Der Kommunismus - Kein schönes Ideal, sondern eine Notwendigkeit [Serie I - Teil 6]

Die Revolution von 1848: Die kommunistische Perspektive tritt zutrage

Wie wir im letzten Teil gesehen haben, wurde das Manifest
während der Teil­nahme an einem kurz be­vorstehenden re­volutionären Ausbruch
geschrieben. Bei dieser Aussicht war es kein Ruf in der Wüste: ‘.. das Bewußtsein über die heraufziehende Revolution
was bezeichnenderweise nicht auf die Revolutionäre beschränkt, die es am
deutlichsten formulierten, und auch nicht auf die herrschenden Klassen, deren
Angst vor den verarmten Massen in Zeiten gesellschaftlicher Umwälzungen nie
verborgen bleibt. Die Armen selber spürten sie kommen. Die gebildeten Teile des
Volkes brachten sie auch zum Ausdruck. ‘Alle wohl informierten Leute’, schrieb der
amerikanische Konsul aus Amsterdam in der Hungerzeit von 1847, als deutsche
Auswanderer ihre Eindrücke nach ihrer Durchreise durch Holland schilderten, ‘glauben,
daß die jetzige Krise so tief mit den gegenwärtigen Ereignissen verbunden ist,
daß ‘sie’ der Anfang der großen Revolution ist, von der sie ausgehen, daß sie
früher oder später die augenblicklichen Verhältnisse sprengen werden’ (E.J. Hobsbawm,
‘Das Zeitalter der Revolution’ 1789-1848).

Im Vertrauen darauf, daß riesige soziale Umwäl­zungen kurz
bevorstanden, aber bewußt darüber, daß die Nationen Europas sich auf verschiedenen
Ebenen der histori­schen Entwicklung befanden, un­terstrich der letzte Teil des
Kommunistischen Mani­fests bestimmte taktische Berücksichtigun­gen bei
der Intervention der kommunisti­schen Minderheit.
Der allgemeine Ansatz blieb wie in allen anderen Fällen
derselbe: Die Kommunisten "kämpfen
für die Erreichung der unmittel­bar vorliegenden Zwecke und Interessen der
Arbeiterklasse, aber sie vertreten in der gegenwärtigen Bewegung zugleich die
Zu­kunft der Bewegung.......

die Kommunisten unterstützen
überall jede revolu­tionäre Bewegung gegen die beste­henden gesell­schaftlichen
und politischen Zustände.

In allen diesen Bewegungen
heben sie die Eigen­tumsfrage, welche mehr oder minder entwickelte Form sie
auch angenommen haben möge, als die Grundlage der Bewe­gung hervor.
"
MEW4, S.492f)  
Noch konkreter: mit der Anerkennung, daß die Mehrheit der
Länder in Europa noch nicht die Ebene einer bürgerlichen Demokratie erlangt
hatte, daß nationale Unabhängigkeit und Einheit noch im­mer eine zentrale Frage
in Ländern wie Italien, der Schweiz und Polen war, verpflichteten sich die Kommunisten
zum Kampf mit den demokratischen Parteien der Bourgeoisie und denen des
radikalen Kleinbürgertums gegen die Überbleibsel der feuda­len Sta­gnation und
des Absolutismus.
Die Taktik wurde besonders detailliert an­gesichts Deutschlands
ausgesprochen: "Auf Deutschland
richten die Kommunisten ihre Hauptaufmerksamkeit, weil Deutschland am Vorabend
einer bürgerlichen Revolu­tion steht und weil es diese Umwälzung unter fortgeschritteneren
Bedingungen der europäischen Zivilisation überhaupt und mit einem viel weiter
entwickelten Proleta­riat vollbringt als England im 17. und Frankreich im
18.Jahrhundert, die deut­sche bürgerliche Revolution also nur das unmittelbare
Vorspiel einer proletarischen Revolution sein kann.
" (MEW4, S.493)
Also: Die Taktik hieß, die Bourgeoisie zu unterstüt­zen,
sofern sie die anti-feudale Revolution aus­führte, aber stets die Auto­nomie
des Proletariats zu verteidigen, vor allem weil die Hoffnung einer
"unmittelbar folgenden proletarischen Revolution" galt. Inwieweit
bestätigten die Ereignisse von 1848 diese Prognosen? Und welche Leh­ren zogen
Marx und seine `Partei' aus den Folgen der Ereignisse ?

