Geschichte der Arbeiterbewegung: Was sind Arbeiterräte? Teil 1: Warum tauchen 1905 Arbeiterräte auf?

Am 2. März 1919, bei
der Eröffnung des Ersten Kongresses der Kommunistischen Internationale,
behauptete Lenin, dass das „Sowjetsystem“ (wie Arbeiterräte in der russischen
Sprache heißen), das noch bis vor Kurzem für die großen Arbeitermassen „Latein“
gewesen sei, mittlerweile sehr verständlich und insbesondere je länger je mehr
eine allgemeine Praxis geworden sei. Er zitierte ein Beispiel: „Heute lese ich
zum Beispiel in einer antisozialistischen Zeitung die telegraphische
Mitteilung, dass die englische Regierung den Rat der Arbeiterdelegierten in
Birmingham empfangen und ihre Bereitwilligkeit erklärt hat, die Räte als
wirtschaftliche Organisationen anzuerkennen.“[1]

Heute, 90 Jahre
später schreiben uns GenossInnen in verschiedenen Ländern, um uns zu fragen:
„Was sind Arbeiterräte?“, weil sie feststellen, dass sie darüber zu wenig
wissen, und sich gern eine klareres Bild darüber machen möchten. Das
Bleigewicht der schrecklichsten Konterrevolution der Geschichte, die
Schwierigkeiten, die seit 1968 die Politisierung der Kämpfe der Arbeiterklasse
behindern; die Verfälschungen oder das vollständige Totschweigen der
Kommunikations– und Kulturmedien über die historischen Erfahrungen des
Proletariats führen dazu, dass Wörter wie Sowjet oder Arbeiterrat, die so
selbstverständlich waren für die Arbeitergeneration der Jahre 1917–23, heute
etwas Fremdes geworden sind oder in einem ganz anderen Sinn verwendet werden,
als sie zu Beginn hatten.[2]

Dies wird also das
Ziel des vorliegenden Artikels sein: einen Beitrag zu leisten zu einer
einfachen Erklärung der Fragen: Was sind Arbeiterräte? Warum sind sie
aufgetaucht? Welchen geschichtlichen Bedürfnissen entsprachen sie? Haben sie
heute immer noch eine aktuelle Bedeutung? Um auf diese Fragen zu antworten, werden
wir uns auf die geschichtliche Erfahrung unserer Klasse abstützen, eine
Erfahrung, die ebenso von den Revolutionen von 1905 und 1917 geprägt ist wie
von den Debatten und Schriften der Mitglieder revolutionärer Organisationen von
damals: Trotzki, Rosa Luxemburg, Lenin, Pannekoek …

Die geschichtlichen Bedingungen, unter denen Arbeiterräte
entstehen

Wieso tauchen die Arbeiterräte 1905 auf, und
nicht schon 1871 in der revolutionären Commune von Paris?[3]

Das Auftauchen von
Arbeiterräten in der russischen Revolution von 1905 kann nur auf dem
Hintergrund einer Analyse der Gesamtheit der folgenden Faktoren verstanden
werden: der geschichtlichen Bedingungen der damaligen Zeit; der
Kampferfahrungen, die sich das Proletariat erworben hatte und der Intervention
der revolutionären Organisationen.

Was den ersten Faktor
betrifft, befand sich der Kapitalismus am Gipfel seiner Entfaltung, zeigte aber
immer deutlichere Anzeichen seines Niedergangs, insbesondere im
imperialistischen Bereich. Trotzki legte in seiner Schrift Ergebnisse und
Perspektiven
, auf die wir uns hier abstützen werden, dar: „Indem der
Kapitalismus allen Ländern seine Wirtschafts– und Verkehrsweise aufdrängt, hat
er die ganze Welt in einen einzigen ökonomischen und politischen Organismus
verwandelt.“ Und noch genauer: „Das verleiht den sich entwickelnden Ereignissen
von Anfang an einen internationalen Charakter und eröffnet eine große Perspektive:
die politische Emanzipation, geleitet von der Arbeiterklasse Russlands, hebt
diese ihre Führerin auf eine in der Geschichte bisher unbekannte Höhe, legt
kolossale Kräfte und Mittel in ihre Hand, lässt sie die weltweite Vernichtung
des Kapitalismus beginnen, für die die Geschichte alle objektiven
Voraussetzungen geschaffen hat.“[4] Die
massenhaften Bewegungen und die Generalstreiks waren Produkte dieser neuen
Epoche und waren schon vor 1905 in verschiedenen Teilen der Welt in Erscheinung
getreten: Generalstreik in Spanien 1902 und in Belgien 1903 und auch in
Russland zu verschiedenen Zeitpunkten.

So kommen wir zum
zweiten Faktor. Die Arbeiterräte tauchen nicht aus dem Nichts auf wie ein Blitz
aus heiterem Himmel. In den Jahren zuvor, seit 1896, brachen in Russland
zahlreiche Streiks aus: Generalstreik der Textilarbeiter in Petersburg 1896 und
1897; die großen Streiks, die 1903 und 1904 den ganzen Süden Russlands
erschütterten; etc. Sie stellten insofern Erfahrungen dar, als sich Tendenzen
zur spontanen Mobilisierung zeigten, wo Kampforgane gebildet wurden, die nicht
mehr den typisch gewerkschaftlichen Kampfformen entsprachen und mit denen der
Boden für die Kämpfe von 1905 vorbereitet wurde: „(…) so wird doch jeder, der
die innere politische Entwicklung des russischen Proletariats bis zu der
heutigen Stufe seines Klassenbewusstseins und seiner revolutionären Energie
kennt, die Geschichte der jetzigen Periode der Massenkämpfe mit jenen
Petersburger Generalstreiks beginnen. Sie sind für das Problem des
Massenstreiks schon deshalb wichtig, weil sie bereits alle Hauptmomente der
späteren Massenstreiks im Keime enthalten.“ (Rosa Luxemburg, Massenstreik,
Partei und Gewerkschaften
)

Was schließlich den
dritten Faktor betrifft, so haben die proletarischen Parteien (die Bolschewiki
und andere Tendenzen) natürlich keine vorausgehende Propaganda zum Thema der
Arbeiterräte gemacht, denn deren Entstehung überraschte sie; sie hatten auch
nicht vermittelnde Organisationsstrukturen aufgestellt, um sie vorzubereiten.
Das zeigte Rosa Luxemburg auf am Beispiel der spontanen Bewegungen, wie
derjenigen des Textilarbeiterstreiks in St. Petersburg in den Jahren 1896 und
1897: „Der nächste Anlass der Bewegung war ein ganz zufälliger, ja
untergeordneter, ihr Ausbruch ein elementarer; aber in dem Zustandekommen der
Bewegung zeigten sich die Früchte der mehrjährigen Agitation der Sozialdemokratie“
(Massenstreik, Partei und Gewerkschaften) Dabei klärt sie stringent die
Rolle der Revolutionäre: „Den Anlass und den Moment vorauszubestimmen, an dem
die Massenstreiks in Deutschland ausbrechen sollen, liegt außerhalb der Macht
der Sozialdemokratie, weil es außerhalb ihrer Macht liegt, geschichtliche
Situationen durch Parteitagsbeschlüsse herbeizuführen. Was sie aber kann und
muss, ist, die politischen Richtlinien dieser Kämpfe, wenn sie einmal
eintreten, klarlegen und in einer entschlossenen, konsequenten Taktik
formulieren.“ (ebenda)

Diese Analyse erlaubt
es, das Wesen der großen Bewegung zu verstehen, die Russland im Laufe des
Jahres 1905 erschütterte und die entscheidende Phase in den letzten drei
Monaten dieses Jahres durchlief, von Oktober bis Dezember, als sich die Entfaltung
der Arbeiterräte verallgemeinerte.

Die revolutionäre
Bewegung von 1905 hat ihren unmittelbaren Ursprung im denkwürdigen
„Blutsonntag“, dem 22. Januar 1905[5]. Diese
revolutionäre Bewegung erlebte im März 1905 einen ersten Rückfluss, um darauf
auf verschiedenen Wegen im Mai und Juli wieder aufzutauchen[6]. In dieser Zeit allerdings
hatte sie die Form von spontanen Ausbrüchen, die einen schwachen Organisationsgrad
offenbarten. Ab September hingegen besetzte die Frage der allgemeinen
Organisierung der Arbeiterklasse den ersten Platz: Man trat in die Phase der
zunehmenden Politisierung der Massen ein, in denen die Grenzen des
unmittelbaren Kampfes um Forderungen erschienen, aber auch die Erschöpfung
aufgrund der Brutalität der zaristischen Repression einerseits und dem Zögern
der liberalen Bourgeoisie andererseits[7].

Die
Massendebatte

Wir wollen hier an das historische Umfeld,
aus welchem die ersten Sowjets entsprungen sind, erinnern. Aber worauf beruht
ihr konkreter Ursprung? Sind die Sowjets das Produkt einer entschiedenen und
kühnen Minderheit? Oder umgekehrt, sind sie mechanisch aus den objektiven
Bedingungen entsprungen?

Wenn die
revolutionäre Propaganda, die über Jahre hinaus betrieben wurde, wie wir schon
gesagt haben, zur Bildung der Sowjets beigetragen haben und wenn Trotzki eine
Rolle ersten Ranges innerhalb des Sowjets von Sankt Petersburg gespielt hat, so
war das Auftauchen der ersten Sowjets nicht das direkte Resultat der Propaganda
oder der organisatorischen Vorschläge der marxistischen Parteien (die zu diesem
Zeitpunkt in Menschewiki und Bolschewiki gespalten waren). Auch stimmt es
nicht, wie Volin[8] in seinem
Buch Die unbekannte Revolution[9] uns den ersten
Sowjet vorstellt, dass er das Resultat der Initiative der Anarchisten gewesen
sei. Ohne die Wahrhaftigkeit der von ihm geschilderten Fakten zu bezweifeln, so
ist es doch wichtig zu sehen, dass die von ihm in Erinnerung gerufene Versammlung
– die von Volin selbst als „privat“ bezeichnet wird – zwar ein weiteres Element
gewesen sein mag, welches zum Prozess der Bildung des Sowjets beitrug, aber es
war nicht sein Gründungsakt.

Es ist üblich
geworden, den Sowjet von Iwanow–Wosnesensk als den ersten oder einer der ersten
Sowjets zu bezeichnen.[10] Insgesamt
sind 40 bis 50 Sowjets ausgemacht worden, zusätzlich noch einige Bauern– und
Soldatensowjets. Anweiler besteht auf ihrer sehr unterschiedlichen
Herkunft: „Die Geburt der Sowjets hat sich entweder in mittelbarer Form im
Rahmen der alten Organisationen herausgeschält – aus Streikkomitees oder z.B.
aus Abgeordnetenversammlungen – in unmittelbarer Form aus Initiativen der
lokalen Organisationen der sozialdemokratischen Partei, die den Zweck verfolgten,
einen entscheidenden Einfluss auf die Sowjets auszuüben. Das begrenzte
Verhältnis zwischen den Streikkomitees und den wirklichen Arbeiterabgeordneten,
die diesen Namen verdienten, war offensichtlich. Nur in den wichtigsten Zentren,
wo sich die Revolution der Klasse abspielte, wie (Sankt Petersburg einmal
ausgelassen) in Moskau, Odessa, Novosibirsk und im Donezbecken, hatten die Räte
eine klar abgegrenzte Form erlangt.“[11]

Aus diesem Grunde
kann man die Urheberschaft der Sowjets nicht dieser oder jener Persönlichkeit
oder Minderheit zuschreiben, sie sind nicht aus dem Nichts entstanden, spontan
aus einer Generation heraus. Grundsätzlich waren sie das kollektive Werk der
Klasse: Sie entstanden aufgrund verschiedenen Initiativen, aus verschiedenen
Diskussionen, aus Vorschlägen, die da und dort vorgebracht wurden. Der Verlauf
und das Fortschreiten all dieser verschiedenen Ereignisse haben zusammen mit
der aktiven Intervention der Revolutionäre zur Entstehung der Sowjets geführt.
Wenn wir diesen Prozess näher betrachten, können wir zwei entscheidende
Faktoren herausschälen: die Massendebatte und die ansteigende
Radikalisierung der Kämpfe.

Das Reifen des
Bewusstseins in den Massen, welches ab September 1905 festzustellen ist,
drückte sich in einem unbändigen Willen und Bedürfnis nach Debatte aus. Das
Aufwallen von belebten Diskussionen in den Fabriken, den Universitäten, in den
Quartieren erschien als ein „neues“ Phänomen, welches maßgeblich im
Septembermonat aufkam. Trotzki zitiert einige Erlebnisberichte: „Völlig freie
Volksversammlungen innerhalb der Universität zu einer Zeit, da Trepow[12] auf den
Straßen mit unbeschränkter Gewalt herrschte – das ist eines der
staunenerregendsten Paradoxe der revolutionär–politischen Entwicklung während
der Herbstmonate des Jahres 1905.“ An diesen Versammlungen nehmen mehr und mehr
Arbeiter teil. „Das Volk füllte alle Gänge, Auditorien und Säle, und die
Arbeiter zogen direkt von der Fabrik in die Universität.“ Und Trotzki fügt
hinzu: „Die offizielle Telegraphenagentur schilderte mit Worten des Grauens und
Entsetzens das Publikum, das sich in der Aula der Wladimir–Universität in Kiew
versammelt hatte. Abgesehen von Studenten, wurde dieser Menschenhaufen nach dem
Wortlaut des Telegramms gebildet von ‚unbeteiligten Personen beiderlei
Geschlechts, Zöglingen der Mittelschulen und der städtischen Privatschulen,
Arbeitern, verschiedenem Pöbel und sonstigen zerlumpten Subjekten’.“[13]

Es handelte sich aber
keineswegs um einen „Menschenhaufen“, wie das die Informationsagentur
berichtet, sondern um ein Kollektiv, das mit einer bestimmten Ordnung und
Methode, mit einer großen Disziplin und einem hohen Reifegrad die Situation
reflektierte, was auch von einem Berichterstatter der bürgerlichen Zeitung Russj
(Russland) anerkannt wurde. Trotzki zitierte daraus: „Was mich besonders auf
dem Meeting in der Universität frappierte, war die ungewöhnliche, musterhafte
Ordnung! In der Aula wurde eine kleine Pause angesagt und ich schlenderte durch
die Gänge. Der Hauptgang bot das bewegte Bild der Straße. Alle anliegenden
Auditorien waren dicht besetzt – hier fanden die Meetings der einzelnen
Fraktionen statt. Der Gang selbst war bis auf den letzten Platz besetzt, und
die Menge flutete in einem fort auf und ab. (...) Man konnte meinen, man befand
sich auf einer zahlreich besuchten Abendgesellschaft, bloß ernster als gewöhnlich.
Und dennoch war das alles Volk – unverfälschtes, urwüchsiges Volk, mit den
schwieligen, roten Arbeiterhänden, mit jenen erdfarbigen Gesichten, die Leuten
zu eigen sind, die sich bei Tage in geschlossenen, ungesunden Orten aufhalten.“[14]

Das war die gleiche
Stimmung, wie man in der Industriestadt Iwanow–Wosnesenk zuvor im Mai
vorgefunden hatte: „Die Vollversammlungen fanden jeden Morgen nach neun Uhr
statt. Nachdem die Versammlungen (der Sowjets) beendet waren, begann die
Vollversammlung, sie untersuchte alle Fragen, die im Zusammenhang mit den
Streiks standen. Man legte über den Stand der Entwicklung, der Verhandlungen
mit den Unternehmern und den Behörden einen Tätigkeitsbericht vor. Nach den
Diskussionen legte man der Versammlung die Vorschläge, die von den Sowjets
vorbereitet worden waren, vor. Darauffolgend hielten die Militanten der
Parteien agitatorische Reden über die Lage der Arbeiterklasse und die
Diskussionen gingen weiter, bis das Publikum von der Müdigkeit überwältigt
wurde. Ab diesem Zeitpunkt fingen die Massen an, revolutionäre Hymnen zu singen
und man beendete die Versammlung. Und das ging so alle Tage.“[15]

Die
Radikalisierung der Kämpfe

Ein kleiner Streik, der in der Druckerei von
Ssytin in Moskau ausgebrochen war, zündete die Lunte für die massiven Oktoberstreiks,
während der sich die Sowjets generalisierten. Die Solidarität mit dem Streik
von Ssytin, weitete den Streik auf mehr als 50 Moskauer Druckereien aus, am 26.
September benannte sich die allgemeine Versammlung der Drucker und Typografen
als Rat. Der Streik weitete sich auf andere Bereiche aus: auf die Bäckereien,
auf die Metall– und die Textilindustrie. Die Agitation gewann einerseits die
Eisenbahnsektoren und andererseits die Drucker von St. Petersburg für sich,
weil letztere sich mit ihren Kollegen von Moskau solidarisierten.

Eine andere
organisierte Front tat sich unerwartet auf: Eine Konferenz der Vertreter der
Eisenbahner, die wegen den Alterskassenrenten zusammengekommen war, fand in St.
Petersburg am 20. September statt. Die Konferenz richtete einen Appell an alle
Arbeitersektoren, der sich nicht auf diese Frage begrenzte. Der Appell hob
hervor, dass es notwendig sei, in den verschiedenen Arbeitssektoren
Versammlungen abzuhalten, die ökonomische und politische Forderungen
aufstellten. Ermutigt durch die Unterstützungstelegramme aus dem ganzen Land,
berief die Konferenz eine neue Versammlung auf den 9. Oktober ein.

Kurz nach dem 3.
Oktober beschloss „eine Delegiertenversammlung der Druckerei–, Maschinenbau–,
Tischlerei–, Tabak– und vieler anderer Arbeiter (…), einen allgemeinen
Delegiertenrat aller Moskauer Arbeiter ins Leben zu rufen“[16].

Der Streik der
Eisenbahner, der spontan auf einigen Linien des Eisenbahnnetzes ausgebrochen
war, wurde am 7. Oktober zu einem Generalstreik. In diesem Zusammenhang
verwandelte sich die Versammlung, die für den 9. Oktober einberufen worden war,
zu „einem Kongress der Delegierten der Eisenbahner von St. Petersburg. Es
werden sofort auf allen telegraphischen Linien die Losungen des Streiks der
Eisenbahner versandt: Achtstundentag, staatsbürgerliche Freiheiten, Amnestie,
konstituierende Versammlung.“[17]

Die massiven
Versammlungen an den Universitäten waren geprägt von intensiven Debatten über
die Situation, die gemachten Erfahrungen, die Alternativen in der Zukunft, aber
im Oktober ändert sich die Situation. Die Debatten flauen nicht ab, im
Gegenteil, sie reifen bis zu dem Grad, dass sie zu offenen Kämpfen werden, ein
Kampf der seinerseits beginnt, sich eine allgemeine Organisation zu geben, eine
allgemeine Organisation, die nicht nur den Kampf leitet, sondern die massive
Debatte integriert und vervielfacht. Die Notwendigkeit, sich zu versammeln und
zu vereinigen, die verschiedenen Brennpunkte der Streiks zu vereinigen, wurde
insbesondere vehement von den Arbeitern Moskaus vorangestellt. Ein Programm
auszuarbeiten, das der Situation angepasste politische und ökonomische
Forderungen aufstellt, die mit den wirklichen Möglichkeiten der Arbeiterklasse
übereinstimmen – das war der Beitrag des Kongresses der Eisenbahner. Debatte,
Einheitsorganisationen, Kampfprogramm, das sind die drei Säulen, auf denen die
Sowjets aufgebaut werden. Entscheidend für die Bildung der Sowjets war also das
Zusammenlaufen der verschiedenen Initiativen und Vorschläge der verschiedenen
Sektoren der Arbeiterklasse, und keineswegs ein von irgendeiner Minderheit
ausgearbeiteter „Plan“. In den Sowjets konkretisierte sich, was 60 Jahre zuvor,
im Kommunistischen Manifest noch wie eine utopische Formel getönt hatte:
Alle bisherigen Bewegungen waren Bewegungen von
Minoritäten oder im Interesse von Minoritäten. Die proletarische Bewegung ist
die selbständige Bewegung der ungeheuren Mehrzahl im Interesse der ungeheuren
Mehrzahl.“

Die
Sowjets, Organe des revolutionären Kampfes

„Bereits am 26.[18] abends fand in dem Gebäude
des Technologischen Instituts die erste Sitzung des zukünftigen Delegiertenrats
statt. Es waren nicht mehr als 30 bis 40 Delegierte anwesend, und es wurde
beschlossen, das Proletariat der Hauptstadt zu einem politischen Generalstreik
aufzufordern, sowie Vorschläge zur Wahl von Delegierten zu machen.“[19]

Dieser Sowjet machte
den folgenden Aufruf: „Die Arbeiterklasse nimmt ihre Zuflucht zu dem letzten
machtvollen Mittel der Arbeiterbewegung der ganzen Welt – zum Generalstreik …
In den nächsten Tagen wird in Russland Entscheidendes vor sich gehen. Diese
Ereignisse werden auf lange Jahre hinaus das Schicksal der Arbeiterklasse
bestimmen, wir müssen diesen Ereignissen in voller Bereitschaft entgegensehen,
einig durch unseren gemeinsamen ‚Rat’ …“[20]

Diese Stelle zeigt
den Weitblick, die langfristige Perspektive dieses Organs, das erst gerade im
Kampf entstanden war. Sie drückt ganz einfach eine klare politische Sichtweise
im Einklang mit dem tiefen Wesen der Arbeiterklasse aus und bezieht sich auf
die internationale Arbeiterbewegung
. Dieses Bewusstsein ist sowohl Ausdruck
als auch aktiver Faktor der Ausdehnung des Streiks auf alle Sektoren und in
alle Landesteile, der ab dem 12. Oktober praktisch zum Generalstreik wird. Der
Streik lähmt die Wirtschaft und das gesellschaftliche Leben, doch der Sowjet
sorgt dafür, dass dies nicht zu einer Lähmung des  Arbeiterkampfes führt. Wie Trotzki es
darstellte: „Er [der Streik] setzt Druckereien in Bewegung, wenn er
Revolutionsbulletins bedarf, er benutzt den Telegraph für Streikbefehle und
lässt Eisenbahnzüge mit den Delegierten der Streikenden fahren.“[21] Der
Streik zeigt, „dass er mehr ist als eine einfache Arbeitsniederlegung, als ein
passiver Protest mit über der Brust gekreuzten Armen. Er verteidigt sich und
geht aus seiner Defensive zur Offensive über. In einigen südlichen Städten
errichtet er Barrikaden, bemächtigt sich der Gewehrmagazine, bewaffnet sich und
leistet, wenn auch nicht siegreichen, so doch heroischen Widerstand.“[22]

Der Sowjet ist die
lebendige Bühne, auf der sich die Debatten um folgende Achsen drehen:

  Welches
Verhältnis zu den Bauern? Wie und unter welchen Bedingungen können sie, als
unentbehrliche Verbündete, in den Kampf integriert werden?

  Welche
Rolle spielt die Armee? Werden die Soldaten aus der repressiven Maschinerie des
Regimes desertieren?

  Wie
sich bewaffnen für die kommende, je länger je unausweichlichere Konfrontation
mit dem zaristischen Staat?

Unter den Bedingungen von 1905 konnten diese
Fragen nur gestellt, aber nicht beantwortet werden. Die Antworten sollte
die Revolution von 1917 geben. Doch hätte sich das Potential, das sich 1917
entfaltete, ohne die großen Kämpfe von 1905 nicht aufbauen können.

Meistens nimmt man
an, dass solche Fragen wie die, welche oben aufgeworfen worden sind, nur das Gespinst
von kleinen Zirkeln von „Revolutionsstrategen“ sein können. Nichtsdestotrotz
fand im Rahmen der Sowjets eine massenhafte Debatte genau über diese Fragen mit
der Teilnahme und den Beiträgen von Tausenden von Arbeitern statt. Jene Pedanten,
welche die Arbeiter für unfähig halten, sich um solche Angelegenheiten zu
kümmern, hätten den Beweis dafür erlebt, dass die Arbeiter darüber ohne
Hemmungen diskutierten, zu leidenschaftlichen und  engagierten Sachverständigen wurden, die ihre
Intuition, ihre Gefühle und ihre während Jahren erworbenen Kenntnisse in den
Tiegel der kollektiven Organisation gossen. Oder wie Rosa Luxemburg es bildlich
darstellte: „(…) im Sturm der revolutionären Periode verwandelt sich eben der
Proletarier aus einem Unterstützung heischenden vorsorglichen Familienvater in
einen ‚Revolutionsromantiker’ (…)“.

Während am 26.
Oktober kaum 40 Delegierte an der Sitzung des Sowjets teilnahmen, vergrößerten
sich diese Zahlen von Tag zu Tag. Die erste Entscheidung einer jeden Fabrik,
die sich als im Streik stehend erklärt, war, einen Delegierten zu wählen, dem
ein bewusst von der Versammlung angenommenes Mandat erteilt wurde. Einige
Branchen zögerten: Die Textilarbeiter von St. Petersburg, anders als ihre
Kollegen in Moskau, schlossen sich dem Kampf erst am 29. an. Über die
Textilarbeiter am 28. Oktober schreibt Trotzki: „Um die nicht streikenden
Arbeiter zum Streik heranzuziehen, gebrauchte der Rat eine ganze Reihe von
Mitteln – von den Aufrufen mit Worten bis zum Zwang mit Gewalt. Es war jedoch
nicht nötig, zu äussersten Mitteln zu greifen. Wo der gedruckte Aufruf nicht
half, dort genügte das Erscheinen eines Haufens von Streikenden, manchmal nur
wenigen Leuten, dass die Arbeit eingestellt wurde.“[23]

Die Sitzungen des
Sowjets waren die Antithese zu einem bürgerlichen Parlament oder einem
Streitgespräch unter akademischen Gelehrten. „Von Vielrederei, dieser Krankheit
aller Vertretungskörperschaften, war keine Spur. Die Fragen, die hier
diskutiert wurden, die Ausbreitung des Streiks und die Forderungen an den
Gemeinderat, waren rein praktischer Natur und wurden sachlich, kurz, energisch
behandelt. Man fühlte, dass es auf jeden Moment ankomme. Die geringste
Hinneigung zur Rhetorik begegnete entschiedener Abwehr seitens des
Vorsitzenden, unter vollster Zustimmung der ganzen Versammlung.“[24]

Diese lebhafte und
praktische Debatte, die sowohl tiefgreifend als auch konkret war, offenbarte
eine Verwandlung im Bewusstsein und der gesellschaftlichen Psychologie der
Arbeiter und wurde gleichzeitig zu einer mächtigen Triebkraft ihrer
Entwicklung. Bewusstsein: kollektives Begreifen der gesellschaftlichen
Lage und ihrer Perspektiven, der konkreten Macht der sich bewegenden Massen und
der Ziele, die sie sich geben müssen; die Fähigkeit, die Freunde von den Feinden
zu unterscheiden; der Entwurf einer neuen Sicht auf die Welt und ihre Zukunft.
Aber gleichzeitig gesellschaftliche Psychologie: ein Faktor, der mit dem
Bewusstsein zusammenhängt, aber doch von ihm zu unterscheiden ist; ein Faktor,
der in der Moral und in der Lebenseinstellung der Arbeiter, in ihrer
ansteckenden Solidarität, in ihrer Empathie mit anderen, in ihrer
Aufgeschlossenheit und im Lernen und in ihrer selbstlosen Hingabe zur
gemeinsamen Sache zum Ausdruck kommt.

Diese geistige
Verwandlung mag denen als utopisch und unmöglich erscheinen, welche die
Arbeiter nur durch das Prisma des Alltagslebens sehen, in dem sie sich als
atomisierte Roboter ohne die geringste Initiative oder Kollektivgefühl zeigen,
zerstört unter dem Gewicht der Konkurrenz und der Rivalität. Es ist aber genau
die Erfahrung des Massenkampfes und der Entwicklung der Arbeiterräte, die
aufzeigt, wie diese zur Triebkraft solcher Veränderungen werden, was Trotzki so
beschrieben hat: „Der Sozialismus stellt sich nicht die Aufgabe, eine
sozialistische Psychologie als Voraussetzung für den Sozialismus zu entwickeln,
sondern sozialistische Lebensbedingungen als Voraussetzung einer sozialistischen
Psychologie zu schaffen.“[25]

Die Vollversammlungen
und die von ihnen gewählten und ihnen gegenüber verantwortlichen Räte werden
sowohl das Gehirn als auch das Herz des Kampfes. Das Gehirn, damit Tausende von
Menschen laut denken und Entscheidungen nach einer Zeit des Nachdenkens treffen
können. Das Herz, damit diese Wesen aufhören, sich als verlorene Tropfen in
einem Meer von sich gegenseitig fremden, potentiell feindlichen Menschen zu
sehen, und stattdessen zu einem aktiven Teil einer großen Gemeinschaft werden,
die sie alle vereinigt und jede und jeden ihre Stärke und Unterstützung fühlen
lässt.

Indem der Sowjet sich
auf diese festen Grundlagen stellte, gab er dem Proletariat eine Macht, die den
bürgerlichen Staat herausforderte. Er wurde in zunehmendem Maße als
gesellschaftliche Kraft wahrgenommen: „In dem Maße, wie der Oktoberstreik sich
entwickelte und ausbreitet, wurde der Rat naturgemäß zum Mittelpunkt der
allgemeinen politischen Aufmerksamkeit. Seine Bedeutung wuchs von Stunde zu
Stunde. Vor allem schloss sich ihm das industrielle Proletariat an. Der
Einsbahnerverband knüpfte enge Beziehungen zu ihm an. Der „Verband der
Verbände“, der sich seit dem 27. Oktober dem Streik angeschlossen hatte, war
schon von den ersten Schritten an gezwungen, das Protektorat des Rates anzuerkennen.
Zahlreiche Streikkomitees (…) passten ihre Handlungen den Beschlüssen des Rates
an.“[26]

Viele anarchistische
und rätistische Autoren haben die Sowjets als Fahnenträger einer
föderalistischen Ideologie dargestellt, die auf die lokale und auf
Betriebsebene beschränkte Autonomie baue und dem angeblich „autoritären und einschränkenden“
Zentralismus, der dem Marxismus eigen sei, entgegenstehe. Ein Gedanke von
Trotzki beantwortet diese Einwände: „Die Rolle Petersburgs in der russischen
Revolution kann keineswegs mit der von Paris in der Revolution des 18.
Jahrhunderts verglichen werden. Die allgemeine ökonomische Rückständigkeit
Frankreichs und die Primitivität ihrer Verkehrsmittel einerseits, die Zentralisation
der Verwaltung andererseits erlaubten es Paris, die Revolution ihrem Wesen nach
innerhalb seiner Mauern zu lokalisieren. Ganz anders bei uns. Die
kapitalistische Entwicklung hatte in Russland so viele selbständige
revolutionäre Herde entstehen lassen, als sie Zentren der Großindustrie
geschaffen hatte. Diese Herde waren selbständig, aber doch eng miteinander
verbunden.“[27]

Hier sehen wir in der
Praxis, was proletarische Zentralisierung bedeutet. Sie ist das Gegenteil der
bürokratischen und lähmenden Zentralisierung, die charakteristisch für den
Staat und allgemein für die ausbeutenden Klassen in der ganzen Geschichte ist.
Die proletarische Zentralisierung beruht nicht auf der Einschränkung der
Initiative und der Spontaneität der verschiedenen Bestandteile; vielmehr
fördert sie sie mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, um ihre Entwicklung
zu unterstützen. Wie Trotzki erwähnt: „Die Eisenbahn und der Telegraph
dezentralisierten die Revolution trotz des zentralisierten Charakter des
Staates, zugleich aber brachten sie Einheit in alle ihre lokalen Erscheinungsformen.
Wenn man auch schließlich die Stimme Petersburgs als die von überragendster
Bedeutung anerkennen kann, so doch nicht in dem Sinne, dass diese Stimme die
Revolution auf dem Newsky–Prospekt oder bei dem Winterpalais konzentrierte, sondern
einzig und allein so, dass die Losungsworte und Kampfmethoden der Hauptstadt
mächtigen revolutionären Widerhall im ganzen Lande geweckt haben.“[28]

Der Sowjet war das
Rückgrat dieser massenhaften Zentralisierung: „(…) so müssen wir in Petersburg
selbst den Arbeiter–Delegiertenrat an die Spitze stellen“, fährt Trotzki
weiter: „Nicht nur deshalb, weil dies die größte Arbeiterorganisation ist, die
Russland bisher sah, auch nicht deshalb, weil der Petersburger Rat für Moskau,
Odessa und eine Reihe anderer Städte mustergültig war, sondern vor allen Dingen
deshalb, weil diese rein proletarische Klassenorganisation als die Organisation
der Revolution par excellence auftrat. Der Rat war die Achse, um die sich alle
Ereignisse bewegten, zu ihm zogen alle Fäden hin, von ihm ging jeder Kampfruf
aus.“[29]

Die
Rolle der Sowjets in der Schlussphase der Bewegung

Ende Oktober 1905 wurde klar, dass die
Bewegung vor der Wahl steht: entweder Aufstand oder niedergeschlagen werden.

Es ist nicht das Ziel
dieses Artikels, die Umstände zu analysieren, die zum zweiten Resultat führten[30]: Die
Bewegung endete in der Tat mit einer Niederlage, und das zaristische Regime –
noch einmal Herr der Lage – entfesselte eine grausame Repression. Und doch war
die Weise, in der das Proletariat einen entschlossenen, heroischen und
gleichzeitig völlig bewussten Kampf führte, eine Vorbereitung auf die Zukunft.
Die schmerzliche Niederlage im Dezember 1905 bereitete die zukünftige
Revolution von 1917 vor.

Der Petersburger
Sowjet spielte dabei eine entscheidende Rolle: Er tat alles, was möglich war,
um eine unvermeidliche Konfrontation unter den bestmöglichen Bedingungen
vorzubereiten. Er bildete Arbeiterpatrouillen mit anfänglich defensivem
Charakter (gegen die Strafexpeditionen der Schwarzhundertschaften, die der Zar
aus dem Bodensatz der Gesellschaft auf die Beine gestellt hatte), stellte
Waffendepots auf und organisierte und bildete Milizen aus.

Aber gleichzeitig
wies der Petersburger Sowjet aus der Erfahrung der Arbeiteraufstände des 19.
Jahrhunderts[31] darauf
hin, dass der Schlüssel zur Situation die Haltung der Truppen war, weshalb sich
der Hauptteil seiner Bemühungen auf die Frage konzentrierte, wie man die
Soldaten für die eigene Sache gewinnen konnte
.

Und tatsächlich
fielen die Aufrufe und die Flugblätter an die Armeen, die Einladungen an die
Truppen, sich an den Sitzungen des Sowjets zu beteiligen, nicht ins Leere. Sie
stellten in einem gewissen Grad ein Echo auf die wachsende Unzufriedenheit
unter den Soldaten dar, welche in der Meuterei auf dem Panzerkreuzer Potemkin
(verewigt durch den berühmten Film) oder im Aufstand der Kronstädter Garnison
im Oktober gipfelten.

Im November 1905 rief
der Sowjet zu einem massenhaft befolgten Streik auf, dessen Ziele direkt
politisch waren: das Ende des Kriegsrechts in Polen und die Aufhebung des
militärischen Sondergerichts, das die Seeleute und die Soldaten von Kronstadt
verfolgte. Dieser Streik konnte Teile der Arbeiterklasse mobilisieren, die
bisher nie gekämpft hatten, und wurde von den Soldaten mit enormer Sympathie
aufgenommen. Doch offenbarte der Streik auch die Erschöpfung der Kampfkraft der
Arbeiter und eine mehrheitlich passive Haltung unter den Soldaten und Bauern,
besonders in den Provinzen, was zum Misserfolg des Streiks führte.

Im Oktober und
November ergriff der Sowjet zwei scheinbar paradoxe Maßnahmen, die aber
lediglich der Vorbereitung der Konfrontation dienten. Sobald der Sowjet
verstanden hatte, dass der Oktober–Streik am Abklingen war, schlug er den
Arbeiterversammlungen vor, dass alle Arbeiter geschlossen die Arbeit wieder
aufnehmen
. Es war ein Akt der Stärke, der die Entschlossenheit und bewusste
Disziplin der Arbeiter zum Ausdruck brachte. Dies geschah im November, bevor
die Bewegung schwächer wurde. Diese Aktion war ein Mittel zur Schonung der
Kräfte vor der allgemeinen Konfrontation und zeigte dem Feind die Stärke und
die unerschütterliche Einheit der Kämpfenden.

Sobald die russische
liberale Bourgeoisie sich der proletarischen Macht bewusst wurde, schloss sie
die Ränge um das zaristische Regime. Dieses Regime fühlte sich nun gestärkt und
fing mit der systematischen Jagd auf die Sowjets an. Bald wurde klar, dass die
Arbeiterbewegung in den Provinzen sich auf dem Rückzug befand. Trotzdem warf
sich das Moskauer Proletariat in den Aufstand, der erst nach 14 Tagen heftigen
Kampfes niedergeschlagen wurde.

Diese Niederschlagung
des Moskauer Aufstands war der Schlussakt von dreihundert Tagen Freiheit,
Brüderlichkeit, Organisierung und Gemeinschaft, wie sie „einfache Arbeiter“
erlebten, welche die liberalen Intellektuellen so zu nennen beliebten. Während
den letzten zwei Monaten hatten diese „einfachen Arbeiter“ eine einfache und
bewegliche Struktur, die Sowjets, errichtet, die innerhalb kurzer Zeit eine unermessliche
Macht verkörperte. Aber am Ende der Revolution schienen sie spurlos und für
immer verschwunden zu sein. Abgesehen von revolutionären Minoritäten und den
Gruppen fortgeschrittener Arbeiter sprach niemand mehr über sie. Und doch kamen
sie 1917 auf die gesellschaftliche Bühne mit universellem Anspruch und
unwiderstehlicher Kraft zurück. Wir werden darauf im unserem folgenden Artikel
eingehen.

C.Mir, 5.11.2009


[1]Der
I. Kongress der Kommunistischen Internationale, Protokoll der Verhandlungen in
Moskau vom 2. bis zum 19. März 1919
, Verlag der Kommunistischen
Internationale, Hamburg, 1921

[2]
Das Wort „Sowjet“ ist heute verknüpft mit dem barbarischen
staatskapitalistischen Regime der ehemaligen UdSSR, und das Wort „sowjetisch“
ist synonym mit dem russischen Imperialismus der langen Zeit des Kalten Krieges
(1945–89).

[3]Obwohl
Marx die Commune als „die endlich gefundene Form der Diktatur des Proletariats“
bezeichnete und sie bemerkenswerte und vorankündigende Gemeinsamkeiten mit dem
aufwies, was später die Sowjets werden sollten, ist die Pariser Commune eher
verwandt mit den radikaldemokratischen Organisationsformen der städtischen
Massen in der Französischen Revolution: „Die Initiative zur Ausrufung der
Kommune ging vom Zentralkomitee der Nationalgarde aus, das an der Spitze eines
Systems von Soldatendelegiertenräten stand, die sich in den einzelnen Einheiten
gebildet hatten. Die Bataillonsklubs als unterste Organe wählten einen
Legionsrat, der je 3 Vertreter in das 60–köpfige ZK entsandte. Außerdem war
eine Generalversammlung aus Vertretern der Kompanien vorgesehen, die einmal
monatlich zusammentreten sollte. Alle Delegierten waren jederzeit abberufbar.“
(Oskar Anweiler,
Die Rätebewegung in Russland
1905–1921
, Leiden, 1958, S. 15)

[4]Zitat
von Trotzki aus seinem Vorwort zu F. Lassalles
Reden
vor dem Geschworenengericht
wiedergegeben in Trotzkis Schrift Ergebnisse
und Perspektiven
, 9. Kapitel Europa
und die Revolution
, http://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1906/erg–pers/9–europa.htm#top

[5]Wir
können hier nicht auf die Chronik der Ereignisse eingehen. Vgl. dazu
Internationale
Revue
Nr. 35, Vor 100 Jahren: Die Revolution
von 1905,
Teil 1, http://de.internationalism.org/revue35/2005_rr_1

[6]Das
Buch von Rosa Luxemburg
Massenstreik, Partei und
Gewerkschaften
beschreibt und analysiert mit großer
Schärfe die Dynamik der Bewegung mit ihren Höhen und Tiefen, in ihren
aufsteigenden Momenten und denjenigen des plötzlichen Rückflusses.

[7]Russland
war bei dieser Weltlage des Kulminationspunktes und beginnenden Niedergangs des
kapitalistischen Systems gefangen im Widerspruch zwischen dem Hindernis, das
der feudale Zarismus für die kapitalistische Entwicklung darstellte, und der
Notwendigkeit für die liberale Bourgeoisie, sich auf dieses System abzustützen,
und zwar nicht nur auf den bürokratischen Apparat zu ihrer Entwicklung, sondern
auch auf das Repressionsbollwerk gegen die nicht drängenden Ansprüche des
Proletariats. Vgl. dazu das Buch von Trotzki
1905.

[8]Volin
war ein anarchistischer Revolutionär, der dem Proletariat immer treu blieb und
auf der Grundlage einer internationalistischen Position jede Beteiligung am
Zweiten Weltkrieg ablehnte.

[9]„Eines
Abends, als wir wie gewöhnlich mit einigen Arbeitern – auch Nosar war dabei –
bei mir zu Hause saßen, kam jemand auf den Gedanken, eine kontinuierliche
Arbeiterorganisation ins Leben zu rufen: eine Art Komitee, oder vielmehr Rat,
der die Fortsetzung der Ereignisse genau verfolgen und als Verbindungsglied für
alle Arbeiter dienen sollte, der über die jeweilige Lage informieren sollte und
gegebenenfalls die revolutionären Arbeiter um sich scharen könnte.“ Volin,
Die
unbekannte Revolution
, Verlag Association, Kapitel 2, Seite
104 (Nosar war der erste Vorsitzende des Petersburger Sowjets im Oktober
1905)     

[10]Er
entstand am 13. Mai 1905 in der Industriestadt Iwanow–Wosnesensk im Zentrum
Russlands. Für weitere Details vgl. den Artikel in der
Internationalen
Revue
Nr. 37 über 1905 (2. Teil).

[11]Oskar
Anweiler,
Die Rätebewegung in Russland
1905–1921
, Leiden, 1958

[12]Fjodor
Fjodorowitsch Trepow, Berufsmilitär, war Chef der zaristischen Polizei in
Warschau von 1860 bis 1861, dann wieder von 1863 bis 1866. Er hatte in Petersburg
in den Jahren 1874–1880 die gleiche Funktion. Er war bekannt für seine brutalen
Repressionsmethoden, die insbesondere in der Unterdrückung der
Stundentenunruhen im Januar 1874 und der Demonstration vor der Kathedrale von
Kazan 1876 zum Ausdruck kamen.

[13]Trotzki,
1905, Der
Oktoberstreik
, I. Kapitel

[14]ebenda

[15]Andres
Nin,
Los Soviets en Russia,
S. 17 (unsere Übersetzung aus dem Spanischen)

[16]Trotzki,
1905, Der
Oktoberstreik
, II. Kapitel

[17]Ebenda,
III. Kapitel

[18]Soweit
hier aus Trotzki,
1905,
in der deutschen Übersetzung, herausgegeben von der Kommunistischen
Internationale, zitiert wird oder der Text sich auf solche Zitate bezieht, sind
die Daten nach dem (neuen) gregorianischen Kalender angegeben, das heißt: Für
die Umrechnung auf den 1905 in Russland noch geltenden julianischen Kalender
sind 13 Tage abzuziehen.

[19]a.a.O.,
Die Entstehung des Arbeiter–Delegiertenrates

[20]a.a.O.,
von Trotzki zitiert

[21]a.a.O.,
Der Oktoberstreik, III

[22]a.a.O.,
VI

[23]a.a.O.,
Die Entstehung des Arbeiter–Delegiertenrates

[24]a.a.O.

[25]Leo
Trotzki,
Ergebnisse und Perspektiven, Kapitel
7: Die Voraussetzungen des Sozialismus.
http://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1906/erg–pers/7–vorsoz.htm#top

[26]Leo
Trotzki, Die russische Revolution 1905,
Die
Entstehung des Arbeiter–Delegiertenrates

[27]a.a.O.

[28]a.a.O.

[29]a.a.O.

[30]Siehe
dazu insbesondere den Artikel in der
International Revue
Nr. 37 über 1905 und die Rolle der Sowjets (2. Teil):
http://de.internationalism.org/russ_rev1905 

[31]Insbesondere
aus den Barrikadenkämpfen, aus denen Engels in seiner
Einleitung
zu Marxens
Klassenkämpfen in Frankreich
die Schlussfolgerungen gezogen hatte; er schrieb diese Einleitung 1895, und sie
wurde sehr bekannt, weil die Kritik von Engels an den Barrikadenkämpfen von den
Opportunisten innerhalb der Sozialdemokratie benutzt wurde, um die Ablehnung
der Gewalt und den ausschließlichen Gebrauch parlamentarischer und
gewerkschaftlicher Mittel zu begründen.