Geschichte der Arbeiterbewegung: Was sind Arbeiterräte? Teil 3: Die Revolution von 1917 (Juli bis Oktober)

Von der Erneuerung der Arbeiterräte
zur Machtergreifung

In der Serie „Was sind Arbeiterräte?“ wollen wir auf die gestellte Frage
antworten, indem wir die historische Erfahrung des Proletariats analysieren. Es
geht nicht darum, die Räte als das unfehlbare Vorbild darzustellen, das es
einfach zu kopieren gelte. Vielmehr wollen wir die Schwächen und die Stärken
verstehen, so dass kommende Generationen mit diesem Wissen gerüstet weiter
fahren können.

Im ersten Artikel sahen wir, wie die Arbeiterräte erstmals in der
Revolution von 1905 in Russland auftauchten[1].
Im zweiten Artikel sahen wir, wie sie das Herzstück der Februarrevolution
waren, und wie sie im Juni-Juli 1917 in eine tiefe Krise gerieten, bis sie von
der bürgerlichen Konterrevolution in Geiselhaft genommen wurden[2].

Im dritten Artikel werden wir sehen, wie sie von den Massen der Arbeiter
und Soldaten zurück erobert wurden, die dann so die Macht im Oktober 1917
übernehmen konnten.

Nach der Niederlage des Julis plant
die Bourgeoisie die Zerstörung der Räte

Der Prozess einer Entwicklung ist niemals linear, weder in der Natur noch
in der menschlichen Gesellschaft, er ist vielmehr ein Weg voller Wiedersprüche,
Konvulsionen, dramatischer Rückschläge und Fortschritte. Diese Analyse kann auf
den Kampf des Proletariats angewendet werden, einer Klasse die per Definition
vom Eigentum an den Produktionsmitteln ausgeschlossen ist und keine ökonomische
Macht besitzt. Der Kampf des Proletariats ist der von Wiedersprüchen,
Konvulsionen, von scheinbaren Verlusten an für dauerhaft gehaltenen
Errungenschaften, mit langen Phasen der Apathie und Entmutigung.

Nach der Februarrevolution schienen die Arbeiter und Soldaten von einem
Sieg zum anderen zu springen, der Bolschewismus nahm an Einfluss zu. Die
Massen, besonders in der Gegend von Petrograd, bewegten sich in Richtung
Revolution. Es war wie eine reifende Frucht.

Im Juli gab es Momente der Zauderns, die typisch für den proletarischen
Kampf sind. „Unmittelbar hatten eine Niederlage die Arbeiter und Soldaten
Petrograds erlitten, die bei ihrem Vordringen einerseits auf das Unklare und
Widerspruchsvolle ihres eigenen Zieles, andererseits auf die Rückständigkeit
der Provinz und der Front gestoßen waren.“[3]

Die Bourgeoisie nutzte die Gelegenheit, um eine Offensive zu starten: Die
Bolschewiki wurden als deutsche Agenten[4]
gebrandmarkt und massenhaft verhaftet. Paramilitärische Banden wurden
organisiert, die die Bolschewiki auf der Straße physisch angriffen, den Boykott
ihrer Versammlungen organisierten, ihre Lokale und Druckereien zerstörten. Die
gefürchteten zaristischen Schwarzhunderter, die monarchistischen Zirkel, die
offiziellen Vereine gewannen wieder die Oberhand. Die Bourgeoisie, mit dem
Rückhalt der französischen und englischen Diplomatie, versuchte die Räte zu
zerstören und eine brutale Diktatur zu installieren[5].

Die Revolution erreichte einen Punkt, an dem eine Niederlage sehr
wahrscheinlich schien: “Vielen schien es, die Revolution habe sich erschöpft.
In Wirklichkeit hatte sich nur die Februarrevolution bis zur Neige erschöpft.
Diese innere Krise des Massenbewusstseins in Verbindung mit Repression und
Verleumdung führte zur Verwirrung und Rückzügen, manchmal panischer Art. Die
Gegner wurden kühner. In den Massen selbst kam alles Rückständige, Träge, mit
den Erschütterungen und Entbehrungen Unzufriedene nach oben.“[6]

Die Bolschewiki inspirieren die
Antwort der Massen

Wie auch immer, in dieser schwierigen Zeit bewiesen die Bolschewiki, dass
sie ein proletarischer Fels in der Brandung waren. Verfolgt, verleumdet,
erschüttert durch die heftigen Debatten innerhalb der Organisation und durch
Austritte vieler Mitglieder, wurden sie nicht schwach und verfielen nicht dem
Chaos. Sie konzentrierten ihre Kräfte, um die Lehren aus den Niederlagen zu
ziehen, ganz besonders die wesentliche Lehre: Weshalb waren die Räte zu Geiseln
der Bourgeoisie geworden? Bis hin zur Gefahr ihres Verschwindens?

Von Februar bis Juli gab es eine Doppelmacht. Die Sowjets (Räte)
waren auf der einen Seite, auf der anderen war der bürgerliche Staat, welcher
noch nicht zerstört worden war und immer noch genug Reserven hatte, um sich
ganz zu erholen. Die Ereignisse im Juli zerstörten das unmögliche Gleichgewicht,
das zwischen den Sowjets und der Staatsmacht existierte. „(…) der Generalstab
und die Kommandospitzen der Armee haben mit der mehr oder weniger bewussten
Hilfe Kerenskis, den sogar die angesehensten Sozialrevolutionäre jetzt einen
Cavaignac[7] nennen, die tatsächliche
Staatsmacht ergriffen und sind dazu übergegangen, gegen revolutionäre
Truppenteile an der Front mit Waffengewalt vorzugehen, revolutionäre Truppen
und Arbeiter in Petrograd und Moskau zu entwaffnen, in Nishni-Nowgorod
niederzuschlagen und zu unterdrücken, die Bolschwiki zu verhaften und ihre
Zeitungen nicht nur ohne Gerichtsverfahren, sondern auch ohne
Regierungsverfügung mundtot zu machen. (….) der wahre Inhalt der Politik der
Militärdiktatur, die heute herrscht und von den Kadetten und Monarchisten
unterstützt wird, (besteht) darin (…), die Auseinanderjagung der Sowjets
vorzubereiten“[8]. 

Lenin wies auch nach, wie die Menschewiki und Sozialrevolutionäre „die
Sache der Revolution endgültig verraten, sie den Konterrevolutionären
ausgeliefert und sich und ihre Parteien sowie die Sowjets zum Feigenblatt der
Konterrevolution gemacht“ haben[9].

Unter solchen Umständen waren „alle Hoffnungen auf eine friedliche
Entwicklung der russischen Revolution (…) endgültig verschwunden. Die objektive
Lage ist so: entweder voller Sieg der Militärdiktatur oder Sieg des bewaffneten
Aufstandes mit einer machtvollen Erhebung der Massen (…) Die Losung „Alle Macht
den Räten“ war die Losung der friedlichen Entwicklung der Revolution, die
möglich war im April, im Mai und im Juni, bis zum 5.-9. Juli“[10].

In seinem Buch „Die Rätebewegung in Russland 1905-1921“ griff Anweiler[11] auf diese Analyse zurück, um
zu beweisen versuchen, dass „Damit (…) zum erstenmal in  kaum verhüllter Form das Ziel der alleinigen
Machteroberung durch die Bolschewiki proklamiert (war), das bisher immer hinter
der Losung „Alle Macht den Räten“ verborgen blieb.“[12]

Hier tritt nun die oft wiederholte Anklage zu Tage, dass „Lenin sich der
Sowjets taktisch bedient“ habe, um die absolute Macht zu erringen. Wenn man
aber genauer den Artikel betrachtet, den Lenin in der Folge dieser Ereignisse
schrieb, sieht man, dass seine Sorge eine gänzlich andere war, als die, welche
Anweiler Lenin zuschreibt: „Er versuchte, die Räte aus der Krise, in welcher
sie sich befanden, herauszuholen, er wollte sie vom falschen Pfad abbringen,
der zu ihrer Auflösung geführt hätte.“

Im Artikel Zu den Losungen äußerte sich Lenin unmissverständlich:
“Eben das revolutionäre Proletariat muss, nach der Erfahrung vom Juli 1917, die
Staatsmacht selbständig in seine Hände nehmen – anders ist der Sieg der
Revolution nicht möglich. Die Macht in den Händen des Proletariats, das
von der armen Bauernschaft oder den Halbproletariern unterstützt wird, dies ist
der einzige Ausweg (…) Sowjets können und müssen in dieser neuen Revolution in
Erscheinung treten, aber nicht die jetzigen Sowjets, nicht Organe des
Paktierens mit der Bourgeoisie, sondern Organe des revolutionären Kampfes gegen
die Bourgeoisie. Dass wir auch dann für den Aufbau des ganzen Staates nach dem
Typ der Sowjets eintreten werden, das stimmt. Das ist nicht eine Frage der
Sowjets schlechthin, sondern eine Frage des Kampfes gegen die gegenwärtige
Konterrevolution und gegen den Verrat der gegenwärtigen Sowjets.“[13] Er behauptet: „Ein neuer
Zyklus fängt an, einer, der die alten Klassen, Räte, Parteien nicht
miteinschließt. Aber im Feuer des Kampfes verjüngte Klassen, Parteien und Räte,
welche im Prozess des Kampfes geschult, gehärtet und  umgestaltet werden.“ Und weiter präzisierte
er: „Es beginnt ein neuer Zyklus, in den nicht die alten Klassen, nicht die
alten Parteien und nicht die alten Sowjets eintreten, sondern die im Feuer des
Kampfes erneuerten, durch den Verlauf des Kampfes gestählten, geschulten und
umgeformten.“[14]

Diese Schriften Lenins waren Teil einer stürmischen Debatte innerhalb der
bolschewistischen Partei, einer Debatte, welche sich am Sechsten Parteikongress
zuspitzte. Er fand vom 26. Juli bis zum 3. August unter absoluter Geheimhaltung
statt - ohne Lenin und Trotzki, die von der Polizei am meisten gesucht wurden.
An diesem Kongress wurden drei Positionen vertreten: Die erste, die unter dem
Eindruck der Juli-Niederlage und dem Abdriften der Sowjets stand, trat offen
dafür ein, „sie aufzugeben“ (Stalin, Molotow, Sokolnikow); die zweite Position
unterstütze vehement die alte Position „Alle Macht den Räten“; und die dritte
vertrat, dass man sich auf die „Basis“-Organisationen stützen soll (Fabrikräte,
Territorialräte, Quartierräte), um so die kollektive Macht der Arbeiter
wiederherzustellen.

Mitte Juli beginnen sich die Massen
wieder zu erholen

Diese dritte Position sollte den Nagel auf den Kopf treffen. Ab Mitte Juli
begannen die „Basis-Sowjets“ für eine Erneuerung der Sowjets zu kämpfen.

Im zweiten Artikel dieser Serie sahen wir, wie die Massen mit
verschiedenartigen Sowjetorganisationen sich als großes Netzwerk rund um die
Sowjets gruppierten. Dies drückte ihre Einheit und Stärke aus.[15] Die Spitze der Sowjets – die
Sowjets in den Städten – standen nicht einer passiven großen Masse vor; im Gegenteil
es gab ein intensives kollektives Leben, das sich in Tausenden von
Versammlungen konkretisierte, die von Fabrikräten, Bezirks-Sowjets,
überregionalen Versammlungen, Konferenzen, formellen und informellen
Versammlungen einberufen wurden ... In seinen Memoiren gibt uns Suchanow[16] einen Einblick in die
Stimmung, die an den Konferenzen der Petrograder Fabrikräten herrschte. „Am 30.
Mai fand in den Weißen Hallen eine Konferenz von Werkstatt- und Fabrikkomitees
aus der Hauptstadt und Umgebung statt. Diese Konferenzen wurden von der „Basis“
aus organisiert. Die Planung wurde in den Fabriken ausgearbeitet ohne
irgendwelche Teilnahme der offiziellen Organe, die für Arbeitsfragen zuständig
waren, nicht einmal die Organe der Sowjets beteiligten sich daran. (...) Die
Konferenz war wirklich repräsentativ: Arbeiter, die direkt von ihren
Arbeitsplätzen kamen, beteiligten sich in großer Zahl an diesen Arbeiten.
Während zwei Tagen diskutierte man in diesem Arbeiterparlament über die Krise
und den Zusammenbruch des Landes.“[17]

Selbst in den schlimmsten Augenblicken, welche den Julitagen folgten,
konnten die Massen ihre Organisationen aufrechterhalten, die weniger von der
Krise betroffen waren, als die „großen Sowjetorgane“: der Petrograder Sowjet,
der Kongress der Sowjets und sein Exekutivkomitee, das ZEK (Zentrale
Exekutivkomitee).

