Geschichte der Arbeiterbewegung: Was sind Arbeiterräte? Teil 2: Das Wiederaufleben und die Krise der Arbeiterräte 1917

Zweck dieser Artikelreihe ist es, auf eine Frage zu antworten, die von vielen Genossen (Lesern und Sympathisanten), vor allem von jungen, gestellt wird: Was sind Arbeiterräte? Im ersten Artikel dieser Serie[1] sahen wir, wie sie zum ersten Mal in der Geschichte in der Hitze der Revolution in Russland 1905 auftauchten und wie die Niederlage dieser Revolution zu ihrem Verschwinden führte. Im zweiten Teil wollen wir untersuchen, wie sie während der Februarrevolution 1917 wiedererschienen und wie sie sich unter der Vorherrschaft der alten menschewistischen und sozialrevolutionären Parteien, die die Arbeiterklasse verrieten, vom Willen und vom wachsenden Bewusstsein der Arbeitermassen entfernten und im Juli 1917 zu einem Anlaufpunkt für die Konterrevolution wurden.[2]

Warum verschwanden die Sowjets zwischen 1905 und 1917?

Oskar Anweiler wies in seinem Werk Die Rätebewegung in Russland 1905-1921[3] auf die zahllosen Versuche hin, die Sowjets im Anschluss an die Niederlage der Revolution im Dezember 1905 wiederzubeleben. So tauchte im Frühjahr 1906 in St. Petersburg ein Rat auf, der Delegierte zu den Fabriken entsandte, um auf die Erneuerung des Sowjets zu drängen. Ein Treffen von 300 Delegierten im Sommer 1906 verlief wegen der Schwierigkeiten, den Kampf wiederaufzunehmen, im Sande. Dieser Rat siechte aufgrund des Abflauens der Mobilisierung Stück für Stück dahin und verschwand im Frühjahr 1907 endgültig von der Bildfläche. Auch in Moskau, Karkow, Kiew, Poltawa, Jekaterinburg, Baku, Batum, Sostoum und Kronstadt tauchten 1906 mehr oder wenig flüchtig Arbeitslosenräte auf.

Einige Sowjets tauchten auch 1906-07 in einigen Industriestädten des Urals auf. Doch der ernsthafteste Versuch, einen Sowjet zu installieren, fand in Moskau statt. Im Juli brach ein Streik aus, der sich schnell auf zahllose Arbeiterkonzentrationen ausbreitete. Schnell wurden um die 150 Delegierte mandatiert, die sich versammelten, um ein Exekutivkomitee zu bilden und Appelle zur Ausweitung der Kämpfe und zur Bildung von Sowjets an die Arbeiter zu richten. Jedoch waren die Umstände nicht die gleichen wie 1905, und die Regierung, die das Echo wahrnahm, das von der Mobilisierung in Moskau ausgelöst wurde, übte eine gewaltsame Repression aus, die dem Streik und jedem neuen Sowjet ein Ende bereitete.

Bis 1917 verschwanden die Sowjets von der gesellschaftlichen Bühne. Dieses Verschwinden erstaunt viele Genossen, die sich fragen, wie es möglich war, dass dieselben Arbeiter, die mit so viel Begeisterung an den Sowjets von 1905 teilgenommen hatten, dieselben vergessen konnten. Wie kann man verstehen, dass die „Räte“-Form, die 1905 ihre ganze Wirkungskraft und ihre Stärke demonstriert hatte, ein Jahrzehnt lang wie durch Zauberhand verschwand?

Um diese Frage zu beantworten, kann man nicht von der Ansicht der bürgerlichen Demokratie ausgehen, einer Ansicht, die die Gesellschaft als eine Summe von „freien und souveränen“ Individuen betrachtet, die „frei“ seien, ebenso Arbeiterräte zu bilden wie an Wahlen teilzunehmen. Wenn dies der Fall wäre, ist es natürlich schwer zu verstehen, dass Millionen von Bürgern, die 1905 „beschlossen hatten“, Sowjets zu bilden, es anschließend vorzogen, diese Organisationsform viele Jahre lang links liegen zu lassen.

Solch eine Auffassung kann nicht begreifen, dass die Arbeiterklasse nicht eine Summe von „freien und selbstbestimmten“ Individuen ist, sondern eine Klasse, die sich selbst nur ausdrücken, handeln und organisieren kann, wenn sie sich durch ihre kollektive Aktion im Kampf bestätigt. Dieser Kampf ist nicht das Resultat „individueller Entscheidungen“, sondern vielmehr das Produkt einer ganzen Reihe von objektiven Faktoren (die erniedrigenden Existenzbedingungen und die allgemeine Entwicklung der Gesellschaft) und subjektiven Faktoren (Empörung, Sorge um die Zukunft, die Erfahrungen aus dem Kampf und die Entwicklung des Klassenbewusstseins, das von der Intervention der Revolutionäre angeregt wird). Die Aktion und Organisation der Arbeiterklasse ist ein sozialer, kollektiver und historischer Prozess, der eine Veränderung im Kräfteverhältnis zwischen den Klassen zum Ausdruck bringt.

Darüber hinaus muss diese Dynamik des Klassenkampfes umgekehrt in den historischen Kontext gesetzt werden, der die Geburt der Sowjets ermöglichte. In der Epoche des kapitalistischen Aufstiegs – und besonders in seinem „Goldenen Zeitalter“ zwischen 1873 und 1914 – war das Proletariat in der Lage gewesen, große permanente Massenorganisationen (besonders die Gewerkschaften) zu bilden, deren Existenz eine der ersten Bedingungen war, um erfolgreiche Kämpfe zu unternehmen. In der historischen Epoche, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts eröffnete, die Epoche der Dekadenz des Kapitalismus, die durch den Ersten Weltkrieg markiert wurde, wird die allgemeine Organisation der Arbeiterklasse in und durch den Kampf gebildet und verschwindet wieder, wenn Letzterer nicht imstande ist, bis zum Ende zu gehen, das heißt, bis zur revolutionären Auseinandersetzung, um den bürgerlichen Staat zu zerstören.

Unter solchen Bedingungen konnten die Errungenschaften der Kämpfe weder buchhalterisch zu einer Summe von gestaffelten Gewinnen, die Jahr für Jahr konsolidiert wird, addiert noch durch permanente Massenorganisationen erzielt werden. Sie wurden vielmehr durch „abstrakte“ Erträge konkretisiert (die Entwicklung von Bewusstsein, Bereicherung des historischen Programms angesichts der Lehren aus dem Kampf, Perspektiven für die Zukunft…), die in großen Momenten der Agitation errungen wurden, welche anschließend aus dem unmittelbaren Verständnis der breiten Massen verschwinden und sich auf eine kleine Welt von Minderheiten beschränken, was die Illusion erzeugt, sie hätten niemals existiert.

Februar 1917: das Auftauchen der Sowjets in der Hitze des Kampfes

Zwischen 1905 und 1917 wurden die Sowjets also auf nichts als eine „Idee“ reduziert, die den Denkprozess und auch den politischen Kampf einer Handvoll Militanter eine Richtung gab. Die pragmatische Methode, die nur dem Wichtigkeit verleiht, was man sehen und anfassen kann, lässt nicht den Gedanken zu, dass die Sowjets eine immense materielle Macht enthalten. Ein Jahrzehnt vor 1917 schrieb Trotzki: „Es unterliegt keinem Zweifel, dass der nächste, neue Ansturm der Revolution überall die Gründung von Arbeiterräten nach sich ziehen wird.“[4] Die großen Akteure der Februarrevolution waren im Kern die Sowjets.

Die revolutionären Minderheiten und insbesondere die Bolschewiki nach 1905 vertraten und propagierten die Idee, Sowjets zu errichten, um den Kampf voran zu bringen. Diese Minderheiten hielten die Idee der Arbeiterräte im kollektiven Gedächtnis der Arbeiterklasse am Leben. Aus diesem Grund gab es nach den Streiks, die im Februar ausbrachen und rasch ein größeres Ausmaß annahmen, zahllose Initiativen und Appelle, die zur Bildung von Sowjets aufriefen. Anweiler betonte, dass „im Februar 1917 (…) der Gedanke einer Neugründung des Arbeiterrates (entstand). Er wurde sowohl in den streikenden Fabriken als auch in Kreisen der bürgerlichen Intelligenz geboren. Augenzeugen berichten, dass in einigen Fabriken seit dem 24. Februar Vertrauensleute für einen ins Leben zu rufenden Sowjet gewählt wurden.“[5] Mit anderen Worten: die Idee der Sowjets, die sich lange Zeit auf einige Minderheiten beschränkt hatte, wurde von den kämpfenden Massen weitgehend übernommen.

Zweitens trug die bolschewistische Partei ganz wesentlich zum Aufstieg der Sowjets bei. Und sie tat dies, ohne sich auf ein vorgefasstes organisatorisches Schema zu stützen, das eine ganze Reihe von dazwischen geschalteten Organisationen, die schließlich zur Bildung von Sowjets führen würden, erfordert hätte, sondern durch einen ganz anders gearteten Beitrag in der harten politischen Auseinandersetzung, wie wir sehen werden.

Im Winter 1915, als die Streiks vor allem in Petrograd auszubrechen begannen, heckte die liberale Bourgeoisie einen Plan aus, um die Arbeiter in die Kriegsproduktion zu zwingen, und schlug vor, dass eine Arbeitergruppe aus den Fabriken in das Komitee der Kriegsindustrie gewählt werden sollte. Die Menschewiki traten ebenfalls dafür ein und versuchten, nachdem sie eine große Mehrheit erlangt hatten, die Arbeitergruppe zur Aufstellung von Forderungen zu benutzen. Sie schlugen, getreu der Gewerkschaften in anderen europäischen Ländern, faktisch vor, eine „Arbeiterorganisation“ zu benutzen, um die Kriegsanstrengungen umzusetzen.

Die Bolschewiki widersetzten sich im Oktober 1915 diesem Ansinnen mit den Worten Lenins: „Wir sind gegen die Beteiligung an den kriegsindustriellen Ausschüssen, die den imperialistischen reaktionären Krieg fördern.“[6] Die Bolschewiki riefen zur Wahl von Streikkomitees auf und das Petrograder Parteikomitee schlug vor: „Die Vertreter der Fabriken und Werkstätten, gewählt auf der Grundlage des proportionalen Vertretungssystems in allen Städten, sollen den gesamtrussischen Sowjet der Arbeiterdeputierten bilden…“[7]

Zunächst hatten die Menschewiki mit ihrer Wahlpolitik zugunsten der Arbeitergruppen die Situation im eisernen Griff. Die Streiks im Winter 1915 und die noch zahlreicheren Streiks in der zweiten Jahreshälfte 1916 blieben unter der Kontrolle der menschewistischen Arbeitergruppen, wobei da und dort Streikkomitees auftauchten. Erst im Februar begann die Saat zu sprießen.

Der erste Versuch, einen Sowjet einzurichten, fand während eines improvisierten Treffens statt, das am 27. Februar im Taurischen Palast abgehalten wurde. Die Teilnehmerschaft war nicht repräsentativ; es gab einige Elemente aus der menschewistischen Partei und der Arbeitergruppe mit einigen bolschewistischen Repräsentanten und anderen unabhängigen Elementen. In ihr entwickelte sich eine sehr bedeutsame Debatte, in der zwei völlig entgegengesetzte Optionen auf den Tisch gelegt wurden: Die Menschewiki verfochten die Idee, dass das Treffen sich selbst zum Provisorischen Sowjetkomitee ausrufen solle; der Bolschewik Schljapnikow „argumentierte dagegen, dass dies nicht in der Abwesenheiten der von den Arbeitern gewählten Repräsentanten getan werden könne. Er forderte ihre dringende Einberufung, und die Versammlung stimmte ihm zu. Es wurde beschlossen, die Sitzung zu beenden und Appelle an die Hauptkonzentrationen der Arbeiter und an die aufständischen Regimenter zu richten.“[8]

Der Vorschlag hatte dramatische Auswirkungen. In der Nacht des 27. Februar begann er sich in den Arbeiterbezirken, den Fabriken und Kasernen zu verbreiten. Arbeiter und Soldaten verfolgten den Verlauf der Ereignisse sehr genau. Am folgenden Tag fanden zahllose Versammlungen in den Fabriken und Kasernen statt, und eine nach der anderen übernahm diese Entscheidung: einen Sowjet aufzustellen und einen Delegierten zu wählen. Am Nachmittag war der Taurische Palast zum Bersten voll mit Arbeiter- und Soldatendelegierten. Suchanow schildert in seinen Memoiren[9] das Treffen, das den historischen Beschluss fällte, den Sowjet zu konstituieren: „Als die Sitzung eröffnet wurde, waren vielleicht 250 Deputierte anwesend, doch ergossen sich in endloser Folge neue Gruppen in den Raum.“[10] Er rief in Erinnerung, wie die Sitzung, als sie über die Tagesordnung abstimmte, immer wieder von Soldatendelegierten unterbrochen wurde, die Botschaften von den Versammlungen ihrer entsprechenden Regimenter weiterleiten wollten. Und einer von ihnen machte folgende Zusammenfassung: „Die Offiziere sind verschwunden. Wir wollen nicht mehr gegen das Volk dienen. Wir schließen uns mit unseren Arbeiterbrüdern zusammen, alle vereint, um die Sache des Volkes zu verteidigen. Wir werden unser Leben dieser Sache geben. Unsere allgemeine Versammlung bat uns, euch zu grüßen.“ Suchanow fügte hinzu: „Und mit einer Stimme voller Emotionen fügte der Deputierte unter donnerndem Applaus hinzu: Lang lebe die Revolution!“[11] Das Treffen, das ständig von der Ankunft neuer Delegierter unterbrochen wurde, die die Position jener, die sie repräsentierten, übermitteln wollten, setzte sich zunehmend mit schwierigen Fragen auseinander: Bildung von Milizen in den Fabriken, Schutz vor Plünderungen und den Aktionen der zaristischen Kräfte. Ein Delegierter schlug die Schaffung einer „literarischen Kommission“ vor, um einen an das ganze Land gerichteten Appell zu verfassen, der überall Gehör finden würde.[12] Die Ankunft eines Delegierten aus dem Semionowski-Regiment – berüchtigt für seine Loyalität zum Zaren und für seine repressive Rolle im Jahr 1905 – führte zu einer weiteren Unterbrechung. Der Delegierte verkündete: „Genossen und Brüder, ich überbringe euch die Grüße von allen Männern des Semionowski-Regiments. Bis auf den letzten Mann haben wir beschlossen, uns dem Volk anzuschließen.“ Dies löste „einen Sturm der Begeisterung aus, der die gesamte Versammlung erfasste.“ (Suchanow). Die Versammlung organisierte einen „Generalstab“ für den Aufstand, der alle strategischen Punkte in Petrograd besetzen ließ.

Die Sowjetversammlung fand nicht im luftleeren Raum statt. Die Massen waren mobilisiert. Suchanow wies auf die Atmosphäre hin, die in der Sitzung herrschte: „Die Menge war dicht gedrängt; Zehntausende von Menschen kamen zusammen, um die Revolution zu begrüßen. Die Palast-Räumlichkeiten konnten nicht all die Menschen aufnehmen, und vor den Türen kamen die Posten der Militärischen Kommission zusammen, um noch größere Menschenmengen zurückzuhalten.“[13]

März 1917: ein gigantisches Netz von Sowjets verbreitete sich über ganz Russland

Binnen 24 Stunden war der Sowjet Herr der Lage. Der Triumph der Petrograder Erhebung löste die Ausweitung der Revolution aufs ganze Land aus. „Das Netz der lokalen Arbeiter- und Soldatenräte in ganz Russland bildete das Rückgrat der Revolution.“[14] Wie konnte es zu solch einer gigantischen Ausweitung kommen, die in kurzer Zeit das ganze russische Territorium erfasste? Es gab Unterschiede zwischen den Sowjets von 1905 und jenen von 1917. 1905 brachen die Streiks im Januar aus, die aufeinanderfolgenden Streikwellen entwickelten sich ausnahmslos ohne jegliche Massenorganisation. Die Sowjets bildeten sich erst im Oktober. Im Gegensatz dazu wurden 1917 die Sowjets zu Beginn der Kämpfe gebildet. Die Appelle des Petrograder Sowjet am 28. Februar trafen auf offene Ohren. Die beeindruckende Geschwindigkeit, mit der sich die Sowjets gebildet hatten, war an sich schon ein Zeichen für den Gestaltungswillen, der große Schichten von Arbeitern und Soldaten ergriffen hatte.

Täglich wurden Versammlungen abgehalten, die sich nicht damit begnügten, Delegierte für den Sowjet zu wählen. Häufig geschah es, dass sie mit einer Generalversammlung einhergingen. Gleichzeitig bildeten sich Bezirkssowjets in den Arbeiterbezirken. Der Sowjet richtete einen solchen Appell an die Arbeiterklasse; noch am gleichen Tag übernahm der kämpferische Wyborger Bezirk, ein proletarischer Vorort von Petrograd, die Führung bei der Bildung eines Bezirkssowjets und rief zur Bildung solcher Sowjets im ganzen Land auf. Arbeiter aus vielen Arbeiterbezirken folgten in den nächsten Tagen diesem Beispiel.

Auf dieselbe Weise wurden auch Fabrik-räte gebildet. Zwar entstanden sie aus der Notwendigkeit von unmittelbaren Forderungen und der Organisierung der Arbeit, aber sie beschränkten sich nicht auf diese Aspekte und politisierten sich immer mehr. Anweiler erkannte: „In Petersburg gaben sich die Betriebsräte im Laufe der Zeit eine feste Organisation, die in gewisser Hinsicht eine Konkurrenz zum Arbeiterdeputiertenrat darstellte. Sie schlossen sich zu Rayonsräten zusammen, die ihre Vertreter in einen Zentralrat wählten, an dessen Spitze ein Vollzugsausschuss stand (…) Dadurch, dass sie den Arbeiter unmittelbar an seinem Arbeitspatz erfassten, wuchs ihre revolutionäre Rolle jedoch in demselben Maße, wie der Sowjet sich zu einer Dauereinrichtung verfestigte und den engen Kontakt mit den Massen einzubüßen begann.“[15]

So verbreiteten sich die Sowjets wie ein Flächenbrand. In Moskau „fanden in den Betrieben Deputiertenwahlen statt, und der Sowjet trat zu seiner ersten Sitzung zusammen, auf der ein dreißigköpfiges Exekutivkomitee gewählt wurde. Am Tage darauf formierte sich der Arbeiterrat endgültig: man legte die Vertretungsnormen fest, wählte Delegierte in den Petersburger Sowjet und begrüßte die Bildung der neuen Provisorischen Regierung.“[16] „Der Siegeszug der Revolution, die sich von Petersburg über ganz Russland fortpflanzte und in wenigen Tagen zum Zusammenbruch der zaristischen Regierungsgewalt und der alten Behörden führte, war begleitet von einer Welle revolutionärer Organisationstätigkeit aller Gesellschaftsschichten, die ihren stärksten Ausdruck in der Bildung von Sowjets in den Städten des ganzen Reiches, von Finnland bis zum Stillen Ozean, fand.“[17]

Auch wenn sich die Sowjets um lokale Angelegenheiten kümmerten, ging es ihnen hauptsächlich um allgemeine Probleme - den Weltkrieg, das Wirtschaftschaos, die Ausweitung der Revolution auf andere Länder -, und sie ergriffen Maßnahmen, um ihre Bemühungen zu konkretisieren. Es ist zu betonen, dass die Bemühungen, die Sowjets zu zentralisieren, von „unten“ kamen, und nicht von oben. Wie wir oben sahen, beschloss der Moskauer Sowjet, Delegierte nach Petersburg zu entsenden, womit er Letzteren ohne viel Aufheben als Zentrum der gesamten Bewegung anerkannte. Anweiler unterstrich: „Die Arbeiter- und Soldatenräte anderer Städte schickten ihre Delegationen nach Petersburg oder unterhielten ständige Beobachter im Sowjet.“[18] Ab Mitte März tauchten die ersten Initiativen für einen Regionalkongress der Sowjets auf. In Moskau fand vom 25. bis  zum 27. März eine Konferenz desselben Charakters statt; es nahmen 70 Arbeiterdeputierte und 38 Soldatendeputierte teil. Im Donez-Becken gab es eine Konferenz mit denselben Inhalten, an der 48 Sowjets teilnahmen. All diese Anstrengungen kulminierten in der Abhaltung des Ersten Allrussischen Sowjetkongresses, der vom 29. März bis zum 3. April stattfand und Delegierte von 480 Sowjets versammelte.

Der „Organisationsvirus“ sprang auf die Soldaten über, die des Krieges leid von den Schlachtfeldern flohen, meuterten, ihre Offiziere vertrieben und beschlossen, nach Hause zurückzukehren. Im Gegensatz zu 1905, als sie praktisch nicht existiert hatten, wucherten sie 1917 geradezu in den Regimentern, Waffenfabriken, Marinebasen und Arsenalen… Die Armee setzte sich aus einem Konglomerat von Gesellschaftsklassen zusammen, hauptsächlich Bauern, in dem die Arbeiter die Minderheit waren. Trotz dieser Heterogenität vereinte sich die Mehrheit der Sowjets ums Proletariat. Wie der bürgerliche Historiker und Ökonom Tugan-Baranowski bemerkte: „Nicht die Armee, sondern die Arbeiter haben den Aufstand begonnen. Nicht Generale, sondern Soldaten sind zur Reichsduma[19] marschiert. Die Soldaten haben die Arbeiter unterstützt, nicht in gehorsamer Ausführung der Befehle ihrer Offiziere, sondern, weil ... sie sich blutsverwandt fühlten mit den Arbeitern, als einer Klasse ebenso werktätiger Menschen wie sie selbst.“[20]

Die Sowjetorganisation gewann immer mehr an Boden und erlebte im Mai 1917 eine weitere Verbreitung, als die Bildung von Bauernsowjets die Massen auf dem Lande zu bewegen begann, die jahrhundertelang wie Lasttiere behandelt worden waren. Dies war ein weiterer fundamentaler Unterschied zu 1905, als es verhältnismäßig wenig, zumeist völlig unorganisierte Aufstände auf dem Lande gegeben hatte. Dass das gesamte Russland von einem gigantischen Netzwerk von Räten durchzogen war, ist eine historische Tatsache von enormer Bedeutung. Wie Trotzki anmerkte: „…in allen früheren Revolutionen kämpften auf den Barrikaden Arbeiter, Handwerksgehilfen, zum Teil auch Studenten, Soldaten gingen zu ihnen über, die Macht aber nahm dann die solide Bourgeoisie an sich, die, unter Wahrung aller Vorsicht, den Barrikadenkampf von den Fenstern aus verfolgt hatte.“[21], doch dies geschah diesmal nicht. Die Massen hörten auf, „für die anderen“ zu kämpfen, und kämpften mittels der Räte für sich selbst. Sie widmeten sich dem ganzen Geschäft des wirtschaftlichen, politischen, sozialen und kulturellen Lebens.

Die Arbeitermassen waren mobilisiert. Der Ausdruck dieser Mobilisierung waren die Sowjets und, um sie herum, ein großes Netzwerk von Sowjet-artigen Organisationen (Bezirkssowjets, Fabrikräte), ein Netzwerk, das sich selbst nährte und umgekehrt den Impuls zu einer beeindruckenden Anzahl von Versammlungen, Treffen, Debatten und kulturellen Aktivitäten gaben, die regelrecht explodierten… Arbeiter, Soldaten, Frauen und Jugendliche entwickelten eine fieberhafte Aktivität. Die Arbeit wurde niedergelegt, um die Fabrikversammlung, den Stadt- oder Bezirkssowjet, Aufmärsche, Treffen oder Demonstrationen aufzusuchen. Es ist bedeutsam, dass es nach dem Februarstreik bis auf einige wenige Ausnahmen praktisch keine Streiks gab. Im Gegensatz zu jener Sichtweise, die den Kampf allein auf Streikaktionen reduziert, bedeutete die Abwesenheit von Streiks nicht eine Demobilisierung der Arbeiter. Die Arbeiter befanden sich in einem permanenten Kampf, denn der Klassenkampf bildet, wie Engels sagte, eine Einheit aus dem wirtschaftlichen, politischen und ideologischen Kampf. Und die Arbeitermassen waren im Begriff, diese drei Dimensionen ihrer Schlacht gleichzeitig anzunehmen. Mit Massenaktionen, Demonstrationen, Zusammenkünften, Debatten, mit der Zirkulation von Büchern und Zeitungen hatten die Arbeitermassen Russlands ihr Schicksal in die eigenen Hände genommen und in sich selbst einen unerschöpflichen Vorrat an Ideen, Initiativen und Erfahrungen entdeckt, die sie unermüdlich in kollektiven Foren einbrachten.

April 1917: der Kampf für „Alle Macht den Räten“

„Vom Sowjet wurden alle Post- und Telegraphenämter besetzt, das Radio, alle Petrograder Bahnhöfe, alle Druckereien, so daß man ohne seine Erlaubnis weder ein Telegramm abschicken, noch aus Petrograd verreisen, noch einen Aufruf drucken konnte.“ Dies waren die Worte eines Abgeordneten der Kadettenpartei[22] aus dessen Memoiren. Jedoch herrschte, wie Trotzki bemerkte, ein fürchterliches Paradoxon seit dem Februar: Die Mehrheit in den Sowjets (Menschewiki und Sozialrevolutionäre) überließ der Bourgeoisie die Macht, indem sie sie praktisch dazu zwang, die Provisorische Regierung zu bilden[23], der ein zaristischer Prinz vorstand und die sich aus reichen Industriellen, Kadetten und, um noch einen daraufzusetzen, aus dem „Sozialisten“ Kerenski[24] zusammensetzte. Die Provisorische Regierung verfolgte, hinter den Sowjets versteckt, ihre Kriegspolitik und zeigte wenig Interesse daran, irgendeine Lösung für die ernsten Probleme zu finden, vor denen die Arbeiter und Bauern standen. Dies führte dazu, dass die Sowjets wirkungslos wurden und verschwanden, wie man angesichts dieser Erklärungen führender Sozialrevolutionäre mutmaßen kann: „Die Sowjets wollten nicht die Konstituierende Versammlung ersetzen, in der sich die Abgeordneten ganz Russlands versammeln. Im Gegenteil, ihr Hauptaugenmerk richten die Sowjets darauf, das Land zur Konstituierenden Versammlung hinzuführen… Die Sowjets stellen keine Regierungsmacht neben der Konstituierenden Versammlung dar, und sie stehen auch nicht in einer Reihe mit der Provisorischen Regierung. Sie sind Berater des Volkes in seinem Kampf um seine Interessen… sie sind sich bewusst, dass sie nur einen Teil des Volkes  repräsentieren und nur das Vertrauen derjenigen Volksmassen genießen, für deren Interessen sie kämpfen.“[25]

Anfang März wurde sich jedoch ein Teil der Arbeiterklasse der Tatsache bewusst, dass die Sowjets dazu tendierten, zur Abschirmung und als Instrument der Politik der Bourgeoisie zu dienen. Es gab auch sehr anregende Debatten in einigen Sowjets, Fabrik- und Bezirkskomitees über die „Machtfrage“. Die bolschewistische Minderheit hinkte dem hinterher, hatte ihr Zentralkomitee[26] doch gerade eine Resolution angenommen, die die Provisorische Regierung trotz starker Opposition aus verschiedenen Teilen der Partei kritisch unterstützte.[27]

Die Debatte nahm im März an Schärfe zu. „Das Wyborger Komitee führte tausendköpfige Versammlungen von Arbeitern und Soldaten durch, die fast einstimmig Resolutionen über die Notwendigkeit der Machtergreifung durch den Sowjet annahmen (…)Die Resolution der Wyborger wurde in Anbetracht ihres Erfolges gedruckt und plakatiert. Das Petrograder Komitee aber belegte diese Resolution mit einem direkten Verbot“.[28]

Die Ankunft Lenins im April veränderte die Lage von Grund auf. Lenin, der mit Sorge aus seinem Schweizer Exil die wenigen Informationen über das beschämende Verhalten des Zentralkomitees der bolschewistischen Partei vernommen hatte, kam zu denselben Schlussfolgerungen wie das Wyborger Komitee. In seinen Aprilthesen drückte er es deutlich aus: „Die Eigenart der gegenwärtigen Lage in Rußland besteht in dem Übergang von der ersten Etappe der Revolution, die infolge des ungenügend entwickelten Klassenbewußtseins und der mangelhaften Organisiertheit des Proletariats die Bourgeoisie an die Macht brachte, zur zweiten Etappe, die die Macht in die Hände des Proletariats und der armen Schichten der Bauernschaft legen muss.“[29] Viele Autoren sehen in dieser entscheidenden Intervention Lenins nicht einen Ausdruck für die Rolle der Avantgarde der revolutionären Partei und ihrer renommiertesten Mitglieder, sondern im Gegenteil einen Akt des Opportunismus. Ihnen zufolge ergriff Lenin die Gelegenheit, die Sowjets als eine Plattform zur Eroberung der „absoluten Macht“ zu nutzen; er habe sich seines „streng jakobinischen“ Gewandes entledigt und es gegen dasjenige eines anarchistischen Anhängers der „direkten Macht der Massen“ getauscht. Tatsächlich drückte sich ein altes Parteimitglied so aus: „Viele Jahre blieb der Platz Bakunins in der Russischen Revolution unbesetzt, jetzt ist er von Lenin besetzt worden.“[30] Diese Legende ist völlig falsch. Das Vertrauen, das Lenin in die Sowjets hatte, ging sehr weit zurück, zu den Lehren, die er aus der Revolution von 1905 zog. In einem Resolutionsentwurf, den er dem 4. Parteikongress 1906 vorschlug, sagte er, dass, „insofern die Räte Keime der revolutionären Macht darstellen, ihre Stärke und Bedeutung ganz und gar von der Macht und dem Erfolg des Aufstandes abhängt“, und er fügte hinzu: „Solche Einrichtungen sind unvermeidlich zum Untergang verurteilt, wenn sie sich nicht auf die revolutionäre Armee stützen und die Regierungsgewalten stürzen (d.h. in eine revolutionäre Regierung verwandeln).“[31] 1915 kehrte er zur gleichen Idee zurück: „Arbeiterdelegiertenräte und ähnliche Institutionen müssen betrachtet werden als Organe des Aufstandes, als Organe der revolutionären Gewalt. Diese Institutionen können nur von sicherem Nutzen sein im Zusammenhang mit der Entfaltung des politischen Massenstreiks und im Zusammenhang mit dem Aufstand, je nach dem Grad seiner Vorbereitung, seiner Entwicklung und seinem Fortschritt.“[32]

Juni–Juli 1917: die Krise der Sowjets

Lenin war sich darüber bewusst, dass die Auseinandersetzung erst begonnen hatte: „Nur durch den Kampf gegen diese blinde Vertrauensseligkeit (der ausschließlich mit geistigen Waffen, durch kameradschaftliche Überzeugung, durch Hinweis auf die Erfahrungen des Lebens geführt werden kann und darf) können wir uns von der grassierenden revolutionären Phrase befreien und wirklich sowohl das Bewusstsein des Proletariats als auch das Bewusstsein der Massen sowie ihre kühne, entschlossene Initiative überall im Lande (…) vorantreiben“.[33]

Dies wurde zurzeit des Ersten Kongresses der Allrussischen Sowjets auf bittere Weise bestätigt. Einberufen, um das Netzwerk der verschiedenen Arten von Sowjets, die sich übers Land verbreitet hatten, zu vereinen und zu zentralisieren, richteten sich seine Resolutionen nicht nur gegen die Sowjets, sondern führten zur Zerstörung der Sowjets. Im Juni und Juli trat ein ernstes politisches Problem auf: die Krise der Sowjets und ihre Entfremdung von den Massen.

Die allgemeine Lage zeichnete sich durch ein völliges Chaos aus: Anstieg der Arbeitslosigkeit, Stillstand des Transportwesens, Ernteausfälle auf dem Land und allgemeine Rationierung. Die Fahnenflucht in der Armee vervielfachte sich, ebenfalls die Versuche, sich mit dem Feind an der Front zu verbrüdern. Das imperialistische Lager der Entente (Frankreich, Großbritannien und später die USA) setzte die Provisorische Regierung unter Druck, damit diese eine allgemeine militärische Offensive gegen die Deutschen eröffnete. Die menschewistischen und sozialrevolutionären Delegierten, gern zu Diensten, verabschiedeten auf dem Sowjetkongress eine Resolution, die für die militärische Offensive eintrat, während eine wichtige Minderheit, nicht nur Bolschewiki, dagegen war. Um das Ganze noch zu krönen, lehnte der Kongress einen Vorschlag ab, den Arbeitstag auf acht Stunden zu begrenzen, und zeigte keinerlei Interesse an den Problemen auf dem Land. Einst die Stimme der Massen, wurde der Rätekongress nun zum Sprachrohr dessen, was man über alles gehasst hatte – der Fortsetzung des bürgerlichen Regimes und des imperialistischen Krieges.

Nach der Verbreitung der Kongressresolutionen – und insbesondere jener, die die militärische Offensive unterstützten – breitete sich tiefe Enttäuschung in den Massen aus. Sie sahen, dass ihre Organisation zwischen ihren Fingern zerrann, und sie begannen zu reagieren. Der Bezirkssowjet von Petrograd, der Sowjet der Nachbarstadt Kronstadt, viele Fabrikräte und etliche Regimentskomitees schlugen für den 10. Juni eine Großdemonstration vor, deren Ziel es sein sollte, Druck auf den Kongress auszuüben, so dass er seine Politik änderte und sich in Richtung Machtübernahme bewegte, indem er die kapitalistischen Minister aus seinen Reihen ausschloss.

Die Antwort des Kongresses bestand darin, die Demonstrationen unter dem Vorwand der „Gefahr eines monarchistischen Komplotts“ zeitweilig zu verbieten. Es wurden Delegierte des Kongresses mobilisiert, die sich vor die Fabriken und den Regimentern  begeben sollten, um die Arbeiter und Soldaten „eines Besseren zu belehren“. Die Aussage eines menschewistischen Delegierten war vielsagend: „Die Mehrheit des Kongresses, über 500 seiner Mitglieder, hatte die ganze Nacht kein Auge geschlossen, in Zehnergruppen zerschlagen besuchte sie die Petrograder Fabriken und Truppenteile mit der Aufforderung, von der Demonstration abzusehen. Der Kongress besitzt in einem großen Teil der Fabriken und Werkstätten und auch bei gewissen Teilen der Garnison keine Autorität ... Die Kongressmitglieder wurden durchaus nicht immer freundlich, mitunter sogar feindselig empfangen und nicht selten im bösen verabschiedet.“[34]

Die Führung der Bourgeoisie hatte die Notwendigkeit verstanden, ihre wichtigste Karte zu schützen – die Beschlagnahme der Räte -, um sie gegen den ersten ernsthaften Versuch der Massen zu benutzen, sie vom Kopf wieder auf die Füße zu stellen. Dies tat sie mit ihrem angeborenen Machiavellismus, indem sie die Bolschewiki als Objekt ihrer Kraftprobe benutzte und eine wilde Kampagne gegen sie entfachte. Auf dem Kosakenkongress, der zur gleichen Zeit wie der Sowjetkongress stattfand, verkündete Miljukow, dass „die Bolschewiki die schlimmsten Feinde der Revolution waren (…) Es ist Zeit, diesen Herren den Gnadenstoß zu geben.“[35] Der Kosakenkongress beschloss, „die bedrohten Sowjets zu unterstützen. Wir Kosaken werden niemals mit den Sowjets streiten“.[36] Wie Trotzki betonte, waren „die Reaktionäre (…) bereit, gegen die Bolschewiki sogar mit dem Sowjet zusammenzugehen, um ihn später um so sicherer erdrosseln zu können“[37]. Der Menschewik Liber zeigte deutlich das Ziel, als er dem Sowjetkongress erklärte: „Wollt ihr die Masse bekommen, die zu den Bolschewiki geht, dann brecht mit dem Bolschewismus.“

Die gewaltsame bürgerliche Gegenoffensive gegen die Massen geschah in einer Situation, wo sie insgesamt politisch noch zu schwach waren. Die Bolschewiki begriffen dies und schlugen die Absage der Demonstration am 10. Juni vor, was von einigen Regimentern und den kämpferischsten Fabrikbelegschaften nur widerwillig hingenommen wurde.

Als diese Nachricht den Sowjetkongress erreichte, schlug ein Delegierter vor, dass für den 18. Juni eine „wirkliche“ Sowjetdemonstration einberufen werden solle. Miljukow analysierte diese Initiative so: „Im Anschluss an einige Reden mit einem liberalen Tonfall, denen es gelang, eine bewaffnete Demonstration am 10. Juni zu verhindern (…) hatte der sozialistische Minister das Gefühl, dass sie bei ihrer Annäherung an uns zu weit gegangen seien, dass der Boden unter ihren Füßen wegbrach. Aufgeschreckt wendeten sie sich abrupt den Bolschewiki zu.“[38]

Dies war ein bitterer Rückschlag für den bürgerlich beherrschten Sowjetkongress. Arbeiter und Soldaten beteiligten sich massenhaft an der Demonstration am 18. Juni und schwenkten Transparente, auf denen zu „Alle Macht den Sowjets“, zur Entlassung der kapitalistischen Minister, zum Ende des Krieges aufgerufen und an die internationale Solidarität appelliert wurde. Auf den Demonstrationen wurden die Orientierungen der Bolschewiki aufgegriffen und das Gegenteil dessen gefordert, was der Kongress wollte.

Die Situation verschärfte sich. Von ihren Alliierten in der Entente unter Druck gesetzt, sah sich die russische Bourgeoisie in einer Sackgasse. Die famose militärische Offensive endete im Fiasko, die Arbeiter und Soldaten wollten einen radikalen Wechsel in der Sowjetpolitik. Doch die Situation in den Provinzen und auf dem Land war nicht so klar; hier blieb die große Mehrheit trotz einer gewissen Radikalisierung den Sozialrevolutionären und der Provisorischen Regierung noch treu.

Es wurde für die Bourgeoisie Zeit, den Massen in Petrograd einen Hinterhalt zu legen, um eine vorzeitige Konfrontation zu provozieren, die es ihr erlauben würde, zu einem plötzlichen Schlag gegen die Avantgarde der Bewegung auszuholen und so der Konterrevolution Tür und Tor zu öffnen.

Die Kräfte der Bourgeoisie reorganisierten sich. Es wurden „Offizierssowjets“ gebildet, deren Aufgabe es war, Elitekräfte zu organisieren, um die Revolution militärisch auszulöschen. Ermutigt von den westlichen Demokratien, erhoben die zaristischen Schwarzhundertschaften ihr Haupt. Nach Lenins Worten funktionierte die alte Duma als ein konterrevolutionäres Büro, dem die führenden sozialverräterischen Sowjet-Führer keine Hindernisse in den Weg stellten.

Eine Reihe subtiler Provokationen wurde in Gang gesetzt, um die Arbeiter von Petrograd in die Falle einer vorzeitigen Erhebung zu locken. Zuerst zog die Kadettenpartei ihre Minister aus der Provisorischen Regierung zurück, so dass Letztere sich nur noch aus „Sozialisten“ zusammensetzte. Dies war sozusagen eine Einladung an die Arbeiter, die unmittelbare Machtübernahme zu fordern und sich in den Aufstand zu stürzen. Die Entente stellte daraufhin der Provisorischen Regierung ein veritables Ultimatum: die Wahl zwischen den Sowjets und einer konstitutionellen Regierung. Letztlich war die gewaltsamste Provokation die Drohung, die kämpferischsten Regimenter aus der Hauptstadt abzuziehen und an die Front zu schicken.

Eine große Anzahl von Arbeitern und Soldaten in Petrograd erlag der Versuchung. Von zahllosen Bezirks-, Fabrik- und Regimentssowjets wurde zu einer bewaffneten Demonstration am 4. Juli aufgerufen. In ihrem Schlachtruf forderten sie, dass die Sowjets die Macht an sich reißen. Diese Initiative zeigte, dass die Arbeiter verstanden hatten, dass es kein anderes Resultat geben kann als die Revolution. Doch gleichzeitig forderten sie, dass die Macht von den Sowjets, so wie sich diese damals präsentierten, ergriffen werden soll, d.h. mit der Mehrheit in den Händen der Menschewiki und Sozialrevolutionäre, denen es darum ging, die Sowjets der Bourgeoisie unterzuordnen. Die anschließend zelebrierte Szene, als ein Arbeiter sich an ein menschewistisches Mitglied des Sowjets wandte („Warum übernehmt ihr nicht die Macht ein für allemal?“) steht für die fortbestehenden Illusionen innerhalb der Arbeiterklasse. Dies war, als würde man den Wolf in eine Schafsherde einladen! Die Bolschewiki warnten vor dieser Falle. Sie taten dies nicht aus Selbstgefälligkeit, vom hohen Sockel herab, den Massen aufzählend, in welchen Punkten sie falsch lagen. Sie stellten sich selbst an die Spitze der Demonstration, Schulter an Schulter mit den Arbeitern und Soldaten, um all ihre Kräfte beizusteuern, damit die Antwort massiv war, aber nicht auf eine entscheidende Konfrontation hinauslief, was von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen wäre.[39] Die Demonstration nahm ein geordnetes Ende und setzte keinen revolutionären Angriff in Gang. So wurde ein Massaker vermieden, was sich in der nahen Zukunft für die Massen auszahlen sollte. Doch die Bourgeoisie konnte nicht zum Rückzug blasen; sie musste ihre Offensive fortsetzen. Die Provisorische Regierung, die nun völlig aus „Arbeiter“-Ministern bestand, löste daraufhin eine brutale Repression aus, die sich besonders gegen die Bolschewiki richtete. Die Partei wurde für illegal erklärt, zahllose Mitglieder wurden eingesperrt, ihre gesamte Presse wurde verboten, und Lenin musste in den Untergrund gehen.

Durch kraftraubende, aufopfernde Bemühungen trug die bolschewistische Partei entscheidend dazu bei, dass eine Niederlage der Massen und ihre Zerstreuung, die durch ihre Desorganisation drohte, vermieden wurden. Der Petrograder Sowjet, der im Gegensatz dazu das gewählte Exekutivkomitee auf dem jüngsten Sowjetkongress unterstützte, erwies sich als ein Abgrund der Niederträchtigkeit, als er die brutale Repression und Reaktion befürwortete.

Wie konnte die Bourgeoisie die Sowjets auf Abwege bringen?

Die Organisation der Massen in den Arbeiterräten ab Februar 1917 schuf die Gelegenheit, ihre Stärken, Organisation und ihr Bewusstsein für den finalen Angriff gegen die bürgerliche Macht zu entwickeln. Die folgende Periode, die so genannte Periode der Doppelherrschaft von Proletariat und Bourgeoisie, bildete eine kritische Ebene für die beiden antagonistischen Klassen, die entweder für die eine oder für die andere zum politischen und militärischen Triumph über die gegnerische Klasse führen konnte.

Während dieser Zeitspanne bildete der Bewusstseinsgrad in den Massen, der, verglichen mit der Notwendigkeit einer proletarischen Revolution, immer noch schwach war, die Bresche, durch die die Bourgeoisie hineinzustoßen versuchte, um dem entstehenden revolutionären Prozess ein Ende zu bereiten. Dafür benutzte sie eine Waffe, die so gefährlich wie schädlich war - die Sabotage durch bürgerliche Kräfte, die sich hinter einer „radikalen“ Arbeitermaske versteckten. Dieses Trojanische Pferd der Konterrevolution wurde damals in  Russland von den menschewistischen und sozialrevolutionären „sozialistischen“ Parteien gebildet.

Anfangs hegten viele Arbeiter noch Illusionen in die Provisorische Regierung und betrachteten sie als ein Produkt der Sowjets, während in der Realität sie ihr schlimmster Feind war. Was die Menschewiki und Sozialrevolutionäre angeht, so genossen sie ein gewisses Vertrauen in den großen Massen der Arbeiter, die sie mit ihren radikalen Reden, mit ihrer revolutionären Phraseologie in die Irre geführt hatten, ein Vertrauen, das es ihnen erlaubte, die große Mehrheit der Sowjets politisch zu dominieren. Aus dieser Position der Stärke heraus strebten sie danach, diese Organe ihres revolutionären Inhalts zu entleeren, um sie in die Dienste der Bourgeoisie zu stellen. Wenn sie bei diesem Versuch scheiterten, dann weil die permanent mobilisierten Massen durch ihre eigenen Erfahrungen und mit der Unterstützung durch die bolschewistische Partei in der Lage waren, die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre zu demaskieren, was so weit ging, dass Letztere dazu verleitet wurden, die Orientierung der Provisorischen Regierung in solch fundamentalen Fragen wie den Krieg und die Lebensbedingungen anzunehmen.

Im nächsten Artikel werden wir sehen, wie die Sowjets ab Ende August 1917 in die Lage versetzt wurden, sich selbst zu erholen und zu einem wirklichen Sprungbrett für die Machtübernahme zu werden, was schließlich im Triumph der Oktoberrevolution kulminierte.

C.Mir, 8. März 2010

[1] Siehe Internationale Revue Nr. 48

[2] Wir haben mittlerweile eine Menge Material und viel mehr Details darüber, wie sich die Russische Revolution entwickelte, und auch über die entscheidende Rolle, die die Bolschewistische Partei dabei spielte. Insbesondere Trotzkis Geschichte der Russischen Revolution, Zehn Tage, die die Welt erschütterten von John Reed, unsere Broschüren über die Russische Revolution wie auch zahllose Artikel in unserer Internationalen Revue.

[3] Oskar Anweiler, Die Rätebewegung in Russland 1905–1921, Leiden E.J. Brill, 1958. Obwohl er sehr antibolschewistisch ist, bleibt der Autor den Fakten treu und erkennt objektiv den Beitrag der Bolschewiki an, was sich abhebt von den sektiererischen und dogmatischen Urteilen, die immer wieder zum Besten gegeben werden.

[4] Zitiert bei Anweiler, s.o., S. 110.

[5] Ebenda, S. 127.

[6] Ebenda, S. 122.

[7] Ebenda, S. 123.

[8]Gérard Walter, Overview of the Russian Revolution, eigene Übersetzung.

[9] 1922 in sieben Bänden veröffentlicht, vermitteln sie die Perspektive eines unabhängigen Sozialisten, eines Mitarbeiters Gorkis und von Martows menschewistischen Internationalisten. Auch wenn er mit den Bolschewiki nicht einer Meinung war, unterstützte er die Oktoberrevolution. Dieses und die folgenden Zitate sind aus einer Zusammenfassung seiner in Spanisch veröffentlichten Memoires entnommen und übersetzt.

[10] Laut Anweiler gab es um die 1.000 Delegierte am Ende der Sitzung und bis zu 3.000 auf der nächsten Sitzung.

[11] Suchanow, a.a.O, eigene Übersetzung

[12] Diese Kommission schlug die ständige Ausgabe einer Sowjetzeitung vor: Iswestja (Die Nachrichten), die seither regelmäßig erschien.

[13] Suchanow, a.a.O., eigene Übersetzung

[14] Anweiler, a.a.O., S. 144

[15] Ebenda, S. 155 f.

[16] Ebenda, S. 140

[17] Ebenda, S. 139

[18] Ebenda, S. 151

[19] Abgeordnetenkammer

[20] zit. bei Trotzki, Geschichte der Russischen Revolution, Band 1, Kap. Wer leitete den Februaraufstand?

[21] a.a.O. Kap. Das Paradoxon der Februarrevolution

[22]  Konstitutionell-Demokratische Partei (KD) des Großbürgertums, 1905 eilig gegründet. Ihr Führer war Miljukow, die graue Eminenz der russischen Bourgeoisie damals.

[23] Trotzki schildert, wie gelähmt die Bourgeoisie war und wie die menschewistischen Oberhäupter ihren Einfluss in den Sowjets nutzten, um für sich selbst bedingungslose Macht zu reservieren, wobei Miljukow „nicht seine Befriedigung und angenehme Überraschung verhehlte“ (Memoiren von Suchanow, einem Menschewiken, der die Geschehnisse in der Provisorischen Regierung unmittelbar miterlebte).

[24] Dieser Rechtsanwalt, der vor der Revolution sehr beliebt war in den Arbeiterbezirken, endete als offizieller Kopf der Provisorischen Regierung und führte schließlich etliche Versuche aus, um den Arbeitern den Gnadenstoß zu geben. Seine Absichten wurden in den Memoiren des britischen Botschafters zu jener Zeit enthüllt: „Kerenski zwang mich, Geduld zu haben, und versicherte mir, dass die Sowjets letztendlich eines natürlichen Todes sterben würden. Sie würden bald ihre Funktionen an die demokratischen Organe einer autonomen Verwaltung abgeben.“

[25] Zitiert bei Anweiler, s.o., S. 177.

[26] Zusammengesetzt aus Stalin, Kamenew und Molotow. Lenin war im Schweizer Exil und hatte praktisch keine Möglichkeiten, die Partei zu kontaktieren.

[27] Auf dem Treffen des Petrograder Parteikomitees am 5. März wurde der von Schljapnikow vorgestellte Resolutionsentwurf abgelehnt. Es hießt in ihm: „Die Aufgabe des Augenblicks ist die Bildung einer provisorischen revolutionären Regierung, die aus der Vereinigung der örtlichen Räte der Arbeiter-, Bauern- und Soldatendeputierten erwächst. Als Vorbereitung der vollen Eroberung der Zentralgewalt ist es unerlässlich: a) die Macht der Arbeiter- und Soldatendeputiertenräte zu befestigen…“ (zitiert von Anweiler, s.o., S. 183f.)

[28] Trotzki, s.o., Kap. 15.

[29] http://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1917/04/april.htm. Wir können hier nicht den Inhalt dieser Thesen diskutieren, auch wenn sie äußerst interessant sind. Siehe die Internationale Revue Nr. 19, „Die Aprilthesen - Leitlinien der proletarischen Revolution“.

[30] Zitiert bei Trotzki, s.o., Kap. 15.

[31] Zitiert bei Anweiler, s.o., S. 100.

[32] Ebenda, S. 104.

[33] Lenin, Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution, Lenin Werke Band 24 S. 47 f.

[34] Zitiert bei Trotzki, s.o., Kap. 22.

[35] Dass das Haupt der Bourgeoisie in Russland im Namen der Revolution sprechen konnte, zeigt den ganzen Zynismus auf, der für diese Klasse so typisch ist.

[36] Diese Regimenter zeichneten sich durch ihren Gehorsam gegenüber dem Zaren und der etablierten Ordnung aus. Sie waren die letzten, die zur Revolution überliefen.

[37] Trotzki, a.a.O., Kap. 22

[38] Alle Zitate sind Auszüge aus Trotzkis Geschichte der Russischen Revolution.

[39] Siehe unseren Artikel „Die Juli-Tage: Die Partei ist eine lebenswichtige Notwendigkeit“, Internationale Revue Nr. 20. Wir verweisen unsere Leser auf diesen Artikel für eine detailliertere Analyse dieses Ereignisses.