Ökokatastrophe und Kommunismus - Leserbrief

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Leserbrief:  

Sehr geehrte Autoren,Ich verfolge schon seit längerer Zeit immer wieder die Artikel Ihrer Seite, doch ein Artikel hat mich veranlasst, Ihnen zu schreiben. Ich las gerade den Artikel "Klimakatastrophe: Der Kapitalismus ist verantwortlich für die Klimaerwärmung". Schön und gut. Davon abgesehen, dass ich mit der Aussage des Titels übereinstimme, wirft der Text einige Fragen auf.Es wird unablässig auf das kapitalistische Weltsystem geschimpft und mächtig Stimmung gegen die herrschende Klasse gemacht. Das soll auch so sein, doch warum werden dort keine Lösungsvorschläge dargelegt? Der Kommunismus wird lediglich als Universallösung für unsere Probleme angeboten, ohne das dem Leser klar wird, wie genau eine solche kommunistische Alternative im Bereich der Klimapolitik aussehen soll. Dass das nach bloßer marxistischer Hetze gegen die bestehenden Verhältnisse aussieht, dürfte doch eigentlich jedem ersichtlich sein.Diese Stimmungsmache zieht sich wie ein roter Faden nicht nur durch viele

Ihrer Texte, sondern allgemein durch linke Stellungnahmen. Dadurch werden den Liberalen und generell unserer Ideologie feindlich gesinnten Menschen derart viele Angriffspunkte geliefert, dass es um die Glaubwürdigkeit der Linken und die Überzeugungskraft ihrer nicht vorhandenen Argumente bei den Zuhörern und Lesern wirklich schlecht bestellt ist.

Wo sind die Argumente geblieben? Die wasserdichten Argumentationsstrukturen, die jeglichen Einwänden und niveaulosen Kritiken der Kapitalisten standhalten?

So kann es mit Ihrer noch so hoch angepriesenen Weltrevolution wahrlich kein gutes Ende nehmen, wenn denn gar auf dieser Grundlage ein Anfang gemacht werden kann, der zu eben diesem Ende zu führen vermag. Mit freundlichen GrüßenDer Brandenburger 

Antwort der IKS  

Lieber BrandenburgerVielen Dank für Ihre Zuschrift. Wenn wir richtig gelesen haben, stimmen Sie mit uns damit überein, dass der Kapitalismus für die Klimakatastrophe verantwortlich ist und dass der Kommunismus dafür eine Lösung bieten kann. Sie bemängeln aber, dass die Umrisse einer alternativen kommunistischen Klimapolitik, welche imstande wäre, die jetzt zunehmende Bedrohung auf diesem Gebiet abzuwenden, von uns niemals konkretisiert werden. Sie äußern zudem die Befürchtung, dass unsere Behandlung der Frage, die es bei allgemeinen Losungen und Stimmungsmache belassen würde, die Argumente der Kommunisten im Verruf bringen werden.Wenn nicht alles täuscht, verbindet uns somit eine gemeinsame Kritik am Kapitalismus – auch und gerade in der „Klimapolitik“ - sowie einen gemeinsamen Lösungsansatz. Daher begrüßen wir ausdrücklich Ihre Sorge um die Glaubwürdigkeit der kommunistischen Alternative.Es bleibt immerhin die Frage, was man unter einer kommunistischen Alternative überhaupt zu verstehen hat. Es gibt viele linke Kritiker des Kapitalismus, welche sich beispielsweise zur Wahl stellen oder außerparlamentarisch eine Reform des Kapitalismus einfordern, dabei Forderungslisten aufstellen und mit wasserdichten Argumente zu untermauern versuchen. Diese Forderungen sind an und für sich oft sinnvoll: die Förderung von „erneuerbaren Energien“ etwa, des öffentlichen Verkehrs auf Kosten des Individualverkehrs, die Beseitigung des unsinnigen Hin-und-Her-Transportierens von Güten oder der Schutz und Ausbau der Regenwälder wie des Waldes überhaupt. Das Besondere am Lösungsansatz des Kommunismus liegt nicht etwa darin, dass wir bessere Einzellösungen hätten als Andere. Das Besondere liegt vielmehr in der Überzeugung begründet, dass der Kapitalismus nicht reformierbar ist. Das Besondere liegt in der Einsicht, dass die vielen von der Wissenschaft, von der Ökologie bereits ausgearbeiteten Lösungsansätze nur greifen können, nachdem die größte Umwälzung in der Menschheitsgeschichte stattgefunden hat. Eine Umwälzung, welche die gesellschaftlichen Verhältnisse der Menschen zueinander ebenso radikal verändert wie das Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Wir sind damit einverstanden, dass man die kommunistische Lösung konkretisieren muss, auch und gerade in der Klimapolitik. Die schwache Stellung der kommunistische Alternative im Bewusstsein der Menschen von heute liegt vor allem darin begründet, dass die meisten Menschen Kommunismus mit Stalinismus oder mit einem linksradikalen Reformismus verwechseln. Soll heißen, sie glauben, der Lösungsansatz der Kommunisten liege darin, anstelle der Anarchie des Konkurrenzkampfes der Kapitalisten untereinander die lenkende Hand des Staates zu setzen. An diese Alternative zweifeln gerade viele arbeitende Menschen, die ihre eigenen leidvollen Erfahrungen mit dem Staat gemacht haben. Sie zweifeln zu Recht daran, dass die Staaten dieser Welt diesem Konkurrenzkampf weniger unterworfen sind wie der Einzelkapitalist. Der Sieg der sozialdemokratischen und stalinistischen Konterrevolution über die revolutionäre Arbeiterklasse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat die marxistische Kritik an der kapitalistischen Zerstörung der natürlichen Grundlagen unserer Gesellschaft bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Aber aus dieser Kritik erst ergibt sich die Überzeugungskraft des Kommunismus.Dabei hat bereits Marx erkannt, dass die Umweltzerstörung durch den Menschen keineswegs erst mit dem Kapitalismus eingesetzt hat. Der Marxismus hat bereits im 19. Jahrhundert nachgewiesen, wie Hochkulturen immer wieder nicht zuletzt an dem zugrunde gegangen sind, was man heutzutage Umweltzerstörung nennt.

Für uns liegen die tieferen Wurzeln der Umweltkatastrophe in der Beherrschung des Menschen durch die Ökonomie. Mit anderen Worten, dieses Problem ist in der Notwendigkeit des Kampfes unserer Gesellschaft um das nackte Überleben begründet. Daher entstand das Problem sogar lange vor der Entstehung der ersten Klassengesellschaften. Zwar steht es außer Frage, dass die klassenlosen Urgesellschaften in der Regel viel „umweltfreundlicher“ und ökologisch „nachhaltiger“ waren als die darauffolgenden, auf Ausbeutung beruhenden Strukturen. Aber bereits in der Zeit der Urgesellschaft scheint die Artenvielfalt aufgrund menschliches Einwirken gelitten zu haben. Vor allem dort, wo der gesellschaftliche Mensch sich nicht über Jahrtausende an seine natürliche Umgebung allmählich anpassen konnte, sondern im Prozess der Besiedlung neuer Weltteile und Lebensräume sich behaupten musste, scheint dies der Fall gewesen zu sein. Denn der Aufstieg der Menschheit geschah nicht planmäßig und bewusst, sondern urwüchsig, von der Hand in den Mund im Kampf ums tägliche Überleben. So entstanden denn auch, unabhängig vom Willen der geschichtlichen Akteure, gesellschaftliche Arbeitsteilung, Ausbeutung, Warenwirtschaft und schließlich Kapitalismus. Ein Prozess, welcher die Menschheit immer mehr von der Natur entfremdete, um dann im Kapitalismus alle natürlichen Ressourcen, einschließlich des Menschen selbst, zu Waren zu degradieren. Dieser Prozess hat die kulturellen, wissenschaftlichen, technischen Voraussetzungen dafür geschaffen, um den Kampf ums nackte Überleben überflüssig zu machen. Was so viel bedeutet, dass die Menschheit, von der Diktatur der Ökonomie befreit, zum ersten Mal imstande ist, ihre gesellschaftlichen Verhältnisse zur Natur bewusst und planmäßig zu gestalten. Was dann alles möglich sein wird, klingt nur im Rahmen der heutigen Gesellschaft „utopisch“. Und da können wir gern „konkret“ werden – wohl wissend, dass unsere diesbezüglichen Argumente stets die Einwände der Anhänger des Kapitalismus hervorrufen werden. Dazu gehört beispielsweise nicht nur das Verschwinden der heutigen Megastädte, sondern überhaupt das Verschwinden des Gegensatzes zwischen Stadt und Land bzw. die Ausbeutung des Landes durch die Stadt. Wie auf anderen Gebieten, so wird es auch auf der Ebene der Umweltpolitik eine Phase des Übergangs vom Kapitalismus zum Kommunismus geben müssen. Während dieser Phase wird es vornehmlich darum gehen, die aus der Vorgeschichte der Menschheit übernommenen, v.a. die vom Kapitalismus verursachten Schäden nach Möglichkeit zu reparieren bzw. wieder gutzumachen. Gerade auf diesem Gebiet wird der Übergang lang und schwierig sein. Gerade in dieser Phase wird es für das revolutionäre Proletariat lebenswichtig sein, alle heute bestehenden Einsichten und Vorschläge sowie alle, die noch kommen werden, kritisch zu prüfen und gegebenenfalls auszuprobieren. Die revolutionäre Klasse sollte jetzt schon beginnen, sich mit dieser Materie zu befassen, um sich auf die Aufgabe der Führung und Umgestaltung der Welt vorzubereiten. Es wäre in der Tat notwendig und auch faszinierend (ohne sich zu „verspekulieren“), solche Möglichkeiten zu konkretisieren, die man z.B. nach einer solchen Machtergreifung auf Weltebene als erstes in Auge fassen sollte. Vielleicht haben Sie selbst konkrete Vorschläge auf diesem Gebiet zu machen, die uns allen weiterhelfen können. Wichtig dabei ist aber, eine Leitlinie zu besitzen, ein Richtschnur. Diese kann aus unserer Sicht nur in dem Ziel bestehen, welches einem solchen Übergang dient. Dieses Ziel besteht in der Schaffung einer Gesellschaft ohne Ausbeutung, ohne Not, ohne Konkurrenz. Eine bewusste und einheitlich gelenkte Gesellschaft muss es sein, denn nur eine solche Gesellschaft kann erreichen, was unsere Meinung nach zum „Minimalprogramm“, zur unverzichtbaren Grundlage einer realistischen Klima- und Umweltpolitik der Moderne gehört: nämlich die bewusste Wiedereingliederung der Menschheit als Teil der Natur in die Gesamtheit der Umwelt, das Wiedererlangen eines „ökologischen Gleichgewichts“ auf höherer Ebene.