Geschichte der Arbeiterbewegung: Was sind Arbeiterräte? Teil 2: Das Wiederaufleben und die Krise der Arbeiterräte 1917

Zweck dieser Artikelreihe ist es,
auf eine Frage zu antworten, die von vielen Genossen (Lesern und
Sympathisanten), vor allem von jungen, gestellt wird: Was sind Arbeiterräte? Im
ersten Artikel dieser Serie[1] sahen wir, wie sie zum
ersten Mal in der Geschichte in der Hitze der Revolution in Russland 1905
auftauchten und wie die Niederlage dieser Revolution zu ihrem Verschwinden
führte. Im zweiten Teil wollen wir untersuchen, wie sie während der
Februarrevolution 1917 wiedererschienen und wie sie sich unter der
Vorherrschaft der alten menschewistischen und sozialrevolutionären Parteien,
die die Arbeiterklasse verrieten, vom Willen und vom wachsenden Bewusstsein der
Arbeitermassen entfernten und im Juli 1917 zu einem Anlaufpunkt für die
Konterrevolution wurden.[2]

Warum verschwanden die Sowjets zwischen 1905 und 1917?

Oskar Anweiler wies in seinem
Werk Die
Rätebewegung in Russland 1905-1921
[3]
auf die zahllosen Versuche hin, die Sowjets im Anschluss an die Niederlage der
Revolution im Dezember 1905 wiederzubeleben. So tauchte im Frühjahr 1906 in St.
Petersburg ein Rat auf, der Delegierte zu den Fabriken entsandte, um auf die
Erneuerung des Sowjets zu drängen. Ein Treffen von 300 Delegierten im Sommer
1906 verlief wegen der Schwierigkeiten, den Kampf wiederaufzunehmen, im Sande.
Dieser Rat siechte aufgrund des Abflauens der Mobilisierung Stück für Stück
dahin und verschwand im Frühjahr 1907 endgültig von der Bildfläche. Auch in
Moskau, Karkow, Kiew, Poltawa, Jekaterinburg, Baku, Batum, Sostoum und
Kronstadt tauchten 1906 mehr oder wenig flüchtig Arbeitslosenräte auf.

Einige Sowjets tauchten auch
1906-07 in einigen Industriestädten des Urals auf. Doch der ernsthafteste
Versuch, einen Sowjet zu installieren, fand in Moskau statt. Im Juli brach ein
Streik aus, der sich schnell auf zahllose Arbeiterkonzentrationen ausbreitete.
Schnell wurden um die 150 Delegierte mandatiert, die sich versammelten, um ein
Exekutivkomitee zu bilden und Appelle zur Ausweitung der Kämpfe und zur Bildung
von Sowjets an die Arbeiter zu richten. Jedoch waren die Umstände nicht die
gleichen wie 1905, und die Regierung, die das Echo wahrnahm, das von der
Mobilisierung in Moskau ausgelöst wurde, übte eine gewaltsame Repression aus,
die dem Streik und jedem neuen Sowjet ein Ende bereitete.

Bis 1917 verschwanden die Sowjets
von der gesellschaftlichen Bühne. Dieses Verschwinden erstaunt viele Genossen,
die sich fragen, wie es möglich war, dass dieselben Arbeiter, die mit so viel
Begeisterung an den Sowjets von 1905 teilgenommen hatten, dieselben vergessen
konnten. Wie kann man verstehen, dass die „Räte“-Form, die 1905 ihre ganze
Wirkungskraft und ihre Stärke demonstriert hatte, ein Jahrzehnt lang wie durch
Zauberhand verschwand?

Um diese Frage zu beantworten,
kann man nicht von der Ansicht der bürgerlichen Demokratie ausgehen, einer
Ansicht, die die Gesellschaft als eine Summe von „freien und souveränen“
Individuen betrachtet, die „frei“ seien, ebenso Arbeiterräte zu bilden wie an
Wahlen teilzunehmen. Wenn dies der Fall wäre, ist es natürlich schwer zu
verstehen, dass Millionen von Bürgern, die 1905 „beschlossen hatten“, Sowjets
zu bilden, es anschließend vorzogen, diese Organisationsform viele Jahre lang
links liegen zu lassen.

Solch eine Auffassung kann nicht
begreifen, dass die Arbeiterklasse nicht eine Summe von „freien und
selbstbestimmten“ Individuen ist, sondern eine Klasse, die sich selbst nur
ausdrücken, handeln und organisieren kann, wenn sie sich durch ihre kollektive
Aktion im Kampf bestätigt. Dieser Kampf ist nicht das Resultat „individueller
Entscheidungen“, sondern vielmehr das Produkt einer ganzen Reihe von objektiven
Faktoren (die erniedrigenden Existenzbedingungen und die allgemeine Entwicklung
der Gesellschaft) und subjektiven Faktoren (Empörung, Sorge um die Zukunft, die
Erfahrungen aus dem Kampf und die Entwicklung des Klassenbewusstseins, das von
der Intervention der Revolutionäre angeregt wird). Die Aktion und Organisation der
Arbeiterklasse ist ein sozialer, kollektiver und historischer Prozess, der eine
Veränderung im Kräfteverhältnis zwischen den Klassen zum Ausdruck bringt.

Darüber hinaus muss diese Dynamik
des Klassenkampfes umgekehrt in den historischen Kontext gesetzt werden, der
die Geburt der Sowjets ermöglichte. In der Epoche des kapitalistischen
Aufstiegs – und besonders in seinem „Goldenen Zeitalter“ zwischen 1873 und 1914
– war das Proletariat in der Lage gewesen, große permanente
Massenorganisationen (besonders die Gewerkschaften) zu bilden, deren Existenz
eine der ersten Bedingungen war, um erfolgreiche Kämpfe zu unternehmen. In der
historischen Epoche, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts eröffnete, die
Epoche der Dekadenz des Kapitalismus, die durch den Ersten Weltkrieg markiert
wurde, wird die allgemeine Organisation der Arbeiterklasse in und durch den
Kampf gebildet und verschwindet wieder, wenn Letzterer nicht imstande ist, bis
zum Ende zu gehen, das heißt, bis zur revolutionären Auseinandersetzung, um den
bürgerlichen Staat zu zerstören.

Unter solchen Bedingungen konnten
die Errungenschaften der Kämpfe weder buchhalterisch zu einer Summe von
gestaffelten Gewinnen, die Jahr für Jahr konsolidiert wird, addiert noch durch
permanente Massenorganisationen erzielt werden. Sie wurden vielmehr durch
„abstrakte“ Erträge konkretisiert (die Entwicklung von Bewusstsein,
Bereicherung des historischen Programms angesichts der Lehren aus dem Kampf,
Perspektiven für die Zukunft…), die in großen Momenten der Agitation errungen
wurden, welche anschließend aus dem unmittelbaren Verständnis der breiten
Massen verschwinden und sich auf eine kleine Welt von Minderheiten beschränken,
was die Illusion erzeugt, sie hätten niemals existiert.

Februar 1917: das Auftauchen der Sowjets in der Hitze des Kampfes

Zwischen 1905 und 1917 wurden die
Sowjets also auf nichts als eine „Idee“ reduziert, die den Denkprozess und auch
den politischen Kampf einer Handvoll Militanter eine Richtung gab. Die
pragmatische Methode, die nur dem Wichtigkeit verleiht, was man sehen und
anfassen kann, lässt nicht den Gedanken zu, dass die Sowjets eine immense
materielle Macht enthalten. Ein Jahrzehnt vor 1917 schrieb Trotzki: „Es
unterliegt keinem Zweifel, dass der nächste, neue Ansturm der Revolution überall
die Gründung von Arbeiterräten nach sich ziehen wird.“[4]
Die großen Akteure der Februarrevolution waren im Kern die Sowjets.

Die revolutionären Minderheiten
und insbesondere die Bolschewiki nach 1905 vertraten und propagierten die Idee,
Sowjets zu errichten, um den Kampf voran zu bringen. Diese Minderheiten hielten
die Idee der Arbeiterräte im kollektiven Gedächtnis der Arbeiterklasse am
Leben. Aus diesem Grund gab es nach den Streiks, die im Februar ausbrachen und
rasch ein größeres Ausmaß annahmen, zahllose Initiativen und Appelle, die zur
Bildung von Sowjets aufriefen. Anweiler betonte, dass „im Februar 1917 (…) der
Gedanke einer Neugründung des Arbeiterrates (entstand). Er wurde sowohl in den
streikenden Fabriken als auch in Kreisen der bürgerlichen Intelligenz geboren.
Augenzeugen berichten, dass in einigen Fabriken seit dem 24. Februar
Vertrauensleute für einen ins Leben zu rufenden Sowjet gewählt wurden.“[5] Mit anderen Worten: die Idee
der Sowjets, die sich lange Zeit auf einige Minderheiten beschränkt hatte,
wurde von den kämpfenden Massen weitgehend übernommen.

Zweitens trug die
bolschewistische Partei ganz wesentlich zum Aufstieg der Sowjets bei. Und sie
tat dies, ohne sich auf ein vorgefasstes organisatorisches Schema zu stützen,
das eine ganze Reihe von dazwischen geschalteten Organisationen, die
schließlich zur Bildung von Sowjets führen würden, erfordert hätte, sondern
durch einen ganz anders gearteten Beitrag in der harten politischen
Auseinandersetzung, wie wir sehen werden.

Im Winter 1915, als die Streiks
vor allem in Petrograd auszubrechen begannen, heckte die liberale Bourgeoisie
einen Plan aus, um die Arbeiter in die Kriegsproduktion zu zwingen, und schlug
vor, dass eine Arbeitergruppe aus den Fabriken in das Komitee der
Kriegsindustrie gewählt werden sollte. Die Menschewiki traten ebenfalls dafür
ein und versuchten, nachdem sie eine große Mehrheit erlangt hatten, die
Arbeitergruppe zur Aufstellung von Forderungen zu benutzen. Sie schlugen,
getreu der Gewerkschaften in anderen europäischen Ländern, faktisch vor, eine
„Arbeiterorganisation“ zu benutzen, um die Kriegsanstrengungen umzusetzen.

Die Bolschewiki widersetzten sich
im Oktober 1915 diesem Ansinnen mit den Worten Lenins: „Wir sind gegen die
Beteiligung an den kriegsindustriellen Ausschüssen, die den imperialistischen
reaktionären Krieg fördern.“[6] Die Bolschewiki riefen zur
Wahl von Streikkomitees auf und das Petrograder Parteikomitee schlug vor: „Die
Vertreter der Fabriken und Werkstätten, gewählt auf der Grundlage des
proportionalen Vertretungssystems in allen Städten, sollen den gesamtrussischen
Sowjet der Arbeiterdeputierten bilden…“[7]

Zunächst hatten die Menschewiki
mit ihrer Wahlpolitik zugunsten der Arbeitergruppen die Situation im eisernen
Griff. Die Streiks im Winter 1915 und die noch zahlreicheren Streiks in der
zweiten Jahreshälfte 1916 blieben unter der Kontrolle der menschewistischen
Arbeitergruppen, wobei da und dort Streikkomitees auftauchten. Erst im Februar
begann die Saat zu sprießen.

Der erste Versuch, einen Sowjet
einzurichten, fand während eines improvisierten Treffens statt, das am 27.
Februar im Taurischen Palast abgehalten wurde. Die Teilnehmerschaft war nicht
repräsentativ; es gab einige Elemente aus der menschewistischen Partei und der
Arbeitergruppe mit einigen bolschewistischen Repräsentanten und anderen
unabhängigen Elementen. In ihr entwickelte sich eine sehr bedeutsame Debatte,
in der zwei völlig entgegengesetzte Optionen auf den Tisch gelegt wurden: Die
Menschewiki verfochten die Idee, dass das Treffen sich selbst zum
Provisorischen Sowjetkomitee ausrufen solle; der Bolschewik Schljapnikow
„argumentierte dagegen, dass dies nicht in der Abwesenheiten der von den
Arbeitern gewählten Repräsentanten getan werden könne. Er forderte ihre
dringende Einberufung, und die Versammlung stimmte ihm zu. Es wurde
beschlossen, die Sitzung zu beenden und Appelle an die Hauptkonzentrationen der
Arbeiter und an die aufständischen Regimenter zu richten.“[8]

Der Vorschlag hatte dramatische
Auswirkungen. In der Nacht des 27. Februar begann er sich in den
Arbeiterbezirken, den Fabriken und Kasernen zu verbreiten. Arbeiter und
Soldaten verfolgten den Verlauf der Ereignisse sehr genau. Am folgenden Tag
fanden zahllose Versammlungen in den Fabriken und Kasernen statt, und eine nach
der anderen übernahm diese Entscheidung: einen Sowjet aufzustellen und einen
Delegierten zu wählen. Am Nachmittag war der Taurische Palast zum Bersten voll
mit Arbeiter- und Soldatendelegierten. Suchanow schildert in seinen Memoiren[9] das Treffen, das den
historischen Beschluss fällte, den Sowjet zu konstituieren: „Als die Sitzung
eröffnet wurde, waren vielleicht 250 Deputierte anwesend, doch ergossen sich in
endloser Folge neue Gruppen in den Raum.“[10]
Er rief in Erinnerung, wie die Sitzung, als sie über die Tagesordnung
abstimmte, immer wieder von Soldatendelegierten unterbrochen wurde, die
Botschaften von den Versammlungen ihrer entsprechenden Regimenter weiterleiten
wollten. Und einer von ihnen machte folgende Zusammenfassung: „Die Offiziere
sind verschwunden. Wir wollen nicht mehr gegen das Volk dienen. Wir schließen
uns mit unseren Arbeiterbrüdern zusammen, alle vereint, um die Sache des Volkes
zu verteidigen. Wir werden unser Leben dieser Sache geben. Unsere allgemeine
Versammlung bat uns, euch zu grüßen.“ Suchanow fügte hinzu: „Und mit einer
Stimme voller Emotionen fügte der Deputierte unter donnerndem Applaus hinzu:
Lang lebe die Revolution!“[11] Das Treffen, das ständig
von der Ankunft neuer Delegierter unterbrochen wurde, die die Position jener,
die sie repräsentierten, übermitteln wollten, setzte sich zunehmend mit
schwierigen Fragen auseinander: Bildung von Milizen in den Fabriken, Schutz vor
Plünderungen und den Aktionen der zaristischen Kräfte. Ein Delegierter schlug
die Schaffung einer „literarischen Kommission“ vor, um einen an das ganze Land
gerichteten Appell zu verfassen, der überall Gehör finden würde.[12] Die Ankunft eines
Delegierten aus dem Semionowski-Regiment – berüchtigt für seine Loyalität zum
Zaren und für seine repressive Rolle im Jahr 1905 – führte zu einer weiteren
Unterbrechung. Der Delegierte verkündete: „Genossen und Brüder, ich überbringe
euch die Grüße von allen Männern des Semionowski-Regiments. Bis auf den letzten
Mann haben wir beschlossen, uns dem Volk anzuschließen.“ Dies löste „einen Sturm
der Begeisterung aus, der die gesamte Versammlung erfasste.“ (Suchanow). Die
Versammlung organisierte einen „Generalstab“ für den Aufstand, der alle
strategischen Punkte in Petrograd besetzen ließ.

Die Sowjetversammlung fand nicht
im luftleeren Raum statt. Die Massen waren mobilisiert. Suchanow wies auf die
Atmosphäre hin, die in der Sitzung herrschte: „Die Menge war dicht gedrängt;
Zehntausende von Menschen kamen zusammen, um die Revolution zu begrüßen. Die
Palast-Räumlichkeiten konnten nicht all die Menschen aufnehmen, und vor den
Türen kamen die Posten der Militärischen Kommission zusammen, um noch größere
Menschenmengen zurückzuhalten.“[13]

März 1917: ein gigantisches Netz von Sowjets verbreitete sich über ganz
Russland

Binnen 24 Stunden war der Sowjet
Herr der Lage. Der Triumph der Petrograder Erhebung löste die Ausweitung der
Revolution aufs ganze Land aus. „Das Netz der lokalen Arbeiter- und
Soldatenräte in ganz Russland bildete das Rückgrat der Revolution.“[14] Wie konnte es zu solch
einer gigantischen Ausweitung kommen, die in kurzer Zeit das ganze russische
Territorium erfasste? Es gab Unterschiede zwischen den Sowjets von 1905 und
jenen von 1917. 1905 brachen die Streiks im Januar aus, die
aufeinanderfolgenden Streikwellen entwickelten sich ausnahmslos ohne jegliche
Massenorganisation. Die Sowjets bildeten sich erst im Oktober. Im Gegensatz
dazu wurden 1917 die Sowjets zu Beginn der Kämpfe gebildet. Die Appelle des
Petrograder Sowjet am 28. Februar trafen auf offene Ohren. Die beeindruckende
Geschwindigkeit, mit der sich die Sowjets gebildet hatten, war an sich schon
ein Zeichen für den Gestaltungswillen, der große Schichten von Arbeitern und
Soldaten ergriffen hatte.

Täglich wurden Versammlungen
abgehalten, die sich nicht damit begnügten, Delegierte für den Sowjet zu
wählen. Häufig geschah es, dass sie mit einer Generalversammlung einhergingen.
Gleichzeitig bildeten sich Bezirkssowjets in den Arbeiterbezirken. Der Sowjet
richtete einen solchen Appell an die Arbeiterklasse; noch am gleichen Tag
übernahm der kämpferische Wyborger Bezirk, ein proletarischer Vorort von
Petrograd, die Führung bei der Bildung eines Bezirkssowjets und rief zur
Bildung solcher Sowjets im ganzen Land auf. Arbeiter aus vielen
Arbeiterbezirken folgten in den nächsten Tagen diesem Beispiel.

Auf dieselbe Weise wurden auch
Fabrik-räte gebildet. Zwar entstanden sie aus der Notwendigkeit von
unmittelbaren Forderungen und der Organisierung der Arbeit, aber sie
beschränkten sich nicht auf diese Aspekte und politisierten sich immer mehr.
Anweiler erkannte: „In Petersburg gaben sich die Betriebsräte im Laufe der Zeit
eine feste Organisation, die in gewisser Hinsicht eine Konkurrenz zum
Arbeiterdeputiertenrat darstellte. Sie schlossen sich zu Rayonsräten zusammen,
die ihre Vertreter in einen Zentralrat wählten, an dessen Spitze ein
Vollzugsausschuss stand (…) Dadurch, dass sie den Arbeiter unmittelbar an
seinem Arbeitspatz erfassten, wuchs ihre revolutionäre Rolle jedoch in
demselben Maße, wie der Sowjet sich zu einer Dauereinrichtung verfestigte und
den engen Kontakt mit den Massen einzubüßen begann.“[15]

So verbreiteten sich die Sowjets
wie ein Flächenbrand. In Moskau „fanden in den Betrieben Deputiertenwahlen
statt, und der Sowjet trat zu seiner ersten Sitzung zusammen, auf der ein
dreißigköpfiges Exekutivkomitee gewählt wurde. Am Tage darauf formierte sich
der Arbeiterrat endgültig: man legte die Vertretungsnormen fest, wählte
Delegierte in den Petersburger Sowjet und begrüßte die Bildung der neuen
Provisorischen Regierung.“[16] „Der Siegeszug der Revolution,
die sich von Petersburg über ganz Russland fortpflanzte und in wenigen Tagen
zum Zusammenbruch der zaristischen Regierungsgewalt und der alten Behörden
führte, war begleitet von einer Welle revolutionärer Organisationstätigkeit
aller Gesellschaftsschichten, die ihren stärksten Ausdruck in der Bildung von
Sowjets in den Städten des ganzen Reiches, von Finnland bis zum Stillen Ozean,
fand.“[17]

Auch wenn sich die Sowjets um
lokale Angelegenheiten kümmerten, ging es ihnen hauptsächlich um allgemeine Probleme
- den Weltkrieg, das Wirtschaftschaos, die Ausweitung der Revolution auf andere
Länder -, und sie ergriffen Maßnahmen, um ihre Bemühungen zu konkretisieren. Es
ist zu betonen, dass die Bemühungen, die Sowjets zu zentralisieren, von „unten“
kamen, und nicht von oben. Wie wir oben sahen, beschloss der Moskauer Sowjet,
Delegierte nach Petersburg zu entsenden, womit er Letzteren ohne viel Aufheben
als Zentrum der gesamten Bewegung anerkannte. Anweiler unterstrich: „Die
Arbeiter- und Soldatenräte anderer Städte schickten ihre Delegationen nach
Petersburg oder unterhielten ständige Beobachter im Sowjet.“[18] Ab Mitte März tauchten die
ersten Initiativen für einen Regionalkongress der Sowjets auf. In Moskau fand
vom 25. bis  zum 27. März eine Konferenz
desselben Charakters statt; es nahmen 70 Arbeiterdeputierte und 38
Soldatendeputierte teil. Im Donez-Becken gab es eine Konferenz mit denselben
Inhalten, an der 48 Sowjets teilnahmen. All diese Anstrengungen kulminierten in
der Abhaltung des Ersten Allrussischen Sowjetkongresses, der vom 29. März bis
zum 3. April stattfand und Delegierte von 480 Sowjets versammelte.

Der „Organisationsvirus“ sprang
auf die Soldaten über, die des Krieges leid von den Schlachtfeldern flohen,
meuterten, ihre Offiziere vertrieben und beschlossen, nach Hause
zurückzukehren. Im Gegensatz zu 1905, als sie praktisch nicht existiert hatten,
wucherten sie 1917 geradezu in den Regimentern, Waffenfabriken, Marinebasen und
Arsenalen… Die Armee setzte sich aus einem Konglomerat von Gesellschaftsklassen
zusammen, hauptsächlich Bauern, in dem die Arbeiter die Minderheit waren. Trotz
dieser Heterogenität vereinte sich die Mehrheit der Sowjets ums Proletariat.
Wie der bürgerliche Historiker und Ökonom Tugan-Baranowski bemerkte: „Nicht die
Armee, sondern die Arbeiter haben den Aufstand begonnen. Nicht Generale,
sondern Soldaten sind zur Reichsduma[19]
marschiert. Die Soldaten haben die Arbeiter unterstützt, nicht in gehorsamer
Ausführung der Befehle ihrer Offiziere, sondern, weil ... sie sich
blutsverwandt fühlten mit den Arbeitern, als einer Klasse ebenso werktätiger
Menschen wie sie selbst.“[20]

Die Sowjetorganisation gewann
immer mehr an Boden und erlebte im Mai 1917 eine weitere Verbreitung, als die
Bildung von Bauernsowjets die Massen auf dem Lande zu bewegen begann, die
jahrhundertelang wie Lasttiere behandelt worden waren. Dies war ein weiterer
fundamentaler Unterschied zu 1905, als es verhältnismäßig wenig, zumeist völlig
unorganisierte Aufstände auf dem Lande gegeben hatte. Dass das gesamte Russland
von einem gigantischen Netzwerk von Räten durchzogen war, ist eine historische
Tatsache von enormer Bedeutung. Wie Trotzki anmerkte: „…in allen früheren
Revolutionen kämpften auf den Barrikaden Arbeiter, Handwerksgehilfen, zum Teil
auch Studenten, Soldaten gingen zu ihnen über, die Macht aber nahm dann die
solide Bourgeoisie an sich, die, unter Wahrung aller Vorsicht, den
Barrikadenkampf von den Fenstern aus verfolgt hatte.“[21],
doch dies geschah diesmal nicht. Die Massen hörten auf, „für die anderen“ zu
kämpfen, und kämpften mittels der Räte für sich selbst. Sie widmeten sich dem
ganzen Geschäft des wirtschaftlichen, politischen, sozialen und kulturellen
Lebens.

Die Arbeitermassen waren
mobilisiert. Der Ausdruck dieser Mobilisierung waren die Sowjets und, um sie herum,
ein großes Netzwerk von Sowjet-artigen Organisationen (Bezirkssowjets,
Fabrikräte), ein Netzwerk, das sich selbst nährte und umgekehrt den Impuls zu
einer beeindruckenden Anzahl von Versammlungen, Treffen, Debatten und
kulturellen Aktivitäten gaben, die regelrecht explodierten… Arbeiter, Soldaten,
Frauen und Jugendliche entwickelten eine fieberhafte Aktivität. Die Arbeit
wurde niedergelegt, um die Fabrikversammlung, den Stadt- oder Bezirkssowjet,
Aufmärsche, Treffen oder Demonstrationen aufzusuchen. Es ist bedeutsam, dass es
nach dem Februarstreik bis auf einige wenige Ausnahmen praktisch keine Streiks
gab. Im Gegensatz zu jener Sichtweise, die den Kampf allein auf Streikaktionen
reduziert, bedeutete die Abwesenheit von Streiks nicht eine Demobilisierung der
Arbeiter. Die Arbeiter befanden sich in einem permanenten Kampf, denn der
Klassenkampf bildet, wie Engels sagte, eine Einheit aus dem wirtschaftlichen,
politischen und ideologischen Kampf. Und die Arbeitermassen waren im Begriff,
diese drei Dimensionen ihrer Schlacht gleichzeitig anzunehmen. Mit
Massenaktionen, Demonstrationen, Zusammenkünften, Debatten, mit der Zirkulation
von Büchern und Zeitungen hatten die Arbeitermassen Russlands ihr Schicksal in
die eigenen Hände genommen und in sich selbst einen unerschöpflichen Vorrat an
Ideen, Initiativen und Erfahrungen entdeckt, die sie unermüdlich in kollektiven
Foren einbrachten.

April 1917: der Kampf für „Alle Macht den Räten“

„Vom Sowjet wurden alle Post- und
Telegraphenämter besetzt, das Radio, alle Petrograder Bahnhöfe, alle
Druckereien, so daß man ohne seine Erlaubnis weder ein Telegramm abschicken,
noch aus Petrograd verreisen, noch einen Aufruf drucken konnte.“ Dies waren die
Worte eines Abgeordneten der Kadettenpartei[22]
aus dessen Memoiren. Jedoch herrschte, wie Trotzki bemerkte, ein fürchterliches
Paradoxon seit dem Februar: Die Mehrheit in den Sowjets (Menschewiki und
Sozialrevolutionäre) überließ der Bourgeoisie die Macht, indem sie sie
praktisch dazu zwang, die Provisorische Regierung zu bilden[23],
der ein zaristischer Prinz vorstand und die sich aus reichen Industriellen,
Kadetten und, um noch einen daraufzusetzen, aus dem „Sozialisten“ Kerenski[24] zusammensetzte. Die
Provisorische Regierung verfolgte, hinter den Sowjets versteckt, ihre
Kriegspolitik und zeigte wenig Interesse daran, irgendeine Lösung für die
ernsten Probleme zu finden, vor denen die Arbeiter und Bauern standen. Dies
führte dazu, dass die Sowjets wirkungslos wurden und verschwanden, wie man
angesichts dieser Erklärungen führender Sozialrevolutionäre mutmaßen kann: „Die
Sowjets wollten nicht die Konstituierende Versammlung ersetzen, in der sich die
Abgeordneten ganz Russlands versammeln. Im Gegenteil, ihr Hauptaugenmerk
richten die Sowjets darauf, das Land zur Konstituierenden Versammlung
hinzuführen… Die Sowjets stellen keine Regierungsmacht neben der
Konstituierenden Versammlung dar, und sie stehen auch nicht in einer Reihe mit
der Provisorischen Regierung. Sie sind Berater des Volkes in seinem Kampf um
seine Interessen… sie sind sich bewusst, dass sie nur einen Teil des
Volkes  repräsentieren und nur das
Vertrauen derjenigen Volksmassen genießen, für deren Interessen sie kämpfen.“[25]

Anfang März wurde sich jedoch ein
Teil der Arbeiterklasse der Tatsache bewusst, dass die Sowjets dazu tendierten,
zur Abschirmung und als Instrument der Politik der Bourgeoisie zu dienen. Es
gab auch sehr anregende Debatten in einigen Sowjets, Fabrik- und
Bezirkskomitees über die „Machtfrage“. Die bolschewistische Minderheit hinkte
dem hinterher, hatte ihr Zentralkomitee[26]
doch gerade eine Resolution angenommen, die die Provisorische Regierung trotz
starker Opposition aus verschiedenen Teilen der Partei kritisch unterstützte.[27]

Die Debatte nahm im März an
Schärfe zu. „Das Wyborger Komitee führte tausendköpfige Versammlungen von
Arbeitern und Soldaten durch, die fast einstimmig Resolutionen über die
Notwendigkeit der Machtergreifung durch den Sowjet annahmen (…)Die Resolution
der Wyborger wurde in Anbetracht ihres Erfolges gedruckt und plakatiert. Das
Petrograder Komitee aber belegte diese Resolution mit einem direkten Verbot“.[28]

Die Ankunft Lenins im April
veränderte die Lage von Grund auf. Lenin, der mit Sorge aus seinem Schweizer
Exil die wenigen Informationen über das beschämende Verhalten des
Zentralkomitees der bolschewistischen Partei vernommen hatte, kam zu denselben
Schlussfolgerungen wie das Wyborger Komitee. In seinen Aprilthesen
drückte er es deutlich aus: „Die Eigenart der gegenwärtigen Lage in Rußland
besteht in dem Übergang von der ersten Etappe der Revolution, die infolge des
ungenügend entwickelten Klassenbewußtseins und der mangelhaften Organisiertheit
des Proletariats die Bourgeoisie an die Macht brachte, zur zweiten Etappe, die
die Macht in die Hände des Proletariats und der armen Schichten der Bauernschaft
legen muss.“[29] Viele Autoren sehen in
dieser entscheidenden Intervention Lenins nicht einen Ausdruck für die Rolle
der Avantgarde der revolutionären Partei und ihrer renommiertesten Mitglieder,
sondern im Gegenteil einen Akt des Opportunismus. Ihnen zufolge ergriff Lenin
die Gelegenheit, die Sowjets als eine Plattform zur Eroberung der „absoluten
Macht“ zu nutzen; er habe sich seines „streng jakobinischen“ Gewandes entledigt
und es gegen dasjenige eines anarchistischen Anhängers der „direkten Macht der
Massen“ getauscht. Tatsächlich drückte sich ein altes Parteimitglied so aus:
„Viele Jahre blieb der Platz Bakunins in der Russischen Revolution unbesetzt,
jetzt ist er von Lenin besetzt worden.“[30]
Diese Legende ist völlig falsch. Das Vertrauen, das Lenin in die Sowjets hatte,
ging sehr weit zurück, zu den Lehren, die er aus der Revolution von 1905 zog.
In einem Resolutionsentwurf, den er dem 4. Parteikongress 1906 vorschlug, sagte
er, dass, „insofern die Räte Keime der revolutionären Macht darstellen, ihre
Stärke und Bedeutung ganz und gar von der Macht und dem Erfolg des Aufstandes
abhängt“, und er fügte hinzu: „Solche Einrichtungen sind unvermeidlich zum
Untergang verurteilt, wenn sie sich nicht auf die revolutionäre Armee stützen
und die Regierungsgewalten stürzen (d.h. in eine revolutionäre Regierung
verwandeln).“[31] 1915 kehrte er zur gleichen
Idee zurück: „Arbeiterdelegiertenräte und ähnliche Institutionen müssen
betrachtet werden als Organe des Aufstandes, als Organe der revolutionären
Gewalt. Diese Institutionen können nur von sicherem Nutzen sein im Zusammenhang
mit der Entfaltung des politischen Massenstreiks und im Zusammenhang mit dem
Aufstand, je nach dem Grad seiner Vorbereitung, seiner Entwicklung und seinem
Fortschritt.“[32]

Juni–Juli 1917: die Krise der Sowjets

Lenin war sich darüber bewusst,
dass die Auseinandersetzung erst begonnen hatte: „Nur durch den Kampf gegen
diese blinde Vertrauensseligkeit (der ausschließlich mit geistigen Waffen,
durch kameradschaftliche Überzeugung, durch Hinweis auf die Erfahrungen des
Lebens geführt werden kann und darf) können wir uns von der grassierenden
revolutionären Phrase befreien und wirklich sowohl das Bewusstsein des
Proletariats als auch das Bewusstsein der Massen sowie ihre kühne,
entschlossene Initiative überall im Lande (…) vorantreiben“.[33]

Dies wurde zurzeit des Ersten
Kongresses der Allrussischen Sowjets auf bittere Weise bestätigt. Einberufen,
um das Netzwerk der verschiedenen Arten von Sowjets, die sich übers Land
verbreitet hatten, zu vereinen und zu zentralisieren, richteten sich seine
Resolutionen nicht nur gegen die Sowjets, sondern führten zur Zerstörung der
Sowjets. Im Juni und Juli trat ein ernstes politisches Problem auf: die Krise
der Sowjets und ihre Entfremdung von den Massen.

Die allgemeine Lage zeichnete
sich durch ein völliges Chaos aus: Anstieg der Arbeitslosigkeit, Stillstand des
Transportwesens, Ernteausfälle auf dem Land und allgemeine Rationierung. Die
Fahnenflucht in der Armee vervielfachte sich, ebenfalls die Versuche, sich mit dem
Feind an der Front zu verbrüdern. Das imperialistische Lager der Entente
(Frankreich, Großbritannien und später die USA) setzte die Provisorische
Regierung unter Druck, damit diese eine allgemeine militärische Offensive gegen
die Deutschen eröffnete. Die menschewistischen und sozialrevolutionären
Delegierten, gern zu Diensten, verabschiedeten auf dem Sowjetkongress eine
Resolution, die für die militärische Offensive eintrat, während eine wichtige
Minderheit, nicht nur Bolschewiki, dagegen war. Um das Ganze noch zu krönen,
lehnte der Kongress einen Vorschlag ab, den Arbeitstag auf acht Stunden zu
begrenzen, und zeigte keinerlei Interesse an den Problemen auf dem Land. Einst
die Stimme der Massen, wurde der Rätekongress nun zum Sprachrohr dessen, was
man über alles gehasst hatte – der Fortsetzung des bürgerlichen Regimes und des
imperialistischen Krieges.

Nach der Verbreitung der
Kongressresolutionen – und insbesondere jener, die die militärische Offensive
unterstützten – breitete sich tiefe Enttäuschung in den Massen aus. Sie sahen,
dass ihre Organisation zwischen ihren Fingern zerrann, und sie begannen zu
reagieren. Der Bezirkssowjet von Petrograd, der Sowjet der Nachbarstadt
Kronstadt, viele Fabrikräte und etliche Regimentskomitees schlugen für den 10.
Juni eine Großdemonstration vor, deren Ziel es sein sollte, Druck auf den
Kongress auszuüben, so dass er seine Politik änderte und sich in Richtung
Machtübernahme bewegte, indem er die kapitalistischen Minister aus seinen
Reihen ausschloss.

Die Antwort des Kongresses
bestand darin, die Demonstrationen unter dem Vorwand der „Gefahr eines
monarchistischen Komplotts“ zeitweilig zu verbieten. Es wurden Delegierte des
Kongresses mobilisiert, die sich vor die Fabriken und den Regimentern  begeben sollten, um die Arbeiter und Soldaten
„eines Besseren zu belehren“. Die Aussage eines menschewistischen Delegierten
war vielsagend: „Die Mehrheit des Kongresses, über 500 seiner Mitglieder, hatte
die ganze Nacht kein Auge geschlossen, in Zehnergruppen zerschlagen besuchte sie
die Petrograder Fabriken und Truppenteile mit der Aufforderung, von der
Demonstration abzusehen. Der Kongress besitzt in einem großen Teil der Fabriken
und Werkstätten und auch bei gewissen Teilen der Garnison keine Autorität ...
Die Kongressmitglieder wurden durchaus nicht immer freundlich, mitunter sogar
feindselig empfangen und nicht selten im bösen verabschiedet.“[34]

Die Führung der Bourgeoisie hatte
die Notwendigkeit verstanden, ihre wichtigste Karte zu schützen – die
Beschlagnahme der Räte -, um sie gegen den ersten ernsthaften Versuch der
Massen zu benutzen, sie vom Kopf wieder auf die Füße zu stellen. Dies tat sie
mit ihrem angeborenen Machiavellismus, indem sie die Bolschewiki als Objekt
ihrer Kraftprobe benutzte und eine wilde Kampagne gegen sie entfachte. Auf dem
Kosakenkongress, der zur gleichen Zeit wie der Sowjetkongress stattfand,
verkündete Miljukow, dass „die Bolschewiki die schlimmsten Feinde der
Revolution waren (…) Es ist Zeit, diesen Herren den Gnadenstoß zu geben.“[35] Der Kosakenkongress beschloss,
„die bedrohten Sowjets zu unterstützen. Wir Kosaken werden niemals mit den
Sowjets streiten“.[36] Wie Trotzki betonte, waren
„die Reaktionäre (…) bereit, gegen die Bolschewiki sogar mit dem Sowjet
zusammenzugehen, um ihn später um so sicherer erdrosseln zu können“[37]. Der Menschewik Liber
zeigte deutlich das Ziel, als er dem Sowjetkongress erklärte: „Wollt ihr die
Masse bekommen, die zu den Bolschewiki geht, dann brecht mit dem
Bolschewismus.“

Die gewaltsame bürgerliche
Gegenoffensive gegen die Massen geschah in einer Situation, wo sie insgesamt
politisch noch zu schwach waren. Die Bolschewiki begriffen dies und schlugen
die Absage der Demonstration am 10. Juni vor, was von einigen Regimentern und
den kämpferischsten Fabrikbelegschaften nur widerwillig hingenommen wurde.

Als diese Nachricht den
Sowjetkongress erreichte, schlug ein Delegierter vor, dass für den 18. Juni
eine „wirkliche“ Sowjetdemonstration einberufen werden solle. Miljukow
analysierte diese Initiative so: „Im Anschluss an einige Reden mit einem
liberalen Tonfall, denen es gelang, eine bewaffnete Demonstration am 10. Juni
zu verhindern (…) hatte der sozialistische Minister das Gefühl, dass sie bei
ihrer Annäherung an uns zu weit gegangen seien, dass der Boden unter ihren
Füßen wegbrach. Aufgeschreckt wendeten sie sich abrupt den Bolschewiki zu.“[38]

Dies war ein bitterer Rückschlag
für den bürgerlich beherrschten Sowjetkongress. Arbeiter und Soldaten
beteiligten sich massenhaft an der Demonstration am 18. Juni und schwenkten
Transparente, auf denen zu „Alle Macht den Sowjets“, zur Entlassung der
kapitalistischen Minister, zum Ende des Krieges aufgerufen und an die
internationale Solidarität appelliert wurde. Auf den Demonstrationen wurden die
Orientierungen der Bolschewiki aufgegriffen und das Gegenteil dessen gefordert,
was der Kongress wollte.

Die Situation verschärfte sich.
Von ihren Alliierten in der Entente unter Druck gesetzt, sah sich die russische
Bourgeoisie in einer Sackgasse. Die famose militärische Offensive endete im
Fiasko, die Arbeiter und Soldaten wollten einen radikalen Wechsel in der
Sowjetpolitik. Doch die Situation in den Provinzen und auf dem Land war nicht
so klar; hier blieb die große Mehrheit trotz einer gewissen Radikalisierung den
Sozialrevolutionären und der Provisorischen Regierung noch treu.

Es wurde für die Bourgeoisie
Zeit, den Massen in Petrograd einen Hinterhalt zu legen, um eine vorzeitige
Konfrontation zu provozieren, die es ihr erlauben würde, zu einem plötzlichen
Schlag gegen die Avantgarde der Bewegung auszuholen und so der Konterrevolution
Tür und Tor zu öffnen.

Die Kräfte der Bourgeoisie
reorganisierten sich. Es wurden „Offizierssowjets“ gebildet, deren Aufgabe es
war, Elitekräfte zu organisieren, um die Revolution militärisch auszulöschen.
Ermutigt von den westlichen Demokratien, erhoben die zaristischen
Schwarzhundertschaften ihr Haupt. Nach Lenins Worten funktionierte die alte
Duma als ein konterrevolutionäres Büro, dem die führenden sozialverräterischen
Sowjet-Führer keine Hindernisse in den Weg stellten.

Eine Reihe subtiler Provokationen
wurde in Gang gesetzt, um die Arbeiter von Petrograd in die Falle einer
vorzeitigen Erhebung zu locken. Zuerst zog die Kadettenpartei ihre Minister aus
der Provisorischen Regierung zurück, so dass Letztere sich nur noch aus
„Sozialisten“ zusammensetzte. Dies war sozusagen eine Einladung an die
Arbeiter, die unmittelbare Machtübernahme zu fordern und sich in den Aufstand
zu stürzen. Die Entente stellte daraufhin der Provisorischen Regierung ein
veritables Ultimatum: die Wahl zwischen den Sowjets und einer konstitutionellen
Regierung. Letztlich war die gewaltsamste Provokation die Drohung, die
kämpferischsten Regimenter aus der Hauptstadt abzuziehen und an die Front zu
schicken.

Eine große Anzahl von Arbeitern
und Soldaten in Petrograd erlag der Versuchung. Von zahllosen Bezirks-, Fabrik-
und Regimentssowjets wurde zu einer bewaffneten Demonstration am 4. Juli
aufgerufen. In ihrem Schlachtruf forderten sie, dass die Sowjets die Macht an
sich reißen. Diese Initiative zeigte, dass die Arbeiter verstanden hatten, dass
es kein anderes Resultat geben kann als die Revolution. Doch gleichzeitig
forderten sie, dass die Macht von den Sowjets, so wie sich diese damals
präsentierten, ergriffen werden soll, d.h. mit der Mehrheit in den Händen der
Menschewiki und Sozialrevolutionäre, denen es darum ging, die Sowjets der
Bourgeoisie unterzuordnen. Die anschließend zelebrierte Szene, als ein Arbeiter
sich an ein menschewistisches Mitglied des Sowjets wandte („Warum übernehmt ihr
nicht die Macht ein für allemal?“) steht für die fortbestehenden Illusionen
innerhalb der Arbeiterklasse. Dies war, als würde man den Wolf in eine
Schafsherde einladen! Die Bolschewiki warnten vor dieser Falle. Sie taten dies
nicht aus Selbstgefälligkeit, vom hohen Sockel herab, den Massen aufzählend, in
welchen Punkten sie falsch lagen. Sie stellten sich selbst an die Spitze der
Demonstration, Schulter an Schulter mit den Arbeitern und Soldaten, um all ihre
Kräfte beizusteuern, damit die Antwort massiv war, aber nicht auf eine
entscheidende Konfrontation hinauslief, was von vornherein zum Scheitern
verurteilt gewesen wäre.[39] Die Demonstration nahm ein
geordnetes Ende und setzte keinen revolutionären Angriff in Gang. So wurde ein
Massaker vermieden, was sich in der nahen Zukunft für die Massen auszahlen
sollte. Doch die Bourgeoisie konnte nicht zum Rückzug blasen; sie musste ihre
Offensive fortsetzen. Die Provisorische Regierung, die nun völlig aus
„Arbeiter“-Ministern bestand, löste daraufhin eine brutale Repression aus, die
sich besonders gegen die Bolschewiki richtete. Die Partei wurde für illegal
erklärt, zahllose Mitglieder wurden eingesperrt, ihre gesamte Presse wurde
verboten, und Lenin musste in den Untergrund gehen.

Durch kraftraubende, aufopfernde
Bemühungen trug die bolschewistische Partei entscheidend dazu bei, dass eine
Niederlage der Massen und ihre Zerstreuung, die durch ihre Desorganisation
drohte, vermieden wurden. Der Petrograder Sowjet, der im Gegensatz dazu das
gewählte Exekutivkomitee auf dem jüngsten Sowjetkongress unterstützte, erwies
sich als ein Abgrund der Niederträchtigkeit, als er die brutale Repression und
Reaktion befürwortete.

Wie konnte die Bourgeoisie die Sowjets auf Abwege bringen?

Die Organisation der Massen in
den Arbeiterräten ab Februar 1917 schuf die Gelegenheit, ihre Stärken,
Organisation und ihr Bewusstsein für den finalen Angriff gegen die bürgerliche
Macht zu entwickeln. Die folgende Periode, die so genannte Periode der
Doppelherrschaft von Proletariat und Bourgeoisie, bildete eine kritische Ebene
für die beiden antagonistischen Klassen, die entweder für die eine oder für die
andere zum politischen und militärischen Triumph über die gegnerische Klasse
führen konnte.

Während dieser Zeitspanne bildete
der Bewusstseinsgrad in den Massen, der, verglichen mit der Notwendigkeit einer
proletarischen Revolution, immer noch schwach war, die Bresche, durch die die
Bourgeoisie hineinzustoßen versuchte, um dem entstehenden revolutionären
Prozess ein Ende zu bereiten. Dafür benutzte sie eine Waffe, die so gefährlich
wie schädlich war - die Sabotage durch bürgerliche Kräfte, die sich hinter
einer „radikalen“ Arbeitermaske versteckten. Dieses Trojanische Pferd der
Konterrevolution wurde damals in 
Russland von den menschewistischen und sozialrevolutionären
„sozialistischen“ Parteien gebildet.

Anfangs hegten viele Arbeiter
noch Illusionen in die Provisorische Regierung und betrachteten sie als ein
Produkt der Sowjets, während in der Realität sie ihr schlimmster Feind war. Was
die Menschewiki und Sozialrevolutionäre angeht, so genossen sie ein gewisses
Vertrauen in den großen Massen der Arbeiter, die sie mit ihren radikalen Reden,
mit ihrer revolutionären Phraseologie in die Irre geführt hatten, ein
Vertrauen, das es ihnen erlaubte, die große Mehrheit der Sowjets politisch zu
dominieren. Aus dieser Position der Stärke heraus strebten sie danach, diese
Organe ihres revolutionären Inhalts zu entleeren, um sie in die Dienste der
Bourgeoisie zu stellen. Wenn sie bei diesem Versuch scheiterten, dann weil die permanent
mobilisierten Massen durch ihre eigenen Erfahrungen und mit der Unterstützung
durch die bolschewistische Partei in der Lage waren, die Menschewiki und die
Sozialrevolutionäre zu demaskieren, was so weit ging, dass Letztere dazu
verleitet wurden, die Orientierung der Provisorischen Regierung in solch
fundamentalen Fragen wie den Krieg und die Lebensbedingungen anzunehmen.

Im nächsten Artikel werden wir
sehen, wie die Sowjets ab Ende August 1917 in die Lage versetzt wurden, sich
selbst zu erholen und zu einem wirklichen Sprungbrett für die Machtübernahme zu
werden, was schließlich im Triumph der Oktoberrevolution kulminierte.

C.Mir, 8. März 2010


[1] Siehe
Internationale Revue Nr. 48

[2] Wir
haben mittlerweile eine Menge Material und viel mehr Details darüber, wie sich
die Russische Revolution entwickelte, und auch über die entscheidende Rolle,
die die Bolschewistische Partei dabei spielte. Insbesondere Trotzkis Geschichte
der Russischen Revolution, Zehn Tage, die die Welt erschütterten von John Reed,
unsere Broschüren über die Russische Revolution wie auch zahllose Artikel in
unserer Internationalen Revue.

[3] Oskar
Anweiler, Die Rätebewegung in Russland 1905–1921, Leiden E.J. Brill, 1958.
Obwohl er sehr antibolschewistisch ist, bleibt der Autor den Fakten treu und
erkennt objektiv den Beitrag der Bolschewiki an, was sich abhebt von den
sektiererischen und dogmatischen Urteilen, die immer wieder zum Besten gegeben
werden.

[4] Zitiert
bei Anweiler, s.o., S. 110.

[5] Ebenda,
S. 127.

[6] Ebenda,
S. 122.

[7] Ebenda,
S. 123.

[8]Gérard Walter, Overview of the
Russian Revolution, eigene Übersetzung.

[9] 1922
in sieben Bänden veröffentlicht, vermitteln sie die Perspektive eines
unabhängigen Sozialisten, eines Mitarbeiters Gorkis und von Martows
menschewistischen Internationalisten. Auch wenn er mit den Bolschewiki nicht
einer Meinung war, unterstützte er die Oktoberrevolution. Dieses und die
folgenden Zitate sind aus einer Zusammenfassung seiner in Spanisch
veröffentlichten Memoires entnommen
und übersetzt.

[10] Laut
Anweiler gab es um die 1.000 Delegierte am Ende der Sitzung und bis zu 3.000
auf der nächsten Sitzung.

[11] Suchanow,
a.a.O, eigene Übersetzung

[12] Diese
Kommission schlug die ständige Ausgabe einer Sowjetzeitung vor: Iswestja
(Die Nachrichten), die seither regelmäßig erschien.

[13] Suchanow,
a.a.O., eigene Übersetzung

[14] Anweiler,
a.a.O., S. 144

[15] Ebenda,
S. 155 f.

[16] Ebenda,
S. 140

[17] Ebenda,
S. 139

[18] Ebenda,
S. 151

[19] Abgeordnetenkammer

[20] zit.
bei Trotzki, Geschichte der Russischen Revolution, Band
1, Kap. Wer leitete den Februaraufstand?

[21] a.a.O. Kap. Das Paradoxon der Februarrevolution

[22]
Konstitutionell-Demokratische Partei (KD) des Großbürgertums, 1905 eilig
gegründet. Ihr Führer war Miljukow, die graue Eminenz der russischen
Bourgeoisie damals.

[23] Trotzki
schildert, wie gelähmt die Bourgeoisie war und wie die menschewistischen
Oberhäupter ihren Einfluss in den Sowjets nutzten, um für sich selbst
bedingungslose Macht zu reservieren, wobei Miljukow „nicht seine Befriedigung
und angenehme Überraschung verhehlte“ (Memoiren von Suchanow, einem
Menschewiken, der die Geschehnisse in der Provisorischen Regierung unmittelbar
miterlebte).

[24] Dieser
Rechtsanwalt, der vor der Revolution sehr beliebt war in den Arbeiterbezirken,
endete als offizieller Kopf der Provisorischen Regierung und führte schließlich
etliche Versuche aus, um den Arbeitern den Gnadenstoß zu geben. Seine Absichten
wurden in den Memoiren des britischen Botschafters zu jener Zeit enthüllt:
„Kerenski zwang mich, Geduld zu haben, und versicherte mir, dass die Sowjets
letztendlich eines natürlichen Todes sterben würden. Sie würden bald ihre
Funktionen an die demokratischen Organe einer autonomen Verwaltung abgeben.“

[25] Zitiert
bei Anweiler, s.o., S. 177.

[26] Zusammengesetzt
aus Stalin, Kamenew und Molotow. Lenin war im Schweizer Exil und hatte
praktisch keine Möglichkeiten, die Partei zu kontaktieren.

[27] Auf
dem Treffen des Petrograder Parteikomitees am 5. März wurde der von
Schljapnikow vorgestellte Resolutionsentwurf abgelehnt. Es hießt in ihm: „Die
Aufgabe des Augenblicks ist die Bildung einer provisorischen revolutionären
Regierung, die aus der Vereinigung der örtlichen Räte der Arbeiter-, Bauern-
und Soldatendeputierten erwächst. Als Vorbereitung der vollen Eroberung der
Zentralgewalt ist es unerlässlich: a) die Macht der Arbeiter- und
Soldatendeputiertenräte zu befestigen…“ (zitiert von Anweiler, s.o., S. 183f.)

[28] Trotzki,
s.o., Kap. 15.

[29]http://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1917/04/april.htm.
Wir können hier nicht den Inhalt dieser Thesen diskutieren, auch wenn sie
äußerst interessant sind. Siehe die Internationale Revue
Nr. 19, „Die Aprilthesen - Leitlinien der proletarischen Revolution“.

[30] Zitiert
bei Trotzki, s.o., Kap. 15.

[31] Zitiert
bei Anweiler, s.o., S. 100.

[32] Ebenda,
S. 104.

[33] Lenin,
Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution, Lenin Werke Band 24 S. 47
f.

[34] Zitiert
bei Trotzki, s.o., Kap. 22.

[35] Dass
das Haupt der Bourgeoisie in Russland im Namen der Revolution sprechen konnte,
zeigt den ganzen Zynismus auf, der für diese Klasse so typisch ist.

[36] Diese
Regimenter zeichneten sich durch ihren Gehorsam gegenüber dem Zaren und der
etablierten Ordnung aus. Sie waren die letzten, die zur Revolution überliefen.

[37] Trotzki,
a.a.O., Kap. 22

[38] Alle
Zitate sind Auszüge aus Trotzkis Geschichte der Russischen
Revolution
.

[39] Siehe
unseren Artikel „Die Juli-Tage: Die Partei ist eine lebenswichtige
Notwendigkeit“, Internationale Revue
Nr. 20. Wir verweisen unsere Leser auf diesen Artikel für eine detailliertere
Analyse dieses Ereignisses.

Erbe der kommunistischen Linke: