Geschichte der Arbeiterbewegung: Was sind Arbeiterräte? Teil 3: Die Revolution von 1917 (Juli bis Oktober)

Von der Erneuerung der Arbeiterräte zur Machtergreifung

In der Serie „Was sind Arbeiterräte?“ wollen wir auf die gestellte Frage antworten, indem wir die historische Erfahrung des Proletariats analysieren. Es geht nicht darum, die Räte als das unfehlbare Vorbild darzustellen, das es einfach zu kopieren gelte. Vielmehr wollen wir die Schwächen und die Stärken verstehen, so dass kommende Generationen mit diesem Wissen gerüstet weiter fahren können.

Im ersten Artikel sahen wir, wie die Arbeiterräte erstmals in der Revolution von 1905 in Russland auftauchten[1]. Im zweiten Artikel sahen wir, wie sie das Herzstück der Februarrevolution waren, und wie sie im Juni-Juli 1917 in eine tiefe Krise gerieten, bis sie von der bürgerlichen Konterrevolution in Geiselhaft genommen wurden[2].

Im dritten Artikel werden wir sehen, wie sie von den Massen der Arbeiter und Soldaten zurück erobert wurden, die dann so die Macht im Oktober 1917 übernehmen konnten.

Nach der Niederlage des Julis plant die Bourgeoisie die Zerstörung der Räte

Der Prozess einer Entwicklung ist niemals linear, weder in der Natur noch in der menschlichen Gesellschaft, er ist vielmehr ein Weg voller Wiedersprüche, Konvulsionen, dramatischer Rückschläge und Fortschritte. Diese Analyse kann auf den Kampf des Proletariats angewendet werden, einer Klasse die per Definition vom Eigentum an den Produktionsmitteln ausgeschlossen ist und keine ökonomische Macht besitzt. Der Kampf des Proletariats ist der von Wiedersprüchen, Konvulsionen, von scheinbaren Verlusten an für dauerhaft gehaltenen Errungenschaften, mit langen Phasen der Apathie und Entmutigung.

Nach der Februarrevolution schienen die Arbeiter und Soldaten von einem Sieg zum anderen zu springen, der Bolschewismus nahm an Einfluss zu. Die Massen, besonders in der Gegend von Petrograd, bewegten sich in Richtung Revolution. Es war wie eine reifende Frucht.

Im Juli gab es Momente der Zauderns, die typisch für den proletarischen Kampf sind. „Unmittelbar hatten eine Niederlage die Arbeiter und Soldaten Petrograds erlitten, die bei ihrem Vordringen einerseits auf das Unklare und Widerspruchsvolle ihres eigenen Zieles, andererseits auf die Rückständigkeit der Provinz und der Front gestoßen waren.“[3]

Die Bourgeoisie nutzte die Gelegenheit, um eine Offensive zu starten: Die Bolschewiki wurden als deutsche Agenten[4] gebrandmarkt und massenhaft verhaftet. Paramilitärische Banden wurden organisiert, die die Bolschewiki auf der Straße physisch angriffen, den Boykott ihrer Versammlungen organisierten, ihre Lokale und Druckereien zerstörten. Die gefürchteten zaristischen Schwarzhunderter, die monarchistischen Zirkel, die offiziellen Vereine gewannen wieder die Oberhand. Die Bourgeoisie, mit dem Rückhalt der französischen und englischen Diplomatie, versuchte die Räte zu zerstören und eine brutale Diktatur zu installieren[5].

Die Revolution erreichte einen Punkt, an dem eine Niederlage sehr wahrscheinlich schien: “Vielen schien es, die Revolution habe sich erschöpft. In Wirklichkeit hatte sich nur die Februarrevolution bis zur Neige erschöpft. Diese innere Krise des Massenbewusstseins in Verbindung mit Repression und Verleumdung führte zur Verwirrung und Rückzügen, manchmal panischer Art. Die Gegner wurden kühner. In den Massen selbst kam alles Rückständige, Träge, mit den Erschütterungen und Entbehrungen Unzufriedene nach oben.“[6]

Die Bolschewiki inspirieren die Antwort der Massen

Wie auch immer, in dieser schwierigen Zeit bewiesen die Bolschewiki, dass sie ein proletarischer Fels in der Brandung waren. Verfolgt, verleumdet, erschüttert durch die heftigen Debatten innerhalb der Organisation und durch Austritte vieler Mitglieder, wurden sie nicht schwach und verfielen nicht dem Chaos. Sie konzentrierten ihre Kräfte, um die Lehren aus den Niederlagen zu ziehen, ganz besonders die wesentliche Lehre: Weshalb waren die Räte zu Geiseln der Bourgeoisie geworden? Bis hin zur Gefahr ihres Verschwindens?

Von Februar bis Juli gab es eine Doppelmacht. Die Sowjets (Räte) waren auf der einen Seite, auf der anderen war der bürgerliche Staat, welcher noch nicht zerstört worden war und immer noch genug Reserven hatte, um sich ganz zu erholen. Die Ereignisse im Juli zerstörten das unmögliche Gleichgewicht, das zwischen den Sowjets und der Staatsmacht existierte. „(…) der Generalstab und die Kommandospitzen der Armee haben mit der mehr oder weniger bewussten Hilfe Kerenskis, den sogar die angesehensten Sozialrevolutionäre jetzt einen Cavaignac[7] nennen, die tatsächliche Staatsmacht ergriffen und sind dazu übergegangen, gegen revolutionäre Truppenteile an der Front mit Waffengewalt vorzugehen, revolutionäre Truppen und Arbeiter in Petrograd und Moskau zu entwaffnen, in Nishni-Nowgorod niederzuschlagen und zu unterdrücken, die Bolschwiki zu verhaften und ihre Zeitungen nicht nur ohne Gerichtsverfahren, sondern auch ohne Regierungsverfügung mundtot zu machen. (….) der wahre Inhalt der Politik der Militärdiktatur, die heute herrscht und von den Kadetten und Monarchisten unterstützt wird, (besteht) darin (…), die Auseinanderjagung der Sowjets vorzubereiten“[8]. 

Lenin wies auch nach, wie die Menschewiki und Sozialrevolutionäre „die Sache der Revolution endgültig verraten, sie den Konterrevolutionären ausgeliefert und sich und ihre Parteien sowie die Sowjets zum Feigenblatt der Konterrevolution gemacht“ haben[9].

Unter solchen Umständen waren „alle Hoffnungen auf eine friedliche Entwicklung der russischen Revolution (…) endgültig verschwunden. Die objektive Lage ist so: entweder voller Sieg der Militärdiktatur oder Sieg des bewaffneten Aufstandes mit einer machtvollen Erhebung der Massen (…) Die Losung „Alle Macht den Räten“ war die Losung der friedlichen Entwicklung der Revolution, die möglich war im April, im Mai und im Juni, bis zum 5.-9. Juli“[10].

In seinem Buch „Die Rätebewegung in Russland 1905-1921“ griff Anweiler[11] auf diese Analyse zurück, um zu beweisen versuchen, dass „Damit (…) zum erstenmal in  kaum verhüllter Form das Ziel der alleinigen Machteroberung durch die Bolschewiki proklamiert (war), das bisher immer hinter der Losung „Alle Macht den Räten“ verborgen blieb.“[12]

Hier tritt nun die oft wiederholte Anklage zu Tage, dass „Lenin sich der Sowjets taktisch bedient“ habe, um die absolute Macht zu erringen. Wenn man aber genauer den Artikel betrachtet, den Lenin in der Folge dieser Ereignisse schrieb, sieht man, dass seine Sorge eine gänzlich andere war, als die, welche Anweiler Lenin zuschreibt: „Er versuchte, die Räte aus der Krise, in welcher sie sich befanden, herauszuholen, er wollte sie vom falschen Pfad abbringen, der zu ihrer Auflösung geführt hätte.“

Im Artikel Zu den Losungen äußerte sich Lenin unmissverständlich: “Eben das revolutionäre Proletariat muss, nach der Erfahrung vom Juli 1917, die Staatsmacht selbständig in seine Hände nehmen – anders ist der Sieg der Revolution nicht möglich. Die Macht in den Händen des Proletariats, das von der armen Bauernschaft oder den Halbproletariern unterstützt wird, dies ist der einzige Ausweg (…) Sowjets können und müssen in dieser neuen Revolution in Erscheinung treten, aber nicht die jetzigen Sowjets, nicht Organe des Paktierens mit der Bourgeoisie, sondern Organe des revolutionären Kampfes gegen die Bourgeoisie. Dass wir auch dann für den Aufbau des ganzen Staates nach dem Typ der Sowjets eintreten werden, das stimmt. Das ist nicht eine Frage der Sowjets schlechthin, sondern eine Frage des Kampfes gegen die gegenwärtige Konterrevolution und gegen den Verrat der gegenwärtigen Sowjets.“[13] Er behauptet: „Ein neuer Zyklus fängt an, einer, der die alten Klassen, Räte, Parteien nicht miteinschließt. Aber im Feuer des Kampfes verjüngte Klassen, Parteien und Räte, welche im Prozess des Kampfes geschult, gehärtet und  umgestaltet werden.“ Und weiter präzisierte er: „Es beginnt ein neuer Zyklus, in den nicht die alten Klassen, nicht die alten Parteien und nicht die alten Sowjets eintreten, sondern die im Feuer des Kampfes erneuerten, durch den Verlauf des Kampfes gestählten, geschulten und umgeformten.“[14]

Diese Schriften Lenins waren Teil einer stürmischen Debatte innerhalb der bolschewistischen Partei, einer Debatte, welche sich am Sechsten Parteikongress zuspitzte. Er fand vom 26. Juli bis zum 3. August unter absoluter Geheimhaltung statt - ohne Lenin und Trotzki, die von der Polizei am meisten gesucht wurden. An diesem Kongress wurden drei Positionen vertreten: Die erste, die unter dem Eindruck der Juli-Niederlage und dem Abdriften der Sowjets stand, trat offen dafür ein, „sie aufzugeben“ (Stalin, Molotow, Sokolnikow); die zweite Position unterstütze vehement die alte Position „Alle Macht den Räten“; und die dritte vertrat, dass man sich auf die „Basis“-Organisationen stützen soll (Fabrikräte, Territorialräte, Quartierräte), um so die kollektive Macht der Arbeiter wiederherzustellen.

Mitte Juli beginnen sich die Massen wieder zu erholen

Diese dritte Position sollte den Nagel auf den Kopf treffen. Ab Mitte Juli begannen die „Basis-Sowjets“ für eine Erneuerung der Sowjets zu kämpfen.

Im zweiten Artikel dieser Serie sahen wir, wie die Massen mit verschiedenartigen Sowjetorganisationen sich als großes Netzwerk rund um die Sowjets gruppierten. Dies drückte ihre Einheit und Stärke aus.[15] Die Spitze der Sowjets – die Sowjets in den Städten – standen nicht einer passiven großen Masse vor; im Gegenteil es gab ein intensives kollektives Leben, das sich in Tausenden von Versammlungen konkretisierte, die von Fabrikräten, Bezirks-Sowjets, überregionalen Versammlungen, Konferenzen, formellen und informellen Versammlungen einberufen wurden ... In seinen Memoiren gibt uns Suchanow[16] einen Einblick in die Stimmung, die an den Konferenzen der Petrograder Fabrikräten herrschte. „Am 30. Mai fand in den Weißen Hallen eine Konferenz von Werkstatt- und Fabrikkomitees aus der Hauptstadt und Umgebung statt. Diese Konferenzen wurden von der „Basis“ aus organisiert. Die Planung wurde in den Fabriken ausgearbeitet ohne irgendwelche Teilnahme der offiziellen Organe, die für Arbeitsfragen zuständig waren, nicht einmal die Organe der Sowjets beteiligten sich daran. (...) Die Konferenz war wirklich repräsentativ: Arbeiter, die direkt von ihren Arbeitsplätzen kamen, beteiligten sich in großer Zahl an diesen Arbeiten. Während zwei Tagen diskutierte man in diesem Arbeiterparlament über die Krise und den Zusammenbruch des Landes.“[17]

Selbst in den schlimmsten Augenblicken, welche den Julitagen folgten, konnten die Massen ihre Organisationen aufrechterhalten, die weniger von der Krise betroffen waren, als die „großen Sowjetorgane“: der Petrograder Sowjet, der Kongress der Sowjets und sein Exekutivkomitee, das ZEK (Zentrale Exekutivkomitee).

Zwei zusammengehörende Gründe erklären diesen Unterschied: Erstens kann man festhalten, dass die Sowjetorganisationen „von unten“ direkt aufgrund des Druckes den die Massen ausübten, einberufen wurden. Sie waren sich der Probleme und Gefahren bewusst und diese Versammlungen dauerten demnach nur ein paar Stunden. Die Situation der Sowjetorganisationen „von oben“ unterschied sich beträchtlich davon: „Im gleichen Maße jedoch, in dem die Arbeit des Sowjets gut zu funktionieren begann, verlor er zu einem beträchtlichen Teil den unmittelbaren Kontakt mit den Massen. Die Plenarsitzungen, die in den ersten Wochen fast täglich stattgefunden hatten, wurden seltener und von den Deputierten oft nur schwach besucht. Die Sowjetexekutive verselbständigte sich zusehends, auch wenn sie nach wie vor einer gewissen Kontrolle durch die Deputierten unterstand, die das Recht hatten, sie abzulösen.“[18]

Zweitens konzentrierten sich Menschewiki und Sozialrevolutionäre in den Kernen der großen bürokratischen Sowjetorgane. Suchanow beschreibt die Stimmung im Petrograder Sowjet, die von Intrigen und Manipulationen beherrscht war: Das Präsidium des Sowjets, der in seinem Ursprung ein Organ des inneren Verfahrensablaufs war, tendierte dazu die Funktionen des Exekutivkomitees einzunehmen und es zu ersetzen. Unter anderem verstärkt es sich mit einer wenig versteckten sogenannten „Kammer der Sterne“. Dort findet man die Mitglieder des Präsidiums wieder und eine Art Kamarilla, die aus devoten Freunden von Tschcheidse und Zereteli zusammengesetzt ist. Letzterer ist ein Verantwortlicher der diktatorischen Verhaltensweisen innerhalb der Sowjets, mit aller Ehr- und Würdelosigkeit, die das mit sich bringt.

Die Bolschewiki hingegen betrieben eine aktive und tägliche Intervention in die Basisorgane der Sowjets. Ihre Gegenwart war sehr dynamisch, sie waren oft die Ersten, die den Versammlungen Debatten oder die Annahme von Resolutionen vorschlugen, die es den Massen ermöglichten, dadurch ihren Willen und ihre Fortschritte auszudrücken.

Am 15. Juli fand eine Demonstration von Arbeitern aus den großen Betrieben von Petersburg statt, die sich vor dem Gebäude des Sowjets zusammenfanden. Die Verleumdungen gegen die Bolschewiki wurden angeprangert und die Freilassung der Gefangenen gefordert. Am 20. Juli forderte die Betriebsversammlung der Rüstungsarbeiter von Sestroretsk die Auszahlung der Löhne, welche aufgrund ihrer Teilnahme an den „Julitagen“ zurückgehalten wurden. Sie verwendeten das Geld, welches sie erstritten hatten, für die Presse gegen den Krieg. Trotzki erzählt, wie am 24. Juli, „eine Versammlung der Arbeiter aus 27 Betrieben des Bezirks Peterhof eine Resolution verabschiedete, die gegen die verantwortungslose Regierung und seine konterrevolutionäre Politik protestierte.“[19]

Trotzki unterstreicht auch, dass am 21. Juli Soldatendelegationen von der Front in Petrograd ankamen. Sie waren erschöpft von den durchgemachten Entbehrungen und der Repression, welche die Offiziere gegen die bekanntesten von ihnen entfesselt hatten. Sie richteten sich an das Exekutivkomitee des Sowjets, das ihnen keinerlei Beachtung schenkte. Mehrere bolschewistische Militante rieten ihnen darauf, mit den Betrieben, den Regimentern der Soldaten und Matrosen Kontakt aufzunehmen. Der Empfang war total anders: Sie wurden wie Brüder aufgenommen, ernährt und beherbergt. „An einer Konferenz die niemand von oben einberufen hatte, weil sie von unten entstanden war, beteiligten sich Delegierte aus 29 Regimentern, 90 Betrieben, Matrosen von Kronstadt und Garnisonen aus der Vorstadt.

Im Mittelpunkt der Konferenz standen die Delegierten die von den Schützengräben kamen, es waren auch einige junge Offiziere darunter. Die Arbeiter von Petrograd hörten gespannt zu und versuchten kein Wort zu verpassen von dem, was die Delegierten sagten. Diese erzählten, wie die Offensive und ihre Konsequenzen die Revolution auffraßen. Dunkle Soldatengestalten, die keineswegs Agitatoren waren, beschrieben mit einfachen Worten, den grauen Alltag an der Front. Diese Einzelheiten waren sehr aufwühlend, weil es klar das wiederaufkommen der am Meisten verhassten Züge des alten Regimes aufzeigte“, beschreibt Trotzki und fügt anschließend hinzu: „Auch wenn bei den Delegierten von der Front die Sozialrevolutionäre in der Mehrheit waren, wurde eine scharfe bolschewistische Resolution angenommen. Es gab nicht mehr als vier Enthaltungen. Die angenommene Resolution blieb nicht folgenlos: Einmal getrennt, erzählten die Delegierten die Wahrheit, wie sie von den versöhnlerischen Führern zurückgestoßen wurden und wie sie von den Arbeitern empfangen wurden“[20].

Der Sowjet von Kronstadt – einer der Vorposten der Revolution – ließ sich auch vernehmen. „Am 20. Juli verlangte eine Versammlung am Ankerplatz, dass die Sowjets wieder an die Macht gesetzt werden, dass die Kosaken, die Polizisten und die Feldwebel der Stadt an die Front geschickt werden. Sie fordern weiter die Abschaffung der Todesstrafe, die Zulassung von Delegierten aus Kronstadt zu Tsarskoié-Sélo um zu überprüfen, ob Nikolaus II in seiner Haft auch wirklich genügend streng überwacht wird, die Ausweisung der „Todesschwadronen“, die Konfiszierung der bürgerlichen Presse etc.“[21] In Moskau hatten die Fabrikräte gemeinsam mit den Regimentskomitees entschieden, Sitzungen abzuhalten und Ende Juli eine Konferenz der Fabrikräte abzuhalten, bei der Delegierte der Soldaten eingeladen waren; dort wurde eine Resolution angenommen, welche die Regierung anprangerte und die Forderung „neuer Sowjets um die Regierung zu ersetzen“ aufstellte. Nach den Wahlen am 1. August, hatten sechs der zehn Stadtteilräte in Moskau eine bolschewistische Mehrheit. Gegenüber der von der Regierung bestimmten Preiserhöhungen und der Schließung von Betrieben, die von den Unternehmern beschlossen wurden, begannen Streiks und Demonstrationen sich rasch zu vermehren. Daran nahmen auch Sektoren der Arbeiterklasse teil, die bisher als „rückständig“ galten (Papier, Gerberei, Kautschuk,  Hausmeister etc.).

Aus der Arbeitersektion des Sowjets von Petrograd rapportiert Suchanow eine wichtige Begebenheit: „Die Arbeitersektion des Sowjets gründete ein Präsidium, welches sie vorher nicht besaß. Dieses Präsidium war aus Bolschewiken zusammengesetzt.“[22]

Im August fand in Moskau eine nationale Konferenz statt, deren Ziel es war, wie Suchanow es anprangerte: „die Sowjets zu zwingen, vor dem Willen der restlichen Bevölkerung zurückzuweichen, die nichts als die ‚nationale Einheit‘ wolle (…) die Regierung zu befreien von allen Arten von Arbeiter- und Bauernorganisationen, von Zimmerwaldern, halb deutschen, halb jüdischen und anderen Verbrechergruppen“.

Die Arbeiter nahmen die Gefahr wahr, und zahlreiche Versammlungen stimmten für Anträge, die den Generalstreik vorschlugen. Der Moskauer Sowjet verwarf diese Anträge mit 364 gegen 304 Stimmen, aber die Stadtteilsowjets protestierten gegen diese Entscheidung: „die Betriebe verlangten unverzüglich Neuwahlen für den Sowjet von Moskau, der sich nicht nur von den Massen entfernt hatte, sondern in einer schwerwiegenden Gegnerschaft zu ihnen stand. Im Sowjet des Kreises von Zamoskvorietchie (Vorort von Moskau, südlich der Moskwa), forderte er in Übereinstimmung mit den Fabrikkomitees, dass die Abgeordneten, welche gegen die Richtung „des Willens der Arbeiterklasse“ marschierten, ersetzt werden und dies mit einem Stimmenverhältnis von 175 gegen 4, mit 19 Enthaltungen!“[23] Mehr als 400‘000 Arbeiter traten in den Streik, der sich auf andere Städte wie Kiew, Kostrava und Tsatarin ausweitete.

Die Mobilisierung und Selbstorganisation der Massen verhindert den Militärstreich von Kornilow

Was wir hier aufzählen, ist nur eine kleine Anzahl von wichtigen Ereignissen, ist die Spitze des Eisbergs, die den breiten Prozess des Wendepunkts aufzeigen, gegenüber den Verhaltensweisen von Februar bis Juni. Das Verhalten war noch von vielen Illusionen und einer gewissen Passivität geprägt, da die Mobilisierungen entweder auf den Arbeitsplatz, die Stadtteilen oder auf die Stadt beschränkt blieben:

– Die gemeinsamen Versammlungen der Arbeiter und Soldaten, offen auch für Bauerndelegierte, vermehrten sich ständig. Die Konferenzen der Stadtteilsowjets und Betriebe luden zu ihrer Arbeit auch Soldaten und Matrosen ein;

– das wachsende Vertrauen zu den Bolschewiki: Im Juli wurden sich noch verleumdet, jetzt wuchs die Empörung gegenüber ihrer Verfolgung, dies förderte die immer weiter um sich greifende Glaubwürdigkeit ihrer Analysen und Losungen;

– die Häufung der Forderungen, welche neue Sowjets und die Machtübernahme wollten. Die Bourgeoisie merkte, dass ihr Erfolg vom Juli sich in Rauch auflösen könnte. Die Niederlage an der nationalen Moskauer-Konferenz, war ein schwerer Schlag. Die englischen und französischen Botschaften drängten darauf, „entscheidende“ Maßnahmen zu treffen. In diesem Zusammenhang taucht der „Plan“ des Militärstreichs des General Kornilow auf.[24] Suchanow unterstreicht: „Miljukow, Rodzianko und Kornilow, sie verstanden! Noch erstaunt, bereiteten diese Helden der Revolution in aller Eile, aber geheim ihre Aktion vor. Um einen Stimmungswechsel in der Öffentlichkeit herbeizuführen, verleumdeten sie einen Betrieb, der den Bolschewiki nahe stand.“[25]

Wir können an dieser Stelle nicht auf alle Einzelheiten der Operation eingehen.[26] Das Wichtige ist, dass die gewaltige Mobilisierung der Arbeiter- und Soldatenmasse dazu führte, die Militärmaschine zu paralysieren. Was hervorsticht, ist, dass diese Reaktion auf den Militärstreich, eine organisatorische Anstrengung verlangte, welche die Sowjets erneuerte und diese in die Lage versetzte, die Machteroberung in Angriff zu nehmen.

In der Nacht vom 27. August schlägt der Petrograder Sowjet die Bildung eines Militärischen Revolutionskomitees vor, das die Hauptstadt verteidigen sollte. Die bolschewistische Minderheit akzeptierte den Vorschlag, aber fügte hinzu, dass ein solches Organ „sich auf den Massen der Arbeiter und Soldaten abstützen muss“.[27] Im Laufe der folgenden Session machten die Bolschewiki einen neuen Vorschlag, der nur mit großem Vorbehalt von der menschewistischen Mehrheit akzeptiert wurde: „das Verteilen der Waffen in den Fabriken und den Arbeiterstadtteilen“[28]. Kurz danach führte dies dazu, dass „in den Arbeiterstadtteilen, gemäß der Arbeiterpresse, ‚sich beeindruckende Warteschlangen bildeten, von Männern, die der Roten Garde angehören wollten.’ Kurse wurden gegeben, wie man mit einem Gewehr umgeht und schießt. Man ließ erfahrene Soldaten kommen, die das Ganze überwachen sollten. Ab dem 29. formierten sich in fast allen Stadtteilen Kompanien (druschiny). Die Rote Garde erklärte sich bereit, unverzüglich 40‘000 bewaffnete Männer bereitzustellen (...) Die riesigen Putilow-Werke werden das Zentrum des Widerstands des Bezirks Peterhof. In aller Eile werden Kampfverbände gegründet. Es wird Tag und Nacht gearbeitet: Neue Kanonen werden gebaut, um proletarische Artilleriedivisionen zu bilden.“[29]

In Petrograd, „fanden sich die Bezirkssowjets enger zusammen und beschlossen: die Beratung der Bezirke in Permanenz zu erklären; eigene Vertreter dem vom Exekutivkomitee gebildeten Stab anzugliedern; eine Arbeitermiliz zu schaffen; die Regierungskommissare unter Kontrolle der Bezirkssowjets zu stellen; fliegende Abteilungen zu organisieren zwecks Festnahme konterrevolutionärer Agitatoren“[30] Diese Maßnahmen bedeuteten „nicht nur Aneignung von bedeutenden Funktionen der Regierung, sondern auch von Funktionen des Petrogrades Sowjets (…) Das Eintreten der Petrograder Bezirke in die Arena des Kampfes veränderte jäh dessen Richtung und Schwung. Wieder bewies die Erfahrung die unerschöpfliche Lebensfähigkeit der Sowjetorganisation: von oben durch die Leitung der Versöhnler paralysiert, erwachte sie im kritischen Moment unter dem Vorstoß der Massen von unten zu neuem Leben.“[31]

Diese Verallgemeinerung der Selbstorganisation der Massen breitete sich über das ganze Land aus. Trotzki zitiert den Fall von Helsingfors, wo „eine Generalversammlung sämtlicher Sowjetorganisationen ein Revolutionskomitee (schuf), das in das Generalgouvernement, die Kommandantur, Konterspionage und in andere wichtige Institutionen seine Kommissare entsandte. Von nun an hatte kein Befehl ohne deren Unterschrift Gültigkeit. Telegraph und Telephon werden unter Kontrolle gestellt“[32], und es geschah etwas Bedeutsames: „Am nächsten Tage erscheinen im Komitee gemeine Kosaken mit der Erklärung, das gesamte Regiment sei gegen Kornilow. Kosakenvertreter werden zum erstenmal in den Sowjet eingeführt.“[33]

September 1917: die Gesamterneuerung der Sowjets

Die Niederschlagung des Kornilow-Putsches zog eine drastische Veränderung des Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen nach sich: Die provisorische Regierung von Kerensky spielte dabei gar keine Rolle. Die Massen übernahmen das Steuerrad bei diesen Ereignissen, indem sie ihre kollektiven Organe verstärkten und wiederbelebten. Ihre Antwort auf Kornilow war „der Anfang einer radikalen Umwälzung der ganzen Dynamik, eine Rache für die Juli-Tage. Der Sowjet war wieder geboren!“[34].

Die Zeitung der Kadetten-Partei[35] Retsch lag nicht falsch, als sie feststellte: „Auf den Straßen sind bereits Massen von bewaffneten Arbeitern, die den friedlichen Einwohnern einen Schrecken einjagen. Im Sowjet verlangten die Bolschewiki energisch die Freilassung ihrer verhafteten Genossen. Alle sind überzeugt, dass die Bolschewiki, wenn die Bewegung des Generals Kornilow beendet sein wird, obwohl in der Minderheit im Sowjet ihre ganze Energie darauf verwenden werden, den Sowjet zu zwingen, mindestens teilweise den Weg ihres Programms zu beschreiten.“

Retsch irrte sich jedoch in einer Hinsicht: Es waren nicht die Bolschewiki, die den Sowjet zwangen, ihr Programm umzusetzen, sondern es waren die Massen die die Sowjets zwangen, das bolschewistische Programm anzunehmen.

Die Arbeiter hatten enormes Vertrauen in sich selbst gewonnen und wollten dies in der vollständigen Erneuerung der Sowjets umsetzen. In einer Stadt nach der anderen, in einem Sowjet nach dem anderen wurden in einem atemberaubenden Prozess die alten sozialverräterischen Mehrheiten beseitigt, und Sowjets mit Mehrheiten von bolschewistischen und anderen revolutionären Delegierten (linken Sozialrevolutionären, internationalistischen Menschewiki, Anarchisten) wurden nach Debatten und massenhaften Wahlen neu bestellt.

Suchanow beschreibt den Geisteszustand der Arbeiter und Soldaten wie folgt: „Getrieben vom Klasseninstinkt und in gewisser Weise durch das Klassenbewusstsein; unter dem organisierten Einfluss der Bolschewiki; kriegsmüde und der durch den Krieg verursachten Leiden überdrüssig; enttäuscht von der Sinnlosigkeit der Revolution, die ihnen bis jetzt noch nichts gebracht hatte; verärgert über die Herrschenden und die Regierung, die sehr wohl bequem lebten; vom Wunsch beseelt, endlich die errungene Macht zu gebrauchen; drängten sie danach, in die Entscheidungsschlacht zu stürzen“[36].

Die Episoden dieser Rückeroberung und Erneuerung der Sowjets sind lang: „In der Nacht zum 1. September nahm der Sowjet, noch immer unter Vorsitz Tschcheidses, eine Abstimmung über die Macht der Arbeiter und Bauern vor. Die einfachen Mitglieder der Versöhnlerfraktionen unterstützten fast ausnahmslos die bolschewistische Resolution. Der konkurrierende Antrag Zeretelis bekam etwa fünfzehn Stimmen. Das Versöhnlerpräsidium traute seinen Augen nicht. Rechts verlangte man namentliche Abstimmung, die sich bis 3 Uhr nachts hinzog. Um nicht offen gegen ihre Partei stimmen zu müssen, entfernten sich viele Delegierte. Und doch erhielt die Resolution der Bolschewiki trotz allen Druckmitteln bei der endgültigen Abstimmung zweihundertundneunundsiebzig Stimmen gegen einhundertundfünfzehn. Dies war eine bedeutsame Tatsache. Es war der Anfang vom Ende. Das betäubte Präsidium legte seine Vollmachten nieder.“[37] 

Am 2. September nahm eine Konferenz aller Sowjets in Finnland eine Resolution zugunsten der Machtübergabe an die Sowjets mit 700 Stimmen gegen 13 bei 6 Enthaltungen an. Die regionale Konferenz der Sowjets in Sibirien nahm eine ähnliche Resolution an. Der Moskauer Sowjet tat dasselbe am 5. September während einer dramatischen Sitzung, in der eine Misstrauensmotion gegen die provisorische Regierung und gegen den zentralen Vollzugsausschuss angenommen wurde. „Am 8. wird im Kiewer Sowjet der Arbeiterdeputierten mit einhundertunddreißig Stimmen gegen sechsundsechzig eine bolschewistische Resolution angenommen, obwohl die offizielle bolschewistische Fraktion nur fünfundneunzig Mitglieder zählt.“[38] Zum ersten Mal wählte der Sowjet der Bauerndeputierten der Petrograder Provinz einen bolschewistischen Delegierten.

Der Höhepunkt in diesem Prozess war die geschichtsträchtige Sitzung des Petrograder Sowjets vom 9. September. Unzählige Versammlungen in Fabriken, Stadtvierteln und Regimentern hatten sie vorbereitet. Ungefähr 1000 Delegierte nahmen an der Sitzung teil, an der das Präsidium vorschlug, die Abstimmung vom 31. August zu widerrufen. Die Abstimmung zog einen  Schlussstrich unter die Politik der Sozialverräter: 519 Stimmen gegen den Widerruf und für die Machtübernahme durch die Sowjets, 414 für das Präsidium bei 67 Enthaltungen.

Ein oberflächlicher Blick auf die Ereignisse könnte dazu verleiten anzunehmen, dass die Erneuerung der Sowjets einfach eine Änderung der Mehrheiten von den Sozialverrätern zu den Bolschewiki bedeutete.

Es ist wahr – und wir werden darauf ausführlicher im folgenden Artikel dieser Serie eingehen –, dass die Arbeiterklasse und dementsprechend auch ihre Parteien noch stark von der parlamentarischen Sichtweise geprägt waren, derzufolge die Klasse „Vertreter, die in ihrem Namen handeln“, wählt; aber es ist wichtig zu verstehen, dass dies nicht der vorherrschende Aspekt bei der Erneuerung der Sowjets war, sondern:

1.         Die Erneuerung war das Resultat eines gewaltigen Netzes von Versammlungen der Sowjets an der Basis (Fabrikräte, Stadtviertels-Räte, Regimentskomitees, gemeinsame Versammlungen). Nach dem Kornilowputsch verbreiteten sich diese Strukturen tausendfach. Jede Sitzung des Sowjets fasste eine Riesenmenge von Vorbereitungssitzungen zusammen und gab ihnen einen beschlussfassenden Ausdruck.

2.         Diese Selbstorganisierung der Massen wurde bewusst und aktiv durch die erneuerten Sowjets vorangetrieben. Während sich die früheren Sowjets verselbständigt und kaum Massenversammlungen abgehalten hatten, trafen sich die neuen täglich zu offenen Sitzungen. Während die früheren die Fabrik- und Stadtteilversammlungen fürchteten und ihnen sogar die Kompetenzen streitig machten, riefen die neuen ständig dazu auf, solche Versammlungen abzuhalten. Bei jeder bedeutenden Debatte, jeder wichtigen Entscheidung rief der Sowjet zu Versammlungen „der Basis“ auf, damit sie Stellung beziehe. Im Hinblick auf die 4. Koalition der provisorischen Regierung (am 25. September) breitete sich, „abgesehen von der Resolution des Petersburger Sowjets, der sich weigerte, die neue Koalition zu unterstützen, eine Welle von Meetings in den beiden Hauptstädten und in der Provinz aus. Hundertausende von Arbeitern und Soldaten protestierten gegen die Bildung einer neuen bürgerlichen Regierung und nahmen einen entschlossenen Kampf gegen sie auf, indem sie gleichzeitig die Macht für die Sowjets forderten.“[39]

3.         Regionale Kongresse der Sowjets werden, wie durch ein Lauffeuer verbreitet, ab Mitte September in allen Teilen Russlands abgehalten. „In diesen Wochen fanden im ganzen Lande zahlreiche regionale Rätekongresse statt, deren Zusammensetzung und Verlauf das politische Stimmungsbild der Massen widerspiegelte. Bezeichnend für die rasche Bolschewisierung und die zunehmende Spaltung der Sowjets war der Verlauf des Gebietskongresses der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte in Moskau in den ersten Oktobertagen. Während zu Beginn der Beratungen die von den Sozialrevolutionären eingebrachte Resolution, die sich gegen die Machtübergabe in die Hände der Sowjets aussprach, 159 Stimmen gegen 132 auf sich vereinigte, gelang es drei Tage später der bolschewistischen Fraktion bei einer anderen Abstimmung, 116 Stimmen gegen 97 für sich zu gewinnen. [...] Auf einer Reihe weiterer Rätekongresse wurden ebenfalls bolschewistische Resolutionen angenommen, die die Machtübernahme durch den Allrussischen Sowjetkongress und die Absetzung der Provisorischen Regierung verlangten: In Ekaterinburg versammelten sich am 13. Oktober 120 Delegierte von 56 Räten des Ural, unter ihnen 86 Bolschewiki [...] In Saratov lehnte der Gebietskongress des Wolgagebiets eine menschewistisch-sozialrevolutionäre Resolution ab und nahm stattdessen eine bolschewistische an“[40].

Aber dabei sind zwei grundsätzliche Aspekte zu beachten.

Der erste ist die Tatsache, dass die Mehrheiten für die bolschewistischen Resolutionen weit mehr bedeuteten als eine Stimmabgabe für eine Partei. Die bolschewistische Partei war die einzige, die klar nicht nur für eine Machtübernahme eintrat, sondern auch konkret vorschlug, wie dies zu geschehen habe: ein bewusst vorbereiteter Aufstand, der die Provisorische Regierung beseitigen und die Staatsmacht stürzen sollte. Während die Sozialverräter-Parteien ankündigten, dass sie die Sowjets zwingen wollten, Harakiri zu machen, während andere revolutionäre Parteien unrealistische oder vage Vorschläge vortrugen, war nur für die Bolschewiki klar, „dass der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten nur als Organ des Aufstands, nur als Organ der revolutionären Macht real ist. Außerhalb dieser Aufgabe sind die Sowjets ein bloßes Spielzeug, das unvermeidlich zur Apathie, Gleichgültigkeit und Enttäuschung der Massen führt, denen die endlose Wiederholung von Resolutionen und Protesten mit vollem Recht zuwider geworden ist.“[41]

Es war somit natürlich, dass die Arbeitermassen Vertrauen in die Bolschewiki hatten, nicht um ihnen einen Blankoscheck auszustellen, sondern weil sie sie als Werkzeug ihres eigenen Kampfes sahen, der sich seinem Höhepunkt näherte: dem Aufstand und der Machtergreifung.

„Das Lager der Bourgeoisie war mit gutem Grund höchst beunruhigt. Die Krise spitzte sich zu. Die Bewegung der Massen kochte über; die Aufregung in den Arbeitervierteln von Petrograd war offensichtlich. Man hörte nur noch die Bolschewiki. Vor dem berühmten Cirque Moderne, wo Trotski, Volodarski und Lunatscharski sprachen, sah man endlose Warteschlangen, und das riesige Gebäude war nicht in der Lage, die Massen aufzunehmen. Die Agitatoren riefen dazu auf, von den Worten zu den Taten überzugehen, und versprachen die Machtübernahme durch den Sowjet für die nahe Zukunft.“[42] So nahm Suchanow, der immerhin ein Gegner der Bolschewiki war, die Atmosphäre Mitte Oktober wahr.

Der zweite Aspekt ist, dass die Ereignisse, die sich im September und Oktober überstürzen, einen wichtigen Geistesumschwung in den Massen ausdrücken. Wie wir im vorangehenden Artikel dieser Reihe gesehen haben, war die Losung „Alle Macht den Räten“, die im März schüchtern vorgetragen, im April von Lenin theoretisch untermauert, in den Demonstrationen vom Juni und Juli massenhaft verkündet wurde, bis jetzt eher ein Wunsch als ein bewusst übernommenes Aktionsprogramm.

Ein Grund für das Scheitern der Juli-Bewegung war, dass die Mehrheit forderte, dass der Sowjet die Provisorische Regierung „zwingen“ soll, „sozialistische Minister“ zu ernennen.

Diese Aufteilung zwischen Sowjet und Regierung drückte ein klares Unverständnis der Aufgabe der proletarischen Revolution aus, die nicht darin besteht, „ihre Regierung zu wählen“ und folglich die Struktur des alten Staates beizubehalten, sondern vielmehr den Staatsapparat zu zerstören und die Macht direkt auszuüben. Im Bewusstsein der Massen bahnte sich ein viel konkreteres und genaueres Verständnis der Losung „Alle Macht den Räten“ seinen Weg, auch wenn, wie wir in einem weiteren Artikel sehen werden, viele Probleme völlig neu und die Konfusionen beträchtlich waren.

Trotzki zeigt wie die Sozialverräter, die jede Kontrolle über den Petrograder Sowjet verloren hatten, alle verfügbaren Mittel in ihrer letzten Bastion konzentrierten, im Zentral-Exekutivkomitee: „Das Zentral-Exekutivkomitee beraubte rechtzeitig den Petrograder Sowjet der beiden von ihm geschaffenen Zeitungen, sämtlicher Verwaltungsabteilungen, aller finanziellen und technischen Mittel, einschließlich der Schreibmaschinen und Tintenfässer. Die zahlreichen Automobile, die während den Februartagen dem Sowjet zur Verfügung gestellt worden waren, wurden bis auf das letzte dem Versöhnlerolymp überwiesen. Die neuen Leiter besaßen keine Kasse, keine Zeitungen, keinen Kanzleiapparat, keine Verkehrsmittel, keine Bleistifte. Nichts außer nackten Wänden und – dem flammenden Vertrauen der Arbeiter und Soldaten. Dies erwies sich als völlig ausreichend.“[43]

Das militärische Revolutionskomitee – Räteorgan für den Aufstand

Anfang Oktober ging eine Flut von Resolutionen verschiedenster Sowjets durchs ganze Land, welche die Einberufung eines Sowjetkongresses verlangten, den die Sozialverräter ständig hinausschoben. Die Sowjets wollten ihrer Macht eine Form geben.

Diese Orientierung war eine Antwort nicht nur auf die russische Situation, sondern auch auf die internationale Lage. In Russland breiteten sich die Bauernrevolten in fast allen Gebieten aus, Landbesetzungen wurden zu einem allgemeinen Phänomen; in den Kasernen desertierten die Soldaten, und sie kehrten kriegsmüde in ihre Dörfer zurück, da der Staat keine Lösung zu bieten hatte; in den Fabriken standen die Arbeiter zum Teil der Sabotage der Produktion durch Unternehmer und höhere Kader gegenüber; die ganze Gesellschaft stand vor der Gefahr einer Hungersnot aufgrund mangelnder Versorgung und ständig steigender Lebensmittelpreise. Auch an der internationalen Front nahmen die Desertionen zu, die Befehlsverweigerungen der Truppen, die Verbrüderungen von Soldaten über die Kampffronten hinweg; eine Streikwelle fegte über Deutschland, ein Generalstreik brach im August 1917 in Spanien aus. Das russische Proletariat musste die Macht nicht bloß als Antwort auf die unlösbaren Probleme im Land ergreifen, sondern auch und vor allem, um eine Bresche zu öffnen, durch die sich die Weltrevolution gegen die schrecklichen Leiden des schon drei Jahre dauernden Krieges Bahn brechen könnte.

Die Bourgeoisie setzte ihre Waffen gegen den revolutionären Ansturm ein. Im September versuchte sie, eine demokratische Konferenz abzuhalten, welche wie schon diejenige von Moskau scheiterte. Die Sozialverräter ihrerseits schoben den Sowjetkongress möglichst hinaus mit dem Ziel, die Sowjets des ganzen Landes verstreut und unorganisiert zu belassen und ihre Vereinigung in der Machtübernahme zu verhindern.

Aber die gefürchtetste Waffe und diejenige, die je länger je mehr in Stellung gebracht wurde, war der Versuch, die Verteidigung Petrograds aufzugeben, damit die deutsche Armee die fortgeschrittenste Bastion der Revolution niederwerfe. Kornilow, der „Patriot“, hatte diesen Schlag schon im August vorgemacht, als er das revolutionäre Riga[44] aufgab und der Invasion der deutschen Truppen überließ, die blutig die „Ordnung wiederherstellten“. Die Bourgeoisie erklärt die nationale Verteidigung zwar zu ihrem obersten Ziel, ist aber angesichts der drohenden Machtübernahme durch ihren Klassenfeind ohne weiteres bereit, sich mit ihren schlimmsten imperialistischen Rivalen zu verbünden.

Um diese Frage der Verteidigung Petrograds kreisten die Diskussionen des Sowjets, die schließlich zur Gründung des militärischen Revolutionskomitees führten, das aus Delegierten zusammengesetzt war, die vom Petrograder Sowjet, von der Soldatensektion dieses Sowjets, dem Sowjet der Delegierten der Baltischen Flotte, der Roten Garde, dem regionalen Komitee der Sowjets von Finnland, der Konferenz der Fabrikräte, der Eisenbahngewerkschaft und der militärischen Organisation der bolschewistischen Partei gewählt waren. An die Spitze dieses Komitees wurde Lasimir gestellt, ein junges und kämpferisches Mitglied der SR-Linken. Die Ziele dieses Komitees bestanden ebenso in der Verteidigung Petrograds wie auch in der Vorbereitung des bewaffneten Aufstandes - „diese zwei bisher einander ausschließenden Aufgaben hatten sich jetzt tatsächlich einander genähert: nachdem er in seine Hände die Macht genommen, wird der Sowjet auch die militärische Verteidigung Petrograds auf sich nehmen müssen“[45].

Am nächsten Tag wurde eine Ständige Konferenz der ganzen Garnison von Petrograd und Umgebung einberufen. Mit diesen beiden Organen gab sich das Proletariat die Mittel für den Aufstand – notwendige und unverzichtbare Mittel für die Machtergreifung.

In einem früheren Artikel der Internationalen Revue haben wir gezeigt, wie – entgegen der bürgerlichen Legendenbildung, die den Oktober als einen „bolschewistischen Staatsstreich“ darstellt – der Aufstand ein Werk der Sowjets und konkreter desjenigen von Petrograd war[46]. Das Militärische Revolutionskomitee (MRK) und die Ständige Konferenz der Garnisonen waren die Organe, die Schritt für Schritt und minutiös die militärische Niederlage der Provisorischen Regierung vorbereiteten, die das letzte Bollwerk des bürgerlichen Staates war. Das MRK verpflichtete das Hauptquartier der Armee, ihm jeden Befehl oder Entscheid, so bedeutungslos er sein möge, zur Genehmigung zu unterbreiten, was die Armee total lähmte. Am 22. Oktober akzeptierte das letzte widerspenstige Regiment – dasjenige der Peter-und-Paul-Festung – nach einer dramatischen Sitzung, sich dem MRK zu unterstellen. Am 23. Oktober, einem bewegenden Tag, machten sich Tausende von Arbeiter- und Soldatenversammlungen daran, definitiv die Macht zu übernehmen. Das Schachmatt wurde am 25. Oktober durch den Aufstand vollzogen, der das Hauptquartier und den Sitz der Provisorischen Regierung besetzte, die letzten loyal gebliebenen Bataillone besiegte, Minister und Generäle festnahm, die Kommunikationszentren besetzte und so die Bedingungen schaffte, damit am nächsten Tag der gesamtrussische Sowjetkongress die Machtübernahme abschließen konnte[47].

Im folgenden Artikel dieser Serie werden wir die gewaltigen Probleme betrachten, vor denen die Sowjets nach der Machtübernahme standen.

C.Mir 6. Juni 2010

[1]Internationale Revue Nr. 48

[2]  Vgl. Artikel in der vorliegenden Revue

[3] Trotzki, Geschichte der Russischen Revolution, Zweiter Teil, 1. Halbband, Kapitel Die Massen unter den Schlägen

[4] Vgl. dazu die Widerlegung dieser These durch Trotzki im Kapitel Ein Monat der großen Verleumdung in seiner Geschichte der Russischen Revolution

[5] General Knox, der Chef der englischen Botschaft, sagte: „Ich bin an der Kerenski-Regierung desinteressiert, sie ist zu schwach; man braucht die Militärdiktatur, man braucht die Kosaken, dieses Volk braucht die Knute! Diktatur – das ist’s, was not tut.“ So drückte es der Vertreter der Regierung der ältesten Demokratie aus, zitiert nach Trotzki.

[6] Trotzki, Geschichte der Russischen Revolution, Zweiter Teil, 1. Halbband, Kapitel Die Massen unter den Schlägen

[7] Cavaignac: französischer General (1802-1957) und Schlächter während der Niederschlagung des Aufstand der Pariser Arbeiter 1848

[8] Lenin, Die politische Lage (Vier Thesen), 10. (23.) Juli 1917, Lenin Werke Bd. 25 S. 174

[9] A.a.O.

[10] A.a.O.

[11] Vgl. Angaben dazu im vorangehenden Artikel dieser Serie.

[12] A.a.O., Taktische Experimente, S. 213

[13] Lenin, Zu den Losungen, Mitte Juli 1917, Lenin Werke Bd. 25 S. 187f.

[14] A.a.O.

[15] Vgl. den vorangehenden Artikel dieser Serie, Untertitel „März 1917: ein gigantisches Netz von Sowjets verbreitete sich über ganz Russland“, in der vorliegenden Internationalen Revue

[16] Suchanow war internationalistischer Menschewik, d.h. Mitglied einer Linksabspaltung des Menschewismus, in der auch Martow tätig war. Er publizierte seine Memoiren in sieben Bänden. Eine gekürzte Fassung ist auf Französisch unter dem Titel La révolution russe erschienen, aus welcher unsere selbst ins Deutsche übersetzten Zitate stammen (Editions Stock, 1965; auch die Titel aus dieser Version sind von uns auf Deutsch übersetzt worden).

[17] Suchanow, Die Russische Revolution; Der Triumph der Reaktion; Um die Koalition, S. 210

[18] Anweiler: Die Rätebewegung in Russland 1905-1921, Kap. Der Petersburger Arbeiter- und Soldatenrat,  S. 133

[19] Trotzki, Geschichte der Russischen Revolution, Zweiter Teil, 1. Halbband, Kapitel Die Massen unter den Schlägen

[20] ebenda

[21] ebenda

[22] Suchanow, Die Russische Revolution; Konterrevolution und Zerfall der Demokratie; Nach dem Juli: zweite und dritte Koalition, S. 306

[23] Suchanow, a.a.O., Die Schande von Moskau, S. 310

[24] Trotzki, Geschichte der Russischen Revolution, Zweiter Teil, 1. Halbband, Kapitel Kerenski und Kornilow

[25] Kornilow: Ein ziemlich unfähiges Militärkader, das sich durch ständige Niederlagen an der Front auszeichnete und das dann die bürgerlichen Parteien nach den Julitagen beweihräucherten und als „Vaterlandshelden“ betrachteten.

[26] Suchanow, Die Bourgeoisie geeint in Aktion, S. 312

[27] Vgl. dazu: Trotzki, Geschichte der Russischen Revolution, insbesondere die Kapitel Die Konterrevolution erhebt das Haupt, Kerenski und Kornilow, Kornilows Verschwörung und Kornilows Aufstand.

[28]Suchanow, a.a.O. S. 317

[29] ebenda

[30] Trotzki, Geschichte der Russischen Revolution, Zweiter Teil, 1. Halbband, Kapitel Die Bourgeoisie misst ihre Kräfte mit der Demokratie

[31]Bezirkssowjet und Stadtteilsowjet bezeichnen in den verschiedenen Übersetzungen, die diesem Artikel zugrunde liegen, (soweit ersichtlich) dasselbe.

[32]ebenda

[33]ebenda, Hervorhebung von uns

[34]ebenda

[35]ebenda

[36] Suchanow, Die geeinte Bourgeoisie in Aktion, S. 314 (der frz. Ausgabe)

[37] Kadetten-Partei: verfassungsmäßige demokratische Partei, damals die wichtigste bürgerliche Partei

[38] Suchanow, Die Auflösung der Demokratie nach der Kornilow-Erhebung, S. 330 (der frz. Ausgabe)

[39] Trotzki, Geschichte der Russischen Revolution, Zweiter Teil, 1. Halbband, Kapitel Die Brandung

[40] A.a.O.

[41] Suchanow, Die Vorbereitung der Artillerie, S. 351

[42] Anweiler, a.a.O., Kapitel Bolschewismus und Räte 1917, S. 228 f.

[43] Lenin, Thesen zum Referat in der Konferenz der Petersburger Organisation, Über die Losung „Alle Macht den Sowjets“, 8. Oktober 1917 (Lenin Werke Bd. 26 S. 128)

[44]Suchanow, Die Vorbereitung der Artillerie, S. 364

[45]Geschichte der Russischen Revolution, a.a.O.

[46] Hauptstadt Lettlands, das damals zum Russischen Reich gehörte.

[47] Trotzki, Geschichte der Russischen Revolution, Zweiter Teil, 2. Halbband, Kapitel Das militärische Revolutionskomite