Zwei zusammengehörende Gründe erklären diesen Unterschied: Erstens kann man
festhalten, dass die Sowjetorganisationen „von unten“ direkt aufgrund des
Druckes den die Massen ausübten, einberufen wurden. Sie waren sich der Probleme
und Gefahren bewusst und diese Versammlungen dauerten demnach nur ein paar
Stunden. Die Situation der Sowjetorganisationen „von oben“ unterschied sich
beträchtlich davon: „Im gleichen Maße jedoch, in dem die Arbeit des Sowjets gut
zu funktionieren begann, verlor er zu einem beträchtlichen Teil den
unmittelbaren Kontakt mit den Massen. Die Plenarsitzungen, die in den ersten
Wochen fast täglich stattgefunden hatten, wurden seltener und von den
Deputierten oft nur schwach besucht. Die Sowjetexekutive verselbständigte sich
zusehends, auch wenn sie nach wie vor einer gewissen Kontrolle durch die
Deputierten unterstand, die das Recht hatten, sie abzulösen.“[18]

Zweitens konzentrierten sich Menschewiki und Sozialrevolutionäre in den
Kernen der großen bürokratischen Sowjetorgane. Suchanow beschreibt die Stimmung
im Petrograder Sowjet, die von Intrigen und Manipulationen beherrscht war: Das
Präsidium des Sowjets, der in seinem Ursprung ein Organ des inneren
Verfahrensablaufs war, tendierte dazu die Funktionen des Exekutivkomitees
einzunehmen und es zu ersetzen. Unter anderem verstärkt es sich mit einer wenig
versteckten sogenannten „Kammer der Sterne“. Dort findet man die Mitglieder des
Präsidiums wieder und eine Art Kamarilla, die aus devoten Freunden von
Tschcheidse und Zereteli zusammengesetzt ist. Letzterer ist ein
Verantwortlicher der diktatorischen Verhaltensweisen innerhalb der Sowjets, mit
aller Ehr- und Würdelosigkeit, die das mit sich bringt.

Die Bolschewiki hingegen betrieben eine aktive und tägliche Intervention in
die Basisorgane der Sowjets. Ihre Gegenwart war sehr dynamisch, sie waren oft
die Ersten, die den Versammlungen Debatten oder die Annahme von Resolutionen
vorschlugen, die es den Massen ermöglichten, dadurch ihren Willen und ihre
Fortschritte auszudrücken.

Am 15. Juli fand eine Demonstration von Arbeitern aus den großen Betrieben
von Petersburg statt, die sich vor dem Gebäude des Sowjets zusammenfanden. Die
Verleumdungen gegen die Bolschewiki wurden angeprangert und die Freilassung der
Gefangenen gefordert. Am 20. Juli forderte die Betriebsversammlung der
Rüstungsarbeiter von Sestroretsk die Auszahlung der Löhne, welche aufgrund
ihrer Teilnahme an den „Julitagen“ zurückgehalten wurden. Sie verwendeten das
Geld, welches sie erstritten hatten, für die Presse gegen den Krieg. Trotzki
erzählt, wie am 24. Juli, „eine Versammlung der Arbeiter aus 27 Betrieben des
Bezirks Peterhof eine Resolution verabschiedete, die gegen die
verantwortungslose Regierung und seine konterrevolutionäre Politik
protestierte.“[19]

Trotzki unterstreicht auch, dass am 21. Juli Soldatendelegationen von der
Front in Petrograd ankamen. Sie waren erschöpft von den durchgemachten
Entbehrungen und der Repression, welche die Offiziere gegen die bekanntesten von
ihnen entfesselt hatten. Sie richteten sich an das Exekutivkomitee des Sowjets,
das ihnen keinerlei Beachtung schenkte. Mehrere bolschewistische Militante
rieten ihnen darauf, mit den Betrieben, den Regimentern der Soldaten und
Matrosen Kontakt aufzunehmen. Der Empfang war total anders: Sie wurden wie
Brüder aufgenommen, ernährt und beherbergt. „An einer Konferenz die niemand von
oben einberufen hatte, weil sie von unten entstanden war, beteiligten sich
Delegierte aus 29 Regimentern, 90 Betrieben, Matrosen von Kronstadt und
Garnisonen aus der Vorstadt.

Im Mittelpunkt der Konferenz standen die Delegierten die von den
Schützengräben kamen, es waren auch einige junge Offiziere darunter. Die
Arbeiter von Petrograd hörten gespannt zu und versuchten kein Wort zu verpassen
von dem, was die Delegierten sagten. Diese erzählten, wie die Offensive und
ihre Konsequenzen die Revolution auffraßen. Dunkle Soldatengestalten, die
keineswegs Agitatoren waren, beschrieben mit einfachen Worten, den grauen
Alltag an der Front. Diese Einzelheiten waren sehr aufwühlend, weil es klar das
wiederaufkommen der am Meisten verhassten Züge des alten Regimes aufzeigte“,
beschreibt Trotzki und fügt anschließend hinzu: „Auch wenn bei den Delegierten
von der Front die Sozialrevolutionäre in der Mehrheit waren, wurde eine scharfe
bolschewistische Resolution angenommen. Es gab nicht mehr als vier
Enthaltungen. Die angenommene Resolution blieb nicht folgenlos: Einmal
getrennt, erzählten die Delegierten die Wahrheit, wie sie von den versöhnlerischen
Führern zurückgestoßen wurden und wie sie von den Arbeitern empfangen wurden“[20].

Der Sowjet von Kronstadt – einer der Vorposten der Revolution – ließ sich
auch vernehmen. „Am 20. Juli verlangte eine Versammlung am Ankerplatz, dass die
Sowjets wieder an die Macht gesetzt werden, dass die Kosaken, die Polizisten
und die Feldwebel der Stadt an die Front geschickt werden. Sie fordern weiter
die Abschaffung der Todesstrafe, die Zulassung von Delegierten aus Kronstadt zu
Tsarskoié-Sélo um zu überprüfen, ob Nikolaus II in seiner Haft auch wirklich
genügend streng überwacht wird, die Ausweisung der „Todesschwadronen“, die
Konfiszierung der bürgerlichen Presse etc.“[21]
In Moskau hatten die Fabrikräte gemeinsam mit den Regimentskomitees
entschieden, Sitzungen abzuhalten und Ende Juli eine Konferenz der Fabrikräte
abzuhalten, bei der Delegierte der Soldaten eingeladen waren; dort wurde eine
Resolution angenommen, welche die Regierung anprangerte und die Forderung
„neuer Sowjets um die Regierung zu ersetzen“ aufstellte. Nach den Wahlen am 1.
August, hatten sechs der zehn Stadtteilräte in Moskau eine bolschewistische
Mehrheit. Gegenüber der von der Regierung bestimmten Preiserhöhungen und der
Schließung von Betrieben, die von den Unternehmern beschlossen wurden, begannen
Streiks und Demonstrationen sich rasch zu vermehren. Daran nahmen auch Sektoren
der Arbeiterklasse teil, die bisher als „rückständig“ galten (Papier, Gerberei,
Kautschuk,  Hausmeister etc.).

Aus der Arbeitersektion des Sowjets von Petrograd rapportiert Suchanow eine
wichtige Begebenheit: „Die Arbeitersektion des Sowjets gründete ein Präsidium,
welches sie vorher nicht besaß. Dieses Präsidium war aus Bolschewiken
zusammengesetzt.“[22]

Im August fand in Moskau eine nationale Konferenz statt, deren Ziel es war,
wie Suchanow es anprangerte: „die Sowjets zu zwingen, vor dem Willen der
restlichen Bevölkerung zurückzuweichen, die nichts als die ‚nationale Einheit‘
wolle (…) die Regierung zu befreien von allen Arten von Arbeiter- und
Bauernorganisationen, von Zimmerwaldern, halb deutschen, halb jüdischen und
anderen Verbrechergruppen“.

Die Arbeiter nahmen die Gefahr wahr, und zahlreiche Versammlungen stimmten
für Anträge, die den Generalstreik vorschlugen. Der Moskauer Sowjet verwarf
diese Anträge mit 364 gegen 304 Stimmen, aber die Stadtteilsowjets
protestierten gegen diese Entscheidung: „die Betriebe verlangten unverzüglich
Neuwahlen für den Sowjet von Moskau, der sich nicht nur von den Massen entfernt
hatte, sondern in einer schwerwiegenden Gegnerschaft zu ihnen stand. Im Sowjet
des Kreises von Zamoskvorietchie (Vorort von Moskau, südlich der Moskwa),
forderte er in Übereinstimmung mit den Fabrikkomitees, dass die Abgeordneten,
welche gegen die Richtung „des Willens der Arbeiterklasse“ marschierten,
ersetzt werden und dies mit einem Stimmenverhältnis von 175 gegen 4, mit 19
Enthaltungen!“[23] Mehr als 400‘000 Arbeiter
traten in den Streik, der sich auf andere Städte wie Kiew, Kostrava und
Tsatarin ausweitete.

Die Mobilisierung und
Selbstorganisation der Massen verhindert den Militärstreich von Kornilow

Was wir hier aufzählen, ist nur eine kleine Anzahl von wichtigen
Ereignissen, ist die Spitze des Eisbergs, die den breiten Prozess des
Wendepunkts aufzeigen, gegenüber den Verhaltensweisen von Februar bis Juni. Das
Verhalten war noch von vielen Illusionen und einer gewissen Passivität geprägt,
da die Mobilisierungen entweder auf den Arbeitsplatz, die Stadtteilen oder auf
die Stadt beschränkt blieben:

– Die gemeinsamen Versammlungen der Arbeiter und Soldaten, offen auch für Bauerndelegierte,
vermehrten sich ständig. Die Konferenzen der Stadtteilsowjets und Betriebe
luden zu ihrer Arbeit auch Soldaten und Matrosen ein;

– das wachsende Vertrauen zu den Bolschewiki: Im Juli wurden sich noch
verleumdet, jetzt wuchs die Empörung gegenüber ihrer Verfolgung, dies förderte
die immer weiter um sich greifende Glaubwürdigkeit ihrer Analysen und Losungen;

– die Häufung der Forderungen, welche neue Sowjets und die Machtübernahme
wollten. Die Bourgeoisie merkte, dass ihr Erfolg vom Juli sich in Rauch
auflösen könnte. Die Niederlage an der nationalen Moskauer-Konferenz, war ein
schwerer Schlag. Die englischen und französischen Botschaften drängten darauf,
„entscheidende“ Maßnahmen zu treffen. In diesem Zusammenhang taucht der „Plan“
des Militärstreichs des General Kornilow auf.[24]
Suchanow unterstreicht: „Miljukow, Rodzianko und Kornilow, sie verstanden! Noch
erstaunt, bereiteten diese Helden der Revolution in aller Eile, aber geheim
ihre Aktion vor. Um einen Stimmungswechsel in der Öffentlichkeit
herbeizuführen, verleumdeten sie einen Betrieb, der den Bolschewiki nahe
stand.“[25]

Wir können an dieser Stelle nicht auf alle Einzelheiten der Operation
eingehen.[26] Das Wichtige ist, dass die
gewaltige Mobilisierung der Arbeiter- und Soldatenmasse dazu führte, die
Militärmaschine zu paralysieren.
Was hervorsticht, ist, dass diese Reaktion
auf den Militärstreich, eine organisatorische Anstrengung verlangte, welche die
Sowjets erneuerte und diese in die Lage versetzte, die Machteroberung in
Angriff zu nehmen.

In der Nacht vom 27. August schlägt der Petrograder Sowjet die Bildung
eines Militärischen Revolutionskomitees vor, das die Hauptstadt verteidigen
sollte. Die bolschewistische Minderheit akzeptierte den Vorschlag, aber fügte
hinzu, dass ein solches Organ „sich auf den Massen der Arbeiter und Soldaten
abstützen muss“.[27] Im Laufe der folgenden Session
machten die Bolschewiki einen neuen Vorschlag, der nur mit großem Vorbehalt von
der menschewistischen Mehrheit akzeptiert wurde: „das Verteilen der Waffen in den
Fabriken und den Arbeiterstadtteilen“[28].
Kurz danach führte dies dazu, dass „in den Arbeiterstadtteilen, gemäß der
Arbeiterpresse, ‚sich beeindruckende Warteschlangen bildeten, von Männern, die
der Roten Garde angehören wollten.’ Kurse wurden gegeben, wie man mit einem
Gewehr umgeht und schießt. Man ließ erfahrene Soldaten kommen, die das Ganze
überwachen sollten. Ab dem 29. formierten sich in fast allen Stadtteilen
Kompanien (druschiny). Die Rote Garde erklärte sich bereit, unverzüglich 40‘000
bewaffnete Männer bereitzustellen (...) Die riesigen Putilow-Werke werden das
Zentrum des Widerstands des Bezirks Peterhof. In aller Eile werden
Kampfverbände gegründet. Es wird Tag und Nacht gearbeitet: Neue Kanonen werden
gebaut, um proletarische Artilleriedivisionen zu bilden.“[29]

In Petrograd, „fanden sich die Bezirkssowjets enger zusammen und
beschlossen: die Beratung der Bezirke in Permanenz zu erklären; eigene
Vertreter dem vom Exekutivkomitee gebildeten Stab anzugliedern; eine
Arbeitermiliz zu schaffen; die Regierungskommissare unter Kontrolle der
Bezirkssowjets zu stellen; fliegende Abteilungen zu organisieren zwecks
Festnahme konterrevolutionärer Agitatoren“[30]
Diese Maßnahmen bedeuteten „nicht nur Aneignung von bedeutenden Funktionen der
Regierung, sondern auch von Funktionen des Petrogrades Sowjets (…) Das
Eintreten der Petrograder Bezirke in die Arena des Kampfes veränderte jäh
dessen Richtung und Schwung. Wieder bewies die Erfahrung die unerschöpfliche
Lebensfähigkeit der Sowjetorganisation: von oben durch die Leitung der
Versöhnler paralysiert, erwachte sie im kritischen Moment unter dem Vorstoß der
Massen von unten zu neuem Leben
.“[31]

Diese Verallgemeinerung der Selbstorganisation der Massen breitete sich
über das ganze Land aus. Trotzki zitiert den Fall von Helsingfors, wo „eine
Generalversammlung sämtlicher Sowjetorganisationen ein Revolutionskomitee
(schuf), das in das Generalgouvernement, die Kommandantur, Konterspionage und
in andere wichtige Institutionen seine Kommissare entsandte. Von nun an hatte
kein Befehl ohne deren Unterschrift Gültigkeit. Telegraph und Telephon werden
unter Kontrolle gestellt“[32], und es geschah etwas
Bedeutsames: „Am nächsten Tage erscheinen im Komitee gemeine Kosaken mit der
Erklärung, das gesamte Regiment sei gegen Kornilow. Kosakenvertreter werden zum
erstenmal in den Sowjet eingeführt.“[33]

September 1917: die Gesamterneuerung
der Sowjets

Die Niederschlagung des Kornilow-Putsches zog eine drastische Veränderung
des Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen nach sich: Die provisorische
Regierung von Kerensky spielte dabei gar keine Rolle. Die Massen übernahmen das
Steuerrad bei diesen Ereignissen, indem sie ihre kollektiven Organe verstärkten
und wiederbelebten. Ihre Antwort auf Kornilow war „der Anfang einer radikalen
Umwälzung der ganzen Dynamik, eine Rache für die Juli-Tage. Der Sowjet war
wieder geboren!“[34].

Die Zeitung der Kadetten-Partei[35]
Retsch lag nicht falsch, als sie feststellte: „Auf den Straßen sind
bereits Massen von bewaffneten Arbeitern, die den friedlichen Einwohnern einen
Schrecken einjagen. Im Sowjet verlangten die Bolschewiki energisch die
Freilassung ihrer verhafteten Genossen. Alle sind überzeugt, dass die
Bolschewiki, wenn die Bewegung des Generals Kornilow beendet sein wird, obwohl
in der Minderheit im Sowjet ihre ganze Energie darauf verwenden werden, den
Sowjet zu zwingen, mindestens teilweise den Weg ihres Programms zu
beschreiten.“

Retsch irrte sich jedoch in
einer Hinsicht: Es waren nicht die Bolschewiki, die den Sowjet zwangen, ihr
Programm umzusetzen, sondern es waren die Massen die die Sowjets zwangen, das
bolschewistische Programm anzunehmen.

Die Arbeiter hatten enormes Vertrauen in sich selbst gewonnen und wollten
dies in der vollständigen Erneuerung der Sowjets umsetzen. In einer Stadt nach
der anderen, in einem Sowjet nach dem anderen wurden in einem atemberaubenden
Prozess die alten sozialverräterischen Mehrheiten beseitigt, und Sowjets mit
Mehrheiten von bolschewistischen und anderen revolutionären Delegierten (linken
Sozialrevolutionären, internationalistischen Menschewiki, Anarchisten) wurden
nach Debatten und massenhaften Wahlen neu bestellt.

Suchanow beschreibt den Geisteszustand der Arbeiter und Soldaten wie folgt:
„Getrieben vom Klasseninstinkt und in gewisser Weise durch das
Klassenbewusstsein; unter dem organisierten Einfluss der Bolschewiki;
kriegsmüde und der durch den Krieg verursachten Leiden überdrüssig; enttäuscht
von der Sinnlosigkeit der Revolution, die ihnen bis jetzt noch nichts gebracht
hatte; verärgert über die Herrschenden und die Regierung, die sehr wohl bequem
lebten; vom Wunsch beseelt, endlich die errungene Macht zu gebrauchen; drängten
sie danach, in die Entscheidungsschlacht zu stürzen“[36].

Die Episoden dieser Rückeroberung und Erneuerung der Sowjets sind lang: „In
der Nacht zum 1. September nahm der Sowjet, noch immer unter Vorsitz
Tschcheidses, eine Abstimmung über die Macht der Arbeiter und Bauern vor. Die
einfachen Mitglieder der Versöhnlerfraktionen unterstützten fast ausnahmslos
die bolschewistische Resolution. Der konkurrierende Antrag Zeretelis bekam etwa
fünfzehn Stimmen. Das Versöhnlerpräsidium traute seinen Augen nicht. Rechts
verlangte man namentliche Abstimmung, die sich bis 3 Uhr nachts hinzog. Um
nicht offen gegen ihre Partei stimmen zu müssen, entfernten sich viele Delegierte.
Und doch erhielt die Resolution der Bolschewiki trotz allen Druckmitteln bei
der endgültigen Abstimmung zweihundertundneunundsiebzig Stimmen gegen
einhundertundfünfzehn. Dies war eine bedeutsame Tatsache. Es war der Anfang vom
Ende. Das betäubte Präsidium legte seine Vollmachten nieder.“[37] 

Am 2. September nahm eine Konferenz aller Sowjets in Finnland eine
Resolution zugunsten der Machtübergabe an die Sowjets mit 700 Stimmen gegen 13
bei 6 Enthaltungen an. Die regionale Konferenz der Sowjets in Sibirien nahm
eine ähnliche Resolution an. Der Moskauer Sowjet tat dasselbe am 5. September
während einer dramatischen Sitzung, in der eine Misstrauensmotion gegen die
provisorische Regierung und gegen den zentralen Vollzugsausschuss angenommen
wurde. „Am 8. wird im Kiewer Sowjet der Arbeiterdeputierten mit
einhundertunddreißig Stimmen gegen sechsundsechzig eine bolschewistische
Resolution angenommen, obwohl die offizielle bolschewistische Fraktion nur
fünfundneunzig Mitglieder zählt.“[38] Zum ersten Mal wählte der
Sowjet der Bauerndeputierten der Petrograder Provinz einen bolschewistischen
Delegierten.

Der Höhepunkt in diesem Prozess war die geschichtsträchtige Sitzung des
Petrograder Sowjets vom 9. September. Unzählige Versammlungen in Fabriken,
Stadtvierteln und Regimentern hatten sie vorbereitet. Ungefähr 1000 Delegierte
nahmen an der Sitzung teil, an der das Präsidium vorschlug, die Abstimmung vom
31. August zu widerrufen. Die Abstimmung zog einen  Schlussstrich unter die Politik der
Sozialverräter: 519 Stimmen gegen den Widerruf und für die Machtübernahme durch
die Sowjets, 414 für das Präsidium bei 67 Enthaltungen.

Ein oberflächlicher Blick auf die Ereignisse könnte dazu verleiten
anzunehmen, dass die Erneuerung der Sowjets einfach eine Änderung der
Mehrheiten
von den Sozialverrätern zu den Bolschewiki bedeutete.

Es ist wahr – und wir werden darauf ausführlicher im folgenden Artikel
dieser Serie eingehen –, dass die Arbeiterklasse und dementsprechend auch ihre
Parteien noch stark von der parlamentarischen Sichtweise geprägt waren,
derzufolge die Klasse „Vertreter, die in ihrem Namen handeln“, wählt; aber es
ist wichtig zu verstehen, dass dies nicht der vorherrschende Aspekt bei der
Erneuerung der Sowjets war, sondern:

1.         Die Erneuerung war das
Resultat eines gewaltigen Netzes von Versammlungen der Sowjets an der Basis
(Fabrikräte, Stadtviertels-Räte, Regimentskomitees, gemeinsame Versammlungen).
Nach dem Kornilowputsch verbreiteten sich diese Strukturen tausendfach. Jede
Sitzung des Sowjets fasste eine Riesenmenge von Vorbereitungssitzungen zusammen
und gab ihnen einen beschlussfassenden Ausdruck.

2.         Diese Selbstorganisierung
der Massen wurde bewusst und aktiv durch die erneuerten Sowjets vorangetrieben.
Während sich die früheren Sowjets verselbständigt und kaum Massenversammlungen
abgehalten hatten, trafen sich die neuen täglich zu offenen Sitzungen. Während
die früheren die Fabrik- und Stadtteilversammlungen fürchteten und ihnen sogar
die Kompetenzen streitig machten, riefen die neuen ständig dazu auf, solche Versammlungen
abzuhalten. Bei jeder bedeutenden Debatte, jeder wichtigen Entscheidung rief
der Sowjet zu Versammlungen „der Basis“ auf, damit sie Stellung beziehe. Im
Hinblick auf die 4. Koalition der provisorischen Regierung (am 25. September)
breitete sich, „abgesehen von der Resolution des Petersburger Sowjets, der sich
weigerte, die neue Koalition zu unterstützen, eine Welle von Meetings in den
beiden Hauptstädten und in der Provinz aus. Hundertausende von Arbeitern und
Soldaten protestierten gegen die Bildung einer neuen bürgerlichen Regierung und
nahmen einen entschlossenen Kampf gegen sie auf, indem sie gleichzeitig die
Macht für die Sowjets forderten.“[39]

3.         Regionale Kongresse der
Sowjets werden, wie durch ein Lauffeuer verbreitet, ab Mitte September in allen
Teilen Russlands abgehalten. „In diesen Wochen fanden im ganzen Lande
zahlreiche regionale Rätekongresse statt, deren Zusammensetzung und Verlauf das
politische Stimmungsbild der Massen widerspiegelte. Bezeichnend für die rasche
Bolschewisierung und die zunehmende Spaltung der Sowjets war der Verlauf des
Gebietskongresses der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte in Moskau in den
ersten Oktobertagen. Während zu Beginn der Beratungen die von den
Sozialrevolutionären eingebrachte Resolution, die sich gegen die Machtübergabe
in die Hände der Sowjets aussprach, 159 Stimmen gegen 132 auf sich vereinigte,
gelang es drei Tage später der bolschewistischen Fraktion bei einer anderen
Abstimmung, 116 Stimmen gegen 97 für sich zu gewinnen. [...] Auf einer Reihe weiterer
Rätekongresse wurden ebenfalls bolschewistische Resolutionen angenommen, die
die Machtübernahme durch den Allrussischen Sowjetkongress und die Absetzung der
Provisorischen Regierung verlangten: In Ekaterinburg versammelten sich am 13.
Oktober 120 Delegierte von 56 Räten des Ural, unter ihnen 86 Bolschewiki [...]
In Saratov lehnte der Gebietskongress des Wolgagebiets eine
menschewistisch-sozialrevolutionäre Resolution ab und nahm stattdessen eine
bolschewistische an“[40].

Aber dabei sind zwei grundsätzliche
Aspekte zu beachten.

Der erste ist die Tatsache, dass die Mehrheiten für die bolschewistischen
Resolutionen weit mehr bedeuteten als eine Stimmabgabe für eine Partei. Die
bolschewistische Partei war die einzige, die klar nicht nur für eine Machtübernahme
eintrat, sondern auch konkret vorschlug, wie dies zu geschehen habe: ein
bewusst vorbereiteter Aufstand, der die Provisorische Regierung beseitigen und
die Staatsmacht stürzen sollte
. Während die Sozialverräter-Parteien
ankündigten, dass sie die Sowjets zwingen wollten, Harakiri zu machen, während
andere revolutionäre Parteien unrealistische oder vage Vorschläge vortrugen,
war nur für die Bolschewiki klar, „dass der Sowjet der Arbeiter- und
Soldatendeputierten nur als Organ des Aufstands, nur als Organ der
revolutionären Macht real ist. Außerhalb dieser Aufgabe sind die Sowjets ein
bloßes Spielzeug, das unvermeidlich zur Apathie, Gleichgültigkeit und
Enttäuschung der Massen führt, denen die endlose Wiederholung von Resolutionen
und Protesten mit vollem Recht zuwider geworden ist.“[41]

Es war somit natürlich, dass die Arbeitermassen Vertrauen in die
Bolschewiki hatten, nicht um ihnen einen Blankoscheck auszustellen, sondern
weil sie sie als Werkzeug ihres eigenen Kampfes sahen, der sich seinem
Höhepunkt näherte: dem Aufstand und der Machtergreifung.

„Das Lager der Bourgeoisie war mit gutem Grund höchst beunruhigt. Die Krise
spitzte sich zu. Die Bewegung der Massen kochte über; die Aufregung in den
Arbeitervierteln von Petrograd war offensichtlich. Man hörte nur noch die
Bolschewiki. Vor dem berühmten Cirque Moderne, wo Trotski, Volodarski und
Lunatscharski sprachen, sah man endlose Warteschlangen, und das riesige Gebäude
war nicht in der Lage, die Massen aufzunehmen. Die Agitatoren riefen dazu auf,
von den Worten zu den Taten überzugehen, und versprachen die Machtübernahme
durch den Sowjet für die nahe Zukunft.“[42]
So nahm Suchanow, der immerhin ein Gegner der Bolschewiki war, die Atmosphäre
Mitte Oktober wahr.

Der zweite Aspekt ist, dass die Ereignisse, die sich im September und
Oktober überstürzen, einen wichtigen Geistesumschwung in den Massen ausdrücken.
Wie wir im vorangehenden Artikel dieser Reihe gesehen haben, war die Losung
„Alle Macht den Räten“, die im März schüchtern vorgetragen, im April von Lenin theoretisch
untermauert, in den Demonstrationen vom Juni und Juli massenhaft verkündet
wurde, bis jetzt eher ein Wunsch als ein bewusst übernommenes
Aktionsprogramm.

Ein Grund für das Scheitern der Juli-Bewegung war, dass die Mehrheit
forderte, dass der Sowjet die Provisorische Regierung „zwingen“ soll,
„sozialistische Minister“ zu ernennen.

Diese Aufteilung zwischen Sowjet und Regierung drückte ein klares
Unverständnis der Aufgabe der proletarischen Revolution aus, die nicht darin
besteht, „ihre Regierung zu wählen“ und folglich die Struktur des alten Staates
beizubehalten, sondern vielmehr den Staatsapparat zu zerstören und die Macht
direkt auszuüben. Im Bewusstsein der Massen bahnte sich ein viel konkreteres
und genaueres Verständnis der Losung „Alle Macht den Räten“ seinen Weg, auch
wenn, wie wir in einem weiteren Artikel sehen werden, viele Probleme völlig neu
und die Konfusionen beträchtlich waren.

Trotzki zeigt wie die Sozialverräter, die jede Kontrolle über den
Petrograder Sowjet verloren hatten, alle verfügbaren Mittel in ihrer letzten
Bastion konzentrierten, im Zentral-Exekutivkomitee: „Das
Zentral-Exekutivkomitee beraubte rechtzeitig den Petrograder Sowjet der beiden
von ihm geschaffenen Zeitungen, sämtlicher Verwaltungsabteilungen, aller
finanziellen und technischen Mittel, einschließlich der Schreibmaschinen und
Tintenfässer. Die zahlreichen Automobile, die während den Februartagen dem
Sowjet zur Verfügung gestellt worden waren, wurden bis auf das letzte dem
Versöhnlerolymp überwiesen. Die neuen Leiter besaßen keine Kasse, keine
Zeitungen, keinen Kanzleiapparat, keine Verkehrsmittel, keine Bleistifte.
Nichts außer nackten Wänden und – dem flammenden Vertrauen der Arbeiter und
Soldaten. Dies erwies sich als völlig ausreichend.“[43]

Das militärische Revolutionskomitee
– Räteorgan für den Aufstand

Anfang Oktober ging eine Flut von Resolutionen verschiedenster Sowjets
durchs ganze Land, welche die Einberufung eines Sowjetkongresses verlangten,
den die Sozialverräter ständig hinausschoben. Die Sowjets wollten ihrer Macht
eine Form geben.

Diese Orientierung war eine Antwort nicht nur auf die russische Situation,
sondern auch auf die internationale Lage. In Russland breiteten sich die
Bauernrevolten in fast allen Gebieten aus, Landbesetzungen wurden zu einem allgemeinen
Phänomen; in den Kasernen desertierten die Soldaten, und sie kehrten kriegsmüde
in ihre Dörfer zurück, da der Staat keine Lösung zu bieten hatte; in den
Fabriken standen die Arbeiter zum Teil der Sabotage der Produktion durch
Unternehmer und höhere Kader gegenüber; die ganze Gesellschaft stand vor der
Gefahr einer Hungersnot aufgrund mangelnder Versorgung und ständig steigender
Lebensmittelpreise. Auch an der internationalen Front nahmen die Desertionen
zu, die Befehlsverweigerungen der Truppen, die Verbrüderungen von Soldaten über
die Kampffronten hinweg; eine Streikwelle fegte über Deutschland, ein
Generalstreik brach im August 1917 in Spanien aus. Das russische Proletariat
musste die Macht nicht bloß als Antwort auf die unlösbaren Probleme im Land
ergreifen, sondern auch und vor allem, um eine Bresche zu öffnen, durch die
sich die Weltrevolution gegen die schrecklichen Leiden des schon drei Jahre
dauernden Krieges Bahn brechen könnte.

Die Bourgeoisie setzte ihre Waffen gegen den revolutionären Ansturm ein. Im
September versuchte sie, eine demokratische Konferenz abzuhalten, welche wie
schon diejenige von Moskau scheiterte. Die Sozialverräter ihrerseits schoben
den Sowjetkongress möglichst hinaus mit dem Ziel, die Sowjets des ganzen Landes
verstreut und unorganisiert zu belassen und ihre Vereinigung in der
Machtübernahme zu verhindern.

Aber die gefürchtetste Waffe und diejenige, die je länger je mehr in
Stellung gebracht wurde, war der Versuch, die Verteidigung Petrograds
aufzugeben, damit die deutsche Armee die fortgeschrittenste Bastion der
Revolution niederwerfe. Kornilow, der „Patriot“, hatte diesen Schlag schon im
August vorgemacht, als er das revolutionäre Riga[44]
aufgab und der Invasion der deutschen Truppen überließ, die blutig die „Ordnung
wiederherstellten“. Die Bourgeoisie erklärt die nationale Verteidigung zwar zu
ihrem obersten Ziel, ist aber angesichts der drohenden Machtübernahme durch
ihren Klassenfeind ohne weiteres bereit, sich mit ihren schlimmsten
imperialistischen Rivalen zu verbünden.

Um diese Frage der Verteidigung Petrograds kreisten die Diskussionen des
Sowjets, die schließlich zur Gründung des militärischen Revolutionskomitees
führten, das aus Delegierten zusammengesetzt war, die vom Petrograder Sowjet,
von der Soldatensektion dieses Sowjets, dem Sowjet der Delegierten der
Baltischen Flotte, der Roten Garde, dem regionalen Komitee der Sowjets von
Finnland, der Konferenz der Fabrikräte, der Eisenbahngewerkschaft und der
militärischen Organisation der bolschewistischen Partei gewählt waren. An die
Spitze dieses Komitees wurde Lasimir gestellt, ein junges und kämpferisches
Mitglied der SR-Linken. Die Ziele dieses Komitees bestanden ebenso in der
Verteidigung Petrograds wie auch in der Vorbereitung des bewaffneten Aufstandes
- „diese zwei bisher einander ausschließenden Aufgaben hatten sich jetzt
tatsächlich einander genähert: nachdem er in seine Hände die Macht genommen,
wird der Sowjet auch die militärische Verteidigung Petrograds auf sich nehmen
müssen“[45].

Am nächsten Tag wurde eine Ständige Konferenz der ganzen Garnison von
Petrograd und Umgebung einberufen. Mit diesen beiden Organen gab sich das
Proletariat die Mittel für den Aufstand – notwendige und unverzichtbare Mittel
für die Machtergreifung.

In einem früheren Artikel der Internationalen Revue haben wir
gezeigt, wie – entgegen der bürgerlichen Legendenbildung, die den Oktober als
einen „bolschewistischen Staatsstreich“ darstellt – der Aufstand ein Werk
der Sowjets und konkreter desjenigen von Petrograd
war[46].
Das Militärische Revolutionskomitee (MRK) und die Ständige Konferenz der
Garnisonen waren die Organe, die Schritt für Schritt und minutiös die
militärische Niederlage der Provisorischen Regierung vorbereiteten, die das
letzte Bollwerk des bürgerlichen Staates war. Das MRK verpflichtete das
Hauptquartier der Armee, ihm jeden Befehl oder Entscheid, so bedeutungslos er
sein möge, zur Genehmigung zu unterbreiten, was die Armee total lähmte. Am 22.
Oktober akzeptierte das letzte widerspenstige Regiment – dasjenige der
Peter-und-Paul-Festung – nach einer dramatischen Sitzung, sich dem MRK zu
unterstellen. Am 23. Oktober, einem bewegenden Tag, machten sich Tausende von
Arbeiter- und Soldatenversammlungen daran, definitiv die Macht zu übernehmen.
Das Schachmatt wurde am 25. Oktober durch den Aufstand vollzogen, der das
Hauptquartier und den Sitz der Provisorischen Regierung besetzte, die letzten
loyal gebliebenen Bataillone besiegte, Minister und Generäle festnahm, die
Kommunikationszentren besetzte und so die Bedingungen schaffte, damit am
nächsten Tag der gesamtrussische Sowjetkongress die Machtübernahme abschließen
konnte[47].

Im folgenden Artikel dieser Serie werden wir die gewaltigen Probleme
betrachten, vor denen die Sowjets nach der Machtübernahme standen.

C.Mir 6. Juni
2010


[1]
Internationale
Revue
Nr. 48

[2]
Vgl. Artikel in der vorliegenden Revue

[3] Trotzki,
Geschichte
der Russischen Revolution
, Zweiter Teil, 1. Halbband, Kapitel Die
Massen unter den Schlägen

[4] Vgl.
dazu die Widerlegung dieser These durch Trotzki im Kapitel Ein
Monat der großen Verleumdung
in seiner Geschichte
der Russischen Revolution

[5] General
Knox, der Chef der englischen Botschaft, sagte: „Ich bin an der
Kerenski-Regierung desinteressiert, sie ist zu schwach; man braucht die
Militärdiktatur, man braucht die Kosaken, dieses Volk braucht die Knute!
Diktatur – das ist’s, was not tut.“ So drückte es der Vertreter der Regierung
der ältesten Demokratie aus, zitiert nach Trotzki.

[6] Trotzki,
Geschichte
der Russischen Revolution
, Zweiter Teil, 1. Halbband, Kapitel Die
Massen unter den Schlägen

[7] Cavaignac:
französischer General (1802-1957) und Schlächter während der Niederschlagung
des Aufstand der Pariser Arbeiter 1848

[8] Lenin,
Die
politische Lage (Vier Thesen)
, 10. (23.) Juli 1917, Lenin Werke Bd.
25 S. 174

[9] A.a.O.

[10] A.a.O.

[11] Vgl.
Angaben dazu im vorangehenden Artikel dieser Serie.

[12] A.a.O.,
Taktische
Experimente
, S. 213

[13] Lenin,
Zu
den Losungen,
Mitte Juli 1917, Lenin Werke Bd. 25 S. 187f.

[14] A.a.O.

[15] Vgl.
den vorangehenden Artikel dieser Serie, Untertitel „März 1917: ein gigantisches
Netz von Sowjets verbreitete sich über ganz Russland“, in der vorliegenden Internationalen
Revue

[16] Suchanow
war internationalistischer Menschewik, d.h. Mitglied einer Linksabspaltung des
Menschewismus, in der auch Martow tätig war. Er publizierte seine Memoiren
in sieben Bänden. Eine gekürzte Fassung ist auf Französisch unter dem Titel La
révolution russe
erschienen, aus welcher unsere selbst ins Deutsche
übersetzten Zitate stammen (Editions Stock, 1965; auch die Titel aus dieser
Version sind von uns auf Deutsch übersetzt worden).

[17] Suchanow,
Die
Russische Revolution; Der Triumph der Reaktion; Um die Koalition
, S.
210

[18] Anweiler:
Die
Rätebewegung in Russland 1905-1921
, Kap. Der
Petersburger Arbeiter- und Soldatenrat,
 S. 133

[19] Trotzki,
Geschichte
der Russischen Revolution
, Zweiter Teil, 1. Halbband, Kapitel Die
Massen unter den Schlägen

[20] ebenda

[21] ebenda

[22] Suchanow,
Die
Russische Revolution; Konterrevolution und Zerfall der Demokratie; Nach dem
Juli: zweite und dritte Koalition,
S. 306

[23] Suchanow,
a.a.O., Die Schande von Moskau, S. 310

[24] Trotzki,
Geschichte
der Russischen Revolution
, Zweiter Teil, 1. Halbband, Kapitel Kerenski
und Kornilow

[25] Kornilow:
Ein ziemlich unfähiges Militärkader, das sich durch ständige Niederlagen an der
Front auszeichnete und das dann die bürgerlichen Parteien nach den Julitagen
beweihräucherten und als „Vaterlandshelden“ betrachteten.

[26] Suchanow, Die Bourgeoisie geeint in Aktion, S. 312

[27] Vgl.
dazu: Trotzki, Geschichte der Russischen Revolution, insbesondere
die Kapitel Die Konterrevolution erhebt das Haupt, Kerenski und
Kornilow, Kornilows Verschwörung
und Kornilows
Aufstand
.

[28]Suchanow, a.a.O. S. 317

[29] ebenda

[30] Trotzki,
Geschichte
der Russischen Revolution
, Zweiter Teil, 1. Halbband, Kapitel Die
Bourgeoisie misst ihre Kräfte mit der Demokratie

[31]Bezirkssowjet und Stadtteilsowjet
bezeichnen in den verschiedenen Übersetzungen, die diesem Artikel zugrunde
liegen, (soweit ersichtlich) dasselbe.

[32]ebenda

[33]ebenda, Hervorhebung von uns

[34]ebenda

[35]ebenda

[36] Suchanow,
Die
geeinte Bourgeoisie in Aktion
, S. 314 (der frz. Ausgabe)

[37] Kadetten-Partei:
verfassungsmäßige demokratische Partei, damals die wichtigste bürgerliche
Partei

[38] Suchanow,
Die
Auflösung der Demokratie nach der Kornilow-Erhebung
, S. 330 (der
frz. Ausgabe)

[39] Trotzki,
Geschichte
der Russischen Revolution
, Zweiter Teil, 1. Halbband, Kapitel Die
Brandung

[40] A.a.O.

[41] Suchanow, Die
Vorbereitung der Artillerie
, S. 351

[42] Anweiler,
a.a.O., Kapitel Bolschewismus und Räte 1917,
S. 228 f.

[43] Lenin,
Thesen
zum Referat in der Konferenz der Petersburger Organisation
, Über
die Losung „Alle Macht den Sowjets“
, 8. Oktober 1917 (Lenin Werke
Bd. 26 S. 128)

[44]Suchanow, Die
Vorbereitung der Artillerie
, S.
364

[45]Geschichte
der Russischen Revolution
, a.a.O.

[46] Hauptstadt
Lettlands, das damals zum Russischen Reich gehörte.

[47] Trotzki,
Geschichte
der Russischen Revolution
, Zweiter Teil, 2. Halbband, Kapitel Das
militärische Revolutionskomite

Erbe der kommunistischen Linke: