Leo Trotzki: „Literatur und Revolution“

Proletarische
Kultur und proletarische Kunst?

Jede herrschende Klasse entwickelt ihre eigene Kultur und folglich auch
ihre eigene Kunst. Die Geschichte kennt die Kultur der Sklavenhalter des Ostens
und der klassischen Antike, die Feudalkultur des europäischen Mittelalters und
die bürgerliche Kultur, die zur Zeit die Welt beherrscht. Daraus folgt
anscheinend selbstverständlich, dass das Proletariat seine eigene Kultur und
seine eigene Kunst schaffen müsste.

Das Problem ist aber bei weitem nicht so einfach, wie es auf den ersten
Blick erscheint. Die Gesellschaft, in der die Sklavenhalter herrschten,
existierte im Verlaufe von sehr vielen Jahrhunderten. Dasselbe gilt vom
Feudalismus. Die bürgerliche Kultur, selbst wenn man sie erst vom Zeitpunkt
ihres offenen und stürmischen Auftretens, d. h. von der Renaissancezeit an
rechnet, existiert fünf Jahrhunderte, wobei sie ihre volle Blüte erst im 19.
Jahrhundert erreichte, eigentlich erst in dessen zweiter Hälfte. Die Bildung
einer neuen Kultur um eine herrschende Klasse erfordert, wie die Geschichte
zeigt, viel Zeit und erreicht ihren Höhepunkt in einer Epoche, die dem
politischen Verfall der Klasse vorausgeht.

Hat denn nun das Proletariat überhaupt genügend Zeit, eine
„proletarische“ Kultur zu schaffen? Im Unterschied zum Regime der
Sklavenhalter, der Feudalen und der Bourgeoisie betrachtet das Proletariat
seine Diktatur als eine kurzfristige Übergangszeit. Wenn wir allzu
optimistische Ansichten hinsichtlich des Übergangs zum Sozialismus entlarven
wollen, erinnern wir daran, dass die Epoche der sozialen Revolution im
Weltmaßstab nicht Monate, sondern Jahre und Jahrzehnte dauern wird –
Jahrzehnte, aber nicht Jahrhunderte und schon gar nicht Jahrtausende. Kann denn
das Proletariat in dieser Zeit eine neue Kultur entwickeln? Zweifel daran sind
um so berechtigter, als die Jahre der sozialen Revolution Jahre eines
erbitterten Klassenkampfs sein werden, in denen die Zerstörungen mehr Raum
einnehmen werden als der Aufbau einer neuen Kultur. In jedem Falle wird das
Proletariat selbst seine Hauptenergie auf die Eroberung der Macht, deren
Behauptung, Festigung, deren Anwendung bei der Lösung der allerdringlichsten
Daseinsbedürfnisse und auf den weiteren Kampf richten müssen, so dass der
Möglichkeit planmäßigen kulturellen Aufbaues sehr enge Grenzen gesetzt sind.
Und umgekehrt: Je vollständiger das neue Regime gegen politische und
kriegerische Erschütterungen abgesichert sein wird, je günstiger sich die
Bedingungen für kulturelles Schaffen gestalten werden, um so mehr wird sich das
Proletariat in der sozialistischen Gemeinschaft auflösen, sich von seinen
Klassenmerkmalen befreien, das heißt also, nicht mehr Proletariat sein. Mit
anderen Worten: In der Epoche der Diktatur kann von der Schaffung einer neuen
Kultur, d. h. von einem Aufbau in allergrößtem historischem Maßstab keine Rede
sein; und jener mit nichts Früherem vergleichbare kulturelle Aufbau, der
einsetzt, wenn die Notwendigkeit der eisernen Klammern der Diktatur entfällt,
wird schon keinen Klassencharakter mehr tragen. Hieraus muss man die allgemeine
Schlussfolgerung ziehen, dass es eine proletarische Kultur nicht nur nicht
gibt, sondern auch nicht geben wird; Und es besteht wahrhaftig keinerlei
Veranlassung dazu, dies zu bedauern: Das Proletariat hat ja gerade dazu die
Macht ergriffen, um ein für allemal der Klassenkultur ein Ende zu setzen und
der Menschheitskultur den Weg zu bahnen. Das scheinen wir nicht selten zu
vergessen.

Die formlosen Gespräche über die proletarische Kultur in Analogie und
Antithese zur bürgerlichen finden ihren Nährboden in der äußerst unkritischen
Gleichsetzung des geschichtlichen Schicksals des Proletariats mit dem der
Bourgeoisie. Die oberflächliche, rein liberale Methode der formalen
historischen Analogien hat mit Marxismus nichts gemein. Es gibt keine
materielle Analogie der historischen Bahnen der Bourgeoisie und der
Arbeiterklasse.

Die Entwicklung der bürgerlichen Kultur setzte einige Jahrhunderte
früher ein, bevor die Bourgeoisie mit Hilfe einer Reihe von Revolutionen die
Staatsgewalt in ihre Hände nahm. Schon als die Bourgeoisie noch ein halb
rechtloser dritter Stand war, spielte sie auf allen Gebieten des kulturellen
Aufbaues eine große, ständig wachsende Rolle. Das kann man besonders deutlich
am Beispiel der Architektur verfolgen. Die gotischen Kirchen sind nicht
plötzlich, nicht in einer schlagartigen religiösen Begeisterung erbaut worden.
Der Entwurf zum Kölner Dom, seine Architektur und seine Skulptur stellen die
Summe von Bauerfahrungen der Menschen dar, die, beginnend mit den Vorrichtungen
des Höhlenbewohners, die Elemente dieser Erfahrungen zu einem neuen Stil
zusammenfassten, der die Kultur der Epoche, d. h. letzten Endes ihre soziale
Struktur und ihre Technik, zum Ausdruck brachte. Die alte, in Zünften und
Gilden organisierte Vorbourgeoisie war die tatsächliche Erbauerin der Gotik.
Als sich die Bourgeoisie entwickelt und konsolidiert hatte, d. h. als sie reich
geworden war und die Gotik schon bewusst und aktiv durchlaufen hatte, schuf sie
sich einen eigenen Architekturstil – aber schon nicht mehr für die Kirchen,
sondern für ihre eigenen palastartigen Häuser. Sie stützte sich hierbei auf die
Errungenschaften der Gotik, wandte sich der Antike, vorwiegend der römischen
Architektur zu, benutzte auch die maurische, unterwarf alles dies den
Vorbedingungen und Bedürfnissen der neuen städtischen Gemeinschaft und schuf
die Renaissance (in Italien gegen Ende des ersten Viertels des XV.
Jahrhunderts). Spezialisten mögen nachrechnen – und sie tun es auch – mit
welchen ihrer Elemente die Renaissance der Antike verpflichtet ist und mit
welchen der Gotik, sowie welche von diesen das Übergewicht haben. Auf jeden
Fall beginnt die Renaissance nicht vor dem Augenblick, in dem die neue
Gesellschaftsklasse, kulturell gesättigt sich stark genug fühlt, das Joch des
gotischen Bogens abzuschütteln und die Gotik sowie alles, was ihr voraufging,
als Material zu betrachten und die technischen Elemente der Vergangenheit frei
den eigenen künstlerischen Bauzwecken unterzuordnen. Das bezieht sich auch auf
alle anderen Künste mit dem Unterschied, daß die „freien“ Künste infolge ihrer
größeren Elastizität, d. h. infolge der geringeren Abhängigkeit vom
Verwendungszweck und vom Material, die Dialektik der Überwindung und der
Aufeinanderfolge der Stile nicht mit einer derartigen steinernen
Überzeugungskraft offenbaren.

Zwischen der Renaissance und der Reformation, die zur Aufgabe hatten,
der Bourgeoisie günstigere ideelle und politische Existenzbedingungen innerhalb
der feudalistischen Gesellschaft zu verschaffen, und der Revolution, die (in
Frankreich) der Bourgeoisie die Macht übertrug, vergingen drei bis vier
Jahrhunderte, in denen die materielle und ideelle Macht der Bourgeoisie wuchs.
Die Epoche der großen Französischen Revolution und der aus ihr entstandenen
Kriege lassen das materielle Kulturniveau vorübergehend sinken. Aber danach
setzt sich das kapitalistische Regime als „natürlich“ und „ewig“ fest ...

Auf diese Weise wurde der grundlegende Sammlungsprozeß der Elemente der
bürgerlichen Kultur und deren Kristallisation zu einem Stil von den sozialen
Eigenschaften der Bourgeoisie als der besitzenden Ausbeuterklasse bestimmt: Sie
entwickelte sich innerhalb der feudalistischen Gesellschaft nicht nur
materiell, war nicht nur mit ihr vielfältig verflochten und zog nicht nur den
Reichtum an sich, sondern brachte auch die Intelligenz auf ihre Seite, gründete
eigene Kulturstützpunkte (Schulen, Universitäten, Akademien, Zeitungen,
Zeitschriften), lange bevor sie sich an der Spitze des dritten Standes offen
des Staates bemächtigte. Es genüge, daran zu erinnern, daß die deutsche
Bourgeoisie mit ihrer unvergleichlichen technischen, philosophischen, wissenschaftlichen
und künstlerischen Kultur bis zum Jahre 1918 die Macht in den Händen einer
feudalbürokratischen Kaste beließ und sich erst dann entschloß, oder richtiger:
sich gezwungen sah, die Macht unmittelbar in die eigene Hand zu nehmen, als
sich das materielle Gerüst der deutschen Kultur in einen Scherbenhaufen zu
verwandeln begann.

Man könnte einwenden: Die Kunst der Sklavenhalter wurde in
Jahrtausenden geschaffen, die bürgerliche in Jahrhunderten; warum sollte die
proletarische nicht in Jahrzehnten geschaffen werden können? Die technischen
Grundlagen des Daseins sind heute ganz andere, und deshalb ist auch das Tempo
ein anderes. Dieser scheinbar so überzeugende Einwand geht in Wirklichkeit am
Kern der Sache vorbei. Zweifellos tritt in der Entwicklung einer neuen
Gesellschaft der Zeitpunkt ein, in dem die Wirtschaft, der kulturelle Aufbau
und die Kunst eine äußerst weitgehende Freiheit in ihrer Bewegung nach vorn
erhalten. Über das Tempo können wir heute nur Mutmaßungen anstellen. In einer
Gesellschaft, die alle beklemmenden und abstumpfenden Sorgen um das tägliche
Brot abgeworfen hat, für die in Gemeinschaftsrestaurants gute, bekömmliche,
schmackhafte Speisen zubereitet werden in einer alle befriedigenden Auswahl; in
der öffentliche Wäschereien gute Wäsche – für alle – gut waschen; in der die
Kinder satt, gesund und vergnügt sind – alle Kinder – und die Grundelemente der
Wissenschaft verschlingen wie Eiweiß, Luft und Sonnenwärme; in der die
Elektrizitätswerke und der Rundfunk nicht mehr so primitiv arbeiten wie heute,
sondern wie ein unerschöpflicher Wasserfall zentralisierter Energie, der auf
einen Knopfdruck planmäßig reagiert; in der es keine „überflüssigen“ Esser
gibt; in der der befreite Egoismus des Menschen – eine gewaltige Kraft! – voll
und ganz auf die Erkenntnis, Umgestaltung und Verbesserung des Weltalls
gerichtet ist – in einer solchen Gesellschaft wird die Dynamik der kulturellen
Entwicklung alles übersteigen, was es in der Vergangenheit gegeben hat. Aber
das wird erst nach dem langen und mühseligen Weg zur Paßhöhe eintreten, der
noch vor uns liegt. Wir aber sprechen gerade von der Epoche der Paßbezwingung.

Aber ist denn unsere heutige Zeit nicht dynamisch? In höchstem Grade.
Aber ihre Dynamik konzentriert sich auf die Politik. Auch Krieg und Revolution
sind dynamisch – aber in ungeheurem Umfange auf Kosten der Technik und der
Kultur. Zugegeben, der Krieg hat eine große Reihe technischer Erfindungen mit
sich gebracht. Aber das Elend, das er verursachte, hat für lange Zeit deren
praktische Anwendung in der Revolutionierung des Seins hinausgeschoben. Dies
bezieht sich auf das Radio, die Luftfahrt und auf viele chemische Entdeckungen.
Die Revolution schafft ihrerseits die Voraussetzungen für die neue
Gesellschaft. Aber sie vollzieht dies mit den Methoden der alten Gesellschaft:
mit dem Klassenkampf, mit Gewalt, Ausrottung und Zerstörung. Wenn die
proletarische Revolution nicht gekommen wäre, wäre die Menschheit an ihren
Widersprüchen erstickt. Der Umsturz rettet die Gesellschaft und die Kultur,
aber mit den Methoden der grausamsten Chirurgie. Alle aktiven Kräfte
konzentrieren sich in der Politik, im revolutiönaren Kampf – alles übrige rückt
in den Hintergrund, und alles, was stört, wird mitleidlos niedergetrampelt. In
diesem Prozeß gibt es natürlich eigene, private Ebbe- und Fluterscheinungen:
Der Kriegskommunismus wird von der NEP abgelöst, die ihrerseits verschiedene
Stadien durchläuft. Aber in ihren Grundzügen ist die Diktatur des Proletariats
keine Produktions- und Kulturorganisation der neuen Gesellschaft, sondern ein
revolutionäres Kampfregime im Kampf für diese Gesellschaft. Das darf man nicht
vergessen. Der Historiker der Zukunft wird, so müßte man denken, die
Kulmination der alten Gesellschaft auf den zweiten August 1914 zurückführen,
als die tobsüchtig gewordene Macht der bürgerlichen Kultur die ganze Welt in
Blut und Feuer des imperialistischen Krieges tauchte. Der Anfang der neuen
Geschichte der Menschheit wird wahrscheinlich auf den 7. November 1917
zurückgeführt werden. Die grundlegenden Etappen der Menschheitsentwicklung
werden vermutlich etwa folgendermaßen festgelegt werden: außergeschichtliche
„Geschichte“ des Urmenschen; antike Geschichte, die sich auf der Sklaverei
entwickelte; das Mittelalter – mit der Arbeit der Leibeigenen; der Kapitalismus
mit der Lohnausbeutung und schließlich die sozialistische Gesellschaft mit
ihrem hoffentlich schmerzlosen Übergang zur obrigkeitslosen Kommune. Auf jeden
Fall werden die 20, 30 oder 50 Jahre, die die proletarische Weltrevolution
dauern wird, in die Geschichte als äußerst schwieriger Übergang von einer
Gesellschaftsordnung zur anderen eingehen, auf keinen Fall aber als
selbständige Epoche einer proletarischen Kultur.

Jetzt, in den Jahren einer Atempause, können bei uns in der
Sowjetrepublik in dieser Hinsicht Illusionen entstehen. Wir haben die Fragen
der kulturellen Betriebsamkeit auf die Tagesordnung gesetzt. Wenn man in
Gedanken Linien von unseren heutigen Sorgen auf eine lange Reihe von Jahren
hinaus in die Zukunft zieht, dann könnte man sich eine proletarische Kultur
zurechtdenken. In Wirklichkeit aber steht unser Kulturbetrieb, so wichtig und
lebensnotwendig er ist, immer noch vollkommen im Zeichen der europäischen
Revolution und der Weltrevolution. Wir sind nach wie vor Soldaten auf dem
Vormarsch. Wir haben nur einen Rasttag. Da muß man sich sein Hemd waschen, die
Haare schneiden und kämmen und vor allen Dingen sein Gewehr reinigen und
einfetten. Unsere gesamte gegenwärtige wirtschaftlich-kulturelle Arbeit ist
nichts anderes als eine Gelegenheit, uns zwischen zwei Schlachten und Feldzügen
ein wenig in Ordnung zu bringen. Die Hauptkämpfe stehen uns noch bevor – und
sind vielleicht gar nicht mehr so fern. Unsere Epoche ist noch nicht die Epoche
einer neuen Kultur, sondern nur ein Vorhof zu ihr. Wir  müssen in erster Linie die wichtigsten
Elemente der alten Kultur unserem Staat dienstbar machen, und sei es nur, um
der neuen den Weg zu bahnen.

Dies wird besonders deutlich, wenn man die Aufgabe, wie es sich auch
gehört, in ihrem internationalen Ausmaß betrachtet. Das Proletariat ist die
besitzlose Klasse geblieben, die es früher war. Infolgedessen waren die Grenzen
für ihren Anschluß an die Elemente der bürgerlichen Kultur, die für immer zum
Inventar der Menschheit geworden sind, sehr eng gesetzt. In einem gewissen
Sinne kann man zwar sagen, daß auch das Proletariat, mindestens das
europäische, seine eigene Epoche der Reformation hatte, vorwiegend in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als es, ohne schon direkt nach der
Staatsmacht zu greifen, sich günstigere rechtliche Voraussetzungen für seine
Entwicklung innerhalb des bürgerlichen Regimes erobert hatte. Aber erstens hat
die Geschichte der Arbeiterklasse für diese „Reformationszeit“ (des
Parlamentarismus und sozialer Reformen), die zum größten Teil mit der Periode
der II. Internationale zusammenfiel, etwa so viele Jahrzehnte bewilligt wie der
Bourgeoisie Jahrhunderte. Zweitens wurde das Proletariat in dieser
Vorbereitungsperiode keinesfalls eine reichere Klasse, und es hat auch keine
Macht in seiner Hand konzentriert – im Gegenteil, vom sozialen und kulturellen
Standpunkt verelendete es immer mehr. Die Bourgeoisie kam zur Macht, voll
ausgerüstet mit den kulturellen Möglichkeiten ihrer Zeit; das Proletariat
jedoch kommt an die Macht, voll ausgerüstet mit dem dringenden Bedürfnis, sich
der Kultur zu bemächtigen. Die Aufgabe des Proletariats, das die Macht erobert
hat, besteht vor allen Dingen darin, den ihm vorher nicht dienstbar gewesenen
Kulturapparat – die Industrie, die Schulen, Verlage, die Presse, die Theater u.
a. m. in die Hand zu bekommen und sich dadurch den Weg zur Kultur freizumachen.

Bei uns in Rußland wird diese Aufgabe noch erschwert durch die Armut
unserer gesamten Kulturtradition und durch die materiell so vernichtenden
Ereignisse des letzten Jahrzehnts. Nach der Eroberung der Macht und nach fast
sechs Jahren des Kampfes um ihre Erhaltung und Konsolidierung ist unser
Proletariat gezwungen, alle seine Kräfte auf die Schaffung der elementarsten
materiellen Voraussetzungen für die Existenz und auf die Aneignung des
Alphabets im wahren, buchstäblichen Sinn des Wortes zu richten. Nicht umsonst
haben wir uns die Aufgabe gestellt, zum zehnjährigen Jubiläum der Sowjetmacht
das Analphabetentum zu liquidieren.

Irgend jemand mag vielleicht einwenden, daß ich den Begriff der
proletarischen Kultur zu weit fasse. Eine voll entfaltete Kultur des
Proletariats wird es tatsächlich nicht geben, aber immerhin wird es der
Arbeiterklasse, bevor sie sich in der kommunistischen Gesellschaft auflöst,
gelingen, der Kultur ihren Stempel aufzudrücken. Einen derartigen Einwand müßte
man in erster Linie als eine schwerwiegende Abweichung von den Positionen der
proletarischen Kultur registrieren. Es ist nicht zu bezweifeln, daß das
Proletariat während seiner Diktatur der Kultur ihren eigenen Stempel aufdrücken
wird. Aber von da bis zur proletarischen Kultur ist es noch sehr weit, wenn man
sie als ein entfaltetes und innerlich harmonisiertes System von Kenntnissen und
Fertigkeiten auf allen Gebieten des materiellen und geistigen Schaffens
auffaßt. Die Tatsache, daß Dutzende Millionen von Menschen zum ersten Male die
Kunst des Lesens und Schreibens und die vier Grundrechenarten erlernen, wird
allein schon zu einem neuen Kulturfaktor werden, und zwar zu einem ungeheuren.
Die neue Kultur wird ja ihrem ganzen Wesen nach keine aristokratische sein, für
eine privilegierte Minderheit, sondern eine allgemeine, für die Massen und das
Volk bestimmte. Die Quantität wird auch hier in Qualität umschlagen: Zugleich
mit der zunehmenden Massenverbreitung der Kultur wird sich ihr Niveau heben und
ihr ganzes Aussehen verändern. Aber dieser Prozeß wird sich erst in einer Reihe
von historischen Etappen entwickeln. Nach Maßgabe der Erfolge wird die
Klassenbindung des Proletariats schwächer werden und folglich auch der Boden
für eine proletarische Kultur schwinden.

Aber die Spitzen der Klasse? Ihre geistige Avantgarde? Kann man denn
nicht sagen, daß sich in dieser, wenn auch dünnen Schicht jetzt schon die
Entwicklung einer proletarischen Kultur vollzieht? Haben wir denn nicht eine
sozialistische Akademie? Rote Professoren? Mit einer solchen, sehr abstrakten
Fragestellung begeht man einen groben Fehler. Man faßt die Sache so auf, als
ließe sich die proletarische Kultur im Laboratoriumsverfahren entwickeln. In
Wirklichkeit bildet sich das Grundgewebe der Kultur auf der Basis der
wechselseitigen Beziehungen und der gegenseitigen Einflußnahme zwischen der
Intelligenz der Klasse und der Klasse selbst. Die bürgerliche Kultur – die
technische, politische, philosophische und künstlerische – wurde im
Zusammenwirken der Bourgeoisie mit ihren Erfindern, Führern, Denkern und
Dichtern geschaffen. Der Leser schuf den Schriftsteller und der Schriftsteller
– den Leser. In unvergleichlich größerem Umfang muß dies für das Proletariat
gelten, weil seine Wirtschaft, Politik und Kultur nur auf der schöpferischen
Selbständigkeit der Massen aufgebaut werden kann. Die Hauptaufgabe der
proletarischen Intelligenz ist in den nächsten Jahren allerdings nicht eine
Abstraktion der neuen Kultur – solange für sie noch nicht einmal das Fundament
gelegt ist – sondern eine äußerst konkrete kulturelle Betätigung, d. h. die
systematische, planmäßige und, natürlich, kritische Weitergabe der
notwendigsten Elemente der Kultur, die schon da ist, an die zurückgebliebenen
Massen. Man darf die Kultur einer Klasse nicht hinter ihrem Rücken entwickeln.
Um sie aber gemeinsam mit der Klasse – in enger Anpassung an ihren allgemeinen
historischen Aufstieg - aufzubauen, ist es notwendig, den Sozialismus zu verwirklichen,
wenn auch nur ins Unreine. Auf dem Wege dahin werden die Klassenmerkmale der
Gesellschaft nicht verschärft, sondern im Gegenteil – sie werden
verschwommener, lösen sich direkt proportional den Erfolgen der Revolution in
nichts auf. Der befreiende Sinn der Diktatur des Proletariats besteht ja gerade
darin, daß diese nur eine vorübergehende, kurzfristige Erscheinung ist – ein
Mittel, den Weg freizumachen, den Grundstein zu legen für eine klassenlose
Gesellschaft und die Solidarität der gegründeten Kultur.

Um den Sinn der kulturschaffenden Periode in der Entwicklung der
Arbeiterklasse konkreter zu erklären, nehmen wir die historische Reihenfolge
nicht der Klassen, sondern der Generationen. Ihre Kontinuität liegt darin, daß
jede der Generationen ihren Beitrag zu der bisher von früheren Generationen
angesammelten Kultur in ihrer Entwicklung und nicht im Zustand des Verfalles
leistet. Doch bevor sie dieses tut, muß die neue Generation durch eine Lehre
gehen. Sie erfaßt die vorhandene Kultur und gestaltet sie nach ihrer Art um,
die sich mehr oder weniger von der Art der älteren Generation unterscheidet.
Diese Aneignung ist noch nichts Schöpferisches, d. h. es werden noch keine
neuen kulturellen Werte geschaffen, sondern nur die Voraussetzung dafür. Das
Gesagte kann auch – in gewissen Grenzen – auf das Schicksal der sich zu
historischem Schöpfertum erhebenden Massen der Werktätigen übertragen werden.
Man muß nur hinzufügen, daß das Proletariat, sobald es das Stadium der
kulturellen Lehrzeit verläßt, aufhört, Proletariat zu sein. Wollen wir noch
einmal daran erinnern, daß die bürgerliche Spitze des dritten Standes ihre
kulturelle Lehrzeit unter dem Dach der feudalen Gesellschaft durchgemacht hat;
bereits in deren Schoß hat sie die alten herrschenden Stände kulturell
überflügelt und ist zu einem Motor der Kultur geworden, bevor sie zur Macht
gelangte. Mit dem Proletariat überhaupt, und dem russischen im besonderen,
verhält es sich genau umgekehrt: Es ist gezwungen, die Macht zu ergreifen,
bevor es sich die Grundelemente der bürgerlichen Kultur angeeignet hat; es ist
gezwungen, die bürgerliche Gesellschaft gerade deshalb mit revolutionärer
Gewalt zu stürzen, weil diese ihm keinen Zutritt zur Kultur gewährt. Ihren
Staatsapparat sucht die Arbeiterklasse in eine mächtige Pumpe zu verwandeln, um
den Durst der Volksmassen nach Kultur zu stillen. Das ist eine Arbeit von
immenser historischer Wichtigkeit. Aber das ist, wenn man nicht leichtfertig
mit Worten spielt, noch nicht die Schaffung einer besonderen proletarischen
Kultur. Unter der Bezeichnung „proletarische Kultur“, „proletarische Kunst“ u.
a. m. figurieren bei uns kritiklos in drei von etwa zehn Fällen die Kultur und
die Kunst der kommenden kommunistischen Gesellschaft, in zwei Fällen von zehn –
die tatsächliche Aneignung einzelner Elemente der vorproletarischen Kultur
durch einzelne Gruppen des Proletariats, und schließlich herrscht in fünf von
zehn Fällen – eine derartige Verwirrung von Begriffen und Wörtern, daß man sich
darin überhaupt nicht mehr zurechtfinden kann.

Nachstehend ein frisches Beispiel – eines von hundert – einer
liederlichen, unkritischen und gefährlichen Verwendung des Begriffs
„proletarische Kultur“: „Die wirtschaftliche Basis und das entsprechende System
des Überbaues“, schreibt Genosse Sisow, „stellen die kulturelle Charakteristik
einer Epoche dar (feudal, bürgerlich, proletarisch).“ Auf diese Art und Weise
wird die Epoche der proletarischen Kultur in demselben Sinn wie die bürgerliche
aufgefaßt. Aber das, was hier als proletarische Epoche bezeichnet wird, ist nur
eine kurze Übergangszeit von einer Gesellschaftsform zur anderen: vom
Kapitalismus zum Sozialismus. Der Erreichung des bürgerlichen Systems ist
ebenfalls eine Übergangsperiode voraufgegangen, aber im Gegensatz zur
bürgerlichen Revolution, die, nicht ohne Erfolg, danach strebte, die Herrschaft
der Bourgeoisie zu verewigen, hat die proletarische Revolution zum Ziel, die
Existenz des Proletariats als Klasse in einer möglichst kurzen Zeit zu
liquidieren.

Die Dauer dieser Zeit hängt unmittelbar von den Erfolgen der Revolution
ab. Ist es nicht geradezu ungeheuerlich, diese Tatsache zu vergessen und die
proletarische Epoche mit der feudalen und bürgerlichen in eine Reihe zu
stellen?

Wenn dem aber so ist, folgt dann daraus, daß wir auch keine
proletarische Wissenschaft haben? Können wir denn nicht tatsächlich behaupten,
daß die Theorie des historischen Materialismus und die Kritik von Marx an der
politischen Ökonomie unschätzbare wissenschaftliche Elemente der proletarischen
Kultur sind?

Natürlich ist die Bedeutung des historischen Materialismus und der
Mehrwerttheorie unermeßlich groß, sowohl für die klassenmäßige Ausrüstung des
Proletariats wie auch für die Wissenschaft überhaupt. Im „Kommunistischen
Manifest“ allein schon gibt es mehr echte Wissenschaft als in ganzen
Bibliotheken historischer und historisch-philosophischer professoraler
Kompilationen, Spekulationen und Falsifikationen. Kann man aber sagen, daß der
Marxismus an sich ein Produkt der proletarischen Kultur sei? Und kann man denn
behaupten, daß wir uns tatsächlich schon des Marxismus – nicht nur für
politische Kampfaufgaben, sondern auch für umfangreiche wissenschaftliche
Aufgaben bedienen?

Marx und Engels sind aus der kleinbürgerlichen Demokratie
hervorgegangen und sind selbstverständlich in deren Kultur und nicht in einer
Kultur des Proletariats erzogen worden. Wenn es nicht die Arbeiterklasse mit
ihren Streiks, ihrem Kampf, ihren Leiden und Aufständen gegeben hätte, dann
hätte es natürlich auch keinen wissenschaftlichen Kommunismus gegeben, weil
dann dazu keine historische Notwendigkeit bestanden hätte. Das zusammenfassende
Denken der bourgeoisen Demokratie erhebt sich in Gestalt ihrer kühnsten,
ehrlichsten und weitblickendsten Vertreter – getrieben von den kapitalistischen
Widersprüchen – bis zur genialen Selbstverleugnung, ausgerüstet mit dem ganzen
kritischen Arsenal, das dank der Entwicklung der bourgeoisen Wissenschaft zur
Verfügung stand. Das ist die Herkunft des Marxismus.

Das Proletariat fand im Marxismus nicht sofort seine Methode und hat
sie bis zum heutigen Tage bei weitem nicht völlig gefunden. Diese  Methode dient heute vorwiegend – fast
ausschließlich – politischen Zielen. Eine breite erkenntnismäßige Anwendung und
methodologische Entwicklung des dialektischen Materialismus liegt noch völlig
in der Zukunft. Nur in einer sozialistischen Gesellschaft wird der Marxismus
aus einer einseitigen Waffe des politischen Kampfes zu einer Methode des
wissenschaftlichen Schaffens, zum wichtigsten Element und Instrument der geistigen
Kultur.

Daß die gesamte Wissenschaft in mehr oder weniger großem Umfang die
Tendenzen der herrschenden Klasse wiedergibt, steht fest. Je näher eine
Wissenschaft den wirklichen Problemen der Meisterung der Natur (Physik, Chemie,
Naturwissenschaften) überhaupt steht, um so größer ist ihr nicht
klassenbedingter, allgemein menschlicher Beitrag. Je enger eine Wissenschaft
mit der sozialen Mechanik der Ausbeutung (politische Ökonomie) verstrickt ist,
oder je abstrakter sie die gesamte menschliche Erfahrung verallgemeinert
(Psychologie nicht im experimentellphysiologischen, sondern im sogenannten
„philosophischen“ Sinn), um so mehr ist sie dem Klasseneigennutz der
Bourgeoisie unterworfen, um so nichtiger ihr Beitrag zur Gesamtsumme des
menschlichen Wissens. Auf dem Gebiet der experimentellen Wissenschaften gibt es
ebenfalls verschiedene Stufen der wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit und
Objektivität, die von der Großzügigkeit der Schlußfolgerungen abhängt. In der
Regel richten sich die bürgerlichen Tendenzen am ungezwungensten in den
Gipfelsphären der methodologischen Philosophie, der „Weltanschauung“ ein.
Deshalb ist eine Säuberung des wissenschaftlichen Gebäudes von unten bis oben
oder richtiger von oben bis unten erforderlich, denn man muß in den obersten Etagen
anfangen. Aber es wäre naiv anzunehmen, daß das Proletariat, bevor es die von
der Bourgeoisie ererbte Wissenschaft für den sozialistischen Aufbau anwendet,
diese in ihrer Gesamtheit kritisch überarbeiten müsse. Das ist fast dasselbe,
als wenn man mit den Moralisten und Utopisten erklären würde: vor dem Aufbau
einer neuen Gesellschaft müsse sich das Proletariat auf die Höhe der
kommunistischen Moral erheben. In Wirklichkeit wird das Proletariat die Moral
wie auch die Wissenschaft erst dann radikal umbauen, wenn es, und sei es erst
im Rohbau, eine neue Gesellschaft aufgebaut hat. Aber geraten wir da nicht in
einen Teufelskreis? Wie soll man eine neue Gesellschaft mit Hilfe der alten
Wissenschaft und der alten Moral aufbauen? Hier muß man nun schon ein wenig
Dialektik zu Hilfe nehmen, dieselbe, die man bei uns so verschwenderisch sowohl
in die lyrische Poesie wie in den Kanzleibetrieb in die Kohlsuppe wie in die
Buchweizengrütze

[i]

hineinstopft. Gewisse
Stützpunkte und gewisse wissenschaftliche Methoden, welche das Bewußtsein von
dem ideellen Joch der Bourgeoisie befreien, braucht die proletarische
Avantgarde, um an die Arbeit gehen zu können; sie erkämpft sie sich und hat sie
sich teilweise schon erkämpft. Ihre grundlegende Methode hat sie unter
verschiedenen Umständen in vielen Kämpfen erprobt. Aber von da bis zur
proletarischen Wissenschaft ist es noch sehr weit. Die revolutionäre Klasse
wird den Ablauf ihres Kampfes nicht verlangsamen, nur weil ihre Partei noch
nicht entschieden hat, ob die Hypothese von den Elektronen und Ionen, die
psychoanalytische Theorie Freuds, die Homogenese der Biologen, die neuen
mathematischen Relativitätsoffenbarungen u. a. m. zu akzeptieren sind oder
nicht. Nach der Eroberung der Macht erhält das Proletariat allerdings bedeutend
größere Möglichkeiten, sich der Wissenschaft zu bemächtigen und sie zu
revidieren. Aber auch dies ist schneller gesagt als getan. Das Proletariat
vertagt keineswegs seinen sozialistischen Aufbau, bis seine neuen Gelehrten,
von denen viele noch in kurzen Höschen herumlaufen, alle Instrumente und Kanäle
der Erkenntnis überprüft und gereinigt haben werden. Das Proletariat wirft das
unverkennbar Unnötige, Falsche und Reaktionäre ab und benutzt auf den
verschiedenen Gebieten seines Aufbaus die Methoden und Resultate der
gegenwärtigen Wissenschaft, wobei es je nach Notwendigkeit einen gewissen
Prozentsatz in ihr enthaltener reaktionärer Klassenligatur mit in Kauf nimmt.
Das praktische Ergebnis rechtfertigt sich im großen und ganzen selbst, denn die
unter die Kontrolle der sozialistischen Zielsetzung gestellte Praxis wird
allmählich die Theorie, ihre Methoden und Ergebnisse kontrollieren und
auswählen. Inzwischen werden auch die unter den neuen Verhältnissen erzogenen
Gelehrten herangewachsen sein. Auf jeden Fall muß das Proletariat seinen
sozialistischen Aufbau bis zu einer recht bedeutenden Höhe führen, d. h. bis zu
einer tatsächlichen materiellen Sicherstellung und kulturellen Sättigung der
Gesellschaft, bevor eine Generalreinigung der Wissenschaft von oben bis unten
durchgeführt werden kann. Damit will ich gar nichts gegen jene marxistische
kritische Arbeit sagen, die bereits in Form von Zirkeln oder von Seminaren auf
verschiedenen Gebieten durchgeführt wird oder um deren Durchführung man sich
bemüht. Diese Arbeit ist notwendig und fruchtbar. Man muß sie in jeder Weise
erweitern und vertiefen. Aber man muß auch das marxistische Augenmaß bei der
Bewertung des gegenwärtigen spezifischen Gewichts derartiger Experimente und
Versuche im Gesamtmaßstab unserer historischen Tätigkeit bewahren.

Schließt denn aber das Gesagte die Möglichkeit aus, daß aus den Reihen
des Proletariats hervorragende Gelehrte, Erfinder, Dramaturgen oder Dichter
schon in der Periode der revolutionären Diktatur erscheinen können? Keineswegs,
es wäre aber äußerst oberflächlich, Leistungen, und wären sie noch so wertvoll,
schon als proletarische Kultur zu bezeichnen, weil sie von Personen vollbracht
wurden, die aus dem Arbeitermilieu stammen. Man darf den Begriff Kultur nicht
in kleine Münzen individueller Alltagsbedürfnisse verzetteln und die Erfolge
einer Kultur, einer Klasse, nicht nach den proletarischen Pässen einzelner
Erfinder und Dichter beurteilen. Die Kultur ist ein organisches Ganzes von
Wissen und Können, die die ganze Gesellschaft oder mindestens deren herrschende
Klasse charakterisiert. Sie umfaßt und durchdringt alle Gebiete menschlicher
schöpferischer Tätigkeit, indem sie diese in ein einheitliches System bringt.
Individuelle Errungenschaften wachsen über dieses Niveau hinaus und heben es
nach und nach.

Gibt es diese organische Wechselbeziehung zwischen unserer heutigen
proletarischen Dichtkunst und dem kulturellen Schaffen der Arbeiterklasse im
ganzen? Es ist vollkommen offensichtlich, daß es sie nicht gibt. Einzelne
Arbeiter oder Gruppen wenden sich jener Kunst zu, die von den bürgerlichen
Intelligenzlern geschaffen wurde, und benutzen deren Technik vorläufig noch
ziemlich eklektisch. Doch wohl dazu, um ihre eigene, innere proletarische Welt
auszudrücken? Das ist es eben, daß dem bei weitem nicht so ist. Dem Schaffen
proletarischer Dichter fehlt das Organische, das allein durch ein tiefgehendes
inneres Zusammenwirken der Kunst und durch den Stand und die Entwicklung der Kultur
als Ganzes erreichbar ist. Das sind literarische Werke begabter oder
talentierter Proletarier, jedoch keine proletarische Literatur. Aber ist das
vielleicht eine ihrer Quellen ?

Selbstverständlich werden sich in der Arbeit heutiger Generationen
viele Keime, Triebe und Quellen finden lassen, von denen aus ein ferner
geschäftiger Nachfahre Verbindungslinien zu verschiedenen Sektoren der
zukünftigen Kultur wird ziehen können, ähnlich wie die heutigen Kunsthistoriker
Verbindungslinien von den Kirchenmysterien zum Theater Ibsens oder von der
Malerei der Mönche – zum Impressionismus und Kubismus ziehen. Im Haushalt der
Kunst wie auch im Haushalt der Natur geht nichts verloren, und alles ist mit allem
verbunden.

Aber faktisch, konkret, lebensfähig entwickelt sich das heutige
Schaffen der Dichter, die aus dem Proletariat stammen, bei weitem noch nicht
auf der Ebene, auf der sich der Prozeß der Vorbereitung der Voraussetzungen für
die künftige sozialistische Kultur bewegt: ein Prozeß, der die Massen in
Bewegung bringt                             Leo
Trotzki



[i]

Ein uralter Volksspruch: Kohlsuppe und Grütze
sind unsere Nahrung

Theoretische Fragen: