Che Guevara – Mythos und Wirklichkeit

Vor einigen Monaten haben wir in Frankreich eine Zuschrift von einem Genossen, der sich EK nennt, zu Che Guevara erhalten. Da sich in diesen Monaten zum 40. Mal der Todestag von Che Guevara jährt und wir als IKS nicht in den Lobgesang auf ihn einstimmen wollen, sondern uns dazu äußern wollen, ob Che Guevara wirklich ein Revolutionär war und ob die Arbeiterklasse sowie die junge Generation sich heute auf seine Taten berufen sollen oder nicht, möchten wir den Großteil der Korrespondenz mit dem Genossen EK an dieser Stelle veröffentlichen.  Aus der Sicht von EK war Che Guevara ein „echter Kämpfer für die Sache der unterdrückten Völker“. Für EK steht „der Internationalismus Ches außer Frage, er war das Modell des internationalen Kämpfers und der Solidarität unter den Völkern“. Auch sei er einer der wenigen Revolutionäre, die es gewagt haben, das Regime in der UdSSR zu kritisieren.  Im zweiten afro-asiatischen Solidaritätsseminar kritisierte Ches ohne Vorbehalte die konservativen und ausbeuterischen Positionen der UdSSR“. (…) Da er andere Ziele verfolgte, distanzierte sich Che später vom sozialimperialistischen Modell der UdSSR. Die CIA und der KGB arbeiteten gar zusammen, um sich seiner während seiner revolutionären Aktivitäten in Bolivien zu entledigen. Erneste Che Guevara hat seine intellektuelle Redlichkeit mit seinem Leben bezahlt. Ihn zu würdigen heißt, seine Texte zu lesen, Erinnerungen an ihn zu verewigen, den Kampf fortzusetzen, ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, seine Werte zu unterstützen. Anlässlich des 40. Jahrestages seiner Ermordung im Kampf ist es mehr denn je Zeit, seine Gedanken und seine Ideen neu zu beleben.Im Oktober 2007 gedachte man des 40. Todestages von Che Guevara, der damals von der bolivianischen Armee, welche von den USA ausgerüstet wurde, umgebracht wurde. Seit 1967 ist Che zum Symbol der unsterblich „romantischen revolutionären Jugend“ geworden: jung gestorben,  mit der Waffe in der Hand, im Kampf gegen den US-Imperialismus, großer „Verteidiger der armen Massen Lateinamerikas“. Jeder hat dieses Bild Che’s vor Augen, mit dem Stern an seiner Baskenmütze, dem traurigen und abwesenden Blick. Seine berühmten „Tagebücher“ haben sehr zur Verbreitung der Geschichte dieses Revoltierenden beigetragen, der aus einer wohlhabenden argentinischen Familie stammte, mit einem Einschlag der Boheme behaftet, der eine abenteuerliche Reise auf dem Motorrad auf den Straßen Südamerikas antrat und seine medizinischen Kenntnisse zugunsten der Armen einsetzte… Er lebte 1956 in Guatemala, zu einer Zeit, als die USA einen der unzähligen Staatsstreiche gegen eine Regierung anzettelten, die ihnen nicht passte. Diese ständige Einmischung  der USA in die Politik der Länder Lateinamerikas sollte sein ganzes Leben lang seinen Hass gegen die USA bestimmen. Später schloss er sich in Mexiko der Gruppe Castros an, die dort nach einem fehlgeschlagenen Umsturzversuch des kubanischen Diktators Batista, welcher von den USA lange Zeit unterstützt wurde, Unterschlupf gefunden hatte (2). Nach einer Reihe von Abenteuern ließ sich diese Gruppe in den Bergen Kubas nieder, bis sie Anfang Januar 1959 Batista zu Fall brachten. Die neue Ideologie dieser Gruppe war der Nationalismus, der Marxismus war nur die Schutzhülle für einen gegen die US-Amerikaner, gegen die „Yankees“ gerichteten „Widerstand“, auch wenn sich einige ihrer Mitglieder wie Guevara selbst als „Marxisten“ bezeichneten. Die kubanische Kommunistische Partei, die seinerzeit übrigens Batista unterstützt hatte, schickte erst wenige Monate nach dem Sieg Castros einen ihrer Führer, Carlos Rafael Rodríguez, zu diesem. Diese Guerrilla war keinesfalls der Ausdruck irgendeiner Bauernrevolte und noch weniger eines Aufstands der Arbeiterklasse. Sie war der militärische Ausdruck einer Fraktion der kubanischen Bourgeoisie, die einen anderen Flügel stürzen wollte, um deren Platz einzunehmen. Es gab keine „Volkserhebung“ bei der Machtergreifung der von Castro geführten Guerilla. Wie so oft in Amerika trat diese „Erhebung“ in Gestalt einer Ersetzung der einen militärischen Clique durch eine andere bewaffnete Gruppierung auf, bei der die Ausgebeuteten und Verarmten der Inselbevölkerung, die oft von den kämpfenden Putschisten der Guerilla rekrutiert worden waren, keine wichtige Rolle spielten, sondern den neuen Machthabern nur zujubeln durften. Gegenüber dem eher schwachen militärischen Widerstand der Truppen Batistas erschien Guevara als ein Guerillakämpfer, dessen Entschlossenheit und wachsender Charme schnell seinen Herren, Fidel Castro, in den Schatten stellten. Nach dem Sieg über Batista beauftragte Fidel Castro Che mit der Bildung von „Revolutionstribunalen“, die insbesondere in Lateinamerika ein blutiges Schauspiel in der besten Tradition der Begleichung von alten Rechnungen zwischen verschiedenen nationalen Fraktionen lieferten. Che Guevara nahm sich seine Rolle sehr zu Herzen; dies geschah aus Überzeugung und mit Eifer. Er schuf eine „Volksjustiz“, die zur Ablenkung des Volkes die alten Folterer des Batistaregimes aburteilte. Aber auch haltlose Beschuldigungen und Verleumdungen wurden aufgegriffen. Übrigens verteidigte Guevara dies später vor der UNO, als er in seiner Antwort auf lateinamerikanische Repräsentanten, die als gute „Demokraten“ diese Methoden beanstandeten, unterstrich: „Wir haben Leute erschossen, wir erschießen weiter und werden dies solange wie notwendig machen.“  Diese Methoden haben nichts mit der fehlerhaften Praxis einer revolutionären Justiz zu tun. Sie sind typische Methoden einer Fraktion der Bourgeoisie, die eine andere gewaltsam beherrscht. Man kann sich natürlich stets träumerisch mit dem schlichten „Helden“ der Sierra Maestra identifizieren, mit dem „heroischen Guerillakämpfer“, der einige Jahre später in den Anden Boliviens starb, aber im realen Leben hat dieser nur eine ausführende Rolle in der schmutzigen Praxis eines Regimes gespielt, das den Begriff Kommunismus nur im Namen führt.

Che Guevara – Internationalist ?

Du schreibst: «Der Internationalismus Ches steht außer Frage“ und „Im zweiten afro-asiatischen Solidaritätsseminar kritisierte Che ohne Vorbehalte die konservativen und ausbeuterischen Positionen der UdSSR“ und Du behauptest: „Che distanzierte sich später logischerweise vom sozial-imperialistischen Modell der UdSSR“.

Das nationalistische Regime Castros hat sich schnell die Etikette „kommunistisch“ umgehängt, es hat sich dabei aber nur dem von der UdSSR angeführten imperialistischen Lager angeschlossen. Da sich Kuba nur wenige Seemeilen von der US-Küste befindet, musste dies natürlich für die USA als Blockführer Anlass großer Sorge sein. Der Prozess der Stalinisierung der Insel, der von einer großen Zahl zivilen, militärischen Personals und von Geheimagenten aus Osteuropa begleitet war, fand 1962 zur Zeit der „Raketenkrise“ seinen Höhepunkt. In diesem Verlauf wurde Ché Guevra, der in der Zwischenzeit zum Industrieminister ernannt worden war (1960-1961), um das neue Bündnis mit dem „sozialistischen Lager“ zu festigen, von Castro in eben diese Länder geschickt, in denen er sich lobpreisend über die UdSSR äußerte: „dieses Land, das so tief mit dem Frieden verbunden ist“, „in dem die Meinungsfreiheit herrscht“, das „die Mutter der Freiheit“ ist… Er rühmte ebenso das „außergewöhnliche“ Nordkorea oder das China Maos, wo „jeder voll von Enthusiasmus ist, jeder Überstunden leistet“, und die anderen Länder des Ostblocks. „Die Leistungen der sozialistischen Länder sind außergewöhnlich. Man kann ihre Gesellschaft, ihre Entwicklung einfach nicht mit der kapitalistischen Gesellschaft vergleichen“. Er war ein wahrer Prediger des stalinistischen Modells. Wir kommen später auf die Trennung Ches von der UdSSR zurück. Aber im Gegensatz zu Deinen Behauptungen hat Ché nie einen Zweifel an den Prinzipien des stalinistischen Systems aufkommen lassen. Aus seiner Sicht war die UdSSR und ihr Block das „sozialistische, fortschrittliche“ Lager und sein eigener Kampf war Teil des Kampfes des russischen Blocks gegen den westlichen Block. Der von Ché Guevara erhobene Schlachtruf: „Schaffen wir ein, zwei, viele Vietnams“ ist kein internationalistischer Schlachtruf, sondern nationalistisch und nichts als eine Unterstützung des russischen Blocks. Sein wirkliches Kriterium war nicht die gesellschaftliche Umwälzung, sondern der Hass auf den anderen Blockführer, die USA. Nach dem 2. Weltkrieg war die Welt in zwei feindliche Blöcke gespalten, die jeweils von den USA bzw. der UdSSR angeführt wurden. Die „nationale Befreiung“ stellte sich als eine perfekte ideologische Verschleierung und regelmäßige Rechtfertigung der militärischen Mobilisierungen der Bevölkerung heraus. In diesen Kriegen hatten weder die Arbeiterklasse noch die anderen ausgebeuteten Klassen irgendetwas zu gewinnen, da sie nur als Kanonenfutter für die verschiedenen Fraktionen der herrschenden Klasse und ihre imperialistischen Paten dienten. Die in Jalta erfolgte Aufteilung der Welt in zwei imperialistische Blöcke bedeutete, dass jedes Ausscheiden aus einem Block nur den Beitritt zum gegnerischen Block zur Folge haben kann. Es gibt kein besseres Beispiel dafür als Kuba. In diesem Land wurde die korrupte Diktatur Batistas, der unter amerikanischer Abhängigkeit, der US-Geheimdienste und aller möglichen Mafien  stand, durch die Herrschaft des russischen Blocks ersetzt. Die Geschichte Kubas bündelt die tragische, ein halbes Jahrhundert dauernde Geschichte der „nationalen Befreiungskämpfe“ Bevor man sich darüber äußert, wann und wie sich Guevara angeblich von der UdSSR „losgelöst“ hat, muss man sich klar zum Wesen der UdSSR und ihrem Block äußern. Hinter der Verteidigung eines Ché Guevaras als Revolutionär steckt die Idee, dass die UdSSR trotz all ihrer Schwächen mehr oder weniger doch der „sozialistische, fortschrittliche Block“ sei. Dies ist aber die größte Lüge des 20. Jahrhunderts. In Russland hat sehr wohl eine proletarische Revolution stattgefunden, aber sie hat eine Niederlage erlitten. Die stalinistische Form der Konterrevolution entwickelte die Losung des „Aufbaus des Sozialismus in einem Land“. Diese Losung ist genau das Gegenteil der Grundlagen des Marxismus. Aus marxistischer Sicht haben die Arbeiter kein Vaterland. Der Internationalismus diente der revolutionären Bewegung, die 1917 ausbrach, und allen damaligen Revolutionären, von Lenin und den Bolschewiki bis Rosa Luxemburg und den Spartakisten, als Kompass. Die Übernahme der abscheulichen Theorie des „Sozialismus in einem Lande“  ging einher mit der Verbreitung von Terror und Staatskapitalismus, dieser eisernen Faust, die der totalitärste und schrecklichste Ausdruck der kapitalistischen Ausbeutung ist.

Hat sich Ché von dem sozial-imperialistischen Modell Russlands gelöst?

Der Ausgangspunkt der Kritik Ché Guevaras an der UdSSR war die „Raketenkrise“ von 1962. Für die UdSSR war Kuba ein großer Fang. Sie konnte jetzt endlich den USA mit gleicher Münze heimzahlen, welche die UdSSR direkt von deren Nachbarländern wie z.B. der Türkei bedrohen konnten. Die UdSSR begann, nur wenige Kilometer vor der US-Küste entfernt Abschussbasen für nuklearbestückte Raketen zu errichten. Die Reaktion der USA: sie verhängten ein totales Embargo über die Insel, zwangen die russischen Boote auf halbem Weg zur Umkehr. Chrutschow, damaliger Herrscher im Kreml, wurde schließlich gezwungen, seine Raketen zurückzuziehen. Einige Tage lang im Oktober 1962 brachten die imperialistischen Zusammenstöße zwischen jenen, die sich als die „freie Welt“ darstellten, und jenen, die von sich behaupteten die „fortschrittliche, sozialistische Welt“ zu sein, die ganze Menschheit an den Rand des Abgrunds. Chrutschow wurde von die Castro-treuen Führung als „Weichling“ beschimpft, der keinen „Mumm“ habe, die USA anzugreifen. In einem hysterischen patriotischen Anfall, angesichts dessen Castros Losung „Vaterland oder Leben“ seinen ganzen schrecklichen Sinn enthüllt, zeigten sie sich bereit, das Volk (von dem sie später behaupteten, dass es bereit war, sich zu opfern) auf dem Altar des Atomkrieges zu opfern. In diesem perversen Delirium stand Ché Guevara mit an vorderster Stelle. Er schrieb: „Sie (die Organisation Amerikanischer Staaten) haben zurecht Angst vor der ‚kubanischen Subversion‘, das Angst einjagende Beispiel eines Volkes, das bereit ist, in einem Atomkrieg zu sterben, damit seine Asche als Zement für die neuen Gesellschaften dient, und welches nach der Unterzeichnung des Abkommens über den Rückzug der Atomsprengköpfe, wozu es überhaupt nicht befragt wurde, keinen Ton des Aufatmens von sich gibt und den Rückzug nicht dankend anerkennt. Es bekräftigt im Gegenteil seine Entschlossenheit zu kämpfen, dies gar alleine zu tun gegen alle Gefahren und gegen die atomare Bedrohung selbst, die vom Yankee-Imperialismus ausgeht.“(6) Dieser „Held“ hatte beschlossen, dass das kubanische Volk bereit war, im Kampf für das Vaterland zu sterben. So lag der „Enttäuschung“ und der Kritik gegenüber der Sowjetunion nicht der Verlust des Glaubens an die Werte des „Sowjetkommunismus“ (der eigentlich ein stalinistischer Kapitalismus war) zugrunde, sondern die Tatsache, dass das System auf dem Höhepunkt der Zeit des Kalten Krieges nicht bis ans Ende der Kriegslogik ging. Als Ché Guevara von der CIA und der Armee Boliviens 1967 ermordet wurde, war er nicht nur Opfer des US-Imperialismus, sondern auch der neuen politischen Orientierung des Kremls, die als „friedliche Koexistenz“ mit dem Westblock  in die Geschichte einging. Wir können hier nicht näher darauf eingehen, warum die Führung der UdSSR und ihr Block diesen Kurs eingeschlagen haben. Aber dieser Kurs hat nichts mit irgendeinem Verrat an den Völkern zu tun, die sich vom Imperialismus „befreien“ wollten, und erst recht nichts mit einem Verrat am Proletariat. Die Politik der herrschenden stalinistischen Klasse hat oft je nach Interessenslage Kurswechsel vollzogen, und gerade die Frage der Raketenkrise führte den Führern des stalinistischen Ostblocks vor Augen, dass sie nicht die Mittel hatten, den gegnerischen Blockführer vor seiner Tür herauszufordern und dass sie in Lateinamerika vorsichtiger vorgehen mussten. Guevra und ein Teil der kubanischen Führer wollten dies nicht begreifen, so dass sie ab einem gewissen Zeitpunkt für die UdSSR wie auch für ihre eigenen kubanischen Freunde hinderlich wurden. Von da an war das Schicksal Ché Guevaras besiegelt: Nach dem desaströsen Abenteuer im Kongo (7) fand er sich plötzlich in Bolivien isoliert wieder, unterstützt nur von einer Handvoll bewaffneten Genossen, von der bolivarianischen KP aufgegeben, die auf die Linie Moskaus eingeschwenkt war. Aus der Sicht der Treuesten unter den Moskautreuen waren die Anhänger des „Foco“ (Guerilla-Brände)  Abenteuer suchende, „von den Massen losgelöste“ Kleinbürger. Und aus der Sicht der Fraktionen der KP, die dem bewaffneten Kampf am günstigsten gewogen waren und überall „kritische Unterstützung“ betrieben, waren die Offiziellen“ der KP „Salonrevolutionäre“, verbürgerlichte Bürokraten, die ebenfalls von „den Massen losgelöst“ seien. Aus unserer linkskommunistischer Sicht handelt es sich um zwei Formen der gleichen Konterrevolution, um zwei Varianten der gleichen großen Lüge des Jahrhunderts, die die stalinistische Konterrevolution als die Fortsetzung der Oktoberrevolution und die UdSSR als kommunistisch dargestellt hat.

Welche Auffassung hatte Ché Guevara von der Arbeiterklasse ?

Aus Deiner Sicht wäre die Aufgabe der Intellektuellen: „in die Arbeiterklasse ein Bewusstsein über die Verhältnisse zu tragen…“ Du scheinst dich hier auf die Sicht Ché Guevaras über die „revolutionäre Elite“ zu stützen. Aber verdeckt diese Position Ché Guevaras nicht eine tiefgreifende Verachtung der Arbeiterklasse? Denn was zeigen seine lyrischen Aussagen über „den neuen Menschen in der kubanischen Revolution“ tatsächlich?Die revolutionäre Einheit des Proletariats stützt sich auf eine sehr konkrete Grundlage: die Klassensolidarität. Diese spontane Solidarität bei der Organisierung des Kampfes, die auf gegenseitiger Unterstützung und Brüderlichkeit fußt, hat ihre Quelle in der Hingabe des revolutionären Proletariats und verstärkt dieses. Aber diese Hingabe wird bei Ché Guevara im besten Fall zu einem fast mystischen Aufruf zum höchsten Martyrium (man muss anerkennen, dass er stets zum größten Opfer bereit war, und sicherlich war er bereit,  ein Märtyrer der imperialistischen Konflikte wie die der Raketenkrise zu werden, und dabei willens, das ganze kubanische Volk zum Märtyrer zu machen). Abgesehen von seinem „beispielhaften“ Verhalten sollte man näher auf seine Auffassung von „Opfergabe“ und vom „Heldentum“ eingehen (welche vom gleichen Verschnitt ist wie der begeisterte patriotische Idealismus der Stalinisten während der französischen Résistance im 2. Weltkrieg), welche von Oben aufgezwungen wurden und den Bedürfnissen des Staates dienten. Dabei sollte alles der eisernen Faust des „obersten Führers“ folgen. Diese Auffassung verbirgt die Verachtung der intellektuellen Kleinbürger für die Arbeiterklasse, die nur von oben betrachtet wird und welche „erzogen“ werden müsse, damit sie die „Vorteile der Revolution“ versteht.  „Die Masse“, erklärte Guevara herablassend, „handelt wie eine zahme Herde. Es stimmt, dass sie ohne zu zögern ihren Führern folgt, vor allem Fidel Castro (...) Wenn man die Dinge oberflächlich betrachtet, könnte man meinen, diejenigen, die von Unterwerfung des Einzelnen unter den Staat sprechen, Recht haben, aber die Massen verwirklichen  mit Enthusiasmus und unglaublicher Disziplin die von der Regierung definierten Aufgaben im Bereich Wirtschaft, Kultur,  Verteidigung  oder Sport (...) Die Initiative kommt im Allgemeinen von Fidel Castro oder dem Oberkommandierenden der Revolution, und dann wird sie dem Volk erklärt, das diese dann übernimmt“ (Sozialismus und der Mensch in Kuba, 1965).  Indem Du uns sagst, dass es keinen Grund gibt, „das Konzept des Proletariats auf die Arbeiterklasse zu reduzieren“, führt Deine Argumentation offensichtlich und unbewusst zu den Wurzeln dieser verächtlichen Auffassung von der Arbeiterklasse (8). Eines der gemeinsamen Merkmale der stalinistischen Gruppen (von den Maoisten bis zu den Castristen) ist ihr Misstrauen und ihre Verachtung  gegenüber der Arbeiterklasse. Sie machten die mystifizierte arme Bauernschaft zum „Träger der Revolution“, die von den Intellektuellen geführt werde, welche das notwendige Bewusstsein besäßen und es in die Köpfe der Massen „einimpften“. Bestenfalls war die Arbeiterklasse für diese Neostalinisten eine Manövriermasse, eine Art Komparsen der Revolution, die ihnen als historischer Bezug diente. In den Schriften dieser Pseudorevolutionäre findet man nie einen Bezug auf eine als solche organisierte Arbeiterklasse und auf die Organisationen, die die Macht der Arbeiterklasse widerspiegeln – die Arbeiterräte. Diese stalinistischen Ableger verdecken nicht mal ihre staatskapitalistische Ideologie und sie müssen nicht einmal von den Arbeiterräten oder den anderen Zeichen des proletarischen Lebens in der Russischen Revolution reden. Für sie gibt es nur den Staat, der von diesen „Aufgeklärten“ geleitet wird und wo unten die Massen stehen, die manchmal die „Initiative“ ergreifen können, die aber durch „Komitees zur Verteidigung der Revolution“ und andere Organe gesellschaftlicher Überwachung kontrolliert werden müssen. In Kuba waren – dies ist keine Überraschung – die Gewerkschaften eine der ersten und wichtigsten Kontroll- und Steuerungsorgane der Arbeiterklasse. Die kubanischen Gewerkschaften (CTC) handelten schon als Gewerkschaften im amerikanischen Stil und waren völlig in den „liberalen“ Kapitalismus integriert und ebenso korrupt. 1960 wurden sie sehr schnell von ihren kubanischen Führern in Gewerkschaften stalinistischer Prägung umgewandelt, die unter bürokratische und staatliche Herrschaft gestellt wurden. Die ersten Entscheidungen des Castro-Regimes betrafen die Angleichung der Löhne nach unten und die Durchsetzung des Streikverbots in den Betrieben, kurzum: sie spielten die Rolle der Polizei in den Betrieben. Als seinerzeit Arbeiter gegen die Niedriglöhne in einem US-amerikanischen Betrieb streikten, verurteilten die neuen, Castro-treuen Führer der CTC diesen Streik der „Bessergestellten“ und “erklärten den Streiks den Streik“. (…) Lieber Genosse EK, wir meinen, bei all den Jugendlichen, die ein T-Shirt mit dem Konterfei Ché Guevaras tragen, gibt es sicherlich aufrichtige Absichten; Jugendliche, die die Ungerechtigkeiten und die Schrecken dieser Welt bekämpfen wollen. Wenn immer wieder Ché hochgehalten wird, so soll damit nur die revolutionäre Leidenschaft der Jugendlichen sterilisiert werden. Aber Ché war tatsächlich nur ein Glied in der langen Reihe der nationalistischen und stalinistischen Führer, der vielleicht mehr als andere einen sympathischen Eindruck machte, der aber trotzdem ein Repräsentant dieses tropischen Ablegers der stalinistischen Konterrevolution war, den der Castrismus darstellt. Trotz all der Divergenzen zwischen uns, Genosse EK, sind wir zur Diskussion bereit, ja wir möchten Dich herzlich dazu auffordern. IKS