Die bürgerliche Revolution und das
Gspenst des Proletariats

Wie wir erwähnt haben, befand sich Eu­ropa 1848 auf einer
Vielzahl von verschie­denen sozialen und politischen Stufen. Lediglich in
Großbritannien war der Kapi­talismus vollkommen entwickelt und die Arbeiterklasse
stellte die Mehrheit der Bevölke­rung. In Frankreich hatte sich die Arbei­terklasse
durch ihre Teilnahme an einer Reihe von revolutionären Erhe­bungen einen
beachtlichen Schatz an politischer Er­fahrung 
seit 1789 angeeignet. Aber diese verhält­nismäßige politische Reife war
zumeist völlig be­schränkt auf das Pariser Proletariat, und selbst in Paris
befand sich großräumige Industrieproduktion noch in ihrem frühesten Stadium,
was bedeutete, daß die politischen Fraktionen der Arbei­terklasse (Blanquisten,
Proudhonisten, etc.) dazu neigten, den Einfluß der über­holten Vorurteile und
Konzepte des Hand­werkerstandes widerzuspiegeln. Im restli­chen Europa -
Spanien, Italien, Deutsch­land, den zentra­len und östlichen Regionen - waren
die sozialen und politischen Be­dingungen noch weitaus rückständi­ger. Diese
Gebiete waren zumeist in ein Mo­saik kleiner Königreiche aufgeteilt und exi­stierten
als zentrale Nationalstaaten nicht. Feudale Überbleibsel hingen schwer an der
Gesellschaft und den Struktu­ren des Staa­tes.
Daher war in der Mehrheit der Länder die Vervoll­ständigung
der bürgerlichen Revo­lution der erste Punkt auf der Tagesord­nung - das
Wegspülen der alten feudalen Überreste, die Etablierung einheitli­cher Nationalstaaten,
die Installierung des politi­schen Regimes einer bürgerlichen Demo­kratie. Seit
den Tagen der `klassischen' bürgerlichen Revolu­tion von 1789 haben sich bereits
viele Dinge geän­dert, die der Situation eine Reihe von Komplikatio­nen und
Widersprüchen hinzugefügt haben. Von Anfang an waren die revolutionären
Erhebungen von 1848 nicht so sehr von `feudalen' Krisen pro­voziert, sondern
von einer der großen zyklischen Krisen des taufrischen Kapitalismus - die große
De­pression von 1847, welche in einem Zug mit einer Reihe katastrophaler Ernten
da­herkam und den Le­bensstandard der Mas­sen auf einen unerträglichen Stand
ein­schränkte. Zweitens waren es vor allem die urbanen, proletarischen oder
halb-pro­letarischen Massen von Paris, Berlin, Wien und anderen Städ­ten, die
die Auf­stände gegen die alte Ordnung an­führten. Und wie das Manifest
hervorhob, war das Proletariat bereits zu einer viel ausgepräg­teren Kraft
geworden als 1789; nicht nur auf der sozialen Ebene, sondern genauso auf der
politischen. Der Aufstieg der Be­wegung der Chartisten hat dies be­kräftigt.
Aber es war an erster Stelle der große Auf­stand von Paris im Juni 1848, der
die Realität des Proletariats, wie sie im Mani­fest definiert wurde, bestätigte:
als eine unabhängige politische Kraft, die der Herrschaft des Kapitals
unwiderruflich ent­gegentrat.
Im Februar 1848 war die Pariser Arbeiter­klasse die soziale
Hauptkraft auf den Bar­rikaden des Aufstands gewesen, mit dem die Monarchie von
Louis Phil­lippe gestürzt und die Republik errichtet wurde. In­nerhalb von nur
einigen Monaten jedoch waren die sozialen Antagonismen zwischen dem Proletariat
und der `demokratischen` Bourgeoisie offensicht­lich und akut ge­worden, war
klar geworden, daß letztere so gut wie gar nicht imstande war, das Pro­letariat  aus dem wirtschaftlichen Elend zu befreien.
Der Widerstand des Proletari­ats wurde in die kon­fuse Forderung nach einem
`Recht auf Arbeit' ge­kleidet, als die Regierung die staatlichen Arbeits­häuser
schloß, welche den Arbeitern ein Mini­mum an Un­terstützung angesichts der Ar­beitslosigkeit
gewährt hatten. Nichtsdesto­trotz standen hinter dieser unglücklichen
Forderung, wie Marx in Die Klassen­kämpfe in Frankreich (1850
geschrieben) argumen­tierte, die Anfänge einer Bewe­gung für die Abschaf­fung
des  Privatei­gentums. Sicherlich war
sich die Bour­geoisie selbst der Gefahr bewußt; als sich die Pariser Arbeiter
an die Barrikaden be­gaben, um die staatlichen Arbeitshäuser zu verteidigen,
wurde der Aufstand mit äu­ßerster Grausamkeit niedergeschla­gen. "Es ist bekannt, wie die Arbeiter mit beispiello­ser
Tapferkeit und Genialität, ohne Chefs, ohne ge­meinsamen Plan, ohne Mittel, zum
größten Teil der Waffen entbehrend, die Armee, die Mobilgarde, die Pariser
Natio­nalgarde und die aus der Provinz hin­zugeströmte Nationalgarde während
fünf Tagen in Schach hielten. Es ist bekannt, wie die Bourgeoisie für die
ausgestandene Todesangst sich in unerhörter Brutalität entschädigte und über
3000 Gefangene massakrierte
." (MEW 7, S. 31).
Diese Erhebung bestätigte tatsächlich die schlimm­sten
Befürchtungen der Bour­geoisie in ganz Europa, und ihr Ergebnis sollte
tiefgehende Auswirkungen auf die spätere Entwicklung der revolutionären Be­wegung
hinterlassen. Traumatisiert vom Gespenst des Proletariats, verlor die Bour­geoisie
die Nerven; sie fühlte sich außer­stande, mit ihrer eigenen Revo­lution gegen
die etablierte Ordnung fortzufahren. Dies alles wurde natürlich auch von
materiellen Faktoren verstärkt: In den Ländern, die vom Abso­lutismus
beherrscht wurden, war die Nervosität der Bourgeoisie auch das Resultat ihrer
verspäteteten ökonomischen und politischen Entwicklung. In je­dem Fall aber
bestand das Ergebnis darin, daß die Bourgeoisie, statt an die Triebkräfte der
Massen in ihrer Schlacht gegen die Feu­dalmacht zu appellie­ren, wie sie es
1789 getan hatte, immer mehr Kom­promisse mit der Reaktion einging, um die
Drohung `von unten' im Zaum zu halten. Dieser Kompromiß nahm mannigfaltige
Formen an. In Frankreich pro­duzierte er die ku­riose Anomalie des zweiten Bona­parte,
der in die Hinterzimmer der Macht schritt, weil die Mechanismen der
bürgerlichen `Demokratie' nur dafür da zu sein schie­nen,   dem kalten Wind der sozialen Un­ruhe und der
poli­tischen Instabilität die Tür zu öffnen. In Deutsch­land wurde der
Kompromiß durch eine besonders ängstli­che und rückgratlose Bourgeoisie verkör­pert,
deren Mangel an Entschlossenheit angesichts der absolutistischen Reaktion immer
und immer wieder von Marx ge­geißelt wurde, besonders in dem am 15.Dezember
1848 in der Neuen Rheini­schen Zei­tung veröffent­lichten Artikel Die
Bourgeoisie und die Konterre­volution: "Die deutsche Bourgeoisie hatte sich so träg, feig und langsam
entwickelt, daß im Augen­blicke, wo sie gefahrdrohend dem Feuda­lismus und Absolutismus
gegenüber­stand, sie selbst sich ge­fahrdrohend ge­genüber dem Proletariat
erblickt
e und al­len Schichten der
Bevölkerung,
de­ren Interes­sen und
Ideen dem Proletariat ver­wandt waren
". Dies machte sie "unentschlossen gegen je­den ihrer Geg­ner
einzeln genommen, weil sie immer beide vor oder hinter sich sah; von vornherein
zum Verrat ge­gen das Volk und zum Kom­promiß mit dem gekrön­ten Vertreter der
alten Gesellschaft ge­neigt..... ohne Glau­ben an sich selbst, ohne Glau­ben an
das Volk, knurrend gegen oben, zitternd ge­gen unten..... ein vermaledeiter
Greis, der sich dazu verdammt sah, die ersten Jugend­strömungen eines robusten
Volks in seinem eigenen altersschwachen Interesse zu lei­ten und abzuleiten -
ohn' Aug! ohn' Ohr, ohn' alles - so fand sich die preußische Bour­geoisie nach der Märzrevolution am Ruder des
preußischen Staates.
" (MEW 6, S. 108f).
Aber obgleich das Proletariat der Bour­geoisie einen
tödlichen Schrecken einge­jagt hatte, war ersteres noch nicht reif ge­nug, um,
historisch ausgedrückt, das poli­tische Kommando über die Revolution zu ergreifen.
Schon die mächtige britische Arbeiter­klasse war etwas isoliert von den Ereignissen
im kontinentalen Europa ge­wesen; und der Chartismus zielte trotz der Existenz
einer Tendenz zur `physischen Gewalt' innerhalb seines linken Flügels vor allem
darauf ab, einen Platz für die Arbeiter­klasse innerhalb der `demokratischen',
d.h. bürger­lichen, Ge­sellschaft, zu finden. Vor allen Dingen war die
britische Bourgeoisie intelligent genug, einen Weg zu finden, die Forderung
nach allgemei­nem Wahlrecht auf eine Weise allmählich aufzu­nehmen, die, weit
entfernt davon, die politische Herr­schaft des Kapi­tals zu bedrohen, wie auch
Marx ge­dacht hatte, das Wahlrecht immer mehr zu einer seiner Haupt­stützen
machte. Abgesehen da­von, war der britische Kapitalismus just zu jener Zeit,
als sich Kontinen­taleuropa inmitten seiner Auf­stände befand, bereits dicht
vor einer neuen Expan­sionsphase. In Frankreich war die Arbeiterklasse, obwohl
sie poli­tisch die größten Fortschritte ge­macht hatte, außer­stande, sowohl
die Fal­len der Bourgeoisie zu umge­hen als auch, und noch weni­ger,  selbst als der Geburts­helfer eines neuen
sozia­len Projekts her­vorzutreten. Der Juni-Aufstand von 1848 ist in all
seinen Inhalten und Absichten von der Bourgeoisie provo­ziert worden, und die
kom­munistischen Bestrebun­gen inner­halb des Aufstands waren eher verborgen
als offen. Wie Marx es in Die Klassen­kämpfe in Frankreich (Kap.: Die
Nieder­lage vom Juni  1848) formulierte:
"Von der Bourgeoisie wurde das
Pariser Prole­tariat zur Juniinsurektion gezwungen.
Schon darin lag sein Verdammungsur­teil. Weder sein unmittelbar eingestandenes
Bedürf­nis trieb es dahin, den Sturz der Bourgeoisie ge­waltsam erkämpfen zu
wol­len, noch war es dieser Aufgabe gewach­sen. Der 'Moniteur' mußte ihm offi­ziell
er­öffnen, daß die Zeit vorüber, wo die Repu­blik vor seinen Illusionen die Honneurs
zu machen sich veranlaßt sah, und erst seine Niederlage überzeugte es von der
Wahr­heit, daß die geringste Verbesse­rung sei­ner Lage eine Utopie bleibt innerhalb der bürgerlichen Republik, eine Utopie, die zum Ver­brechen
wird, sobald sie sich ver­wirklichen will.
".(MEW 7, S. 33)
Somit mündete die Bewegung von 1848, weit davon entfernt,
schnell in eine prole­tarische Revolution überzugehen, wie das Manifest
gehofft hatte, nicht einmal in  der
Vervollständigung der bürgerlichen Revo­lution.

Die Intervention des Bundes der Kommunisten

Die 1848er Revolutionen verschafften dem Bund der Kommu­nisten
(BdK) eine sehr frühe Feuer­probe. Selten ist einer kommu­nistischen Organisa­tion
so früh nach ihrer Geburt die etwas zweifelhafte Belohnung zuteil geworden, in
den Strudel einer gi­gantischen revolu­tionären Bewegung ge­stürzt zu werden.
Marx und Engels, die das politische Exil vor dem lächerlich ge­machten
Junker-Regime ge­wählt hatten, kehrten nach Deutschland zurück, um in den
Ereignissen die Rolle zu spielen, zu welcher ihre Überzeugungen sie notwendig
geführt hatten. Entsprechend dem voll­kommenen Mangel des BdK an Erfahrun­gen
mit Ereignissen solchen Ausmaßes, wäre es erstaunlich gewesen, wenn die Arbeit,
die die Organisation während die­ser Phase ausgeführt hatte - einschließlich
der Arbeiten ihrer theoretisch am fortge­schrittendsten Elemente -, frei von
manchmal ganz bösen Irrtümern gewesen wäre. Aber die grundsätzliche Frage
lautet nicht, ob der Bund der Kommunisten Fehler machte, sondern ob ihre
allgegen­wärtige Intervention mit den funda­mentalen Aufgaben übereinstimmten,
wel­che sie sich selbst in ihrer Stellungnahme zu den politischen Prinzipien
und Taktiken gestellt hatte, dem Kom­munistischen Mani­fest.
Eine der bemerkenswertesten Eigenschaf­ten bei der
Intervention des Bundes der Kommunisten in der deutschen Revolution von 1848
war ihre Opposition gegen den oberfläch­lichen 
re­volutionären Extremismus. In den Au­gen der Bourgeoisie - oder zumindest
in ihren Pro­pagandaorganen - waren die Kommuni­sten  das`Nonplusultra' des Fanatismus und
Terrorismus, grimmige Agenten der Zerstörung und der unnatür­lichen  sozialen Gleichmacherei. Marx selbst wurde
wäh­rend dieser Periode als "Doktor des roten Ter­rors" erwähnt und
ständig beschuldigt, abwegige Atten­tatspläne gegen die ge­krönten Häupter
Europas auszuhecken. In der praktischen Wirklichkeit war die Akti­vität der
`Marx-Partei' in dieser Periode bemerkenswert zurückhaltend.
In den frühen, berauschenden Tagen der Revolution bezog Marx
als erstes öffent­lich Stellung gegen die revolutionäre Ro­mantik der in
Frankreich aus expa­triierten Revolutionären zusammengestellten `Legionen', die
beabsichtigten, die Revo­lution mit dem Bajonett nach Deutschland
zurückzutragen. Demgegenüber hob Marx hervor, daß die Revolu­tion nicht eine
pri­mär militärische Frage ist, sondern eine soziale und politische; er stellte
trocken fest, daß die `demokratische' französische Bourgeoisie sich schon
darauf freute, diese lästigen deutschen Revolutionäre in den Kampf gegen die
feudalen Ty­rannen Deutschlands  ziehen
zu sehen - und daß sie es nicht versäumen würde, den deut­schen Amtsge­walten
eine Warnung über ihren Anmarsch zukom­men zu lassen. In die gleiche Kerbe
schlug Marx, als er ge­gen den isolierten und unpassenden Auf­stand in Köln in
der Zerfallsphase der Re­volution auftrat, da dieser wieder einmal die Massen
in die ausgebreiteten Arme der Reaktion führen würde, die offen Maß­nahmen
ergriffen hatte, um den Aufstand zu provozieren.
Auf der allgemeineren politischen Ebene mußte Marx auch jene
Kommunisten be­kämpfen, die glaubten, daß die Arbeiterre­volution und die An­kunft
des Kommunis­mus kurz bevor stünden; die den Kampf für die bürgerliche
politische Demokra­tie verschmähten und meinten, daß Kommuni­sten nur über die
Bedingungen der Arbei­terklasse und die Notwendigkeit des Kommunismus sprechen
sollten. In Köln, wo Marx die meiste Zeit der revo­lutionären Periode als
Herausgeber der ra­dikal-de­mokratischen Zeitung Die Neue Rheinische Zeitung
(NRZ) verbrachte, war der Hauptbefürworter dieser Sicht­weise der gute Dr.
Gottschalk, der sich selbst als wahren Mann des Volkes betrachtete und Marx
anprangerte nichts  besseres als ein Stubentheoreti­ker
zu sein, weil dieser so hartnäckig argumentierte, daß Deutschland noch nicht
reif für den Kommu­nismus sei, daß zunächst die Bourgeoisie an die Macht kommen
und Deutschland aus der feudalen Rück­ständigkeit drängen müsse; und daß es
folglicher­weise die Aufgabe der Kom­munisten 
sei, die Bour­geoisie `von links' zu unterstützen, an der Volks­bewegung
teilzunehmen, um sicherzustellen, daß die Volksbewegung  die Bourgeoisie beständig dazu treibt, an die
äußer­sten Grenzen ihrer Opposi­tion gegenüber der feu­dalen Ord­nung zu gehen.
In der praktischen Organisation bedeutete dies die Teilnahme
an der Demokratischen Union, die ge­gründet wurde, um, wie der Name schon sagt,
all jene zusammenzu­bringen, die unbeirrbar und auf­richtig ge­gen den
Absolutismus und für die Etablie­rung bürgerlich-demokratischer politischer
Struktu­ren kämpften. Jedoch kann festge­stellt werden, daß Marx in seiner
Reaktion gegen die voluntaristischen Exzesse jener, die die
bürgerlich-demokratische Phase in einem Satz 
überspringen wollten, zu weit in die andere Richtung ging und einige der
im Ma­nifest aufgestellten Prinzipien ver­gaß. In Köln be­fand sich
Gottschalks Ten­denz in der Mehrheit in­nerhalb des Bundes, und um ihrem
Einfluß entgegen­zutreten, löste Marx an einem bestimmten Punkt den Bund
kurzerhand auf. Politisch verlor die NRZ eine ganze Periode lang überhaupt kein
Wort über die Bedingungen der Ar­beiter und insbesondere über die Notwen­digkeit
für die Arbeiter, ihre politische Autonomie gegenüber allen Fraktionen der Bour­geoisie
und des Kleinbürgertums zu wahren. Dies war kaum vereinbar mit den Bemerkungen
zur pro­letarischen Unab­hängigkeit , die im Manifest ge­macht wur­den,
und, wie wir sehen werden, übte Marx auch Selbstkritik in dieser besonde­ren
Frage bei seinen ersten Versuchen, eine Bilanz der Akti­vitäten des Bundes der
Kommunisten in der Bewegung zu ziehen. Aber es bleibt dabei: Was Marx in dieser
Periode wie auch in seinem gesamten Leben leitete, war die An­erkennung, daß
der Kommunismus mehr sein muß als eine Notwendigkeit im Sinne funda­mentaler
menschlicher Bedürf­nisse: Er mußte auch eine reali­stische Möglichkeit sein,
gegeben durch objektive Bedingungen, die durch die soziale und hi­storische
Entwicklung erreicht wurden. Diese De­batte sollte auch im Bund wäh­rend der
Nachwe­hen der Revolu­tion erneut ausbrechen.

Lehren aus der Nieder­lage: Die
Notwen­digkeit der proletarischen Selbständigkeit

In vielerlei Hinsicht sind die in den Nach­wehen der 1848er
Bewegung verfaßten Dokumente, die `Bilanz', die die Organi­sation bezüglich
ihrer eige­nen Teilnahme in den Revolten zogen, die, abgese­hen natürlich vom Manifest,
wichtigsten politi­schen Beiträge des Bundes der  Kommuni­sten . Dies trifft zu, auch wenn die
Debat­ten, die diese Dokumente aus­drückten oder hervorriefen, zu einer grundsätzli­chen
Spaltung und zu der faktischen Auflösung der Organisation führen sollten.
Im Rundschreiben des Exekutivkomitees des BdK,
veröffentlicht im März 1850, gibt es eine Kritik - tatsächlich eine Selbst­kritik,
da Marx selbst sie schrieb - über die Aktivitäten des Bundes während der re­volutionären
Ereignisse. Während das Doku­ment ohne Zögern bekräftigt, daß die allgemeinen
politi­schen Prognosen des Bundes weitgehend von den Er­eignissen bestätigt
worden sind, und während ihre Mitglieder immer am entschlossensten für die revo­lutionäre
Sache gekämpft haben, hat die organisato­rische Schwächung des Bundes - im End­effekt
ihre Auflösung während der ersten Schritte der Revolu­tion in Deutschland -
bedenklicherweise zu ei­ner Auslieferung der Arbeiterklasse an die po­litische
Vorherrschaft der kleinbürgerli­chen Demo­kraten ge­führt: "Zu gleicher Zeit wurde die frühere feste
Organisation des Bundes gelockert. Ein großer Teil der Mitglieder, in der revolutionären
Bewe­gung direkt beteiligt, glaubte die Zeit der geheimen Ge­sellschaften vorüber
und das öffentliche Wirken al­lein hinreichend. Die einzelnen Kreise und Gemein­den
ließen ihre Verbindungen mit der Zentralbe­hörde erschlaffen und allmählich
einschläfern. Wäh­rend also die demokratische Partei, die Partei der
Kleinbürgerschaft, sich in Deutschland immer mehr organisierte, verlor die
Arbeiterpartei ihren einzigen fe­sten Halt, blieb höchstens in einzelnen Lo­kalitäten
zu lokalen Zwecken organisiert und geriet dadurch in der allgemeinen Be­wegung
vollständig unter die Herrschaft  und
Leitung der kleinbürgerlichen De­mokraten. Diesem Zustand muß ein Ende gemacht,
die Selbständigkeit der Arbeiter muß hergestellt werden
". (MEW 7, S.
244). Und es gibt kei­nen Zweifel darüber, daß das wichtigste Element in diesem
Text seine klare Vertei­digung der Not­wendigkeit ist, für die völ­lige
politische und organi­satorische Unab­hängigkeit der Arbeiterklasse selbst in
von anderen Klassen ange­führten Revolutionen zu kämpfen.
Dies war aus zwei Gründen notwendig.
Zuallererst mußte das Proletariat, wenn, wie in Deutschland,
die Bourgeoisie sich als unfähig er­wies, ihre eigenen revolutio­nären Aufgaben
zu er­füllen, unabhängig handeln und sich organisieren, um das re­volutionäre
Moment trotz des Widerstre­bens und Konservatismus der Bourgeoisie voranzu­treiben:
Das Modell hierfür war in gewisser Weise die erste Pariser Kommune 1793, als
die `Volks'massen sich selbst in lokalen Versammlun­gen und Sektionen or­ganisiert
hatten, die auf  Stadt­ebene in der
Kommune zentralisiert wurden, um die ja­kobinische Bourgeoisie zur Fortsetzung
des Im­petus der Revolution zu treiben.
Gleichzeitig wären die radikalsten demo­kratischen Elemente,
selbst wenn sie an die Macht kämen, durch die Logik ihrer Stellung genötigt,
die Arbeiter anzugreifen und sie der bürgerlichen Ordnung und Disziplin zu
unterwerfen, sobald sie die neuen Steu­ermänner des Staates waren. Dies hat
sich 1793 und auch danach als wahr herausgestellt, als die Bour­geoisie immer
mehr `Feinde auf der Linken' zu entdecken vermeinte; es wurde blutig de­monstriert
in den Ereignissen vom Juni 1848 in Paris; und nach Marxens Auffas­sung würde
es mit der näch­sten Runde der Revolution in Deutschland aufs neue pas­sieren.
Marx sah voraus, daß infolge des Schei­terns der liberalen Bourgeoisie, ihrer
Unfähigkeit, der ab­solutistischen Macht zu entgegenzutreten, die kleinbür­gerlichen
Demokraten zur  Führerschaft der näch­sten
revolutionären Regierung getrieben wür­den, aber daß sie auch unverzüglich
versuchen wür­den, die Arbeiterklasse zu entwaffnen und anzugrei­fen. Und aus
die­sem Grund könnte sich das Proleta­riat ge­gen solche Angriffe nur mittels
der Aufrechter­haltung ihrer Klassenunabhän­gigkeit ver­teidigen. Diese
Unabhängigkeit hatte drei Dimen­sionen:
-  Die Existenz und
Tatkraft einer kommu­nistischen Organisation als entwickeltste politische
Fraktion in der Klasse:
"Im gegenwärtigen
Augenblicke, wo die demokrati­schen Kleinbürger überall unter­drückt sind,
predi­gen sie dem Proletariat im allgemeinen Einigung und Versöhnung, sie
bieten ihm die Hand und stre­ben nach der Herstellung einer großen Oppositions­partei,
die    alle Schattierungen in der
demokrati­schen Partei umfaßt, das heißt, sie streben danach, die Arbeiter in
eine Parteiorganisation zu verwic­keln, in der allgemein demokratischen Phrasen
vor­herrschend sind, hinter welchen ihre be­sonderen Interessen sich
verstecken, und in der die bestimm­ten Forderungen des Proletariats um des
lieben Friedens willen nicht vorgebracht werden dürfen. Eine sol­che
Vereinigung würde allein zu ihrem Vorteile und ganz zum Nachteile des Pro­letariats
ausfallen. Das Proletariat würde seine ganze selb­ständige, mühsam erkaufte Stellung
verlieren und wieder zum Anhäng­sel der offiziellen bürgerlichen Demokratie
herabsinken. Diese Vereinigung muß also auf das entschiedenste zurückgewiesen
werden. Statt sich abermals herabzulassen, den bürgerlichen Demokraten als
beifall­klatschender Chor zu dienen, müssen die Arbeiter, vor allem der Bund,
dahin wir­ken, neben den offiziellen Demokraten eine selb­ständige geheime und
öffentliche Or­ganisation der Arbeiterpartei herzustellen und jede Gemeinde zum
Kern und Mittel­punkt von Arbeitervereinen zu ma­chen, in denen die Stellung
und die Interessen des Proletariats unabhängig von bürgerlichen Einflüs­sen
diskutiert werden
."(MEW 7, S. 248f).
- Die Aufrechterhaltung von autonomen Klassenfor­derungen,
abgestützt von Ein­heitsorganisationen der Klasse, d.h. Orga­nen, um die sich
die Arbeiter als solche sammeln: "Während
des
Kampfes und nach dem Kampf müssen
die Arbeiter ne­ben den Forde­rungen der bürgerlichen Demokraten ihre eigenen
Forderungen bei jeder Gelegenheit aufstellen. Sie müssen Garantien für die
Arbeiter verlangen, so­bald di
e demokratischen
Bürger sich an­schicken, die Re­gierung in die Hand zu nehmen. Sie müssen sich
diese Garantien nötigenfalls erzwingen und über­haupt da­für sorgen, daß die
neuen Regierer sich zu allen nur möglichen Konzessionen und Verspre­chungen
verpflichten -das sicherste Mittel sie zu kompromittieren. Sie müssen überhaupt
den
Sieges­rausch und die Be­geisterung
für den neuen Zustand, der nach jedem siegreichen Straßenkampf auf­tritt, in
jeder Weise durch ruhige und kalt­blütige Auffassung der Zustände und durch
unverhohlenes Mißtrauen gegen die neue Regierung so sehr wie möglich zu­rückhalten.
Sie müssen den neuen offiziel­len Regie­rungen zugleich eigene revolutio­näre
Arbeiterregie­rungen, sei
es in der
Form von Gemeindevorstän­den, Gemein­deräten, sei es in durch Arbeiterklubs
oder Arbeiterkomitees, errichten, so daß die bür­gerlichen demokratischen
Regierungen nicht nur so­gleich den Rückhalt an den Arbeitern verlieren,
sondern sich von vornherein von Behörden über­wacht und bedroht sehen, hinter
denen die ganze Masse der Arbeiter steht. Mit einem Worte:
Vom er­sten Augenblicke des Sieges an muß
sich das Miß­trauen nicht mehr gegen die besiegte reaktionäre Partei, sondern
gegen ihre bisherigen Bundesgenos­sen, gegen die Partei richten, die den
gemeinsamen Sieg allein exploitieren will
."  (MEW 7, S. 249f).
-  Diese Organe
müssen bewaffnet sein; das Proleta­riat darf sich an keinem Punkt zur Übergabe
ihrer Waffen an die offizielle Regierung verleiten lassen: "Um aber
die­ser Partei, deren Verrat an den Ar­beitern mit der ersten Stunde des Sieges
anfangen wird, energisch und drohend entgegentre­ten zu kön­nen, müssen die
Arbeiter be­waffnet und organisiert sein. Die Bewaff­nung des ganzen
Proletariats mit Flinten, Büchsen, Geschützen und Munition muß sofort
durchgesetzt
, der Wiederbelebung der
alten, gegen die Arbeiter gerichteten Bürgerwehr muß ent­gegengetreten werden.
Wo dies letztere aber nicht durchzusetzen ist, müssen die Arbeiter versuchen,
sich selbständig als proletarische Garde, mit selbst­gewählten Chefs und
eigenem selbst­gewählten Ge­neralstabe zu organisieren und unter den Befehl,
nicht der Staatsge­walt, sonden der von den Arbei­tern durch­gesetzten
revolutionären Gemeinderäten zu treten. Wo Arbeiter für
Staatsrechnung beschäf­tigt werden, müssen
sie ihre Be­waffnung und Orga­nisation in ein beson­deres Korps mit
selbstgewähl­ten Chefs oder als Teil der proletarischen Garde durchsetzen. Die
Waffen und die Munition dürfen unter keinem Vorwand aus den Händen gegeben,
jeder Entwaffnungsver­such muß nötigenfalls mit Gewalt vereitelt werden
."
(ebenda, S. 250).
Diese Schlußfolgerungen daraus, was Klassenunab­hängigkeit
in einer revolutio­nären Situation prak­tisch beinhaltet, sind nicht so sehr
als ein unmittel­bares Rezept für einen Typus von Revolution wich­tig, der
nicht mehr wirklich auf der Tagesord­nung war, sondern als  leicht erkennbare historische Vorahnungen der
Zukunft - der folgenschweren re­volutionären Konflikte von 1871, 1905 und 1917,
als die Arbei­terklasse ihre eigenen Organe des poli­tischen Kampfes bilden und
sich selbst als einen le­bensfähigen Kandidaten um die Macht repräsentie­ren
sollte. Hier, im Rundschreiben des Bundes, ist schon eine Vorstellung von der
Doppelherrschaft ent­halten, einer sozialen Situation, in welcher die Arbeiterklasse
solch einen Grad an po­litischer und organisatorischer Autonomie zu erlangen
beginnt, daß sie eine direkte Bedrohung des gesellschaftli­chen Mana­gements
der Bourgeoisie darstellt; und über die innewohnende instabile Situation der
Dop­pelherrschaft hinaus enthält es den Begriff der Dik­tatur des Proletariats,
der Ergreifung und Ausübung politischer Macht durch die organisierte Arbeiter­klasse.
Aus dem Text des Bundes wird er­sichtlich, daß die embryonalen Formen dieser
proletarischen Macht außerhalb und im Gegensatz zu den offiziel­len Organen des
bürgerlichen Staates entstehen müssen. Sie sind (Marx bezieht sich hier
spezifisch auf die Arbeitervereine) "eine
Koalition der ge­samten Arbeiterklasse gegen die ge­samte Bourgeois­klasse, die
Bildung eines Arbeiterstaats gegen Bourgeoisstaat
" (Klassenkämpfe
in Frankreich, MEW 7, S. 54)). Konse­quenterweise enthalten diese Zeilen
bereits den Kern der Position, wonach die Mach­tergreifung durch die Arbeiterklasse
nicht die Inbesitznahme des existierenden Staatsapparates beinhaltet, sondern
seine gewaltsame Zerstörung durch die Machtor­gane der Arbeiter. Nur den Kern,
denn diese Posi­tion wurde in keiner Weise durch entscheidende hi­storische
Erfahrun­gen geklärt: Obwohl Der acht­zehnte Bru­maire des Louis Bonaparte,
wenn er die­ses Thema streift, ausschließlich Bezug auf die Notwendigkeit
nimmt, den Staat zu zerstö­ren, statt die Kontrolle über ihn zu über­nehmen
("Alle bishe­rigen Revolutionen  vervollkommneten diese Maschine statt sie zu brechen"
(MEW 8, S. 197, 18. Brumaire)), war Marx in derselben Pe­riode immer noch
davon  überzeugt, daß die Ar­beiter in
einigen Ländern (z.B. Großbritannien) durch das allgemeine Wahlrecht an die
Macht  kommen könnten. Die Angelegenheit
wurde mehr mit dem Blick auf die besonderen nationalen Bedin­gungen denn als
ein allgemeines Problem des Prin­zips behan­delt.
Diese Frage blieb solange ungeklärt, bis die reale
historische Bewegung des Prole­tariats entscheidend in die Diskussion ein­gegriffen
hatte: Es war die Pa­riser Kom­mune, die dies klärte. Wir können jedoch bereits
den Zusammenhang zwischen den Schluß­folgerungen erkennen, die aus der Kommune
gezo­gen wurden - daß die pro­letarische politische Macht das Dasein ei­nes neuen
Netzwerks von Klassenor­ganen erfordert, einen zentralisierten revolutio­nären
`Staat', der nicht einträchtig neben dem existieren­den Staatsapparat leben
kann. Marxens `prophetischer'  Blick ist
offensichtlich hier; aber diese Voraussagen sind nicht mehr Spekulationen. Sie
basie­ren fest in der Realität vergangener Erfah­rung: die Erfahrung der ersten
Pariser Kommune, der revolutionären Vereine und Sektionen von 1789-95 und vor
allen Din­gen die der Junitage in Frankreich 1848, als das Proletariat sich
bewaffnete und sich als eine besondere soziale Kraft erhob, aber großenteils
niedergeschlagen wurde, weil es politisch unzureichend gewappnet war. Unbenom­men
aller historischer Be­schränkungen, innerhalb derer diese Texte des Bundes
geschrieben wurden, bleiben die Lehren, die sie über die Notwendigkeit einer
unabhängigen Aktion und Organisa­tion der Arbeiterklasse enthalten, heute so
wichtig wie da­mals. Ohne sie käme die Arbeiterklasse nie an die Macht, und der
Kommunismus würde nicht mehr sein als ein Traum.

"Permanente Revolu­tion":
permanent unverwirk­licht

Nichtsdestotrotz können wir nicht die Tat­sache ignorieren,
daß diese Rufe nach proletarischer Au­tonomie mit  einer be­sonderen historischen Perspek­tive
verbun­den waren - jener der `permanenten Re­volution'.
Das Manifest hatte einen schnellen Über­gang von der
bürgerlichen zur proletari­schen Revolution in Deutschland ins Auge gefaßt. Wie
wir erwähnten, hatte die aktu­elle Erfahrung von 1848 Marx und seine Tendenz
davon überzeugt, daß die deut­sche Bourgeoisie von Natur aus ungeeignet war,
ihre ei­gene Revolution zu machen; daß im nächsten revo­lutionären Ausbruch,
welchen der Rundbrief vom März 1850 immer noch als kurzfristig in Aussicht be­trachtete,
die kleinbürgerlichen Demokra­ten, die `Sozial-Demokraten', als die sie zu
dieser Zeit manchmal erwähnt wurden, an die Macht kommen würden. Aber diese
soziale Schicht würde sich auch als unfähig erweisen, eine vollständige
Zerstörung feudaler Verhältnisse durchzuführen, und würde in jedem Fall dazu
gezwungen wer­den, das Proletariat anzugreifen und zu entwaffnen, sobald sie
die Re­gierungsämter übernommen hat. Die Auf­gabe, die bürgerliche Revolution
wirklich zu erfüllen, würde somit auf das Proletariat fallen, aber indem es das
tut, würde es ge­zwungen sein,   die
Bewegung vor­wärts zur eigenen, zur kommunistischen Revo­lution
weiterzutreiben.
Daß dieses Schema auf die sehr rückstän­digen Be­dingungen
in Deutschland nicht anwendbar war, wurde, wie wir sehen werden, bald darauf
von Marx anerkannt, als klar wurde, daß sich der euro­päische Kapitalismus noch
allzusehr in seiner auf­strebenden Phase befand. Dies kann auch von lin­ken
Kommentatoren und Histori­kern anerkannt werden. Doch gemäß den letzteren
" konnte die Taktik der permanenten
Revolution, die zwar in Deutschland 1850 nicht angewandt werden konnte, ein wertvolles
politisches Erbe für die Arbeiterbewegung. Trotzki schlug sie Rußland 1905 vor,
obgleich Lenin es damals noch für verfrüht hielt, die bürgerlich demokratische
Revolution in eine proletarische überzuleiten. 1917 jedoch wandten Lenin und
die Bolschewistische Partei auf dem Hintergrund der europaweiten Krise, die der
1. Weltkrieg hervorgebracht hatte, die Taktik der permanenten Revolution an,
die die russische Revolution des Jahres 1917 vom Sturz des Zarismus zum Sturz
des Kapitals selber brachte’
(David Fernbach, ‘The Revolution of 1848’).
In Wirklichkeit fußte der ganze Begriff der perma­nenten
Revolution auf einem unlös­baren Rätsel: dem Gedanken, daß, wäh­rend die
proletarische Re­volution in eini­gen Ländern möglich ist, andere Teile der
Welt immer noch unerledigte bürgerliche Aufgaben hatten (oder haben) oder sich
noch auf darunterliegenden Ebenen be­fanden. Dies war ein echtes Problem für
Marx, aber es wurde überwun­den durch die historische Entwicklung selbst, die
auf­zeigte, daß der Kapitalismus die Bedin­gungen für eine proletarische
Revolution nur auf weltweiter Ebene schaffen kann. Es war ein einziges, interna­tionales
Sy­stem, das der Kapitalismus mit dem Aus­bruch des I.Weltkrieges in seiner
deka­denten Phase betrat, seiner "Epoche
der Kriege und Revolutio­nen
". Die Aufgabe, der das russische
Proletariat 1917 gegen­überstand, war nicht die Komplettierung irgendeiner
bürgerlichen Stufe, sondern die Ergrei­fung der politischen Macht als einem
ersten Schritt zur Revolution des Weltproletariats. Im Gegensatz zu ihrem
Erscheinungsbild handelte es sich im Fe­bruar 1917 nicht um eine `bürgerliche
Re­volution' oder um den Machtantritt ir­gendwelcher sozialer
Zwischenschichten. Februar 1917 war eine proleta­rische Erhe­bung, gegen  die 
sämtliche Kräfte der Bourgeoisie alles taten, um sie von ihrem Weg ab­zubringen
und sie zu zerstören; was  sehr schnell
bewies, daß alle Fraktio­nen der Bourgeoisie, weit entfernt davon, `revolutionär'
zu sein, völlig dem impe­rialistischen Krieg und der Konterrevolu­tion verschrieben
waren und daß das Kleinbürgertum und andere Zwischen­schichten kein autonomes
so­ziales oder politisches Programm besaßen , sondern dazu verdammt wa­ren,
sich hinter die eine oder der andere der bei­den Klassen in der Gesellschaft zu
stellen.
Als Lenin die April-Thesen 1917 schrieb, liquidierte
er all die überholten Begriffe ir­gendwelcher Zwi­schenetappen zwischen
bürgerlicher und proletari­scher Revolu­tion, all die Überbleibsel rein nationa­ler
Konzepte des revolutionären Wechsels. Die The­sen verzichten
letztendlich auf das zwiespältige Konzept der permanenten Re­volution und
bekräfti­gen, daß die Revolu­tion der Arbeiterklasse kommu­nistisch und
international oder gar nichts ist.

Klärung der kommunisti­schen Perspek­tive:
das Konzept der kapitali­stischen Dekadenz

Die wichtigsten Klärungen über die Per­spektive des
Kommunismus kamen durch die Debatte zustande, welche nicht lange nach der
Veröffentlichung dieses ersten kommunistischen Rundbriefes nach der 48er
Revolution im Bund  ausgebrochen war. Es
wurde Marx und jenen, die ihm politisch nahestanden, schnell klar, daß die
Konterrevolution überall in Eu­ropa trium­phiert hatte und daß es tatsächlich
kei­nerlei Aussicht auf einen nahe bevorstehenden re­volutionären Kampf gab.
Was ihn mehr als alles an­dere davon überzeugt hatte, wa­ren nicht einfach die
politischen und militä­rischen Siege der Reaktion, sondern seine auf einer
gewissenhaften ökonomi­schen Untersuchung unter seinen neuen Exilbedin­gungen
in Großbritannien basie­renden Anerken­nung, daß der Kapitalis­mus in eine neue
Wachs­tumsperiode ein­trat. So schrieb er in Die Klassen­kämpfe in
Frankreich:
"Bei dieser
allgemeinen Prosperität, worin die Pro­duktivkräfte der bürgerlichen Ge­sellschaft
sich so üppig entwickeln, wie dies innerhalb der bürgerli­chen Verhält­nisse
überhaupt möglich ist, kann von ei­ner wirklichen Revolution keine Rede sein.
Eine solche Revolution ist nur in den Peri­oden möglich, wo diese beiden Faktoren, die modernen Produk­tivkräfte und die bürgerlichen Produktionsformen, mitein­ander
in Widerspruch geraten. Die verschie­denen
Zänkereien, in denen sich jetzt die Repräsen­tanten der einzelnen Fraktionen
der kontinentalen Ordnungs­partei ergehen und gegenseitig kompro­mittieren,
weit entfernt zu neuen Revolutio­nen Anlaß zu geben, sind im Gegenteil nur
möglich, weil die Grundlage der Verhält­nisse momentan so sicher sind und, was
die Reaktion nicht weiß, so bürger­lich
ist. An ihr werden alle die bürgerliche Ent­wicklung aufhaltenden Reaktionsversuche
ebenso­sehr abprallen wie alle sittliche Ent­rüstung und alle begeisterten
Proklamatio­nen der Demokraten. Eine
neue Revolu­tion ist nur möglich im Gefolge einer neuen Krisis. Sie ist aber
auch ebenso si­cher wie diese
.
"
(MEW 7, S. 98).

Folglicherweise war die Aufgabe, der sich der Bund der
Kommunisten gegenübersah, nicht die un­mittelbare Vorbereitung auf die
Revolution, sondern vor allem das theore­tische Verständnis der objekti­ven
histori­schen Situation, des wirklichen Schicksals des Kapitals und somit der
wirklichen Ba­sis für eine kommunistische Revolution.
Diese Perspektive traf auf heftige Gegen­wehr bei den mehr
immediatistischen Ele­menten in der Par­tei, der Willich-Schap­per-Tendenz, die
auf dem schicksalhaften Treffen des Zentralkomitees des Bundes der Kommunisten im
September 1850 behauptete, der Streit ver­liefe zwischen jenen, "die das Proletariat organisie­ren"
(d.h. sie selbst, die wirkli­chen Arbeiter-Kommuni­sten) und "die, welche
mit der Feder wirken" (MEW 8, S. 597) (d.h. Marx und seine Stubenzim­mer-Terro­risten).
Der wirkliche Punkt wurde von Marx in seiner Antwort aufgegriffen:

"Grade in der letzten
Debatte über die Frage `die Stellung des deutschen Proleta­riats in der
nächsten Revolution' sind von Mitgliedern der Minorität der Z.B. [Zentralbehörden]
Ansichten ausgespro­chen worden, die direkt dem vorletzten Rundschreiben, sogar
dem `Manifest' wi­dersprechen. An die Stelle der universellen Anschauung des
`Manifestes' ist die deut­sche nationale getreten und dem National­gefühl der
deutschen Handwerker ge­schmeichelt. Statt der materialistischen An­schauung
des `Manifestes' ist die idealisti­sche hervorgehoben worden. Statt der
wirklichen Verhältnisse der Wille als Hauptsache in der Revolution hervorgeho­ben
worden. Während wir den Arbeitern sagen: Ihr habt 15, 20, 50 Jahre Bürger­krieg
durchzumachen, um die Verhältnisse zu ändern, um euch selbst zur Herrschaft zu
befähigen, ist statt dessen gesagt wor­den: Wir müssen gleich zur Herrschaft
kommen, oder wir können uns schlafen le­gen." (MEW8, S.598)

Diese Debatte mündete in der faktischen Auflösung des
Bundes. Marx schlug vor, das Hauptquartier nach Köln zu verlegen und die beiden
Tendenzen in ge­trennten lokalen Sektionen arbeiten zu lassen. Die Organisation
existierte bis nach dem be­rüchtigten Kölner Kommunisten-Prozeß 1852 weiter,
aber es handelte sich dabei immer mehr um eine rein for­male Exi­stenz. Die
Nachfolger von Willich-Schap­per verwickelten sich zusehends in ver­rückte Kom­plotte
und Verschwörungen, die darauf abzielten, den proletarischen Sturm zu
entfesseln. Marx, En­gels und ein paar andere zogen sich immer mehr aus den
Aktivitäten der Organisation zurück (ausgenommen, wenn sie zur Verteidigung
ihrer in Köln inhaftierten Genossen kamen) und widmeten sich der Hauptaufgabe
der Stunde - die Erarbeitung eines tieferen Verständnisses für die Wirkungswei­sen
und Schwächen der kapitalistischen Produkti­onsweise.
Dies war die erste deutliche Demonstration der Tat­sache,
daß eine proletarische Partei in einer Periode der Reaktion und Nieder­lage
nicht als solche existie­ren kann; daß in solchen Perioden Revolutionäre nur
als Fraktion arbeiten können. Aber die Nicht-Existenz einer organisierten
Fraktion um Marx und Engels in der darauffolgenden Periode war keine Stärke;
sie drückte die Unreife der politischen Be­wegung des Proletariats, des
Konzeptes der Partei selbst aus (s. die Artikelsammlung ‘Das Verhältnis
Fraktion - Partei in der marxistischen Tradition’)
Dennoch hinterläßt uns die Debatte mit der
Willich-Schapper-Tendenz ein fortdauern­des Vermächtnis: die deutliche Bekräfti­gung
durch die `marxistische Tendenz', daß die Revolution erst dann herannahen wird,
wenn die "modernen Produktiv­kräfte"
in einen Gegensatz zu den "bürgerlichen
Produktionsformen
" getreten sind; wenn der Kapitalismus zu einer Fes­sel
für die Entwicklung der Produktiv­kräfte geworden ist, zu einem dekadenten
sozialen System. Dies war die wesentliche Antwort auf all jene, die, indem sie
die Revolution von ihren objektiven histori­schen Bedingungen trennten, die
kommu­nistische Revolu­tion auf eine simple Frage des Willens reduzierten. Und
es ist eine Antwort, die ständig in der Arbei­terbewegung wiederholt werden muß
- ge­gen die Bakunisten in der Ersten Interna­tionalen, die den­selben Mangel
an Inter­esse für die Frage der mate­riellen Bedin­gungen zeigten und die
Revolution von dem Flair und En­thusiasmus der Massen (und ihrer
selbsternannten geheimen Vor­hut) abhängig mach­ten; oder gegen Ba­kunins
späten Aufstieg im heuti­gen prole­tarischen Milieu bei- Gruppen wie Com­muniste
Internationaliste und Wildcat, die von An­fang an die marxistische Auffas­sung
von der Deka­denz des Kapitalismus verneinten und darin endeten, alle Begriffe
des hi­storischen Fortschritts abzuleh­nen und zu behaup­ten, daß der
Kommunismus seit Beginn des Kapita­lismus, ja sogar seit der ersten Dämmerung
der Klassengesell­schaft möglich gewe­sen sei.
Es ist wahr, daß die Debatte 1850 diese Frage der Dekadenz
nicht endgültig klärte; es gibt durchaus Raum in den Worten von Marx über die
"nächste Revolution, die aus der
nächsten Krisis hervorgeht
", um daraus zu schließen, daß Marx die
revolu­tionäre Möglichkeit nicht so sehr als das Ergebnis einer Pe­riode ansah,
in der die bürgerlichen Verhältnisse zu einer perma­nenten Fessel der
Produktivkräfte ge­worden sind, sondern als 
Resultat einer der zykli­schen und zeitweiligen Krisen, welche das
kapitali­stische Leben während des 19.Jahrhunderts unter­brachen. Einige
Strömungen innerhalb der proletari­schen Bewegung - insbesondere die
Bordigisten - haben versucht, in Übereinstimmung mit der Kritik von Marx am
Voluntarismus zu bleiben und trotz­dem den Begriff einer permanenten Krise der
kapi­talistischen Produktionsweise, den Begriff der De­kadenz abzulehnen.
Obgleich aber das Konzept der Dekadenz nicht völlig geklärt werden konnte, bis
der Kapitalismus tatsächlich seine dekadente Phase betrat, behaupten wir, daß
jene, die diesen Begriff vertreten, die wirklichen Erben der marxi­stischen
Methode sind. Dies wird eines der Elemente sein, die wir im nächsten Artikel
dieser Reihe untersu­chen werden, wenn wir Marxens theoretisches Werk in der Pe­riode,
die der Auflösung des Bundes folgte, aus einem Blickwinkel betrachten, der am
relevante­sten für diese Reihe  ist: als
einen Schlüssel zum Verständnis für die Notwendigkeit und Mög­lichkeit des
Kommunismus.

 

Theorie und Praxis: 

Geschichte der Arbeiterbewegung: 

Entwicklung des proletarischen <br>Bewusstseins und der Organisation: 

Theoretische Fragen: 

Erbe der kommunistischen Linke: