Der Kommunismus - Kein schönes Ideal, sondern eine Notwendigkeit [Serie I - Teil 7]

Das Studium des Kapitals und der kommunistischen Grundlagen

Teil
I:
Der geschichtliche Hintergrund

In den vorausgegangenen Artikeln in die­ser Reihe sahen wir,
daß, nachdem sie sich mit der Niederlage der Revolutionen von 1848 und dem
Anbruch einer neuen Peri­ode kapita­listischen Wachstums abgefun­den
hatten,  Marx und seine Richtung mit dem
Projekt ei­ner tiefgreifenden, theoreti­schen Untersu­chung begannen, die
darauf abzielte, die tatsächlichen Antriebskräfte der kapitalisti­schen
Produktionsweise und somit die wirkli­che Basis für ihre eventu­elle Ersetzung
durch eine kommunistische Ordnung zu enthüllen.
Schon 1844 hatten Marx in den  Ökono­misch- 
Philosophischen Manuskripten (ÖPM) und Engels in 'Umrisse zu einer
Kritik der Natio­nalökonomie' sowohl die ökonomischen Grundlagen der
kapitalisti­schen Gesellschaft als auch die Wirt­schaftstheorien der kapitali­stischen
Klasse, allgemein bekannt als "Nationalökonomie", zu untersuchen
begon­nen. Die Einsicht, daß eine Theorie des Kommunismus auf dem festen Boden
einer ökonomischen Analyse der bürgerli­chen Ge­sellschaft errichtet werden
muß, stellte bereits einen entscheidenden Bruch mit den utopi­schen Auffassungen
zum Kommunismus dar, welche in der bisheri­gen Arbeiterbewegung vorherrschend
ge­wesen waren. Denn sie be­deutete, daß die Entlarvung der Leiden und der
Entfrem­dung, die mit der kapitalistischen Produk­tionsweise einherkamen, sich
nicht mehr auf eine rein moralische Bemängelung ih­rer Ungerechtigkeiten
beschränkte. Viel­mehr wurden die Schrecken des Kapitalis­mus als
unvermeidliche Ausdrücke seiner wirt­schaftlichen und sozialen Struktur analysiert;
daher konnten sie nur durch den revolutio­nären Kampf einer sozialen Klasse
entfernt werden, die ein materielles Interesse an der Reorganisation der Gesell­schaft
hatte.
In den Jahren zwischen 1844 und 1848 ent­wickelte die
"marxistische" Fraktion ein kla­reres Verständnis der inneren Funkti­onsweise
des kapitalistischen Systems, eine mehr histo­risch-dynamische Auffassung, die
den Kapita­lismus als die letzte in einer langen Reihe von
Klassengesellschaften und als System identifi­zierte, dessen fun­damentalen
Widersprüche schließlich zu seinem Zusammenbruch führen und so die
Notwendigkeit und Möglichkeit ei­ner neuen kommunistischen Gesellschaft er­öffnen
würden. Jedoch bestand die vordring­lichste Aufgabe, derer sich die Revolutionäre
während jener Phase gegen­übersahen, darin, eine kommunistische politische
Organisation zu bilden und in den beispiellosen Aufständen zu inter­venieren,
welche Europa 1848 er­schütterten. Kurz, das Bedürfnis nach ei­ner aktiven
politischen Kraft gewann ge­genüber der Arbeit der theoretischen Weiterentwick­lung
den Vorrang. Demge­genüber wurde es mit der Niederlage der Revolutionen von
1848 und mit dem dar­auffolgenden Kampf gegen die aktivisti­schen und
immediatistischen Illu­sionen, der zum Ableben des Bundes der Kommu­nisten
führte, wichtig, vom reinen Ak­tivismus abzulassen und einen tiefergehen­den,
längerfristigen Blick für das Schicksal der ka­pitalistischen Gesellschaft zu
entwic­keln 

Politische
Ökonomie und darüberhinaus

Für über ein Jahrzehnt stürzte sich Marx also von neuem in
das riesige theoretische Projekt, das er sich selbst in den frühen 1840ern ge­stellt
hatte. Es war die Zeit, wo er viele Stun­den im Britischen Museum arbeitete,
nicht nur um die klassischen po­litischen Nationalöko­nomen zu studieren,
sondern auch um eine unermeßliche Masse an Informationen über die
Wirkungsweisen des zeitgenössischen Ka­pitalismus zu ver­arbeiten: das
Fabriksystem, Geld, Kredit, internationaler Handel - und wo er nicht nur die
frühe Geschichte des Kapita­lismus, sondern auch die Geschichte der vor-kapi­talistischen
Zivilisationen und Gesell­schaften studierte. Das anfängliche Ziel dieser
Untersuchung hatte er sich zehn Jahre zuvor gestellt: ein bedeutendes Werk über
die "Nationalökonomen" zu schaffen, das selbst nur Teil eines
globaleren Wer­kes sein sollte, welches sich unter anderem noch direkter mit
politischen Fragen und der Geschichte der so­zialistischen Idee be­faßt. Wie
Marx jedoch an Wedemeyer schrieb (27.6.1851): 
"Der Stoff, den ich
bearbeite, ist so verdammt viel ver­zweigt" (MEW; Bd.27 S.560)
, daß
der Redak­tionsschluß für die Arbeit über die National­ökonomen ständig
hinausgezögert wurde, zu­erst um Wochen, dann um Jahre; und tatsäch­lich sollte
sie nie beendet wer­den: allein der erste Band des Kapital wurde von Marx wirk­lich
abgeschlossen. Der Großteil des aus die­ser Zeit stammen­den Materials wurde
entwe­der von Engels vervollständigt und nicht vor Marx' Tod veröffentlicht
(die nächsten drei Bände des Kapital) oder kam, wie im Fall der Grund­risse der
Kritik der politischen Ökono­mie (Rohentwurf), nie über den Zustand einer
Sammlung von überarbeiteten Notizbü­chern hinaus, die im Westen nicht vor den
50er Jah­ren dieses Jahrhunderts erhältlich und bis 1973 nicht vollständig ins
Engli­sche übersetzt waren. Auch wenn dies eine Periode großer Armut und
persönlicher Not für Marx war, war sie dennoch auch die fruchtbarste Zeit in seinem
Leben, was die eher theoretische Seite seines Werkes angeht. Und es ist kein Zufall,
daß ein so großer Teil der gigantischen Lei­stung jener Jahre dem Studium der
politischen Öko­nomie gewidmet ist, da sie der Schlüssel zur Entwicklung eines
wirklich wissenschaftli­chen Verständnisses der Struktur und Dyna­mik der
kapitalistischen Produktionsweise ist.
In ihrer klassischen Form war die politi­sche Ökonomie einer
der fortschrittlichsten Aus­drücke der revolutionären Bourgeoisie: "Sie ist geschichtlich entstanden als
ein Teil der neuen Wissenschaften von der bürgerlichen Gesellschaft, die von
der Bourgeoisie in ihrem revolutionären Kampf um die Durchsetzung dieser neuen
ökono­mischen Gesellschaftsfor­mation geschaffen worden ist. Sie bildet die
realistische Er­gänzung zu der großen philoso­phischen, moralischen, ästhetischen,
psycho­logischen, juristischen und politischen 'Aufklärung', in der damals die
ideologi­schen Vertreter der aufsteigenden bürger­lichen Klasse die veränderte
Wirklichkeit des neuen bürgerlichen Lebens und das dieser wirklichen
Veränderung entspre­chende neue bürgerliche Bewußtsein zuerst ausgesprochen zu
haben." (Karl Korsch, Karl Marx, Europäische Ver­lagsanstalt Frankfurt
1967 S.64
)
Als solche war die politische Ökonomie bis zu einem gewissen
Punkt imstande, die wirkliche Bewegung der bürgerlichen Ge­sellschaft zu
analysieren: sie eher als To­talität denn als Summe von Fragmenten zu
betrachten und die ihr zugrundeliegenden Verhältnisse zu begrei­fen, statt sich
von oberflächlichen Phänome­nen täuschen zu lassen. Besonders die Arbei­ten von
Adam Smith und David Ricardo wa­ren dem Ge­heimnis im Herzen des Systems schon
sehr nahe gekommen: der Ursprung und die Bedeutung des Wertes, der 'Wert' von Waren.
Indem sie für die "produzierenden Klassen" gegen die wachsende Zahl
des para­sitären und trägen Adels eintraten, wa­ren diese Nationalökonomen der
engli­schen Schule in der Lage zu erkennen, daß der Wert einer Ware im
wesentlichen von dem Betrag der menschlichen Arbeit be­stimmt wird, der in ihr
verkörpert ist. Doch eben nur bis zu einem bestimmten Punkt. Da sie den
Standpunkt der neuen ausbeutenden Klasse ausdrückte, mußte die bürgerliche
Nationalökonomie unweiger­lich die Realität mystifizieren, um die ausbeu­terische
Natur der neuen Produkti­onsweise zu verschleiern. Und diese Nei­gung, die neue
Ordnung zu rechtfertigen, tat sich hervor, umso mehr die bürgerliche
Gesellschaft ihre innewohnenden Wider­sprüche enthüllte, vor allem den sozialen
Widerspruch zwischen Ka­pital und Arbeit und die ökonomischen Wider­sprüche,
die das System periodisch in die Krise stürz­ten. Bereits während der 1820er
und 1830er Jahre war sowohl der Klassen­kampf der Arbeiter als auch die Überproduk­tionskrise
endgültig wieder in Erscheinung getreten. Zwischen Adam Smith und Ricardo gibt es
bereits einen "Verlust an Fülle und
be­ginnende formali­stische Erstarrung"
(Korsch ebenda S.67), da sich
letzterer wenig mit der Untersu­chung des System in seiner Gesamtheit be­faßte.
Aber spätere Wirt­schafts"theoretiker" der Bourgeoisie waren noch
weniger in der Lage, irgendetwas Nützliches zum Verständ­nis ihrer eigenen
Ökonomie beizutragen. Die­ser Nieder­gangsprozeß erreichte wie alle Aspekte
bürgerlicher Ideen seinen Gipfel in der de­kadenten Periode des Kapitalismus.
Die meisten heutigen Wirtschaftsschulen tun den Gedanken, daß menschliche
Arbeit etwas mit Wert zu tun hat, als lächerlichen Anachronis­mus ab; fast
überflüssig zu er­wähnen, daß die­selben Nationalökonomen äußerst verwirrt über
den wachsenden und offenkundigen Zu­sammenbruch der mo­dernen Weltwirtschaft
sind.
Marx näherte sich der klassischen politi­schen Ökonomie auf
dieselbe Weise wie der Philo­sophie 
Hegels: Indem er sie von einem pro­letarischen und revolutionären Standpunkt
aus anfaßte, war er imstande, sich ihre wichtigsten Beiträge einzuverlei­ben
und über ihre Grenzen hinaus zu ge­hen. Er war daher fähig aufzuzei­gen, daß:
- obwohl diese elementare Tatsache im kapita­listischen
Produktionsprozeß ver­schleiert wird, der Kapitalismus im Gegen­satz zu frühe­ren
Klassengesellschaften nichtsdestoweniger ein System der Klas­senausbeutung ist
und nichts anderes. Das war die wesentliche Bot­schaft seiner Kon­zeptionen vom
Mehrwert;
-  der Kapitalismus,
trotz seines unglaub­lich expansiven Charakters und seines Drangs, den gesamten
Planeten seinen Ge­setzen untertan zu machen, nicht weniger als die Sklaverei
Roms oder der mittelal­terliche Feudalismus eine historisch vor­übergehende
Produktions­weise ist; daß eine Gesellschaft, die auf eine universale
Warenproduktion fußt, unvermeid­lich dazu verurteilt ist, durch die eigentliche
Logik ihrer Wirkungsweise letztendlich zu zer­fallen und zu kollabieren;
-  der Kommunismus
daher eine materielle Möglichkeit ist, die durch die unerhörte Ent­wicklung der
Produktivkräfte des Ka­pitalismus selbst bewirkt wurde; er ist auch eine Not­wendigkeit,
wenn die Menschheit den zerstö­rerischen Konsequenzen der ökonomischen
Widersprüche im Kapita­lismus entrinnen soll.
Auch wenn der Höhepunkt des Werkes von Marx während dieser
Periode das - zum Teil erstaunlich detaillierte - Studium der Gesetz­mäßigkeiten
des Kapitals ist, sollte sich das Werk in seiner Gesamtheit jedoch nicht darauf
beschränken. Marx hatte von Hegel das Ver­ständnis dafür geerbt, daß das Besondere
und das Kon­krete - in diesem Fall der Kapitalismus - nur in seiner
historischen Totalität begrif­fen werden kann, das heißt, vor dem riesi­gen
Hintergrund all der Formen menschli­cher Ge­sellschaft seit den frühesten Tagen
der Spe­zies. In den ÖPM sagte Marx 1844, daß der Kommunismus das "aufgelöste Rätsel der Ge­schichte"
(ÖPM S.99 (1) sei. Der Kommunis­mus ist der unmittelbare Erbe des Kapitalis­mus;
aber ebenso wie das individuelle Kind das Pro­dukt all der Generationen war,
die vor ihm kamen, so könnte man auch sagen, 
"Die ganze Bewegung der Geschichte
ist daher, wie sein wirklicher Zeugungsakt -der Ge­burtsakt seines empirischen
Daseins" (ÖPM S.99)
nämlich der kommunistischen Gesellschaft. Aus
diesem Grunde enthält auch ein Gutteil der Schriften von Marx über das Kapital
lange Exkurse sowohl zu 'anthropologischen' Fra­gen - Fragen über die
Charakteristiken des Menschen im all­gemeinen - als auch zu den Produktions­weisen,
die der bürgerlichen Ge­sellschaft vorausgingen. Dies trifft besonders auf die
Grundrisse zu; in einer Hinsicht die "Rohfassung" des Kapital, sind
sie auch eine Einleitung zu weiterreichenden Nachforschun­gen, in welchen Marx
sich lang und breit nicht nur mit der Kritik der politischen Ökonomie als
solcher befaßte, sondern auch mit einigen der anthropologi­schen und
philosophischen Fragen, die er 1844 in den ÖPM aufgegriffen hatte, ganz
besonders mit dem Verhältnis zwi­schen Mensch und Natur und dem Problem der
Entfremdung. Sie enthalten auch Marx' durchdachteste Darstellung der mannigfal­tigen
vor-kapitalistischen Produktionswei­sen. All diese Fragen finden jedoch auch
Eingang ins Kapital, besonders im ersten Band, wo sie am ausgearbeitetsten und
konzentriertesten er­scheinen.
Bevor wir uns der Analyse der kapitalisti­schen Gesellschaft
im einzelnen zuwenden, wollen wir einen Blick auf die allgemeine­ren und hi­storischen
Themen werfen, die er in den Grundrissen und im Kapital be­handelt, da sie für
Marxens Verständnis  der Perspektiven und
Strukturen des Kommunismus nicht min­der wichtig sind.

Mensch,
Natur und Entfremdung

Wir haben bereits erwähnt, daß es eine Gei­stesschule gibt,
die auch einige authen­tische Nachfolger von Marx beherbergt, der zufolge das
Werk des reifen Marx zeigt, er habe das Interesse an bestimmten Untersuchungsrich­tungen
verloren, ja diese sogar verworfen, 
denen er in seinen frühen Arbeiten gefolgt sei, besonders in den
'Pariser Manuskripten' (ÖPM) von 1844: der Frage des "spezifischen
Seins" des Menschen, dem Verhältnis zwi­schen Mensch und Natur und dem
Problem der Entfremdung. Das Argument lautet, daß solche Konzeptionen an die
"Feuerbachianer" gebunden, humanisti­sche und gar utopische
Blickweisen des Kommunismus seien, die Marx vor der endgültigen Entwicklung der
Theorie vom historischen Materialismus ver­trat. Zwar streiten wir nicht ab,
daß es einige "philosophische" Überbleibsel in seiner Pari­ser
Periode gibt, aber wir haben be­reits das Argument vorgebracht, daß das Festhalten
von Marx an der kommunisti­schen Bewegung sich auf die Annahme ei­ner Position
gründete, die ihn jenseits der utopischen Sozialisten zu ei­nem proletari­schen
und materialistischen Standpunkt führte. Die Auffassung vom Men­schen, von
seinem "spezifischen Sein" in den ÖPM ist nicht dieselbe wie
Feuerbachs "stumme Gattung", die in den Thesen über Feuerbach
kritisiert worden ist. Es ist keine abstrakte, individualisierte Religion der
Hu­manität, sondern bereits eine Auf­fassung vom sozialen Menschen, vom
Menschen als We­sen, das sich selbst durch kollektive Arbeit schafft. Und wenn
wir uns den Grundrissen und dem Kapital zu­wenden, sehen wir, daß diese
Definition hier eher vertieft und geklärt als abgelehnt wird. Sicherlich
verneint Marx in den The­sen über Feuerbach kategorisch jede Idee eines statischen
menschlichen Sinnes und besteht darauf, daß "das menschliche We­sen .... kein dem einzelnen Individuum inne­wohnendes
Abstraktum [ist]. In seiner Wirk­lichkeit ist es das ensemble der gesellschaftli­chen
Verhältnisse". (Fischer Studienausgabe 1 S.142)
Aber dies be­deutet
nicht, daß der Mensch "als solcher" eine Nicht-Realität, ein
unbeschriebenes Blatt ist, das in seiner Ge­samtheit und ab­solut von jeder
einzelnen Form der sozia­len Organisation gestaltet wird. Solch ein Blick würde
es dem historischen Materia­lismus unmöglich machen, sich der menschli­chen
Geschichte in ihrer Gänze anzunähern; er würde auf eine Reihe von
zersplitterten Schnappschüssen eines jeden 'Typus' von Ge­sellschaft
hinauslaufen, die nichts miteinander verbindet zu einem um­fassenden Bild. Die
Annäherung an diese Frage in den Grundris­sen und im Kapital ist weit entfernt
von dieser soziologischen Vereinfachung; stattdessen gründet sie sich auf die
Vision des Menschen als eine Spe­zies, deren einmaliger Charakter in der Fähigkeit
besteht, sich selbst und seine Werkzeuge durch den Arbeitsprozeß und durch die
Geschichte umzugestalten.
Die "anthropologische" Frage, die Frage, was die
Gattung Mensch von anderen Spe­zies un­terscheidet, wird im ersten Band des
Kapital aufgenommen. Es fängt an mit der Definition von Arbeit, denn es ist die
Arbeit, durch die sich der Mensch selbst schafft. Der Arbeits­prozeß ist "ewige Na­turbedingung des men­schlichen
Lebens und daher unabhängig von jeder Form die­ses Lebens, vielmehr allen sei­nen
Gesell­schaftsformen gleich" (3.Abschnitt, 5.Kapitel, 'Der Arbeitsprozeß'
MEW S.198). "Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwischen Mensch und Natur,
ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine
eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Natur­stoff selbst
als eine Naturmacht gegenüber. Die seiner Leib­lichkeit angehörigen Natur­kräfte,
Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Natur­stoff in
einer für sein eignes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese
Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich
seine eigne Natur. Er entwickelt die in ihr schlummernden Potenzen und unterwirft
das Spiel ihrer Kräfte seiner eignen Botmäßig­keit. Wir haben es hier nicht mit
den ersten tierartig instinktmäßi­gen Formen der Arbeit zu tun. Dem Zu­stand,
worin der Arbeiter als Ver­käufer seiner eignen Arbeitskraft auf dem Wa­renmarkt
auftritt, ist in urzeitlichen Hinter­grund der Zustand entrückt, worin die men­schliche
Arbeit ihre erste instinktartige Form noch nicht abgestreift hat. Wir unter­stellen
die Arbeit in einer Form, worin sie dem Menschen ausschließlich angehört. Eine
Spinne verrich­tet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene
beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumei­ster. Was
aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeich­net,
ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am
Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Re­sultat heraus, das beim Beginn dessel­ben
schon in der Vorstellung des Arbei­ters, also schon ideell vorhanden war"
(ebenda, S.192/193).

In den Grundrissen wird der soziale Cha­rakter dieser
"ausschließlich menschli­chen" Form der Aktivität ebenso betont:
"Daß das Bedürf­nis des einen durch
das Produkt des anderen und vice versa 
be­friedigt werden kann und der eine fähig ist, den Gegenstand dem Be­dürfnis
des ande­ren zu produzieren und jeder dem anderen als Eigentümer des Objekts
des Bedürfnis­ses des andern gegenübersteht, zeigt, daß jeder als Mensch über
sein eignes Bedürf­nis etc. übergreift und daß sie sich als Men­schen
zueinander verhalten; daß ihr gemein­schaftliches Gattungswesen von al­len
gewußt ist. Es kömmt sonst nicht vor, daß Elefanten für Tiger oder Tiere für an­dere
Tiere produ­zieren...." (MEW 42 S.168).
Diese Definition des Menschen
als ein Tier, das allein ein Selbstbewußtsein und ein zielbewußtes Han­deln
besitzt, das eher universell als einseitig produziert, äh­nelt verblüffend den
in den ÖPM enthalte­nen Formulierungen (2).
Erneut gehen diese Definitionen, wie in den ÖPM, davon aus,
daß der Mensch Teil der Natur ist: in obigem Zitat aus dem Ka­pital ist der
Mensch "eine Naturmacht", während die Grundrisse exakt dieselbe
Terminologie wie in den Pariser Texten benutzen: Die Natur ist der "reale
Leib"(MEW 42 S.447) des Menschen. Der Fortschritt in den älteren Werken
gegen­über den früheren jedoch besteht in dem tiefe­ren Einblick in die
historische Evolu­tion des Verhältnisses zwischen dem Men­schen und dem Rest
der Natur:

"Nicht die Einheit der
lebendigen und täti­gen Menschen mit den natürlichen, unor­ganischen
Bedingungen ihres Stoffwechsels mit der Natur und daher ihre Aneignung der
Natur -bedarf der Erklärung oder ist Resultat eines histori­schen Prozesses,
son­dern die Trennung, wie sie vollständig erst gesetzt ist im Verhältnis von
Lohnarbeit und Kapital." (MEW 42 S.347)

Dieser Prozeß der Trennung zwischen Mensch und Natur ist von
Marx auf eine tief­gehende dialektische Weise gesehen worden.
Auf der einen Seite handelt es sich dabei um das Erwachen
der "schlummernden Potenzen" im Menschen, die Macht, sich selbst und
die Welt um ihn herum anzu­passen. Dies ist der allgemeine Charakter des Arbeitsprozesses:
die Geschichte als eine allmähliche, auch un­stete Entwicklung der menschlichen
Produkti­onskapazitäten. Aber diese Entwicklung wurde in den so­zialen
Formationen, die dem Kapital vor­ausgingen, immer zurückgehalten, da die
Grenzen einer Naturalwirtschaft den Men­schen stets an die Naturzyklen
gefesselt hielt. Der Kapitalismus dagegen schafft ein völlig neues Potential
für die Überwindung dieser Unterordnung:

"Dadurch der große
zivilisierende Einfluß des Kapitals; seine Produktion einer Gesell­schaftsstufe,
gegen die alle frühren nur als lo­kale Entwicklungen der Mensch­heit und als
Vergötterung der Natur er­scheinen. Die Natur ist erst rein Gegen­stand für den
Menschen, rein Sache der Nützlichkeit; hört auf, als Macht für sich erkannt zu
werden; und die theoretische Erkenntnis ihrer selbständigen Gesetze er­scheint
selbst nur als List, um sie den men­schlichen Bedürfnissen, sei es als Ge­genstand
des Konsums, sei es als Mittel der Produktion, zu unterwerfen. Das Ka­pital  treibt dieser seiner Tendenz nach ebensosehr
hinaus über nationale Schran­ken und Vorur­teile wie über Naturvergötte­rung
und überlie­ferte, in bestimmten Gren­zen selbstgenügsam eingepfählte Befriedi­gung
vorhandener Be­dürfnisse und Repro­duktion alter Lebensweise. Es ist destruktiv
gegen alles dies und bestän­dig revolutio­nierend, alle Schranken nieder­reißend,
die die Entwicklung der Bedürfnisse, die Man­nigfaltigkeit der Produktion und
die Ex­ploitation und den Austausch der Natur- und Geisteskräfte hemmen."
(MEW 42 S.323)

Auf der anderen Seite hat die Eroberung der Natur durch das
Kapital, seine Redu­zierung der Natur auf ein bloßes Objekt die wider­sprüchlichsten
Folgen. Wie Marx fortfährt:

"Daraus aber, daß das
Kapital jede solche Grenze als Schranke setzt und daher ideell darüber weg ist,
folgt keineswegs, daß es sie real überwunden hat, und da jede sol­che Schranke
seiner Bestimmung wider­spricht, bewegt sich seine Produktion in Widersprü­chen,
die beständig überwun­den, aber ebenso beständig gesetzt wer­den. Noch mehr.
Die Universalität, nach der es unaufhaltsam hin­treibt, findet Schranken an
seiner eigenen Natur, die auf einer gewissen Stufe seiner Entwick­lung es
selbst als die größte Schranke die­ser Tendenz werden erkennen lassen und daher
zu seiner Aufhebung durch es selbst hintreiben" (ebenda S.323f)
.
Nach  80 Jah­ren der kapitalistischen
Dekadenz, einer Epoche, in der das Kapital endgültig zum größten Hin­dernis
seiner eigenen Expan­sion geworden ist, können wir hier die volle Gültigkeit
der Pro­gnosen von Marx würdigen. Je größer die Entwicklung der Produktivkräfte
des Kapita­lismus, je uni­verseller seine Herrschaft über den Plane­ten, desto
größer und zerstörerischer sind die Krisen und Katastrophen, die er in sei­nem
Kielwasser mitführt: nicht nur die di­rekt ökonomischen, sozialen und politi­schen
Krisen, sondern auch seine "ökologischen" Krisen, die die Drohung
eines vollständigen Zusammenbruchs des "Stoffwechselprozesses des Menschen
mit der Natur" bedeuten.
Es ist völlig klar, daß im Gegensatz zu vielen
pseudo-radikalen Kritiken am Mar­xismus die Anerkennung des zivilisieren­den
Einflusses des Kapitals durch Marx nie eine Entschuldi­gung für das Kapital
war. Der historische Pro­zeß, in dem sich der Mensch  selbst vom Rest der Natur getrennt hat, ist
gleichzeitig eine Chronik der Selbst-Entfremdung des Men­schen. Diese hat ihren
Gipfel bzw. Tiefpunkt mit dem Lohnarbeitsverhältnis erreicht, wel­ches die Grundrisse
als "die äußerste Form der Entfremdung" (MEW 42 S.423) definie­ren.
Dies mag in der Tat häufig den Anschein gegeben haben, als ob kapitali­stischer
'Fortschritt', der jedes menschli­che Bedürfnis gnadenlos der unaufhörli­chen
Ausweitung der Produktion unterord­net, im Vergleich mit frü­heren Epochen eher
ein Rückschritt ist:

"So erscheint die alte
Anschauung, wo der Mensch, in welcher bornierten, nationalen, religiösen,
politischen Bestimmung auch im­mer als Zweck der Produktion erscheint, sehr
erhaben zu sein gegen die moderne Welt, wo die Produktion als Zweck des
Menschen und der Reichtum als Zweck der Produktion er­scheint....In der
bürgerlichen Ökonomie -und der Produktionsepoche, der sie entspricht- er­scheint
diese völlige Herausarbeitung des menschlichen Innern als völlige Entleerung;
diese universelle Vergegenständlichung als totale Entfrem­dung und die
Niederreißung al­ler be­stimmten einseitigen Zwecke als Aufopfe­rung des Selbstzwecks
unter einen ganz äuße­ren Zweck". (MEW 42 S.395f)

Und dennoch bedeutet dieser endgültige Tri­umph der
Entfremdung auch das Er­scheinen von Bedingungen für die volle Verwirklichung
der schöpferischen Kraft der Menschheit, die sowohl von der Un­menschlichkeit
des Kapitals als auch von den Beschränkungen vor-kapita­listischer sozialer
Beziehungen befreit ist: "In Wirk­lichkeit
aber, wenn die bornierte bürger­liche Form abgestreift wird, was ist der
Reichtum anders, als die im universellen Aus­tausch erzeugte Universalität der
Be­dürfnisse, Fähigkeiten, Genüsse, Produk­tivkräfte etc. ...? Die volle Entwicklung
der menschlichen Herr­schaft über die Natur­kräfte, die der soge­nannten Natur
sowohl wie seiner eigenen Na­tur? Das absolute Herausarbeiten seiner
schöpferischen An­lagen, ohne andere Voraus­setzung als die vorhergegangene
historische Entwicklung, die diese Totalität der Entwick­lung, d.h. der
Entwicklung aller menschlichen Kräfte als solcher, nicht gemessen an einem vor­gegebenen
Maßstab, zum Selbstzweck macht? Wo er sich nicht reproduziert in einer
Bestimmheit, sondern seine Totalität produ­ziert? Nicht irgendetwas Gewordenes
zu blei­ben sucht, sondern in der absoluten Bewegung des Werdens ist?"
(MEW 42 S. 395f)

Diese dialektische Geschichtsanschauung bleibt ein Puzzle und
ein Skandal für all die Verteidiger des bürgerlichen Stand­punktes, welcher auf
ewig in einem 'Entweder-Oder'-Dilemma zwischen einer Blanko-Entschuldi­gung des
'Fortschritts' und einer nostalgischen Sehnsucht nach ei­ner idealisierten
Vergangen­heit steckt: "Auf frühren
Stufen der Entwick­lung er­scheint das einzelne Individuum voller, weil es eben
die Fülle seiner Beziehungen noch nicht herausgearbeitet hat und als von ihm
unabhängige Mächte und Verhält­nisse sich gegenübergestellt hat. So lä­cherlich
es ist, sich nach jener ursprüngli­chen Fülle zu­rückzusehnen, so lächerlich
ist der Glaube, bei jener vollen Entleerung stehnbleiben zu müssen. Über den
Gegen­satz gegen jene ro­mantische Absicht ist die bürgerliche nie hin­ausgekommen,
und darum wird jene als be­rechtigter Gegen­satz sie bis an ihr seliges Ende
begleiten." (MEW 42 S. 95f)

In all diesen Zeilen können wir sehen, daß al­les, was auf
die Problematik der "Gattung Mensch" und ihr Verhältnis zur Natur, zu­trifft,
auch auf seine Konzeption der Entfrem­dung zutrifft: weit davon ent­fernt, die
funda­mentalen Auffassungen, die er in seinen frü­hen Werken formuliert hatte,
abzuschaffen, bereicherte der "reife" Marx sie, indem er sie in ihrer
allgegen­wärtigen historischen Dyna­mik plazierte. Und im zweiten Teil dieses
Ar­tikels wer­den wir sehen, wie Marx in den Be­schreibungen der zukünftigen
Gesellschaft, die hier und da in den Grundrissen und im Kapital enthalten sind,
immer noch be­rücksichtigt, daß die Überwindung der Entfremdung und die
Errungenschaft eines wirklich menschlichen Handelns der Hö­hepunkt des gesamten
kom­munistischen Projekts bleibt.

Von
der alten zur neuen Gemeinschaft

Dieser widersprüchliche "Verfall" vom scheinbar
entwickelteren Individuum frü­herer Zeiten zum entfremdeten Ego der
bürgerlichen Gesellschaft drückt eine an­dere Facette der hi­storischen
Dialektik von Marx aus: die Auflö­sung von ursprünglich gemeinschaftlichen
Formen durch die Entwicklung der Warenbe­ziehungen. Dies ist ein Thema, das
sich durch die ganzen Grundrisse zieht, aber es wird auch im Kapital
zusammengefaßt. Es ist ein Angel­punkt in der Antwort von Marx zur Sicht­weise
der in der politischen Ökonomie der Bourgeoisie gefangenen Menschheit und somit
in seiner Skizze der kommunisti­schen Perspektive.
Tatsächlich gilt eine der hartnäckigsten Kriti­ken an der
politischen Ökonomie der Bour­geoisie in den Grundrissen der Art und Weise, wie
sie "mythologisierend sich rein identifi­ziert mit den vergangenen"
(MEW 42 S.40), wie sie ihre eigenen be­sonderen Kategorien in absolute Katego­rien
der menschlichen Exi­stenz umwan­delt. Manchmal wird es die Ro­binson-Cru­soe-Sichtweise
der Geschichte ge­nannt: das isolierte Individuum, nicht der so­ziale Mensch
als Ausgangspunkt; Privatei­gentum als ursprüngliche und wesentliche Ei­gentumsform;
der Handel, mehr noch als die kollektive Arbeit, als Schlüssel zum Verständ­nis
für die Erzeugung von Reichtum. Daher eröffnet Marx auf der unmittelbar ersten
Seite der Grundrisse das Feuer auf solche "Robinsonaden" und be­steht
darauf, "Je tiefer wir in der Ge­schichte
zurückgehen, je mehr erscheint das Individuum, daher auch das produzie­rende
Individuum, als unselbständig, ei­nem größren Ganzen angehörig: erst noch in
ganz natürlicher Weise in der Familie und der zum Stamm erweiterten Familie;
später in dem aus dem Gegensatz und der Verschmelzung der Stämme hervorgehen­den
Gemeinwesen in seinen verschiedenen Formen. Erst in dem 18.Jahrhundert, in der
'bürgerlichen Gesell­schaft', treten die verschiedenen Formen des
gesellschaftli­chen Zusammenhangs dem ein­zelnen als bloßes Mittel für seine
Privatzwecke entge­gen, als äußerliche Notwendigkeit." (MEW 42 S.20)

Daher ist das isolierte Individuum vor al­lem ein
historisches Produkt und insbeson­dere ein Erzeugnis der bürgerlichen Pro­duktionsweise.
Die gemeinschaftlichen Formen von Eigentum und Produktion sind nicht nur
ursprüngliche soziale Formen, herrschten nicht nur in primi­tiven Epo­chen; sie
existierten auch in allen klassen­geteilten Produktionsweisen fort, wel­che der
Auflösung der primitiven klassenlosen Gesellschaft folgten. Dies wird am deutlich­sten
in der 'asiatischen' Produkti­onsweise, in der ein zentraler Staatsapparat sich
den Über­schuß von Stadtgemeinden aneignet, die ihrer­seits mit dem seit un­denklichen
Zeiten übli­chen Stammesleben fortfahren - eine Tatsache, die nach Marx "den Schlüssel zum Geheimnis der Unver­änderlichkeit
asiatischer Gesell­schaften" (MEW 23 S.379)
liefert. In den Grundris­sen
besteht Marx auf der Klärung der Frage, warum sich die asiatische Form "am zähesten und längsten hält" (MEW
S.394), ein Punkt, der von Rosa Luxem­burg in 'Die Ak­kumulation des Kapitals'
aufgenommen wurde, als sie aufzeigte, wie schwer es für Kapital und Warenbeziehun­gen
war, die Ba­siseinheiten dieser Gesell­schaft aus der Si­cherheit ihrer gemeinwirt­schaftlichen
Verhält­nisse zu drängen.
In Sklaven- und Feudalgesellschaften war die antike
Gemeinschaft weitaus gründli­cher durch die Entwicklung von Warenbe­ziehungen
und Privateigentum vorange­trieben worden - eine Tatsache, die ein gutes Stück
zu der Er­klärung beiträgt, warum Sklaverei und Feuda­lismus die in­nere Dynamik
enthielten, welche das Er­scheinen des Kapitalismus erlaubte, wo­hingegen der
asiatischen Gesellschaft der Kapitalismus 'von außen' aufgezwungen wer­den
mußte. Nichtsdestoweniger können wich­tige Überreste der Gemeinschaftsform im
Ur­sprung der erstgenannten Gesell­schaften ge­funden werden: Die römische
Stadt zum Bei­spiel entstand aus einer Ge­meinschaft bluts­verwandter Gruppen;
der Feudalismus ent­stand nicht allein aus dem Zusammenbruch der römischen
Sklaven­gesellschaft, sondern auch aus den spezifi­schen Charakteristiken
'germanischer' Stammesgemeinschaften; und die Tradition der Allmende (des Gemeinde­lands)
wurde von den ländlichen Klassen - sehr häufig ein motivierender Anlaß für ihre
Aufstände und Revolten - das ganze Mittelal­ter hin­durch aufrechterhalten. Das
gemein­same Charakteristikum all dieser sozialen For­men besteht darin, daß sie
von der Natu­ralwirtschaft dominiert waren: Die Her­stellung von Gebrauchswert
hatte Vorrang vor der Produktion von Tauschwert, und es ist die Entwicklung des
letzteren, die die treibende Kraft bei der Auflösung der alten Gemein­schaft
war: "Die Geldgier oder Bereiche­rungssucht
ist notwendig der Un­tergang der alten Gemeinwesen. Daher  der Gegensatz dagegen. Es selbst ist das Gemeinwesen
und kann kein andres über ihm stehendes dulden. Das unterstellt aber die
völlige Entwicklung der Tauschwerte, also einer ihr entsprechen­den
Organisation der Gesellschaft." (MEW 42 S.149) "Bei den Alten war
nicht der Tausch­wert der nexus rerum" (ebenda S.149),
aber exi­stierte
in ihren "Zwischenräumen"; und so ist es erst die kapitalistische
Gesellschaft, wo der Tauschwert endgültig zum eigentli­chen Mittelpunkt des
Produktionsprozesses und das antike Gemeinwesen so endgültig und voll­kommen
zerbrochen wird, bis das Gemein­schaftsleben als das tatsächliche Gegenteil der
menschlichen Natur darge­stellt wird ! Es ist leicht ersichtlich, wie diese
Analyse der Theo­rie der Entfrem­dung von Marx gleichkommt und sie be­kräftigt.
Die Wichtigkeit dieses Themas des ursprüng­lichen
Gemeinwesens im Werk von Marx spiegelt sich im Zeitaufwand wider, den die
Begründer des historischen Materialismus ihm widmeten. Es war be­reits in der
Deutschen Ideologie in den 1840ern erschienen; Engels, der sich auf die ethnographischen
Studien von Morgan stützte, nahm dieselbe Frage in den 1870ern wieder auf,
in  'Der Ursprung der Familie, des
Privateigentums und des Staates'. Am Ende seines Lebens vergrub sich Marx
erneut tief in diese Frage - die wenig er­forschten 'Ethnographischen No­tizbücher'
stammen aus dieser Periode. Sie war eine we­sentliche Komponente der
marxistischen Ant­wort auf die Annahmen der politischen Öko­nomie über die men­schliche
Natur. Kategorien wie Privatei­gentum und Tauschwert wurden nicht im
entferntesten als wichtige und unab­änderliche Merkmale der menschlichen Exi­stenz,
sondern als vorübergehende Ausdrücke besonderer historischer Epo­chen
dargestellt. Und während die Bour­geoisie versuchte, die Gier nach monetä­rem
Reichtum als etwas  hinzustellen, das zu
den Grundzügen men­schlicher Existenz gehöre, enthüllten die histo­rischen For­schungen
von Marx den wesentlich sozia­len Charakter der menschlichen Gattung. All diese
Entdeckungen waren natürlich ein mächtiges Argument für die Möglich­keit des
Kommunismus.
 Und nie ist die
Annäherung von Marx an diese Frage in eine romantische Nostalgie für die
Vergangenheit gerutscht. Hier wie in der Frage des Verhältnisses des Men­schen
zur Natur ist die gleiche Dialektik angewendet worden, denn die beiden Fra­gen
sind in Wirk­lichkeit eine einzige: In der primitiven kom­munistischen Gesell­schaft
ist das Individuum im Stamm und der Stamm in der Natur aufge­gangen. Diese
sozialen Organismen "sind be­dingt
durch die niedrige Entwicklungsstufe der Produktivkräfte der Arbeit und entspre­chend
befangene Verhältnisse der Men­schen inner­halb ihres materielllen Lebens­prozesses,
daher zueinander und zur Na­tur. Diese wirkliche Befangenheit spiegelt sich
ideell in den alten Natur- und Volks­religionen."  (Das Kapital, Bd.1, Kapitel 1, Abschnitt 4,
MEW 23 S.93f
)

Die kapitalistische Gesellschaft ist daher mit ihren Massen
von atomisierten Indivi­duen, die durch die Herrschaft der Ware getrennt und
entfremdet voneinander sind, das ganze Ge­genteil des primitiven Ge­meinwesens,
das Re­sultat eines langen und widerstreitenden histo­rischen Prozesses, der
von einem ins andere führte. Aber diese strikte Nabelschnur, die ur­sprünglich
den Menschen an Stamm und Na­tur band, ist eine schmerzliche Notwendigkeit,
falls die Menschheit letztlich in einer Gesell­schaft leben will, die
gleichzeitig wahrhaft gemeinschaftlich und wahrhaft individuell ist, eine
Gesellschaft, in der der Konflikt zwischen sozialen und individuellen Be­dürfnissen
über­wunden ist.

Aufstieg
und Dekadenz sozialer
Formationen

Das Studium vorhergehender sozialer Forma­tionen wurde erst
durch das Auftre­ten des Ka­pitalismus ermöglicht:

"Die bürgerliche
Gesellschaft ist die entwic­kelste und mannigfaltigste histori­sche Organi­sation
der Produktion. Die Kategorien, die ihre Verhältnisse ausdrüc­ken, das Verhältnis
ihrer Gliederung ge­währen daher zugleich Einsicht in die Gliederung und die
Produkti­onsverhältnisse aller der untergegangenen Gesellschaftsformen, mit
deren Trümmern und Elementen sie sich aufbaut,..." (MEW 42 S.39)

Gleichzeitig wird dieses Ver­ständnis der sozialen Formationen in den Händen
des Pro­letariats zu einer Waffe gegen das Kapital. Wie Marx es im Kapi­tal,
Bd.1, ausdrückt: "Derartige Formen
bilden eben die Kategorien der bürgerli­chen Ökonomie. Es sind gesell­schaftlich
gültige, also objektive Gedanken­formen für die Produktionsverhältnisse dieser
histo­risch bestimmten gesellschaftlichen Pro­duktionsweise, der Warenproduktion.
Aller Mystizismus der Warenwelt, all der Zauber und Spuk, welcher Arbeitsprodukte
auf Grundlage der Warenproduktion umnebelt, verschwindet daher sofort, sobald
wir zu an­deren Produktionsformen flüchten."  (Kapitel 1, Abschnitt 4, MEW 23 S.90
)
Kurz, der Ka­pitalismus ist nur eine aus ei­ner Reihe von so­zialen
Formationen, die entsprechend ihrer sichtbaren ökonomi­schen und sozialen Wider­sprüche
aufge­stiegen und gefallen sind. In die­sem histo­rischen Rahmen ist der
Kapitalismus, die Gesellschaft der universellen Warenpro­duktion, kein Produkt
der Natur, sondern eine  gewisse
historisch bestimmte Produktions­weise, 
dazu bestimmt, nicht anders als die römische Sklaverei oder der
mittelalterliche Feudalismus von der Bild­fläche zu verschwin­den.
Die prägnanteste und gut bekannte Präsenta­tion dieses
allumfassenden Ge­schichtsbildes erschien in 'Vorwort zur Kritik der Politischen
Ökonomie', 1858 veröffentlicht. Dieser kurze Text war eine Zusammenfassung
nicht nur der in den Grundrissen enthaltenen Arbeit, son­dern auch der
Grundlegung der gesamten Theo­rie des historischen Materialismus von Marx. Die
Passage beginnt mit den grundsätz­lichen Voraussetzungen dieser Theorie: "In der gesellschaftlichen Pro­duktion ihres
Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige,  von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse
ein, Produkti­onsverhältnisse, die einer gewis­sen Ent­wicklungsstufe ihrer
materiellen Pro­duktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit die­ser
Produktionsverhältnisse bildet die ökono­mische Struktur der Gesellschaft, die
reale Basis, worauf sich ein juristischer und politi­scher Überbau erhebt, und
wel­cher bestimmte gesellschaftliche Bewußt­seinsformen entspre­chen. Die
Produkti­onsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und
geistigen Le­bensprozeß überhaupt. Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen,
das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein das ihr Bewußtsein
bestimmt." (Zur Kritik der Politischen Ökonomie, Dietz-Verlag Berlin 1947
S.15)

Dies ist die materialistische Konzeption der Geschichte,
konzentriert auf einige Kernge­danken: Die historische Bewegung kann nicht, wie
bisher, durch die Bilder, die die Men­schen von sich selbst hatten, verstanden
wer­den, sondern durch das Studieren der Hinter­gründe dieser Bilder - die Prozesse
und so­zialen Beziehungen, in denen die Menschen ihr materielles Leben produzieren
und repro­duzieren. Nachdem er diesen wesentlichen Punkt zusammenge­faßt hatte,
fährt Marx fort:

"Auf einer gewissen
Stufe ihrer Entwick­lung geraten die materiellen Produktiv­kräfte der
Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhan­denen Produktionsverhältnissen oder,
was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Ei­gentumsverhältnissen,
innerhalb derer sie sich bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte
schlagen diese Verhältnisse in Fesseln der­selben um. Es tritt dann eine Epo­che
sozi­aler Revolution ein. Mit der Verände­rung der ökonomischen Grundlagen
wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um."
(ebenda) Es ist somit ein eherner Grundsatz des historischen Materialismus, daß
ökonomische Forma­tionen (im gleichen Text erwähnt Marx "asiatische,feudale
und modern bürgerli­che Produktionsweisen als progressive Epochen der
ökonomischen Gesellschaftsfor­mationen" (ebenda S.16).
notwendigerweise
durch Perioden des Auf­stiegs gehen, wenn ihre sozialen Bezie­hungen
"Formen der Ent­wicklung" der Produktivkräfte sind, und durch
Perioden des Verfalls oder der Dekadenz, die "Ära der sozialen Revolution",
wenn diesel­ben Verhältnisse sich in "Fesseln" verwan­deln. Diesen
Punkt hier noch einmal neu zu formulieren, mag banal scheinen, aber es ist
notwendig, weil es viele Stimmen in der re­volutionären Bewegung gibt, die An­spruch
auf die Methode des historischen Materialismus erheben und immer noch vehement
gegen die Bemerkung der kapi­talistischen Dekadenz ar­gumentieren, wie sie die
IKS und andere pro­letarische Grup­pen vertreten. Solche Verhal­tensweisen
können sowohl unter den bordigi­stischen Gruppen als auch bei den Erben der
räte­kommunistischen Tradition angetroffen werden. Die Bordigisten insbesondere
mö­gen noch zugestehen, daß der Kapitalismus durch immer gewaltigere und
zerstöreri­sche Krisen geht, aber sie lehnen unser Beharren auf die Tatsache
ab, daß der Ka­pitalismus 1914 end­gültig in seine eigene Epoche der sozialen
Re­volutionen einge­treten ist. Für sie ist dies eine Neuerung, die von der
'Unveränderlichkeit' des Mar­xismus nicht vorgesehen ist.
Diese Argumente gegen die Dekadenz sind bis zu einem
gewissen Umfang semanti­sche Wortklaubereien. Marx benutzte im allgemei­nen
nicht die Formulierung 'Dekadenz des Kapitalismus', weil er nicht davon ausging,
daß diese Periode schon begonnen hatte. Es trifft zu, daß es wäh­rend seiner
politischen Karriere Zeiten gab, wo er und Engels einem zu großen Optimismus
über die Möglichkeit einer nahe bevorstehenden Revolution erla­gen: Dies gilt
besonders für 1848. Und selbst nach der Revision dieser Prognose im An­schluß
an die Niederlage der Revolutionen von 1848 gaben die Begründer des Mar­xismus
nie ganz die Hoffnung auf, daß die neue Ära anbrechen würde, wenn sie noch da
sind. Aber ihre politische Praxis wäh­rend ihres Le­bens basierte grundsätzlich
auf der Anerken­nung, daß die Arbeiter­klasse noch immer ihre Kräfte, ihre Iden­tität,
ihr politisches Pro­gramm innerhalb einer bürgerlichen Gesell­schaft aufbaut,
die ihre historische Mission noch nicht vollendet hat.
Nichtsdestotrotz sprach Marx über die Peri­oden des
Verfalls, Untergangs oder der Auflö­sung der Produktionsweisen, die dem Kapita­lismus
vorausgingen, besonders in den Grund­rissen (3). Und es gibt nichts in seinem
Werk, was nahelegen würde, daß der Kapitalismus in diesem funda­mentalen Sinn
anders sei - daß er irgend­wie seinen Eintritt in die Periode des Ver­falls
vermeiden könne. Im Gegenteil, die Revolutionäre der 2. Internationale stellten
sich selbst völlig auf die Grundlage der Me­thode und Vorwegnahmen von Marx,
als sie proklamierten, daß der Erste Welt­krieg end­gültig und unanfechtbar die
"Epoche des inne­ren Zerfalls" eröffnet hat, wie es die Kommu­nistische
Internationale 1919 formulierte. Wie wir in der Einfüh­rung zur Broschüre 'Die
De­kadenz des Kapitalismus' argumentieren, tru­gen all die linkskommunistischen
Gruppen, die sich auf die 
Dekadenztheorie stützten,  von der
KAPD zu Bilan und Internationalisme diese "klassische" Tradition
weiter. Als kon­sequente Marxisten konnten sie auch nichts anderes tun: Der
historische Mate­rialismus er­forderte von ihnen eine Ent­scheidung, als der
Kapitalismus zu einer Fessel der Produktiv­kräfte der Menschheit geworden war.
Das Verschlingen von Ge­nerationen akkumulierter Arbeit im Holo­caust des
imperialistischen Krieges ent­schied die Frage ein für allemal.    
Einige der Argumente gegen das Konzept der Dekadenz gehen
etwas über das Se­mantische hinaus. Sie mögen sich dabei selbst auf eine andere
Stelle im Titel be­ziehen, in der Marx sagt: "Eine Gesell­schaftformation geht nie un­ter, bevor alle Produktivkräfte
entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produkti­onsverhältnisse
treten nie an deren Stelle, bevor die materiellen Existenzbedin­gungen
derselben im Schoß der alten Gesell­schaft selbst ausgebrütet worden
sind." (Zur Kri­tik der Politischen Ökonomie, a.a.O. S.15f)
.  Den Gegnern der Dekadenztheo­rie, besonders
in den 60er und 70er Jah­ren, zu­folge, als die vollkommene Unfä­higkeit des
Kapitalismus, die sogenannte Dritte Welt zu entwickeln, noch nicht so klar war,
konnte man nicht davon spre­chen, daß der Kapitalis­mus dekadent sei, solange
er seine Fähigkeiten noch nicht vollkommen entwickelt hat, um auch den letzten
Tropfen Arbeiterschweiß auszu­pressen. Und es gab immer noch Gebiete in der
Welt, in denen eine Aussicht auf Wachstum herrschte. Daher der
"jugendliche Kapitalismus" der Bordigi­sten, daher die viel­fach nahe
bevorstehen­den "bürgerlichen Re­volutionen" der Räte­kommunisten.
Vor dem Hintergrund der Tatsache, daß die
"Drittwelt-"Länder uns heute ein erschrecken­des Bild des Krieges und
des Hungers, des Elends und von Katastrophen präsentieren, sind solche Theorien
nun größtenteils peinli­che Erinnerungen, aber in ihnen steckt auch ein
grundsätzliches Mißverständnis, ein me­thodischer Irrtum. Zu sagen, daß eine
Gesell­schaft sich im Verfall befindet, heißt nicht, daß die Pro­duktivkräfte einfach
aufgehört ha­ben zu wachsen, daß sie vollkommen innege­halten haben. Und Marx
gab sicherlich nicht zu verstehen, daß ein soziales System erst dann den Weg
frei gibt für ein anderes, wenn jede einzelne Möglichkeit der Ent­wicklung er­schöpft
ist. Wie wir aus der folgenden Passage in den Grundrissen ent­nehmen können,
zeigte er, daß selbst im Untergang eine Gesellschaft nicht aufhört, sich zu
regen:

"Ideell  betrachtet,reichte die Auflösung einer
bestimmten Bewußtseinsform hin, um eine ganze Epoche zu töten. Reell ent­spricht
diese Schranke des Bewußtseins ei­nem bestimmten Grad der Entwicklung der materiellen
Pro­duktivkräfte und daher des Reichtums. Aller­dings fand Entwicklung statt
nicht nur auf der alten Basis, sondern Entwicklung dieser Basis selbst (die
Blüte, worin sie sich verwandelt; es ist aber doch immer diese Basis, diese
Pflanze als Blüte; daher Verwelken nach der Blüte und als Folge der Blüte) ist
der Punkt, worin sie selbst zu der Form ausgearbeitet ist, worin sie mit der
höchsten Entwicklung verein­bar, da­her auch der reichsten Entwicklung der Indi­viduen.
Sobald dieser Punkt er­reicht ist, er­scheint die weitere Entwick­lung als Verfall
und die neue Entwicklung beginnt von einer neuen Basis." (MEW 42 S.446)

Die Fassung ist kompliziert, unbearbeitet: Das ist sehr
häufig das Problem beim Le­sen der Grundrisse. Aber die Schlußfolge­rungen er­scheinen
klar genug: Der Unter­gang einer Ge­sellschaft ist nicht das Ende aller Bewegung.
Die Dekadenz ist eine Bewegung, aber eine, die durch das Hin­übergleiten in die
Katastro­phe und Selbst­zerstörung gekennzeichnet ist. Kann ir­gendjemand ernstlich
daran zweifeln, daß die kapitalistische Gesellschaft des 20. Jahrhunderts, die
mehr Produktivkräfte dem Krieg und der Zerstörung widmete als jede
vorhergehende soziale Formation und deren fortgesetzte Reproduktion eine Be­drohung
der Fortsetzung des Lebens auf der Erde ist, eine Ebene erreicht hat, wo ihre
"Entwicklung als Zerfall erscheint?" 

CDW

1)ÖPM=Fischer Bücherei, Marx-Engels 2

2) Ver­gleiche die folgenden Zeilen mit den oben zitierten:
"Der Mensch macht seine Lebenstätigkeit
selbst zum Gegen­stand seines Wollens und seines Bewußts­eins. Er hat bewußte
Lebenstätigkeit. Es ist nicht eine Be­stimmtheit, mit der er unmit­telbar
zusammenfließt. Die bewußte Le­benstätigkeit unterscheidet den Men­schen unmittelbar
von der tierischen Lebenstätig­keit." (ÖPM S.81) Und erneut: "Zwar
pro­duziert auch das Tier. Es baut ein Nest, Wohnungen, wie die Biene, Biber,
Ameise etc. Allein es produziert nur, was es un­mittelbar für sich oder sein
Junges bedarf; es produziert einseitig, während der Mensch universell produziert;
es produ­ziert nur unter der Herrschaft des unmit­telbaren physischen Bedürfnis­ses,
während der Mensch selbst frei vom physischen Be­dürfnis produziert und erst
wahrhaft pro­duziert in der Freiheit von demselben; es produziert nur sich
selbst, während der Mensch die ganze Natur repro­duziert; sein Produkt gehört
unmittelbar zu seinem phy­sischen Leib, während der Mensch frei seinem Produkt
gegenübertritt. Das Tier formiert nur nach dem Maß und dem Be­dürfnis der
species, der es an­gehört, wäh­rend der Mensch nach dem Maß jeder spe­cies zu
produzieren weiß und überall das inhä­rente Maß dem Gegenstand anzulegen weiß;
der Mensch formiert daher auch nach den Gesetzen der Schönheit." (ÖPM
S.81f)
Wir können hinzufügen, daß diese Unterscheidungen zwischen dem Men­schen
und dem Rest der tierischen Natur nicht län­ger von Relevanz für das marxi­stische
Geschichts­verständnis sind; falls die Auffassung von der Exi­stenz der men­schlichen
Spezies abgelegt werden muß, so müssen wir auch die Gesamtheit der Freud­schen
Psychoanalyse aus dem Fen­ster werfen, da letztere als ein Versuch zu­sammengefaßt
werden kann, die indirekten Folgen eines Widerspruchs zu verstehen, der bis
dahin die gesamte menschliche Ge­schichte gekennzeichnet hat: der Wider­spruch,
der innere Konflikt zwischen dem Instinktleben des Menschen und seinem bewußten
Handeln.

3)  Zum Beispiel sagt
Marx in den Grund­rissen, daß das Herrschafts- und Knecht­schaftsverhältnis ein
"notwendiges Ferment der Bildung und
des Unter­gangs aller ur­sprünglichen Eigentumsverhältnisse und
Produktionsverhältnisse [bildet], wie sie auch ihre Borniertheit ausdrücken.
Aller­dings werden sie im Kapital -in vermittelter Form- reproduziert und
bilden so ebenfalls Ferment seiner Auflösung und sind Wap­pen seiner
Borniertheit." (MEW 42 S.408)
Kurz, die innere Dynamik und die funda­mentalen
Widersprüche einer jeden Klas­sengesellschaft müs­sen auf ihrem Gipfel­punkt
lokalisiert werden: den Ausbeu­tungsverhältnissen. Wir werden prüfen, wie dies
im zweiten Teil dieses Kapitels für das Lohnar­beitsverhältnis der Fall sein
wird. An anderer Stelle betont Marx die Rolle, die von der Entwicklung der Wa­renbeziehungen
bei der Beschleunigung des Ver­falls früherer sozialer Formen ge­spielt wurde.
"Es ist selbstverständlich -und
zeigt sich bei näherem Eingehn in die geschichtliche Epoche, von der hier die
Rede- , daß  allerdings die Zeit der
Auflö­sung der frühren Produktionsweisen und Weisen des Ver­haltens des
Arbeiters zu seinen objektiven Bedin­gungen der Arbeit -zugleich eine Zeit ist,
wo einer­seits das Geldvermögen schon zu einer gewissen Breite sich entwickelt
hat, andererseits rasch wächst und sich ausdehnt durch die­selben Umstände, die
jene Auflösung be­schleunigen. " (ebenda S.413)
.

Theorie und Praxis: 

Theoretische Fragen: