht erlaubten,
sich selbst als klar abgegrenzte autonome Kraft durchzuset­zen (besonders als
die Kommune sich aus­weitete, um die bäuerliche Mehrheit außer­halb von Paris
mit einzubeziehen). Deshalb waren die Arbeiterräte von 1905 und 1917-21, von
Beleg­schaftsversammlungen gewählt und in den Haupt­industriezentren gegründet,
als Form der proletari­schen Diktatur ein Fortschritt gegenüber der Kommune.
Wir gehen soweit zu sagen, daß die Form der Kommune enger mit dem aus
sämtlichen So­wjets (Arbeiter, Soldaten, Bauern, Stadtbe­wohner) zusammengesetzten
Staat verknüpft ist, der aus der Russischen Revolution ent­stand.
Die russische Erfahrung hat es möglich ge­macht,
das Verhältnis zwischen den klassen­spezifischen Organen, den Arbeiterräten,
und dem Sowjetstaat als Ganzes zu klären. Insbe­sondere zeigt sie, daß sich die
Arbeiterklasse nicht direkt mit letzterem identifizieren darf, sondern ihm
gegenüber eine ständige Wach­samkeit an den Tag legen und ihn durch ihre
eigenen Klassenorganisationen kontrol­lieren muß, welche sich an ihm beteiligen,
ohne verschlungen zu lassen. Diese Frage wird später in dieser Artikelreihe un­tersucht
wer­den, auch wenn sie bereits aus­führlich in unseren Publikationen (s. insbe­sondere
die IKS-Broschüre ‘Der Staat in der Übergangsperiode vom Kapitalis­mus zum
Sozialismus’) behandelt wurde. Aber es ist bemerkenswert, daß Marx bereits eine
Ahnung von diesem Pro­blem besaß. Der erste Entwurf von ‘Der Bür­gerkrieg in
Frankreich’ enthält folgende Zei­len:

"So ist die
Kommune nicht die soziale Bewegung der Arbeiterklasse und folglich nicht die
Bewegung einer allgemeinen Erneuerung der Menschheit, sondern ihr organisiertes
Mittel der Aktion. Die Kommune beseitigt      
nicht den Klassenkampf, durch den die arbeitenden Klassen die
Abschaffung aller Klassen, und folglich aller Klassenherrschaft erreichen
wollen .... aber sie schafft das rationelle Zwischenstadium, in welchem dieser
Klassenkampf seine verschiedenen Phasen auf rationellste und humanste Weise
durchlaufen kann." (MEW Bd.17, S.545f)

Hier zeigt sich der klare Blick für die Tatsa­che,
daß die wirkliche Dynamik zu einer kommunisti­schen Umwandlung nicht vom
nach-revolutionären Staat stammt, da sein Charakter wie bei allen Staaten darin
besteht, Klassenantagonismen zu enthalten, und es seine Funktion ist, die
Klassenantagonismen daran zu hindern, die Ge­sellschaft auseinanderzureißen.
Folglich nimmt er sich im Vergleich mit den tatsächli­chen sozialen Bewegungen
des Proletariats konservativ aus. Selbst im kurzen Leben der Kommune können wir
bestimmte Tendenzen in diese Richtung ausmachen. Besonders Lis­sagarays ‘Der
Pariser Kommune-Aufstand’ (Berlin 1931) ent­hält eine Menge Kritik an den
Unschlüssig­keiten, Verwirrungen und, in einigen Fällen, leeren Posen einiger
Rats­delegierter der Kommune. Viele von ihnen verkör­perten einen überholten
kleinbürgerlichen Radika­lismus, der häufig von den proletarischeren Ver­sammlungen
überlistet wurde. Zumindest einer der örtlichen revolutionären Vereine erklärte
die Kommune für aufgelöst, da sie nicht revolutionär genug sei!
Engels hat in einer bekannteren Passage si­cherlich
dasselbe Problem erforscht, als er sagte, daß der Staat - selbst der Halbstaat
der Übergangsperiode zum Kommunismus - "im  besten Fall ein Übel, das dem im Kampf um die
Klassenherrschaft siegreichen Proletariat vererbt wird und dessen schlimme
Seiten es ebensowenig wie die Kommune umhinkönnen wird, sofort möglichst zu
beschneiden, bis ein in neuen, freien Gesellschaftszuständen herangewachsenes Geschlecht
imstande sein wird, den ganzen Staatsplunder von sich abzutun."

(Einleitung zu ‘Der Bürgerkrieg in Frankreich’, MEW Bd.17, S.625). Ein weiterer
Be­weis dafür, daß, was den Marxismus angeht, die Stärke des Staates das Maß
der menschlichen Un­freiheit ist 

Vom
Krieg zwischen den Nationen zum
Klassenkrieg

Es gibt noch eine andere lebenswichtige Er­kenntnis
der Kommune, die sich nicht auf das Problem der proletarischen Diktatur
bezieht, sondern auf eine Frage, die in der Geschichte der Arbeiterklasse eine
besonders heikle war: die nationale Frage.
Wie wir schon angedeutet haben, erkannte Marx
und seine Tendenz in der Ersten Inter­nationale, daß der Kapitalismus noch
nicht den Gipfel seiner Entwicklung erklommen hatte. In der Tat wurde er immer
noch von den Überresten der feudalen Ge­sellschaft und anderen archaischen
Überbleibseln zurück­gehalten. Aus diesem Grund unterstützte Marx bestimmte
nationale Bewegungen, so­fern sie für die bürgerliche Demokratie und gegen den
Ab­solutismus, für nationale Verei­nigung gegen feu­dale Zersplitterung einstan­den.
Die Unterstützung der polnischen Unab­hängigkeit ge­gen den russischen
Zarismus, der italienischen und deutschen Vereinigung, des amerikanischen
Nordens im Bür­gerkrieg gegen die Sklavenhalter des Südens fußte auf dieser
materialistischen Lo­gik. Dies war auch der Grund, der die Sym­phatie und
aktive Solidari­tät der Arbeiter­klasse auslöste: In Großbritannien gab es zum
Beispiel Massenkundgebungen zugun­sten der polnischen Unabhängigkeit und große
Demonstrationen gegen die britische Intervention auf der Seite des amerikanischen
Südens, und das, obwohl der aus dem Krieg resultierende Baum­wollmangel zu
großer Not unter den Textilarbei­tern in Großbritannien führte.
In diesem Zusammenhang, wo die Bour­geoisie noch
nicht ihre fortschrittliche histori­sche Aufgabe erfüllt hatte, war die Frage
der nationalen Vertei­digungskriege noch ein wirkliches Problem, das ernsthaft
von den Revolutionären in jedem zwi­schenstaatlichen Krieg berücksichtigt werden
mußte. Und es stellte sich mit großer Schärfe, als der deutsch-französische
Krieg ausbrach. Die Poli­tik der Internationale gegenüber diesem Krieg wurde in
der ‘Ersten Adresse des Ge­neralrats der IAA über den deutsch-französi­schen
Krieg’ zu­sammengefaßt. Im wesentli­chen handelte es sich um eine Stellungnahme
auf der Basis des proletari­schen Internationa­lismus gegen die ‘dynastischen’
Kriege der herrschenden Klasse. Sie zitierte ein Mani­fest, das von der
französischen Sektion der Internationale verfaßt wurde, als der Krieg aus­brach:
"Abermals bedroht politischer
Ehrgeiz den Frieden der Welt unter dem Vorwand des europäischen Gleichgewichts
und der Nationalehre. Französische, deutsche und spanische Arbeiter! Vereinigen
wir unsere Stimmen zu einem Ruf des Abscheus gegen den Krieg .... Krieg wegen
einer Frage des Übergewichts oder wegen einer Dynastie kann in den Augen von
Arbeitern nichts sein als eine verbrecherische Torheit." (MEW Bd.17, S.4)

