Wirtschaftskrise

30 Jahre offene Krise des Kapitalismus

II. Die 80er Jahre

In der letzten Ausgabe der Internationalen Revue sahen wir,
wie der Kapitalismus seit 1967 dem offenen Wiederauftreten seiner historischen
Krise durch die Entwicklung der staatlichen Wirtschaftsintervention begegnet
war. Damit versuchte die Bourgeoisie, die Krise zu verlangsamen und ihre
schlimmsten Auswirkungen auf die Peripherie, auf die schwächsten Sektoren ihres
eigenen nationalen Kapitals und natürlich auf die Gesamtheit der Arbeiterklasse
zu schieben. Wir analysierten die Entwicklung der Krise und die Antwort des
Kapitalismus in den 70er Jahren. Nun wollen wir auf die Entwicklung ihres
Verlaufs während der 80er Jahre blicken. Diese Analyse wird es uns gestatten zu
begreifen, dass die staatliche Politik der „Krisenbegleitung, um den Absturz zu
verzögern und abzufedern“, nichts gelöst hat, noch dass sie irgendetwas anderes
gebracht hat als die Vertiefung der fundamentalen Widersprüche des
Kapitalismus.

Die Krise von 1980-82

Auf dem 2. Internationalen Kongress der IKS, der 1977
abgehalten worden war1, warfen wir ein Schlaglicht auf die Art und Weise, wie
die vom Kapitalismus geförderte expansionistische Politik immer weniger Wirkung
zeigte und in die Sackgasse geraten war. Die Schwankungen zwischen „Erholung“,
die die Inflation provozierte, und plötzlichen Drosselungen, die in der
Rezession endeten, führten zu dem, was „Stagflation“ genannt wird (Rezession
und Inflation zur gleichen Zeit) und demonstrierten die ernste Lage des Kapitalismus
sowie den unlösbaren Charakter dieser Widersprüche. Die unheilbare Krankheit
der Überproduktion verschärfte ihrerseits global die imperialistischen
Spannungen dergestalt, dass es in den letzten Jahren dieses Jahrzehnts eine
bemerkenswerte Verschärfung militärischer Konfrontationen und die Entwicklung
des Rüstungswettlaufes sowohl auf der nuklearen als auch auf der
konventionellen Ebene gegeben hat2.

Die 80er Jahre begannen mit einer offenen Rezession, die bis
1982 dauerte und die in vielerlei Hinsicht schlimmer war als die vorherige
Rezession 1974/75: Die Produktion stagnierte (die Wachstumsraten waren in
Großbritannien und den europäischen Ländern negativ), die Arbeitslosigkeit
wuchs spektakulär (1982 registrierte man in den USA allein in einem Monat den
Verlust von einer halben Million Arbeitsplätzen); die Industrieproduktion fiel
in Großbritannien 1982 auf den Stand von 1967 zurück, und das erste Mal seit
1945 ging der Welthandel in zwei aufeinanderfolgenden Jahren zurück3. Dies
führte zur Schließung von Fabriken und zur Massenarbeitslosigkeit in einem
Maße, wie es seit 1929 nicht mehr gesehen worden war. Was industrielle und
landwirtschaftliche Verwüstung genannt wurde, begann sich nun zu entwickeln und
setzte sich seither ständig fort. Einerseits sahen ganze Regionen alter
traditioneller Industrien die systematische Schließung von Fabriken und Zechen,
und die Arbeitslosigkeit schoss auf 30%. Dies passierte in solchen Gebieten wie
Manchester, Liverpool oder Newcastle in Großbritannien, Charleroi in Belgien,
Lorraine in Frankreich oder Detroit in den Vereinigten Staaten. Andererseits
war die landwirtschaftliche Überproduktion in vielen Ländern dermaßen groß,
dass die Regierungen für die Beseitigung weiter landwirtschaftlicher Flächen
zahlten und die Hilfen für Landwirtschaft und Fischerei brutal beschnitten
wurden, was den wachsenden Ruin kleiner und mittlerer Bauern sowie
Arbeitslosigkeit unter den Landarbeitern verursachte.

Nach 1983 gab es jedoch eine wirtschaftliche Erholung, die
anfangs auf die Vereinigten Staaten beschränkt blieb, aber ab 1984/85 auch auf
Europa und Japan übergriff. Diese Erholung wurde grundsätzlich durch die
kolossalen Schuldenstände der Vereinigten Staaten bewirkt, die die Produktion
steigerten und der Wirtschaft Japans und Westeuropas stufenweise erlaubten, auf
den Zug des Wachstums aufzuspringen.

Es handelte sich hier um die berühmten „Reaganomics“, welche
damals als die große Lösung der Krise des Kapitalismus vorgestellt wurden.
Diese „Lösung“ wurde auch als Rückkehr zu den „Ursprüngen des Kapitalismus“
bezeichnet. Angesichts der „Exzesse“ des Staatsinterventionismus, die die
staatliche Wirtschaftspolitik in den 70er Jahren kennzeichneten
(Keynesianismus) und denen 
„Sozialismus“ oder der „Hang“ zum Sozialismus nachgesagt wurde,
präsentierten sich die neuen Wirtschaftstheoretiker selbst als „Neoliberale“,
und ihre Rezepte für „weniger Staat“, den „freien Markt“, etc. wurden in nah
und fern gerühmt.

In Wahrheit waren die Reaganomics weder die große Lösung (ab
1985 war es, wie wir sehen werden, notwendig, den Preis für die Schuldenstände
der USA zu zahlen), noch handelte es sich um einen angeblichen „Rückzug des
Staates“. Was die Reagan-Regierung tat, war, ein gigantisches Rüstungsprogramm
(unter dem Namen „Star Wars“ leistete es einen mächtigen Beitrag dafür, ihren
rivalisierenden Block in die Knie zu zwingen) unter massiver Zuhilfenahme
staatlicher Schulden aufzulegen. Die berühmte Lokomotive wurde nicht mit dem
gesunden Brennstoff einer wirklichen Marktexpansion betrieben, sondern mit dem
verdünnten Brennstoff allgemeiner Schulden.

Die „neue“
Schuldenpolitik

Das einzig Neue an Reagans Politik war die Art und Weise,
wie diese Schuldenstände erreicht wurden. Während der 70er Jahre war der Staat
direkt verantwortlich für die Finanzierung der wachsenden Defizite der
öffentlichen Ausgaben, indem er die Geldmenge erhöhte. Dies bedeutete, dass der
Staat das Geld bereitstellte, das die Banken benötigten, um Geld an Geschäfte,
an private Kreditnehmer oder an andere Staaten auszuleihen. Dies verursachte
einen kontinuierlichen Wertverlust des Geldes und führte so zu einer
explosionsartigen Inflation.

Wir haben bereits den wachsenden Engpass gesehen, in dem
sich die Weltwirtschaft befand, insbesondere die Wirtschaft Amerikas Ende der
70er Jahre. Um aus dieser Sackgasse herauszukommen, änderte der Präsident der
Federal Reserve, Volcker, in den letzten beiden Jahren der
Carter-Administration radikal die Kreditpolitik. Er schloss die Geldhähne, was
die Rezession von 1980-82 provozierte, aber gleichzeitig den Weg öffnete für
eine massive Finanzierung durch die Ausgabe von Obligationen und Anleihen, die
konstant auf dem Markt erneuert wurden. Diese Orientierung wurde übernommen und
verallgemeinert von der Reagan-Administration und über die ganze Welt verbreitet.

Der Mechanismus des „Finanz-Engineering“ war wie folgt. Auf
der einen Seite gab der Staat Obligationen und Anleihen aus, um seine
beträchtlichen und ständig wachsenden Defizite zu finanzieren, zu denen auch
die Finanzmärkte (Banken, Geschäfte, Individuen) beisteuerten. Auf der anderen
Seite drängte er die Banken dazu, nach Anleihen auf den Finanzmärkten zu suchen
und gleichzeitig Obligationen und Anleihen zu emittieren sowie die sukzessive
Expansion von Kapital (Ausgabe von Aktien) durchzuführen. Es handelte sich
hierbei um einen höchst spekulativen Mechanismus, der versuchte, die
Entwicklung einer wachsenden Menge von fiktivem Kapital (toter Mehrwert, der
nicht in neues Kapital investiert werden kann) auszubeuten.

Auf diese Weise wurde das Gewicht privater Fonds größer als
das der öffentlichen Fonds bei der Finanzierung der Schulden (öffentlicher und
privater).

Die Finanzierung der öffentlichen Schulden in den USA (in
Milliarden Dollar):

Fonds              1980             1985            1990            1995            1997

öffentlich            24            45            70            47            40

privat               46           38        49            175            260

(Quelle: Global Development Finance)

Das heißt nicht, dass es eine Verringerung des  staatlichen Gewichts (wie die „Liberalen“
behaupten) gegeben hat, vielmehr war dies eine Antwort auf die wachsenden
Bedürfnisse der Finanzierung (und besonders der sofortigen Liquidität), die
eine massive Mobilisierung allen verfügbaren Kapitals erforderte.

Diese angeblich „liberale“ und „monetaristische“ Politik
bedeutete, dass der Rest der Weltwirtschaft die famose US-Wirtschaft
finanzierte. Besonders der japanische Kapitalismus mit seinen enormen
Handelsüberschüssen kaufte massive Beträge von Obligationen und Anleihen des
amerikanischen Staats genauso wie die verschiedenen Emissionen durch
Gesellschaften in diesem Land auf. Das Resultat war, dass die Vereinigten
Staaten, die seit 1914 der Hauptkreditgeber auf der Welt gewesen waren, sich ab
1985 in einen Netto-Schuldner verwandelten und ab 1988 zum Hauptschuldner
dieser Welt wurden. Eine andere Konsequenz war, dass ab dem Ende der 80er Jahre
die japanischen Banken fast 50% der amerikanischen Vermögensanteile hielten.
Schließlich bedeutete diese Form von Verschuldung, dass, „während in der
Periode von 1980 bis 1982 die Industrieländer 49 000 Millionen Dollar mehr in
den sog. Entwicklungsländern verteilten, als sie erhielten, letztere in der
Periode von 1983 bis 1989 an erstere 242 000 Millionen Dollar mehr abführten“
(Prometeo, Nr. 16, Organ von Battaglia Comunista, aus dem Artikel „Eine neue
Phase in der kapitalistischen Krise“, Dezember 1998).

Die Methode, die benutzt wurde, um den Zins und die Schuld
selbst der ausgegebenen Obligationen zurückzuzahlen, bestand in der Ausgabe
neuer Anleihen und Obligationen. Dies bedeutete wachsende Schuldenstände und
das Risiko, dass die Gläubiger die neuen Ausgaben nicht zeichneten. Um
weiterhin Investoren anzuziehen, gab es regelmäßige Wiederaneignungen von
Dollars durch mannigfaltige künstliche Neubewertungen des Devisenaustausches.
Das Resultat war einerseits eine enorme Dollarflut, die sich über den Weltmarkt
ergoss, und andererseits ein gigantisches Handelsdefizit der USA, das von Jahr
zu Jahr neue Rekorde brach. Die Mehrheit der Industrieländer folgte mehr oder
weniger derselben Politik: Sie benutzten das Geld als ein Instrument zur
Kapitalgewinnung.

All dies ermutigte eine Tendenz, die während der 90er Jahre
noch vertieft wurde: die völlige Verfälschung und Manipulation des Geldes. Die
klassische Funktion des Geldes im Kapitalismus war es, Wertmaßstab und
Preisstandard zu sein. Um dieser Funktion nachzukommen, musste das Geld der
verschiedenen Staaten durch einen minimalen Anteil wertvoller Metalle gestützt
werden4. Diese Edelmetallreserven drückten tendenziell das Wachstum und die
Entwicklung des Reichtums eines Landes aus, der auch durch den Wechselkurs seines
Geldes dargestellt wurde.

Wir haben im vorhergehenden Artikel (Internationale Revue
Nr. 24) bereits gesehen, wie der Kapitalismus das 20. Jahrhundert hindurch
diese Reserven abschaffte, was bedeutete, dass das Geld ohne jegliches
Äquivalent zirkulierte, mit all den Risiken, die dies zur Folge hatte.
Nichtsdestotrotz stellten die 80er Jahre einen wirklich qualitativen Schritt
hin zum Abgrund dar: Das schon an sich ernste Phänomen, dass das Geld
vollkommen getrennt von einem Äquivalent in Gold oder Silber war, verschärfte
sich im Laufe des Jahrzehnts noch. Dazu kamen: erstens das Spiel mit der Auf-
und Abwertung, um Kapital anzuziehen, was ungeheure Spekulationen in ihnen
hervorrief; zweitens eine immer systematischere Zuflucht zur
„wettbewerbsbedingten Abwertung“, d.h. die Senkung des Geldpreises per Dekret,
mit dem Ziel, die Exporte anzukurbeln.

Die Säulen dieser „neuen“ Wirtschaftspolitik waren
einerseits der konstante Schneeballeffekt der massiven Emissionen von Anleihen
und Obligationen und andererseits die zusammenhangslose Geldmanipulation durch
die Mittel eines komplizierten und raffinierten „Finanzsystems“, das in
Wahrheit das Werk des gesamten Staates und der großen Finanzinstitutionen
(Banken, Sparkassen und Investmentgesellschaften, die in enger Verbindung zum
Staat stehen) war. Dem äußeren Anschein nach war es ein „liberaler“ und
„nicht-interventionistischer“ Mechanismus, in der Praxis war es eine typische
Konstruktion des Kapitalismus der westlichen Staaten, nämlich ein Management
auf der Basis einer Kombination der vom privaten und vom staatlichen Kapital
dominierten Sektoren.

Diese Politik wurde als der magische Zaubertrank
präsentiert, der in der Lage sei, Wirtschaftswachstum ohne Inflation zu
bewerkstelligen. In den 70er Jahren sah sich der Kapitalismus vor dem
unlösbaren Dilemma von Inflation oder Rezession gestellt, jetzt konvertierten
die Regierungen, ungeachtet ihrer politischen Couleur („Sozialisten“, „Linke“
oder die „Mitte“), zum Glaubensbekenntnis der „Neoliberalen“ und „Monetaristen“
und behaupteten, dass der Kapitalismus dieses Dilemma überwunden hätte und dass
die Inflation auf ein Niveau zwischen 2 und 5% reduziert worden sei, ohne das
Wirtschaftswachstum zu beeinträchtigen.

Diese Politik des „Kampfes gegen die Inflation“ und des angeblichen
„Wachstums ohne Inflation“ beruhte auf folgenden Instrumenten:

1.         Die
Eliminierung der „überflüssigen“ industriellen und landwirtschaftlichen
Kapazitäten, die zur Schließung zahlloser industrieller Einrichtungen und zu
massiven Entlassungen führte.

2.         Die
drastischen Streichungen von Subventionen für Industrie und Landwirtschaft, was
ebenfalls Entlassungen und Schließungen mit sich brachte.

3.         Der Druck
der Kostenreduzierungen und Produktionssteigerungen bedeutete in Wirklichkeit
eine verdeckte und allmähliche Deflation, die auf brutalen Angriffen gegen die
Arbeiterklasse der zentralen Länder und einer permanenten Senkung der
Rohstoffpreise beruhte.

4.         Das Abwälzen
der inflationären Effekte auf die Länder der unmittelbaren Peripherie durch
Mechanismen des Währungsdrucks und insbesondere durch die Abwertung des
Dollars. So gab es in Brasilien, Argentinien, Bolivien etc. Explosionen von
Hyperinflationen, die zu Preissteigerungen von 30% am Tag (!) führten.

5.         Vor allem
die Bezahlung alter Schulden durch neue Schulden. Die Schuldenfinanzierung ging
von der Ausgabe neuen Papiergeldes über auf die Ausgabe von
Schuldverschreibungen (staatliche Schuldpapiere und Obligationen,
Geschäftsanteile etc.), was zur Verlangsamung der langfristigen Auswirkungen
der Inflation führte. Die Schulden, die durch die Ausgabe von Schuldpapieren
gemacht worden waren, wurden durch neue Ausgaben zurückgezahlt. Diese
Schuldverschreibungen waren Objekt einer nicht aufzuhaltenden Spekulation. Die
Überbewertung ihres Preises (diese Überbewertung wurde durch die Manipulation
des Geldpreises ergänzt) bedeutete, dass der zugrundeliegende enorme
inflationäre Druck bis irgendwann in der Zukunft hinausgezögert wurde.

Maßnahme 4 löst nicht die Inflation, sondern nimmt einfach
einen Ortswechsel vor (indem sie sie auf die schwächsten Länder abwälzt).
Maßnahme 5 mag die Inflation bis in die Zukunft hinauszögern, aber dies um dem
Preis, ihre Schattenseite gefördert zu haben: die Bombe der währungspolitischen
und finanziellen Instabilität und Unordnung.

Was die Maßnahmen 1 und 3 anbetrifft, so mögen diese
kurzfristig die Inflation reduziert haben, aber mittel- bis langfristig werden
ihre Konsequenzen weitaus ernsthafter sein. Tatsächlich bilden diese Maßnahmen
eine versteckte Deflation, das heißt, eine methodische und organisierte
Reduzierung der realen Produktionskapazitäten durch den Staat. Wie wir in der
International Review (engl./franz./span. Ausgabe) Nr. 59 betonten: „Diese
Produktion mag den Gütern entsprechen, die tatsächlich hergestellt werden, aber
es ist keine Produktion von Werten (...), der Kapitalismus ist in seinem
Wachstum nicht reicher, sondern ärmer geworden.“ 5

Der Prozess der industriellen und landwirtschaftlichen
Verwüstung, die enormen Kostenreduzierungen, die Entlassungen und die
allgemeine Verarmung der Arbeiterklasse - all dies wurde systematisch und
methodisch von allen Regierungen in den 80er Jahren ausgeführt und erlebte in
den 90ern eine weitere Eskalation, die in Gestalt einer versteckten und
permanenten Deflation antrat. Während 1929 eine brutale und offene Deflation
stattfand, wurde in den 80er Jahren eine bis dahin unbekannte Tendenz
ausgelöst: kontrollierte und geplante Deflation, eine Form allmählicher und
methodischer Zerstörung der Basis der kapitalistischen Akkumulation, ein
Zustand langsamer aber unumkehrbarer De-Akkumulation.

Die Streichung von Kosten, die Eliminierung der
entbehrlichen und nicht wettbewerbsfähigen Bereiche, das gigantische Wachstum
an Produktivität waren keine Symptome für Wachstum und Entwicklung des
Kapitalismus an sich. Sicherlich begleiteten diese Phänomene die Phasen des
Kapitalismus im 19.Jahrhundert. Jedoch hatten sie damals noch eine reelle
Bedeutung, weil sie der Ausweitung und Erweiterung der kapitalistischen
Produktionsverhältnisse und der Bildung sowie dem Wachstum des Weltmarktes
gedient hatten. Ihre Funktion in den 80er Jahren dieses Jahrhunderts entsprach
einem diametral entgegengesetzten Ziel: dem Schutz vor der Überproduktion, und
ihre Ergebnisse sind kontraproduktiv, indem sie alles noch schlimmer machen.

Wenn also diese Politik der „konkurrenzbedingten Deflation“,
wie die Ökonomen sie schamhaft nennen, kurzfristig die Inflationsbasis
reduziert, so wird sie mittel- bis langfristig sie verstärken und stimulieren,
da die Reduzierung des globalen Kapitals einerseits nur durch eine ständig
steigende Schuldenmenge und andererseits durch unproduktive Ausgaben (Rüstung,
Staat, Finanz- und Handelsbürokratie) kompensiert werden kann. Wie wir im
Bericht über die Wirtschaftskrise auf unserem 12. Internationalen Kongress
sagten: „Die wirkliche Gefahr des in die Inflation führenden Wachstums liegt
woanders: in der Tatsache, dass jedes solche Wachstum heute, jede sogenannte
Erholung auf einer riesigen Schuldensteigerung, auf der künstlichen Stimulierung
der Nachfrage basiert - in anderen Worten, auf 
fiktives Kapital. Dies ist die Matrix, die die Inflation in die Welt
setzt, da diese eine profunde Tendenz im dekadenten Kapitalismus ausdrückt: die
wachsende Spaltung zwischen Geld und Wert, zwischen dem, was in der ‘realen’
Welt der Produktion von Dingen abläuft, und einem Austauschprozess, der zu
solch einem ‘äußerst extremen und künstlichen Mechanismus’ geworden ist, dass
selbst Rosa Luxemburg, wenn sie heute noch leben würde, verblüfft sein würde.“
(International Review

Nr. 92 
engl./franz./span. Ausgabe)

Daher war das Einzige, das dem Fallen der Inflationsrate
während der 80er und 90er Jahre standgehalten hatte, die Aufschiebung der
Schuldentilgung durch das Karussell des neuen Schuldenmachens, mit dem die
alten beglichen werden, und die Explosion der globalen Inflation in immer
zahlreicheren schwachen Ländern.

All dies wurde deutlich durch die Schuldenkrise illustriert,
die ab 1982 in den „Drittwelt“-Ländern (Brasilien, Argentinien, Mexiko,
Nigeria, etc.) ausbrach. Diese Staaten, die ihre Expansion in den 70er Jahren
durch enorme Schulden gefüttert haben (s. den ersten Teil dieses Artikels),
drohten damit, sich selbst für bankrott zu erklären. Die wichtigsten Länder
reagierten sehr schnell und kamen ihnen mit Plänen für eine „Umschuldung“ (der
Brady-Plan) und durch direkte Intervention des Internationalen Währungsfonds
„zu Hilfe“. In Wirklichkeit war das, wonach sie trachteten, die Verhinderung
eines brutalen Zusammenbruchs dieser Staaten, was das gesamte
Weltwirtschaftssystem destabilisiert hätte. 

Die Gegenmittel, die angewendet wurden, waren eine Kopie der
„neuen Schuldenpolitik“:

          Die Anwendung brutaler Deflationspläne
unter der direkten Kontrolle des IWF und der Weltbank, was fürchterliche Angriffe
auf die Arbeiterklasse und die gesamte Bevölkerung bedeutete. Jene Länder, die
in den 70ern noch von einer „Entwicklung“ träumten, wachten in einem Alptraum
allgemeiner Armut auf, aus der es für sie kein Entrinnen gab.

          Die
Umwandlung der Anleihen der nationalen Verschuldung in Schuldverschreibungen,
die eine hohe Zinsrate (10 bis 20% mehr als der Weltdurchschnitt) und eine
wunderbare Spekulationsgelegenheit boten. Die Schulden verschwanden nicht: Sie
waren nur umgewandelt in ausgesetzte Schulden. Weit entfernt davon zu fallen,
sind die Schulden der „Drittwelt“-Länder in den 80er und 90er Jahren in
schwindelerregende Höhe gewachsen.

Der Krach von 1987

Ab 1985 begann der amerikanischen Lokomotive der Dampf
auszugehen. Die Wachstumsraten fielen langsam, aber unerbittlich, und dies
übertrug sich allmählich auf die europäischen Länder. Politiker und Ökonomen
sprachen von einer „sanften Landung“, das heißt, sie versuchten, dem
Verschuldungsmechanismus die Zügel anzulegen, der hinter einer wachsend unkontrollierbaren
Spekulation stand. Der Dollar wurde nach Jahren der Aufwertung einer brutalen
Abwertung unterzogen: er fiel zwischen 1985 und 1987 um mehr als 50%. Dies
erleichterte zeitweilig das amerikanische Defizit und bewirkte eine Reduzierung
der Zinszahlungen für diese Schulden, aber die Schattenseite davon war der
brutale 27%-Fall der New Yorker Börse im Oktober 1987.

Diese Zahl war quantitativ geringer als die 1929 erreichte
Quote (mehr als 30%), doch ein Vergleich der Situation von 1929 und 1987 erlaubt
es uns zu begreifen, dass die Probleme 1987 weitaus schlimmer waren (siehe
unten).

Die Börsenkrise von 1987 bedeutete eine brutale Entleerung
der spekulativen Blase, die die Reaktivierung der Wirtschaft durch die
Reagonomics gefüttert hatte. Seither ist diese Reaktivierung dahingeschwunden.
In der letzten Hälfte der 80er Jahre sahen wir Wachstumsraten zwischen 1 und
3%: im Endeffekt Stagnation. Aber gleichzeitig endete das Jahrzehnt mit dem
Kollaps Russlands und seiner Satelliten im Ostblock, ein Phänomen, das, auch
wenn es seine Wurzeln in den Besonderheiten dieser Regimes hatte, grundsätzlich
eine Konsequenz der brutalen Verschlimmerung der Weltwirtschaftskrise war.

Zusammen mit dem Kollaps des imperialistischen russischen
Blocks trat eine sehr gefährliche Tendenz ab 1987 auf: die Instabilität des
gesamten Weltfinanzsystems, die zu immer häufigeren Beben führen sollte und
seine wachsende Fragilität und Verwundbarkeit demonstrierte.

Allgemeine Bilanz der
80er Jahre

Wir werden jetzt einige Schlussfolgerungen aus der
Gesamtheit des Jahrzehnts ziehen; so wie im vorherigen Artikel werden diese die
Entwicklung der Ökonomie genauso wie die Lage der Arbeiterklasse betreffen. Ein
Vergleich mit den 70er Jahren enthüllt einen ernsten Verfall.

Die Entwicklung der wirtschaftlichen Situation

1.         Das
Produktionswachstum erreichte 1984 seinen Höchststand: 4,9%. Der Durchschnitt
für diese Periode lag bei 3,4%, wohingegen er im vorherigen Jahrzehnt noch bei
4,1% lag.

2.         Es gab eine
strikte Straffung des industriellen und landwirtschaftlichen Apparates. Dies
war ein neues Phänomen nach 1945, das die Hauptindustrieländer betraf. Die
folgende Tabelle, die sich auf drei zentrale Länder (Deutschland,
Großbritannien und die USA) bezieht, demonstriert die fallenden Produktionszahlen
in Industrie und Bergbau und eine wachsende Verlagerung zu unproduktiven und
spekulativen Sektoren.

Produktionsentwicklung nach Sektoren zwischen 1974 und 1987
(%)

                                    Deutschland      GB            USA

Bergbau                                   -8,1            -42,1            -24,9

Industrie                                   -8,2            -23,8             -6,5

Bau                                          -17,2   -5,5     12,4

Handel & Dienstleistungen            -3,1     5,0       15,2

Finanzen & Versicherungen            11,5     41,9     34,4

(Quelle: OECD)

3.         Die Mehrheit
der produktiven Bereiche erlitt einen Einbruch in ihrer Produktion. Dies konnte
bei den Kürzungen bei den industriellen Spitzenreitern (Autos, Elektronik,
Haushaltgeräte) wie auch in den „traditionellen“ Bereichen (Schiff-,
Maschinenbau, Textil, Bergbau) beobachtet werden. So waren die
Produktionsstände in der Autoindustrie 1978 dieselben wie 1987.

4.         Die Lage in
der Landwirtschaft war katastrophal:

          Die Länder
des Ostens und der Dritten Welt waren zum ersten Mal seit 1945 gezwungen,
Grundnahrungsmittel zu importieren.

          Die
Europäische Union entschied, 20 Millionen Hektar Land brachzulegen.

5.         Die
Produktion in der Informationstechnologie, Telekommunikation und
Elektronikindustrie wuchs, dennoch konnte sie die Einbußen in der
Schwerindustrie und Landwirtschaft nicht ausgleichen.

6.         Die
Erholungsphasen erfassten nicht die gesamte Weltwirtschaft; außerdem waren sie
kurz und begleitet von Stagnationsphasen (z.B. zwischen 1987 und 1989).

          Die Erholung
in den USA während der Periode von 1983 und 1985 war groß, aber zwischen 1986
und 1989 war sie weit unter dem Durchschnitt von 1970.

          Die Erholung
war in allen westeuropäischen Ländern schwächer (eine globale Situation der
Semi-Stagnation) außer in Westdeutschland.

          Eine gute
Zahl von „Drittwelt“-Ländern war vom Wachstumszug abgekoppelt und fiel der
Stagnation anheim.

          Die Länder
des Ostens litten an einer fast generellen Stagnation während des gesamten
Jahrzehnts (ausgenommen Ungarn und die Tschechoslowakei).

7.         Japan und
Deutschland schafften es, ab 1983 akzeptable Wachstumsraten aufrechtzuerhalten.
Dieses Wachstum war höher als der Durchschnitt und erlaubte beträchtliche
Handelsüberschüsse, was sie zu wichtigen finanziellen Gläubigern werden ließ.
Jedoch waren diese Wachstumsraten nicht so hoch wie in den beiden
vorhergegangenen Jahrzehnten.

Jährliches Durchschnittswachstum des BIP in Japan:

1960 bis 1970         
            8,7%

1970 bis 1980                     5,9%

1980 bis 1990        
            3,7%

(Quelle: OECD)

8.         Die
Rohstoffpreise fielen während des gesamten Jahrzehnts (ausgenommen die Jahre
1987-88). Dies erlaubte den Industrieländern, das grundlegende Gewicht der
Inflation auf Kosten der „Drittwelt“-Länder (den Produzenten der Rohstoffe)
abzumildern, die fortschreitend in eine totale Stagnation fielen.

9.         Die
Rüstungsproduktion erlebte ihr bedeutendstes historisches Wachstum: Zwischen
1980 und 1988 wuchs sie in den USA gemäß den offiziellen Zahlen um 41%. Dieses
Wachstum bedeutet, wie die Linkskommunisten stets gezeigt haben, letztlich die
Schwächung der Wirtschaft. Beweis dafür ist das amerikanische Kapital: Zur
gleichen Zeit, als es unaufhörlich seinen Anteil an der globalen
Rüstungsproduktion steigerte, fiel der Anteil seiner Exporte in wichtigen
Bereichen des Welthandels, wie man aus folgender Tabelle ersehen kann:

Exporte im Welthandel in %

1980            1987

Maschinenbau              12,7%            9,0%

Kraftfahrzeuge            11,5%            9,4%

Informatik                    31,0%            22,0%

10.                   Die Verschuldung erlebte eine starke
Explosion auf quantitativer wie auf qualitativer Ebene

Auf quantitativer Ebene

          In der
„Dritten Welt“ wuchsen die Schulden auf unkontrollierbare Weise:

Die Gesamtschulden der unterentwickelten Länder in Millionen
Dollar

1980:   580000

1985:   950000

1988:            1320000

(Quelle: Weltbank)

          In den USA
schossen sie spektakulär in die Höhe:

Die Gesamtschulden der USA

in Millionen Dollar  

1970:   450000

1980:            1069000

1988:            5000000

(Quelle: OECD)

          In
Deutschland und Japan waren sie jedoch moderat.

Auf qualitativer Ebene

Nachdem sie 71 Jahre lang Gläubiger gewesen waren, wurden
die USA 1985 zu einem Schuldnerland;

          1988 waren
die Vereinigten Staaten zum höchstverschuldeten Land auf dem Planeten nicht nur
quantitativ sondern auch qualitativ mutiert. Dies wird klar ersichtlich aus der
Tatsache, dass, während Mexikos Auslandsschulden neun Monate seines BSP und
Brasiliens Verpflichtungen sechs Monate des BSP ausmachten, sie in den USA zwei
Jahre ihres BSP betrugen!

          In den
Industrieländern machte das Gewicht der Zinszahlungen auf Anleihen
durchschnittlich 19% des Staatshaushaltes aus.

11.                   Ab 1987 wurde der Finanzapparat, der
bis dahin verhältnismäßig stabil und gesund war, zunehmend Opfer von durch den
Schuldendienst verursachten immer ernsthafteren Turbulenzen.

            Bedeutende
Banken brachen zusammen, am ernstesten war der Kollaps der Sparkassen in
Amerika mit Schulden in Höhe von 500000 Millionen Dollar..

          1987 begann
eine Serie von Börsenkrächen: 1989 gab es einen weiteren Börsenkrach, auch wenn
er infolge staatlicher Maßnahmen, die den Börsenhandel sofort aussetzten, als
die Kurse um 10% fielen, weniger ernst war.

          Die
Spekulation nahm spektakuläre Züge an. In Japan z.B. verursachte die
Immobilienspekulation 1989 einen Crash, dessen Konsequenzen immer noch spürbar
sind.

Die Lage der
Arbeiterklasse

1.         Wir erleben
die schlimmste Welle der Arbeitslosigkeit seit 1945. Die Arbeitslosigkeit stieg
in den Industrieländern brutal an:

Die Arbeitslosenzahlen in den 24 Ländern der OECD

1979:            18000000

1989:            30000000

2.            Während
in der „Dritten Welt“ die Unterbeschäftigung zur Allgemeinheit wurde, trat sie
in den Industrieländern tendenziell auf (Zeitarbeit, Teilzeitarbeit und prekäre
Arbeitsverhältnisse).

3.         Ab 1985
ergriffen die Regierungen der Industriestaaten Maßnahmen, die unter dem Vorwand
des „Kampfes gegen die Arbeitslosigkeit“ zu Zeitarbeitsverträgen ermutigten. So
waren 1990  8% der Arbeitskräfte von
Zeitverträgen betroffen, während die Zahl der Dauerarbeitsplätze abnahm.

4.         Die
Nominallöhne wuchsen sehr bescheiden (im Durchschnitt stiegen sie in den
OECD-Ländern zwischen 1980 und 1988 um 3%) und konnten die Inflation trotz
ihrer sehr geringen Rate nicht ausgleichen.

5.         Die
Sozialausgaben (soziale Sicherheitssysteme, Wohngeld, Gesundheit, Erziehung,
etc.) erlitten ihre ersten bedeutenden Kürzungen.

Der Verfall der Lebensbedingungen der Arbeiterklasse war
dramatisch in den „unterentwickelten“ Ländern und ernst in den
Industrieländern. In letzteren war er nicht mehr so sanft und langsam wie im
vorhergegangenen Jahrzehnt, trotz der Tatsache, dass die Regierungen, um die
Vereinigung der Kämpfe zu vermeiden, die Angriffe langsam und wohldurchdacht
organisierten und sich vor plötzlichen und generalisierten Attacken hüteten.

Dennoch war der Kapitalismus das erste Mal seit 1945 nicht
mehr in der Lage, die Gesamtzahl der Arbeitskräfte zu steigern: Die Zahl der
Lohn- und Gehaltsempfänger wuchs langsamer als die Weltbevölkerung. 1990 legte
die Internationale Arbeitsorganisation die Zahl von 800 Millionen Arbeitslosen
vor. Dies zeigt deutlich die Verschlimmerung der Krise des Kapitalismus und
enthüllte gründlich die verlogenen Reden der Bourgeoisie über die Gesundung der
Wirtschaft.      

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