Manifest der IKS 1975

Das Gespenst der kommunistischen Revolution geht aufs Neue in der Welt um. Jahrzehntelang glaubten die herrschenden Klassen die Geister, die das Proletariat im letzten Jahrhundert und zu Beginn des jetzigen in Bewegung gesetzt hatte, für immer ausgetrieben zu haben. Tatsächlich hat die Arbeiterklasse niemals eine schrecklichere und längere Niederlage erlebt. Die Konterrevolution, die nach den Kämpfen von 1848 über die Arbeiterklasse hereingebrochen war, die Konterrevolution, die dem heroischen Versuch der Pariser Kommune folgte, wie auch die Demoralisierung und der Rückzug, die den Schlussakkord nach dem Scheitern der Russischen Revolution von 1905 setzten - sie alle sind nichts gegenüber der erdrückenden Last, die während eines halben Jahrhunderts auf allen Ausdrücken des Klassenkampfes lastete. Diese Konterrevolution entsprach in ihrem Ausmaß dem Schrecken, den die Bourgeoisie angesichts der großen revolutionären Welle verspürte, die dem I. Weltkrieg folgte und der es bisher als einzige gelang, das kapitalistische System bis in seine Grundfeste zu erschüttern. Niemals, nachdem es solche Höhen erreicht hatte, hatte das Proletariat eine derartige Katastrophe, eine solche Schmach erlitten. Und niemals zuvor hatte die Bourgeoisie ihm gegenüber solch eine Arroganz an den Tag gelegt, die soweit ging, die schwersten Niederlagen der Klasse als „Siege“ zu verklären, die Idee der Revolution dagegen als Anachronismus, als überholten Mythos vergangener Epochen hinzustellen.

Doch heute lodert die revolutionäre Flamme wieder in der ganzen Welt auf. Oft noch konfus, zögernd, aber mit plötzlichen Vorstößen, die manchmal selbst die Revolutionäre in Erstaunen versetzen, hat sich der proletarische Riese erhoben, um aufs Neue das alte kapitalistische Gemäuer zu erschüttern. Von Paris bis Cordoba, von Turin bis Danzig, von Lissabon bis Schanghai, von Kairo bis Barcelona sind die Kämpfe der Arbeiter wieder zum Albtraum der Kapitalisten geworden.[1] Zur gleichen Zeit und zusammen mit dem allgemeinen Wiederaufleben der Klasse sind wieder Gruppen und revolutionäre Strömungen aufgetaucht, die die gewaltige Aufgabe der theoretischen und praktischen Rekonstruktion eines der wichtigsten Werkzeuge des Proletariats, seiner Klassenpartei, in Angriff genommen haben.

Es ist daher Zeit für die Revolutionäre, ihrer Klasse die Perspektiven des bereits begonnenen Kampfes aufzuzeigen und die Lehren der Vergangenheit ins Gedächtnis zurückzurufen, damit sie den Grundstein für ihre Zukunft legen kann, und auch die Aufgaben zu bestimmen, die die Revolutionäre selbst als Ergebnis und aktiver Faktor des Kampfes des Proletariats zu bewäl­tigen haben werden. Eben dies sind die Ziele des vorliegenden Manifestes.

Die Arbeiterklasse: Subjekt der Revolution

Das Proletariat ist die einzige revolutionäre Klasse unserer Epoche. Nur das Proletariat kann durch die Übernahme der politi­schen Macht auf Weltebene und die radikale Umwälzung der Bedingungen und Ziele der Produktion die Menschheit aus der Barbarei führen, in der sie haust.

Die Auffassung, der zufolge die Arbeiterklasse jene Klasse ist, die den Kommunismus aufbaut, und der zufolge ihre Stellung im Kapitalismus sie als einzige Klasse dazu qualifiziert, diesen zu stürzen, wurde bereits vor mehr als einem Jahrhundert ent­wickelt. Schon im ersten klaren programmatischen Ausdruck der Arbeiterbewegung, dem Kommunistischen Manifest von 1848, tauchte sie auf. Anschließend wurde sie von der 1. Internationale klar zum Ausdruck gebracht, die schrieb: „Die Be­freiung der Arbeiter kann nur das Werk der Arbeiter selbst sein“. Seitdem haben Generationen von Proletariern sie in ihren zahllosen Kämpfen gegen das Kapital auf ihre Fahnen geschrieben.

Doch das furchtbare Schweigen, in das die Klasse ein halbes Jahrhundert lang gehüllt war, ermöglichte das Aufblühen aller Arten von Theorien über die „endgültige Integration der Arbeiterklasse in den Kapitalismus“, über das Proletariat als „Klasse für das Kapital“, über die „universelle Klasse“ oder über die Randschichten, die die neuen Protagonisten der Revolution seien. Diese und andere, als neue Theorien präsentierten alten Kamellen erweiterten das Arsenal der Lügen der Bourgeoisie, die die Demoralisierung und ideologische Unterwerfung der Arbeiter unter das Kapital aufrechterhalten sollen.

Die IKS unterstreicht daher vor allem mit Nachdruck, dass heute nur die Arbeiterklasse und keine andere Klasse die revolutionäre Klasse ist.

Doch die Tatsache, dass diese Klasse, im Gegensatz zu den revolutionären Klassen der Vergangenheit, in der Gesellschaft, die sie umwälzen soll, über keine ökonomische Macht als Sprungbrett zur politischen Machteroberung verfügt, zwingt sie dazu, die politische Macht zu erobern, bevor sie diese Umwälzung in Angriff nehmen kann. So wird die proletarische Revolution anders als die der Bourgeoisie, die von einem Erfolg zum anderen eilte, notwendigerweise die Krönung einer Reihe von partiellen, aber tragischen Niederlagen der Klasse darstellen. Und je mächtiger die Kämpfe der Klasse, desto furchtbarer werden die Niederlagen sein.

Die große revolutionäre Welle, die den I. Weltkrieg beendete und ein Jahrzehnt lang andauerte, ist eine schlagende Bestätigung, dass die Arbeiterklasse das einzige Subjekt für die kommunistische Revolution ist und dass Niederlagen ein Merkmal ihres Kampfes bis zum endgültigen Sieg sind. Die gewaltige revolutionäre Bewegung, die den bürgerlichen Staat in Russland stürzte und die anderen europäischen Staaten erzittern ließ, verursachte sogar in China ein gedämpftes Echo. Sie zeigte an, dass das Proletariat bereit war, einem System den Gnadenstoß zu versetzen, das in die Phase seines Todeskampfes eingetreten ist. Das Proletariat war bereit, das Urteil zu vollstrecken, das von der Geschichte über den Kapitalismus gefällt worden war. Da jedoch die Arbeiterklasse ihren anfänglichen Erfolg von 1917 nicht auf die ganze Welt ausdehnen konnte, wurde sie schließlich besiegt und vernichtet. Danach wurde die Aussage, dass die Arbeiterklasse die einzige revolutionäre Klasse ist, auf negative Art und Weise bestätigt. Weil die Arbeiterklasse mit ihrer Revolution scheiterte und weil keine andere Gesellschaftsklasse die Revolution an ihrer Stelle machen kann, sinkt die Gesellschaft unaufhaltsam in eine immer größere Barbarei.

Die Dekadenz des Kapitalismus

Die Dekadenz des Kapitalismus hat mit dem I. Weltkrieg begonnen, und die Gesellschaft kann ihr solange nicht ent­kommen, wie die proletarische Revolution ausbleibt. Dabei erweist sich die kapitalistische Dekadenz schon jetzt als die grauenhafteste Epoche in der Geschichte der Menschheit.

Auch in der Vergangenheit hatte die Menschheit Dekadenzperioden mit all dem damit verbundenen Elend und dem unbe­schreiblichen Leid erlebt. Doch sie waren nichts im Vergleich zu dem, was der Menschheit seit den vergangenen 60 Jahren widerfährt. Die Dekadenz früherer Gesellschaften war von Hungersnöten und Mangel begleitet, jedoch in einem völlig anderen Kontext als heute, wo so viel menschliches Elend neben solch einer Vergeudung von Reichtum existiert. Heute, wo der Mensch phantastische Technologien meistert, die es ihm ermöglichen könnten, die Natur zu bändigen, bleibt er weiter ihren Launen ausgesetzt. Unter den heutigen Bedingungen sind „natürliche“, klimatische oder landwirtschaftliche Katastrophen noch tragischer als in der Vergangenheit. Schlimmer noch: die kapitalistische Gesellschaft ist die erste Gesellschaft in der Geschichte, deren unmittelbares Überleben von einer massiven, zyklischen Zerstörung eines immer größeren Teils ihrer selbst abhängt. Gewiss waren auch andere Dekadenzperioden voller Auseinandersetzungen zwischen Fraktionen der herrschenden Klasse. Doch die Dekadenzperiode, in der wir leben, ist in einem unablässigen und teuflischen Kreislauf von Krise, Weltkrieg, Wiederaufbau und Krise gefangen, der die Menschheit zu einem furchtbaren Tribut an Tod und Schrecken zwingt. Heute tragen Technologien von ungeahnter wissenschaftlichen Raffinesse dazu bei, um das Vernichtungs- und Tötungs­potenzial der kapitalistischen Staaten zu vergrößern. Die Zahl der Opfer imperialistischer Kriege muss auf zig Millionen beziffert werden. Hinzu kommen die systematischen und geplanten Massenmorde, mit denen uns der Faschismus und Stalinismus bedroht.

Es scheint in gewisser Weise, als müsse die Menschheit für das Reich der Freiheit, zu dem ihr die Beherrschung der modernen Technologie Zugang verschaffen soll, einen Preis entrichten, einen Preis, der sich nach den fürchterlichen Gräueltaten bemisst, die von derselben technologischen Vorherrschaft verursacht werden.

Inmitten dieser Welt der Zerstörungen und Verwerfungen hat sich wie ein Krebsgeschwür jenes Organ entwickelt, das die Stabilität und die Aufrechterhaltung der kapitalistischen Gesellschaft garantieren soll: der Staat. Der Staat greift bis in die in­nersten Räderwerke der Gesellschaft ein, insbesondere in die ökonomischen Grundlagen der Gesellschaft. Wie Moloch, ein Gott der Antike, hat die monströse, kalte und anonyme Staatsmaschinerie die Substanz der Zivilgesellschaft und des Menschen verzehrt. Weit davon entfernt, irgendeinen „Fortschritt“ zu verkörpern, benutzt der Staatskapitalismus, gleich, welches ideologische  und rechtliche System er annimmt, die barbarischsten Herrschaftsinstrumente. Der Staatskapitalismus, der den ganzen Planeten beherrscht, ist einer der brutalsten Ausdrücke des Verwesungsprozesses der kapitalistischen Gesellschaft.

Aber das wirksamste Instrument, das der dekadente Kapitalismus entwickelt hat, um sein Überleben zu sichern, war die systematische Einverleibung all der Kampf- und Organisationsformen gewesen, die die Arbeiterklasse von der Vergangenheit geerbt hatte, die jedoch durch die Veränderung der historischen Perspektive für ihre Zwecke unbrauchbar und gefährlich geworden sind. Alle Taktiken gewerkschaftlicher und parlamentarischer Art sowie die Einheitsfrontpolitik, die für die Arbeiterklasse im 19. Jahrhundert durchaus nützlich gewesen waren, sind zu Mitteln der Lähmung ihrer Kämpfe verkommen und bilden die Hauptwaffe der Konterrevolution. Gerade weil alle Niederlagen der Arbeiterklasse als „Siege“ dargestellt wurden, musste die Arbeiterklasse die schlimmste Konterrevolution erleiden, die sie je erlebt hat. Die wichtigste Waffe sowohl für die Mobilisierung als auch für die Demoralisierung des Proletariats war zweifellos der arglistige Mythos, dass die Revolution in Russland einen „sozialistischen Staat“ hervorgebracht habe, der nun zur Bastion des Proletariats geworden sei (wo er doch nichts anderes als der Vertreter des verstaatlichten Kapitals Russland ist). Die Oktoberrevolution von 1917 weckte weltweit gewaltige Hoffnungen in der Arbeiterklasse. Später wurden die Arbeiter aufgefordert, ihre Kämpfe bedingungslos der Verteidigung des „sozialistischen Vaterlandes“ unterzuordnen. Damals begann auch die bürgerliche Ideologie, jenen, die den arbeiterfeindlichen Charakter des „sozialistischen Vaterlandes“ zu durchblicken begannen, die Idee einzuimpfen, dass alle Revolutionen wie die Russische Revolution enden, nämlich mit der Entstehung einer neuen ausbeutenden, unterdrückenden Klasse.

