Einleitung

Krieg oder Revolution

In der Nummer 1 der Internationalen

Krieg oder Revolution

In der Nummer 1 der Internationalen Revue auf Deutsch haben wir in dem Beitrag zur Streikwelle in der BRD[1] schon festgestellt, dass die Krise jetzt begonnen hat, das Zentrum der proletarischen Klasse, sein Herzstück, anzugreifen. Dies ist nur Ausdruck einer sich immer weiter verschärfenden Krise des Weltkapitals, das seinerseits bemüht ist, den drohenden Zusammenbruch des Systems abzuwenden.

Das Kapital ist ständig gezwungen, die Angriffe auf die Arbeiterklasse zu verschärfen. In Belgien soll mit einem "Antikrisengesetz" die marode Industrie wieder in Schwung gebracht werden - auf Kosten der Arbeiter[2]. Die Massaker, die die Bourgeoisie im letzten Jahr im Oktober in Ecuador und im Dezember in Kanpur (Indien) anrichtete, um massive Streiks der Industriearbeiter zu beenden, waren die (vorerst) letzte Konsequenz dieses blutigen Spiels. Das vorläufige Ende dieser Barbarei, der einzige Ausweg für die Bourgeoisie kann nur der Krieg, d.h. die brutale Niederschlagung der Arbeiterklasse und die allgemeine Zerstörung von Produktionsmitteln sein. Die Vorboten dieser inneren Logik des Kapitals sind die kriegerischen Auseinandersetzungen in Indochina, Zaire und im Nahen Osten.

In diesen imperialistischen Konflikten geht es keineswegs um nationale Befreiungen, die im dekadenten Kapitalismus ohnehin unmöglich geworden sind. Hier wie dort stoßen knallharte Blockinteressen aufeinander. Und das ganze Theater - angefangen von der "Verständigung zwischen Nord und Süd" über die „Respektierung der nationalen Unabhängigkeit" und den "Grundsatz der "Nichteinmischung" bis hin zur militärischen "Unterstützung" derselben - kann uns nicht darüber hinwegtäuschen.

Je lauter das Geschrei um "Friedensbemühungen" wird, desto mehr verschärfen sich die Fronten zwischen den· Blöcken. Der Vertrag zwischen China und Japan, die Reisen des obersten Vertreters des chinesischen Kapitals durch Länder der "zweiten und dritten Welt", aber auch die Verhandlungen von Camp David sind keine Meilensteine auf dem Weg zum Frieden. Sie sind Versuche des westlichen Blocks, seine Fronten zu schließen und die nationalen Kapitale auf das Blockinteresse festzuschreiben. Durch die Krise des Weltkapitals werden die schwächeren Länder, die bislang eine anscheinend neutrale und schwankende Stellung zwischen den Blöcken einnahmen, gezwungen, sich in einen Block einzugliedern (selbst das autarke Albanien macht jetzt Annäherungsversuche an den russischen Block, vgl. die Konferenz der "Blockfreien"). Historisch gesehen, gibt es keinen Gegensatz zwischen Krieg und Frieden. Das eine hebt das Andere nicht gesellschaftlich auf. Im dekadenten Kapitalismus schließen sich beide ständig ein und bedingen sich gegenseitig.[3]

So sind die Grundsätze und Proklamationen von "Menschenrechten" und "Friedensabsichten“ nie mehr wert gewesen als das Papier, auf dem sie geschrieben stehen. Auch in der "friedliebenden" BRD wird, im Gegensatz zum ganzen Gerede vom "defensiven Charakter unserer Bundeswehr", die Möglichkeit zur direkten, militärischen Intervention für die imperialistischen Interessen der Bundesrepublik geschaffen[4].

Gegenüber all diesen Machenschaften der herrschenden Klasse, die nicht etwa aus einem moralischen Verfall des Bürgertums herrühren, sondern einzig und allein den vorgezeichneten Weg des Kapitalismus in die Barbarei begleiten, kann nur die Arbeiterklasse der Menschheit die einzige Alternative - die proletarische Weltrevolution - aufstellen. Die Frage der Zeit ist: "Sozialismus oder Barbarei - Revolution oder Krieg".

Die unbedingte Voraussetzung für die endgültige Durchsetzung der Politik der Bourgeoisie ist die vollkommene Militarisierung der Arbeit sowie eine Austeritätspolitik, die die Ausrichtung der gesamten Gesellschaft auf den Krieg zulässt. Dies ist aber nur möglich, wenn die Arbeiterklasse physisch wie ideologisch niedergeschlagen ist, also die offiziellen Kriegsziele als "ihre" eigenen Ziele anerkennt.

Die Arbeiterklasse ist nicht niedergeschlagen

Trotz aller Bemühungen des Kapitals und seines Staates ist die Klasse weder in der BRD noch international dazu bereit. Deshalb versucht das Kapital mit all seinen Organen und Instrumenten, jede Bemühung der Klasse, sich autonom in ihrem Kampf zu entwickeln zu behindern und schließlich ganz zu zerschlagen. Die ersten zaghaften Versuche der deutschen Arbeiterklasse seit einigen Jahren, aktiv in den Klassenkampf einzutreten, schienen fürs erste erfolgreich in die Sackgasse geführt worden zu sein. In Frankreich ist es in diesem Jahr zu einem erheblichen Streikkampf gekommen, der ebenfalls alle Gewerkschaften auf den Plan gerufen hat. In der DDR und anderen Ländern des russischen Blocks setzen sich sogenannte kritische Kräfte an die Spitze einer Bewegung, die spontan aus dem Unmut der Bevölkerung über die dort nicht weniger starke Krise entstanden sind. Überall da, wo, wie schwach auch immer, eine Klassenbewegung entsteht, hat sich die Bourgeoisie noch ein Türchen offen gelassen, das die Kämpfe auf das Terrain der herrschenden Klasse führt.

Dennoch sind im internationalen Klassenkampf Fortschritte der Arbeiterklasse zu erkennen, die die Vereinigung der Klasse zu einer einzigen internationalen Kraft, die dieses System endgültig aus der Welt schaffen wird, ankündigen. Wenn auch noch unter gewerkschaftlieher Kontrolle, so steht die englische Arbeiterklasse fest hinter den kämpfenden Ford-Arbeitern. Gleichzeitig befindet sich die Klasse in verschiedenen anderen Ländern, wie im Iran und in Nicaragua, im Kampf. Anstatt die Bewegung im Iran unter Kontrolle zu bekommen, sieht sich die Bourgeoisie täglich einer Ausbreitung der Streikaktionen gegenüber. Aber selbst wenn schließlich die "Demokraten" eine Beruhigung des Klassenkampfes erreichen können, wird die Krise des Kapitals die Arbeiter zu neuen Angriffen gegen den Klassenfeind treiben. International kann jetzt eine Politisierung des Arbeiterkampfes beobachtet werden, die das Proletariat auch im Westen zwingt, den Staat direkt zu konfrontieren. Trotz zeitweiliger Rückschläge und Rückflussphasen des Klassenkampfes zielt der historische Kurs immer noch auf die Revolution.

Die Aufgaben der Revolutionäre

Anders als 1914-18 wird der nächste Weltkrieg nicht die Revolution auslösen, aber anders als 1939 ist die Klasse noch nicht niedergeschlagen. Sie bildet seit 1968 unaufhörlich neue, revolutionäre Elemente heraus und schafft sich damit die zukünftige Avantgarde des Proletariats. In diesem sich ständig wiederholenden Prozess ist es die Aufgabe der Revolutionäre, scharf zwischen proletarischen Gruppen - so konfus sie auch immer sein mögen - und bürgerlichen Strömungen zu unterscheiden. Das Verständnis der Ereignisse um 1968 und ihrer Folgen ist Ausdruck der Klarheit der Plattform der Revolutionäre[5].

In der Tat ist 1968 erst der Wiederbeginn der Bildung eines revolutionären Lagers, das mehr tun kann, als - wie während der Konterrevolution - bloß die Klassenpositionen in eine neue Revolution hinüberzuretten. Die Bildung einer Avantgarde des Proletariats ist aber nicht das Werk voluntaristischer Parteischöpfer! Sie ist ein langwieriger Prozess der Umgruppierung vieler revolutionärer Elemente auf einer klaren Klassenbasis - im Grunde ein Prozess der Klasse selbst. Gleichzeitig erfordert die Umgruppierung die Formulierung eines klaren Programms der Klasse und einer klaren Plattform. Die revolutionären Elemente sind Produkt und Faktor ihres wie des allgemeinen Klassenbewusstseins.

Ihnen kommt im revolutionären Prozess die größte Aufgabe zu. Von ihrer Intervention, von ihrem Verständnis der Geschichte und damit der Lehren aller bisherigen Klassenkämpfe, von ihrem Bemühen, den Klärungsprozess voranzutreiben, hängt wesentlich die Bildung der Arbeiterklasse als bewusstem Körper ab. Im Artikel "Klassenbewusstsein und die Rolle der Revolutionäre" setzen wir uns mit dieser Frage auseinander.

Zu den Aufgaben der Revolutionäre gehört, wie gesagt, die gründliche Aufarbeitung der historischen Erfahrungen des Proletariats. Sie ist Teil des revolutionären Klärungsprozesses. Wenn wir also einen Artikel über die Russische Revolution in dieser Nummer der Internationalen Revue abdrucken, tun wir das nicht vom Standpunkt des alles sehenden Besserwissers, sondern in Auseinandersetzung mit verheerenden Konfusionen innerhalb des revolutionären Lagers. Der Artikel wurde als Antwort auf eine im rätekommunistischen Milieu durchaus verbreitete Auffassung geschrieben, dass 1917 in Russland das Datum einer bürgerlichen Revolution sei. Ebenso soll der Beitrag über die Ereignisse 1953 in der DDR nicht einfach die Seiten der Geschichtsbücher des Proletariats füllen, sondern dem Zweck dienen, den Faden der Kämpfe der Klasse wieder aufzunehmen, der durch die Konterrevolution zerrissen wurde. In diesen Erfahrungen der Arbeiterklasse liegen die Klassenpositionen, die wir heute vertreten, begründet.

[1]Siehe "Tarifverhandlungen: Die Gewerkschaften gegen den Klassenkampf" in Internationale Revue Nr. 1, deutsche Ausgabe.

[2]Die Produktivität in der Stahlindustrie müsste um etwa 100% gesteigert werden, um international wieder konkurrenzfähig zu werden.

[3]Im "Bericht über die internationalen Lage", dessen erster Teil in der ersten Nummer der Internationalen Revue erschienen ist, gehen wir auf das Problem der Konfrontation zwischen den Blöcken sowie auf den veränderten Charakter der innerimperialistischen Konflikte - im Vergleich zur Wiederaufbauperiode - und die Ausweglosigkeit der kapitalistischen Krise in Ost und West ein. Der Zaire-Konflikt, der ja nur ein grausamer Höhepunkt in dieser barbarischen Entwicklung ist, illustriert sie auf erschreckende Weise.

[4]Vgl. Der Spiegel Nr. 26, 1978

[5]Siehe dazu den Artikel über die Studentenbewegung in diesem Heft.