Dekadenz des Kapitalismus (VII): Rosa Luxemburg und die Grenzen der kapitalistischen Expansion

Wie wir im letzten
Artikel dieser Serie sahen, war das zentrale Ziel der revisionistischen
Attacken gegen den revolutionären Kern des Marxismus dessen Theorie des
unvermeidlichen Niedergangs des Kapitalismus, der aus den unlösbaren
Widersprüchen in seinen Produktionsverhältnissen herrührt. Eduard Bernsteins
Revisionismus, den Rosa Luxemburg so scharfsinnig in Sozialreform oder
Revolution widerlegte, gründete sich größtenteils auf eine Reihe empirischer
Beobachtungen aus der beispiellosen Expansions– und Wohlstandsperiode, die die
mächtigsten kapitalistischen Nationen in den letzten Jahrzehnten des    19. Jahrhunderts erlebt hatten. Der
Anspruch, die Kritik an die „katastrophistische“ Sichtweise von Marx auf eine
gründlich theoretische Untersuchung der ökonomischen Theorien von Marx zu
gründen, war nur gering. Bernsteins Argumente ähnelten in vielerlei Hinsicht
jenen Argumenten, die von etlichen bürgerlichen Experten in der
wirtschaftlichen Boomphase nach dem Zweiten Weltkrieg und selbst im prekären
„Wachstum“ in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts bevorzugt wurden: Der
Kapitalismus liefert die Güter, ergo wird er immer in der Lage sein, Güter zu
liefern.

Andere Ökonomen jedoch, die nicht völlig
losgelöst von der Arbeiterbewegung waren, versuchten ihre reformistischen Strategien
auf eine „marxistische“ Vorgehensweise zu gründen. Ein solcher Fall war der
Russe Tugan–Baranowski, der 1901 ein Buch mit dem Titel Studien zur Theorie
und Geschichte der Handelskrisen in England
veröffentlichte. Der Arbeit von
Struve und Bulgakow ein paar Jahre zuvor folgend, war Tugan–Baranowskis Studie
Teil der „legalen marxistischen“ Antwort auf die russischen Volkstümler, die zu
argumentieren versuchten, dass der Kapitalismus bei seiner Etablierung in Russland
mit unüberwindbaren Schwierigkeiten konfrontiert werde; eine dieser
Schwierigkeiten sei das Problem, ausreichende Märkte für seine Produkte zu
finden. Wie Bulgakow versuchte Tugan, Marx‘ Schemata der erweiterten Reproduktion
in Band 2 vom Kapital als Beweis dafür ins Feld zu führen, dass es kein
grundsätzliches Problem bei der Realisierung von Mehrwert im kapitalistischen
System gebe, dass es für ihn möglich sei, auf harmonische Weise wie in einem
„geschlossenen System“ unendlich zu akkumulieren. Wie Rosa Luxemburg
zusammenfasste:

„Die ‚legalen‘
russischen Marxisten haben über ihre Widersacher, die ‚Volkstümler‘, zweifellos
gesiegt, sie haben aber zuviel gesiegt. Alle drei – Struve, Bulgakow,
Tugan–Baranowski – haben im Eifer des Gefechts mehr bewiesen als zu beweisen
war. Es handelte sich darum, ob der Kapitalismus im allgemeinen und
insbesondere in Rußland entwicklungsfähig sei, und die genannten Marxisten
haben diese Fähigkeit so gründlich dargetan, daß sie sogar die Möglichkeit der
ewigen Dauer des Kapitalismus theoretisch nachgewiesen haben.“ [1]

Tugans These wurde
umgehend von jenen beantwortet, die noch der marxistischen Krisentheorie
anhingen, insbesondere vom Sprecher der „marxistischen Orthodoxie“, Karl
Kautsky, der insbesondere darauf bestand, dass der Kapitalismus, da weder die
Kapitalisten noch die ArbeiterInnen die Gesamtheit des vom System produzierten
Mehrwerts konsumieren können, konstant dazu getrieben werde, neue Märkte
außerhalb seiner selbst zu erobern:

„Die Kapitalisten und
die von ihnen ausgebeuteten Arbeiter bieten einen mit der Zunahme des Reichtums
der ersteren und der Zahl der letzteren zwar stets wachsenden, aber nicht so
rasch wie die Akkumulation des Kapitals und die Produktivität der Arbeit
wachsenden und für sich allein nicht ausreichenden Markt für die von der
kapitalistischen Großindustrie geschaffenen Konsummittel. Diese muß einen
zusätzlichen Markt außerhalb ihres Bereiches in den noch nicht kapitalistisch
produzierenden Berufen und Nationen suchen. Den findet sie auch, und sie
erweitert ihn ebenfalls immer mehr, aber ebenfalls nicht rasch genug. Denn
dieser zusätzliche Markt besitzt bei weitem nicht die Elastizität und Ausdehnungsfähigkeit
des kapitalistischen Produktionsprozesses. Sobald die kapitalistische
Produktion zur entwickelten Großindustrie geworden ist, wie dies in England
schon im neunzehnten Jahrhundert der Fall war, enthält sie die Möglichkeit
derartiger sprunghafter Ausdehnung, daß sie jede Erweiterung des Marktes binnen
kurzem überholte. So ist jede Periode der Prosperität, die einer erheblichen
Erweiterung des Marktes folgte, von vornherein zur Kurzlebigkeit verurteilt,
und die Krise wird ihr notwendiges Ende.

Dies ist in kurzen
Zügen die, soweit wir sehen, von den ‚orthodoxen‘ Marxisten allgemein
angenommene, von Marx begründete Krisentheorie.“ [2]

Mehr oder weniger
gleichzeitig schaltete sich ein Mitglied des linken Flügels der amerikanischen
Sozialistischen Partei, Louis Boudin, mit einer ähnlichen, wenn auch etwas
ausgereifteren Analyse in The Theoretical System of Karl Marx in die
Debatte ein. [3]

Während Kautsky, wie
Luxemburg in Die Akkumulation des Kapitals – Antikritik (1915)
hervorhob, das Problem der Krise mit dem Begriff der „Unterkonsumtion“ in
Verbindung brachte  und in den etwas
ungenauen Rahmen der relativen Geschwindigkeit von Akkumulation und Expansion
des Marktes stellte[4],
lokalisierte sie Boudin exakter im einmaligen Charakter der kapitalistischen
Produktionsweise und in den Widersprüchen, die zum Phänomen der Überproduktion
führten:

„Unter den alten
Sklaven– und Feudalsystemen gab es nie ein solches Problem wie die
Überproduktion, und zwar weil bei der Produktion für den heimischen Verbrauch
die einzige Frage, die sich stellte, folgende war: Wie viele der produzierten
Produkte sollen dem Sklaven bzw. dem Leibeigenen gegeben werden, und wieviel
soll zum Sklavenhalter bzw. Feudalherrn übergehen? Wenn jedoch die
entsprechenden Anteile der beiden Klassen danach ermittelt werden, fährt jeder
fort, seinen Anteil zu konsumieren, ohne irgendwelche Probleme dabei zu erzeugen.
Mit anderen Worten, die Frage war stets, wie die Produkte verteilt werden
sollen, und es stellte sich aus dem Grund nie die Frage der Überproduktion,
weil das Produkt nicht auf dem Markt verkauft werden sollte, sondern von den
Personen verbraucht wurde, die unmittelbar in seine Produktion mit einbezogen
waren, sei es als Sklave oder als Herr (…) Nicht so jedoch mit unserer modernen
kapitalistischen Industrie. Es trifft zu, dass alle Produkte mit Ausnahme jener
Portion, die zum Arbeitenden geht, wie einst an den Sklavenhalter nun an den
Kapitalisten gehen. Das jedoch regelt die Angelegenheit keineswegs; der Grund
hierfür ist, dass der Kapitalist nicht für sich selbst, sondern für den Markt
produziert. Er hat kein Interesse an den Dingen, die der Arbeitende produziert,
sondern will sie verkaufen; sie haben absolut keinen Wert für ihn, es sei denn,
er ist in der Lage, sie zu verkaufen. Verkäufliche Güter in den Händen des
Kapitalisten sind sein Vermögen, sein Kapital, doch wenn diese Güter
unverkäuflich sind, sind sie wertlos, und sein ganzes Vermögen, das in seinen
Lagerhäusern enthalten ist,  schmilzt in
dem Augenblick dahin, wenn die Güter aufhören, marktfähig zu sein.

Wer kauft dann die
Güter von unserem Kapitalisten, der neue Maschinen für ihre Herstellung
eingesetzt und somit ihren Ausstoß weitgehend noch vergrößert hat? Natürlich
gibt es andere Kapitalisten, die diese Dinge möglicherweise haben wollen, doch
wenn die Produktion der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit berücksichtigt wird,
was macht dann die kapitalistische Klasse mit dem gestiegenen Ausstoß, der
nicht vom Arbeitenden aufgenommen werden kann? Die Kapitalisten selbst können
ihn nicht nutzen, weder dadurch, dass jeder seine eigene Manufaktur hält, noch
dadurch, dass sie sich ihn gegenseitig abkaufen. Und aus einem ganz einfachen
Grund kann die kapitalistische Klasse nicht alle Mehrprodukte nutzen, die die
Arbeitenden produzieren und die sie als ihre Profite aus der Produktion an sich
reißen. Dies wird bereits durch die eigentliche Prämisse der kapitalistischen
Produktion im Großmaßstab und der Akkumulation des Kapitals ausgeschlossen.
Kapitalistische Produktion im Großmaßstab setzt die Existenz großer Beträge
kristallisierter Arbeit in Form großer Eisenbahnen, von Dampfschiffen, Fabriken,
Maschinen und anderer solcher angefertigter Produkte voraus, die nicht von den
Kapitalisten konsumiert worden waren und die an sie als ihr Anteil oder Profit
aus der Produktion früherer Jahre gefallen sind. Wie bereits festgestellt
wurde, bestehen all die großen Vermögen unserer modernen kapitalistischen Könige,
Prinzen, Barone und anderer Würdenträger der Industrie, mit oder ohne Titel,
aus Werkzeugen und Maschinen in der einen oder anderen Form, das heißt, in
einer nicht konsumierbaren Form. Es ist der Anteil der kapitalistischen
Profite, den die Kapitalisten ‚angespart‘ und daher nicht konsumiert haben.
Wenn die Kapitalisten all ihre Profite konsumieren würden, gäbe es keine
Kapitalisten im modernen Sinn des Wortes, gäbe es keine Akkumulation des
Kapitals. Damit das Kapital akkumulieren kann, darf der Kapitalist unter keinen
Umständen seinen gesamten Profit konsumieren. Der Kapitalist, der dies tut,
hört auf, ein Kapitalist zu sein und unterliegt in der Konkurrenz mit den
anderen Kapitalisten. Mit anderen Worten, der moderne Kapitalismus setzt ein
sparsames Verhalten der Kapitalisten voraus, das heißt, dass ein Teil der
Profite des einzelnen Kapitalisten nicht konsumiert werden darf, sondern
angespart werden muss, um das bereits existierende Kapital zu vergrößern (…) Er
kann daher nicht seinen gesamten Anteil an den gefertigten Produkten konsumieren.
Es liegt daher auf der Hand, dass weder der Arbeitende noch der Kapitalist die
Gesamtheit des angewachsenen Fertigungsproduktes konsumieren kann. Doch wer
dann kann es aufkaufen?“ [5]

Boudin unternimmt
dann – in einer Passage, die Luxemburg ausführlich in einer Fußnote zu Die
Akkumulation des Kapitals
zitiert und die sie als eine „glänzende Kritik“
des Buches von Tugan–Baranowski darstellt [6] – den Versuch, darauf zu
antworten, wie der Kapitalismus mit diesem Problem fertig wird:

„Das in den
kapitalistischen Ländern produzierte Mehrprodukt hat – mit einigen später zu
erwähnenden Ausnahmen – nicht darum die Räder der Produktion in ihrem Lauf
gehemmt, weil die Produktion geschickter in die verschiedenen Sphären verteilt
worden ist oder weil aus der Produktion von Baumwollwaren eine Produktion von
Maschinen geworden ist, sondern deshalb, weil auf Grund der Tatsache, daß sich
einige Länder früher kapitalistisch umentwickelt haben als andere und daß es
auch jetzt noch einige kapitalistisch unentwickelt gebliebene gibt, die
kapitalistischen Länder wirklich eine außerhalb liegende Welt haben, in welche
sie die von ihnen nicht selbst zu verbrauchenden Produkte hineinwerfen konnten,
gleichviel, ob diese Produkte nun in Baumwoll– oder in Eisenwaren bestanden.
Damit soll durchaus nicht gesagt sein, daß die Wandlung von den Baumwoll– zu
den Eisenwaren als führendem Produkt der hauptsächlichen kapitalistischen
Länder etwa bedeutungslos wäre. Im Gegenteil, sie ist von der größten
Wichtigkeit. Aber ihre Bedeutung ist eine ganz andere, als Tugan–Baranowski ihr
beilegt. Solange die kapitalistischen Länder Waren zur Konsumtion ausführten,
solange war noch Hoffnung für den Kaptalismus in jenen Ländern. Da war noch
nicht die Rede davon, wie groß die Aufnahmefähigkeit der nichtkapitalistischen
Außenwelt für die kapitalistisch produzierten Waren wäre und wie lange sie noch
dauern würde. Das Anwachsen der Maschinenfabrikation im Export der
kapitaistischen Hauptländer auf Kosten der Konsumtionsgüter zeigt, daß Gebiete,
welche früher abseits vom Kapitalismus standen und deshalb als Abladestelle für
sein Mehrprodukt dienten, nunmehr in das Getriebe des Kapitalismus
hineingezogen worden sind, zeigt, daß, da ihr eigener Kapitalismus sich
entwickelt, sie ihre eigenen Konsumtionsgüter selbst produzieren. Jetzt, wo sie
erst im Anfangsstadium ihrer kapitalistischen Entwicklung sind, brauchen sie
noch die kapitalistisch produzierten Maschinen. Aber bald genug werden sie sie
nicht mehr brauchen. Sie werden ihre eigenen Eisenwaren produzieren, genauso
wie sie jetzt ihre eigenen Baumwoll– und andere Konsumtionswaren erzeugen. Dann
werden sie nicht nur aufhören, eine Abnahmestelle für das Mehrprodukt der
eigentlichen kapitalistischen Länder zu sein, vielmehr werden sie selbst ein
Mehrprodukt erzeugen, das sie nur schwer werden unterbringen können.“[7]

Boudin geht
anschließend weiter als Kautsky, indem er darauf beharrt, dass die näher
rückende Vervollständigung der Eroberung der Erde durch den Kapitalismus auch
den „Anfang vom Ende des Kapitalismus“ bedeutet.

Luxemburgs
Untersuchung des Akkumulationsproblems

Zur gleichen Zeit, als diese Antworten
verfasst wurden, lehrte Luxemburg an der Parteischule in Berlin. Die
Skizzierung der historischen Evolution des Kapitalismus als Weltsystem
veranlasste sie, sich noch eingehender mit den Schriften von Marx zu befassen,
und dies sowohl wegen ihrer Integrität als Lehrerin und als Militante (sie
hatte einen Horror davor, alte Wahrheiten einfach nur in neuen Verpackungen zu
präsentieren, und betrachtete es als die Aufgabe eines jeden Marxisten, die
marxistische Theorie weiterzuentwickeln und zu bereichern) als auch wegen der
immer dringenderen Notwendigkeit, die Perspektiven zu erkennen, die dem
Weltkapitalismus bevorstehen. Bei ihren neuen Nachforschungen fand sie vieles
bei Marx, das ihre Ansicht unterstützte, wonach das Problem der Überproduktion
im Verhältnis zum Markt der Schlüssel zum Verständnis des Übergangscharakters
der kapitalistischen Produktionsweise war (siehe „Die tödlichen Widersprüche
der bürgerlichen Gesellschaft“ in Internationale Revue Nr. 46). Dennoch
schien es ihr, dass Marxens Schema der erweiterten Reproduktion in Band 2, mag
auch Marx die Absicht gehabt haben, es als ein rein abstraktes, theoretisches
Modell zu benutzen, um sich dem Problem anzunähern, beinhalteten, dass der
Kapitalismus, den Marx aus argumentativen Gründen auf eine Gesellschaft
reduzierte, die allein aus Kapitalisten und Arbeitern zusammengesetzt war, auf
eine im Kern harmonische Angelegenheit, auf ein geschlossenes System
hinauslaufen könnte, in dem ausreichend vom Mehrwert zur Verfügung gestellt
wird, der durch die gegenseitige Interaktion der beiden Hauptabteilungen der
Produktion (den Produktionsgüter– und Konsumgütersektor) produziert wird. Ihr
schien dies im Widerspruch zu anderen Passagen bei Marx (zum Beispiel in Band
3) zu stehen, die auf die Notwendigkeit einer beständigen Ausweitung des Markts
beharrten und die gleichzeitig eine immanente Grenze dieser Ausweitung
postulierten. Wenn der Kapitalismus als ein sich selbst regulierendes System
operieren könnte, mag es temporäre Ungleichgewichte zwischen den Produktionszweigen
geben, aber keine unerbittliche Tendenz, unverdauliche Massen von Waren zu
produzieren, also keine unlösbare Überproduktionskrise. Wenn der Kapitalist
schlicht danach strebt, für sich selbst zu akkumulieren, und eine ständig
wachsende Nachfrage generiert, um den gesamten Mehrwert zu realisieren, wie
können dann Marxisten gegen die Revisionisten argumentieren, dass der
Kapitalismus tatsächlich dazu verdammt ist, in eine Phase katastrophaler Krisen
einzutreten, die die objektiven Fundamente einer sozialistischen Revolution
schaffen?

Luxemburgs Antwort
war, dass es notwendig sei, von abstrakten Schemata abzurücken und  den Aufstieg des Kapitalismus in seinen
historischen Kontext zu setzen. Die gesamte Geschichte der kapitalistischen
Akkumulation  könne nur als ein
konstanter Prozess der Interaktion mit den nichtkapitalistischen Ökonomien, von
denen er umgeben sei, begriffen werden. Die primitivsten Gemeinschaften, die
vom Jagen und Sammeln lebten und noch keinen marktfähigen gesellschaftlichen
Mehrwert generiert hatten, waren für den Kapitalismus nutzlos und mussten durch
eine Politik der direkten Zerstörung und des Genozids (auch die menschlichen
Ressourcen in diesen Gemeinschaften waren eher ungeeignet für die
Sklavenarbeit) beiseite gefegt werden. Doch die Ökonomien, die einen
marktfähigen Mehrwert entwickelt hatten und wo insbesondere die Warenproduktion
bereits im Innern entwickelt war (große Zivilisationen wie Indien und China),
boten nicht nur Rohstoffe, sondern auch enorme Märkte für die Produktion der
kapitalistischen Metropolen, was den Kapitalismus in den zentralen Ländern in
die Lage versetzte, das Überangebot an Waren abzusetzen. Dieser Prozess ist
bereits eloquent im Kommunistischen Manifest beschrieben worden. Doch
gleichzeitig bestand das Manifest darauf, dass, auch wenn die
etablierten kapitalistischen Mächte versuchten, die kapitalistische Entwicklung
ihrer Kolonien einzuschränken, diese Weltregionen unvermeidlich Teil der
bürgerlichen Welt wurden, deren vor–kapitalistischen Ökonomien ruiniert und
nach den Erfordernissen der Lohnarbeit umgebaut wurden – womit das Problem der
zusätzlichen Nachfrage, die für die Akkumulation erforderlich ist, auf eine
andere Ebene verlagert wurde. Umso mehr der Kapitalismus, wie Marx es selbst
formuliert hatte, also dazu neigte, zu einem universellen System zu werden,
desto mehr war er dazu verdammt, zusammenzubrechen: „Die Universalität, nach
der es unaufhaltsam hintreibt, findet Schranken an seiner eignen Natur, die auf
einer gewissen Stufe seiner Entwicklung es selbst als die größte Schranke
dieser Tendenz werden erkennen lassen und daher zu seiner Aufhebung durch es
selbst hintreiben.“[8]

Diese Vorgehensweise
versetzte Luxemburg in die Lage, das Problem des Imperialismus zu begreifen.
Das Kapital hatte erst begonnen, sich in die Frage des Imperialismus und
seiner ökonomischen Fundamente zu vertiefen, der zu dem Zeitpunkt, als das Buch
geschrieben worden war, noch nicht in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der
Marxisten gerückt war. Nun waren sie mit dem Imperialismus als eine Antriebskraft
nicht nur für die Eroberung der nicht–kapitalistischen Welt, sondern auch bei
der Verschärfung interimperialistischer Rivalitäten zwischen den
kapitalistischen Großmächten um die Vorherrschaft über den Weltmarkt
konfrontiert. War der Imperialismus eine Option, war er für das Weltkapital von
Nutzen, wie viele seiner liberalen und reformistischen Kritiker verfochten,
oder war er eine immanente Notwendigkeit der kapitalistischen Akkumulation auf
einer bestimmten Stufe seiner Entwicklung? Auch hier waren die Implikationen
weitreichend, denn wenn der Imperialismus nicht mehr als eine zusätzliche
Option für das Kapital war, dann war es plausibel, zugunsten einer mäßigenden
und pazifistischen Politik zu argumentieren. Luxemburg jedoch zog die
Schlussfolgerung, dass der Imperialismus eine Notwendigkeit für das Kapital war
– ein Mittel zur Verlängerung seiner Herrschaft, das ihn gleichermaßen
unwiderruflich in den Ruin treibt.

„Der Imperialismus
ist der politische Ausdruck des Prozesses der Kapitalakkumulation in ihrem
Konkurrenzkampf um die Reste des noch nicht mit Beschlag belegten
nichtkapitalistischen Weltmilieus. Geographisch umfaßt dieses Milieu heute noch
die weitesten Gebiete der Erde. Gemessen jedoch an der gewaltigen Masse des
bereits akkumulierten Kapitals der alten kapitalistischen Länder, das um die
Absatzmöglichkeiten für sein Mehrprodukt wie um Kapitalisierungsmöglichkeiten
für seinen Mehrwert ringt, gemessen ferner an der Rapidität, mit der heute
Gebiete vorkapitalistischer Kulturen in kapitalistische verwandelt werden, mit
anderen Worten: gemessen an dem bereits erreichten hohen Grad der Entfaltung
der Produktivkräfte des Kapitals erscheint das seiner Expansion noch
verbleibende Feld als ein geringer Rest. Demgemäß gestaltet sich das
internationale Vorgehen des Kapitals auf der Weltbühne. Bei der hohen
Entwicklung und der immer heftigeren Konkurrenz der kapitalistischen Länder um
die Erwerbung nichtkapitalistischer Gebiete nimmt der Imperialismus an Energie
und Gewalttätigkeit zu, sowohl in seinem aggressiven Vorgehen gegen die
nichtkapitalistische Welt wie in der Verschärfung der Gegensätze zwischen den konkurrierenden
kapitalistischen Ländern. Je gewalttätiger, energischer und gründlicher der
Imperialismus aber den Untergang nichtkapitalistischer Kulturen besorgt, um so
rascher entzieht er der Kapitalakkumulation den Boden unter den Füßen. Der
Imperialismus ist ebensosehr eine geschichtliche Methode der
Existenzverlängerung des Kapitals wie das sicherste Mittel, dessen Existenz auf
kürzestem Wege objektiv ein Ende zu setzen. Damit ist nicht gesagt, daß dieser
Endpunkt pedantisch erreicht werden muß. Schon die Existenz zu diesem Endziel
der kapitalistischen Entwicklung äußert sich in Formen, die die Schlußphase des
Kapitalismus zu einer Periode der Katastrophen gestalten.“

Die entscheidende Schlussfolgerung in Die
Akkumulation des Kapitals
war daher, dass der Kapitalismus in eine „Periode
der Katastrophen“
eintreten werde. Es ist wichtig festzuhalten, dass
Luxemburg nicht, wie oftmals fälschlicherweise behauptet wurde, behauptete,
dass der Kapitalismus im Begriff sei, in einer Sackgasse zu landen. Sie machte
sehr deutlich, dass das nichtkapitalistische Milieu „geographisch… die
weitesten Gebiete der Erde“ umfasst und dass die nichtkapitalistischen
Ökonomien nicht nur in den Kolonien immer noch existierten, sondern auch in
großen Teilen Europas.[9] Sicherlich
war der Umfang dieser wirtschaftlichen Zonen in Wertbegriffen verschwindend,
verglichen mit der wachsenden  Kapazität
des Kapitals, neue Werte zu generieren. Doch die Welt war noch weit entfernt
davon, ein System des reinen Kapitalismus zu werden, wie es Marxens Reproduktionsschemata
vorsahen:

„Das Marxsche Schema der Akkumulation ist –
richtig verstanden – gerade in seiner Unlösbarkeit die exakt gestellte Prognose
des ökonomisch unvermeidlichen Untergangs des Kapitalismus im Ergebnis des
imperialistischen Expansionsprozesses, dessen spezielle Aufgabe ist, die
Marxsche Voraussetzung: die allgemeine 
ungeteilte Herrschaft des Kapitals, zu verwirklichen.

Kann dieser Moment je wirklich eintreffen?
Allerdings ist das nur eine theoretische Fiktion, gerade weil die Akkumulation
des Kapitals nicht bloß ökonomischer, sondern politischer Prozess ist.“[10]

Für Luxemburg war eine Welt aus lauter
Kapitalisten und Arbeitern eine theoretische Fiktion, doch je mehr dieser Punkt
erreicht wurde, desto schwieriger und desaströser wurde der
Akkumulationsprozess, was Katastrophen auslöste, die nicht nur „rein“
ökonomisch waren, sondern auch militärisch und politisch. Der Weltkrieg, der
ausbrach, kurz nachdem Die Akkumulation des Kapitals veröffentlicht
worden war, war eine überwältigende Bestätigung dieser Prognose. Für Luxemburg
gab es keinen rein wirtschaftlichen Kollaps des Kapitalismus und noch weniger
eine automatische, garantierte Verbindung zwischen dem kapitalistischen
Zusammenbruch und der sozialistischen Revolution. Was sie in ihrem theoretischen
Werk ankündigte, war exakt das, was sich in der katastrophalen Geschichte des
darauf folgenden Jahrhunderts bestätigen sollte: die wachsende Manifestation
des Niedergangs des Kapitalismus als eine Produktionsweise, die die Menschheit
vor die Alternative zwischen Sozialismus und Barbarei stellt und insbesondere
die Arbeiterklasse dazu aufruft, die Organisation und das Bewusstsein zu
entwickeln, die für die Überwindung des Systems und seine Ersetzung durch eine
höhere Gesellschaftsordnung nötig sind.

Ein
Sturm der Kritik

Luxemburg nahm an, dass ihre Thesen nicht
besonders kontrovers sind, eben weil sie sie auf die Schriften von Marx und
seiner späteren Nachfolger seiner Methode stützte. Und dennoch wurden sie mit
einem Sturm der Kritik begrüßt – nicht nur von den Revisionisten und
Reformisten, sondern auch von Revolutionären wie Pannekoek und Lenin, die sich
in dieser Debatte auf der Seite nicht nur der legalen Marxisten in Russland,
sondern auch der Austro–Marxisten wiederfanden, die Teil des
semi–reformistischen Lagers innerhalb der Sozialdemokratie waren.

„Ich habe Rosas neues
Buch Die Akkumulation des Kapitals gelesen. Sie ist da in ein
erschreckendes Durcheinander geraten. Sie hat Marx entstellt. Ich bin sehr froh
darüber, dass Pannekoek und Eckstein und O. Bauer alle übereinstimmend sie
verurteilen und gegen sie äußerten, was ich 1899 gegen die Narodnikis sagte.“[11]

Es bestand Einigkeit
darin, dass Luxemburg schlicht und einfach Marx falsch gelesen habe und ein
Problem erfunden habe, wo keines existiere: Das Schema der erweiterten
Reproduktion zeige, dass der Kapitalismus in der Tat ohne immanente Grenzen in
einer Welt, die nur aus ArbeiterInnen und Kapitalisten besteht, akkumulieren
könne. Die Gleichungen, die Marx am Schluss aufgestellt hatte, müssen also
richtig sein. Bauer war ein bisschen nuancierter: Er erkannte an, dass die
Akkumulation nur fortgesetzt werden kann, wenn sie von einer wachsenden
effektiven Nachfrage gespeist wird, doch wartete er mit einer simplen Antwort
auf: Die Bevölkerung wachse, und daher gibt es mehr ArbeiterInnen, eine Lösung,
die das Problem auf den Nullpunkt zurücksetzt, da diese neuen ArbeiterInnen
immer noch nur das variable Kapital konsumieren können, das ihnen von den Kapitalisten
transferiert wird. Die entscheidende Ansicht – nahezu von allen damaligen
Kritikern an Luxemburg vertreten – war, dass die Reproduktionsschemata in der
Tat zeigten, dass es kein unlösbares Realisierungsproblem für den Kapitalismus
gibt.

Luxemburg war sich
sehr wohl bewusst, dass die Argumente, die von Kautsky (oder Boudin, obgleich
er eine weitaus weniger bekannte Gestalt in der Bewegung war) zur Verteidigung
derselben Thesen vorgestellt wurden, nicht eine solche Empörung ausgelöst
hatten:

„Soweit steht fest:
Kautsky widerlegte 1902 bei Tugan–Baranowski genau dieselben Behauptungen, die
jetzt von den ‚Sachverständigen‘ meiner Akkumulationserklärung entgegengehalten
werden, und die ‚Sachverständigen‘ der marxistischen Orthodoxie bekämpfen bei
mir als horrende Abirrung vom wahren Glauben genau dieselbe, nur exakt durchgeführte
und auf das Problem der Akkumulation angewandte Auffassung, die Kautsky vor nun
14 Jahren dem Revisionisten Tugan–Baranowski als die ‚allgemein angenommene‘
Krisentheorie der orthodoxen Marxisten entgegenhielt.“ [12]

Warum diese
Aufregung? Sie ist leicht zu verstehen, sofern sie von den Reformisten und
Revisionisten kam, weil sie vor allem darum besorgt waren, jegliche Möglichkeit
eines Zusammenbruchs des kapitalistischen Systems zu verneinen. Die Aufregung
unter den Revolutionären ist schwerer zu begreifen. Wir können natürlich auf
die Tatsache hinweisen – und dies ist sehr bedeutsam hinsichtlich der
hysterischen Antwort –, dass Kautsky nicht danach strebte, sein Argument in
Beziehung zum Reproduktionsschema zu setzen[13] und somit nicht als „Kritiker“
gegen Marx in Erscheinung trat. Möglicherweise liegt dieser konservative Geist
vielen Kritikern Luxemburgs zugrunde: eine Sichtweise, wonach das Kapital
eine Art Bibel ist, die alle Antworten für unser Verständnis des Aufstiegs und
Falls der kapitalistischen Produktionsweise hat – in der Tat ein geschlossenes
System! Im Gegensatz dazu argumentierte Luxemburg entschieden dafür, dass Marxisten
das Kapital als das anerkennen, was es war – das Werk eines Genies, aber
immer noch ein unvollendetes Werk, besonders in seinem zweiten und dritten
Band; und ein Werk, das keinesfalls alle folgenden Entwicklungen in der Evolution
des kapitalistischen Systems umfassen konnte.

Jedoch gab es unter
all den empörten Antworten zumindest eine sehr klare Verteidigung der Theorie
Luxemburgs in jener Zeit des Krieges und Umbruchs: „Rosa Luxemburg als
Marxist
“ vom Ungarn Georg Lukács, der damals Repräsentant des linken
Flügels der kommunistischen Bewegung war.

Lukács‘ Essay, das in
der Sammlung Geschichte und Klassenbewusstsein (1922) veröffentlicht
wurde, beginnt mit der Skizzierung der grundsätzlichen methodischen Überlegung
in der Debatte über Luxemburgs Theorie. Er argumentiert, dass der fundamentale
Unterschied zwischen dem proletarischen und bürgerlichen Ausblick auf die Welt
darin besteht, dass, während die Bourgeoisie durch ihre gesellschaftliche
Stellung dazu verdammt ist, die Gesellschaft vom Standpunkt einer atomisierten,
konkurrierenden Einheit zu betrachten, das Proletariat allein eine Vision der
Realität in ihrer Gesamtheit entwickeln kann:

Nicht
die Vorherrschaft der ökonomischen Motive in der Geschichtserklärung
unterscheidet entscheidend den Marxismus von der bürgerlichen Wissenschaft,
sondern der Gesichtspunkt der Totalität. Die Kategorie der Totalität, die
allseitige, bestimmende Herrschaft des Ganzen über die Teile ist das Wesen der
Methode, die Marx von Hegel übernommen und originell zur Grundlage einer ganz
neuen Wissenschaft umgestaltet hat. Die kapitalistische Trennung des Produzenten
vom Gesamtprozess der Produktion, die Zerstückelung des Arbeitsprozesses in
Teile, die die menschliche Eigenart des Arbeiters unberücksichtigt lassen, die
Atomisierung der Gesellschaft in planlos und zusammenhanglos
drauflosproduzierende Individuen usw. musste auch das Denken, die Wissenschaft
und Philosophie des Kapitalismus tiefgehend beeinflussen. Und das gründlich
Revolutionäre der proletarischen Wissenschaft besteht nicht bloß darin, dass
sie der bürgerlichen Gesellschaft revolutionäre Inhalte gegenüberstellt,
sondern in allererster Reihe in dem revolutionären Wesen der Methode selbst.
Die Herrschaft der Kategorie der Totalität ist der Träger des revolutionären
Prinzips der Wissenschaft.“

Er geht dann dazu
über, aufzuzeigen, dass ihr Mangel an solch einer proletarischen Methode
Luxemburgs Kritiker daran hinderte, das Problem zu begreifen, das sie in Die
Akkumulation des Kapitals
formuliert hatte:

„Denn die Debatte,
von Bauer, Eckstein usw. geführt, drehte sich nicht um die Frage, ob die Lösung
des Problems der Akkumulation des Kapitals, die Rosa Luxemburg vorschlug
richtig oder falsch war. Man stritt im Gegenteil darum, ob hier überhaupt ein
Problem vorlag und bestritt mit der äußersten Heftigkeit das Vorhandensein
eines wirklichen Problems. Vom methodischen Standpunkt der Vulgärökonomie ist
dies durchaus verständlich, ja notwendig. Denn, wenn die Frage der Akkumulation
einerseits als ein Einzelproblem der Nationalökonomie behandelt, andererseits
vom Standpunkt des Einzelkapitalisten betrachtet wird, so liegt hier in der Tat
überhaupt kein Problem vor.

Diese
Ablehnung des ganzen Problems hängt eng damit zusammen, dass die Kritiker Rosa
Luxemburgs an dem entscheidenden Abschnitt des Buchs („Die geschichtlichen
Bedingungen der Akkumulation“ achtlos vorbeigegangen sind und die Frage
konsequent in der Form gestellt haben: ob die Formeln von Marx, die auf
Grundlage der methodologisch isolierenden Annahme einer nur aus Kapitalisten
und Proletariern bestehende Gesellschaft beruhen, richtig sind und wie man sie
am besten auslegen kann. Dass diese Annahme bei Marx selbst nur eine
methodologische war, um das Problem klarer zu fassen, von der aber zur
umfassenden Fragestellung, zur Einstellung der Frage in die Totalität der
Gesellschaft fortgeschritten werden muss, haben die Kritiker ganz übersehen.
Sie haben übersehen, dass Marx in bezug auf die sogenannte ursprüngliche
Akkumulation im ersten Band des
Kapital gerade in bezug auf diese Frage ein Fragment ist, das
gerade dort abbricht, wo dieses Problem aufgerollt werden muss; dass
dementsprechend Rosa Luxemburg nichts anderes getan hat, als das Fragment von
Marx in seinem Sinne zu Ende zu denken und seinem Geiste gemäß zu ergänzen.

Sie
haben dennoch folgerichtig gehandelt. Denn vom Standpunkt des einzelnen Kapitalisten,
vom Standpunkt der Vulgärökonomie muss dieses Problem tatsächlich nicht
gestellt werden. Vom Standpunkt des einzelnen Kapitalisten erscheint die wirtschaftliche
Wirklichkeit als eine von ewigen Naturgesetzen beherrschte Welt, deren Gesetzen
er sein Tun und lassen anzupassen hat. Die Realisierung des Mehrwertes, die
Akkumulation vollzieht sich für ihn (allerdings selbst hier nur sehr oft,
durchaus nicht immer) in der Form eines Tausches mit anderen
Einzelkapitalisten. Und das ganze Problem der Akkumulation ist auch nur das
einer Form der mannigfachen Wandlungen, die die Formeln G–W–G und W–G–W im
Laufe der Produktion, Zirkulation usw. aufnehmen. So wird die Frage der
Akkumulation für die Vulgärökonomie eine einzelwissenschaftliche Detailfrage,
die mit dem Schicksal des Gesamtkapitalismus so gut wie überhaupt nicht verbunden
ist, deren Lösung die Richtigkeit der Marxschen „Formeln“ hinreichend
garantiert, die höchstens – wie bei Otto Bauer – „zeitgemäß“ verbessert werden
müssen. Dass mit diesen Formeln die ökonomische Wirklichkeit prinzipiell
niemals erfasst werden kann, da die Voraussetzung der Formeln eine Abstraktion
von dieser Gesamtwirklichkeit ist (Betrachtung der Gesellschaft, als ob sie nur
auf Kapitalisten und Proletariern bestünde), dass also die Formeln nur zur
Klarlegung des Problems, als Sprungbrett zur Einstellung des richtigen Problems
dienen können, haben Bauer und seine Genossen ebenso wenig begriffen, wie
seinerzeit die Ricardo–Schüler die marxistischen Fragestellungen.

Eine Passage in den Grundrissen,
zu denen Lukács seinerzeit noch keinen Zugang hatte, bestätigt diese
Vorgehensweise: Der Gedanke, dass die Arbeiterklasse ein ausreichender Markt
für die Kapitalisten ist, ist eine Illusion, die typisch ist für die limitierte
Vorstellungskraft der Bourgeoisie:

„Eigentlich geht uns
hier das Verhältnis des einen Kapitalisten zu den Arbeitern des andren
Kapitalisten noch gar nichts an. Es zeigt sich nur die Illusion jedes
Kapitalisten, ändert aber nichts am Verhältnis von Kapital überhaupt zu Arbeit.
Jeder Kapitalist weiß von seinem Arbeiter, dass er ihm gegenüber nicht als
Produzent dem Konsumenten [gegenüber] steht und wünscht seinen Konsum, i.e.
seine Tauschfähigkeit, sein Salär möglichst zu beschränken. Er wünscht sich
natürlich die Arbeiter der andren Kapitalisten als möglichst große
Konsumenten seiner Ware. Aber das Verhältnis jedes Kapitalisten
zu seinen Arbeitern ist das Verhältnis überhaupt von Kapital
und Arbeit, das wesentliche Verhältnis. Die Illusion aber – wahr für den
einzelnen Kapitalisten im Unterschied von allen andren –, dass außer seinen
Arbeitern die ganze übrige Arbeiterklasse ihm gegenübersteht als Konsument
und Austauscher, nicht als Arbeiter – Geldspender, entsteht eben
dadurch.
Es wird vergessen, dass, wie Mathus sagt, ‚the very
existence of a profit upon any commodity pre–supposes a demand exterior to
that of the labourer who has produced it’
, und daher die demand of the
labourer himself can never be an adequate demand
.
Da eine Produktion
die andre in Bewegung setzt und sich daher Konsumenten in den Arbeitern des fremden
Kapitals schafft, so erscheint für jedes einzelne Kapital die Nachfrage
der Arbeiterklasse die durch die Produktion selbst gesetzt ist, als ‚adequate
demand’. Diese durch die Produktion selbst gesetzte Nachfrage treibt sie voran
über die Proportion, worin sie in bezug auf die Arbeiter produzieren
müsste, einerseits; muss sie darüber hinaustreiben; andrerseits verschwindet
oder schrumpft zusammen die Nachfrage exterior to the demand of the labourer
himself
, so tritt der collapse ein.“ [14]

Indem sie Marx‘ Buchstaben hinterfragte, erwies Luxemburg mehr als jeder
andere ihr Vertrauen zu dem Geist seiner Worte; und es gibt noch mehr Worte von
Marx, die zitiert werden könnten, um die zentrale Bedeutung des von ihr gestellten
Problems zu stützen.

In den nächsten Artikel dieser Serie werden wir schauen, wie die
revolutionäre Bewegung versuchte, den Prozess des Niedergangs des Kapitalismus,
der sich vor ihren Augen in den turbulenten Jahrzehnten zwischen 1914 und 1945
abspielte, zu verstehen.

Gerrard


[1]Die
Akkumulation des Kapitals, Kap. 24

[2]Neue
Zeit
, 1902, Nr. 5 (31), S. 140.

[3]Zuerst
in Buchform veröffentlicht von Charles Kerr (Chicago) 1915, basierte diese
Studie auf einer Reihe von Artikeln in der
Internationalist
Socialist Review
zwischen Mai 1905 und Oktober 1906.

[4]„Wir
sehen hier davon ab, daß Kautsky dieser Theorie den schiefen und zweideutigen
Namen einer Erklärung der Krisen ‚aus Unterkonsumtion‘ anhängt, welche
Erklärung Marx gerade im zweiten Bande des ‚Kapitals‘, S. 289, verspottet. Wir
sehen ferner davon ab, daß Kautsky in der ganzen Sache nichts als das
Krisenproblem erblickt, ohne, wie es scheint, zu bemerken, daß die kapitalistische
Akkumulation auch abgesehen von Konjunkturschwankungen ein Problem darstellt.“
(Antikritik, Teil I). Interessant, dass so viele Kritiker Luxemburgs – nicht
zuletzt die „marxistischen“ – sie beschuldigen, ein Unterkonsumtionist zu sein,
wo sie so doch ausdrücklich diese Idee ablehnt! Es ist natürlich vollkommen
richtig, dass Marx bei etlichen Gelegenheiten argumentierte: „Der letzte Grund
aller wirklichen Krisen bleibt immer die Armut und Konsumtionsbeschränkung der
Massen“
(Kapital, Bd. III, Kap. 30, S. 501,
MEW), doch Marx war vorsichtig genug, um zu erklären, dass er sich nicht auf
die „absolute Konsumtionskraft“ bezieht, sondern auf „die Konsumtionskraft auf
Basis antagonistischer Distributionsverhältnisse, welche die Konsumtion der
großen Masse der Gesellschaft auf ein nur innerhalb mehr oder minder enger
Grenzen veränderliches Minimum reduziert. Sie ist ferner beschränkt durch den
Akkumulationstrieb, den Trieb nach Vergrößerung des Kapitals und nach
Produktion von Mehrwert auf erweiterter Stufenleiter.“
(ebenda, Kap. 15, S. 254, MEW). Mit
anderen Worten: Krisen sind nicht das Resultat eines Widerstrebens der
Gesellschaft, so viel wie physisch möglich zu konsumieren, noch sind sie – mehr
der Punkt, angesichts der zahllosen Mystifikationen darüber, jener, die aus dem
linken Flügel des Kapitals entstammen – durch „zu niedrige“ Löhne verursacht
worden. Wenn dies der Fall wäre, dann könnten Krisen einfach durch die Anhebung
der Löhne eliminiert werden, und dies ist genau das, was Marx im Kapital, Band
II verspottet. Das Problem liegt vielmehr in der Existenz „antagonistischer
Distributionsverhältnisse“, das heißt in den Lohnarbeitsverhältnissen selbst,
die immer zu einem Mehr an Wert über das hinaus, was der Kapitalist seinen
ArbeiterInnen zahlt, führen müssen.

[5]Boudin,
S. 167–169, Übersetzung der Redaktion aus dem Englischen

[6]Die
Akkumulation des Kapitals
, Kap. 23, Fußnote. Luxemburgs
Hauptkritik an Boudin war seine anscheinend vorausgreifende Idee, dass
Rüstungsausgaben eine Form der Verschwendung oder
„waghalsige
Ausgaben“
sind, was allem Anschein gegen ihre
Bemerkung vom
„Militarismus als Gebiet der
Kapitalakkumulation“
gerichtet ist, die in dem Kapitel mit
demselben Titel in
Die Akkumulation des Kapitals
Erwähnung findet. Doch der Militarismus als ein Gebiet für die Akkumulation
konnte nur in einer Epoche stattfinden, in der es eine reale Möglichkeit gab,
durch den Krieg – oder: die kolonialen Eroberungen, um genau zu sein –
substanzielle neue Märkte für die kapitalistische Expansion zu eröffnen. Mit
dem Schrumpfen solcher Ventile konnte der Militarismus in der Tat zu einer reinen
Verschwendung für den globalen Kapitalismus werden, auch wenn die
Kriegswirtschaft eine „Lösung“ der Überproduktionskrise zu bieten scheint, mit
der man die Wirtschaftsmaschinerie wieder in Bewegung setzen kann (am
sichtbarsten in Hitlers Deutschland und während des Zweiten Weltkriegs). In der
Realität drückt der Militarismus eine immense Zerstörung von Werten aus.

[7]Die
Neue Zeit
, 25. Jahrgang, 1. Band, Mathematische
Formeln gegen Karl Marx
, hier zitiert nach Rosa Luxemburg, Die
Akkumulation des Kapitals
, Fußnote im 23. Kapitel

[8]Grundrisse,
Heft IV, Zirkulationsprozess, S. 313 f. der Ausgabe im Dietz Verlag

[9]„In
Wirklichkeit gibt es in allen kapitalistischen Ländern, auch in denen der
höchstentwickelten Großindustrie, neben kapitalistischen Unternehmungen im
Gewerbe und in der Landwirtschaft noch zahlreiche handwerksmäßige und
bäuerliche Betriebe, die einfache Warenproduktion betreiben. In Wirklichkeit
gibt es neben alten kapitalistischen Ländern noch in Europa selbst Länder, in
denen bäuerliche und handwerkmäßige Produktion bis jetzt sogar stark
überwiegen, wie Rußland, der Balkan, Skandinavien, Spanien. Und endlich gibt es
neben dem kapitalistischen Europa und Nordamerika gewaltige Kontinente, auf
denen die kapitalistische Produktion erst auf wenigen zerstreuten Punkten
Wurzeln geschlagen hat, während im übrigen die Völker jener Kontinente alle
möglichen Wirtschaftsformen von der primitiv kommunistischen bis zur feudalen,
bäuerlichen und handwerksmäßigen aufweisen.“ (Antikritik, Kap. 1). Siehe den
Artikel in der
Internationalen Revue
Nr. 46: ‚Chronische Überproduktion: eine unvermeidliche Fessel der kapitalistischen
Produktion‘ als einen Beitrag zum Verständnis der Rolle, die von den
außerkapitalistischen Märkten in der Periode der kapitalistischen Dekadenz
gespielt werden (IKS–online).

[10]Antikritik,
Kap. 5.

[11]Übersetzung
der Redaktion aus dem Englischen, von Roman Rosdolskys
The
Making of  Marx’s Capital

(Pluto Press, 1977). Darin unternimmt Roman Rosdolsky eine exzellente Kritik an
Lenins Irrtum, der sich auf die Seite der russischen Legalisten und der
Austro–Marxisten gegen Luxemburg stellte (s. S. 472f.). Obwohl er auch seine
Kritik an Luxemburg hat, erkannte er den wahren Wert ihres Werkes und bestand
darauf, dass der Marxismus notwendigerweise eine „Zusammenbruchs“–Theorie ist,
und wies insbesondere auf die Tendenz zur Überproduktion, wie sie von Marx
identifiziert worden war, als Schlüssel zum Verständnis hin. In der Tat sind
einige seiner Kritiken an Luxemburg nur schwer zu entschlüsseln. Er besteht
darauf, dass der Hauptirrtum darin lag, nicht zu verstehen, dass das
Reproduktionsschema lediglich ein „heuristischer Ratschlag“ sei, wo doch schon
Luxemburgs ganzes Argument gegen ihre Kritiker darin bestand, dass das Schema
nur
als heuristischen Ratschlag verstanden werden kann und nicht als ein wahres
Abbild der historischen Evolution des Kapitals, nicht als mathematischen Beweis
für die Möglichkeit einer unbegrenzten Akkumulation (siehe S. 490 in Rosdolskys
Buch).

[12]Antikritik,
Teil I.

[13]In
der Tat stellte sich Kautsky später auf die Seite der Austro–Marxisten: „In
seinem Hauptwerk kritisiert er heftig Rosa Luxemburgs ‚Hypothese‘, dass der
Kapitalismus aus wirtschaftlichen Gründen zusammenbrechen muss; er behauptet,
dass Luxemburg in Widerspruch zu Marx stehe, der das Gegenteil im zweiten Band
des
Kapital bewiesen habe, d.h. in den Schemata
der Reproduktion“ (Rosdolsky, ob.zit., mit Zitat von: Kautsky, Die
materialistische Geschichtsauffassung, Bd. II, S. 546–47)

[14]Grundrisse, Heft IV, Zirkulationsprozess, S. 322 f. der Ausgabe
im Dietz Verlag. Marx erklärt auch an anderer Stelle, dass die Idee, die
Kapitalisten könnten selbst den Markt für die erweiterte Reproduktion bilden,
auf dem mangelnden Verständnis des Charakters des Kapitalismus beruht: „Da
nicht Befriedigung der Bedürfnisse, sondern Produktion von Profit Zweck des
Kapitals, und da es diesen Zweck nur durch Methoden erreicht, die die
Produktionsmasse nach der Stufenleiter der Produktion einrichten, nicht
umgekehrt, so muß beständig ein Zwiespalt eintreten zwischen den beschränkten
Dimensionen der Konsumtion auf kapitalistischer Basis und einer Produktion, die
beständig über diese ihre immanente Schranke hinausstrebt. Übrigens besteht das
Kapital ja aus Waren, und daher schließt die Überproduktion von Kapital die von
Waren ein. Daher das sonderbare Phänomen, daß dieselben Ökonomen, die die
Überproduktion von Waren leugnen, die von Kapital zugeben. Wird gesagt, daß
nicht allgemeine Überproduktion, sondern Disproportion innerhalb der
verschiednen Produktionszweige stattfinde, so heißt dies weiter nichts, als daß
innerhalb der kapitalistischen Produktion die Proportionalität der einzelnen
Produktionszweige sich als beständiger Prozeß aus der Disproportionalität
darstellt, indem hier der Zusammenhang der gesamten Produktion als blindes
Gesetz den Produktionsagenten sich aufzwingt, nichts als von ihrem assoziierten
Verstand begriffnes und damit beherrschtes Gesetz den Produktionsprozeß ihrer
gemeinsamen Kontrolle unterworfen hat. Es wird weiter damit verlangt, daß
Länder, wo die kapitalistische Produktionsweise nicht entwickelt, in einem Grad
konsumieren und produzieren sollen, wie er den Ländern der kapitalistischen
Produktionsweise paßt. Wird gesagt, saß die Überproduktion nur relativ, so ist
dies ganz richtig; aber die ganze kapitalistische Produktionsweise ist eben nur
eine relative Produktionsweise, deren Schranken nicht absolut, aber für sie,
auf ihrer Basis, absolut sind. Wie könnte es sonst an Nachfragen für dieselben
Waren fehlen, deren die Masse des Volks ermangelt, und wie wäre es möglich,
diese Nachfrage im Ausland suchen zu müssen, auf fernern Märkten, um den
Arbeitern zu Hause das Durchschnittsmaß der notwendigen Lebensmittel zahlen zu
können? Weil nur in diesem spezifischen, kapitalistischen Zusammenhang das
überschüssige Produkt eine Form erhält, worin sein Inhaber es nur dann der
Konsumtion zur Verfügung stellen kann, sobald es sich für ihn in Kapital
rückverwandelt.
Wird
endlich gesagt, daß die Kapitalisten ja selbst nur unter sich ihre Waren
auszutauschen und aufzuessen haben, wo wird der ganze Charakter der
kapitalistischen Produktion vergessen und vergessen, daß es sich um die
Verwertung des Kapitals handelt, nicht um seinen Verzehr.
Kurz, alle die Einwände gegen die
handgreiflichen Erscheinungen der Überproduktion (Erscheinungen, die sich nicht
um diese Einwände kümmern) laufen darauf hinaus, daß die Schranken der
kapitalistischen Produktionsweise keine Schranken der Produktion überhaupt
sind, und daher auch keine Schranken dieser spezifischen, der kapitalistischen
Produktionsweise. Der Widerspruch dieser kapitalistischen Produktionsweise
besteht aber gerade in ihrer Tendenz zur absoluten Entwicklung der
Produktivkräfte, die beständig in Konflikt gerät mit den spezifischen
Produktionsbedingungen, worin sich das Kapital bewegt und allein bewegen kann.
 (Das Kapital, Bd. III, Kapitel 15, Teil III, Hervorhebung von uns)