DIE ENTSTEHUNG DER GIK (1927-33)

6. KAPITEL

DIE ENTSTEHUNG DER GIK (1927-33)

Die Zeit von 1927 bis zur Machtübernahme durch Hitler war eine Schlüsselperiode in der Geschichte des holländi­schen Linkskommunismus. Die Überreste der Essener Strömung lösten sich in Deutschland auf. Die KAI war nur noch ein Schatten ihrer selbst, so dass sich ihr Exeku­tivkomitee von 1927 an (1) in den Niederlanden niederließ. Aber die KAPN, die praktisch die einzige wirkliche Sektion der KAI war,  starb auch langsam ab. Die Essener Tendenz, die sich nicht mal mehr auf die Unterstützung durch Gorter verlassen konnte, war nur eine kleine, dem Tod geweihte Gruppe in den Niederlanden.

Diese Zeit war wenig günstig für die Entwicklung des Linkskommunismus in den Reihen der Arbeiter. Nach der Niederlage der großen Streiks der Bergarbeiter in Großbritannien 1926, dann der chinesischen Arbeiterklasse 1927, war die revolutionäre Welle von Kämpfen der Zeit nach dem 1. Weltkrieg niedergeschlagen. Die Politik der Komintern war eine bewusste Politik der Niederlage, die sich dadurch widerspiegelte, dass alle revolutionären Be­strebungen der Arbeiter in allen Ländern ausgelöscht wurden. Die Bildung des englisch-russischen Komitees (2) während des britischen Bergarbeiterstreiks, das Bündnis der Komintern mit Kuo-Ming-Tang und Tschang-Kai-Tschek (3) waren alles Schritte in die Niederlage des Weltproletariats, die direkt zum Triumph Hitlers im Jahre 1933 führten. Die Verabschiedung des „Sozialismus in ei­nem Lande“ im Jahre 1927 durch die Komintern bedeu­tete ihr Todesurteil. Es gab keine Internationale der Ar­beiterklasse mehr. Der Stalinismus hatte mit seiner Politik der Verteidigung der UdSSR gesiegt. Die stalinistische Politik in Deutschland war das Gnadenbrot für die inter­nationale Arbeiterklasse. Nach der Niederschlagung des deutschen Proletariats durch die Nazis, die von der Politik der Komintern und der KPD begünstigt worden war, wurde die Strasse zur Revolution für Jahrzehnte versperrt. Die Konterrevolution siegte weltweit und der Weg zum 2. Weltkrieg war offen.

Mit dem brutalen Ausbruch der Krise von 1929 war diese Periode jedoch eine deutliche Bestätigung der Theorie der Todeskrise des Kapitalismus, die von der deutsch-hollän­dischen kommunistischen Strömung vertreten wurde. Die objektiven Bedingungen der proletarischen Revolution waren gegeben, die solange erwartete und seit langem an­gekündigte Krise war da. Aber die subjektiven Bedingun­gen der Revolution waren nicht gegeben. Dieser Wider­spruch zwischen objektiven und subjektiven Bedingungen der Revolution wurde von den Gruppen außer Acht gelas­sen, die die Tradition der deutsch-holländischen kommu­nistischen Linken fortsetzten.

1) DER BRUCH MIT DER KAPD

Aus diesen sowohl politischen wie auch umständehalber bedingten Gründen entfernte sich die GIK von 1927 an von der KAPD, bis sie schließlich mit ihr brach.

a) DIE ENTWICKLUNG DER KAPD NACH 1923

Das politische revolutionäre Milieu links von der KPD war nach 1923 noch einigermaßen groß. Es umfasste un­gefähr 20.000 Mitglieder (4), die sowohl in den Unionen als auch in der KAPD und ihren verschiedenen Spaltun­gen organisiert waren. Die KAPD, der ungefähr 2.000 Mitglieder angehörten, blieb einigermaßen stabil. Sie war eine der wenigen revolutionären Gruppen gewesen, die sich 1923 der nationalistischen, ja gar antisemitischen Po­litik der KPD entgegengestellt hatte. Sie wandte sich hef­tig gegen die „Arbeiterregierungen“, die sie als eine ar­beiterfeindliche Regierung darstellte (1). Dann hatte sie auch die Bildung von proletarischen „Hundertschaften“ der KPD verurteilt, die, solange es noch keine Arbeiter­räte gab, ein putschistisches Verhalten darstellten.

Während der Zeit der „relativen Stabilisierung“ des Kapi­talismus nach 1923 (d.h. von 1924-28) betrieb die KAPD eine propagandistische Aktivität. Sie war davon überzeugt, während eine erste revolutionäre Welle in Deutschland gescheitert war, würde eine zweite infolge der Auswirkun­gen der unvermeidbaren Weltwirtschaftskrise das Land erschüttern. Dabei gab es jedoch einige grobe „Vereinfachungen“. „Proletarier“, das theoretische Organ der KAPD, schrieb im Jan. 1926: „Während 1924 das Jahr der Stabilisierung, 1925 das Jahr des Zusammenbruchs war, wird 1926 das Jahr der Kämpfe“ (3).

Das Jahr 1926 wurde zu einem Jahr intensiver Aktivitäten der KAPD in Richtung der Linken der KPD, die sich ge­gen die Bolschewisierung stellte. Die KAPD betrachtete die KPD keineswegs als eine „bürgerliche“, sondern als eine „zentristische“ Partei, aus der infolge der Krise,  in der die Komintern steckte,  revolutionäre Elemente her­vorgehen könnten. Wie die KAPD meinte, ging es nicht darum, eine Opposition innerhalb der KAPD zu bilden, sondern eine politische Bilanz zu ziehen, um einen revo­lutionären Weg einzuschlagen.

"Genau wie Don Quichote de Cervantes... bekämpft (die Opposition) die Auswirkungen, obwohl man da die Ursa­chen hätte aufzeigen müssen, die eine grundlegende Bedeu­tung für die Struktur und das Handlungsfeld der revolutio­nären Arbeiterbewegung haben... Anstatt offen der Partei den Fehdehandschuh hinzuwerfen, indem eine positive Kri­tik geäußert wird, tritt diese Linke für die Legalisierung ihrer Opposition ein... Die Linke in der KPD muss sich bald ent­scheiden, ob sie hinter dem Rad der Geschichte herlaufen will, indem sie meckert und Radau macht, oder ob sie der Einheitsfront des Kapitalismus von Moskau bis Washington den Kampf des revolutionären Proletariats entgegenstellen will“ (4 bis).

Da sie einen „Zusammenschluss der Unzufriedenen“, die ohne Prinzipien waren, nicht befürwortete, wartete die KPD den Austritt der Opposition aus der KAPD ab, die ausgeschlossen wurden, um danach eine Klärungsarbeit einzuleiten. Vom Monat 1926 an war eine Reihe von Gruppen, die oft politisch sehr heterogen waren, ausge­schlossen worden, nachdem sie sich zuvor innerhalb der KPD gebildet hatten:

- die Gruppe um Schwarz und Korsch, „Entschiedene Linke“, die ungefähr 7.000 Mitglieder umfasste,

- die Gruppe um Iwan Katz, der mit der Gruppe um Pf­empfert eine Organisation von 6.000 Mitgliedern anführte, die der AAUE nahe standen und die Zeitung „Spartakus“ veröffentlichten. Dies wurde später das Organ des Sparta­kusbund 2;

- die Gruppe um Fischer-Maslow, die ca. 6.000 Mitglieder umfasste,

- die Gruppe um Urbahns, die ca. 5.000 Mitglieder um­fasste, der zukünftige Leninbund.

Die Opposition von Wedding, die 1927-28 ausgeschlossen wurde, sollte später mit einem Teil des Leninbunds, der von Urbahn gegründet worden war, die deutsche trotzki­stische Opposition bilden.

Nur mit der Gruppe um Schwarz, der damals noch Abge­ordneter war, und nachdem der Bruch mit Korsch vollzo­gen worden war, der „Kommunistische Politik“, heraus­brachte, wurde eine Arbeitsgemeinschaft zwischen der „Entschiedenen Linke“ und der KAPD eingerichtet. Die KAPD beabsichtigte nicht, mit Koch zusammenzuarbei­ten, der eine gewerkschaftliche und parlamentarische Po­litik betrieb. Für die KAPD war die von Korsch vorge­schlagene Losung eines „neuen Zimmerwaldes“ eine „inhaltslose Phrase“ (6). Andererseits weil „Kommunistische Politik“ unfähig war, eine politische Bi­lanz der Komintern für die Zeit zwischen 1921-25 zu zie­hen, die sie damals unterstützt hatte, konnte „Kommunistische Politik“ keine wirklich kritische Haltung einnehmen:

„Wer die Taktik der 3. Internationale von 1921 bis 1925 als richtig einschätzt, kann die von 1926 nicht als falsch bewer­ten, denn 1926 war die Taktik der 3. Internationale nur die konsequente Fortsetzung der gesamten (politischen) Linie... Die 3. Internationale ist auf einem sumpfigen Boden ent­standen, dem des Reformismus, zu einer Zeit, als der Kapi­talismus von einer Katastrophe in die andere versank, und als die Revolution auf die Tagesordnung trat. Sie hat ihr Haus auf Sand gebaut“(KAZ, Nr. 77, 1926).

Das Problem lag ganz anders bei der Gruppe um Katz, der sich mit der AAUE und einer kleinen unabhängigen Gewerkschaft zusammengeschlossen hatte (2), und einen ganz bunten Haufen darstellte. Die Hauptfrage war die Annahme einer zentralisierten revolutionären Organisa­tion. Weil die Gruppe um Katz als „eine besondere Art des Anarchismus“ angesehen wurde, verwarf die KAPD jede gemeinsame Arbeit mit ihr, solange die Frage der Partei nicht gelöst worden wäre.

"Der Kampf für die revolutionäre Taktik ist kein Kampf ge­gen die revolutionäre Partei, sondern im Gegensatz ein Kampf für die revolutionäre Partei als ein Führer der Klasse... Ihr steht vor der Frage: mit oder gegen die KAPD“(KAZ, Nr. 69, Aug. 1926: „Der Weg der KPD-Oppo­sition“)

Nur die „Entschiedene Linke“ um Schwarz reagierte ge­genüber der KAPD, auch wenn sie dies zögernd tat. Eine intensive Kampagne wurde gemeinsam geführt, um den Waffenlieferungsskandal der russischen Regierung an die Reichswehr (4) zu entblößen. Die KAPD stützte sich auf die Rede von Schwarz im Parlament, um sowohl den Freundschaftsvertrag zwischen Russland und Deutschland als auch den russischen Imperialismus bloßzustellen. Von Okt. und Nov. 1926 begann man eine immer engere Zu­sammenarbeit zwischen den beiden Organisationen. Die „Entschiedene Linke“, das Organ der Gruppe um Schwarz, wurde in der Druckerei selber der KAPD herge­stellt. Bei allen Prinzipienfragen (Gewerkschaften, Parla­mentarismus, russischer Staatskapitalismus, Anerkennung der Notwendigkeit der Partei), meinte die „Entschiedene Linke“, dass sie sich im Dez. 1926 auf dem gleichen Boden befand wie die KAPD. Schließlich wurde auf einer Sitzung des Zentralkomitees der „Entschiedene Linke“ vom 4.-6. Juni 1927 einstimmig der Zusammenschluss mit der KAPD vor dem Herbst des Jahres 1927 beschlossen. Gleichzeitig sollten die Mitglieder der „Entschiedene Linke“ jede Art von Gewerkschaften verlassen und sich der AAUE anschließen. Aber der Bazillus des „antiparlamentarischen Parlamentarismus“ war innerhalb der „Entschiedenen Linke“ noch vorhanden. Es wurde eine schwergewichtige Ausnahme gemacht bei der Able­gung aller parlamentarischen Mandate: Schwarz sollte nämlich sein Reichstagsmandat behalten. Offiziell gab man dazu an, dass seine Reichstagsdiäten zur Finanzierung der Propaganda der „Entschiedenen Linke“ dienen sollten. Dies stellte eine inkonsequente Haltung dar, während jede Beteiligung an den Wahlen endgültig verworfen wurde (5). Dies führte zu lebhaften Protesten innerhalb der „Entschiedenen Linken“: die Minderheit der Führung, die sich auf die Mehrheit der Ortsgruppe Berlin stützte, for­derte die sofortige Niederlegung des Mandates durch Schwarz. Auf  diesem wenig günstigen Hintergrund fand schließlich die Fusion zwischen der KAPD und der „Entschiedenen Linke“ statt. Nachdem man die Zeitung „Entschiedene Linke“ eingestellt hatte, traten ca. 2.000 - 3.000 Mitglieder der KAPD bei, die über weniger Mitglie­der verfügte. Dies verlief jedoch nicht ohne, dass dadurch eine schwere innere Krise ausgelöst wurde.

Die KAPD hatte im „Falle Schwarz“ ein gewisses zwei­deutiges Verhalten gezeigt. Aus ihrer Sicht war die Nie­derlegung des parlamentarischen Mandates von Schwarz „keine Prinzipienfrage“, sondern eine „Geschmacksfrage“, wie es halt jemandem passte. Man meinte, die Partei könnte die Reichstagsdiäten von Schwarz durchaus nut­zen.

 „Die Partei kann, ohne in Widerspruch zu ihrer antiparla­mentarischen Einstellung zu kommen, die Frage der Man­datsniederlegung vom Standpunkt der Zweckmäßigkeit stel­len und lösen. Sie hat unter der gegebenen Situation zu prü­fen, ob für die Bewegung eine demonstrative Niederlegung oder eine finanzielle Ausnutzung des Mandats nützlicher wäre“ („Eine Frage, die keine sein dürfte“, Zur Information, Nov. 1927, Internes Bulletin der KAPD, herausgegeben vom GHA).

Deshalb betrachtete die KAPD Schwarz als einen aktiven Sympathisanten, der die Partei privat mit seinen Geldern mitfinanzierte.

Dieses Bestehen auf den „Möglichkeiten“ schien auch als eine Konzession an den Opportunismus. Umso mehr, weil die politischen Gegner der KAPD meinten, die Partei gebe ihre antiparlamentarischen Positionen auf (2). Auch entwickelte sich vom Juli 1927 an eine starke Opposition innerhalb der KAPD, die die Politik der „kleinen Vorteile“ verwarf,  welche sich hinter der „Neutralität“ versteckte, die von der Führung der Partei in der „Angelegenheit Schwarz“ praktiziert wurde. Daraus folgte eine Spaltung innerhalb der Partei - obgleich die KAPD keineswegs den Boden des Antiparlamentarismus aufgab. Die Opposition versuchte nicht in der Partei zu bleiben, um einen politi­schen Kampf zu führen. Sie verhielt sich sehr verantwor­tungslos, als ob sie die KAPD sabotieren wollte. Sie rief zu einem Boykott der Parteimitgliedsbeitragszahlungen auf und verhinderte die Verteilung der Zeitung KAZ (3). Schließlich spaltete sich die Berliner Opposition ab - die fast die Hälfte der Mitglieder umfasste -, aber ohne die Unterstützung der Bezirke aus Weißenfels, Leipzig, Hamburg und Rheinland, die den Kampf innerhalb der KAPD fortsetzen wollten. Sie veröffentlichte ihre eigene Zeitung: „Kommunistischer Arbeiter“, und zog einen Teil der AAU auf ihre Seite, die die Klassenfront veröffent­lichte. Diese Lage dauerte von Okt. 1927 bis April 1928. Erst nach einer Reihe von Diskussionen war die Opposi­tion davon überzeugt worden, dass sie sich wieder der KAPD anschließen sollte. Und viele Diskussionen waren erforderlich, um sie überzeugen, dass die Spaltung nicht gerechtfertigt war, weil es dahinter keine Prinzipienfrage gab, sondern da die Partei den Antiparlamentarismus nicht aufgegeben hatte.

Sicher hatte die KAPD den „Fall Schwarz“ gelöst. Dieser hatte sich von der KAPD und dem politischen Leben ins­gesamt entfernt. Er hatte sein abgelaufenes Mandat auf­gegeben. Er musste zugeben, dass er - berauscht durch seine neue Zuhörerschaft - gegenüber der Kritik abge­stumpft worden und dem Opportunismus verfallen war. Aber vor allem die Haltung der Opposition hatte nicht nur eine mangelnde marxistische Bildung gerade bei den Mit­gliedern an den Tag gebracht, die „sich rein gefühlsmäßig und von ihrem Enthusiasmus her hatten leiten lassen“, sondern es hatte auch gezeigt, dass es noch Überreste „antiautoritärer Ideologie“ gab, die gefährlich war für die Existenz selber der KAPD:

 „Die Spaltungen und Bildungen von verschiedenen Richtun­gen und ihre Zersetzung sind der genügende Beweis dafür, dass auch unsere Partei in ihrer großen Mehrheit aus Mit­gliedern bestand, die sich nicht von klarer Erkenntnis, son­dern von Gefühl und Begeisterung leiten ließen... Die Primi­tivität und der Mangel an marxistischer Erkenntnis mündete bei diesen Elementen immer in einer „antiautoritären“ Anti­bonzenstimmung, die letzten Endes zur Organisations­verneinung führte und führen muss, aus.“(Einige Lehren, Bulletin des GHA, Nov. 1927).

b) DIE GIK, PANNEKOEK UND DIE KAPD

Die Krise der KAPD war tiefer greifend und sie brachte auch sehr starke organisationsfeindliche Tendenzen in der linkskommunistischen Bewegung hervor. Sie war der Aus­gangspunkt einer Krise zwischen der AAU und der KAPD einerseits, und den Anhängern einer „beweglichen Politik“ andererseits, die die Unionen zu einer Organisation der Wirtschaftskämpfe umwandeln wollte, und eine Politik der Partei verwarf und eine Klassenpolitik befürwortete. An­dererseits wollte die KAPD ihre Aktivitäten als politische Organisation aufrechterhalten und sie gar verstärken, in­dem sie in der AAU die Führung behielt. Diese „starre“ Politik stand im Gegensatz zu der „beweglichen“ Taktik, die die KAPD von ihren Prinzipien abbringen würde und den Begriff der politischen Organisation abschwächen würde.

Die Krise der KAPD deckte die Entwicklung der GIK hin zu „rätekommunistischen“ Positionen auf. Und dies verlief nicht ohne Schwankungen und Widersprüche innerhalb der GIK.

Die GIK beteiligte sich von Anfang an bei den Auseinan­dersetzungen und der Krise in der KAPD. Sie stellte sich entschlossen auf die Seite der Opposition. Canne-Meijer, der die Gruppe bei der Spaltung des Zentralkomitees der KAPD auf der Sitzung vom 29. und 30. Oktober 1927  vertrat (5), warnte zurecht vor der „Gefahr einer vollstän­digen Vernichtung der KAPD“ durch den Opportunismus. Dieser sei bis „ins Zentrum der Partei“ vorgedrungen. Auch sei - der GIK zufolge- die Möglichkeit einer Beteili­gung der KAP an den Wahlen jetzt entstanden. Der Ruf der KAPD stand auf dem Spiel, und er konnte nicht für die Abgeordnetengelder Schwarz' von  600 Mark monat­lich eingehandelt werden. Sie meinten dass der Beitrags­boykott seitens der Opposition - bis zu einem gewissen Grade - berechtigt sei. Sie riefen zur Vereinigung der Partei auf und warnten die Opposition davor, „nicht den schwerwiegenden Fehler zu begehen, die Partei in Stücke zu zerreißen“. Aber die holländische Gruppe fasste die in­nere Krise der KAPD als ein Ergebnis der Politik der Führer auf, die von der Leitung der KAPD praktiziert werde.

Diese Kritik der „Führerpolitik“ brachte die GIK schnell dazu, die politische Funktion der Partei, welche von der KAPD vertreten wurde, infrage zu stellen. In einem Brief vom Febr. 1928 (1), der an die KAPD gerichtet war, warf Canne-Meijer dieser vor, von „einer Klassenpolitik“ zu ei­ner „Parteipolitik“ übergegangen zu sein. Er kritisierte nicht nur den Opportunismus der Politik der „kleinen Vorteile“, sondern die Tatsache, dass die Partei „ihre Akti­vität fast ausschließlich auf Streitigkeiten mit der KPD und ihren verschiedenen Ablegern“ richtete. Der politi­sche Kampf würde schließlich zu einer Spaltung der Partei führen: zwischen denjenigen, die „wissen“, und denjenigen, „die die politische Linie von Unten her ausführen“. Auch „sei der Mittelpunkt der Aktivität der Partei jetzt in die Betriebe hineinzuverlagern“. Aber ebenso auch in der AAU, wo „ Fabrikorganisationen“ errichtet werden müss­ten. Wie die Antwort der KAPD auf diesen Brief zeigte (2), bedeutete dies eine Verkennung der Wirklichkeit, in der die Kämpfe der Partei „unvermeidbar“ und „notwendig“ sind. Auch würde dies bedeuten, die Waffe der Kritik „fallen zu lassen“, um „die Hürden bei der Ent­wicklung der revolutionären Ideologie beiseite zu schieben“. Damit würde vor allem die politische Gleichgültigkeit der Arbeiter verstärkt werden, indem sie sich vom politischen Kampf zurückziehen würden. Schließlich stellte die Schaffung von Fabrikorganisationen nur einen reinen „Schlachtruf“ dar, denn solche Organisationen könnten nur aus dem Kampf selber hervorgehen, „von den Arbei­tern selber geschaffen werden“. Mit Nachdruck verwarf die KAPD diese „politikfeindliche Auffassung“, die die GIK als einen Teil der Unionsbewegung zum Ausdruck gebracht hatte. Dahinter stand die Infragestellung der Funktion der revolutionären Partei. In einem Text, der in „Der Proletarier“ zur gleichen Zeit veröffentlicht wurde (3) (K. Horner „Prinzip und Taktik“), warf Pannekoek die Fragen deutlicher auf. Seine Auffassung hatte nichts mit einer Ideologie der „Führerfeindlichkeit“ zu tun und unter­schied sich insofern von der GIK. Es ging darum, die Ak­tivitäten der KAPD in dem gegenwärtigen historischen Kurs neu auszurichten.

In „Prinzip und Taktik“ zeigte Pannekoek auf, dass die weltweite revolutionäre Welle in Europa beendet war. Die Niederlage war vor allem auf eine mangelnde Reife des Proletariats zurückzuführen.

"Der Niedergang der Revolution... Es zeigt sich sofort, wie wenig das Proletariat als Ganzes noch seiner historischen Aufgabe gewachsen war, und wie geschickt die Bourgeoisie diese Schwäche ausnutzte... Die Macht der Bourgeoisie be­steht wesentlich in der Ohnmacht des Proletariats, in seiner Unwissenheit und Furchtsamkeit, seinen Illusionen, seinem Mangel an Klassenbewusstsein, Zielklarheit und Entschlos­senheit“ (Proletarier, Prinzip und Taktik, K. Horner, Juli 1927, Heft 7,S. 141,142).

Im Unterschied zur KAPD und der AAU fasste Panne­koek - und das Gleiche traf auf die GIK vor 1929 zu - die neue Periode als eine Periode der wirtschaftlichen und politischen Stabilisierung auf; damit wäre die Möglichkeit einer „Todeskrise des Kapitalismus nicht mehr gegeben“. Zwei Jahre vor der Krise von 1929 meinte er, es würde keine Überproduktionskrise geben. Ihm zufolge verfüge der Kapitalismus noch über große Ausdehnungsmöglich­keiten: „Für den Kapitalismus ist es nicht absolut unmög­lich, seine Produktion zu erweitern, und damit eine extrem ungünstige Konjunktur zu überwinden“ Im Gegenteil, der wirtschaftliche Aufschwung sei wie im 19. Jahrhundert dank der Entdeckung neuer Märkte noch möglich. Asien stelle wiederum ein neues Akkumulationsfeld für das Ka­pital dar, und weil es „einen neuen selbständigen Platz in der kapitalistischen Produktion auf Weltebene einnehmen würde“. Das bedeutete, dass „der Kapitalismus noch weit davon entfernt ist, bevor er bis an seine letzte Grenze an­gelangt ist“. Pannekoek meinte, die Krise und die Revolu­tion würden erst in einer weit entfernten Zeit stattfinden:

"Das schwerste, eigentlich fast alles, liegt noch vor uns: wir stehen erst am Fuß des Berges. Noch ist nicht klar zu sehen, wie die künftige wirtschaftliche Entwicklung sein wird. Kommt es zu einer neuen Blüte, dann folgen darauf sicher umso gewaltigere Krisen. Und mit den Krisen kommt wie­der die Revolution. Die alte Revolution ist abgeschlossen: vor uns liegt die Vorbereitung der neuen“ (ebenda, S. 147).

Daraus zog er die Schlussfolgerung, dass die Funktion der KAPD und der AAU sich ändern müsste. Im Unterschied zur GIK verwarf Pannekoek noch nicht die politische Funktion der revolutionären Partei. Dies geschah erst langsam unter dem Einfluss der GIK Anfang der 30er Jahre. Pannekoek war 1927 noch seinen Positionen treu geblieben, die er 1920 in „Weltrevolution und kommunisti­sche Taktik“ zum Ausdruck gebracht hatte. Er erinnerte an die klassische Position der Kommunistischen Linken, dass „nicht die Partei die Revolution,  sondern die Klasse als ein„ (Proletarier, Aug. 1927) sie mache. Er erinnerte daran, dass die revolutionäre Partei als eine Vorhut des Proletariats notwendig sei, und dass sie  - nur auf die Ge­fahr hin der Verwerfung ihres Wesens - weder anstelle der Arbeiterklasse handeln, noch in ihr aufgehen dürfe. Er be­stand auf der unabdingbaren Rolle der Partei vor und während der Revolution, die hauptsächlich im politischen Bereich bestand:

"Alle Aktionen erfordern zuerst und fortwährend einen gei­stigen Kampf der Massen an Klarheit, einen Kampf, der als ein Ringen der Richtungen und Parteien miteinander geführt wird, und dieser Kampf muss die kommunistische Partei für die Arbeiter und vor den Arbeitern führen. So ist die Partei in jeder Etappe der Vorbereitung und des Kampfes ein wichtiges Organ, gleichsam die Seele der Revolution (ebenda, S. 179).

Damit wurde implizit die Position Canne-Meijers ver­worfen, der die „politikfeindliche Klassenpolitik“ der „Parteipolitik“ gegenüberstellte, womit man gegen die an­deren Parteien, die innerhalb des Proletariats wirkten, Stellung beziehen wollte.

Die Phase des Wohlstands, die von einem Zeitraum der Reaktion - wie nach 1848 in Deutschland - gekennzeichnet war, und zu einem „Abstieg, Verwirrung und Täu­schungsmanövern“ in der Arbeiterbewegung führte, brachte unvermeidbar Änderungen der Taktik in der re­volutionären Bewegung mit sich. In einem Zeitraum der Depression der Arbeiterbewegung, wo die Massenaktio­nen nicht mehr auf der Tagesordnung stehen, sollte die KAPD eine kleine Partei bleiben, denn so wäre sie besser in der Lage, sich gegen das Umfeld zur Wehr zu setzen. Es käme darauf an, dass sie ihre „Qualität“ und die Gültig­keit ihrer „Prinzipien“ verteidigt und nicht ihr Aktivitäts­feld leichtfertig erweitert. Pannekoek warnte die KAPD vor einer Überschätzung der Erfolge: ihm zufolge müsste man die „bewegliche Taktik“ verwerfen, die nur die Zah­lenschwäche der Partei ausgleichen sollte. Der Preis für die Überwindung der Isolierung sei für die KAPD mit dem Risiko des Opportunismus verbunden. Deshalb riet Pannekoek zu mehr Propaganda, weniger reißerischer Agitation, weniger Verbalaktivismus in der Presse der KAPD. Die Warnungen Pannekoeks waren noch deutli­cher für die AAU, in der die Versuchung einer „beweglichen Taktik“ noch größer war. Die AAU solle aufpassen, dass sie sich nicht in eine Gewerkschaftsorgani­sation umwandele. „Man würde dann einer Zentrale ge­genüberstehen - und nichts anderem“. Ihre Rolle bestünde nicht darin, die Kämpfe zu führen, sondern sie durch Klarheit zu unterstützen. Das bedeutete mit verdeckten Worten, dass die Existenz der Union in diesem Zeitraum der Reaktion überflüssig geworden war: „Die AAU ist ähnlich wie die KAP wesentlich eine Organisation für die Revolution. In einer anderen Zeit, in einer Periode des Nie­dergangs der Revolution, würde wohl nicht daran gedacht werden, eine solche Organisation zu gründen“ (ebenda, S. 184).

Die Kritiken Pannekoeks gründeten sich zum Teil auf die Kritiken am Opportunismus. Sie unterstrichen implizit die Gefahr einer Doppelorganisation. Entweder sollte die KAP die Union auflösen, die nur ein glorreicher Überrest der Revolution war, oder die Union sollte sich in der Partei auflösen, und damit zu einer politisch-ökonomi­schen Zwitterorganisation werden. Auf keinen Fall gäbe es jedoch eine Existenzberechtigung für beide Organisa­tionen, die die gleichen Prinzipienpositionen haben.

Die Schwäche des Textes von  Pannekoek „Prinzip und Taktik“ lag in einem gewissen „Fatalismus“, der von der KAPD kritisiert wurde.

Damit neigte K. Horner - Pseudonym A. Pannekoeks - dazu, die Revolution zu schnell zu begraben. Er verstand nicht, wie es die KAPD (1) unterstrich, dass die Krisen im Gegensatz zum letzten Jahrhundert keine zyklischen Kri­sen waren. Der Vergleich mit der Situation nach 1848 musste verworfen werden. Im Zeitraum „der Todeskrisen des Kapitalismus“ verhindern die kurzen Zeiträume „relativer Stabilisierung“ keinesfalls den Ausbruch von Klassenbewegung in der Gestalt von wilden Streiks, in denen die Partei aktiv intervenieren muss. Die Vorberei­tung der KAPD auf diese neuen Kämpfe, die aus der un­mittelbar bevorstehenden Krise hervorgehen würden, wa­ren vollkommen gerechtfertigt. „Der Kapitalismus in sei­ner monopolitischen Phase gleicht einem Pulverfass“. Zwei Jahre später widerlegte die große Krise von 1929 die op­timistischen Prognosen Pannekoeks über die neue „Blütephase des Kapitalismus“ und bestätigte die Positio­nen der KAPD. In der Wirtschaftskrise wurde die „bewegliche Taktik“ bestätigt, und die Union siegte somit über die Partei, wonach die KAPD zerfiel. Die GIK, der sich Pannekoek anschloss, nachdem er mittlerweile seine Meinung geändert hatte, bezog Stellung für die AAU, zu der sie sich innerhalb der internationalen Umgruppierung der Rätekommunisten zugehörig fühlte.

2. DIE GIK UND DIE INTERNATIONALE UMGRUPPIERUNG DER RÄTEKOMMUNI­STEN (1929-1932)

a) DIE GIK UND DIE DEUTSCHE RÄTEKOMMUNI­STISCHE BEWEGUNG

DIE ENTSTEHUNG DER KAU (KOMMUNISTISCHE ARBEITER UNION)

Die 9. Nationale Konferenz der AAU beschloss 1929, je­den Kontakt mit der KAPD abzubrechen. Damit wollte man die Führung durch die KAPD beenden. Es war sehr aufschlussreich, dass die Konferenz beschloss, Adam Schar­rer, den Hauptführer der KAPD, auszuschließen, weil er „spalterische Aktivitäten“ verfolgte. Das bedeutete, dass ein Mitglied der KAPD nicht mehr Mitglied der AAU sein konnte. Damit trat eine Spaltung ein, die die deutsche revolutionäre Bewegung, aber auch die internationale Be­wegung schwächte, denn in mehreren Ländern waren Gruppen der Doppelorganisation KAP - AAU miteinan­der verbunden.

Nach dieser Spaltung kann man von dem Entstehen der Rätekommunisten auf internationaler Ebene sprechen. Die revolutionäre Bewegung, die den Geist der Partei und den einzig wirklichen Pol der Umgruppierung der kom­munistischen Strömung der internationalistischen Linke dargestellt hatte, nämlich die KAPD, rückte in den Hin­tergrund. Ihre wenigen Hundert Mitglieder blieben in ei­ner Organisation, die vom Rest des revolutionären politi­schen Milieus abgeschnitten war, welche durch die anti­autoritäre „bonzenfeindliche Ideologie“ geprägt war.

Die Entwicklung der AAU vollzog sich auf sehr verwirrte und widersprüchliche Weise. Einerseits praktizierte die Union eine Taktik, die immer „beweglicher“ wurde, und die soweit ging, dass sie zum ersten Mal einen Streik - ge­nau wie eine Gewerkschaftsorganisation - anführte. 1929 stand die Union von Cuxhaven an der Spitze eines See­leutestreiks. Die KAPD sah darin den Sieg einer „Politik der Kuppelei“, die im „Handel mit den Kapitalisten an ei­nem grünen Tisch bestand, in Erwartung, dass das Proleta­riat stark genug würde, um zum endgültigen Sturmlauf an­zutreten“ (1). Andererseits wollte die AAU eine politische Avantgarde im Klassenkampf bleiben. Diskussionen mit dem Überbleibsel der AAU-E wurden zu dieser Frage geführt. Eine Vereinigungskonferenz sollte im Dezember 1931 in Berlin stattfinden. Alle „ausländischen“ rätekom­munistischen Gruppen sollten sich an der schriftlichen Klärung beteiligen. Die GIK und Pannekoek an erster Stelle. Neben der Gruppe um Mattick, der noch bei den IWW - US - Chicago mitarbeitete, war die GIK eine der wenigen Gruppen, die ernsthafte Beitrage zur inneren Debatte hinsichtlich des Programms der internationalen rätekommunistischen Bewegung lieferte. Der theoretische Hauptbeitrag der GIK war die gemeinsame Ausarbeitung der Arbeit Appels „Die Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung“. Diese  wurden in Berlin 1931 von der AAU veröffentlicht. Dies war die erste Erstellung eines Textes, an dem die GIK in den 30er Jahren noch weiter arbeitete. Auch die Texte über die Funktion der re­volutionären Organisation sollten eine Kritik am Pro­gramm der AAU darstellen.

Zu Recht verwarf die GIK den Anspruch, der in dem Pro­grammprojekt der AAU formuliert worden war, eine „Massenorganisation“ zu werden. Die AAU konnte weder eine Gewerkschaft noch eine Partei sein. Sie müsste als eine „Gesamtheit, als ein revolutionärer Fabrikkern“ ange­sehen werden, dessen Hauptaufgabe die Propaganda für eine „Vereinigung von freien und gleichen Produzenten“ (2) sein sollte. Auf keinen Fall sollten die „Fabrikkerne“ als Konkurrenten für die Gewerkschaften auftreten, in­dem sie Forderungen stellten. Ihre Aufgabe bestand darin, beim Ausbruch von wilden Streiks zur Bildung einer ein­heitlichen Klassenfront beizutragen, die nicht berufsbezo­gen sei, sondern „unabhängig von jeder Partei oder Ge­werkschaft“. Nur im massiven Kampf könnten die „Betriebsorganisationen“ entstehen, die eine wirkliche Klassenorganisation darstellen. Diese „Betriebsorganisationen“ und nicht die „Fabrikkerne“ wa­ren die einzigen Organe, die zur „Führung des Kampfes“ fähig waren. Im Allgemeinen verschwanden sie wieder mit dem Abebben des Kampfes. Keinesfalls würden sie zu ständig bestehenden Organisationen werden können. Nur wenn die Revolution in greifbare Nähe rückt, würden sie ständig bestehen können. Nach dem Kampf aber blieben nur „Fabrikkerne“ übrig, die ein Ort der Propaganda für die Organisation der Klasse, dessen Keim sie sind, dar­stellen. Sie waren der aktivste und bewussteste Teil davon. Damit blieb die Union immer ein kleiner Kern.

Wenn der Klassenkampf „frei und unabhängig vom Ein­fluss einer Partei“ bleiben sollte, dann führte dies logi­scherweise zur Verwerfung jeder politischen Organisation - auch einer Partei - zugunsten einer syndikalistisch-revo­lutionären Organisationsform wie der IWW. Aber die GIK meinte, dies träfe keineswegs zu. So verwarf die GIK energisch den Vorschlag von Mattick, dass die AAU in Europa ein Teil der IWW werden sollte. Sie verwarf dies, weil die IWW jede politische Aktion ablehnte. Die GIK stellte sich nicht nur gegen die Existenz einer politischen Organisation, sondern auch gegen die Massenparteien, welche die Klasse „anführen“, denn dies stellte ein Fest­klammeren an Ideen der vergangenen Periode dar. Es ist aufschlussreich, dass Pannekoek seine Position zur Frage der Partei innerhalb kurzer Zeit geändert hatte. Ihm zu­folge müsste die Partei als Vorhut, die zur Führung der Klasse drängt, durch „Fabrikkerne“ ersetzt werden, die die Rolle von Meinungsorganisationen spielen sollten. Aus diesem Blickwinkel könnte man sie Partei nennen. Sie wa­ren nur als ein Ausdruck des „geistigen Kampfes“ inner­halb der Bewegung notwendig. Diese Theorie erschien- wie die KAPD es hervorhob - als eine Verwerfung der Partei.

Dies war der Anfang eines Prozesses, der die GIK und Pannekoek zur Verwerfung einer Partei, selbst einer re­volutionären Partei, führen sollte. Tatsächlich vollzog die GIK eine radikale Trennung zwischen den beiden Hauptfunktionen einer revolutionären Partei - dem theo­retischen Kampf (Klärung) und der Intervention im Klas­senkampf. Die AAU war eine Interventionsorganisation, und die Parteien, „Zirkel des Nachdenkens, des Überlegens“, die gleichzeitig bestanden. Als eine Einheitsklas­senorganisation sollte die AAU die Bildung von politi­schen Fraktionen in ihren Reihen (4) verbieten, und es ih­ren Mitgliedern ermöglichen, sich außerhalb in Parteien zu organisieren (5). Dies war zumindest die Meinung ei­ner Mehrheit der GIK, die die Existenz einer „Doppelorganisation“ als notwendig erachtete, wobei sie gleichzeitig die Auffassung der AAU-E, welche jede Par­tei verwarf, ablehnte. Aber die beiden Organisationen sollten streng getrennt werden, und keinesfalls sollte die AAU politisch von einer Partei beherrscht werden. Dies war die Meinung des Restes der AAU.

Auf dieser Grundlage fand die Vereinigung der AAU und der AAU-E während der Vereinigungskonferenz vom 24. - 27. Dez. 1931 in Berlin statt. Die neue Organisation - die KAU (Kommunistische Arbeiter Union) fasste die 343 Mitglieder der AAU und die 57 Mitglieder der AAU-E (6) zusammen. Sie begriff sich wie die KAPD als eine Avantgarde, als eine Elite.

Es handelte sich aber um eine Partei, die sich nicht als solche beim Namen nennen wollte. Ihre Gründung spie­gelte keine Einheit, sondern einen Spaltungsprozess inner­halb der deutschen revolutionären Bewegung wider.

b) DIE INTERNATIONALE UMGRUPPIERUNG DER RÄTEKOMMUNISTEN

Nach der Konferenz vom Dez. 1936 bildete die GIK eine Föderation von sehr locker miteinander verbundenen na­tionalen Gruppen, deren theoretische Führungsrolle sie übernommen hatten. Sie gaben die Veröffentlichung ihres „Pressematerials“ (PIK) zugunsten einer Unionszeitschrift auf:  „INO“ - Pressekorrespondenz. Diese wurde vom in­ternationalen Informationsbüro der KAU mit Sitz in Frankfurt (1) veröffentlicht, dessen Aufgabe darin be­stand, die rätekommunistischen Gruppen der ganzen Welt zu informieren und zusammenzubringen.

All diesen Gruppen war eine Besonderheit zu Eigen, dass sie sich von der KAPD losgelöst hatten, deren Auffassung von der Partei sie nicht teilten, um sich um die deutsche KAU und die holländische GIK zusammen zu scharen:

- Die KAPD Dänemarks, die seit Mitte der 20er Jahre be­stand, hatte sich in die Gruppe Internationaler Kommuni­sten (2) 1930 umgewandelt. Sie hatte zunächst die Zeitung „Gegen den Strom“ (Mod Stromen) herausgegeben und dann vom Okt. 1931 an die Monatszeitschrift „Marxistische Arbeiterpolitik“ (Marxistisk Arbejder Poli­tik). Die Gruppe bestand aus 12 Mitgliedern (3) und hatte Kontakt zu Oppositionellen der dänischen KP. Ihre Ori­entierung war deutlich rätekommunistisch, da sie jede Partei verwarfen. Ihre Aufrufe zum „Generalstreik und zur direkten Aktion“ brachten Ähnlichkeiten mit der anar­chistischen Strömung zutage, die sehr weit entfernt waren von den Rätekommunisten.

- Die Linkskommunisten Ungarns, (M.B.K.S.Z.) lebten unter sehr schwierigen Bedingungen. Als illegale Gruppe wehrten sie sich gegen die Verfolgungen der Polizei, der faschistischen Gruppen und der Organisationen der KP und SP (4). Ihre Propagandaarbeit erreichte nur kleine Teile der KP und der SP. Innerhalb der rätekommunisti­schen Bewegung war es die MBKSZ, die am meisten auf einer dringenden Umgruppierung der bestehenden Kräfte auf internationaler Ebene bestand.

- Die Gruppe der Unionsanhänger aus Chicago hatte sich innerhalb der IWW um P. Mattick zusammengeschlossen. Es handelte sich hauptsächlich um deutsche Auswanderer im linkskommunistischen amerikanischen Milieu. Mattick hatte versucht, eine Fraktion der KAP innerhalb der IWW zu bilden. Eine andere kommunistische Rätefraktion hatte sich innerhalb der kleinen Partei „Proletarian Party of America“, die die 3. amerikanische Kommunistische Par­tei war, welche 1919 gegründet worden war. Aus dieser „Partei“ ging Anfang der 30er Jahre  die United Workers' Party hervor, die „Council Correspondence“ (Rätekorrespondenz) veröffentlichen sollte. Mattick, der Redakteur der Chicagoer Arbeiter-Zeitung war, beteiligte sich aktiv an der Bewegung der Arbeitslosen. Die Gruppe um Mattick verwarf keineswegs die Notwendigkeit einer revolutionären Partei. Sie bestand als einzige auf der Ein­heit zwischen KAP und KAU (3).

- In Frankreich waren die Gruppen „Kommunistischer Arbeiter“ und „Spartacus“, die zum einen aus italienischen und deutschen Arbeitern zusammengesetzt waren, Ende des Jahres 1931 zerfallen (1). Ihr Verschwinden führte gleichzeitig und für längere Zeit auch zur Auflösung der Rätekommunisten in Frankreich. Damit war die Unmög­lichkeit der Bindungen zwischen der deutsch-holländi­schen und italienischen Kommunistischen Linke deutlich geworden.

Abgesehen von diesen Gruppen kann man kaum von ei­nem wirklichen Einfluss der Rätekommunisten sprechen. Die Spaltung zwischen der KAPD und der AAU hatte bewirkt, dass bestimmte nationale Gruppen sich ausschließlich an die KAPD banden. Während die KAP sich in Österreich auf eine kleine aktive Gruppe in Wien stüt­zen konnte, war sie vor allem in der Tschechoslowakei bei den deutschsprachigen Arbeitern bekannt. In dem indu­striellen Teil Nordböhmens hatte sich eine starke Opposi­tion innerhalb der tschechischen KP entwickelt. Ende 1928, Anfang 1929 wurde eine Gruppe gegründet, die den Kampf der KAPD gegen den Opportunismus der Komin­tern seit dem 3. Kongress unterstützte. In dem Industrie­gebiet um Gablonz  veröffentlichte die tschechische Pro­paganda-Gruppe der KAP den „Kampfruf“, der sich an die Unionsbewegung Böhmens richtete. Später veröffentlich­ten sie die Zeitung „Spartakus“ von 1929-1931. Sie übten eine starken Einfluss in der Arbeitslosenbewegung aus. Ihre gewerkschaftsfeindliche Propaganda stieß um so mehr auf Gehör, da die tschechischen Arbeiter gezwungen wa­ren, den Gewerkschaften beizutreten, um ihr Arbeitslo­sengeld zu beziehen. Im Jan. 1932 waren 5 Delegierte der KAP von den Aktionskomitees und den Arbeitslosenver­sammlungen für eine Regionalkonferenz der Arbeitslosen gewählt worden (4). Da sie den Angriffen der Polizei aus­gesetzt war, arbeitete die KAP seit 1931 praktisch illegal. Sich der Notwendigkeit einer geheimen Arbeit in Anbe­tracht des Ansteigens des Einflusses der Nazis im Sude­tenteil wie auch im Rest der Tschechoslowakei bewusst, schlossen sie sich der deutschen Gruppe  Rote Kämpfer  um Schwab und Schröder an. Diese Gruppe war 1932 in den Untergrund gegangen, um die „Kader“ für den illega­len Kampf vorzubereiten.

Die Zersplitterung all dieser Gruppen, deren Gesamtheit auch keine politische Homogenität darstellte, ermöglichte jedoch keine wirkliche internationale Umgruppierung. Der Vorschlag der ungarischen Linkskommunisten aus dem Jahre 1932, dringend eine internationale Konferenz der rätekommunistischen Gruppen abzuhalten, der von der KAP unterstützt wurde, konnte jedoch nicht verwirk­licht werden. Die Diktatur der Nazis verhinderte dieses Projekt. Damit fiel 1935 der GIK die Aufgabe zu, dieses Projekt umzusetzen. Es blieb der einzige Versuch der Rätekommunisten sich zusammenzuschließen.

c) DER VERSUCH DER UMGRUPPIERUNG DER RÄ­TEKOMMUNISTEN IN DEN NIEDERLANDEN (1932-33)

Die Umgruppierung der Rätekommunisten in Deutsch­land hatte eine dynamisierende Wirkung in den Nieder­landen. Verschiedenen Gruppen fingen an, mit der GIK bei den Interventionen die Tragweite der ganzen Periode herauszuarbeiten. Aber es war weniger das Ansteigen des Gewichtes der Nazis, als vielmehr die Opposition gegen­über der Politik der Komintern, die als Katalysator für diese Umgruppierung wirkte. Die Komintern hatte be­schlossen, einen „Antikriegskongress“ im Sept. 1932 in Amsterdam abzuhalten. Offiziell war die Idee zu diesem pazifistischen Kongress von Schriftstellern wie Barbusse, Romain Rolland, Gorki und Dos Passos aufgeworfen worden. Dieser Kongress stellte einen Wendepunkt der Komintern dar. Ihr kam es darauf an, eine pazifistische und antifaschistische Ideologie zur „Verteidigung der So­wjetunion“ innerhalb der Arbeiterbewegung zu errichten. Mit dem an die „Demokraten“ gerichteten Appell kündigte dies die Politik der „Volksfronten“ an.

Die Rätekommunisten Deutschlands, Frankreichs, der Niederlande, Ungarns und Dänemarks (1) verteilten auf diesem Kongress und in den Fabriken ihrer jeweiligen Länder einen „Aufruf an das internationale Proletariat“ (2). Unter dem Motto „Arbeiter erinnert Euch!“ entblößte der Aufruf die Außenpolitik, die der russische Staat und die Komintern seit 1920 betrieben hatten, die nämlich eine „Politik des militärischen Bündnisses mit den imperialisti­schen Staaten“ war, und „nichts mehr mit dem revolutio­nären Kampf des russischen Proletariats von 1917“ zu tun hatte. Die Internationalistischen Rätekommunisten unter­schieden mehrere Etappen bei der Aufgabe des Interna­tionalismus durch die Komintern:

- 1920: der russisch-polnische Krieg, bei dem es nicht um die „Weltrevolution“, sondern um die Unterstützung Russlands ging, das mit dem neuen deutschen Imperialis­mus verbunden war,

- 1922: die Erklärung Bukarins auf dem 4. Kongress der Komintern zugunsten einer nationalen Verteidigung und eines Militärbündnisses mit den bürgerlichen Staaten,

- 1923: Ausarbeitung der Theorie des „ausgebeuteten deutschen Vaterlandes“ und Lieferung von Granaten an den russischen Staat durch die Reichswehr, Theorie der „nationalen Befreiung“, gegen den Versailler Vertrag, der zu einem Bündnis mit den Faschisten in Deutschland ge­führt hatte,

- 1927: während des Konfliktes zwischen Polen und Li­tauen hatte die Komintern die litauischen Arbeiter dazu aufgerufen, die „Unabhängigkeit ihres Vaterlandes zu verteidigen“ (4).

Der gegen die Politik der 3. Internationale gerichtete Auf­ruf verwarf auch die Politik Trotzkis. Dieser verbreitete die Illusion, dass „das rote Lager noch ein Faktor der Weltrevolution“ sei. Aber auf keinen Fall würde Russland dem „durch den Faschismus bedrohten Proletariat zu Hilfe eilen“. Die Arbeiter sollten weder für den Krieg, noch für die Verteidigung der UdSSR kämpfen, sondern für die proletarische Revolution gegen ihre eigene Bour­geoisie durch die revolutionären Massenaktionen und die Sabotage der Kriegsproduktion. Der Weg zur Weltrevolu­tion mit der Errichtung von Arbeiterräten war das einzige Mittel zur Verhinderung des Weltkrieges.

Dieser gemeinsame Appell der internationalistischen Rä­tekommunisten war einer der wenigen Aufrufe, der gleichzeitig in mehreren Ländern verteilt wurde. Er stellte im gleichen Jahr einen der wenigen Versuche der Um­gruppierung der rätekommunistischen Strömung inner­halb der Niederlande dar. Der Aufruf war von der GIK und der LAO unterzeichnet worden, dem sich andere holländische Gruppen angeschlossen hatten.

Am 12. und 13. Nov. 1932 fand in Den Haag eine gemein­same Konferenz (die erste und letzte) der Rätekommuni­sten der Niederlande statt. Mehrere Gruppen nahmen daran teil, um über den Klassenkampf und die Interven­tion in den Wirtschaftskämpfen zu sprechen:

- die Reste der KAPN; diese waren zutiefst über die Be­teiligung an den Lohnkämpfen gespalten. Die Mehrheit um Korper und Frits Kief ging davon aus, dass die Wirt­schaftskämpfe die Arbeiter von einer Niederlage in die andere trieben. Die Minderheit in Den Haag (6) bestand auch wie die GIK darauf, dass „jeder Lohnkampf aufgrund der kapitalistischen Krise den Keim einer revolutionären Bewegung in sich trägt“ (1). Sie löste sich Anfang 1933 von der sterbenden KAPN, um ihr eigenes Organ „De Raden­communist“ zu veröffentlichen. Dies war das Sprachrohr der Rätekommunisten aus Den Haag.

- die Linksche Arbeiders Oppositie (LAO) „Linke Arbei­teropposition“ hatte im Juli 1932 die Zeitung „Spartacus“ (2) veröffentlicht. Sie war in Rotterdam und Leiden aktiv. Mit einer sehr „ouvrieristischen“ Einstellung verteidigte die LAO implizit die Theorie der „Minderheitengewalt“. Ihr kam es darauf an, „Klassenkonflikte hervorzurufen“. Diese rätistische Organisation wurde durch die Persön­lichkeit Eduard Sirachs geprägt. 1919 war er einer der Führer des Aufstands gewesen, der auf dem Kreuzer „Regentes“ und „Zeven Provincien“ ausgebrochen war. Deswegen war er zu einer schweren Zuchthausstrafe ver­urteilt worden. Nachdem er sich nachher in Rotterdam ohne eine feste Arbeit niedergelassen hatte, war er der KP - für die er als Kandidat bei den Wahlen aufgetreten war - und der NAS beigetreten. In Leiden hatte die LAO enge Beziehungen zu Van der Lubbe aufgenommen, der sich an deren Aktivitäten beteiligte. Offensichtlich durch die Theorie der Minderheitengewalt verführt, steckte dieser Monate später den Reichstag in Brand. Die Frage von „exemplarischen Handlungen“ rief eine lebhafte Debatte in der rätekommunistischen Bewegung hervor.

Andere Gruppen oder Unorganisierte waren anwesend. Neben der Gruppe Rätekommunisten aus Utrecht gab es eine anarchistische Organisation: der „Bond van Anarchi­sten-Socialisten“ (BAS). Diese Zersplitterung war typisch für eine Bewegung, die gegenüber jeder Idee der Zentrali­sierung allergisch und damit vollkommen lokalistisch war. Auch war das Vorhandensein einer anarchistischen Gruppe wie die BAS in ihren Reihen sehr typisch. Es be­wies, dass die Abgrenzung zwischen Rätekommunisten und Anarchisten nicht deutlich gezogen wurde. Die klare Abgrenzung, die die GIK hergestellt hatte, war bei ihnen nicht vorhanden.

Trotzdem hatte diese Konferenz kurzfristig, aber nicht langfristig positive Resultate. Sie ermöglichte es, Aus­wahlkriterien in der rätekommunistischen Bewegung auf­zustellen: die Beteiligung an den Wirtschaftskämpfen war das Hauptkriterium. Aufgrund dieses Kriteriums löste sich die Mehrheit der KAPN von dieser Bewegung, um 1933 schließlich ihre eigene Zeitung herauszubringen: De Ar­beidersraad (Der Arbeiterrat). Obgleich sie Anhänger der Notwendigkeit einer Partei waren, entwickelte sich diese Gruppe allmählich hin zu einer Gruppe mit trotzkistischen und gar antifaschistischen Positionen (7). Das zweite po­sitive Ergebnis dieser Konferenz war die Veröffentlichung von Texten in verschiedenen Zeitungen, die aus der ge­samten Bewegung hervorgingen, sowie die gemeinsame Veröffentlichung von Broschüren (3). Schließlich schien die Wahl einer gemeinsamen Kommission der Gruppen ein ernsthaftes Interesse an einer zukünftigen Umgruppie­rung anzudeuten.

Dieser einzige Versuch der Umgruppierung der Gruppen mit rätekommunistischer Orientierung sollte aber bald scheitern. Nachdem sich der konterrevolutionäre Kurs nach der Machtübernahme Hitlers 1933 durchgesetzt hatte, verschärften sich die zentrifugalen Tendenzen in­nerhalb der holländischen Bewegung wie übrigens auch in der gesamten internationalen rätistischen Bewegung.

3. DIE MACHTÜBERNAHME DURCH HIT­LER UND IHRE FOLGEN

a) DIE GIK UND DIE LAGE IN DEUTSCHLAND

Weil sie sich fast ausschließlich mit der Unionsbewegung in Deutschland befasste, kümmerte die GIK sich kaum um den Aufstieg der Nazis, der ein unleugbares Zeichen der vorwärts schreitenden Konterrevolution war.  Fragen der Organisation der Unionen, der Wirtschaftskrise, und noch  mehr in die Theorie versinkend, die des Bauerntums und der Übergangsperiode waren für sie wichtiger (siehe wei­ter unten). Diese Schwäche gegenüber einem so dringen­den politischen Problem wie dem Aufstieg der Konterre­volution ist das Ergebnis einer mangelnden wirklichen Einschätzung der historischen Periode. Aus der Weltkrise - meinten sie - würden notwendigerweise Klassenbewe­gungen wie wilde Streiks hervorgehen, die direkt zur Re­volution führen würden.

Als linkskommunistische Strömung war es die Auffassung der GIK, dass die Bewegung der Nazis ein Ausdruck der „Offensive des Monopolkapitals gegen das Proletariat“ war, und dessen soziale Grundlagen das durch die Krise proletarisierte Kleinbürgertum war. Um gegen die Nazis zu kämpfen, bestand die einzige proletarische Taktik in der Verschärfung des massiven Klassenkampfes in der Form von massiven, gewerkschaftsfeindlichen spontanen Bewegungen. Jeder Versuch einer antifaschistischen Alli­anz mit den Linksparteien führte zum Verrat der proleta­rischen Prinzipien. Um gegen die Nazis zu kämpfen, konnte das deutsche Proletariat nur auf seine eigenen Kräfte bauen, insbesondere auf das Wiedererstarken des internationalen Klassenkampfes in den Hauptzentren des Kapitalismus. Die GIK wie auch die deutschen revolutio­nären Gruppen wie KAU, KAPD, die Gruppe der Räte­kommunisten in den USA und in anderen Ländern traten unnachgiebig für die Ablehnung einer gemeinsamen anti­faschistischen Front ein (1). Sie hatten nicht vergessen, dass die Sozialdemokratie und die deutsche KPD bei der Niederschlagung des Proletariats mitgewirkt hatten. Die SPD physisch 1919 und die KPD ideologisch von 1923 an, als sie mit der Bewegung der Nazis auf nationalistischer Ebene mitzuhalten versuchte. Ende des Jahres 1932 un­terstrich die KAPD, dass „Hitler das Erbe Noskes über­nommen hat, die Partei Hitlers das Erbe der Sozialdemo­kratie“ (2). Was die KAPD betrifft, habe sie die Demago­gie zu einem Prinzip erkoren, und sie sei vom Meister der Demagogie selber, von Hitler, übertroffen worden" (ebenda). Das vernichtende Ergebnis dieser Politik der ideologischen Ablenkung war, dass „ein großer Teil der Anhänger der KPD zu Hitler überlief" (ebenda).

Erst gegen Ende des Jahres 1932 fing die GIK an, die Per­spektiven der Arbeiterbewegung, die aus dem Ansteigen der faschistischen Welle abzuleiten waren, zu untersu­chen. Die Nazi-Bewegung entsprach dem Bestreben des Großkapitals, „die absolute Diktatur der besitzenden Klassen zu errichten, indem sie sich auf die Mittelschich­ten stützt". Diese Analyse der GIK war sehr oberflächlich und brachte einen Mangel an politischer Vertiefung zum Vorschein, der erst im Nachhinein, nämlich nach der Machtübernahme durch Hitler überwunden wurde. Hin­sichtlich der Perspektive blieben die Holländer optimi­stisch. Während sie hervorhoben, dass der Faschismus auf Wirtschaftsebene „keinen Ausweg anzubieten“ habe, glaubten sie, dass er zum „gewalttätigsten Klassenkampf“ führen würde.

Die Machtübernahme durch Hitler trieb schließlich die GIK dazu, eine deutlichere politische Stellungnahme zu beziehen. Es ist aufschlussreich, dass Pannekoek sich äußerte, um die Politik der Rätekommunisten zu orientie­ren. Er versuchte die Ursachen und Konsequenzen der Niederlage des Proletariats in Deutschland zu analysieren, sowie die unmittelbaren und langfristigen Perspektiven für die Arbeiter und die Revolutionäre der ganzen Welt.

- DIE NIEDERLAGE DES DEUTSCHEN PROLETARI­ATS

Wie die italienischen Linkskommunisten es 1933 getan hatten, zeigte Pannekoek deutlich auf, dass der Endsieg Hitlers der Abschluss der sozialdemokratischen Konterre­volution war, die im November 1918 mit der Übernahme der Macht durch Ebert und Scheidemann begonnen hatte. Wie eine Bewegung in der Astronomie habe die Konter­revolution einen Scheidepunkt erreicht. Hitler sei nicht an die Macht gekommen, um den Ausbruch der Revolution zu verhindern - eine These, die damals von den Stalinisten vertreten wurde (4) - sondern um die Konterrevolution abzuschließen, die 14 Jahre zuvor von der deutschen Sozi­aldemokratie begonnen worden war: „Man kann auf kei­nen Fall die Kreisbewegung (Revolution) in Deutschland als konterrevolutionär bezeichnen, denn dies setzt voraus, dass es vorher eine Revolution gegeben habe. Die wirkliche Kon­terrevolution fing im Nov. 1918 in Berlin an, als Ebert und Scheidemann die Regierungsgeschäfte übernahmen“ („De Omwenteling in Duitsland“, - Die Umwälzung in Deutsch­land,  PIC, Nr. 9, April 1933).

Die Errichtung einer „Gesellschaft der Gewalt“, die Erset­zung des Parlamentarismus durch eine diktatorische Re­gierung, die „Abschaffung der bürgerlichen Freiheiten für bestimmte Gruppen und der elementarsten Menschen­rechte“, die KZs, in die viele Mitglieder der SPD und KPD gesteckt wurden, die Verfolgung der Juden, all das waren Tatsachen, die bewiesen, dass die Konterrevolution ihre Arbeit abgeschlossen hatte.

Die Weltwirtschaftskrise ermöglichte es dem Großkapital, seine Konterrevolution zu vollenden. Um „seinen Angriff gegen das Proletariat durchzuführen“, fand das deutsche Kapital willige Kräfte in der Nazi-Bewegung, deren Füh­rer dem studentischen Kleinbürgertum angehörten und auch aus den Reihen der Offiziere der Armee kamen. Wirtschaftlich entsprachen die Nazis dem Versuch des deutschen Kapitals, eine „gewisse Autarkie“ herzustellen.

Der andere Grund für die Niederlage des deutschen Pro­letariats lag vor allem auf ideologischer Ebene: seine Kämpfe waren auf die Ebene der Wahlen, der Sozialde­mokratie abgelenkt und damit in Sackgassen gelenkt wor­den. Dies war eine der schlimmsten Niederlagen. Ein kampfloser Zusammenbruch der Kraft des Proletariats. „Eine Niederlage als solche ist nicht so schwerwiegend. Die Arbeiterklasse wird noch oft Niederlagen hinnehmen müs­sen, wenn sie den Kampf mit einer unzureichenden Stärke gegen ein stärkeres Kapital führt; aber solche Niederlagen werden das Sprungbrett für zukünftige Siege sein. Aber hier handelt es sich um einen Zusammenbruch, nicht um einen Kampf, weil die Arbeiter Sozialdemokraten gewählt hatten, anstatt zu lernen, auf revolutionäre Weise zu kämpfen“.

Die politische Schlussfolgerung Pannekoeks war deutlich. Von Ebert zu Hitler verlief die „sozialdemokratische Ka­tastrophe“. Die Sozialdemokratie konnte nicht mehr als der Arbeiterbewegung zugehörig betrachtet werden. Aber genau wie die GIK zögerte Pannekoek, die Sozialdemo­kratie als einen politischen Teil der Bourgeoisie zu be­trachten. Dieses Zögern ist sicherlich eine Erklärung für die spätere Unterscheidung zwischen „alter“ und „neuer“ Arbeiterbewegung: „Die Sozialdemokratie ist ein alter ab­gestorbener Ast des Baums der Arbeiterbewegung, und da­hinter wachsen bislang wenig erkennbar und auch noch von ihr erdrückt, neue Sprossen heran“(ebenda).

Aber auch die KPD trug eine große Verantwortung bei der Niederlage des deutschen Proletariats. Es ist kenn­zeichnend, dass Pannekoek fast die ganze Betonung auf die Übernahme der parlamentarischen und gewerkschaftlichen Taktik und die Unterwerfung unter den russischen Staatskapitalismus bei der Erklärung der Ursache des Scheiterns der KPD 1933 legte. Pannekoek stellte den „Fanatismus der KPD“ an den Pranger, aber er ließ damit die entscheidende Bedeutung außer Acht, die die Theorie des „Sozialfaschismus“ und der „deutschen nationalen Be­freiung“ Ende der 20er Jahre gehabt hatten, die zu einer gemeinsamen Front mit den Nazis in den Streiks geführt hatte. Ohne die wirklichen Ursachen der Niederlage zu vertiefen, stellte er fest, dass die Kommunisten, die in die KZs gesteckt worden waren, zu  Opfern einer falschen Po­litik der KPD geworden waren, die nur zu einer Machtlosig­keit der deutschen Arbeiterklasse geführt hat. (ebenda).

- DIE AUTONOMIE DES PROLETARIATS

Das Mittel zur Überwindung der Niederlage lag keines­falls in einem Wirtschaftsboykott Deutschlands, so wie es die holländischen Anarchosyndikalisten vorschlugen (1). Mit dieser Losung hätten die Arbeiter die Niederlage nur verstärkt, weil der Nationalismus dadurch einen Auftrieb erhalten hätte. Ein neuer 4. Aug. 1914 und ein neuer Krieg würden die notwendige Folge sein, ungeachtet der Tatsache, dass dies „alles unter dem Deckmantel holder humanitärer Ziele“ präsentiert wurde. „All das kann nur zu einem Ergebnis führen. In Deutschland wird der Nationa­lismus gestärkt und der Kampf für die kommunistische Auf­klärung geschwächt. Daraus kann nur ein zweites 1914 her­vorgehen, sobald die Arbeiter in den kriegsführenden Län­dern sich den Kriegs- und imperialistischen Zielen ihrer ei­genen Bourgeoisie unterwerfen und diese jeweils unterstüt­zen“ (ebenda).

Der einzige Weg der Arbeiterklasse, um gegen die Nazis anzukämpfen, bestand darin, dass das deutsche und inter­nationale Proletariat auf seinem eigenen Klassenboden kämpft: „Der Kampf gegen den Nationalsozialismus ist der Kampf gegen das deutsche Großkapital. Nur die deutsche Arbeiterklasse kann diesen Kampf führen. Hitler kann nur durch die deutschen Arbeiter besiegt werden... Können da­mit die Arbeiter der anderen Länder Westeuropas und auch Amerikas nichts anderes tun, um ihren Klassenbrüdern in Deutschland zu helfen, die vor so einer schweren Heraus­forderung stehen und unterdrückt sind? Sicherlich doch. An erster Stelle, indem sie einen klaren und energischen Kampf gegen ihre eigene Bourgeoisie führen. Jedes Beispiel eines energischen Arbeiterkampfes in einem Land wird eine anre­gende und aufklärende Wirkung auf die Arbeiter in den an­deren Ländern haben“ (ebenda).

- DIE PERSPEKTIVEN DER ARBEITERBEWEGUNG

Pannekoek und die GIK schätzten die Zukunft der revo­lutionären Bewegung in Deutschland mit einem gewissen Optimismus ein. Sie gingen davon aus, dass die „geistige Kraft“ der alten Arbeiterbewegung „ausgelöscht“ worden war, unterschätzten aber damit ihr ideologisches Gewicht, auch wenn diese nur im Untergrund agieren könnte. Sie meinten, „neue junge Kräfte“ würden auftauchen und in der Literatur der KAU, der KAPD, „Der rote Kämpfer“ die Quelle ihrer Aufklärung und geistigen Erhellung fin­den. Aber diese Hoffnung sollte schnell enttäuscht wer­den. Ohne dies weiter auszuarbeiten, meinte Pannekoek, dass der Kommunismus „auf vollständig neuen Grundlagen aufgebaut werden müsse“. Dies bedeutete, dass es keine Kontinuität in der Geschichte der Arbeiterbewegung mit­tels der linken Fraktionen mehr geben würde. Alles müsste irgendwie wieder bei Null anfangen. Diese Methode, die sich gänzlich von der der Italienischen Kommunistischen Linken der damaligen Zeit unterschied (1), war ein Vor­läufer der Theorie, die für den Rätekommunismus der „neuen Arbeiterbewegung“ (siehe Kapitel 6) fatale Aus­wirkungen haben sollte.

b) DER HOLLÄNDISCHE RÄTEKOMMUNISMUS UND VAN DER LUBBE

Mehr noch als die Übernahme der Macht durch Hitler zog die Debatte über die Bedeutung des Reichstagsbran­des, und die Rolle Van der Lubbes innerhalb der Räte­kommunisten die Aufmerksamkeit auf sich. Die holländi­schen Rätekommunisten waren zutiefst über die Frage der „exemplarischen Handlungen“ gespalten und auch über die Aktionen individueller Gewalt gegen die Symbole der bürgerlichen Ordnung.

Marinus Van der Lubbe war ein junger Arbeiter aus Lei­den gewesen, der bis 1931 der holländischen KP angehört hatte. Da er zu einer antiparlamentarischen Auffassung gelangt war, war er aus der KPN ausgetreten. Als ein sehr aktives Mitglied in der Bewegung der Arbeitslosen und bei all den Arbeiterstreiks, die in den verschiedenen Städten ausgebrochen waren, hatte sich Van der Lubbe der Sache der Arbeiter und der Revolution sehr aufopfe­rungsvoll gewidmet. Nach einem Arbeitsunfall, der lang­fristig zur Erblindung führen sollte, hatte er seine ganze Energie ausschließlich in die Aktivitäten der Bewegung gesteckt. Mit der L.A.O. Sirachs hatte er Kontakt aufge­nommen, an deren Propagandaarbeit er sich beteiligte. Die Kontakte mit der GIK in Leiden (2) waren haupt­sächlich persönlicher Art, denn niemals war Van der Lubbe Mitglied der GIK, obgleich er mit ihren Positionen sympathisierte.

Nach mehreren Reisen nach Deutschland und Europa entschloss sich Van der Lubbe im Februar 1933 nach Ber­lin zu fahren, kurze Zeit nachdem Hitler zum Kanzler nominiert worden war. Wahrscheinlich hatte er keinen politischen Kontakt mit den deutschen Rätekommunisten. Seine Entscheidung, den Reichstag anzuzünden, war viel­leicht eine persönliche Handlung (3), die auf dem naiven Glauben beruhte, dass diese „exemplarische Handlung das deutsche Proletariat wachrütteln und in Bewegung setzen würde“, weil er persönlich verzweifelt war, da er in kürze erblinden sollte. Aber diese persönliche Verzweiflung spiegelte vor allem eine wachsende politische Verzweif­lung in großen Reihen der Arbeiterklasse der damaligen Zeit wider.

Wir wissen, was nachher mit Van der Lubbe geschah. Nachdem er vor einem nationalsozialistischen „Gericht“ erscheinen musste, wurde er zum Tode verurteilt und am 10. Jan. 1934 erschossen. Er wurde damit ein der Opfer des Naziterrors, dieses bürgerlichen Terrors, der von Ebert bis hin zu Hitler so vielen Arbeitern das Leben ge­kostet hatte. Aber das schlimmste war, dass Van der Lubbe von den Stalinisten durch den Dreck gezogen wurde, die ihn beschuldigten, als Geheimagent der Nazis gehandelt zu haben. Die Stalinisten führten eine große Verleumdungskampagne gegen ihn durch (4). Seine Hen­ker waren die Nazis und die Stalinisten, die ebenfalls sei­nen Kopf forderten. Dimitrov, der übrigens freigespro­chen und zu einem der Hauptführer der stalinistischen Komintern wurde, äußerte sich während des Prozesses und verlangte die Verurteilung Van der Lubbes: „Ich for­dere deshalb, dass Van der Lubbe als jemand verurteilt wird, der gegen das Proletariat gehandelt hat“ (L'Humanité, 17. Dez. 1933).

In den Niederlanden entfaltete die KPN - deren aktives Mitglied Van der Lubbe gewesen war - ebenfalls eine Verleumdungskampagne. Sie verbreitete ebenfalls Lügen, die in dem Schwarzbuch veröffentlicht wurden, das der Münzenberg-Trust mit der Zustimmung der „Demokraten“, u. a. einem engl. Lord,  herausgab. Mün­zenberg war der große Finanzchef der Komintern. Um Van der Lubbe zu verteidigen, veröffentlichten die Räte­kommunisten einen Text, der die Anschuldigungen, die gegen Van der Lubbe erhoben worden waren, Punkt für Punkt widerlegte, wobei zahlreiche Zeugenaussagen mit eingebracht wurden. Ein Komitee Van der Lubbe wurde gebildet, dem ein ehemaliges Mitglied der früheren KAPN, Lopez-Cardozo, ein Mitglied der GIK, der Psychiater Lieuwe Hornstra und ein proletarischer Schriftsteller Maurits Dekker angehörten. Dieses Komitee war in mehreren Ländern, darunter Frankreich, aktiv ge­wesen (2). Es handelte sich um ein Bündnis aus Persön­lichkeiten und Gruppen, die sich wenig vom Anarchismus abhoben, denn diese arbeiteten auch am Komitee mit.

Die Bildung dieses Komitees konnte aber nicht verhin­dern, dass eine Debatte unter den holländischen Räte­kommunisten über die Bedeutung der „persönlichen Handlungen“ und den Terrorismus im Allgemeinen ent­stand. Auf der einen Seite standen diejenigen, die diese als „proletarische Aktionen“ einschätzten, und auf der ande­ren Seite diejenigen, die aus Prinzip jede terroristische Aktion verwarfen.

Die erste Tendenz, die von den deutschen Rätekommuni­sten (4) verworfen wurde, weil sie „nicht mit den Wölfen heulen wollten“, aber auch aufgrund einer politischen Verwirrung wollte einfach nicht hinter der Handlung eine „verzweifelte Aktion“ sehen, sondern eine proletarische Methode, die unter anderen Bedingungen das deutsche Proletariat hätte „wachrütteln“  und es in den Kampf zie­hen können (5). Die Reaktion von Gruppen wie L.A.O. und „Der Radencommunist“ war in dieser Hinsicht ty­pisch.

 „Spartacus“, das Organ der L.A.O., das Van der Lubbe als „einen unerschrockenen Kämpfer, der bereit war, sich für den Kommunismus zu opfern“ (6) lobte, hatte eine Zwi­schenposition, die eine widersprüchliche Haltung über die Bedeutung der individuellen terroristischen Aktionen war. Einerseits behauptete die LAO, „wir treten nicht für den individuellen Terror als ein Mittel des Kampfes der Arbei­terklasse ein. Andererseits meinte sie implizit, „das heißt nicht, dass wir unterschiedslos jede individuelle Aktion ver­werfen...“ (ebenda).

Schließlich ging LAO dazu über, die Position zu vertreten, dass eine individuelle terroristische Aktion die Arbeiter­massen zur Handlung treiben könnte. „Die Geste Van der Lubbes hätte das Signal für einen allgemeinen Arbeiterwi­derstand sein können, der über die Köpfe der Bonzen der Sozialistischen und Kommunistischen Partei hinweggegan­gen wäre“ (ebenda).

Die Position der Gruppe „Der Radencommunist“ war praktisch die gleiche. Sie leugnete, dass die Handlung Van der Lubbes praktisch eine Verzweiflungsaktion gewesen war, die eine tief greifende Orientierungslosigkeit inner­halb der Arbeiterklasse zum Ausdruck brachte: „Deshalb darf diese Handlung nicht als eine individuelle Handlung gesehen werden, sondern eher als ein Funke, der in dieser sehr gespannten Situation die Explosion herbeiführen konnte“ (7).

So leugneten die Gruppen das, was geschichtlich zu einer Tatsache geworden war: Eine terroristische Aktion, unab­hängig davon, ob sie von einer Einzelperson durchgeführt wurde oder nicht, konnte von der herrschenden Klasse dazu benutzt werden, um die Herrschaft über und die Unterdrückung der Arbeiterklasse zu verschlimmern. Ihre Position stand schließlich der der Sozialrevolutionäre von 1917 in Russland nahe.

Die zweite Tendenz verwarf deutlich den Einsatz von in­dividuellen Handlungen und terroristischen Methoden im Klassenkampf. Dies war die Haltung der Gruppe „De Ar­beidersraad“, die aus der KAPN und der GIK hervorge­gangen war. Aber die Gründe für diese Haltung waren ganz unterschiedliche. Aus der Sicht „De Arbeidersraad“ - er hatte während des Leipziger Prozesses behauptet, dass Van der Lubbe Mitglied der KAPN war - kam es mehr darauf an, die Person Van der Lubbes zu verwerfen, als eine klassische Position der marxistischen Bewegung zu verteidigen: „dass die Triebkraft der Arbeiterrevolution nie­mals der individuelle Terrorismus oder der Putschismus war, sondern die von der Krise des Kapitalismus selbst her­vorgebrachte Situation“ (1). Aber indem sie andererseits stark die Tatsache hervorhob, dass „niemand je zuvor von Van der Lubbe gehört hatte“, und gleichzeitig seine Hand­lung eine „konterrevolutionäre Wirkung haben könnte“, verweigerte sie offensichtlich jede grundlegende Solidari­tät gegenüber ihm als ein Opfer der Repression.

Diese unklare Haltung war eine Ankündigung für eine spätere politische Entwicklung, die einige ihrer Mitglieder zum Trotzkismus und schließlich zur kommunistischen Partei treiben ließ (2).

Die Haltung der GIK war viel eindeutiger. Während man einerseits Solidarität mit Van der Lubbe als dem Opfer der Nazis und des Stalinismus bekundete, unterstrich man, dass der junge holländische Arbeiter mit „Sicherheit den Tod durch eine solche Handlung gesucht hatte“, aber dass „niemand das Recht hat, ihm das vorzuwerfen“ (3). Nach­dem diese Solidarität deutlich zum Ausdruck gebracht worden war, erinnerte die GIK an die Position der Deut­schen Kommunistischen Linken in den 20er Jahren:

„Die Aufgabe einer wirklich revolutionären Gruppe kann nur darin bestehen, die Arbeiterklasse zu stärken, indem man eine klare Auffassung über die gesellschaftlichen Verhält­nisse, die Organisations- und taktischen Fragen vertritt. Un­sere Auffassung besteht nicht darin, die Massen in Bewe­gung zu setzen. Dies kann nur das Ergebnis der gesellschaft­lichen Verhältnisse selbst sein. Unsere Aufgabe besteht nur darin, der in Bewegung geratenen Masse den richtigen Weg zu zeigen“ (Flugblatt der GIK, in „Spartacus“ Nr. 19, 9. März 1933).

In einem Artikel der PIC (4) versuchte Pannekoek auf ei­ner grundsätzlicheren Ebene aufzuzeigen, dass jede per­sönliche Handlung, wie die Van der Lubbes nur das Klas­senbewusstsein trüben könnte. Persönliche Handlungen „hätten nur einen Sinn als ein Teil einer Massenbewegung“. „In diesem Rahmen kann der größte Wagemut in den mutig­sten persönlichen Handlungen zum Ausdruck kommen, während das klare Bewusstsein der Anderen diese Handlun­gen hin zum entsprechenden Ziel führt, um nicht die Früchte dieser Handlungen zu verlieren“ (ebenda). Losge­löst von der Massenaktion schwächt jede einzelne Hand­lung die Bourgeoisie überhaupt nicht, sondern verstärkt nur deren Position. Dies war im Reichstagsbrand der Fall:

"Die Bourgeoisie ist nicht im Geringsten durch den Reichs­tagsbrand erschüttert worden. Ihre Herrschaft wurde keines­falls geschwächt. Für die Regierung war dies im Gegenteil eine Gelegenheit, ihren Terror gegen die Arbeiterbewegung zu verschärfen“ (PIC, Nr. 7, März 1933).

Auf der ideologischen Ebene hatte solch eine Handlung überhaupt keinen Sinn; weder dem Wahlzirkus noch der bürgerlichen Demokratie zog sie den Boden unter den Füssen weg. Die demokratischen Illusionen mögen immer einen anderen Weg einschlagen, z.B. durch die Aufhebung des „Wahlrechts“, dann wird von der „demokratischen Bourgeoisie“ die Verschleierung der „Herstellung der wirklichen Demokratie vorgeschoben“. Geschichtlich ge­sehen haben einzelne terroristische Handlungen keine, den Klassenkampf mobilisierende Wirkungen. Einzelne terroristische Handlungen gehören als solche der Ge­schichte an, nämlich der bürgerlichen Romantik des 19. Jahrhunderts, als einige Führer meinten, „passive Massen durch eine Funkenwirkung der sozialen Explosion in Bewe­gung setzen zu können. Im Gegenteil, die proletarische Re­volution kann nicht mit der Explosion eines Pulverfasses verglichen werden“

Terroristische Aktionen trüben nur das Bewusstsein der Arbeiter, sie drängen die Arbeiter in die Passivität. Die Aktivität der Massen wird durch individuelle Aktionen er­setzt. Deswegen sind ihre Auswirkungen ausschließlich negativ:

"Selbst wenn solch eine Handlung tatsächlich die Bour­geoisie treffen und schwächen würde, bestünde die einzige Folge für die Arbeiterklasse darin, dass die Arbeiter die Auffassung entwickelten, nur solche einzelne persönliche Handlungen könnten sie befreien... Dies würde sie von der selbständigen Aktion als Klasse wegleiten“(ebenda). 

Deshalb musste die proletarische Bewegung alle terroristi­schen Handlungsformen verwerfen, die nichts anderes wa­ren als Überreste des Nihilismus aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. So zeigten die GIK und Pannekoek deutlich auf, dass die Zukunft der revolutionären Bewegung nur in der Massenaktion zu finden war. Diese Auffassung wurde von einigen Teilen der rätekommunistischen Bewegung in den Niederlanden nicht immer verstanden (1). Aber die GIK konnte die Periode der Konterrevolution nach 1933 mit einer klaren Orientierung einschätzen.

Nach Febr. 1933 übernahm die GIK praktisch die Füh­rung der internationalen rätekommunistischen Bewegung. Die deutschen Gruppen waren in den Untergrund ge­drängt worden und sie übertrugen der GIK die internatio­nale Zeitung „Proletarier“ in Amsterdam als einen Aus­druck der ganzen Bewegung herauszubringen. Allerdings erschien nur eine Nummer. Dem „Proletarier“ folgte von 1934 bis 1937 die theoretische Zeitschrift „Rätekorrespondenz“, auch wieder auf Deutsch.

In den 30er Jahren war sie eines der wenigen Organe - wie BILAN von der Italienischen Linke und INTERNATIO­NAL COUNCIL CORRESPONDENCE in den USA - ,die versuchten, eine Bilanz der langen Nacht der Konter­revolution zu ziehen, die über die gesamte Arbeiter- und revolutionäre Bewegung hereingebrochen war.