Solche Gefühle be­schränkten sich nicht allein auf die soziali­stische Minderheit:
Marx berichtete in der Ersten Adresse, wie internationalistische französische
Arbeiter die Kriegschauvinisten in den Straßen von Paris jagten.
Gleichzeitig stellte die Internationale fest,
daß "auf deutscher Seite der Krieg
ein Verteidigungskrieg ist."
Dies bedeutete jedoch nicht, daß damit
die deutschen Arbeiter mit dem Chauvinismus ver­giftet werden sollten: In
Beantwortung der Stel­lungnahme der franzö­sischen Sektion gliederten sich die
Deutschen der Internationale an, wobei sie zähneknir­schend akzeptierten, daß
ein Verteidigungs­krieg ein unvermeidliches Übel ist, und eben­falls erklärten "den gegenwärtigen Krieg für
einen ausschließlich dynastischen [zu betrachten] .... Mit Freuden ergreifen
wir die uns von den französischen Arbeitern gebotene Bruderhand .... Eingedenk
der Losung der Internationalen Arbeiterassoziation ‘Proletarier aller Länder,
vereinigt euch!’ werden wir nie vergessen, daß die Arbeiter aller Länder unsere
Freunde und die Despoten aller Länder unsere Feinde sind."
(Resolution
eines Tref­fens einer Delegation, die 50.000 sächsische Arbeiter vertrat, in
Chemnitz, MEW Bd.17, S.6)
Auch warnte die Erste Adresse die deutschen Ar­beiter
vor einer Verwandlung des Vertei­digungskrieges auf deutscher Seite in einen
Aggres­sionskrieg und enthielt bereits die An­erkennung der Bismarckschen Mitschuld
an dem Krieg, noch bevor dies durch die Emser Depesche enthüllt wurde, die das
Ausmaß aufzeigte, in dem Bismarck tatsächlich Bona­parte und sein ‘Zweites
Reich’ in den Krieg gelockt hatte. In jedem Fall wurde mit dem Zusam­menbruch
der französischen Armee bei Se­dan der Krieg zu einem Eroberungsfeldzug Preu­ßens.
Paris war besiegt, und die Kom­mune ent­stand im Zusammenhang mit der Frage der
natio­nalen Verteidigung. Das bo­napartistische Regime wurde 1870 durch eine
Republik ersetzt, da es sich als unfä­hig erwiesen hatte, Paris zu verteidigen;
jetzt bewies die Republik, daß sie die Haupt­stadt eher den Preußen auslieferte,
als zu erlauben, daß Paris in die Hände der bewaffneten Arbeiter fällt.
Aber obgleich die Pariser Arbeiter in ihren an­fänglichen
Aktionen immer noch eine Art defensi­ven Patriotismus oder die Bewahrung der
durch die Bourgeoisie selbst besudelten na­tionalen Ehre in ihren Köpfen
hatten, mar­kierte die Erhebung der Kommune dennoch eine historische Wasser­scheide.
Angesichts der Aussicht auf eine Arbeiter­revolution schlossen die preußische
und die franzö­sische Bourgeoisie ihre Reihen, um sie zu zer­schlagen: Die
preußische Armee entließ ihre Kriegsgefangenen, um die konterrevolutio­nären
französischen Kräfte unter Thiers zu verstärken, und gestattete letzteren bei
ihrem endgültigen Schlag gegen die Kommune den Weg durch ihre Linien. Aus
diesen Ereignis­sen zog Marx eine Schlußfol­gerung von hi­storischer Bedeutung:

"Daß nach
dem gewaltigsten Krieg der neuen Zeit die siegreiche und die besiegte Armee
sich verbünden zum gemeinsamen Abschlachten des Proletariats - ein so unerhörtes  Ereignis beweist, nicht wie Bismarck glaubt,
die endliche Niederdrückung der sich emporarbeitenden neuen Gesellschaft, sondern
die vollständige Zerbröckelung der alten Bourgeoisgesellschaft. Der höchste
heroische Aufschwung, dessen die alte Gesellschaft noch fähig war, ist der
Nationalkrieg, und dieser erweist sich jetzt als neuer Regierungsschwindel, der
keinen andern Zweck mehr hat, als den Klassenkampf hinauszuschieben, und der
beiseite fliegt, sobald der Klassenkampf im Bürgerkrieg auflodert. Die
Klassenherrschaft ist nicht länger imstande, sich unter einer nationalen
Uniform zu verstecken; die nationalen Regierungen sind eins gegenüber dem Proletariat."

(Der Bürgerkrieg in Frankreich, MEW Bd.17, S.360f)
Das Pariser Proletariat hatte für sich genom­men
bereits eine Anzahl von Schritten über seine an­fänglich patriotische Stellung
hinaus unternom­men: so das Dekret, das Ausländern gestattete "in
Erwägung, daß die Fahne der Kommune die Fahne der Weltrepublik ist",
(Erster Entwurf zu ‘Der Bürgerkrieg in Frankreich’, MEW Bd.17, S.531) der Kommune
zu dienen; die öffentliche Zerstörung der Säulen von Vendôme, Symbole des
Kriegsruhms Frankreichs. Die histori­sche Logik der Pariser Kommune sollte die
welt­weite Kommune vorantreiben, auch wenn dies da­mals noch nicht möglich war.
Daher war der Auf­stand der Pariser Arbeiter während des Deutsch-Französischen
Krieges, trotz aller patriotischer Phrasen, die ihn begleiteten, in Wahrheit
der Vor­bote der ausdrücklich gegen den Krieg gerichteten Aufstände von 1917-18
und der ihnen folgenden revolutionären Welle.
Marxens Schlußfolgerungen deuteten auch in die
Zu­kunft. Er mag etwas voreilig gewesen sein, als er sagte, daß die Bourgeoisie
1871 zu Staub zerfallen werde: Jenes Jahr mag das Ende der nationalen Frage in
Europa bedeu­tet haben, wie Lenin in sei­nem ‘Der Imperia­lismus - als  höchstes Stadium des Kapita­lismus’ an­merkte,
aber sie setzte ihre Existenz als Ko­lonialfrage fort, als der Kapitalismus in
seine letzte Expansionsphase trat. In einem tieferen Sinn jedoch nahm Marxens
Verurteilung der nationalen Kriege vorweg, was zu einer allgemei­nen Realität
werden sollte, nachdem der Kapitalis­mus in seine deka­dente Phase eingetreten
war: Fortan wurden alle Kriege zu imperialistischen Kriegen. Es gab keine Frage
der nationalen Ver­teidigung mehr, die das Proletariat betraf. Und die re­volutionären
Erhebungen von 1917-18 bestä­tigten ebenfalls, was Marx über die Fähigkeit der
Bourgeoisie ausgesagt hatte, sich gegen die Bedro­hung durch das Proletariat zu
ver­einigen: Ange­sichts der Möglichkeit einer weltweiten Arbeiterre­volution
entdeckten die Bourgeoisien Europas, die sich vier Jahre lang gegenseitig
zerfleischt hatten, daß sie genügend Gründe zum Friedenschließen be­saßen, um
die Herausforderung des Proleta­riats gegen ihre blutgetränkte Ordnung zu
ersticken. Einmal mehr waren die Regieren­den der Welt "eins gegenüber dem Proletariat."

Theorie und Praxis: 

Geschichte der Arbeiterbewegung: 

Entwicklung des proletarischen <br>Bewusstseins und der Organisation: 

Theoretische Fragen: