Kapitel 2: 1927 – 1933 Italienische Linke oder Deutsche Linke?

VON „REVEIL COMMUNISTE" ZU „L’OUVRIER COMMUNISTE"

Die Italienische Linke verhielt sich in den 20er Jahren gegenüber der Existenz anderer Linkskommunisten innerhalb der Internationale nicht gleichgültig. Sie verstand sich als Bestandteil der Internationale; sie setzte sich mit den Thesen, die von der KAPD und ihren Theoretikern Gorter und Pannekoek vertreten wurden, auseinander und veröffentlichte die grundsätzlichen Texte der Strömung der Deutschen Linken in "Il Soviet". Selbstverständlich gab es auch eine gewisse Annäherung zwischen beiden Strömungen angesichts der Angriffe der Kommunistischen Internationale (KI) gegen den "Extremismus", den Lenin als "Kinderkrankheit" bezeichnet hatte. Sie stimmten vollauf überein in der Frage des "Abstentionismus" (Wahlverweigerung), in der Ablehnung der Einheitsfront mit der Sozialdemokratie (eine Taktik, die auf dem III. Kongress der KI verabschiedet worden war) und der Ablehnung einer Vereinigung mit den deutschen "Unabhängigen" und den italienischen "Maximalisten".

Allerdings war diese „Identität" höchst relativer Natur und nur von kurzer Dauer. Nach dem II. Kongress der KI 1920 stellte Bordiga - der sich der Unterstützung der Internationale für die Gründung einer Kommunistischen Partei durch die Abspaltung von den Reformisten und Maximalisten gewiss war und entschlossen für eine neue Weltpartei der Revolution eintrat - seine Opposition gegen die Wahlbeteiligung ein. Er vertrat die Auffassung, dass die Divergenz mit den von Lenin und Bucharin vertretenen Thesen über die Teilnahme an den Wahlen taktischer und nicht prinzipieller Art sei.

Für Bordiga, der trotz allem ein Abstentionist blieb, war die dringendste Aufgabe der Aufbau einer wirklichen Kommunistischen Partei, die mit der Internationale verbunden war. Bei den Wahlen von 1921 wandte die neue Partei die Politik der KI an und stellte ihre Kandidaten vor:

"Aus naheliegenden Gründen der internationalen taktischen Disziplin muss und wird die KP an den Wahlen teilnehmen (…) Als Abstentionisten müssen wir gleichwohl ein Vorbild sein für die Disziplin, ohne Spitzfindigkeiten und ohne Ausflüchte. Die Kommunistische Partei hat also keinen Anlass, darüber zu diskutieren, ob sie an den Wahlen teilnehmen soll. Sie muss daran teilnehmen."

So kam es, dass die Italienische Linke den Abstentionismus abschaffte, auf dessen Grundlagen sie sich 1918 konstituiert hatte. "Als Marxist verstehe ich mich vor allem als Zentralist und erst danach als Abstentionist." (A. Bordiga, "Il Comunista", 14. April 1921)

Einige Jahre später war Bordiga einer der überzeugtesten Anhänger der "taktischen" Wahlbeteiligung und kritisierte gar die wachsende Tendenz unter den italienischen Arbeitern, das parlamentarische Terrain zu verlassen: "Jeder gute Kommunist hat nur eine Pflicht: die Neigung vieler Proletarier zur Wahlenthaltung zu bekämpfen, die eine falsche Schlussfolgerung aus ihrer Gegnerschaft zum Faschismus ist. Wenn wir so handeln, werden wir eine wirkungsvolle Propaganda betreiben und zu einem entschieden revolutionären Bewusstsein beitragen, das uns dazu dienen wird, das Parlament – sobald die Zeit gekommen ist – zu boykottieren und zu zerstören." (A. Bordiga, "Stato Operaio", 28. Februar 1924)

Somit distanzierte sich die Italienische Linke von der internationalen Opposition gegen den Parlamentarismus, die sich damals in der KAPD, in der holländischen KAP, in Bulgarien, in England um Silvia Pankhurst, in Belgien in der PCP von Van Overstraeten, in Österreich und in Polen breitmachte. Laut der Italienischen Linken ging es nicht darum, eine Opposition oder gar eine Fraktion in der Internationale in dieser Frage zu bilden. Aus diesem Grund beteiligte sie sich nicht am "Amsterdamer Büro", das 1920 für Westeuropa gegründet worden war und erheblich unter dem Einfluss der Thesen der KAPD und Silvia Pankhursts stand. Sie beteiligte sich auch nicht am "Wiener Büro", das sich um die Zeitschrift "Kommunismus" gruppiert hatte und von Georg Lukacs beeinflusst war. (1)

Bordiga und die KAPD vor 1926

Bordigas Fraktion zeigte sich ab 1920 äußerst reserviert und misstrauisch gegenüber der Deutschen Linken. Sie betrachtete im Abstentionismus der KAPD eine syndikalistische und anarchistische Abweichung, die mit der spanischen CNT oder der nordamerikanischen IWW identisch sei:

"Wir teilen die Auffassung der besten marxistischen Genossen der KPD, dass es sich hier – wie bei allen syndikalistischen Tendenzen - um eine hybride kleinbürgerliche Tendenz handelt und ihr Auftreten die Folge des Verlustes an revolutionärer Energie des deutschen Proletariats nach der roten Woche von Berlin und den Tagen von München ist. Das Ergebnis ist eine Wahlverweigerung im syndikalistischen Sinne, d.h. eine Leugnung des Nutzens der politischen Aktion und des Parteikampfes, der aus Kurzsichtigkeit und traditioneller Gewohnheit mit der parlamentarischen Aktivität verwechselt wird." (Il Partito Comunista Tedesco, in "Il Soviet", Nr. 11, 11. April 1920)

In seiner Auseinandersetzung mit „Ordine Nuovo" in Turin, das den Aufbau von Betriebsräten befürwortete und die Partei an die zweite Stelle setzte, wurde Bordiga dazu verleitet, die KAPD mit der Gruppe von Gramsci gleichzusetzen. Tatsächlich rief die Deutsche Linke dazu auf, Betriebsräte und Unionen (AAUD) zu bilden, und so wurde der Anschein erweckt, als konzentriere sie ihre Arbeit allein auf wirtschaftlicher Ebene. Doch im Unterschied zu Gramsci bekämpfte sie energisch die Gewerkschaften, deren konterrevolutionären Charakter sie denunzierte, und rief zu deren Zerstörung auf, um Arbeiterräte zu bilden. Die Deutsche Linke schien die Notwendigkeit der Partei zu unterschätzen oder gar zu negieren zugunsten des "Rätegedankens". Dies war aber keinesfalls der Fall, denn die KAPD verstand sich selbst als zentralisierte und disziplinierte Partei:

"Das Proletariat braucht einen hoch entwickelten Parteikern. Jeder Kommunist muss als Einzelner ein untadeliger Kommunist sein - dass muss unser Ziel sein - und er muss ein Führer vor Ort sein. (…) Was ihn zum Handeln zwingt, sind die Beschlüsse, die die Kommunisten gefällt haben. In dieser Hinsicht besteht strengste Disziplin. Hier darf er nichts ändern, sonst wird er belangt oder ausgeschlossen." (Intervention von Jan Appel alias Hempel auf dem III. Kongress der KI, „Protokolle des Kongresses der K.I"., S. 496)

Der Unterschied zwischen den beiden linken Strömungen war, dass die eine die Diktatur der Partei befürwortete und die andere die Diktatur der Räte. Die eine wollte die proletarischen Massen über die Entwicklung der Partei zum Sieg führen, die andere arbeitete daran, dass die Massen sich selbst führen und so von der "Vorherrschaft der Führer" befreien. Der bolschewiki-ähnlichen Partei, die Bordiga in Italien erschaffen wollte, setzte die KAPD die Idee einer Partei entgegen, die "nicht mehr eine Partei im herkömmlichen Sinne ist. Sie ist keine Partei von Führern. Ihre hauptsächliche Arbeit wird darin bestehen, ihren Kräften entsprechend das deutsche Proletariat auf seinem Wege, sich aller Führer zu entledigen, zu unterstützen". (Jan Appel auf dem Gründungskongress der KAPD, 4./5. April 1920, Berlin)

Aus diesem Grunde konnte sich Bordiga, der die deutsche Lage und die Entwicklung der KPD genau verfolgte, gegenüber einer Partei, die sich während der Phase der Revolution anscheinend selbst auflösen wollte (nach der Heidelberger Spaltung von 1919), nur misstrauisch verhalten: "Die politische Partei, sagt die Opposition, hat keine überlegende Bedeutung im revolutionären Kampfe. Dieser müsse sich auf dem ökonomischen Terrain entwickeln, ohne zentralisierte Führung. (Diese Tendenz) leugnet die Bedeutung der politischen Aktion und der Parteiaktion im Allgemeinen. Mit anderen Worten, sie verneint die politische Partei als zentrales Instrument des revolutionären Kampfes und der proletarischen Diktatur." (A. Bordiga, Le tendenze nella III. Internazionale, "Il Soviet", Nr. 15, 23. Mai 1920)

Die Italienische Linke übersah somit den Unterschied zwischen der KAPD und den Anarchisten sowie Syndikalisten vom Schlage der IWW. Sie betrachtete die Theorie Ersterer als eine "libertäre Kritik, die auf den üblichen Horror über die ‚Führer‘ hinausläuft". Schlecht informiert, glaubte sie, dass der National-Bolschewismus von Wolffheim und Laufenberg im Keime schon in den Konzeptionen der KAPD enthalten sei und "das Resultat einer kleinbürgerlichen Degeneration des Marxismus" ("Il Soviet", Nr. 15) darstelle. Sie verwechselte die KAPD mit der AAUD-Einheit von Otto Rühle, für die die Revolution „keine Parteisache" war und die jede Existenzberechtigung der proletarischen Partei negierte – da eine jede Partei nur bürgerlich und Feind der Revolution sein könne.

Dennoch nahm Bordiga mit der KAPD Kontakt auf und korrigierte seine Meinung, die sich auf die Argumente der KPD stützte, welche in bürokratischer Manier die Linke ausgeschlossen hatte:

"Die Parteizentrale (der KPD) sprach sich für die Beteiligung in den Gewerkschaften sowie an den Wahlen aus. Ein Kongress, der im Juli in Heidelberg einberufen wurde, bestätigte das Programm der Zentrale. Die Opposition stellte die Gültigkeit des Kongresses in Frage und forderte, dass nach einer breiten Auseinandersetzung über die beiden Fragen in den Parteiorganisationen ein neuer Kongress einberufen werde.

Die Zentrale aber setzte das Datum für den zweiten Kongress auf den Oktober 1919 fest und verband die Teilnahmeberechtigung an ihm mit einem merkwürdigen Kriterium: Delegierte, die in den beiden Fragen des Parlamentarismus und der Gewerkschaften nicht ein konformes Mandat gemäß ihren Direktiven besaßen, seien vom Kongress ausgeschlossen.

So erschienen nur jene zum Kongress, die derselben Auffassung waren wie die Zentrale, insbesondere eine Reihe von Parteifunktionären; die Opposition wurde für ausgeschlossen aus der Partei erklärt. Die Genossen der KAPD haben mir zu Recht bestätigt, dass sie nicht die Absicht hatten, eine neue Partei zu gründen. Dennoch wurden sie in einem unzulässigen Verfahren ausgeschlossen, obwohl sie bei einer regulären Einberufung des Kongresses die Mehrheit erhalten hätten.

Als sie dann erkannten, dass all ihre Bemühungen um Genugtuung nutzlos waren, hielten sie im April 1920 den Gründungskongress der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands ab."

Ferner versäumte es Bordiga nicht, den proletarischen Charakter der neuen Organisation sowie ihre Kampfbereitschaft zu unterstreichen, die er der Passivität der KPD während des Kapp-Putsches entgegenhielt:

".... die neue Organisation ist weitaus kämpferischer und revolutionärer und hat eine viel breitere Aktivität unter den Massen entfaltet. Ihre Partisanen sind Arbeiter, die weder mangelnde Unnachgiebigkeit, wie sie die alte Partei manchmal gezeigt hat, noch ihre Zuwendung zum Parlamentarismus tolerieren, die sie näher an die Unabhängigen rückt, welche von ihrer Taktik nutznießen, um sich bei den Proletariern und der Internationale aufzuwerten." (A. Bordiga, La situazione in Germania e il movimento comunista, "Il Soviet", Nr. 18, 11. Juli 1920)

Auch wenn Bordiga seine Zurückhaltung gegenüber den Positionen der KAPD nicht aufgab, hoffte er dennoch, dass sich die Krise durch die Reintegration der KAPD lösen ließe. Für ihn bildeten die Unabhängigen der USPD, ähnlich wie Serrati in Italien, die größte Gefahr. Er erkannte zweifellos die Ähnlichkeit in der Position der Internationale, die in Deutschland wie in Italien zur Integration dieser Strömungen drängte und damit der Linken drohte, eine Massenpartei zu schaffen, die Kommunisten mit Zentristen verschmelzen sollte

Seine Hoffnungen wurden jedoch weder so noch so erfüllt. Die KPD vereinigte sich mit dem linken Flügel der USPD, die KPI musste Serratis "Terzini" akzeptieren. Die Dritte Internationale schloss nach ihrem III. Kongress die KAPD aus, die sie ursprünglich als sympathisierende Partei in ihre Ränge aufgenommen hatte.

Die Beziehungen zwischen der KPI und der KAPD wurden abgebrochen. Bordiga behielt seine im Wesentlichen ablehnende Haltung gegenüber der KAPD bis an sein Lebensende bei. Er hielt sie und ihre holländischen Nachfolger für „anarchistisch". Selbst in der gemeinsamen Opposition innerhalb der Komintern gab es nicht den Hauch einer Übereinstimmung mit den Ansichten der KAPD.

Die KPI beabsichtigte, die beste, die "leninistischste" Partei der Internationale in der Parteifrage, gegen den taktischen Opportunismus von Sinowjew zu sein. Um nicht des "Linksradikalismus" beschuldigt zu werden, aber vor allem auch aus tieferen Gründen differenzierte die "bordigistische" Führung bis zu ihrer eigenen Eliminierung 1926 sorgsam zwischen sich selbst und der Deutschen Linken. Auch wenn sie die Einheitsfront, die Bolschewisierung, die Politik des russischen Staates ablehnte, akzeptierte sie grundsätzlich die Thesen des II. Kongresses der Kommunistischen Internationale.

Nach dem Weltkongress von 1921 setzte Bordiga seine Attacken gegen die KAPD-Strömung in der Gewerkschaftsfrage fort. Obwohl sie nicht "pro-gewerkschaftlich" war, weil sie ja zur Zerstörung der alten Gewerkschaften und zur Gründung der Unionen auf der politischen Grundlage der Anerkennung der Diktatur des Proletariats aufrief, prangerte Bordiga dennoch ihren "syndikalistischen" Standpunkt an:

"Auch wenn die Gewerkschaft korrumpiert ist, ist sie immer noch ein Zentrum der Arbeiter. Aus der sozialdemokratischen Gewerkschaft auszutreten entspricht der Auffassung gewisser Syndikalisten, die Organe des revolutionären Kampfes erschaffen wollen, welche einen gewerkschaftlichen und nicht einen politischen Charakter tragen." (A. Bordiga, Sulla questione del parlamentarismo, "Rassegna Comunista," 15. August 1921)

Schließlich verhinderte 1922 die Gründung der KAI (Kommunistische Arbeiter-Internationale) durch Gorter definitiv auch nur informelle Kontakte zwischen den beiden linkskommunistischen Strömungen. Da die KAI Russland als den Hauptfeind des Proletariats bezeichnete und die Oktoberrevolution als "bürgerlich" charakterisierte, war der ideologische Bruch komplett. (siehe: "Proletarier", Sondernummer, 1922, Die Thesen des I. Kongresses der Kommunistischen Arbeiter-Internationale).

Pappalardi und die italienischen „Bordigisten"

Trotz der großen Unterschiede stellten einzelne Elemente der Linken der KPI individuelle Kontakte zur Deutschen Linken her. Einer ihrer Initiatoren war Michelangelo Pappalardi (sein Name wird in den polizeilichen Akten als Pappalardo geführt). 1896 geboren, gehörte er von Anfang an der abstentionistischen Fraktion an. 1922 wanderte er nach Österreich aus; 1923 betätigte er sich in Deutschland als Militanter, wo er die KPI gegenüber der KPD vertrat. In dieser Zeit führte er lange Diskussionen mit der KAPD. Am 10. November 1923 trat er aus der KPI aus. Diesem Rücktritt wurde am 30. November vom Exekutivkomitee in einem Brief von Tasca (Valle) entsprochen. In Frankreich angekommen, ließ sich Pappalardi in Lyon nieder, wo er einen Briefwechsel mit Bordiga führte und ihn dazu einlud, eine linke Fraktion in der KPI und in der Internationale zu gründen. Mit einigen immigrierten italienischen Arbeitern präsentierte er dem V. Kongress der KPF in Lille (20.-26. Juni 1926) die ins Französische übersetzten "Thesen von Lyon" unter dem Titel: "Plattform der Linken: Entwurf von Thesen, die dem V. Kongress der Kommunistischen Partei Frankreichs von einer Gruppe von ‚Linksradikalen‘ (Bordigisten) präsentiert wird". Laut einem früheren Mitglied von „Réveil Communiste", P. Corradi, überprüfte Bordiga die Übersetzung.

Die Mitglieder der Italienischen Linken hatten von Anfang an engen Kontakt zur französischen kommunistischen Bewegung. Bordiga vertrat die Kommunistische Internationale 1921 auf dem Kongress von Marseille. Onorato Damen, der nach einem bewaffneten Konflikt mit den faschistischen Banden von der Festnahme bedroht war, wurde als offizieller Repräsentant der KPI nach Frankreich entsandt, um die Organisierung der Gruppen der kommunistischen Immigranten aus Italien zu beaufsichtigen und die politischen Aktivitäten zu koordinieren. Er wurde, bis zu seiner heimlichen Rückkehr nach Italien 1924, zum Direktor der wöchentlich erscheinenden italienischen Ausgabe der "Humanité" ernannt. Die „bordigistischen" Ideen waren also nicht unbekannt in der KPF. Noch 1926 hielt der überwiegende Teil der italienischen Emigranten mehrheitlich an den Positionen der alten linken Führung fest; in gewissen Sektionen (Paris, Lyon, Marseille) befanden sie sich sogar in der Mehrheit. Dies alarmierte die neue Führung der KPI um Tasca und Togliatti, der nach der totalen Unterdrückung der Partei durch Mussolini nach 1926 nach Frankreich ins Exil gegangen war, was der Partei die Fortführung ihrer Aktivitäten in Italien unmöglich machte. Die neue Parteiführung nahm Kontakt mit der französischen Partei auf, damit diese die „Bordigisten" ausschließt oder zum Austritt zwingt.

Eine gewisse Anzahl von ihnen verblieb jedoch in der KPF und versuchte, so lang als möglich die Ideen von Bordiga in ihr zu verteidigen. Sie standen in engem Kontakt mit der autonomen italienischen kommunistischen Gruppe, die von den Ausgeschlossenen in verschiedenen französischen Städten sowie in der Schweiz, in Belgien und Luxemburg gebildet worden war. Durch die Vermittlung ihrer Plattform versuchten sie bis etwa 1929, mit den französischen Kommunisten in Verbindung zu bleiben und sie innerhalb der "Zellen" ideologisch zu beeinflussen. Sie mussten dafür einen hohen Preis zahlen, wie das Vorwort zu den Thesen von Bordiga zeigt:

"Weil wir uns in der offiziellen Parteipresse nicht offen ausdrücken können, haben wir uns entschieden, unsere Gedanken den französischen Kommunisten mit eigenen Informationsmitteln bekannt zu machen." (unterschrieben von einer „Gruppe von Mitgliedern der KPF")

Von der Internationale geächtet, hatte die Italienische Linke kein Bedürfnis, sich selbst noch weiter zu isolieren. Auch nachdem ihre Hoffnung, eine internationale Fraktion aufzubauen, zunichte gemacht worden war, wollte sie die politischen Aktivitäten innerhalb der kommunistischen Bewegung, in allen Ländern fortführen, in denen das Exil sie gezwungen hatte, sich niederzulassen. Sie hielt sich nicht für "italienisch" - außer dass ihre Genossen in Italien geboren worden waren -, sondern für international. Ihre natürliche Berufung war die internationale Arbeit, überall, wo sie existierte. Ihre einzige Heimat war die Kommunistische Internationale, die die Arbeiter aller Länder für ein einziges Ideal, für ein einziges Ziel vereinigte: ihre Emanzipation im Weltkommunismus.

Die Fragen, die sich der französischen Kommunistischen Partei stellten, waren also keineswegs für Arbeiter französischer Nationalität „reserviert". Genauso wenig konnten Letztere die reiche politische Erfahrung des italienischen Proletariats speziell in der Frage des Faschismus und der Partei ignorieren. Die Plattform der Linken fügte den "Thesen von Lyon" ein ganzes Kapitel über die "französische Frage" bei, welches sich mit den Perspektiven des französischen Kapitalismus und mit der politischen Orientierung der KPF befasste.

Diese Kapitel bezeichnet die wirtschaftliche Lage als "eine Krisensituation, die sich in der Inflation und im Staatsdefizit manifestiert". Es wird gesagt, dass "diese Krise noch nicht eine Krise der Produktion und der Industrie im Allgemeinen ist, aber es wird nicht viel Zeit vergehen, bis es soweit ist". Es wird auf die logische Verschärfung der gesellschaftlichen Spannungen hingewiesen, auf den "Beginn einer Periode der Arbeitslosigkeit, die die Lage der Arbeiterklasse weiter verschlimmert". Bei der Betrachtung der bürgerlichen Politik in diesem Zusammenhang sah das Kapitel, auf der Grundlage der italienischen Erfahrungen, einen Orientierungswechsel voraus: "Es ist sehr gut möglich, dass sich mit der Vertiefung der Wirtschaftskrise und mit der einhergehenden Offensive der Bosse auf dem politischen Gebiet eine vollständige Umwandlung des Programms vollzieht. Diese Phase rechter Politik könnte ähnliche Züge aufweisen wie der italienische Faschismus. Und ohne Zweifel wird die Bewertung der italienischen Erfahrung bei der Analyse der aktuellen Lage in Frankreich sehr nützlich sein."

Allerdings zogen die italienischen "Bordigisten" nicht unmittelbar eine faschistische Machtübernahme in Betracht, da "eine grundsätzliche Vorbedingung fehlt, d.h. eine große revolutionäre Gefahr, die der herrschenden Klasse den Eindruck vermitteln muss, sie befände sich am Abgrund". Gestärkt aus der italienischen Erfahrung, wo der Faschismus den Antifaschismus auf der Grundlage der Einheitsfront hervorgebracht hatte, verneinte die Italienische Linke von vornherein jede Möglichkeit eines antifaschistischen Bündnisses:

"Das Wichtigste, was es zu verstehen gilt, ist, dass der faschistische Plan in erster Linie ein Plan gegen das Proletariat und die sozialistische Revolution ist. Und deshalb liegt es an den Arbeitern, diesen Angriff zu stoppen oder zurückzuschlagen. Es ist eine falsche Auffassung, den Faschismus als einen Kreuzzug gegen die bürgerliche Demokratie zu betrachten, gegen den parlamentarischen Staat, die kleinbürgerlichen Schichten und ihre Männer und Parteien, die die Hebel der Macht in ihrer Hand halten. Nach dieser Auffassung soll das Proletariat nur Alarm schlagen (...) die ‚Initiative‘ in diesem antifaschistischen Kampfes ergreifen und zusammen mit den anderen kämpfen, um die Errungenschaften einer ‚Links‘regierung zu verteidigen, wobei die Niederlage des Faschismus in Frankreich als edles Ziel anerkannt werden soll."

In dieser Periode, die die "Bordigisten" als instabil und unsicher betrachteten, spielte "die französische Arbeiterklasse wegen ihrer zahlenmäßigen Stärke und ihrer geschichtlichen Tradition eine zentrale Rolle im sozialen Kampf". Dies erforderte notwendigerweise die Entwicklung von revolutionären Tendenzen innerhalb der KPF. In dieser Hinsicht war der Autor von "Die französische Frage" sehr pessimistisch: "Die Partei gründete sich in Tours auf einer zu breiten Grundlage (...) So wie sie heute ist, lässt die Kommunistische Partei Frankreichs viel zu wünschen übrig, sei es bei der ideologischen marxistischen Bildung, sei es in ihrer internen Organisationsweise, ihrer Politik, bei der Bildung eines führenden Zentrums, das fähig wäre die Situationen und ihre Erfordernisse zu interpretieren." Die Italienische Linke kritisierte hier insbesondere das innerorganisatorische Regime – die katastrophalen Folgen dieser Unzulänglichkeiten nährten das "traditionelle Misstrauen der französischen Arbeiter gegenüber den politischen Aktionen der Parteien".

Um diese Situation zu korrigieren, befürwortete die Linke eine resolute Opposition gegen die Thesen der KI zum "Arbeiter- und Bauernstaat", zur "Einheitsfront" und zum "antifaschistischen Kampf". Sie schlug vor, ein solides Netz von kommunistischen Fraktionen in den Gewerkschaften aufzubauen, und trat für die Gewerkschaftseinheit und eine entschlossene Intervention in wirtschaftlichen Kämpfen ein, welche die Grundlage für den politischen Kampf gegen alle rechten und linken bürgerlichen Parteien, gegen den Staat sei, und nicht "für die Auflösung der faschistischen Bündnisse durch den Staat".

Wohin ging die KPF? Zu diesem Punkt spricht sich der Text von Bordiga nicht aus. Er stellt lediglich fest, dass die „Bolschewisierung" zu einer echten Stagnation geführt habe. Bordiga sah die Situation nicht als Resultat einer Gefahr von rechts. Der Ausschluss des Flügels um Souvarine hatte als „Ablenkungsmanöver gedient, um die Schläge gegen die internationale Linke zu verdecken". Angesichts des "Opportunismus und Liquidationismus in der französischen Partei" übersah Bordiga den linken Flügel. Er lehnte die syndikalistischen Thesen von Revolution Proletarienne als "völlig falsch und gefährlich" ab.

Bordiga verhehlte nicht die "Schwierigkeiten einer solchen Lage". Er nahm an, dass vor allem die kommunistischen Mitglieder zu einer Verbesserung des internen Lebens der Partei beitragen können.

Wie man feststellen kann, änderte die Italienische Linke nach 1926 ihre Positionen nicht, trotz der Niederlage auf dem Kongress von Lyon. Sie ging davon aus, dass die KP's die vorrangigen Schauplätze ihrer Interventionen seien. Diese wurden für die kommunistische Bewegung nicht als unwiederbringlich verloren betrachtet. Die „Bordigisten" schlossen also alle Möglichkeiten aus, eine neue Partei zu gründen, und blieben im Rahmen der Internationale. Ihre Haltung unterschied sich sehr deutlich von der Deutschen Linken, die den Bankrott der Internationale und die Notwendigkeit neuer kommunistischer Parteien proklamierte.

Sehr bald jedoch, nach der Niederlage der Revolution in China in Folge der Politik von Stalin und Bucharin gegenüber der Kuomintang, änderte ein Teil der Italienischen Linken im Exil, hauptsächlich in Frankreich, seine Positionen und verkündete, dass eine Wiederherstellung der Komintern unmöglich sei. Damit näherte sie sich, auf dem Wege ihrer Kontakte zu Karl Korsch, schnell den Positionen der KAPD an.

Réveil Communiste (1927-29)

Unter dem Einfluss von Pappalardi trennte sich eine wichtige Minderheit, die von Ottorino Perrone (Vercesi) beeinflusst war, von der „bordigistischen" italienischen Gruppe. Perrone war aus Mailand geflüchtet, um sich in Paris niederzulassen, wo er nicht zögerte, sich gegen Pappalardis Partisanen zu wenden. Die Spaltung wurde im Juli 1927 vollzogen. Im November desselben Jahres erschien die erste Nummer von „Réveil Communiste", dem „internen Bulletin der Gruppen der kommunistischen Avantgarde", deren Zentrum sich in Lyon befand. Sie bezeichnete sich als „eine Gruppe von kompromisslosen Kommunisten" (2).

Die Ziele von "Réveil Communiste" waren nicht klar. Sie bezog weder für die Bildung neuer Parteien noch für den Aufbau einer neuen Internationale Position. Sie war für eine "Einheit der Linkskommunisten auf internationaler Ebene". Diese Auffassung, die derjenigen von Korsch nahe kommt, wurde mit großen Vorbehalten versehen: "keine neue internationale Organisation, solange sich nicht auf internationaler Ebene eine linke Linie entwickelt hat". In der Tat erblickte diese Gruppe keine Möglichkeit einer inneren oder äußeren Opposition gegenüber einer Komintern, die sie schon seit 1919 als eine Totgeburt bezeichnete:

"Der Reifungsprozess einer neuen Internationale, die man schon vor der großen Russischen Revolution in Zimmerwald zum Abschluss bringen wollte, fand 1919 ein verfrühtes Ende, als man im Zuge dieser großen historischen Bewegung, die anfangs proletarisch war, die Geschichte der revolutionären Bewegung forcieren wollte."

Réveil unterstützte die Position von Rosa Luxemburg, die gegen die Gründung der Komintern gewesen war und das Verhalten des Delegierten Eberlein bedauerte, der nicht gegen deren Gründung gestimmt hatte. Aus der Sicht von Réveil endete sie in einer "formalen Einheit" und nicht in einer „wahren" Einheit. Diese sollte sich als "fatal für die Gründung einer echten kommunistischen Weltpartei erweisen und jegliche Möglichkeit einer Regeneration der Komintern ersticken".

Laut Réveil Communiste war die Ursache dafür die exzessive Rolle Russlands in der Internationale. Obwohl sie die Russische Revolution als "grandios" bezeichnete, insbesondere während des "Kriegskommunismus", betrachtete sie den Beginn der NÖP nach 1921 als den Anfang seines Niedergangs. Sie kritisierte die Idealisierung der NÖP durch die "Perronisten", die auch zu jener Zeit noch die Position von Lenin vertraten. Die NÖP war "ein erster ideologischer Ausdruck einer oder mehrerer Gesellschaftsschichten, die nicht die Arbeiterklasse sind". Was waren das für Klassen? Die Gruppe um Pappalardi gab darauf keine Antwort. Sie stellte fest, dass 1927 die Degenerierung des russischen Staates eine vollendete Tatsache gewesen sei und dass die Diktatur des Proletariats in Russland wegen "der Bürokratisierung des staatlichen Apparates" nicht mehr existiert habe:

"Die Bürokratisierung des Staatsapparates, die totale Distanz dieses Apparates gegenüber der Arbeiterklasse, die nichtproletarischen ideologischen Manifestationen im Apparat selbst zeigen auf, dass die Diktatur des Proletariats keine Realität mehr im Land der größten proletarischen Revolution ist."

Hinter der Frage der "Degenerierung" verbirgt sich in Wahrheit das Problem des Staates, das "in der Russischen Revolution keine endgültige und vollständige Lösung gefunden hat". Später werden wir sehen, dass diese Frage eines der Hauptthemen der theoretischen Diskussion der Italienischen Linken in den 30er Jahren war.

Auch wenn sie verkündeten, dass es "kein Zurück in die Vergangenheit, zu den bereits eliminierten Positionen gibt", fühlten sich die "Gruppen der kommunistischen Avantgarde", in der Ausgabe vom 2. Januar 1928, der Tradition von Bordiga zugehörig. Sie beschrieben sich selbst gar als die aufrichtigsten Nachfolger des „größten Führers des italienischen Kommunismus", entgegen der "so genannten Bordigisten oder Perronisten, die sich im Juli 1927 von unserer Gruppe getrennt haben".

Sie glaubten, dass diese bordigistische „Reinheit" die Ablehnung des "theoretischen Terrains des Leninismus, d.h. des Neo-Leninismus" bedeute. Doch dies war eine Illusion auf Seiten von Réveil, da Bordiga sich stets als treuester Schüler Lenins bekannt hatte, auch in der Opposition innerhalb der Komintern.

Daher zögerte Réveil nicht mit seiner Kritik an Bordiga selbst und warf ihm vor, um jeden Preis in der Komintern bleiben zu wollen, "um nicht das Terrain der Massen zu verlassen" und somit auf dem Terrain der "taktischen Kompromisslinie" zu bleiben, was Lenin befürwortete. Sie warfen ihm sein Misstrauen gegenüber den fraktionellen Gruppierungen und die Tatsache vor, dass er keine eigene Fraktion gegründet hatte:

"Wir haben (…) vor zwei Jahren gegenüber dem Genossen Bordiga die Notwendigkeit hervorgehoben, eine offene Fraktion zu bilden, weil wir meinten, dass die Bolschewisierung ihr Werk, die Soziademokratisierung der Komintern, bereits vollzogen hatte, und wir keine Möglichkeit sahen, auf dem Terrain der Disziplin einen ernsthaften Widerstand an der Basis der Komintern zu organisieren".

Réveils Haltung gegenüber der Linksopposition um Trotzki war weitaus klarer, sahen sie doch in ihm die Fortsetzung des Leninismus und den bedingungslosen Vertreter des russischen "Arbeiterstaates":

"Wir müssen uns dem ideologischen Zwang von Trotzki nicht unterwerfen. Wir stellen den vergangenen revolutionären Wert des Genossen nicht in Frage (…). auch gegen ihn und seine Anhänger (…) bestehen wir darauf, dass es eine opportunistische Taktik ist, diese tragische Karikatur der Diktatur des Proletariats durch die Regierung der Stalinisten als eine Arbeiterdemokratie auszugeben."

Die „Gruppen der kommunistischen Avantgarde" lehnten das „trotzkistische Erbe" ab und kritisierten „Genossen Bordiga" – näherten sie sich also Korsch an, der seit März 1926 die „Kommunistische Politik" herausgab? Zwei von Korsch unterzeichnete Texte wurden in Réveil Communiste veröffentlicht: "Zehn Jahre Klassenkämpfe in Sowjet-Russland" („Réveil Communiste", Nr. 1) und „Die marxistische Linke in Deutschland" (RC, Nr. 4). Dies bedeutete aber keineswegs eine Gemeinsamkeit des Denkens zwischen den zwei Gruppen: "Es versteht sich von selbst, dass dies weder die organische Verschmelzung mit der Gruppe von Korsch noch die Unterwerfung unserer klar linken Linie unter den Direktiven der Korschisten für Ideologie und Aktion beinhaltet, die zu einem gefährlichen Eklektizismus neigen." Réveil sandte gar eine Warnung an die deutsche Gruppe: "Dieser Eklektizismus könnte unsere deutschen Genossen von der wirklichen revolutionären Linie abbringen und zurück zum überholten Maximalismus bringen."

Pappalardi, der einen kritischen Artikel über den „Korschismus" verfasste, warf der „Kommunistischen Politik" vor, den proletarischen Charakter der Russischen Revolution in Frage zu stellen. Er argumentierte, dass „die bürgerliche Konterrevolution im neuen Russland zur gleichen Zeit wie die proletarische Revolution begann", dass jedoch die Leugnung der proletarischen Revolution auch bedeute zu ignorieren, dass es eine Konterrevolution in Russland gab, weil „es auf der Hand liegt, dass, wenn man den proletarischen Charakter der Oktoberrevolution bestreitet, man auch ihre Abhängigkeit von der Weltkrise des Kapitalismus leugnet."

Doch vor allem kritisierte Réveil Korsch dafür, dass er ein Intellektueller war und sich mit Maslow und Fischer 1926 eingelassen habe, dafür, dass die proletarischen Elemente, die ihm folgten, mit dem schnellen Verschwinden seiner Gruppe und des Eintritts eines Teils von ihr in den „Leninbund" sowie in die Sozialdemokratie ins Leere geführt wurden. Die letzte Ausgabe von Réveil (Februar 1929) lud Korsch also dazu ein, zu seinen geliebten Studien zurückzukehren.

In der Tat isolierte sich die Gruppe Réveil aufgrund ihres Ouvrierismus und ihres Misstrauens gegenüber der politischen Auseinandersetzung in wachsendem Maße vom revolutionären Milieu, und dies zu einer Zeit, als die „Perronisten" die Linke Fraktion der KPI bildeten (s.u.) und sich überall in Frankreich Oppositionsgruppen entfalteten. „Wir hatten keine Furcht und fürchten uns auch heute nicht vor einer vorübergehenden Isolation gegenüber den proletarischen Massen", behauptete sie. Während sie sich vom Sektierertum abgrenzte, definierte sich das Organ der „Gruppen der kommunistischen Avantgarde" selbst als eine „Sekte".

Ideologisch gesehen, waren diese Gruppen absolut isoliert. Sie waren die einzigen in Frankreich, die die Arbeiter dazu aufriefen, die Komintern zu verlassen und weder innerhalb noch außerhalb ihrer für den Sieg einer linken Fraktion zu kämpfen (‚Raus aus der Moskauer Internationale!").

Damals waren sie auch die einzigen, die nicht zur „Verteidigung der UdSSR" aufriefen, welche sie als die „Formel für die Heilige Union in Russland" bezeichnete. Ende 1928 nahm Réveil praktisch die gleiche Position in dieser Frage ein wie die KAPD:

„... statt im marxistischen Sinne zu sterben, wurde die proletarische Diktatur allmählich besiegt und in einen monströsen Apparat umgewandelt, in dem eine Kaste mit der Ideologie der neuen Bourgeoisie aufwächst. Und dies ohne Thermidor, ohne Ereignisse, die die historische Vergangenheit reproduzieren."

„Prometeo" kritisierte in seiner Ausgabe Nr. 12 heftig diese Position von Réveil. Es antwortete, dass der Begriff „Kaste" nicht marxistisch sei, und wies auf die Widersprüche dieser Theorie hin, die sowohl bejahte, dass die russische Regierung „keine lupenreine bürgerliche Regierung" sei, als auch behauptete, dass sie doch eine „bürgerliche Regierung" sei. Bei aller Entschiedenheit der Verteidigung des proletarischen Charakters des russischen Staates „auf der Grundlage der Vergesellschaftung" öffnete „Prometeo" aber auch die Tür zu einer Diskussion, zu der es die Mitglieder von Réveil einlud. (3)

Das offene Verhalten von „Prometeo" wie auch seine Loyalität zum bordigistischen Erbe in der russischen Frage und zu den Thesen von Lenin führten zum Austritt einiger Mitglieder aus Réveil, wie von Piero Corradi, der zur Fraktion der Italienischen Linken zurückkehrte. Obwohl von Pappalardi geformt, betrachteten sich diese Genossen vor allem als „Leninisten" und sahen keinen Anlass, in einer Gruppe militant tätig zu sein, die sich weigerte, eine Fraktion zu bilden. Der Kongress von Pantin im Februar 1928, auf dem die Linke Fraktion der KPI proklamiert wurde, wischte ihre Zweifel weg, wie Corradi es 50 Jahre später formulierte. Von da an war ideologisch und organisatorisch die einzige Italienische Linke jene, die sich um „Prometeo" scharte.

Doch Pappalardis Tendenz verschwand nicht nach dieser Spaltung. Sie verzeichnete sogar den Eintritt neuer Elemente wie Andre Prudhommeaux, der einen Buchladen in der Rue de Belleville, Nr. 67, betrieb; diese Elemente verliehen der Gruppe eine weniger „italienische" Färbung, doch waren sie auch gegenüber dem Anarchismus weniger eindeutig.

Im August 1929 erschien die erste Ausgabe von „L’Ouvrier Communiste", eine Zeitung, die sich selbst als Organ der „kommunistischen Arbeitergruppen" bezeichnete und deren Zentrum der Buchladen von Prudhommeaux in Paris war (4).

Der Einfluss der KAPD:

„L’Ouvrier Communiste" (1929-31)

Der Begriff „kommunistische Arbeiter" war eine ausdrückliche Referenz an die KAPD. „L’Ouvrier Communiste" sah sich nicht mehr als Bestandteil der Italienischen Linken, deren Tradition sie gegenüber der Deutschen Linken als nicht ebenbürtig betrachtete.

„... wir haben an einer revolutionären Erfahrung teilgenommen, die weniger vollständig war als jene unserer deutschen Genossen (...) Verankert in der bordigistischen Tradition, hat es uns große Mühe bereitet, dem Denken zu entkommen, das auf einem System von Vorurteilen beruht, die immer noch die Realität vor uns verbergen, eine Realität, die sich direkt aus dem Kampf unserer deutschen Genossen ergab." („L’Ouvrier Communiste", Nr. 2-3, Oktober 1929: „Sollen die Gewerkschaften erobert oder zerstört werden?")

Während sie noch in ihrer zweiten Ausgabe (Januar 1928) Elemente „wie Pannekoek in Holland und Pankhurst in England" wegen der Gründung einer 4. Internationale kritisierte – „eine absurde Mischung aus den unterschiedlichsten Elementen" -, machte „L’Ouvrier Communiste" im Anschluss eine Kehrtwende und betrachtete sich von nun an als „einen verspäteten Zweig der wirklichen marxistischen Linken, jener, deren Repräsentanten 1919 und 1920 Pankhurst in England und die Tribunisten Gorter und Pannekoek in Holland waren" (OC Nr. 1).

Die Gruppe um Pappalardi veröffentlichte daher in ihrer Zeitung die Broschüre von Gorter: „Antwort an Lenin" in Form einer Artikelserie, die die Positionen der Deutschen Linken zusammenfasste. Diese Veröffentlichung sollte die „anti-leninistische" Ausrichtung der „kommunistischen Arbeitergruppen" unterstreichen:

„Gorter hatte Recht, und Lenin war im Unrecht. Die Leninisten haben uns in die schlimmsten Niederlagen geführt, die Konstituierung von Massenparteien hat neue opportunistische und konterrevolutionäre Bollwerke im Lager des Proletariats errichtet." (OC Nr. 1)

Es wurden Kontakte geknüpft zwischen den niederländischen und den deutschen Genossen der Gruppe Internationaler Kommunisten (GIK) wie auch zwischen der AAU und der KAPD. Diese Kontakte führten jedoch nicht so weit, dass es zu einer Fusion in einer gemeinsamen Organisation kam – diese Gruppen blieben gegenüber dem eigentlichen Prinzip dessen sehr zurückhaltend und zogen es vor, ihre spezifischen Beiträge in der Presse der „kommunistischen Arbeiter" zu machen. Diese „anti-leninistische", gegen die KAPD gerichtete Tendenz blieb jedoch international nicht isoliert: Gruppen, die die gleichen programmatischen Positionen teilten, wurden um 1930 in Österreich und Dänemark (Mod Stromen) konstituiert. Doch die Grundlage all dessen blieb zerbrechlich: Numerisch schwach, isoliert vom Arbeitermilieu, das von sozialdemokratischer oder stalinistischer Ideologie dominiert wurde, waren sie weder politisch homogen noch in einer einzigen international organisierten Gemeinschaft zusammengeschweißt – was ihnen als verfrüht oder nutzlos erschien, da sie sich bei der Totgeburt der KAI 1922 die Finger verbrannt hatten.

Obgleich isoliert in Frankreich und numerisch schwach (15-20 Militante), sorgten die „kommunistischen Arbeiter"organisationen für eine größere Bekanntheit der Positionen der Deutschen Linken, die zuvor stets von den traditionellen Klischees über den „Infantilismus" und „Extremismus" überlagert worden waren.

Die Teilnahme von Miasnikow und der „Russischen Arbeitergruppe" an „L’Ouvrier Communiste" bekräftigte die „anti-leninistische" Linie Letzterer. Miasnikow, ein altes bolschewistischer Mitglied (5), befand sich selbst seit 1921 in Opposition zu Lenin, und zwar in der Frage der NÖP und der „Arbeiterdemokratie" in der russischen Kommunistischen Partei und in den Sowjets. Er forderte die weitestgehende Freiheit der Kritik und Organisation in ihnen. Er kritisierte die Taktik der Einheitsfront als eine „Taktik der Kollaboration mit den erklärten Feinden der Arbeiterklasse, die die revolutionäre Bewegung des Proletariats mit Waffen in ihren Händen unterdrücken", und als „in völligem Widerspruch zu den Erfahrungen aus der Russischen Revolution" befindlich. Er lehnte ebenfalls das Streikverbot in Russland ab und forderte, dass das Proletariat „tatsächlich am Management der Wirtschaft teilnehmen sollte", und zwar mittels der Gewerkschaften und der Fabrikkomitees. Da sie Russland und die Russische Kommunistische Partei noch immer als proletarisch anerkannte, formte sich die Gruppe um Miasnikow in eine „Arbeitergruppe der Bolschewistischen Partei" „auf der Grundlage des Programms und der Statuten der Partei um, um einen entscheidenden Druck auf die führende Gruppe der Partei auszuüben" (6).

Nachdem er 1922 aus der Partei ausgeschlossen worden war, ließ Miasnikow das Manifest seiner Gruppe von der KAPD, die noch einige kritische Kommentare über die Gewerkschaften und den proletarischen Charakter der KP Russlands hinzufügten, ins Deutsche übersetzen. 1922 inhaftiert und gefoltert, gelang es ihm 1928, nach Armenien zu fliehen und schließlich Persien und die Türkei zu erreichen. Nach einer intensiven Kampagne gelang es Korsch und „L’Ouvrier Communiste" Anfang 1930, eine Einreiseerlaubnis für Miasnikow nach Frankreich zu erhalten. Zu diesem Zeitpunkt stand er mehr oder weniger zu den Positionen der KAPD und lehnte Trotzkis Bemühungen um die Bildung einer Opposition ab, weil diese dazu verdammt sei, früher oder später in die Hände der Bourgeoisie zu fallen (7).

Die Erfahrung dieser Russischen Linken, die Nicht-„Leninisten" und im Gegensatz zu Trotzki kritisch im Umgang mit den Erfahrungen aus Russland waren, führten somit dazu, dass „L’Ouvrier Communiste" tatkräftig die Thesen der Deutschen Linken vertrat, welche die ersten waren, die die Politik der russischen KP und der Komintern kritisierten, und zwar in fünf Punkten:

die Frage des Parlamentarismus: Anders als Bordiga, der den Antiparlamentarismus als eine „taktische" Frage betrachtete, sah OC ihn als eine Sache des Prinzips an und befürwortete den Boykott des Parlaments. Dennoch zog sie wie die KAPD eine Trennungslinie zwischen sich selbst und dem syndikalistischen Antiparlamentarismus, „der nichts mit den radikalen Tendenzen des marxistischen und kommunistischen Antiparlamentarismus zu tun hat".

die nationale Frage: In diesem Punkt bekräftigte sie sogar noch deutlicher als die Deutsch-Holländische Linke, die unentschlossen blieb, dass es nicht möglich sei, nationale Bewegungen zu unterstützen, die „lediglich als ein Vorwand für die Ausbreitung von internationalen Konflikten dienen (...) und gar willkürlich provoziert werden, um einen Krieg auszulösen". Die Thesen von Rosa Luxemburg aufgreifend, lehnte „L’Ouvrier Communiste" die Position Lenins ab, für den „das Proletariat sogar als Meister der nationalen Verteidigung beschrieben werden könnte, da es die einzige Klasse ist, die bis zum Ende kämpft, besonders gegen jegliche nationale Unterdrückung". In der Tat beharrte der Artikel „Imperialismus und die nationale Frage" in OC Nr. 2-3 darauf: „Das Proletariat entwickelt seine Bewegung, macht seine Revolution als Klasse und nicht als Nation. Unmittelbar nach dem Sieg des Proletariats in etlichen Nationen können die Grenzen nur verschwinden."

Es könne keine fortschrittliche „Nationalbourgeoisie" in den kolonialen und halbkolonialen Ländern geben, da die Bourgeoisie dieser Zonen „in ihrem Inhalt und ihrer Struktur eine willkürliche Kreation des Imperialismus ist" (OC Nr. 9-10, Mai 1930). Daher könne es auch taktisch nicht darum gehen, „das Recht der Völker auf Selbstbestimmung" wie 1917 zu vertreten – ein Schlachtruf, hinter dem sich die nationale Bourgeoisie verstecken konnte: „Diese katastrophale Erfahrung zeigt, dass, wenn das Proletariat dazu übergeht, sein ‚Land‘, seine ‚unterdrückte Nation‘ zu verteidigen, es nur ein Resultat geben kann – die Stärkung seiner eigenen Bourgeoisie". „L’Ouvrier Communiste" lehnte daher die trotzkistische Parole von den Vereinigten Staaten Europas als Teil derselben nationalistischen Linie ab: „Marxistische Kommunisten wollen keine Vereinigten Staaten von Europa oder der ganzen Welt aufbauen; ihr Ziel ist die universelle Republik der Arbeiterräte" (OC Nr. 2-3, s.o.).

die Gewerkschaftsfrage: Hier griffen die „Kommunistischen Arbeitergruppen" die Position der KAPD auf, d.h. die Ablehnung jeglicher Aktivitäten in den Gewerkschaften, um sie „wiederzuerobern", und jeglicher Versuche, neue, ja „revolutionäre" Gewerkschaften zu gründen: „Die Gewerkschaften können nicht für die Revolution erobert werden, revolutionäre Gewerkschaften nicht aufgebaut werden." (OC Nr. 1)

Indem sie sich auf die Erfahrungen in Deutschland stützte, wo die Gewerkschaften gemeinsam mit Noske gegen die Revolution aufgetreten waren, rief Pappalardis Gruppe zu ihrer Zerstörung auf. Dies bedeutete nicht einfach die Zerstörung der einzelnen Gewerkschaften, sondern der Gewerkschaftsform selbst, die durch die „Veränderungen, die der historische Prozess den Formen des Klassenkampfes beschert hat" (OC Nr. 1), obsolet geworden ist. Der Kampf könne nicht über die Gewerkschaften erfolgen, da dieser Prozess „diese früheren Klassenorgane in fügsame Waffen in den Händen des Kapitalismus verwandelt hat".

Bedeutet dies, dass OC jegliche Interventionen in den Klassenkampf ablehnte? Nein, denn „die Teilnahme an allen Teilkämpfen des Proletariats ist zweifellos notwendig". Die Existenz von permanenten Kampforganen sei jedoch unmöglich geworden: „Die Konstituierung permanenter Organe, die auf niedrigen Formen des Klassenbewusstseins und Kampfes basieren, haben keinen Daseinsgrund mehr, wenn die Revolution von einem Moment zum nächsten geschehen kann" (OC Nr. 4-5, „Muss man die Gewerkschaften erobern oder zerstören?"). In der Tat war dies eine sehr spontaneistische Vision, da sie die Revolution als eine ständige Möglichkeit betrachtete. Der Kampf würde seine spontanen Organe in den „Fabrikkomitees" finden, die nicht permanent existieren können. „L’Ouvrier Communiste" kritisierte die AAU in Deutschland, die diese Fabrikkomitees in „Ersatzformen für die klassischen Gewerkschaften" umgewandelt hatten. Laut OC musste der ökonomische Kampf mit dem Kampf um die Macht verknüpft werden. Dabei sei die Form der proletarischen Macht die Form der Arbeiterräte.

Partei und Räte: Nachdem sie den „Bordigismus" hinter sich gelassen hatten, sahen die Mitglieder der „kommunistischen Arbeiter"linken die Parteifrage als zweitrangig an und vernachlässigten das Studium der konkreten Bedingungen für ihr Wiederauftreten:

„... wir haben es nicht eilig damit, eine neue Partei zu bilden, unsere organisatorische Basis zu vergrößern (...) unser Ziel ist es, eine wahrhaft revolutionäre Partei zu gründen, und um dieses Ziel zu erreichen, sind wir bereit, noch lange Zeit als Sekte zu verbringen." (OC Nr. 1, August 1929, „Für den Austritt aus dem Sumpf")

Als Reaktion auf Bordiga, der behauptete, dass Bewusstsein allein in der Partei existiere und dass die Partei die Klasse anführen müsse, um eine Diktatur der kommunistischen Partei nach der Machtergreifung zu etablieren, hob OC die „luxemburgistische" Vision hervor:

„Die Rolle der Partei besteht nicht in der ewigen Oberhoheit, ihre Rolle ist es vielmehr, die Arbeiterklasse zu erziehen, ihr politisches Bewusstsein zu vervollständigen." („L’Ouvrier Communiste", Nr. 1, „Jüngste Fortschritte in der materialistischen Dialektik bei Trotzki und seinen Epigonen")

Es muss hier angemerkt werden, dass diese erzieherische Rolle, die der Partei verliehen wird, ihre Rolle tatsächlich auf die eines kleines Studienzirkels reduziert, anstelle eines Kampforgans, das das politische Bewusstsein der Arbeiter weiterentwickelt. „L’Ouvrier Communiste" nahm an, dass dieses Bewusstsein spontan sei: Die Partei wurde dem lediglich beigestellt.

Tatsächlich wurde hier eine durch und durch „rätekommunistische" Konzeption entwickelt, in der die Räte an die Stelle der Partei gesetzt werden. „L’Ouvrier Communiste" vermied den Begriff „Partei" und zog jenen von den „proletarischen Eliten" vor, deren Rolle „immer von den Massen absorbiert werden, in dem Maße, wie wir uns in Richtung Sieg bewegen" (OC, Nr. 7-8, „Über die Rolle der proletarischen Eliten in der Klassenrevolution").

Russland und der Staat: In Anerkennung, dass die Russische Revolution proletarisch gewesen war, sah OC, wie Réveil, den Ursprung der Konterrevolution in der NÖP und der Zerschlagung von Kronstadt 1921:

„Die Grundlage der gegenwärtigen Degeneration geht zurück auf die NÖP, auf den Kompromiss zwischen proletarischen und bürgerlichen Elementen der Russischen Revolution, die einen Keil zwischen der Russischen Revolution und der Revolution im Westen getrieben und eine wirtschaftliche Grundlage für die Verbürgerlichung des proletarischen Apparates, der Funktionäre, Angestellten, etc. geboten haben."

Der Charakter wurde also in sein Gegenteil gekehrt. Durch den Staatskapitalismus wurde die Bürokratie, die OC noch immer eine „Kaste" nannte, in eine bürgerliche Klasse verwandelt:

„Es gibt eine objektive Basis für diese Kaste, die im Begriff ist, eine Klasse zu werden. Diese objektive Basis ist der Staatskapitalismus (...) und sein Verhältnis zum von der NÖP geschaffenen freien Markt." („L’Ouvrier Communiste", Nr. 1)

Tatsächlich gab es hier zwei miteinander verknüpfte Faktoren, die diesen Prozess steuerten: der äußere Faktor (die Abwesenheit der Revolution im Westen, was Russland isolierte) und der interne Faktor (Staatskapitalismus), wobei beide Faktoren zusammenwirkten, um die Konterrevolution einzuleiten. In seiner Analyse nahm „L’Ouvrier Communiste" keine Trennung zwischen den beiden vor. Doch es betrachtete den zweiten Faktor als den schädlicheren, weil die bolschewistische Partei an der Spitze des Staates verblieb und sich nicht an die Seite der Meuterer von Kronstadt stellte:

„1921 gab es nur zwei Möglichkeiten für die russischen Kommunisten: entweder ein verzweifelter und heroischer Kampf gegen die inneren wie äußeren Kräfte der Reaktion und die ‚sehr wahrscheinliche‘ Niederlage sowie der Tod im Kampf oder ein Kompromiss mit den bürgerlichen Kräften, die Abkehr von revolutionären Positionen ohne jeglichen Widerstand, die sachte Absorption der kommunistischen Kräfte in die neuen bürgerlichen Produktionsverhältnisse, die von der NÖP eingeführt worden waren."

„L’Ouvrier Communiste" zog zwei grundsätzliche Lehren aus der russischen Erfahrung:

„Die proletarische Diktatur (...) kann weder den Sozialismus entwickeln noch ihn bewahren, wenn sie die proletarische Revolution nicht auf dem internationalen Terrain ausbreitet. Dies trifft besonders für ein industriell unterentwickeltes Land zu."

Die Diktatur des Proletariats ist „die Diktatur der Arbeiterräte und nicht die Diktatur der Partei", d.h. „die antistaatliche Organisation des bewussten Proletariats." (OC, Nr. 12, Oktober 1930)

Des Weiteren werden wir sehen, dass all diese Positionen in der Fraktion der Italienischen Linken diskutiert wurden, wobei sie oftmals zu denselben Schlussfolgerungen kam. Jedoch gab es einen fundamentalen Unterschied zwischen den beiden Zweigen der Italienischen Linken: Der eine fasste seine Arbeit als langfristig auf, im Rahmen einer Organisation, die sich der Intervention in den Klassenkampf verpflichtet fühlte. Dieser Zweig ging bei dieser Arbeit in diesem Rahmen und auf systematische Weise vor. Der andere Zweig begriff nicht die Bedeutung einer politischen Organisation, die er als zweitrangige Aufgabe betrachtete, und meinte, dass das Bewusstsein des Proletariats sich jederzeit in einer Revolution, die ebenfalls jederzeit möglich ist, entwickeln könne. Dieser Zweig entwickelte seine theoretischen Positionen nicht so tief und eher durch Intuition, vor allem dank der Deutschen Linken. Das Ausbleiben der Revolution, die sie als Folge der Krise von 1929 erwartet hatte, der wachsende Einfluss von anarchistischen Positionen, die von Prudhommeaux und seiner Frau entwickelt wurden, führten Ende 1931 zur Auflösung der Gruppe. Prudhommeaux und seine Frau traten bereits zuvor aus: „L’Ouvrier Communiste" begrüßte dies in einem italienischen Artikel als die Eliminierung des „intellektuellen Kleinbürgertums", das nach Privilegien und Ruhm trachtet sowie danach, „sich auf dem Rücken der Arbeiterklasse einen Namen zu machen" (OC, Nr. 13, Januar 1931, „Prudhommeaux und seine Frau haben das Lager gewechselt – um so besser")

Diese Spaltung, die eigentlich keine Spaltung war, hatte große finanzielle Auswirkungen auf die Zeitung. Die Prudhommeaux‘ waren reich und besaßen den Buchladen, der die Organisationszentrale war. Die Publikation hörte bald auf zu erscheinen. Spartakus, das sich unter den Fittichen der beiden Ausgetretenen und Dautrys befand, reüssierte noch im gleichen Jahr. Die Gruppe um Pappalardi fiel auseinander; Pappalardi wurde krank und musste bis zu seinem Tod 1940 alle politischen Aktivitäten einstellen. Spartakus, damals, 1932, noch „Correspondance Internationale Ouvriere", war nur eine Eintagsfliege. Es war eher die Publikation eines Ehepaares in Verein mit Dautry, das an „rätistischen" Positionen und bald darauf an libertären Positionen interessiert war, statt ein politisches Organ einer militanten Organisation zu sein (8).

In der Tat war der Tod von „L’Ouvrier Communiste" nicht das Produkt zufälliger Faktoren, sondern von politischen Faktoren. Auch wenn sie lange Zeit und mit beträchtlicher Kühnheit auf dem Pfad der Infragestellung der vergangenen Schemata wandelte, so entwickelte sie keine politische und organisatorische Kohärenz. Sie war mehr eine Föderation von Studiengruppen als eine wirklich politische Organisation mit einem Programm und einer Sichtweise der Gegenwart, um die Zukunft vorzubereiten. Obwohl sie das Bedürfnis nach einer Partei unterstützte, bewegte sie sich auf die italienischen Anarchisten (9) von Lotta Anarchica zu und rief zu einem Anarchismus auf, der „von oben bis nach unten erneuert ist und über sich selbst und seine traditionellen Widersprüche hinausgeht" (OC, Nr. 11, September 1930). Durch ihre „Arbeitertümlerei" isolierte sie sich selbst im politischen Milieu, nachdem sie bereits im Arbeitermilieu isoliert war. Die Isolierung der Deutschen Linken, ihre Krise Ende der 1920er Jahre, ihre Schwächen auf der organisatorischen Ebene, die Schwierigkeiten bei der Aufrechterhaltung internationaler Kontakte erlaubten es ihr nicht, noch lange durchzuhalten (10).

Dies unterschied sich sehr deutlich von der Geschichte der Fraktion der Italienischen Linken, die viele Krisen erlebte, die jedoch von einer strikten Kohärenz selbst in ihren Irrtümern und Irrwegen geleitet wurde und in den 20er Jahren der soliden Tradition der Italienischen Linken zugehörig blieb.

Fußnoten:

    Für die Geschichte der KAPD siehe: Manfred Bock, Syndikalismus und Linkskommunismus (1918-21), 1969, Meisenheim am Glan; Fritz Kool, Die Linke gegen die Parteiherrschaft, 1970, Freiburg; D. Autier und J. Barrot, La Gauche communiste en Allemagne, 1976.

    Aufgrund mangelhafter Informationen behauptet Jean Rabaut (Tout est possible, Denoel, 1974, S. 77-80), 1) dass Prudhommeaux-Dautry die Förderer von Réveil waren; 2) dass Letztere zuerst im Februar 1929 erschien, wohingegen es sich hier um die letzte Ausgabe (Nr. 5) handelte.

    Risposta al „Risveglio".

    Der Bericht über die italienische Politik (13.12.1931) vermerkt in den „arbeitertümlerischen Gruppen (...) einen kleinen Kern von 15 Leuten", dessen Sekretär Ludovico Rossi war und zu dessen bemerkenswertesten Mitgliedern Antonio Bonito (bekannt als „Dino") und Alfredo Bonsignori gehörten. Dieser Bericht befasst sich lediglich mit Lyon (CPC, Nr. 441/030600).

    R. Sinigaglia, Mjasnikov e la rivoluzione russa (Mailand, 1973).

    Manifest der Arbeitergruppe der KPR (Bolschewiki), veröffentlicht in „Invariance", Nr. 6, Serie 2, mit den Kommentaren der KAPD... Réveil hatte bereits zuvor, im Januar 1928, „Am Vorabend des Thermidor" veröffentlicht, ein Pamphlet von Sapranow und Smirnow, die ihrerseits Miasnikow nahestanden. Letzterer bildete für kurze Zeit die „Kommunistische Arbeiterpartei Russlands", die mit Gorters KAPD verbunden war.

    „Es gibt lediglich zwei Möglichkeiten: Entweder sammeln sich die Trotzkisten unter der Parole ‚Krieg den Palästen, Friede den Hütten‘ und unter der Fahne der Arbeiterrevolution – ein erster Schritt, der getan werden muss, besteht darin, das Proletariat zur herrschenden Klasse zu machen -, oder sie werden allmählich verwelken und individuell oder kollektiv ins Lager der Bourgeoisie übergehen. Dies sind die Alternativen. Es gibt keine dritte Möglichkeit." (OC, Nr. 6, Januar 1930)

    Prudhommeaux war sehr skeptisch bezüglich der Möglichkeiten einer Revolution. Er sah das Proletariat als den neuen „Spartakus", dessen Kampf nur ein „hoffnungsloser Kampf für die höchsten revolutionären Ziele" sein könne. Später trat Dautry Souvarines Kreis „Critique sociale" und schließlich G. Batailles „Contre-attaque" bei.

    Derselbe Polizeibericht, der oben erwähnt wurde, bemerkte, dass die „Arbeitertümler" sich zu den Anarchisten hinbewegten, was so weit „geht, dass sie mit ihnen zusammenarbeiten". Er wies auf ihre „Beteiligung an der Propaganda für die anarchistischen Opfer von Saint-Priest" und an dem „anarchistischen Kreis von Sacco-Vanzetti" hin. Er schloss: „... sie bestätigen, dass sie keinerlei Kampfmittel ablehnen, auch nicht terroristische Akte."

    Die Spaltung zwischen der AAU und der KAPD 1929 sollte die Deutsche Linke schnell auflösen. Die „aufrechterhaltene" KAPD fuhr fort, strikt die Notwendigkeit einer Partei zu vertreten und lehnte jeglichen revolutionären Syndikalismus ab, einschließlich in der Form seiner „Unionen". Im Dezember 1931 vereinigten sich die Überbleibsel der AAU und die AAU-Einheit in einer Kommunistischen Arbeiterunion (KAU), die sich durch eine große theoretische Schwäche und eine aktivistische Orientierung aufs Unmittelbare auszeichnete.

    Unter diesen Umständen konnte der Einfluss der Deutschen Linken in Frankreich nur zurückgehen. Nach der Auflösung von „L’Ouvrier Communiste" nahm die Gruppe Spartakus 1931 ihren Platz ein. Zusammengesetzt zum größten Teil aus deutschen Mitgliedern (acht Genossen), war sie lediglich dank des Geldes von Prudhommeaux (der sich dafür die Freiheit nahm, ohne jegliche editoriale Kontrolle selbst Artikel in die Zeitung zu setzen) in der Lage, ihre Zeitung „Spartakus" zu veröffentlichen. Aus diesem Grund wurde Prudhommeaux im September 1931 wegen „Undiszipliniertheiten" und „Fehlens eines politischen und organisatorischen Bewusstseins" aus der Gruppe ausgeschlossen (Brief von Heinrich an die holländische KAP, 6.9.1931, im Canne-Meyer-Archiv, IISG Amsterdam). Ohne eine Publikation verschwand die Gruppe Spartakus bald darauf.

    Das Tandem Prudhommeaux-Dautry veröffentlichte zwischen dem 25. September und Juni 1933 die Revue „Correspondance internationale Ouvriere", eine Liaison mit holländischen Rätisten und englischen Anarchisten. Ab 1933 bewegten sich Prudhommeaux und Dautry in Richtung Antifaschismus. Die Lehren der revolutionären Unnachgiebigkeit der Deutschen Linken waren vergessen.

    Entwicklung des proletarischen <br>Bewusstseins und der Organisation: