Editorial: Massaker in Syrien, iranische Krise: Die Gefahr einer imperialistischen Katastrophe im Nahen und Mittleren Osten

In Syrien kommt es jeden Tag zu
neuen Massakern. Nun ist auch dieses Land im Sumpf der imperialistischen Kriege
im Nahen Osten versunken. Nach Palästina, Irak, Afghanistan und Libyen ist nun
Syrien an der Reihe. Leider wirft diese Entwicklung sofort eine sehr
besorgniserregende Frage auf. Was wird in der Zukunft passieren? Der Nahe und
Mittlere Osten stehen vor einem Flächenbrand, dessen Ausgang schwer
vorherzusehen ist. Hinter Syrien zieht der Iran die Fäden. Der Iran ruft selbst
die größten Ängste hervor und facht die imperialistischen Appetite an; alle
großen imperialistischen Räuber sind fest entschlossen, ihre Interessen in der
Region zu verteidigen. Auch hier befinden wir uns am Rande des Krieges, dessen
dramatischen Konsequenzen völlig wahnsinnig und zerstörerisch für das
kapitalistische System selbst wären.

 

Massive Zerstörungen und Krieg in Syrien. Wer ist dafür verantwortlich?

Aus der Sicht der internationalen
Arbeiterbewegung wie für alle Ausgebeuteten der Erde kann die Antwort auf diese
Frage nur folgende sein: Verantwortlich ist das Kapital, und nur dieses allein.
Dies war schon bei den Massakern im Ersten und Zweiten Weltkrieg der Fall. Und
auch bei all den endlosen Kriegen, die seitdem mehr Tote hinterlassen haben als
die beiden Weltkriege zusammen. Vor mehr als 20 Jahren erklärte der damalige
Präsident George Bush lange bevor sein Sohn ins Weiße Haus einzog,
triumphierend, dass „die Welt nun eine neue Weltordnung“ erleben werde. Der
Sowjetblock war sprichwörtlich zusammengebrochen. Die UdSSR befand sich in der
Auflösung, und mit ihrem Verschwinden sollten gleichzeitig alle Kriege und
Massaker verschwinden. Dank des siegreichen Kapitalismus und unter dem Schutz
der USA würde jetzt Frieden auf der Welt einkehren. Natürlich handelte es sich
nur um Lügen, die sofort von der Wirklichkeit bloßgestellt wurden. So löste zum
Beispiel G. Bush eine kurze Zeit nach dieser zynischen und heuchlerischen Rede
den ersten Irak-Krieg Anfang 1991 aus.

1982 hat die syrische Armee die
Erhebung der Bevölkerung in der Stadt Hama blutig niedergeschlagen. Die Zahl
der Opfer konnte nie zuverlässig ermittelt werden: man schätzt zwischen 10.000
und 40.000 Ermordete. [1] Niemand sprach seinerzeit
davon, dort einzugreifen um der Bevölkerung zu helfen; niemand verlangte damals
den Rücktritt von Hafez Al-Assad, dem Vater des gegenwärtigen syrischen
Präsidenten. Der Gegensatz zur gegenwärtigen Lage ist nicht unerheblich. Der
Grund liegt darin, dass 1982 die Weltlage noch beherrscht wurde durch die
Rivalitäten zwischen den beiden großen imperialistischen Blöcken. Trotz des
Sturzes des Schahs von Persien und seine Ersetzung durch das Regime der
Ajatollahs Anfang 1979 und der russischen Invasion in Afghanistan ein Jahr
später wurde damals die US-Vorherrschaft in der Region noch nicht durch die
anderen imperialistischen Mächte herausgefordert und die USA waren damals noch
in der Lage, eine relative Stabilität zu garantieren.

Seitdem hat sich die Lage
geändert: Der Zusammenbruch der Blöcke und die Schwächung der „US-Führerschaft“
haben den imperialistischen Bestrebungen der Regionalmächte wie Iran, Türkei,
Ägypten, Syrien, Israel usw. freien Lauf gelassen. Die Zuspitzung der
Wirtschaftskrise treibt die Bevölkerung in die Armut und verstärkt das Gefühl
der Verzweiflung und der Revolte gegenüber den Machthabern.

Während heute kein Kontinent der
Zuspitzung der inter-imperialistischen Spannungen ausweichen kann, bündeln sich
die Gefahren im Nahen und Mittleren Osten mit am gefährlichsten. Im Mittelpunkt
der Spannungen steht gegenwärtig Syrien, nachdem zuvor monatelang gegen
Arbeitslosigkeit und Armut von allen Ausgebeuteten protestiert worden war.
Daran beteiligten sich gemeinsam Drusen, Sunniten, Christen, Kurden, Männer,
Frauen, Kinder, denn sie alle hoffen auf ein besseres Leben. Aber die Lage ist
schnell umgeschlagen. Die Sozialproteste wurden schnell auf ein
verhängnisvolles Terrain gedrängt, so dass die ursprünglichen Forderungen alle
begraben und die Bewegung vereinnahmt wurde. In Syrien ist die Arbeiterklasse
sehr schwach, die imperialistischen Appetite sind sehr stark; deshalb war in
Anbetracht des gegenwärtigen Kräfteverhältnisses und dem Niveau der
Arbeiterkämpfe diese Perspektive nahezu unvermeidbar.

Innerhalb der syrischen
Bourgeoisie haben sich alle wie Geier auf die revoltierende und verzweifelte
Bevölkerung gestürzt. Für die herrschende Regierung und die Bachir Al-Assad
unterstützende Armee geht es darum, die Macht mit allen Mitteln zu erhalten.
Und die Opposition, deren verschiedene Flügel bereit sind sich gegenseitig
umzubringen und die nur über die Notwendigkeit einig sind, Bachir Al-Assad zu
stürzen, versucht die Macht an sich zu reißen. Vor kurzem gab es Versammlungen
dieser Opposition in Paris und London. Niemand wollte die Zusammensetzung
dieser Opposition näher aufschlüsseln. Wofür stehen der syrische Nationalrat
oder das Nationale Koordinationskomitee oder die Freie syrische Armee? Welche
Macht haben die Kurden, die Muslimbrüder oder die salafistischen Jihadisten in
ihren Reihen? Es handelt sich um einen Haufen zusammengewürfelter bürgerlicher
Cliquen, von denen jede mit den anderen rivalisiert. Einer der Gründe, weshalb
das Regime Assads noch nicht gestürzt ist, besteht darin, dass Assad die
Machtkämpfe innerhalb der syrischen Gesellschaft zu seinen Gunsten ausnutzen
konnte. So reagieren die Christen ablehnend gegenüber dem Machtzuwachs der
Islamisten und befürchten das gleiche Schicksal zu erleiden wie die Kopten in
Ägypten. Ein Teil der Kurden versucht mit dem Regime zu verhandeln. Die
Regierung selbst wird noch teilweise von der religiösen Minderheit der Alawiten
unterstützt, welcher die Präsidentenclique angehört.

Jedenfalls könnte der Nationalrat
militärisch und politisch nicht wirklich bestehen, wenn er nicht von
ausländischen Kräften unterstützt würde, wobei jeder auf seine eigenen Vorteile
erpicht ist. Dazu gehören die Arabische Liga, Saudi-Arabien an führender
Stelle, die Türkei, aber ebenso Frankreich, Großbritannien, Israel und die USA.

All diese imperialistischen Haie
nehmen das unmenschliche Verhalten des Regimes als Vorwand zur
Kriegsvorbereitung in Syrien. Die russische Medienstimme „Voice of Russia“,
welche wiederum das öffentliche Fernsehen des Irans Press TV zitierte, brachte
Informationen in Umlauf, denen zufolge die Türkei sich mit US-Hilfe anschickte,
Syrien anzugreifen. Zu diesem Zweck habe die Türkei Truppen und Material an der
syrischen Grenze zusammengezogen. Seitdem wurde diese Information von allen
westlichen Medien aufgegriffen. In Syrien wurden in Russland produzierte
Boden-Boden-Raketen in der Region von Kamechi und Deir ez-Zor entlang der
irakischen Grenze installiert. Und das Regime Al-Assads wird selbst wiederum
von ausländischen Mächten unterstützt, insbesondere von China, Russland und
Iran.

Dieser Machtkampf zwischen den
stärksten imperialistischen Geiern der Erde um Syrien wird ebenso in der
Räuberversammlung namens UNO ausgetragen. In der UNO hatten Russland und China
schon zweimal ihr Veto gegenüber Resolutionsprojekten gegen Syrien eingelegt.
Das letzte Resolutionsprojekt unterstützte zum Beispiel den Vorschlag der
Arabischen Liga, der die Absetzung Bachir Al-Assads vorsah. Nach tagelangen
schmutzigen Verhandlungen ist die Heuchelei aller Beteiligten noch einmal offen
zutage getreten. Der UN-Sicherheitsrat hat mit russischer und chinesischer
Zustimmung am 21. März eine Erklärung verabschiedet, in welcher die Beendigung
der Gewalt gefordert wird, weil ein berühmter Sondergesandter der UNO, Kofi
Annan, im Land eintraf. Natürlich war diese Erklärung in keiner Weise bindend.
Das bedeutet, nur diejenigen sind verpflichtet, die sich zu irgendetwas
verpflichtet fühlen. All das ist ein schmutziges Manöver.

Wir stehen somit vor einer
anderen Frage. Wie ist es möglich, dass bislang noch keine in diesem Konflikt
involvierte ausländische imperialistische Macht direkt eingegriffen hat –
natürlich zugunsten ihrer eigenen nationalen Interessen – wie zum Beispiel vor
einigen Monaten in Libyen? Hauptsächlich weil die Flügel der syrischen
Bourgeoisie, die sich gegenüber Bachir Al-Assad in Opposition befinden, dies
offiziell nicht wollen. Sie wenden sich gegen eine massive militärische
ausländische Intervention, und sie haben das lautstark verkündet. Jeder dieser
Flügel hat sicherlich verständlicherweise Angst davor, in diesem Fall von der
Machtbeteiligung ausgeschlossen zu werden. Aber dies schließt nicht aus, dass
die Gefahr des totalen imperialistischen Krieges, die an den Grenzen Syriens lauert,
gebannt werden kann. Der Krieg kann dort weiterhin Einzug halten, auch wenn der
Schlüssel für die weitere Entwicklung der Lage woanders liegt.

Man muss sich die Frage stellen,
warum dieses Land heute die imperialistischen Appetite so auf sich zieht. Die
Antwort liegt woanders – im Osten Syriens – im Iran.

Der Iran im Zentrum der weltweiten Imperialistischen Spannungen

Am 7. Februar 2012 erklärte die
New York Times: “Syrien war der Anfang des Krieges mit dem Iran.” Ein Krieg,
der zwar noch nicht direkt ausgelöst wurde, der im Schatten des Konfliktes in
Syrien weiter schwelt. Das Regime Bachir Al-Assads ist der Hauptverbündete
Teherans in der Region, und Syrien ist für den Iran ein strategischer Dreh- und
Angelpunkt. Die Allianz mit Syrien ermöglicht Teheran einen direkten Zugang zum
strategisch wichtigen Mittelmeerraum und gegenüber Israel zu erlangen, mit der
Möglichkeit einer direkten militärischen Auseinandersetzung mit Israel. Aber
diese Kriegsgefahr, die sich eher verdeckt entwickelt, hat ihre tieferliegenden
Wurzeln in dem Machtkampf, der im Mittleren Osten stattfindet, wo erneut alle
kriegerischen Spannungen, die in dem verfaulenden System stecken, aufbrechen.

Dieser Teil der Welt ist ein
großes Drehkreuz an dem Berührungspunkt zwischen Ost und West. Europa und Asien
stoßen in Istanbul aufeinander. Russland und Europa werden durch das Mittelmeer
vom afrikanischen Kontinent und den Weltmeeren getrennt. Und während die
Weltwirtschaft immer mehr erschüttert wird, wird das schwarze Gold zu einer herausragenden
wirtschaftlichen und militärischen Waffe. Jeder muss versuchen, die
Transportwege des Öls zu kontrollieren. Ohne Öl kämen alle Fabriken zum
Stillstand, kein Jagdflugzeug könnte vom Boden abheben. Diese Tatsachen
erklären, weshalb alle Imperialismen im Machtkampf in dieser Region mitmischen.
Aber all diese Betrachtungen sind nicht die wichtigsten Faktoren, welche diese
Region in den Krieg treiben.

Seit mehreren Jahren standen die
USA, GB, Israel und Saudi-Arabien an der Spitze einer gegen den Iran
gerichteten ideologischen Kampagne. Diese Kampagne ist in der jüngsten Zeit
noch einmal verstärkt worden. Der jüngste Bericht der Internationalen
Atomenergiebehörde (IAEA) hat verlautbaren lassen, dass der Iran möglicherweise
militärische Absichten hinter seinem Atomprogramm verbirgt. Und ein mit
Atomwaffen bewaffneter Iran ist aus der Sicht vieler imperialistischer Länder
der Region unerträglich. Der Aufstieg des Irans als eine Atommacht, die sich
überall in der Region durchsetzen könnte, ist für all diese imperialistischen
Haie undenkbar. Zudem bleibt der israelisch-palästinensische Konflikt weiterhin
ein Schwelbrand. Der Iran ist militärisch völlig umzingelt. Die US-Armee
verfügt über Stützpunkte entlang all der Grenzen Irans. Im Persischen Golf
treiben sich so viele Kriegsschiffe aller Größenordnungen herum, dass man –
wenn man sie aneinanderreiht – den Golf nahezu trockenen Fußes überqueren
könnte. Der israelische Staat erklärt unaufhörlich, dass er den Iran nie in den
Besitz der Atombombe kommen lassen würde; israelischen Quellen zufolge würde
der Iran spätestens innerhalb eines Jahres zu einer Atommacht werden. Diese in
der ganzen Welt verbreitete Aussage ist angsteinjagend, denn diese
Konfrontation birgt viele Gefahren in sich. Der Iran ist nicht Irak und nicht
Afghanistan. Es gibt mehr als 70 Millionen Einwohner mit einer „respektabel“
ausgerüsteten Armee.

Große katastrophale Auswirkungen

Auf wirtschaftlicher Ebene:

Aber der Einsatz von Atomwaffen
durch den Iran ist nicht die einzige Gefahr und auch nicht das Wichtigste. In
der jüngsten Zeit haben die politischen und religiösen Führer Irans behauptet,
dass sie mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mittel reagieren würden, wenn
ihr Land angegriffen würde. Tatsächlich verfügt der Iran über Waffen, deren
Wirkung niemand richtig einschätzen kann. Wenn der Iran sich dazu entschließen
würde, die Straße von Hormus zu blockieren, selbst wenn er dabei eigene Boote
versenken müsste, würde der Schiffsverkehrt dort unterbrochen. Das hätte
weltweit katastrophale Auswirkungen.

Ein beträchtlicher Anteil der
Weltölförderung würde nicht mehr die Abnehmer erreichen. Die jetzt schon offen
ausgebrochene Weltwirtschaftskrise würde dann noch einmal neue Ausmaße
erreichen. Die Schäden wären in Anbetracht einer jetzt schon kranken Wirtschaft
noch einmal beträchtlich.

Ökologisch

Die ökologischen Konsequenzen
könnten unumkehrbar sein. Ein Angriff auf iranische Atomanlagen, die unter
Tausenden Tonnen von Beton und Kubikmetern Erde geschützt liegen, würde einen
taktischen Luftschlag mit gezielten Atomwaffeneinsätzen erforderlich machen.
Dies ist jedenfalls die Meinung von Militärexperten aus allen imperialistischen
Staaten. Wenn es dazu käme, was würde aus der gesamten Region des Mittleren
Osten werden? Welche Auswirkungen könnte man auf die Bevölkerung und das
Ökosystem weltweit erwarten? All das sind keine Überlegungen eines völlig
verrückt gewordenen Wahnsinnigen. Das ist auch nicht irgendwie ein Szenario
eines neuen Horrorfilms. Dieser Angriffsplan ist ein integraler Bestandteil der
Strategie, welche der israelische Staat sich ausgedacht und geplant hat – unter
Beteiligung der USA, die sich aber bislang noch zurückhaltend verhalten. Der
israelische Generalstab plant jedenfalls im Falle eines Scheiterns eines
klassischen israelischen Luftangriffs den Übergang zu solch einer höheren Stufe
der Zerstörung. Der Wahnsinn breitet sich immer mehr aus in diesem
niedergehenden System.

Humanitär

Seit der Auslösung der Kriege im
Irak, Afghanistan, Libyen während der letzten Jahre hat ein immer größeres
Chaos in diesen Ländern Einzug gehalten. Der Krieg hat sich festgefressen.
Jeden Tag gibt es neue, immer mörderischere Anschläge. Die Bevölkerung kämpft
jeden Tag verzweifelt um ihr Überleben. Die bürgerliche Presse bestätigt es:
„Jeder ist Afghanistan überdrüssig. Dem Überdruss der Afghanen entspricht der
Überdruss des Westens“ (Le
Monde
, 21.3.2012). Während die bürgerliche Presse von einem
Überdruss hinsichtlich der endlosen Fortsetzung des Krieges in Afghanistan
spricht, ist die Bevölkerung verbittert und entkräftet. Wie kann man im Krieg
und dem ständigen kriegerischen Chaos überleben? Und falls es zu einem Krieg im
Iran käme, wäre die menschliche Katastrophe noch unvorstellbarer. Die
Bevölkerungsdichte, die eingesetzten Zerstörungsmittel lassen das Schlimmste
befürchten. Und so lautet das Szenario – Krieg mit all seinen Zerstörungen im
Iran, ein im Chaos versinkender Mittlerer Osten. Keiner der zivilen oder
militärischen Staatsführer, die alle zu Massenmorden fähig sind, kann sagen, wo
der Krieg im Iran aufhören würde. Was würde in der arabischen Bevölkerung der
Region passieren? Wie würden die Schiiten reagieren? Diese Vorstellung ist
einfach katastrophal für die Menschen.

Gespaltene bürgerliche Cliquen, imperialistische Bündnisse am Rande einer
großen Krise

Auch nur an einen kleinen Teil
der Folgen zu denken, jagt schon den Teilen der Herrschenden Angst ein, die
noch ein wenig klarer sehen. Die kuwaitische Zeitung Al-Jarida ließ eine Information
durchsickern, welche die israelischen Geheimdienste in Umlauf bringen wollten.
Ihr letzter Chef, Meir Dagan, meinte nämlich, dass „die Perspektive eines
Angriffs gegen den Iran die dümmste Idee sei, die er jemals gehört habe“. Diese
Auffassung vertritt wohl auch ein anderer Flügel der Geheimdienste, der
israelische Auslandsgeheimdienst – Shin Bet.

Es ist allseits bekannt, dass ein
ganzer Teil des israelischen Generalstabs diesen Krieg nicht möchte. Aber
ebenso bekannt ist, dass ein Teil der politischen Klasse Israels, die sich um
Netanjahu schart, dessen Auslösung zu einem für Israel günstigen Zeitpunkt
anstrebt. In Israel schwelt eine politische Krise in Anbetracht der
einzuschlagenden Ausrichtung der imperialistischen Politik. Im Iran prallt der
religiöse Führer Ali Chamenei ebenso wegen dieser Frage mit dem Präsidenten des
Landes, Mahmud Ahmadinejad zusammen. Aber am spektakulärsten erscheint der
Machtkampf zwischen den USA und Israel wegen dieser Frage. Gegenwärtig möchte
die US-Administration keinen offenen Krieg mit dem Iran. Tatsächlich ist die Erfahrung
der USA im Irak und in Afghanistan keine Ermunterung, und die
Obama-Administration hat bislang immer heftigere Sanktionen befürwortet. Der
Druck der USA auf Israel, dass das Land sich geduldig verhält, ist gewaltig.
Aber die historische Schwächung der US-Führungsrolle ist eben auch bei seinem
traditionellen Verbündeten im Nahen und Mittleren Osten zu spüren. Denn Israel
behauptet lautstark, es werde den Besitz von Atomwaffen in den Händen des Irans
nicht zulassen, was immer seine ihm am stärksten verbündeten Alliierten auch
meinen. Der Druck der USA auf Israel ist nicht mehr so wirkungsvoll; sogar
Israel fordert jetzt die Autorität der USA offen heraus. Aus der Sicht einiger
bürgerlicher Kommentatoren könnte es sich um erste Bruchstellen des Bündnisses
zwischen den USA und Israel handeln, das bislang als unzerbrechlich galt.

Die Haupttriebkraft in der
unmittelbaren Nachbarschaft ist die Türkei, die über die größte Zahl Soldaten
im Nahen Osten verfügt (mehr als 600’000). Während das Land zuvor ein unzertrennlicher
Verbündeter der USA und einer der seltenen Freunde Israels war, ist die
türkische Bourgeoisie mit dem Aufstieg des Erdogan-Regimes danach bestrebt,
ihre eigene Karte des „demokratischen“ und „gemäßigten“ Islamismus zu spielen.
Sie versucht, die Erhebungen in Ägypten und Tunesien zu ihren Gunsten
auszuschlachten. Und dies erklärt auch den Kurswechsel ihrer Beziehungen zu
Syrien. Früher verbrachte Erdogan seine Ferien mit den Assads, aber von dem
Zeitpunkt an, als der syrische Führer sich weigerte, den Forderungen Ankaras
nachzugeben und mit der Opposition Verhandlungen aufzunehmen, zerbrach das
Bündnis. Die Bemühungen der Türkei, ihr eigenes „Modell“ des „gemäßigten“
Islams zu exportieren, stehen in direktem Gegensatz zu den Bemühungen Saudi-Arabiens,
seinen eigenen Einfluss in der Region mit Hilfe des erzkonservativen Wahabismus
zu vergrößern.

Die Möglichkeit der Auslösung
eines Krieges in Syrien und vielleicht später im Iran hat sich dermaßen
zugespitzt, dass die Führer Chinas und Russlands immer stärker reagieren. Der
Iran ist für China von großer Bedeutung, da China aus dem Iran 11% seiner
Energieimporte erhält.[2] Seit dem industriellen
Aufstieg Chinas ist das Land zu einem wichtigen Player in der Region geworden.
Im letzten Dezember warnte China vor der Gefahr eines weltweiten Konfliktes um
Syrien und Iran. In der Global
Times
[3] erklärte China: „Der Westen
leidet unter einer Wirtschaftskrise, aber seine Bestrebungen des Umsturzes von
nicht-westlichen Regierungen aufgrund von politischen und militärischen
Interessen haben einen neuen Höhepunkt erreicht. China wie auch sein großer
Nachbar Russland müssen wachsam bleiben und notwendige Gegenmaßnahmen
ergreifen.“[4] Auch wenn eine direkte
Konfrontation zwischen den imperialistischen Großmächten der Welt unter den
gegenwärtigen Bedingungen nicht denkbar erscheint, lassen solche Erklärungen
den Ernst der Lage deutlich werden.

Der Kapitalismus treibt geradewegs auf den Abgrund zu

Der Mittlere Osten ist ein
Pulverfass – einige sind bereit, dort das Feuer zu legen. Einige
imperialistische Staaten sind bereit und planen kaltblütig den Einsatz von
bestimmten Atomwaffen in einem möglichen Krieg gegen den Iran.

Die Militärmaschinerie ist
gerüstet und hat sich strategisch auf dieses Szenario eingestellt. Da im dahinsiechenden
Kapitalismus bei dessen Todeszuckungen das Schlimmste am wahrscheinlichsten
ist, können wir solch einen Krieg nicht ausschließen. Jedenfalls treibt die
Flucht nach vorn des Kapitalismus, der völlig senil und morsch geworden ist,
die Irrationalität dieses Systems auf immer neue Höhen. Sollte es zu einem
eskalierenden Konflikt in der Region kommen, wird der Zerstörungsdrang des
Kapitalismus eine neue Stufe erreichen. Wenn der Kapitalismus, der durch die
Geschichte verdammt ist, verschwindet, wird die Arbeiterklasse und die
Menschheit ihm keine Träne nachweinen. Aber leider birgt der Zerstörungsdrang
des Systems die Gefahr einer vollständigen Zerstörung der Menschheit in sich.
Die Feststellung, dass der Kapitalismus dabei ist die ganze Zivilisation mit in
den Abgrund zu reißen, darf uns nicht den Mut nehmen, nicht in Verzweiflung
treiben oder in Passivität verfallen lassen. Wir schrieben zu Anfang des
Jahres: „Die Wirtschaftskrise ist keine endlose Geschichte. Sie kündigt das
Ende eines Systems und den Kampf für eine neue Gesellschaft an.“ Diese
Behauptung stützt sich auf die Entwicklung des Klassenkampfes auf
internationaler Ebene.

Dieser weltweite Kampf für eine
andere Gesellschaft hat eben erst begonnen. Er verläuft sicher noch sehr
langsam und mit großen Schwierigkeiten, aber er ist in Gang gesetzt worden.
Diese in Gang gekommene Bewegung, deren beeindruckendster Ausdruck bislang die
Bewegung der „Empörten“ letztes Jahr in Spanien war, erlaubt uns zu sagen, dass
es potentiell die Mittel gibt, all diese kapitalistische Barbarei von diesem
Planeten hinwegzufegen.

 Tino, 11.
Mai.2012

Erbe der kommunistischen Linke: