5. Das Proletariat Westeuropas im Zentrum der Generalisierung des Klassenkampfes (1982)

“Frage 19: Wird diese Revolution in einem einzigen Lande allein vor sich gehen können? Antwort: Nein, die große Industrie hat schon dadurch, dass sie den Weltmarkt geschaffen hat, alle Völker der Erde, und namentlich die zivilisierten, in eine solche Verbindung miteinander gebracht, dass jedes einzelne Volk davon ab­hängig ist, was bei einem ändern geschieht. Sie hat ferner in allen zivilisierten Ländern die gesellschaftliche Entwicklung so weit gleichgemacht, dass in allen diesen Ländern Bourgeoisie und Proletariat die beiden entscheiden­den Klassen der Gesellschaft, der Kampf zwischen beiden der Hauptkampf des Tages geworden. Die kommunistische Revo­lution wird daher keine bloß nationale, sie wird eine in allen zivilisierten Ländern, d.h. wenigstens in England, Amerika, Frankreich und Deutschland vor sich gehende Revolution sein (...) Sie wird auf die übrigen Länder der Welt ebenfalls eine bedeutende Rückwirkung ausüben und ihre bisherige Entwicklungsweise gänzlich verändern und sehr be­schleunigen. Sie ist eine universelle Revolution und wird daher auch ein universelles Terrain haben” (F. Engels, Grundsätze des Kommunismus, 1847, in MEW Bd. 4, S. 374).

1) Seit der Entstehung der Arbeiterbewegung wurde stets der weltweite Charakter der kommunistischen Revolution betont. Der Internationalismus war seit jeher der Stützpfeiler der Kämpfe der Arbeiterklasse und des Programms seiner politischen Organisationen. Je­de Infragestellung dieses grundlegenden Prinzips be­deutete stets den Bruch mit dem proletarischen La­ger und die Unterstützung der herrschenden Klasse. Während es jedoch seit mehr als einem Jahrhundert für die Revolutionäre feststeht, dass die Bewegung der kommunistischen Revolution mit dem Prozess der weltweiten Generalisierung der Arbeiterkämpfe gleich­bedeutend ist, wurden die Bedingungen und Merkmale dieses Prozesses in der Arbeiterbewegung nicht zu jeder Zeit vollständig begriffen. Ja, es gab sogar Rückschritte in dieser Frage. So schleppt die Arbeiterbewegung seit mehr als 60 Jahren das Gewicht zweier Ideen mit sich herum:

- die Idee, dass der imperialistische Weltkrieg die günstig­sten Bedingungen für den Ausbruch einer revolu­tionären Bewegung schaffe;

- die Idee, dass solch eine Bewegung zunächst dort ausbreche, wo die Bourgeoisie am schwächsten sei (“schwächstes Glied in der kapitalistischen Kette”), und dass sie sich anschließend auf die  höchstentwickelten Länder ausdehne.

   Diese beiden Ideen gehören nicht zum klassischen Repertoire des Marxismus, so wie es uns von Marx und Engels vermittelt wurde. Sie tauchten erst während des Ersten Weltkriegs auf und sind Teil der Fehler, die die Komintern beging und die nach der Niederla­ge der Weltrevolution in Dogmen verwandelt wurden.

   Im Gegensatz zu anderen falschen Positionen der Kom­intern, die von der Kommunistischen Linken ener­gisch bekämpft wurden, stießen diese Ideen lange auf positiven Widerhall unter den revolutionären Strömungen (1), und sie gehören noch heute zum A und 0 der bordigistischen Gruppen. Dies rührt zu einem großen Teil daher, dass diese Fehler, wie so häufig in der Arbeiterbewegung, mit der konsequenten Verteidigung tatsächlicher Klassenpositionen zusammenhingen.

   So ging der erste Fehler aus der durchaus richtigen Losung der “Umwandlung des imperialistischen Krieg in einen Bürgerkrieg” hervor, die vom Kongress der II. Internationale 1907 in Stuttgart verabschiedet worden war und von den Bolschewiki und Lenin während des I. Weltkriegs wieder aufgenommen wurde, um den Pazifisten, die lediglich zu einer “Schlichtung” aufriefen, und jenen entgegenzutreten, die einen Frieden nur durch den Sieg ihres Landes gewährleistet sahen.

   Der zweite Irrtum hing mit dem Kampf der Revolu­tionäre, insbesondere der Bolschewiki, gegen die reformistischen und bürgerlichen Strömungen (Menschewiki, Kautskys Richtung usw.) zusammen, die jede Möglichkeit einer pro­letarischen Revolution in Russland leugneten und dem Pro­letariat dieses Landes eine einzige Aufgabe zuwiesen: die Unterstützung der “demokratischen Bourgeoisie”.

   Der Triumph der Revolution in Russland 1917 hat die Rich­tigkeit der wesentlichen bolschewistischen Positionen bestätigt, insbesondere dass der Weltkrieg als Kennzeichen des 20. Jahrhunderts Ausdruck der Tatsache ist, dass das kapitalistische System als Ganzes in die Phase sei­nes historischen Niedergangs eingetreten ist, was die Notwendigkeit der sozialistischen Revolution als einzige Alternative unterstreicht. Dagegen hat die internationa­le Isolierung dieses ersten proletarischen Versuches, den Kapitalismus zu zerstören, ermöglicht, dass die fehlerhaften Positionen und die falschen Argumentations­weisen in manchen Fragen verdeckt wurden. Der welt­weite Sieg der Konterrevolution ermöglichte anschließend eine intensive Ausnutzung dieser Schwächen zugunsten einer Rechtfertigung der bürgerlichen Politik der sogenannten “Ar­beiterparteien”. Die Verurteilung dieser bürgerlichen Politik darf somit nicht auf eine einfache Bestätigung der wirklichen Positionen Lenins und der Komintern beschränkt bleiben, wie die Bordigisten vorschlagen. Sie erfordert darüber hinaus die Kritik an den überholten Positionen der Vergangenheit sowie die Ver­werfung aller Formulierungen, die von der Bourgeoisie missbraucht werden könnten.

2) Die IKS hat schon vor einiger Zeit Kritik an der These geübt, dass der imperialistische Krieg optimale Bedingungen für die Revolution und die damit verbundene Generalisie­rung der Kämpfe schafft (2). Dagegen haben wir uns mit der Theorie des “schwächsten Gliedes”, obwohl sie in unserer Analyse implizit abgelehnt wird, bislang noch nicht ausführlich und ausdrücklich genug auseinandergesetzt. Dies wollen wir hiermit nachholen, da:

- diese beiden Positionen eng miteinander verknüpft sind, sowohl hinsichtlich der historischen Bedingungen ihrer Entstehung als auch hinsichtlich der Auffas­sung von der kapitalistischen Welt und der Revolution, auf die sie bauen. Um nicht auf halbem Wege stehen zu bleiben, darf die Kritik sich nicht auf eine der beiden Positionen beschränken, sondern muss sich auch gegen die jeweils andere richten;

- mehr noch als die Theorie vom Krieg als Vorbedingung für die Revolution die Theorie des schwächsten Gliedes den Weg für gefährliche und gar bürgerliche Analysen freimacht. Diese Theorie ist eine Abwand­lung der Theorie von der ungleichmäßigen Entwicklung des Kapitalismus, die sowohl in die Idee vom “Sozialismus in einem Land” (3) als auch in die Positionen der Maoisten und Trotzkisten mündete. Diese Theorie hat innerhalb des proletarischen Lagers die Bordigisten und jeman­den wie Mattick dazu verleitet zu behaupten, die “bürgerlich-demokratische Revolution” stünde in eini­gen Breitengraden noch auf der Tagesordnung, sowie Che Guevara und Ho Tschi-Minh als fortschrittlich zu betrachten (4).

- selbst Gruppen, die allen Versuchungen aus dieser Richtung widerstanden haben, auf einige Schwierigkeiten stießen, sich von dieser Auffassung zu lösen, als sie die Lage in Polen im Sommer 1980 untersuchten. Sie neigten dazu, sowohl das Niveau der Kämp­fe zu überschätzen (was insbesondere bei der CWO der Fall war, die zu “Revolution Now” aufrief!), als auch die Bedeutung der anschließenden Niederlage für das Weltproletariat, das zweifellos durch die Ausrufung des Kriegszustandes geschwächt wurde, überzubetonen.

   Auch wenn die IKS stets die Notwendigkeit der weltweiten Generalisierung des Klassenkampfes als grundlegenden Bestandteil ihrer Perspektiven hervorgehoben hat, haben wir bis heute die Merkmale dieser Generalisie­rung noch nicht eindeutig genug herausgearbeitet. Bislang hatten wir folgende Fragen noch nicht ausreichend vertieft:

- Kann man sich diese Generalisierung als ein Zusam­menlaufen einer Reihe von parallel stattfindenden Be­wegungen vorstellen, die alle Länder umfassen?

- Wenn diese Generalisierung jedoch als ein Beben auftritt, dessen Schockwellen sich auf alle Länder ausdehnen, stellt sich die Frage, wo sich das Epizentrum dieses Bebens befinden wird. Kann es in irgendeiner beliebigen Region der Welt liegen, also auch außerhalb der großen Industriezentren, in den so genannten schwa­chen Gliedern?

   In Wirklichkeit geht es bei dieser Frage des “schwächsten Gliedes” um die gesamte Auffassung über die historische Perspektive der Revolution. Es geht also darum, eine Antwort auf die Frage der allgemeinen Bedingungen für die proletarische Revolution zu geben.

3) Dem klassischen Standpunkt des Marxismus zufolge - so wie er im Kommunistischen Manifest entwickelt wurde - kann man, schematisch betrachtet, zwischen den folgenden Bedingungen der kommunistischen Revolution unterscheiden:

- eine ausreichende Entwicklung der Produktivkräfte bis zu dem Punkt, wo dieselben Produktionsverhältnisse, die einst ihre Entfaltung ermöglicht hatten, zur Fessel der Produktivkräfte werden und wo die materiellen Bedingungen für die Umwälzung dieser Produktionsverhältnisse gegeben sind (materielle Notwendigkeit und Möglichkeit der Re­volution);

- die entsprechende Reifung der revolutionären Klasse, deren historische Funktion es ist, der Totengräber der alten, verfaulten Gesellschaft zu sein.

  Diese Bedingungen, die für alle Revolutionen in Geschichte gültig sind (insbesondere für die bürger­liche Revolution), kommen im Falle der proletarischen Revolution auf folgende Weise zum Ausdruck:

- Die materiellen Voraussetzungen für die Revolution, d.h. die Entwicklung der Produktivkräfte, die historische Krise der kapitalistischen Produktionsverhältnisse, werden auf Weltebene geschaffen (oder sind noch nicht gegeben) - und nicht auf der Ebene eines Landes oder einer Weltregion.

- Die Krise der Produktionsverhältnisse drückt sich im Kapitalismus durch eine Überproduktionskrise und eine Sättigung der zahlungsfähigen Märkte aus (natürlich nicht zu verwechseln mit der Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse).

- Zum ersten Mal in der Geschichte verkörpert die ausgebeutete Klasse der alten Gesellschaft die revolutionäre Klasse von morgen. Da sie in der alten Gesellschaft über keine ökonomische Macht verfügt, schöpft diese Klasse ihre Macht mehr noch als alle früheren revolutionären Klassen in der Geschichte aus ihrer quantitativen Stärke, ihrer Konzentration in den Produktionsstätten, ihrer Bildung und aus ihrem Bewusstsein.

4) In der Tat sind seit dem Ersten Weltkrieg die mate­riellen Bedingungen für die kommunistische Revolution auf der ganzen Welt vorhanden. In dieser Hinsicht war die Position Lenins vollkommen richtig. Er leitete das Wesen der Revolution in Russland aus der Weltlage ab und nicht aus den spezifischen Bedingungen dieses Landes, wie dies die Menschewiki und später die zahlreichen rätekommunistischen Gruppen taten. Die Tatsache, dass der gesamte Kapitalismus weltweit in die Phase seiner Dekadenz eingetreten ist, verliert auch nicht dadurch ihre Gültigkeit, dass es in den verschiedenen Regionen der Welt große Unterschiede in der Entwicklung der Produktivkräfte, vor allem des Proletariats, gibt.

   In der aufsteigenden Phase des Kapitalismus drückte sich das Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung des Kapitalismus - auf dessen Grundsätze sich Lenin und seine Epigo­nen bei der Verteidigung ihrer “Theorie vom schwächsten Glied” im Wesentlichen beriefen in einer gewalti­gen Aufholjagd der später auf dem Weltmarkt erschienenen Länder gegenüber den höher entwickelten Ländern und in einem Überholen Letzterer durch die Nachzügler aus. Dagegen begann sich dieses Phänomen in sein Gegenteil umzukehren, sobald sich das System als Ganzes seinen historischen Grenzen nä­herte und unfähig wurde, den Weltmarkt gemäß den Be­dürfnissen der sich entwickelnden Produktivkräfte weiter auszudehnen. Nachdem es seine historischen Grenzen erreicht hatte, vermochte das verfallende System keine Möglichkei­ten der Angleichung bei der Entwicklung der verschiedenen Länder mehr zu bie­ten. Im Gegenteil: wenn überhaupt, so findet diese Nivellierung auf dem Gebiet der Verschwendung, der Stagnation jeder Entwick­lung, der Ausdehnung der unproduktiven Arbeit und der Zerstörung statt.

   Die einzig mögliche Angleichung besteht darin, dass die Industrieländer zunehmend in eine Lage geraten, die, was das Ausmaß der Wirtschaftskrise, des Elends und der staatskapitalistischen Maßnahmen angeht,  bisher den unterentwickelten Ländern vorbehalten war. Während im 19. Jahrhundert das fortgeschrittenste Land der Welt - England - den anderen Ländern den Weg wies, gibt heute die 3. Welt in gewisser Weise die Richtung vor, in die sich die Industrieländer künftig entwickeln werden.

   Letztendlich jedoch gibt es keine tatsächliche Ega­lisierung zwischen den verschiedenen Ländern der Welt. Obgleich sie kein Land ausspart, zeigt die Weltkrise ihre zerstörerischsten Auswirkungen nicht in den höchstentwickelten, mächtigsten Ländern, son­dern in jenen Ländern, die zu spät auf dem Weltmarkt erschienen waren und denen der Weg zur Weiterentwicklung durch die alten Mächte endgültig verbaut ist (5).

   So tritt das Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung, das damals eine gewisse Nivellierung der wirtschaftli­chen Lage in den verschiedenen kapitalistischen Ländern begünstigt hatte, jetzt als ein erschwerender Faktor bei der Ungleichheit zwischen den Ländern auf. Ungeachtet der Tatsache, dass es für die Widersprüche der Gesellschaft überall auf der Welt nur eine Lösung gibt, die proletarische Weltrevolution, ist es unbestritten, dass die Weltbourgeoisie mit beträchtlichen Unterschieden zwischen den verschiedenen Wirtschaftsräumen der Welt in die Epoche ihrer historischen Krise eingetreten ist

   Das gleiche trifft auf das Proletariat zu, das seine historische Aufgabe vereint lösen muss, auch wenn innerhalb seiner Reihen in den verschiedenen Ländern und Regionen erhebliche Unterschiede beste­hen. Diese leiten sich aus eben genannter Entwicklung ab, weil die Merkmale des Proletariats eines Landes und insbesondere seine Stär­ken (Zahl, Konzentration, Bildung, Erfahrung usw.) von der Entwicklung des Kapitalismus in diesem Land bestimmt werden.

5) Nur wenn wir diese Unterschiede, die uns der Kapitalismus hinterlässt, berücksichtigen und sie in die allgemeinen Perspektiven der Revolution integrieren, gelangen wir zu eben diesen Perspektiven. Dabei darf man keine falschen Schlussfolgerungen aus richtig erkannten Sachverhalten ziehen und vor allem nicht den Ausgangspunkt der Revolution gerade dort erwarten, wo er sich nicht befinden kann, so wie dies die von den Leninisten vertretene Theorie des schwä­chsten Gliedes tut.

   Die Leninisten übertragen einen physikalischen Tatbestand auf den gesellschaftlichen Bereich: Eine unter Spannung gesetzte Kette reißt am schwächsten Glied. Dabei vernachlässigen sie vollständig den hier wesent­lichen Unterschied zwischen der anorganischen Welt und der lebendigen, organischen Welt. Vor allem sehen sie nicht, dass der Mensch ein soziales Wesen ist. Eine soziale Revolution äußert sich nicht einfach in dem Bruch einer Kette, im mechanischen Zerbrechen der alten Gesellschaft. Sie erfordert gleichzeitig bewusste Handlungen für den Aufbau einer neuen Gesellschaft. Dabei handelt es sich nicht um eine mechanische, sondern eine gesellschaftliche Handlungsweise, die von den unterschiedlichen, konträren Interessen, dem Willen und den Bestrebungen der gesellschaftlichen Klassen bestimmt wird.

   Gefangen in einer mechanistischen Sichtweise, sucht die Theorie des schwächsten Gliedes nach jenen geographi­schen Punkten, wo der gesellschaftliche Körper am schwächsten ist, und stützt darauf ihre Perspektive. Die Wurzel ihres theoretischen Fehlers liegt genau in dieser Vorgehensweise.

   Der Marxismus von Marx und Engels dagegen hat nie solch eine Vorgehensweise verfolgt. Aus der Sicht von Marx und Engels finden soziale Revolutionen nicht dort statt, wo die alte herrschende Klasse am schwächsten und ihre Struktur am wenigsten entwickelt ist, sondern dort, wo ihre Strukturen die höchste Stufe erreicht haben, die mit den Produktivkräften vereinbar sind, und wo die Klasse, die die Trägerin der neuen Produktions­verhältnisse ist, welche die alten, überholten ersetzen soll, am stärksten ist.

   Während Lenin jene neuralgischen Punkte suchte (und auf sie setzte), wo die Bourgeoisie am schwächsten ist, kon­zentrierten sich Marx und Engels auf jene Bereiche, wo das Proletariat am stärksten, konzentriertesten und somit am besten in der Lage ist, die gesellschaftliche Umwälzung zu vollziehen. Denn obgleich die Krise die unterentwic­kelten Länder aufgrund ihrer ökonomischen Schwäche und ihres mangelnden Bewegungsspielraums am härtesten trifft, darf man nie aus den Augen verlieren, dass der Ursprung der Krise in der Überproduktion und somit in den großen Zentren des entwickelten Kapitalismus liegt. Aus diesem Grund sind die Bedingungen für eine Reaktion gegen diese Krise und für ihre Überwindung in den Hauptzentren am günstigsten.

6) Die bedingungslosen Verfechter der Theorie des schwächsten Gliedes mögen auf diese Argumente entgegnen, dass die Oktoberrevolution die Gültigkeit ihrer Auffassung bestätige, da man seit Marx wisse, dass der Mensch erst in der Praxis die Wahrheit und Gültigkeit seiner Gedanken erkenne. Jedoch kommt es darauf an, wie man diese Praxis versteht und sie interpretiert d.h. wie man die Ausnahme von der Regel unterscheidet. Man darf der Revolution von 1917 nicht mehr Aussagekraft zuschreiben, als sie tatsächlich besitzt. Sie zeigt weder, dass der Krieg die günstigsten Bedingun­gen für die proletarische Revolution schafft, noch, dass die Theorie des schwächsten Gliedes allgemeingültig ist, was sich an etlichen Tatsachen ablesen lässt:

a) Trotz seiner ökonomischen Rückständigkeit war Russland 1917 die fünftgrößte Industriemacht der Welt, mit riesigen Arbeiterkonzentrationen in einigen großen Städten wie Petrograd. Die Putilow-Werke waren mit 40.000 Arbeitern die größte Fabrik auf der Welt.

b) Die Oktoberrevolution brach inmitten des Weltkriegs aus, was für die Bourgeoisie der anderen Länder die Möglichkeit einschränkte, der russischen Bourgeoisie so­fort zu Hilfe zu eilen.

c) Russland war flächenmäßig das größte Land der Welt; es umfasste ein Sechstel der Oberfläche der gesamten Welt, was den Gegenangriff der Weltbourgeoisie er­schwerte.

d) Die Bourgeoisie war zum ersten Mal (abgesehen von den verfrühten und hoffnungslosen Aufständen in Paris 1871 und in Russland 1905) mit einer proletari­schen Revolution konfrontiert. Daher war sie über­rascht. So begriff sie:

- in Russland nicht schnell genug die Notwendigkeit, sich aus dem imperialistischen Krieg zurückzuziehen;

- auf internationaler Ebene nicht, dass sie den Krieg beenden musste. Stattdessen ging sie ein großes Risi­ko ein, als sie den Krieg noch länger als ein Jahr fortsetzte.

   Hinsichtlich des letzten Punktes muss man feststellen, dass die Bourgeoisie schnell die Lehren aus der Oktoberrevolution gezogen hat. Sobald die Kämpfe in Deutschland im November 1918 ausbrachen, be­endete sie unverzüglich den Krieg. Anschließend arbeiteten die verschiedenen Frak­tionen der Bourgeoisie eng zusammen, um die Arbeiterklasse niederzuschlagen (frühzeitige Entlassung der deutschen Soldaten aus der Gefangenschaft durch die Länder der Entente, Abweichungen von den Waffenstillstandsvereinbarungen, die es der deutschen Armee ermöglichten. 5.000 Maschinen­gewehre zu behalten, um sie gegen die Arbeiter ein­zusetzen).

   Wie schnell sich die Bourgeoisie der Gefahr durch das Pro­letariat bewusst geworden war, bewies sie schließlich vor (6) und während (7) des II. Weltkriegs. So kam die enge Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Fraktionen der Weltbourgeoisie gegenüber der Arbeiterklasse in Polen 1980-81 für die Revolutionäre nicht mehr überraschend.

   Allein angesichts der letzten Erfahrung wäre es illusorisch, heute auf eine Wiederauflage der Ereignisse vom Oktober 1917 zu warten, denn diesmal wird sich die Bourgeoisie – anders als damals – nicht durch die Arbeiter überrumpeln lassen.

   Solange die großen Klassenbewegungen auf die peripheren Länder des Kapitalismus wie Polen beschränkt bleiben, solange es sich bei den niedergerungenen Bourgeoisien um weniger gewichtige Fraktionen der Weltbourgeoisie handelt, bleibt die unselige Allianz der Bourgeoisien aller Welt, mit den größten Ländern an ihrer Spitze, weiterhin in der Lage, sowohl einen ökonomischen als auch einen politischen Absperrring um die betreffenden proletarischen Bastionen zu legen, der sich auch ideologisch und mi­litärisch auswirken würde. Nur wenn die Arbeiterkämpfe direkt in den ökonomischen und politischen Zentren des Kapi­talismus ausbrechen:

- verbietet sich die Errichtung eines wirtschaftlichen Absper­rringes von selbst, wären doch diesmal die reichsten Ökonomien davon betroffen;

- verliert ein politischer Cordon sanitaire seine Wirksamkeit, da nun das höchstentwickelte Prole­tariat der stärksten Bourgeoisie gegenüberträte. Erst diese Kämpfe werden das Signal für die welt­weite Ausdehnung geben.

   Der Kapitalismus wäre also keinesfalls in seiner Existenz bedroht, wenn ein schwächeres seiner Glieder vom Proletariat angegriffen werden würde. Nur wenn das Proletariat - um mit Lenins Worten zu sprechen - die starken Glie­der angreift, kann der Kapitalismus wirklich zerschlagen werden.

   Doch wie wir schon gesagt haben, ist dieser Vergleich mit der Kette, um die Wirklichkeit der kapitalistischen Welt darzustellen, irreführend. Weitaus angebrachter wäre der Vergleich mit einem Netz oder - besser noch - mit einem lebendigen, organischen Körper. Jede Wunde, die nicht die lebenswichtigen Organe des Körpers betrifft, heilt über kurz oder lang. Man kann getrost davon ausgehen, dass es dem Kapital gelingen wird, alle erforderlichen Gegengifte zu entwickeln, um die von diesen eher marginalen Wunden ausgehende Infektionsgefahr auszuschalten. Nur durch einen Angriff auf das Herz und Hirn kann das Proletariat die kapitalistische Bestie zerstören.

7) Herz und Hirn der kapitalistischen Welt sind historisch seit Jahrhunderten in West­europa angesiedelt. Dort hat der Kapitalismus seine ersten Schritte getan, und dort wird auch die Weltrevolution ihre ersten Gehversuche unternehmen. Dort sind in der Tat alle Bedingungen für die Revolution am offenkundigsten und am weitesten fortgeschritten. Mittlerweile aber verteilen sich die höchstentwickelten Produktivkräfte, die größten Arbeiterkonzentrationen, das kultivierteste Proleta­riat (an den technischen Erfordernissen der modernen Produktion gemessen) neben Westeuropa auf zwei weitere geographische Zonen: auf Nordamerika und Japan.

   Jedoch verfügen diese drei Zonen nicht über den gleichen Grad an revolutionärem Potenzial. Einerseits steht Mittel- und Osteuropa unter dem Ein­fluss des rückständigeren imperialistischen Blockes. Dabei sehen sich die größten Arbeiterkonzentrationen (Russland ist das Land der Welt, wo es die meisten Industriearbeiter gibt) einem rückständigen Industrieapparat ausgesetzt und sind mit ökonomischen Bedingun­gen konfrontiert (insbesondere die Güterknappheit), welche für die Entwicklung einer sozialistischen Bewegung nicht gerade günstig sind. Darüber hinaus übt die Konterrevolution in die­sen Ländern in der Form eines totalitären, rigiden und gleichzeitig fragilen Regimes ein Gewicht aus, das die Überwindung der demokratischen, gewerkschaftlichen, nationa­listischen und gar religiösen Mystifikationen durch das Proletariat erschwert. Zwar wird es in diesen Länder – wie schon bislang - sehr wahr­scheinlich zu gewaltigen gesellschaftlichen Eruptionen kommen, wobei jedesmal, wenn nötig, Ablenkungskräfte à la Solidarnosc auftreten werden, doch wird in ihnen das Bewusstsein der Arbeiter vorerst nicht weit voranschreiten.

   Andererseits verfügen Regionen wie Japan und der nordamerikanische Halbkontinent, auch wenn in ihnen die meisten Elemente für die Re­volution vorhanden sind, nicht über die günstigsten Bedingungen für die Ingangsetzung eines revolutionären Prozesses, da das dortige Proletariat wenig Erfahrung besitzt und etwas rückständiger ist. Dies trifft insbesondere auf Japan zu, aber auch auf die USA, wo die Klassenbewegung sich als Anhängsel der europäischen Arbeiterbewe­gung entwickelt hat und wo die Bourgeoisie aufgrund spezifischer Elemente, wie den Mythos der “new frontier” (das “Land der unbegrenzten Möglichkeiten”) und den weltweit höchsten Lebensstandard, die Arbeiterklasse ideologisch besser im Griff hat als in Europa. Einer der Ausdrücke dieses Phänomens in den USA ist das Fehlen großer bürgerlicher Parteien im Arbeitergewand. Nicht, weil diese Parteien Ausdruck eines proletarischen Bewusstseins wären, wie die Trotzkisten vorgeben, sondern weil der Grad der Erfahrung, der Politisierung und des Bewusstseins in der amerikanischen Arbeiterklasse geringer ist und weil die klassischen Werte des Kapitalismus auf weitaus mehr Gegenliebe im dortigen Proletariat stoßen, ist es dem Kapital in den USA mög­lich gewesen, auf ausgefeiltere Formen der Mystifizierung und der Kontrolle der Klasse wie eben jene “Arbeiterparteien” zu verzichten.

   Es ist das westeuropäische Proletariat – ein Proletariat, das über die größte Kampferfahrung verfügt und das schon seit Jahrzehnten mit den heimtückischen Mystifikationen der “Arbeiterparteien" zu tun hat -, das der Vorreiter des Weltproletariats bei der Entwicklung des für die revolutionären Kämpfe unabdingbaren politi­schen Bewusstseins sein wird. Dies ist keine “eurozentristische” Auffassung. Der Kapitalismus hat sich von Europa aus entwickelt, hier existiert das älteste Proletariat mit dem größten Erfahrungsschatz. Die bür­gerliche Welt hat hier auf engstem Raum viele Industrienationen geschaffen, was die Entfaltung eines Internationalismus begünstigt wie sonst nirgendwo, da hier die Verbindungen zwischen den Arbeiterkämpfen in den verschiedenen Ländern  ungleich leichter hergestellt werden können. Es ist kein Zufall, dass britische und deutsche Arbeiter zu den Gründungsvätern der I. und II. Internationale gehörten. Und schließlich hat es die Geschichte des Kapitalismus mit sich gebracht, dass die Grenze zwischen den beiden imperialistischen Blöcken am Ende des 20. Jahr­hunderts quer durch Europa verläuft (insbesondere durch Deutschland, dem Land der klassischen Arbeiterbewegung).

   Das soll nicht heißen, dass der Klassenkampf oder die Ak­tivitäten der Revolutionäre in den anderen Weltteilen keinen Sinn machten. Die Arbeiterklasse ist ein unteilbares Ganzes. Der Klassenkampf existiert überall, wo sich Arbeit und Kapital gegenüberstehen. Die Lehren aus den verschiedenen Kämpfen sind für die gesamte Klasse gül­tig, gleichgültig, wo sie gemacht werden. Insbesondere wird die Erfahrung der Kämpfe in den peripheren Ländern den Verlauf der Kämpfe in den Zentren dieser Welt beeinflussen. Auch wird die Revolution weltweit sein, das heißt, alle Länder umfassen. Die revolutionären Strömungen der Klasse sind überall wertvoll, wo die Arbeiterklasse mit der Bour­geoisie zusammenstößt, also auf der ganzen Welt.

   Das soll auch nicht heißen, dass das Proletariat die Schlacht gewonnen hat, sobald die bürgerlichen Staaten in den europäischen Zentren zerschmettert worden sind. Der letzte große und vermutlich entscheidende Abschnitt in der Weltrevolution wird aller Voraussicht nach in den beiden Hexenkesseln des Imperialismus, in den USA und der UdSSR, stattfinden. Dies heißt:

- dass die weltweite Generalisierung der Kämpfe nicht nach dem Szenario parallel stattfindender Kämpfe in mehreren Ländern verlaufen wird, wobei sich alle diese Kämpfe auf gleicher Ebene vollzögen und von gleicher Bedeutung wären. Stattdessen wird diese Generalisierung von den Kämpfen in den Hauptindustriezentren ausgehen;

- dass das Epizentrum des künftigen revolutionären Bebens sich im industriellen Herzen Westeuropas befinden wird, wo die optimalen Bedingungen für die Entstehung des revolutionären Bewusstseins und der revolutionären Kämpfe vorhanden sind. Deshalb wird das Proletariat dieses Erdteils die Rolle der Avantgarde gegenüber dem ge­samten Weltproletariat spielen müssen.

   Das heißt ebenso, dass die Stunde der Generalisierung nur dann schlägt, wenn das Proletariat dieser Länder alle von der Bourgeoisie aufgestellten Fallen (auch die heimtückischsten, wie die der Linken in der Opposition) aus dem Weg geräumt hat. Dann erst wird die Stunde der revolutionären Zusammenstöße gekommen sein.

   Der Weg dorthin ist lang und schwierig, es gibt keine Abkürzungen, die man nehmen könnte. So versank der Massenstreik in Polen letztendlich im gewerkschaftlichen Sumpf. Erst wenn das Proletariat aus dieser Sackgasse herausgekommen ist, ist der Weg für weitere Massenstreiks und für die Revolution frei, sowohl in Westeuropa als auch auf der ganzen Welt.

   Der Weg ist lang, aber es gibt keinen anderen.

 

F.M.                             Sommer 1982

  • (aus: Internationale Revue Nr. 31, engl., franz. und span. Ausgabe)
  • (1)     Im Mai 1952 konnte unser „direkte“ Vorfahre, Internationalisme, noch schreiben: „Der Prozess, der zur Entwicklung eines revolutionären Bewusstseins führt, ist direkt mit der Rückkehr der objektiven Bedingungen verknüpft, die ein Anwachsen dieses Bewusstseins ermöglichen werden. Diese Bedingungen können in einem allgemeinen Punkt zusammengefasst werden: Das Proletariat ist aus der Gesellschaft hinausgeworfen, der Kapitalismus ist nicht mehr in der Lage, die materiellen Bedingungen für die Existenz des Proletariats sicherzustellen. Diese Bedingung wird auf dem Höhepunkt der Krise geschaffen. Und der Kulminationspunkt der Krise ist in der Ära des Staatskapitalismus im Krieg anzutreffen.“
  • (2)     Siehe unsere Texte in der Internationale Revue Nr. 26, engl., franz., span. Ausgabe.
  • (3)     Das Vorwort zu den Ausgewählten Werken von Lenin auf Deutsch ist erhellend: „In seinen Aufsätzen „Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa“ und „Das Militärprogramm der proletarischen Revolution“ gelangte Lenin auf Grund des von ihm entdeckten Gesetzes der ungleichmäßigen Entwicklung des Kapitalismus zu dem genialen Schluss, dass der Sieg des Sozialismus zunächst in einigen kapitalistischen Ländern und sogar in einem einzelnen kapitalistischen Land möglich ist. „Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist ein unbedingtes Gesetz des Kapitalismus“, schrieb Lenin. „Hieraus folgt, dass der Sieg des Sozialismus zunächst in wenigen kapitalistischen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Land möglich ist.“ (s. 761). Dies war die größte Entdeckung der Epoche. Sie wurde für die Kommunistische Partei zur Richtschnur in ihrer gesamten Tätigkeit, in ihrem Kampf für den Sieg der sozialistischen Revolution und für den Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion. Lenins Lehre von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem einzelnen Lande hat dem Proletariat eine klare Kampfperspektive gegeben, die Energie und Initiative der Proletarier in allen einzelnen Ländern zum Angriff auf ihre nationale Bourgeoisie geweckt und die Partei und die Arbeiterklasse mit Siegeszuversicht erfüllt, die auf wissenschaftlicher Erkenntnis beruht.“  (Institut des Marxismus-Leninismus, Kommunistische Partei der Sowjetunion, 1960, Der Verlag, S. 19,)
  • (4)      Die Bordigisten schossen bei diesen Irrwegen den Vogel ab, als sie den Kleinmut und Mangel an Kampfgeist von Allende und der demokratischen Bourgeoisie Chiles kritisierten und als sie den „Radikalismus“ der von den Roten Khmer begangenen Massaker besangen.
  • (5)     Die spektakuläre Entwicklung gewisser Drittweltländer (Singapur, Taiwan, Südkorea, Brasilien), die sehr besonderer geographischer Umstände geschuldet, darf nicht der Baum sein, der den Wald verbirgt. Darüber hinaus ist für die meisten dieser Länder bereits gekommen – ein Zusammenbruch, der noch spektakulärer war als ihr Aufstieg.
  • (6)     Siehe den Bericht über den historischen Kurs für den 3. Kongress der IKS (Internationale Revue Nr. 18, engl., franz., span. Ausgabe)
  • (7)     Siehe den Text über die Bedingungen der Generalisierung für den 4. Kongress der IKS (Internationale Revue Nr. 26)