Antwort auf einen Leserbrief zur Klassengrenze

7.7.06

Werter Genosse

Du wirfst in deinem letzten Brief
verschiedene wichtige Fragen auf und nimmst dazu auch Stellung. Wir können hier
nicht auf alle Punkte eingehen, sondern möchten uns auf ein Thema
konzentrieren, das uns gerade in der heutigen Zeit, wo linkskommunistische Positionen
immer mehr Interesse erwecken, sehr wesentlich erscheint: die Klassengrenze.

Du schreibst dazu: "soweit
ich das weiss, sieht die iks den "revolutionären aufbau schweiz" als
bürgerlich, anarchisten als kleinbürgerlich an (korrigiert mich, wenn das nicht
stimmt). dem setzt ihr personen und gruppierungen gegenüber, die
"diesseits der klassengrenze" stehen. ab wann ist denn für euch
jemand diesseits oder jenseits der klassengrenze?"

Klassennatur, Klassenpositionen, Klassengrenzen

Der Begriff Klassengrenze bezieht
sich grundsätzlich auf politische Organisationen, und nicht auf Einzelpersonen.
Die Revolutionäre beteiligen sich am Kampf der Arbeiterklasse, indem sie sich
einer revolutionären Organisation anschliessen (1). Wenn wir also von
Klassengrenze sprechen, beziehen wir uns auf politische Organisationen, die
sich entweder auf der bürgerlichen oder der proletarischen Seite dieser Grenze
befinden, entweder ein bürgerliches oder ein proletarisches Wesen haben.

Du fragst, wo wir die
Klassengrenze ziehen. Wesentlich sind die Positionen und die Haltung, die eine
politische Organisation vertritt: Ist ihr Programm internationalistisch? Oder
verteidigt sie in offener oder versteckter Form den bürgerlichen Staat?

Zum proletarischen  Programm gehören bestimmte Klassenpositionen,
über die heute aus der Sicht des Proletariats definitiv ein Urteil gefällt ist:
der bürgerliche und damit konterrevolutionäre Charakter des Parlamentarismus,
der Volksfrontpolitik (namentlich des Antifaschismus), der so genannten nationalen
Befreiung und aller staatlichen Regime, die sich nach der Annahme der
"Theorie" des "Sozialismus in einem Land" (durch die
Komintern 1928) sozialistisch oder kommunistisch genannt haben oder dies immer
noch tun. Du kennst alle diese zentralen Punkte eines kommunistischen
Programms, da sie Bestandteil unserer Plattform sind, die du ja gelesen hast.
(2)Das Urteil darüber, was eine Klassenposition ist, die darüber entscheidet,
ob eine Organisation proletarischer oder bürgerlicher Natur ist, kann nur das Resultat
eines geschichtlichen Prozesses sein. Es ist das Proletariat mit seinen
revolutionären Minderheiten, das im Verlauf des Klassenkampfes bestimmte
Positionen klärt. Die Bilanz der Russischen Revolution und ihrer Niederlage
konnte erst nach den realen geschichtlichen Ereignissen gezogen werden. Was
heute konterrevolutionär ist, war vielleicht vor 70 oder 80 Jahren noch nicht
klar oder vor 120 Jahren noch gar nicht konterrevolutionär. Beispiel: Die
Bildung neuer Nationalstaaten wurde

- von Marx und Engels je nach den
Umständen lebhaft begrüsst (Deutschland, Italien);

- zur Zeit des Ersten Weltkrieges
von den in dieser Frage klarsten Revolutionären - aber noch lange nicht von
allen - bereits bekämpft (vgl. Luxemburg im Gegensatz zu Lenin);

- erst nach dem Zweiten Weltkrieg
von den meisten der verbleibenden revolutionären Organisationen als
konterrevolutionär gebrandmarkt.

Nicht jede Gruppierung, die zu
einer bestimmten Zeit bei einer bestimmten Frage, z.B. der Gewerkschaftsfrage,
eine falsche Position vertritt, stellt sich damit schon ins Lager der
Bourgeoisie. Wenn eine solche Organisation sonst konsequent
internationalistische Positionen vertritt, kann es durchaus sein, dass sie im
Laufe eines veränderten Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen, durch die
Zuspitzung der Klassenkonfrontationen, im Lichte der realen Bewegung der Klasse
auf ihre falsche Position zurückkommt und sie korrigiert. Gerade dies zeichnet
eine proletarische Organisation aus: dass sie als Teil der Klasse in der Lage
ist, in einer lebendigen  Debatte Fehler
zu berichtigen.

Letztlich entscheidend ist die
Haltung einer Organisation gegenüber dem Weltkrieg und gegenüber der
proletarischen Weltrevolution. Wer im Weltkrieg eine der verschiedenen
Kriegsgegner unterstützt, befindet sich auf der bürgerlichen Seite. Die einzige
mögliche proletarische Haltung gegenüber dem imperialistischen Krieg ist der
Internationalismus, d.h. die Verbrüderung der Proletarier über die nationalen
Grenzen hinweg. Unauflöslich damit verknüpft ist der Kampf für die
proletarische Revolution, die Anerkennung, dass nur sie der Barbarei des
Kapitalismus und den Klassengesellschaften überhaupt ein Ende bereiten kann.

Warum interessiert uns die Klassengrenze?

Obwohl du in deinem Brief nicht
ausdrücklich auf die Frage nach dem Sinn einer solchen Grenzziehung zu sprechen
kommst, möchten wir doch auch dazu etwas sagen.

Gerade das Proletariat hat schon
viele schlechte Erfahrungen mit falschen Freunden gemacht. Die Gewerkschaften
sind seit dem Ersten Weltkrieg ein Beispiel dafür. So schlossen am 15. November
1918 in Deutschland, mitten in der Novemberrevolution, die Führer der
Gewerkschaften mit den Führern der Unternehmerverbände den Pakt der
"Arbeitsgemeinschaft" zum Zwecke, "das Unternehmertum von der
drohenden, über alle Wirtschaftszweige hinwegfegenden Sozialisierung, der
Verstaatlichung und der nahenden Revolution zu bewahren" (3). Dies ist nur
ein Beispiel von vielen, das aufzeigt, wie Organisationen, die behaupten, dem
Proletariat zu gehören oder ihm wenigstens zu dienen, effektiv hinter seinem
Rücken alles daran setzen, ihm zu schaden und insbesondere die Revolution zu
verhindern.

Auf der einen Seite ist es also
für das Proletariat lebensnotwendig zu wissen, welches seine Feinde sind, mit
welchen Organisationen es keine gemeinsamen Ziele gibt. Auf der anderen Seite
ist aber eine der Stärken des Proletariats seine weltumspannende Einheit. Es
gilt also auch zu erkennen, wer eben auf der gleichen Seite der Barrikade
steht, mit welchen Gruppen es weiter zu diskutieren und nach Einheit zu streben
gilt, obwohl es vielleicht ernsthafte Divergenzen gibt. Es ist also wichtig,
einen klaren Trennungsstrich zwischen den falschen Freunden und den
vermeintlichen Feinden zu ziehen.

Die einseitige Undurchlässigkeit der Klassengrenze

Es braucht nicht lange begründet
zu werden, dass die Klassengrenze durch eine zunächst proletarische
Organisation auch überschritten werden kann. Ein solcher Übergang heisst
Klassenverrat. Die sozialdemokratischen Parteien waren - trotz allem
Opportunismus in ihren Reihen - vor dem Ersten Weltkrieg Organisationen des
Proletariats. Sie verrieten im Krieg ihre Klasse, weshalb sich innerhalb der
sozialdemokratischen Parteien linke Fraktionen bildeten, die schliesslich zu
den Bestandteilen der zukünftigen Dritten Internationalen wurden. Deren
Sektionen, die kommunistischen Parteien, waren zunächst proletarische
Organisationen, bis auch sie den Internationalismus verrieten, nämlich als sie
den Aufbau des "Sozialismus in einem Land" proklamierten. Auch die
meisten Trotzkisten wechselten schliesslich ins Lager der Bourgeoisie, als sie
während des Zweiten Weltkrieges die Sowjetunion, die längst zu einem
kapitalistischen Staat geworden war, unterstützten. Es gibt also genügend
Belege dafür, dass eine proletarische Organisation die Klassengrenze
überschreiten und zu einer bürgerlichen werden kann. Gilt dies auch in
umgekehrter Richtung? Gibt es bürgerliche Organisationen, die Klassenverrat
begehen und zu proletarischen werden? - Nein. Im dekadenten Kapitalismus, mit
seinen totalitären, staatskapitalistischen Herrschaftsformen (Demokratie,
Faschismus, Stalinismus und ihre Varianten) ist ein solcher Übergang
ausgeschlossen. Eine politische Organisation, die einmal in den Fängen des
Staatskapitalismus ist, wird nicht mehr entlassen. Sie wird vielleicht
verboten, wie 1940 in der Schweiz die (stalinistische) KP, was aber nicht
bedeutet, dass sie plötzlich wieder proletarisch wird. Es ist unmöglich, eine
politische Organisation der Bourgeoisie proletarisch zu unterwandern und auf die
andere Seite der Klassengrenze zu ziehen. Deshalb war die trotzkistische
Politik des Entrismus (des Eindringens in die sozialdemokratischen Parteien zum
Zwecke des Wiedergewinns) schon in den 1930er Jahren falsch, als der
Trotzkismus eigentlich noch auf der proletarischen Seite der Klassengrenze
stand.

Diese Regeln beziehen sich aber
nur auf die Organisationen, und nicht auf ihre Mitglieder. Individuen, die
heute einer bürgerlichen Organisation angehören, können natürlich von Zweifeln
über die Richtigkeit ihrer Positionen befallen werden und später austreten oder
sich sogar einer proletarischen Organisation anschliessen.

 Zum Klassencharakter des
Anarchismus

Du erwähnst in deinem Brief den
"Revolutionären Aufbau Schweiz". Dieser bezieht sich in seinen programmatischen
Positionen auf Stalin und Mao, verteidigt in seinen Publikationen Kuba und
Nordkorea, betreibt und rechtfertigt gewerkschaftliche Politik usw. Nach den
oben stehenden Ausführungen ist klar, warum vom Standpunkt des revolutionären
Proletariats aus der "Aufbau" solide auf  bürgerlichem Boden steht.

Weniger klar ist aber vielleicht
der Klassencharakter des Anarchismus. Du schreibst in deinem Brief, dass die
IKS, soweit du es wüsstest, "anarchisten als kleinbürgerlich" sähen.
Wir wissen nicht genau, ob du dich dabei auf einen bestimmten Text oder auf
eine mündliche Diskussion mit uns beziehst. Wir haben beispielsweise im
Zusammenhang mit der Geschichte des revolutionären Syndikalismus geschrieben,
dass der Anarchosyndikalismus (der nicht mit dem Syndikalismus schlechthin
verwechselt werden sollte) v.a. in den seinerzeit industriell weniger
entwickelten Ländern stark wurde, wo der Einfluss der sich proletarisierenden
Kleinbürger, z.B. der Handwerker, relativ gross war (4). Die letztlich
kleinbürgerlichen Wurzeln sind auch heute noch bei fast allen anarchistischen
Gruppierungen feststellbar, so verschieden sie häufig auch sind: Es gibt kaum
Anarchisten, die das Eigentum und den Warentausch ganz grundsätzlich ablehnen.
Die meisten sehen ihr Gesellschaftsmodell als eine "Vereinigung von
Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft, Kopf- und Handarbeit" (5), also als
eine Gemeinschaft von kollektiven und individuellen Warenproduzenten.

Trotz diesen kleinbürgerlichen
Wurzeln des Anarchismus wäre es falsch, die heutigen anarchistischen
Organisationen einfach dem Kleinbürgertum zuzurechnen. Diese Klasse hat keine
historische Perspektive, schon gar nicht im totalitären Staatskapitalismus seit
dem Ersten Weltkrieg. Insofern gibt es auch kaum kleinbürgerliche Organisationen,
die über längere Zeit ihrer Klasse treu bleiben können (6). In der Regel werden
sie in den kapitalistischen Staatsapparat integriert oder verschwinden wieder.
Letzteres v.a. dann, wenn das Proletariat wieder verstärkt auf seinem eigenen
Boden kämpft.

Für anarchistische Organisationen
gelten deshalb grundsätzlich die gleichen Kriterien wie für andere politische
Gruppierungen. Es gibt solche wie die spanische CNT, die sich aufgrund ihrer
Politik (beispielsweise als sie in die bürgerliche Volksfront-Regierung in
Spanien eingetreten sind) nicht wesentlich von linksbürgerlichen Organisationen
unterscheiden - dies nennen wir die offiziellen Anarchisten. Es gibt aber auch
einen internationalistischen Anarchismus (7), der gerade bei neu auftauchenden
Gruppen nicht selten zu beobachten ist. Es handelt sich dabei um Gruppen, die,
obwohl sie sich mit der anarchistischen Tradition identifizieren, bei den oben
erwähnten wesentlichen Positionen auf der internationalistischen Seite der
Klassengrenze stehen. Ein Beispiel dafür ist die ungarische Gruppe Barikád
Kollektiva oder die Gruppe KRAS in Russland. Solche Gruppen sind Ausdruck des
Ringens der Arbeiterklasse um politische Klärung.

Internationalistische Grüsse

IKS

 

Fussnoten:

1) Wir können in dieser Antwort
aus Platzgründen nicht auch noch auf die Rolle einer revolutionären
Organisation eingehen. Dazu haben wir ja schon verschiedentlich Artikel
geschrieben, z.B. Die Verantwortung der Revolutionäre, in Weltrevolution Nr.
135, oder grundsätzlich im Beitrag zur Funktion der revolutionären Organisation
(in Internationale Revue Nr. 9 bzw.
book/print/745)

2) Eine  Definition der Klassenpositionen findet sich im
Internationalistischen Diskussionsforum (http://russia.internationalist-forum.org/de/node/6):

"um den proletarischen
Charakter des Forums zu bewahren, ist es notwendig, dass jeder Teilnehmer
folgende offen bürgerliche Positionen ablehnt:

- Beteiligung an jeglicher
Regierung, aus welchen Gründen auch immer;

- Unterwerfung der proletarischen
Interessen unter jenen der "Nation", die Überhöhung von Nationalismus
und Patriotismus;

- Kampf um Reformen innerhalb des
kapitalistischen Systems anstelle des Kampfes mit dem Ziel seines Sturzes auf
weltweiter Grundlage;

- Forderung nach einer
Verteidigung der UdSSR in der imperialistischen Weltarena vor ihrem
Zusammenbruch;

- die Verteidigung des
sozialistischen oder des "degenerierten Arbeiter"charakters der
stalinistischen Regimes, wie sie in Russland nach der Niederlage der Revolution
oder danach in Ländern wie China bzw. jenen Osteuropas installiert worden
waren;

- Unterstützung, selbst kritische
Unterstützung, für irgendeine Partei, deren Aktivitäten auf irgendeine der oben
genannten Positionen fußt"

3) J. Reichert, Geschäftsführer
des Vereins Deutscher Eisen- und Stahl-Industrieller, zit. nach Richard Müller,
Die Novemberrevolution, S. 112

4) International Review Nr. 118,
S. 25 (engl. Ausgabe)

5) zit. nach einem im Juli 2006
gehaltenen Referat der FAU in Bern

6) Ein Beispiel einer kleinbürgerlichen
Organisation war die Situationistische Internationale, die sich zwar auf das
"Proletariat" bezog, aber sich auflöste, kaum hatte 1968 das
wirkliche Proletariat den Kampf aufgenommen (vgl. International Review Nr. 80,
Guy Debord - das zweite Ableben der Situationistischen Internationalen,
engl./frz./span.)

7) vgl. dazu die entsprechende
Rubrik auf unserer Webseite: taxonomy/term/116/9

Politische Strömungen und Verweise: