Ausstellungsbericht: Baumeister der Revolution: Konstrukteure der Zukunft in der Vergangenheit

Derzeit tourt eine Wanderausstellung über die
russische Architektur zwischen 1915 und 1935 durch das krisengebeutelte Europa:
Barcelona, Madrid, London und nun auch Berlin.[1]
In der Presse wird erstaunt zur Kenntnis genommen, dass eine Ausstellung, die
sich primär mit Architektur beschäftigt, auf solch großes Interesse stößt. Das
ist spannend – warum gibt es ein solch großes Interesse an den Baumeistern der
Russischen Revolution?

Zunächst einmal ist es das Thema der Ausstellung:
die Suche nach einer neuen Bauweise, die einer klassenlosen und damit
menschlicheren Gesellschaft Ausdruck verleihen soll.  Kernstück bilden die beeindruckenden Fotografien
von Richard Pare, der 1993-2010 auf der Suche nach Gebäuden der Avantgarde
durch die ehemalige UdSSR reiste. So wird man in vier Räume zur  Architektur und Malerei Avantgarde geführt.
Den Kontrapunkt setzt der fünfte und letzte Raum der Ausstellung, der die neue
Ära des sogenannten Sozialistischen Realismus in der Architektur unter Stalin
in den 1930ern repräsentiert.

Zwischen 1905 und 1920 entstanden zahlreiche
künstlerische Strömungen, die Teil einer dynamischen sozialen Bewegung waren.[2]
Es waren ihrer viele und oft hatten sie sehr unterschiedliche Visionen und
Ausdrucksweisen. Eines war ihnen jedoch gemeinsam: Ihre ästhetischen
Aktivitäten waren eine Reaktion auf die damaligen Verhältnisse, die sie massiv
kritisierten. Ihre neuen Kunstformen stellten eine Suche nach einer besseren
Welt dar. Und sie waren keineswegs auf Russland beschränkt, sondern ein
internationales Phänomen.

Während der Russischen Revolution positionierten
sich die Bolschewiki zur Kunst, indem der Volkskommissar für Kunst,
Lunascharski, folgende Grundsätze entwickelte: 1. Erhaltung der Kunstwerke der
Vergangenheit (als Erbe der Menschheit), 2. Bereitstellung der Kunst für die
Massen, 3. Nutzung der Kunst für die Propaganda des Kommunismus, 4. eine
objektive Einstellung zu allen künstlerischen Strömungen (d.h. keine
Einschränkung), 5. die Demokratisierung aller Kunstschulen.

Es brannten leidenschaftliche Debatten darüber,
wie der „neue Mensch“ sich entwickeln werde, wie die revolutionäre Gesellschaft
kollektiv organisiert werden müsse und schließlich, welche Rolle die Kunst hier
zu spielen habe. Der Kreativität wurde freien Lauf gelassen. Allerdings sind
die meisten Konzepte und Ideen bislang nicht realisiert worden, denn die
siegreiche Russische Revolution 1917 bildete ja „nur“ den Auftakt der
Weltrevolution und wurde sogleich von der weißen Armee bis ca. 1921 in einen
blutigen Bürgerkrieg verwickelt. Es war eine Zeit des unendlichen Leids, des
Hungers und des allgemeinen Mangels. Die Verwaltung des Mangels setzte sich in
den Folgejahren des NEPs fort. Umso erstaunlicher ist, dass auch unter diesen
Bedingungen die Avantgarde unbeirrt versuchte, Funktionalität und Schönheit für
die neue  Gesellschaft zu verbinden. Ein
Beispiel ist der Funkturm von Schuchow, der 1919-1922 als Sendeturm für den
sowjetischen Rundfunk errichtet wurde. Bereits 1919 präsentierte Schuchow einen
Entwurf für einen Turm, der 350 Meter hoch sein sollte, doch der Mangel an
Stahl ließ letztlich nur den Bau eines 150 Meter hohen Turms zu. Der filigrane
Funkturm ist noch heute in Moskau in Betrieb und löst(e) damals wie heute
Begeisterung aus. Er wurde schon bald das Symbol der Überwindung des Alten und
Schweren gesehen. Vor allem aber brauchte die junge Sowjetrepublik Wohnraum,
Industrieanlagen, Arbeiterclubs und Großküchen. In der Ausstellung wird der von
Ginsburg und Milinis entworfene und 1930 in Moskau gebaute Narkomin-Wohnblock
präsentiert. Er war einer der experimentellsten Projekte dieser Ära. Neben
Wohnungen und kollektiven Wohneinheiten umfasste der Gebäudekomplex eine Mensa,
einen Kindergarten, einen Ruheraum, einen Dachgarten sowie eine Sporthalle und
eine Waschküche. 

Tragisch aber auch bezeichnend ist die Tatsache,
dass sich diese experimentelle Phase in der sowjetischen Architektur letztlich
nur so lange hielt, wie die Chance oder zumindest die Hoffnung auf eine
weltweite Ausbreitung der Revolution bestand. Mit der Machtübernahme Stalins
und der im Gegensatz dazu stehenden Doktrin des „nationalen Sozialismus“
(Sozialismus in einem Land), die ab den 1930ern mit aller Gewalt und Repression
durchgesetzt wurde, bekamen auch die avantgardistischen Architekten die
Repression zu spüren. So erklärt der Fotograf Richard Pare in einem Interview:
„Das Regime wurde immer repressiver, es war unmöglich, von der stalinistischen
Norm abzuweichen. Man spürt direkt, wie etwa ab 1932 der Optimismus in den
Arbeiten der Architekten verloren geht. Danach wurden die vom stalinistischen
Regime immer stärker bevormundet und gegängelt.“[3]
Dies wird z.B. an dem Architekten Konstantin Melnikows deutlich– an seinem 1925
Aufsehen erregenden sowjetischen Pavillon in der Pariser
Kunstgewerbeausstellung, seinem Entwurf für den Sarkophag Lenins und an dem
Gosplan-Parkhaus von 1936. Der Architekt, der die Oktoberrevolution 1917 noch
als Arbeiter in der AMO-Fabrik in Moskau erlebte, war einer der wichtigsten
Vertreter der Avantgarde. Als Anerkennung erhielt Melnikow sogar ein
Grundstück, um sich ein Heim darauf zu errichten. Ein Kleinod des Lichtes, das
übersät ist mit sechseckigen Fenstern, die flexibel zu handhaben sind. Wenn man
die Räume umgestaltet, kann man problemlos die Fenster mit Backsteinziegeln
verschließen oder wieder freilegen – dies vermittelt ein Gefühl von Dynamik,
Flexibilität und organischem Leben. Der Bau passt sich stets den Bedürfnissen
des Lebens an.  Doch zur Zeit der
stalinistischen Säuberungen Mitte der 30er Jahre fiel Melnikow in Ungnade; zwar
blieb er am Leben, aber er musste seine Lehrtätigkeit aufgeben und erhielt keine
Bauaufträge mehr. Er zog sich enttäuscht zurück.

An diesem abrupten Bruch in Melnikows Leben zeigt
sich, dass der Wind sich nun endgültig gedreht hatte: von der Hoffnung auf das
Ausbreiten der internationalen Revolution auf den Schrecken der stalinistischen
Konterrevolution. Stalin hatte seine Macht gefestigt. Nun hatte die Architektur
einem anderem Zweck zu dienen: weg mit dem Experimentellen und Modernistischen.
Es sollten staatstragende Bauten errichtet werden. Sie sollten den
„sozialistischen Realismus“ Ausdruck verleihen, der am Klassizismus angelehnt
war. Es sollten protzige, überdimensionierte Monumentalbauten sein, die die
allumfassende Macht des stalinistischen Staatsapparates symbolisieren
sollten.  Dieser Bruch, ja Gegensatz wird
im fünften Raum der Ausstellung sofort deutlich. Es ist sicher kein Zufall,
dass dieser Raum im Gegensatz zu den anderen Räumen dunkler und damit
(be)drückend ist.

Zurück zu der Ausgangsfrage, weshalb „die
Baumeister der Revolution“ als Ausstellung auf ein solch großes Interesse
gestoßen sind. Auf die Frage, ob Architektur einen Beitrag zur Entwicklung
einer besseren Gesellschaft leisten kann, antwortet Richard Pare: „Man möchte
das zumindest glauben. Es gehört zu den großen Katastrophen in der Geschichte
der Architektur des 20. Jahrhunderts, dass die Architekten in Russland nicht
die Chance hatten, ihre Ideen weiter zu entwickeln und zu größerer Reife zu
bringen. Obwohl es nur eine kurze Zeitspanne dauerte, stellten die Debatten,
die geistige Gärung und die Bautätigkeit selbst eine heroische Leistung dar
(…). Sie kämpften darum, eine ideale Lebensweise zu schaffen, merkten aber auch
ziemlich schnell, glaube ich, dass sie auf verlorenem Posten standen (…). Es
war das radikalste Experiment bis heute. Es war nicht erfolgreich, doch lag es
nicht am fehlendem Willen.“[4]
Es stimmt, das revolutionäre Experiment von damals ist gescheitert, musste
scheitern, als die Weltrevolution ausblieb. Genau diese Botschaft senden die
Bauten der russischen Avantgarde den nachfolgenden Generationen, also uns!
Deshalb ist es wichtig, dass diese Gebäude nicht weiter dem Verfall überlassen
werden und in Vergessenheit geraten. Gegen dieses Vergessen ist die Ausstellung
ein Beitrag. Deshalb ist der Blick in die Vergangenheit wichtig. Aber ebenso
wichtig ist der Blick in die Zukunft, denn gerade, weil die revolutionäre Welle
scheiterte, leiden wir heute mehr denn je unter diesem kapitalistischen System
und der Schwindel erregenden Beschleunigung der Krise. Welche Zukunft wollen
wir? In welch einer Gesellschaft wollen wir gemeinsam leben? Was für Gebäude
wollen wir für dieses Leben kreieren? Die Suche geht weiter…

Juli 2012, Anna


[1] „Baumeister[n] der Revolution. Sowjetische Kunst und
Architektur 1915-1935“. Leider ist die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau,
Berlin bereits am 9.Juli 2012 zu Ende gegangen. Allerdings gibt es einen sehr
lohnenden Ausstellungskatalog.

[2] Dadaismus, Expressionismus, Futurismus, Bauhaus etc.

[3] Interview Richard
Pare www.wsws.org

[4] Ebenda.