Die Nürnberger Buchmesse und die „Antideutschen“

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In der letzten Ausgabe der Weltrevolution (Nr. 146) veröffentlichten wir einen Bericht über verschiedene Diskussionen auf der Nürnberger Buchmesse im Dezember 2007. In diesem Bericht haben wir versucht, dem Leser einen Eindruck nicht nur von unseren eigenen Wortmeldungen auf den verschiedenen Veranstaltungen, sondern insgesamt von den Debatten und der Meinungsvielfalt dort zu vermitteln.

Inzwischen wurden wir von einem Leser angesprochen, der beanstandete, dass wir in diesem Artikel diverse, zum Teil recht kontroverse Meinungen wiedergegeben haben, ohne deutlich erkennen zu geben, ob wir diese Meinungen selbst teilen oder sie verwerfen. Die von dem Genossen kritisierten Stellen befinden sich im Abschnitt unter dem Zwischentitel: “RAF und Antisemitismus“. Es handelt sich dabei um unseren Bericht über die Vorstellung des Buches „Rote Armee Fiktion“ von Joachim Bruhn und Jan Gerber (Verlag ça ira, Freiburg im Breisgau). Dort haben wir tatsächlich verschiedene Äußerungen der Autoren dieses Buches wiedergegeben, ohne sie zu kommentieren - beispielsweise in Hinblick auf Jutta Ditfurths „Ulrike Meinhof-Biographie“ die Behauptung, dass diese Biographie das Niveau eines deutschen Klatschmagazins erreichen würde. Vor allem aber kritisierte der Genosse, dass wir der Wiedergabe dieser Buchvorstellung den besagten Zwischentitel „RAF und Antisemitismus“ vorangestellt haben, wodurch der Eindruck entstehen konnte, als ob wir die Einschätzung teilten, die RAF wäre antisemitisch gewesen.

Wir halten diese Einwände für berechtigt. Wir haben diesen Zwischentitel gewählt, weil dies das Thema der von ça ira abgehaltenen Veranstaltung war. Dass Bruhn und Gerber der Auffassung sind, dass die RAF antisemitisch war, steht zweifelsfrei fest. Was uns betrifft, so lag es gar nicht in unserer Absicht, uns dazu zu äußern, nicht zuletzt deswegen, weil wir uns noch gar nicht damit befasst haben. Insofern war der Zwischentitel irreführend und ist zu kritisieren. Was wir zu diesem Thema sagen wollten, haben wir auf der Veranstaltung bereits geäußert. Wir haben das in unserem Artikel wiedergegeben, und wir zitieren es an dieser Stelle erneut. „Was die Rolle des Antisemitismus betrifft, so hat bereits Trotzki darauf hingewiesen, wie dieser wesentlich zum System des Stalinismus gehörte und zur Stabilisierung des eigenen Regimes zielstrebig eingesetzt wurde.“ Inwieweit die RAF von der Ideologie des Stalinismus im Allgemeinen und von seinem Antisemitismus im Besonderen beeinflusst wurde, ist eine spannende Frage. Es würde sich sicher lohnen, sich näher damit zu befassen. Vielleicht können wir demnächst die Bücher von Ditfurth sowie von Bruhn und Gerber besprechen und in einem solchen Rahmen auch diese Frage untersuchen. In diesem Zusammenhang könnte man auch auf die Frage zurückkommen, inwiefern, wie Bruhn und Gerber behaupten, die RAF eine so genannte „leninistische“ Auffassung über die Rolle der Revolutionäre hatte. Soll heißen, dass sie glaubte, man müsse das revolutionäre Bewusstsein „von außen“ in die Arbeiterklasse hineintragen (eine Vorstellung übrigens, welche zuerst Kautsky entwickelt hatte, während Lenin diese Vorstellung nach kurzer Zeit überwand).

Ein anderer Kritikpunkt des Genossen war, dass wir in Bezug auf die Einführungen der Autoren, ohne das weiter konkret auszuführen, geschrieben haben: „In unseren Wortmeldungen unterstützten wir viele Aussagen der beiden Referenten.“ Auch diese Kritik ist berechtigt. Daher ergänzen wir unseren Bericht an dieser Stelle. Was wir unterstützt haben, waren im Wesentlichen deren Aussagen über den Terrorismus als kleinbürgerliche und ohnmächtige Revolte. Wir stimmten damit überein, dass der Terrorismus die Unfähigkeit zum Ausdruck bringt zu begreifen, dass die Zielscheiben der Terroristen lediglich „Charaktermasken“ darstellen, deren Eliminierung dem System absolut nicht weh tut. Wir haben die Wiedergabe unserer eigenen Wortmeldung nur deshalb um diese Punkte gekürzt, weil die Diskussion (zumindest solange wir anwesend waren) sich überhaupt nicht um diese Fragen drehte. Außerdem ging die Hauptachse unserer eigenen Intervention in eine andere Richtung: in die der Verteidigung der historischen Arbeiterbewegung gegen den Vorwurf des Antisemitismus bzw. der Verteidigung der Arbeiterklasse gegen den Vorwurf, in der kapitalistischen „Volksgemeinschaft“ aufzugehen.

Der ganze Geist der Kritik des Genossen an unserem Nürnberg-Artikel war eine solidarische, und wir sind ihm sehr dankbar dafür. Seine Hauptsorge war den Eindruck zu vermeiden, dass die IKS die Auffassungen der sog. Antideutschen teilt. Dazu sagte uns der Genosse, dass die „Antideutschen“ alle Prinzipien der Linken aufgegeben haben, indem sie zur Unterstützung des israelischen und amerikanischen Imperialismus aufrufen und die Linke pauschal als antisemitisch beschimpfen.

Wir teilen diese Ablehnung der „antideutschen“ Unterstützung einer imperialistischen Seite gegen eine andere in den räuberischen Konflikten der bürgerlichen Staaten untereinander. Eine solche Einstellung ist das genaue Gegenteil des proletarischen Internationalismus. Mit einer solchen Parteiergreifung stellt man sich selbst politisch auf die Seite des Imperialismus.

Die „Antideutschen“: Bruch oder Kontinuität mit den „Anti-Imps?“

Wir teilen allerdings nicht die Auffassung, dass die „Antideutschen“ die Prinzipien der „Linken“ aufgegeben hätten. Wir sehen in der Einstellung der „Antideutschen“ vielmehr eine direkte Kontinuität mit dem „antiimperialistischen“ Spektrum, dem viele ihre Vordenker entstammen. Einst unterstützten sie – schon damals im Namen des Antifaschismus – den Ostblock, China oder Albanien gegen ihre imperialistischen Feinde, vornehmlich die USA. Heute umgekehrt, da die Vereinigten Staaten Gegner Deutschlands geworden sind. Damals unterstützten sie die palästinensische Seite gegen Israel. Heute umgekehrt. Das Wesentliche ihres Verhaltens bleibt. Denn das Wesentliche ist nicht, welche Seite man im imperialistischen Konflikt unterstützt. Wesentlich ist die Parteiergreifung für den Imperialismus an sich.

Als Ende der 1980er Jahre der „anti-imperialistischen“ Linken ihre „antifaschistischen Bollwerke“ verloren gingen, suchten viele von ihnen nach alternativen Bollwerken – anstatt ihren bisherigen bürgerlichen Politikansatz in Frage zu stellen. Manche klammerten sich an die letzten Überreste des Stalinismus, v.a. an Kuba. Andere wurden Unterstützer des islamischen Terrorismus. Und schließlich gab es jene, die in Israel eine neue antifaschistische Heimat gesucht und gefunden haben. Schließlich war der Antisemitismus ein Wesensmerkmal insbesondere des Nationalsozialismus. Diese neue Spielart des linken Antifaschismus in Deutschland stellt somit nichts prinzipiell Neues dar. Aber sie brachte zwei interessante Neuigkeiten mit sich. Zum einen musste das traditionelle anti-imperialistische und antifaschistische Milieu erfahren, wie sein ureigenes „Totschlagargument“, das da lautete: Wer kein Antifaschist ist, könnte ein Befürworter oder zumindest ein Leugner von Auschwitz sein (ein Argument, das es immer wieder gegen die Internationalisten, insbesondere die Linkskommunisten verwendete), nun gegen sie selbst verwendet wurde.

Zum anderen konnte der Übergang eingefleischter „Anti-Imperialisten“ ins Lager Israels nicht ohne seelische Krisen geschehen. Denn die werdenden „antideutschen“ Militanten mussten – jeder für sich – die Frage beantworten, weshalb sie erst jetzt Israel als Hort des Antifaschismus entdeckten, während sie es bis dahin oft genug als neben den USA wichtigsten Hort des Weltimperialismus, als eigentlichen Hauptfeind oder Nebenhauptfeind angesehen hatten. Mancher mag bei dieser Selbstprüfung eigene antisemitische Motive, eigene antisemitische Impulse entdeckt haben. Dieses psychologische Moment mag dazu beitragen, dass man in diesem Milieu geneigt ist, überall nur noch Antisemitismus zu erblicken. Und dennoch: Das Problem des Antisemitismus ist eine sehr wichtige Frage, mit der die historische Arbeiterbewegung sich auf Parteitagen und sogar auf internationalen Kongressen (z.B. in der 2. Internationale) befasst hatte. Und auch die Frage, welchen Einfluss antijüdische bzw. antisemitische Einflüsse auf die kapitalistische Linke ausgeübt haben und noch ausüben, ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern muss mit Ernst untersucht und diskutiert werden. NN.