Durch die Niederlagen in den 1920er Jahren und noch mehr durch die Spaltungen in ihren Reihen demoralisiert, konnte die Arbeiterklasse die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre nicht nutzen, um eine neue Offensive gegen das Kapital zu eröffnen. Sie wurde in zwei Lager gespalten: Auf der einen Seite gab es die, welche, durch die Oktoberrevolution verblendet, nicht zwischen der Degeneration und dem Verrat der Parteien einerseits und den ursprünglichen Ereignissen andererseits unterscheiden konnten. Auf der anderen Seite standen jene, die jede Hoffnung auf die Revolution aufgegeben hatten. Unfähig, ihre eigenen Angriffe zu starten, wurde die Arbeiterklasse durch weitere Pyrrhussiege geschwächt und an Händen und Füßen gefesselt in den 2. Weltkrieg geführt. Anders als der I. Weltkrieg lieferte der II. Weltkrieg dem Proletariat nicht die Mittel, sich erneut auf revolutionäre Weise zu erheben. Stattdessen wurde sie hinter den großen „Siegen“ der Résistance, des Antifaschismus oder der nationalen „Befreiungsbewegungen“ in den Kolonien mobilisiert.

Die Hauptschritte, die sowohl die Niederlage und die Mobilisierung des Proletariats durch das Kapital als auch die Integration aller Parteien der Dritten Internationalen in die bürgerliche Gesellschaft markierten, hinterließen tiefe Wunden in der Arbeiterbewegung.

1920-21: Kampf der Kommunistischen Internationale gegen ihren linken Flügel anlässlich der Parlamentarismus- und Ge­werkschaftsfrage;

1922-23: Annahme der Taktiken der „Einheitsfront“ und der Beteiligung an sog. „Arbeiterregierungen“ durch die Kommunistische Internationale, was in Sachsen und Thüringen zu Koalitionsregierungen von Kommunisten und Sozialdemokraten, den Henkern des Proletariats in Deutschland, führte, obwohl das Proletariat zu dem Zeitpunkt noch auf den Straßen kämpfte;

1924-26: Aufkommen der Theorie vom „Aufbau des Sozialismus in einem Lande“ - die Aufgabe des Internationalismus führte das Ende der Kommunistischen Internationale und den Übergang ihrer Parteien in das bürgerliche Lager herbei;

1927: politische und militärische Unterstützung Tschiang Kai-Tscheks durch die Komintern, was zum Massaker am chinesischen Proletariat und an den Kommunisten in China durch dessen Truppen führte;

1933: Triumph Hitlers;

1934: Eintritt Russlands in den Völkerbund, was seine Anerkennung durch die dort organisierten Räuber als einen der Ihren bedeutete. Dieser „große Sieg“ war in Wirklichkeit Symbol einer großen Niederlage des Proletariats;

1936: Bildung von „Volksfronten“ und Praktizierung der Politik der „nationalen Verteidigung“, die die „kommunistischen“ Parteien mit Zustimmung Stalins dazu veranlasste, für die Kriegskredite zu stimmen;

1936-39: der antifaschistische Schwindel - in Spanien wurden die Arbeiter im Namen der Demokratie und der Republik nie­dergemetzelt.

1939- 45: II. Weltkrieg und Mobilisierung des Proletariats für die Résistance. In diesem Krieg erstickte die Bourgeoisie - aus früheren Erfahrungen klug geworden - durch die militärische Besetzung der besiegten Länder jede Regung des Proletariats schon im Keim. Unfähig, durch ihre eigene Bewegung das Ende des Krieges zu erzwingen, wie dies 1917-18 der Fall gewesen war, ging die Klasse noch gebrochener aus diesem Krieg hervor, als sie in ihn hineingegangen war;

1945-65: Wiederaufbau und nationale „Befreiung“ - das Proletariat wurde aufgefordert, eine vom Krieg zerstörte, in Trümmern liegende Welt wiederaufzubauen. Dafür erhielt es einige Krümel von der Bourgeoisie, die diese aufgrund der Ent­wicklung der Produktion verteilen konnte. In den rückständigen Ländern wurde das Proletariat von der nationalen Bour­geoisie für den Kampf um die „Unabhängigkeit“ und für den „Antiimperialismus“ rekrutiert.

Die linkskommunistischen Fraktionen

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung der Klasse und des völligen Triumphes der Konterrevolution nahmen die linken Fraktionen - die sich von den degenerierenden kommunistischen Parteien abgewendet hatten - die schwierige Aufgabe in Angriff, die revolutionären Prinzipien zu verteidigen. Sie mussten sich den vereinten Kräften aller Fraktionen der Bourgeoisie entgegenstemmen und den tausend Fallen ausweichen, die diese ihnen stellten. Sie mussten sich dem ungeheuren Gewicht der herrschenden Ideologie in ihrer eigenen Klasse entgegenstellen, der Isolierung wie auch der physischen Verfolgung, der Demoralisierung, der Erschöpfung, des Verlustes und der Zerstreuung ihrer Mitglieder  trotzen.

Mit ihrem Versuch, eine Brücke zwischen den alten, mittlerweile zur Bourgeoisie übergelaufenen Parteien des Proletariats und jenen Parteien, die das Proletariat in dem Moment seines nächsten revolutionären Aufschwungs bilden würde, zu bilden, vollbrachten die linkskommunistischen Fraktionen eine Herkulesarbeit. Sie versuchten, einerseits die proletarischen Prinzipien am Leben zu erhalten, die die Internationale und ihre Parteien an den höchsten Bieter verschleudert hatten, und andererseits auf der Grundlage dieser Prinzipien eine Bilanz aus den vergangenen Niederlagen zu erstellen. Dies taten sie, um die neuen Lehren zu verstehen, die die Klasse selbst im Verlauf ihrer künftigen Kämpfe erstellen wird. Jahrelang hielten die verschiedenen Fraktionen, insbesondere die Deutsch-Holländische Linke und vor allem die Italienische Linke, einen bemerkenswerten Umfang an Aktivitäten sowohl im Bereich der theoretischen Vertiefung als auch bei der Anprangerung des Verrats jener Parteien aufrecht, die sich weiterhin als Arbeiterparteien ausgaben.

Doch die Konterrevolution war zu stark und dauerte zu lange, als dass diese linkskommunistischen Fraktionen hätten überleben können. Vom II. Weltkrieg stark geschwächt und durch die Tatsache angeschlagen, dass dieser Krieg kein Wiederaufflammen des Klassenkampfes auslöste, verschwanden allmählich die letzten Fraktionen, die bis dahin noch überlebt hatten, oder traten in einen Prozess der Degeneration, der Verknöcherung oder der Regression ein. Damit riss zum ersten Mal seit mehr als einem Jahrhundert das Band der organischen Kontinuität, das die verschiedenen politischen Organisationen des Proletariats - wie den Bund der Kommunisten, die I., II. und III. Internationale sowie die aus Letzterer hervorgegangenen Fraktionen - miteinander verbunden hatte.

Die Bourgeoisie hatte zeitweilig ihr Ziel erreicht: jeglichen politischen Ausdruck der Klasse zum Schweigen zu brin­gen, die Revolution als einen verstaubten Anachronismus darzustellen, als ein Über­bleibsel aus einer längst vergangenen Epoche, eine exotische Spezialität, die den rückständigen Ländern vorbehalten sei, und die wahre Bedeutung der Revolution in den Augen der Arbeiter völlig zu verfälschen.

Die Krise des Kapitalismus

Doch seit einem Jahrzehnt haben sich die Aussichten gründlich geändert. Der wirtschaftliche „Wohlstand“, der den Wie­deraufbau der Nachkriegszeit begleitet hat, fand mit dem Abschluss des Wiederaufbaus ein Ende. Nicht nur die Bewunderer des Kapitalismus, sondern auch jene, die sich als seine Gegner ausgaben, haben diesen Wohlstand als ewig präsentiert. Seit Mitte der 60er Jahre, nach zwei Jahrzehnten euphorischen Wachstums, sieht sich das kapitalistische System jedoch aufs Neue mit einem Albtraum konfrontiert, den es in die Vorkriegswelt eines Grosz-Gemäldes verbannt zu haben glaubte: die Krise. Seither hat sich die Krise unerbittlich vertieft. Dies ist eine glänzende Bestätigung der marxistischen Theorie. Ebenjener Theorie, deren „Überlebtheit“, „Gegenstandslosigkeit“ und „Bankrott“ von den mit der Bourgeoisie verbandelten Lügnern aller Art, den nach „Neuheiten“ lechzenden, pseudorevolutionären Professoren, Nobelpreis-Gewinnern und Akademikern genauso wie von den „Skeptikern“ und Mäklern aller Art unaufhörlich verkündet wird.

Die Wiederkehr des Proletariats

Mit der Vertiefung des wirtschaftlichen Chaos wird die Gesellschaft aufs Neue mit der unvermeidlichen Alternative konfron­tiert, die jede akute Krise des dekadenten Kapitalismus mit sich bringt: Weltkrieg oder proletarische Revolution.[2] Doch unterscheidet sich die heutige Perspektive vollkommen von jener, die die große Wirtschaftskatastrophe der 30er Jahre offenbart hatte. Damals hatte das geschlagene Proletariat nicht die Kraft, den Bankrott des Systems auszunutzen, um zum Angriff überzugehen. Im Gegenteil: die Auswirkungen jener Krise sollten die Niederlage des Proletariats noch verstärken.

Heute ist die Lage des Proletariats jedoch eine andere als in den 30er Jahren. Einerseits haben sich die Mystifikationen, die in der Vergangenheit das Bewusstsein der Arbeiter erdrückten, wie alle anderen Pfeiler der bürgerlichen Ideologie mittlerweile allmählich verschlissen. Der Nationalismus, die demokratischen Illusionen, der Antifaschismus - sie alle, die in den vergangenen halben Jahrhundert intensiv genutzt wurden, haben nicht mehr den gleichen Einfluss, den sie einst hatten. Andererseits haben die neuen Arbeitergenerationen nicht derartige Niederlagen erlitten wie ihre Väter. Die Proletarier, die heute mit der Krise konfrontiert sind, mögen zwar nicht die Erfahrung besitzen, die Generationen von Arbeitern vor ihnen gehabt haben, doch sind sie gleichzeitig auch nicht von derselben Demoralisierung belastet.

Der beeindruckende Widerstand, den die Arbeiterklasse gegenüber den ersten Anzeichen der Krise 1968/69 an den Tag gelegt hat, bedeutet, dass die Bourgeoisie heute nicht mehr in der Lage ist, die einzige Lösung durchzusetzen, die sie gegen die Krise anzubieten hat: einen erneuten weltweiten Holocaust. Denn zuvor muss sie die Arbeiterklasse besiegen. Daher ist die heutige Perspektive nicht der imperialistische Krieg, sondern ein allgemeiner Klassenkrieg. Auch wenn die Bour­geoisie weiterhin alle Vorbereitungen für den Weltkrieg trifft, so ist es doch der Klassenkampf, der sie vorrangig beansprucht. Die erstaunlichen Absatzsteigerungen im Rüstungssektor (dem einzigen Sektor, der nicht unter der Krise leidet) kaschieren im Augenblick die von allen Staaten durchgeführte, allgemeine und nicht weniger systematische Aufrüstung des Repressionsapparates zum Zwecke des Kampfes gegen die „Subversion“. Aber das Kapital bereitet sich nicht so sehr mit Hilfe der Repression auf den Klassenkrieg vor, sondern stützt sich vornehmlich auf einer ganzen Reihe anderer Erfindungen, um das Proletariat einzudämmen und seinen Kampf in die Sackgasse zu lenken. Daher kann die Bourgeoisie der ungebrochenen Kampfbereitschaft der Arbeiter immer weniger nur die nackte Repression entgegensetzen, droht diese doch eher die Kämpfe zu vereinen, statt sie zu ersticken.

Die Waffen der Bourgeoisie

Bevor die Bourgeoisie in der Lage ist, zur offenen Repression zu greifen, wird sie wie in der Vergangenheit zunächst versuchen, die Arbeiter zu demoralisieren, indem sie ihre Kämpfe vom Weg abbringt und in die Sackgasse führt. Zu diesem Zweck wird sie hauptsächlich drei wesentliche Mystifikationen wiederbeleben, die alle dazu dienen, die Klasse an das nationale Kapital und den Staat zu binden: den Antifaschismus, die Selbstverwaltung und die nationale Unabhängigkeit.

Heute, wo unter völlig anders gearteten Bedingungen keine konkrete faschistische Gefahr à la Mussolini oder Hitler droht, ist es nicht die unmittelbare Aufgabe des Antifaschismus, für einen imperialistischen Krieg zu mobilisieren. Daher umfasst die antifaschistische Mystifikation ein breiteres Spektrum als in der Vergangenheit. Im Osten wie im Westen attackieren die „linken“, „progressiven“, „demokratischen“ oder „liberalen“ Fraktionen des Kapitals die Arbeiterklasse unter dem Deckmantel der Verteidigung der „demokratischen Errungenschaften“, der „Freiheit“, etc. gegen die Bedrohung durch die „Reaktion“, den „Totalitarismus“, die „Repression“, den „Faschismus" oder gar den „Stalinismus“. In dem Maße jedoch, wie die Arbeiter für die Verteidigung ihrer eigenen Interessen zu kämpfen anfangen, bekommen sie zu hören, dass sie die schlimmsten Agenten der Reaktion und der Konterrevolution seien.[3]

Der Mythos der Selbstverwaltung ist ebenfalls ein erstklassiges Mittel, mit dem die Linke des Kapitalismus gegen die Arbeiter aufwarten wird. Die Selbstverwaltung wird mit der Flut von Pleiten, die die Krise mit sich bringt, an Boden gewinnen und auch eine nachvollziehbare Reaktion auf den bürokratischen Würgegriff des Staates über die gesamte Gesellschaft sein. Die Arbeiter müssen dem Sirenengesang widerstehen, den alle Kapitalisten im Namen der „Demokratisierung der Wirtschaft“, der „Enteignung der Unternehmer“ oder gar der Etablierung „kommunistischer“, „menschlicherer Verhältnisse“ singen. In der Tat sind dies Versuche, die Arbeiter zur Mitarbeit bei ihrer eigenen Ausbeutung zu bewegen und ihre Vereinigung zu verhindern, indem die Arbeiter entsprechend der Betriebe, in denen sie arbeiten, oder der Stadtteile, in denen sie leben, gespalten werden (siehe Fußnote 3 der Plattform).

Schließlich wird auch die nationale Unabhängigkeit - als moderne Version der „nationalen Verteidigung“ mit dunklen Erinnerungen verknüpft – von der Bourgeoisie ausgiebig genutzt werden, insbesondere in den unterentwickelten Ländern, wo sie am absurdesten ist. Im Namen der „nationalen Unabhängigkeit“ werden die Arbeiter zu einem Schulterschluss mit den anderen Klassen im Kampf gegen diesen oder jenen Imperialismus aufgerufen. Die Verantwortung für die Krise und für die Verschärfung der Aus­beutung soll so auf die „hegemonialen Bestrebungen“ dieses oder jenes Landes, auf die Multis oder auf andere „staatenlose“ Kapitalien abgewälzt werden.[4]

Unter Aufbietung all dieser Mystifikationen wird das Kapital überall die Arbeiter dazu aufrufen, auf ihre Forderungen zu ver­zichten und Opfer für die Überwindung der Krise zu bringen. Wie in der Vergangenheit werden sich auch jetzt die Linken und die „Arbeiterparteien“ bei dieser schmutzigen Arbeit auszeichnen. Dabei werden sie auf die „kritische“ Unterstützung durch linksextremistische Gruppen aller Art rechnen können, die die gleichen Verschleierungen und Lügen in einer radikaleren Sprache verpacken und auch radikalere Methoden bevorzugen. Bereits vor 57 Jahren warnte das Manifest der Kommunistischen Internationale die Arbeiterklasse vor diesen Gefahren: "Die Opportunisten, die vor dem Krieg die Arbeiter unter dem Vorwand des allmählichen Übergangs zum Sozialismus dazu aufriefen, ihre Forderungen zu mäßigen, und während des Krieges im Namen der heiligen Nation und der Vaterlandsverteidigung die Erniedrigung und die Unterordnung der Klasse des Proletariats forderten, verlangen nun vom Proletariat erneut Opfer- und Hingabebereitschaft, um die schrecklichen Folgen des Krieges zu überwinden. Wenn solche Predigten innerhalb der Arbeiterklasse Gehör fänden, würde das Kapital seine Sanierung und Weiterentwicklung auf den Leichen weiterer Arbeitergenerationen in neuen, noch konzentrierteren, scheußlicheren Formen fortführen, mit der unvermeidlichen Aussicht auf einen neuen Weltkrieg."

Die Geschichte bewies mit der beispiellosen Tragödie des II. Weltkriegs, wie hellsichtig die Warnung der Revolutionäre von 1919 vor den Lügen der Bourgeoisie war. Jetzt wo die Bourgeoisie ihr furchteinflößendes Arsenal wieder aufpoliert, das ihr in der Vergangenheit erlaubt hat, das Proletariat unter Kontrolle zu halten und zu besiegen, bekennt sich die Internationale Kommu­nistische Strömung mit ganzem Herzen zu den Worten der Kommunistischen Internationalen und richtet diese aufs Neue an ihre Klasse. „Proletarier, erinnert euch an den imperialistischen Krieg!“, sagte die Internationale. Arbeiter von heute, erinnert euch des verflossenen halben Jahrhunderts Barbarei und stellt euch vor, was die Menschheit erwartet, wenn Ihr auch diesmal nicht entschlossen genug die Sonntagsreden der Bourgeoisie und ihrer Lakaien zurückweist!

Die Entwicklung des Klassenkampfes und des Bewusstseins des Proletariats

Obgleich die Kapitalistenklasse ihre Waffen systematisch verbessert, stößt sie nicht auf ein hilfloses Proletariat, auch wenn sie es gerne hätte. Ungeachtet einiger ihm zum Nachteil gereichender Aspekte sind die Bedingungen, unter denen das Proletariat seinen Kampf wieder aufgenommen hat, im Wesentlichen zu seinem Vorteil. So entsteht zum ersten Mal in der Geschichte die revolutionäre Bewegung der Arbeiterklasse nicht am Ende eines Krieges, sondern aus der Wirtschaftskrise des gesamten Systems. Sicher ist es für das Proletariat im Krieg einfacher, die Notwendigkeit des politischen Kampfes zu verstehen und die Unterstützung eines Großteils jener Schichten für sich zu gewinnen, die weder zum Proletariat noch zur Bourgeoisie gehören. Doch fördert der Krieg die Entwicklung des Klassenbewusstseins nur unter den Arbeitern jener Länder, die Schlachtfeld eines solchen Krieges sind, und insbesondere unter den Arbeitern der Verliererländer. Dagegen verschont die heutige Krise kein Land der Welt. Und je mehr die Bourgeoisie versucht, die Krise zu bremsen, desto mehr verschärft sie diese. Aus diesem Grund hat der Klassenkampf bislang noch nie solche Ausmaße angenommen wie heute. Zwar entwickelt er sich langsam und unstet, aber seine Ausdehnung hat schon jetzt all jene Untergangsphilosophen verblüfft, die sich pausenlos über den angeblich „utopischen“ Charakter einer revolutionären Bewegung des Proletariats auf Weltebene ergehen.

Da das Proletariat heute vor enormen Aufgaben steht, die nur es selbst verwirklichen kann, und da der unstete Charakter seiner Bewegung aus dem Verlust seiner Kampftraditionen und aller seiner Klassenorganisationen herrührt, muss das Proletariat die langsame Entwicklung der Krise (eine Krise, die den Rhythmus seiner Klassenreaktion beeinflusst) ausnutzen, um sowohl seine Kampftraditionen als auch seine Klassenorganisationen systematisch weiterzuentwickeln.

 Durch seinen täglichen Kampf wird das Proletariat allmählich das Bewusstsein über den politischen Charakter seines Kampfes wiedererlangen, und durch die Ausweitung und Häufung seiner Teilkämpfe schmiedet es seine Waffen für den Generalangriff gegen die herrschende Klasse. Angesichts dieser Kämpfe wird die Verzweiflung des Kapitals wachsen, und es wird die sehr reale Tatsache benutzen, dass es nichts zugestehen kann, um die Arbeiter  zur „Mäßigung“ und zum „Verzicht“ aufzufordern. Die Arbeiter müssen dagegen begreifen, dass, auch wenn die Kämpfe ergebnislos und damit in streng wirtschaftlicher Hinsicht Niederlagen sind, sie die Voraussetzung für den endgültigen Sieg bilden, da jeder von ihnen einen Schritt vorwärts in der Erkenntnis des Proletariats über den totalen Bankrott des Systems und damit über die Notwendigkeit seiner Zerstörung darstellt. Anders als die Prediger des „Realismus“ und der „Besonnenheit“ werden die Arbeiter erkennen, dass der wirkliche Erfolg eines Kampfes nicht in seinem unmittelbaren Ergebnis beruht (das, selbst wenn es positiv ist, stets durch die Vertiefung der Krise bedroht ist), sondern dass vielmehr der wahre Sieg der Kampf selbst und die Organisation, die Solidarität und das Bewusstsein ist, die dieser Kampf entwickelt.

Anders als die Kämpfe, die zur Zeit der großen Krise zwischen den beiden Weltkriegen stattfanden und deren Niederlagen nur zu weiterer Demoralisierung und Ermüdung der Klasse führten, stellen die heutigen Kämpfe Mei­lensteine auf dem Weg zum Endsieg dar. Die vorübergehende Entmutigung nach einer Teilniederlage wird sich in einen Ausbruch von Wut, Entschlossenheit und Bewusstsein verwandeln, die die kommenden Kämpfe befruchten werden.

Die sich verschärfende Krise wird den Arbeitern die wenigen, kümmerlichen Zugeständnisse entreißen, die in der Wiederaufbauperiode den Arbeitern für eine immer systematischere und wissenschaftlichere Ausbeutung zugestanden werden konnten. Mit der weiteren Ausbreitung der Krise werden immer mehr Arbeiter durch Arbeitslosigkeit und sinkende Reallöhne in die Verarmung gestoßen. Doch mit den Leiden, die die Krise verursacht, enthüllt sie gleichzeitig den barbarischen Charakter der Produktionsverhältnisse, die die Gesellschaft in Fesseln halten. Im Gegensatz zu den bürgerlichen und kleinbürgerlichen Klassen, die in der Krise nichts anderes als ein großes Unglück sehen und in Wehklagen ausbrechen, müssen die Proletarier die Krise mit Begeisterung begrüßen und in ihr den belebenden Wind wahrnehmen, der die Fesseln, mit denen sie an der alten Welt gebunden sind, wegfegt und damit die Voraussetzung ihrer Befreiung schafft.

Die Organisation der Revolutionäre

Doch wie intensiv auch immer die Kämpfe sein mögen, die von der Klasse ausgetragen werden, ihre Emanzipation wird nur erreicht werden können, wenn die Arbeiterklasse in der Lage ist, eines ihrer kostbarsten Güter zu pflegen, dessen Abwesenheit in der Vergangenheit ihr so teuer zu stehen gekommen ist: die revolutionäre Partei der Arbeiterklasse.

Das Proletariat ist aufgrund seiner Stellung im Produktionssystem die revolutionäre Klasse. Grundvoraussetzung seines Handelns ist die Dekadenz und die akute Krise dieses Systems. Jedoch lehrt die historische Erfahrung, dass dies für sich genommen nicht ausreicht. Wenn es dem Proletariat nicht gleichzeitig gelingt, ein entsprechendes Bewusstsein zu erlangen und jenes Instrument (seine kommunistische Avantgarde) zu schaffen, das gleichzeitig Produkt und aktiver Faktor in diesem Kampf ist, wird es nicht imstande sein, sich vom Kapitalismus zu befreien. Diese Avantgarde ist jedoch nicht das mechanische Produkt des Klassenkampfes. Auch wenn die gegenwärtigen und zukünftigen Auseinandersetzungen den notwendigen Nährboden für die Entwicklung dieser Avantgarde bieten, so kann sie sich nur bilden und ihre Aufgaben erfüllen, wenn die Revolutionäre sich vollständig ihrer Verantwortung bewusst und vom Willen durchdrungen sind, diesen Aufgaben gerecht zu werden. So können insbesondere die unerlässlichen Aufgaben der theoretischen Reflexion, der systematischen Anprangerung der bürgerlichen Lügen und der aktiven Intervention in den Kämpfen ihrer Klasse nur dann von den heutigen Revolutionären erfolgreich erfüllt werden, wenn sie die poli­tischen Bande, die sie sowohl historisch als auch geographisch miteinander verbinden, wieder etablieren. Das ist die Grundvoraussetzung für ihr Handeln. Mit anderen Worten: um die Aufgabe zu erfüllen, für die die Klasse sie in die Welt gesetzt hat, müssen sich die Revolutionäre die Errungenschaften der Klassenkämpfe und der kommunistischen Strömungen der Vergangenheit aneignen sowie ihre Kräfte auf der Ebene ihrer Klasse, d.h. auf Weltebene, bündeln.

Jedoch werden ihre Bemühungen in diese beiden Richtungen noch stark durch den totalen Bruch der organischen Kontinuität mit den kommunistischen Fraktionen der Vergangenheit behindert. Die Wiederherstellung dieser politisch unentbehrlichen Kontinuität mit diesen Fraktionen, die die grundsätzlichen Lehren aus den vergangenen Erfahrungen der Klasse gesammelt und erklärt hatten, hat sich - behindert durch die revolutionären Strömungen, die die Klasse in die Welt gesetzt hat - verzögert. Diese Strömungen haben vor allem Schwierigkeiten, zwei Dinge zu verstehen: ihre besondere Funktion innerhalb der Klasse und vor allem die Organisationsfrage, da sie in diesem Bereich praktisch über keine eigenen Erfahrungen verfügen. (Von Anbeginn war das Kleinbürgertum eine Fessel der Arbeiterbewegung.) Insbesondere hat der Unrat aus der Studentenbewegung, jener typischer Ausdruck der Krise des intellektuellen Kleinbürgertums, der sich just in dem Moment auf seinem Höhepunkt befand, als die Arbeiterklasse den Weg zum Kampf wiederentdeckte, das Bewusstsein revolutionärer Organisationen behindert. So ist es der Kultivierung des „Neuen“, des „Anders-Seins“, der Phrasendrescherei, des Individuums, der „De-Entfremdung“ und des Spektakels, die dieser Spielart des Kleinbürgertums eigentümlich sind,  oft gelungen, viele Gruppen in exotische Sekten umzuwandeln, deren Aktivitäten rund um kleinliche Fragen und persönlichen Ambitionen kreisen.

Aus positiven Faktoren, die diese Gruppen einst waren, sind Hindernisse für den Bewusstwerdungsprozess des Proletariats geworden. Falls sie sich auch weiterhin aufgrund von erfundenen oder nebensächlichen Divergenzen der Aufgabe der Umgruppierung der revolutionären Kräfte widersetzen, werden sie von den Bewegungen der Arbeiterklasse gnadenlos weggefegt werden.

Mit ihren immer noch bescheidenen Mitteln hat sich die Internationale Kommunistische Strömung der langwierigen und schweren Aufgabe der weltweiten Umgruppierung der Revolutionäre rund um ein klares und kohärentes Programm verpflichtet. Sie lehnt den Monolithismus der Sekten ab und ruft die Kommunisten aller Länder auf, sich der ungeheuren Verantwortung bewusst zu werden, die auf ihnen lastet, die falschen Streitereien aufzugeben und die künstlichen Spaltungen zu überwinden, die die alte Gesellschaft ihnen aufgehalst hat. Die IKS ruft sie auf, sich für diese Aufgabe zusammen zu schließen, um noch vor Beginn der entscheidenden Klassenkämpfe eine internationale, vereinte Organisation der Avantgarde zu bilden.

Als bewussteste Fraktion der Klasse müssen die Kommunisten ihr den Weg nach vorn zeigen, indem sie sich die Losung: „Re­volutionäre aller Länder, vereinigt euch!“ zu eigen machen.

Arbeiter der ganzen Welt!

Die Kämpfe, die Ihr austragt, sind die bedeutendsten in der Geschichte der Menschheit. Ohne Euren Klassenkampf wäre die Menschheit dazu verurteilt, einen III. Weltkrieg zu erleiden, dessen Folgen man nur ahnen kann. Solch ein Krieg bedeutet, dass die Menschheit um Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende zurückgeworfen wird, ein Verfall, der jede Hoffnung auf den Sozialismus zunichtemacht oder gar schlicht und einfach die Menschheit vernichtet. Noch nie ist eine Klasse Träger einer solchen Verantwortung und Hoffnung gewesen. Die furchtbaren Opfer, die Ihr bereits in Euren vergangenen Kämpfen erbracht habt, und jene vielleicht noch furchtbareren Opfer, die eine zum Äußersten getriebene Bourgeoisie Euch künftig noch abverlangen wird, werden nicht vergeblich gewesen sein.

Euer Triumph wird für die Menschheit die endgültige Befreiung von den Ketten bedeuten, die sie den blinden Gesetzen der Natur und der Ökonomie unterworfen haben. Er wird das Ende der Vorgeschichte der Menschheit und den Beginn ihrer wirklichen Geschichte markieren sowie die Herrschaft der Freiheit auf den Ruinen der Herrschaft der Notwendigkeit errichten.

Arbeiter, macht für die titanischen Schlachten, die auf Euch warten und die den endgültigen Angriff gegen die kapitalistische Welt vorbereiten, für die Abschaffung der Ausbeutung, für den Kommunismus den alten Schlachtruf Eurer Klasse wieder zur Eurem Schlachtruf:

PROLETARIER ALLER LÄNDER, VEREINIGT EUCH!

Internationale Kommunistische Strömung, 1975

[1] Dieser Abschnitt bezieht sich auf das Wiedererwachen des Weltproletariats Ende der 1960er Jahre nach einem halben Jahrhundert der Konterrevolution. Die dort erwähnten Arbeiterkämpfe erscheinen im Vergleich mit dem gegenwärtigen Niveau des Klassenkampfes wie von einer anderen Welt. Der Zusammenbruch der so genannten realsozialistischen Länder Ende der 1980er Jahre hat einen weitreichenden Rückfluss des Bewusstseins und der Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse bewirkt. Das Gewicht dieses Rückflusses wird auch heute noch angesichts der Schwierigkeiten des Proletariats deutlich, seinen Klassenkampf zu entwickeln und zu einer revolutionären Perspektive zurückzufinden, eine Perspektive, die durch die Heftigkeit der bürgerlichen Kampagne rund um den „Tod des Kommunismus“ vernebelt wurde. Doch diese Schwächung des Weltproletariats hat keinesfalls den historischen Kurs auf eine Zuspitzung der Klassenkämpfe in Frage gestellt, der durch die erste Welle von Kämpfen Ende der 1960er Jahre eröffnet worden war. Trotz eines nur allmählichen Wiedererstarkens des Klassenkampfes wird unsere Zukunft weiterhin von der Arbeiterklasse verkörpert. Gerade weil der Klassenkampf ein ständiger Albtraum für die Herrschenden ist, entfesseln sie ideologische Kampagnen und hinterlistige Manöver, um die Arbeiterklasse daran zu hindern, kraftvoll in Erscheinung zu treten.

[2] Mit dem Verschwinden der beiden imperialistischen Blöcke, die durch das Abkommen von Jalta entstanden waren, ist das Gespenst eines dritten Weltkriegs im Augenblick gebannt. Auch wenn der Militarismus und der Krieg immer noch den niedergehenden Kapitalismus bestimmen, hat es die imperialistische Politik aller Staaten, ob groß oder klein, mit einer historischen Weltlage zu tun, die von Chaos und dem „Jeder für sich“ beherrscht ist. Da die Arbeiterklasse der großen Industriezentren nicht für einen dritten Weltkrieg mobilisiert werden kann, lautet die historische Alternative nunmehr: die proletarische Revolution oder der Sturz der Menschheit in die Barbarei und in das allgemeine Chaos. 

[3] Auch wenn in einigen zentralen Ländern Europas wie Frankreich, Österreich oder Belgien die rechtsextremen Fraktionen Auftrieb erhalten, kann man dieses Phänomen keineswegs mit der Lage in den 1920er und 1930er Jahren vergleichen, als die Bedingungen für eine Machtübernahme durch die Faschisten und die Nazis gegeben waren. Das Wiedererstarken der rechtsextremen Parteien ist vor allem ein Ausdruck des Zerfalls des Systems, des „Jeder für sich“, von dem zunehmend der gesamte politische Apparat der Bourgeoisie ergriffen wird. Dieser Aufstieg ist nicht das Ergebnis einer historischen Niederlage des Proletariats wie in den Jahren nach der Niederschlagung der revolutionären Welle von 1917-23. Darüber hinaus kann man die gegenwärtigen antifaschistischen Kampagnen nicht mit den Kampagnen und der massiven Mobilisierung des Proletariats für die Demokratie vergleichen, welche in den 1930er Jahren die Mobilisierung der Arbeiterklasse für den 2. Weltkrieg ermöglicht hatten.

[4] Seit dem Zusammenbruch des Ostblocks Ende der 1980er Jahre und der ihm folgenden Auflösung des westlichen Blocks sind die Befreiungskämpfe kein brauchbarer Mythos mehr, mittels dessen die linken und linksextremistischen Fraktionen des Kapitals bis dahin versucht hatten, Teile der Arbeiterklasse für das eine oder andere imperialistische Lager zu mobilisieren. Doch während der Mythos der „nationalen Befreiung” in den großen Zentren des Kapitalismus mit dem Zusammenbruch des russischen imperialistischen Blocks geplatzt ist, behält er in einigen peripheren Gebieten der Welt weiterhin seine Anziehungskraft bei und erweist sich immer noch als nützlich, um die Arbeiter dieser Länder in Massaker zu treiben (wie z.B. im Kaukasus oder in den von Israel besetzten Gebieten).