Die humanitäre und demokratische Scheinheiligkeit

Wenn man für jedes Zeitalter
der Menschheit eine charakteristische Unsitte nennen müsste, so wäre es beim
Kapitalismus bestimmt die Scheinheiligkeit der herrschenden Klasse. Der
berüchtigte mongolische Eroberer Tschingis Khan stapelte nach der Einnahme von
Widerstand leistenden Städten die Schädel ihrer Bewohner zu Pyramiden auf, aber
er gab nie vor, dass er dies zu ihrem Wohl tun würde. Es war der bürgerlichen
und kapitalistischen Demokratie vorbehalten zu verkünden, dass der Krieg
"humanitär" sei und dass man die Zivilbevölkerung bombardieren müsse,
um genau dieser Bevölkerung den Frieden und die Freiheit zu bringen.

Tsunami: Der Bluff der
humanitären Hilfe

Der Tsunami vom Dezember 2004
traf die Küsten des Indischen Ozeans im Zeitpunkt, als sich die letzte Ausgabe
der Internationalen Revue (frz./engl./span. Ausgabe) bereits beim Drucker
befand. Da wir somit keine Stellungnahme über dieses bedeutende Ereignis der
gegenwärtigen Weltlage1 in diese letzte Nummer einfügen konnten, gilt es dies
hier nachzuholen. Schon 1902 – vor etwas mehr als 100 Jahren – stellte die
Revolutionärin Rosa Luxemburg die Scheinheiligkeit der Grossmächte an den
Pranger, die ihre "humanitäre Hilfe" der vom Vulkanausbruch von
Martinique heimgesuchten Bevölkerung angedeihen liess, während sie umgekehrt
nie einen Augenblick zögerten, die gleichen Leute zu massakrieren, wenn es
darum ging, die Herrschaft auf die ganze Welt auszudehnen.2 Wenn wir heute die
Reaktion der Grossmächte angesichts der Katastrophe betrachten, die sich Ende
2004 in Südasien ereignet hat, so müssen wir feststellen, dass sich die Dinge
nicht zum Besseren verändert haben, im Gegenteil.

Heute wissen wir, dass die Zahl
der direkt durch den Tsunami verursachten Toten 300'000 übersteigt, wobei vor
allem diejenigen getroffen wurden, die ohnehin mittellos waren; hinzu kommen
Hunderttausende von Obdachlosen. Ein solches Ausmass der Katastrophe ist
keineswegs einfach "Schicksal". Man kann natürlich nicht den
Kapitalismus beschuldigen, dass er das Seebeben verursacht habe, das zur
gigantischen Flutwelle führte. Aber ihm sind die totale Nachlässigkeit und die
Unverantwortlichkeit der Regierungen dieser Region der Welt und ihrer
westlichen Doppelgänger anzulasten, die diese gewaltige menschliche Katastrophe
nach sich zogen.3

Alle wussten, dass dieser Teil
der Erde besonders erdbebengefährdet ist. "Die örtlichen Experten wussten
jedenfalls, dass ein Drama im Anzug war. Im Dezember hatten indonesische
Seismologen am Rande einer Physikertagung in Jakarta das Thema mit einem
französischen Experten erörtert. Sie waren sich voll der Gefahr von Tsunamis
bewusst, denn in diesem Teil der Erde kommt es ständig zu Beben"
(Libération, 31.12.04).

Nicht nur die Experten waren im
Bilde, sondern auch der ehemalige Direktor des Internationalen
Tsunami-Informationszentrums in Hawaii, George Pararas-Carayannis, teilte mit,
dass ein grösseres Beben zwei Tage vor der Katastrophe vom 26. Dezember
stattgefunden habe. "Der Indische Ozean verfügt über eine
Basisinfrastruktur, um Massnahmen gegen Beben zu treffen und
Kommunikationsmittel zur Verfügung zu stellen. Und niemand hätte überrascht
sein sollen, denn am 24. Dezember war ein Beben mit der Grössenordnung von 8,1
auf der Richterskala gemessen worden. Allein dadurch hätten schon die Behörden
gewarnt sein sollen. Aber es fehlt vor allem der politische Wille der
betroffenen Länder und eine internationale Abstimmung entsprechend den
Massnahmen, wie sie im Pazifik getroffen wurden" (Libération, 28.12.2004).

Niemand hätte überrascht sein
dürfen und trotzdem ist das Schlimmste eingetreten, obwohl genügend
Informationen über die sich abzeichnende Katastrophe verfügbar waren, um rechtzeitig
zu handeln und das Massaker zu verhindern.

Dies ist keine Nachlässigkeit,
sondern eine verbrecherische Haltung, die die tiefe Verachtung der herrschenden
Klasse für die Bevölkerung und die Arbeiterklasse offenbart, die die Hauptopfer
der bürgerlichen Politik der Regierungen vor Ort sind!

Dieses unverantwortliche
Handeln der Regierungen verdeutlicht erneut die Lebensform dieser Räuberklasse,
die das Leben und die Produktion in dieser Gesellschaft verwaltet. Wenn es
darum geht, die Ausbeutung und den kapitalistischen Profit aufrechtzuerhalten,
sind die bürgerlichen Staaten bereit, so viele Menschenleben, wie ihnen nötig
scheint, zu opfern.

Der abgrundtiefe Zynismus der
herrschenden Klasse und die Katastrophe, die die Weiterexistenz dieses tödlichen
Ausbeutungssystems für die Menschheit bedeutet, werden noch offensichtlicher,
wenn wir die Kosten eines Tsunami-Warnsystems vergleichen mit den gigantischen
Summen, die für Rüstungsgüter nur schon in den Anrainerstaaten des Indischen
Ozeans, in so genannten "Entwicklungsländern", ausgegeben werden: Der
Betrag von 20–30 Millionen Dollar, der nach Schätzungen nötig wäre, um ein
System der Erkennung und der Vorwarnung in der Region einzurichten, entspricht
gerade dem Preis von einem der 16 Flieger des Typs Hawk-309, die die
indonesische Regierung in den 1990er-Jahren in Grossbritannien bestellte. Wenn
wir die Militärbudgets von Indien (19 Milliarden Dollar), Indonesien (1,3
Milliarden Dollar) und Sri Lanka (540 Millionen Dollar – dies ist das kleinste
und ärmste der drei Länder) betrachten, so springt ins Auge, wie dieses
Wirtschaftssystem mit vollen Händen Geld ausgibt, um Tod zu säen, aber
umgekehrt äusserst knauserig tut, wenn es darum geht, das Leben der Bevölkerung
zu schützen.

Weitere Opfer sind angekündigt
worden nach einem neuen Seebeben in der Region, das diesmal die indonesische
Insel Nias getroffen hat. Die hohe Zahl der Toten und Verletzten ist auf das
beim Häuserbau verwendete Material zurückzuführen, Betonblöcke, die den
Erdstössen viel weniger widerstehen können als das Holz, das in der Region das
herkömmliche Baumaterial ist. Aber eben, der Beton ist billig und das Holz
teuer, und dies umso mehr, als dessen Export in die entwickelten Länder eine
wichtige Einnahmequelle der indonesischen Kapitalisten, Mafiosi und Militärs
ist. Diese neue Katastrophe mit der Rückkehr der westlichen Medien in die
Region, die uns all die guten Taten der NGOs vor Ort zeigen wollen, offenbart
auch, was die Folgen der grossen Solidaritätserklärungen waren, die die verschiedenen
Regierungen nach dem Seebeben vom Dezember 2004 abgaben.

Was zunächst die Geldspenden
betrifft, die die westlichen Regierungen versprachen, so ist das Missverhältnis
zwischen den Rüstungsausgaben und dem Geld, das für Rettungszwecke zur
Verfügung gestellt wird, noch schreiender als bei den Anrainerstaaten des
Indischen Ozeans: Die Vereinigten Staaten, die zuerst an eine Hilfe in der Höhe
von 35 Millionen Dollar dachten ("das, was wir im Irak jeden Morgen vor
dem Frühstück ausgeben", wie der amerikanische Senator Patrick Leahy
sagte), budgetieren Rüstungsausgaben für 2005/06 von 500 Milliarden Dollar,
wobei die Kriegskosten in Afghanistan und Irak noch nicht mit eingerechnet
sind. Und sogar hinsichtlich dieser erbärmlichen Hilfszusagen mussten wir darauf
hinweisen, dass die westliche Bourgeoisie den Mund mit Versprechen voll nimmt,
denen aber dann oft keine Taten folgen. "So hatte diese ‚internationale
Gemeinschaft‘ im Dezember 2003 den Erdbebenopfern im Iran 115 Millionen $
zugesagt; bislang hat Teheran aber ganze 17 Mio. $ erhalten. Das Gleiche konnte
man in Liberia beobachten: eine Milliarde Dollar wurden versprochen, weniger
als 70 Mio. $ sind bislang eingetroffen."4 Die Asian Development Bank gibt
heute bekannt, dass vom versprochenen Geld vier Milliarden Dollar immer noch
fehlen, und BBC meldet: "Der srilankische Aussenminister Lakshman
Kadigamar sagte, dass sein Land noch nichts von dem erhalten habe, was die
Regierungen versprochen hätten." In Banda Aceh gibt es nach wie vor kein
sauberes Wasser für die Bevölkerung (paradoxerweise sind die Flüchtlinge in
ihren Barackenlagern die einzigen, denen die bei weitem ungenügenden
Anstrengungen der NGOs zugute kommen). In Sri Lanka leben die Flüchtlinge aus
der Region um Trincolamee (um nur ein Beispiel zu nennen) immer noch in Zelten
und leiden an Durchfall und Windpocken; 65% der Fischerboote (von denen ein
Grossteil der Bevölkerung der Insel abhängig ist) wurde durch den Tsunami
zerstört, und sie sind immer noch nicht ersetzt worden.

Die Medien der Bourgeoisie
erklären uns natürlich des Langen und Breiten, wie schwierig eine solche gross
angelegte Hilfsaktion zu organisieren sei. Es ist sehr aufschlussreich, wenn
man diese "Schwierigkeiten", der bedürftigen Bevölkerung zu helfen
(was dem Kapital keinen Gewinn einbringt), vergleicht mit der eindrücklichen
Logistik der amerikanischen Armee bei der Operation Wüstensturm: Erinnern wir
uns daran, dass die Vorbereitung des Angriffs auf den Irak sechs Monate
gedauert hat. In diesem Zeitraum wurde gemäss einem Artikel des Army Magazine5
folgendes in Bewegung gesetzt: "Das 22. Support Command erhielt mehr als
12'447 Raupenfahrzeuge, 102'697 Radfahrzeuge, 3,7 Milliarden Liter Treibstoff
und 24 Tonnen Post in dieser kurzen Zeitspanne. Unter den Neuigkeiten im Vergleich
zu früheren Kriegen sah man diesmal den Einsatz von Schiffen zum schnellen
Verladen, den Transport mittels ultramoderner Container, ein effizientes System
mit vereinheitlichtem Treibstoff und eine automatisierte
Informationsverwaltung". Nun, immer wenn man uns über "logistische
Schwierigkeiten" bei humanitären Operationen erzählt, sollten wir uns
daran erinnern, welche Fähigkeiten der Kapitalismus zeigt, wenn es darum geht,
imperialistische Interessen zu verteidigen.

Doch abgesehen davon, waren
selbst die bescheidenen Geldbeträge und die elenden Dienste, die in die Region
geschickt wurden, nicht gratis: Die Bourgeoisie gibt kein Geld ohne
Gegenleistung aus. Wenn die westlichen Staaten ihre Hubschrauber,
Flugzeugträger und Amphibienfahrzeuge in den Indischen Ozean sandten, so
rechneten sie damit, an imperialistischem Einfluss in der Gegend zu gewinnen.
Wie Condoleezza Rice vor dem amerikanischen Senat anlässlich ihrer Einsetzung
als Staatssekretärin 6 unterstrich: "Ich bin einverstanden, wenn man sagt,
dass der Tsunami eine wunderbare Gelegenheit geboten hat, um das Mitleid nicht
nur der amerikanischen Regierung, sondern des amerikanischen Volkes zu zeigen,
und ich denke, dass uns dies viel gebracht hat."7 Ebenso war der Entscheid
der indischen Regierung, jede westliche Hilfe abzulehnen, voll und ganz durch
den Wunsch begründet, "im Verein mit den Grossen mitzuspielen" und
sich als regionale imperialistische Macht zu behaupten.

Die Demokratie zur
Vertuschung der Barbarei

Wenn wir uns darauf beschränken
würden, das obszöne Missverhältnis zwischen dem, was die Bourgeoisie zur
Verbreitung des Todes ausgibt, und den immer elender werdenden
Lebensbedingungen der überwältigenden Mehrheit der Weltbevölkerung
festzustellen, würden wir nicht weiter gehen als all die guten Seelen, die die
Demokratie verteidigen, als die NGOs jeder Couleur.

Aber auch die Grossmächte
selber sind eingefleischte Verteidiger der Demokratie, und ihre über das
Fernsehen verbreiteten Informationen bemühen sich, uns die Hoffnung zu
vermitteln, dass sich dank dem unaufhaltsamen Vormarsch der Demokratie doch
noch alles zum Guten wenden werde. Nach den Wahlen in Afghanistan durfte nun
auch die Bevölkerung im Irak zum ersten Mal wählen, und Bush junior konnte den
bewundernswerten Mut dieser Leute begrüssen, die einer wahrhaftigen
Todesdrohung trotzten, um an die Urnen zu gehen und dem Terrorismus eine Absage
zu erteilen. In der Ukraine folgte die "orangefarbene Revolution" dem
Vorbild Georgiens und beseitigte das korrupte, Russland ergebene Regime durch
den heldenhaften Juschtschenko. Im Libanon forderte die mobilisierte Jugend
eine Aufklärung der Ermordung des oppositionellen Rafik Hariri und den Abzug
der syrischen Truppen aus dem Land. In Palästina erteilten die Wahlen Mahmud
Abbas einen klaren Auftrag, dem Terrorismus Einhalt zu gebieten und einen
gerechten Frieden mit Israel abzuschliessen. Und in Kirgistan endlich fegte
eine "Tulpenrevolution" den alten Präsidenten Akayev weg. Wir stehen
also scheinbar vor einem wahrhaften Ausbruch der Demokratie, von "people
power", der nun endlich die "Neue Weltordnung" bringen soll, die
uns 1989 mit dem Einsturz der Berliner Mauer versprochen wurde.

Aber sobald wir etwas an der
Oberfläche kratzen, verschwindet der rosafarbene Anstrich.

So spitzten die Wahlen im Irak
nur den Machtkampf zwischen den verschiedenen Fraktionen der irakischen
Bourgeoisie zu. Mit mühsamen Verhandlungen zwischen Schiiten und Kurden über
die Machtaufteilung und den Grad an Autonomie, der dem kurdischen Teil des
Landes gewährt werden soll, geht dieser Kampf weiter. Sie haben zwar
einstweilen eine Vereinbarung über bestimmte Regierungsposten abschliessen
können, haben aber umgekehrt die delikate Frage um Kirkuk, eine reiche
Erdöl-Stadt im Norden des Iraks, auf die lange Bank schieben müssen; über diese
Angelegenheit streiten sich Sunniten und Kurden, und sie wird auch weiterhin zu
blutigen Zusammenstössen führen. Man kann sich auch fragen, wie weit die
kurdischen Führer die irakischen Wahlen überhaupt Ernst nahmen, da sie am
selben Tag eine "Umfrage" organisierten, nach der 95% der Kurden ein
unabhängiges Kurdistan wünschten. "Die Selbstbestimmung ist ein Naturrecht
unseres Volkes, und es hat ein Recht darauf, seine Wünsche zu äussern",
sagte der kurdische Führer Barzani, "wenn die Zeit reif ist, wird die
Selbstbestimmung Wirklichkeit".8 Die Lage der Kurden lässt für die
Stabilität der Region Schlimmes befürchten, denn jeder Versuch von ihrer Seite,
ihre Unabhängigkeit zu behaupten, wird von zwei angrenzenden Mächten mit
bedeutenden kurdischen Minderheiten als unmittelbare Bedrohung aufgefasst: von
der Türkei und dem Iran.

Die irakischen Wahlen stellten
für die USA einen Medienerfolg dar, der den Widerstand der Rivalen, namentlich
Frankreichs, auf der politischen Ebene beträchtlich dämpfte. Umgekehrt ist aber
die Regierung Bush kaum entzückt über die Perspektive eines von Schiiten
beherrschten Iraks, die mit dem Iran und somit indirekt auch mit Syrien und
dessen Schergen im Libanon, dem Hisbollah, verbündet sind. In diesem
Zusammenhang ist die Ermordung Rafik Hariris zu sehen und zu verstehen, des
mächtigen politischen Führers und Geschäftsmanns im Libanon.

Die ganze westliche Presse –
allen voran die amerikanische und französische – zeigten mit dem Finger auf
Syrien. Doch alle Kommentatoren waren sich einig darüber, dass erstens Hariri
kein wirklich Oppositioneller war (er war vielmehr Ministerpräsident unter
syrischer Vormundschaft während 10 Jahren), und zweitens Syrien zuletzt
Nutzniesser des Verbrechens ist; vielmehr war Syrien gezwungen, den Abzug all
seiner Truppen bis zum 30. April anzukündigen.9 Umgekehrt sind diejenigen, die
aus der Situation Nutzen ziehen, einerseits Israel, das den Einfluss der
Hisbollah schwinden sieht, und andererseits die Vereinigten Staaten, die die
Gelegenheit beim Schopf packten, um Syrien aus dem Land zu schicken. Heisst
dies nun, dass die "demokratische Revolution", die diesen Rückzug
ausgelöst hat, ein neues Gebiet des Friedens und des Wohlstands erobert hätte?
Es gibt gute Gründe, daran zu zweifeln, wenn man weiss, dass die heutigen
"Oppositionellen" (wie der drusische Führer Walid Dschumblat) nichts
anderes als Kriegsherren sind, nämlich die zentralen Figuren des blutigen
Libanon-Konflikts von 1975 bis 1990; schon mehrere Bombenanschläge sind in christlichen
Gebieten des Libanons verübt worden, während der Hisbollah (mit seinen 20'000
Bewaffneten) Massendemonstrationen abhält.

Auch die erzwungene Absetzung
des kirgisischen Präsidenten Akayev kündet nur noch mehr Elend und
Unbeständigkeit an. Dieses Land, das zu den ärmsten Zentralasiens gehört und
bereits russische und amerikanische Militärbasen auf seinem Territorium hat,
sieht sich immer mehr mit Begehrlichkeiten Chinas konfrontiert. Abgesehen davon
ist es eine bevorzugte Zwischenstation für den Drogentransport. Unter diesen
Bedingungen ist der jüngste "demokratische" Umsturz nichts anderes
als ein Moment in der Abrechnung, die die Grossmächte mit Stellvertretern
betreiben.

Im 20. Jahrhundert stürzten die
imperialistischen Rivalitäten den Planeten zweimal mit Weltkriegen in
schreckliche Schlächtereien; darüber hinaus folgte nach 1945 ein Krieg dem
anderen – Kriege, die die beiden grossen imperialistischen Blöcke, die aus dem
Zweiten Weltkrieg hervorgegangen waren, einander lieferten, bis 1989 der
russische Block zusammenbrach. Am Ende jedes Gemetzels verspricht uns die
herrschende Klasse, dass dies nun der letzte Krieg gewesen sei: der Krieg von
1914–18 war der "allerletzte", der Krieg von 1939–45 sollte eine neue
Phase des Wiederaufbaus und der von der UNO garantierten Freiheit eröffnen, das
Ende des Kalten Krieges 1989 war angeblich der Beginn einer "Neuen
Weltordnung" des Friedens und des Wohlstandes. Für den Fall, dass sich die
Arbeiterklasse heute Fragen zum Stand dieser "Neuen Ordnung" (des
Krieges und des Elends) stellt, erwarten uns in diesen Jahren 2004 und 2005
prunkvolle Triumphfeiern der Demokratie (Landung der Alliierten in der
Normandie vom Juni 1944) wie auch Gedenkfeiern an die Schrecken des
Nationalsozialismus (aus Anlass der Befreiung der Konzentrationslager). Man
kann davon ausgehen, dass die demokratische Bourgeoisie umgekehrt wenig Klamauk
zu den 20 Millionen Toten des russischen Gulags veranstalten wird, da doch die
UdSSR ihr Verbündeter gegen Hitler war, und ebenso wenig zu den 340'000 Toten in
Hiroshima und Nagasaki, zur Erinnerung an die Tage, als die grösste Demokratie
der Welt das einzige Mal in der Geschichte die Waffe des Armageddon, die
Atombombe, gegen ein bereits besiegtes Land einsetzte.10

Es gibt also keinen Grund, in
diese bürgerliche Klasse auch nur einen Funken Vertrauen zu haben, die uns hoch
und heilig verspricht, den Frieden und den Wohlstand zu verbreiten. Im
Gegenteil: "Geschändet, entehrt, im Blute watend, von Schmutz triefend –
so steht die bürgerliche Gesellschaft da, so ist sie. Nicht wenn sie, geleckt
und sittsam, Kultur, Philosophie und Ethik, Ordnung, Frieden und Rechtsstaat
mimt – als reissende Bestie, als Hexensabbat der Anarchie, als Pesthauch für
Kultur und Menschheit –, so zeigt sie sich in ihrer wahren, nackten Gestalt."11
Gegen diesen makabren Sabbat kann nur das Proletariat einen wirklichen
Widerstand aufbauen, der auch tatsächlich fähig ist, dem Krieg ein Ende zu
setzen, weil er dem Kapitalismus selber – dem wahren Kriegstreiber – ein Ende
bereiten wird.

Nur die Arbeiterklasse hat
eine Lösung anzubieten

Gegen Ende des Vietnamkrieges
war die amerikanische Armee nicht mehr kampftauglich. Die Soldaten – die
meisten von ihnen einberufene – weigerten sich regelmässig, an die Front zu
gehen und brachten "übereifrige" Offiziere um. Diese Demoralisierung
war nicht die Folge einer militärischen Niederlage, sondern des Umstandes, dass
es der amerikanischen Bourgeoisie im Gegensatz zum Krieg von 39–45 nicht
gelungen war, das Proletariat für ihre imperialistischen Absichten zu gewinnen.

Bevor sich die Kriegstreiber im
Pentagon zur Invasion in den Irak entschieden, überzeugten sie sich davon, dass
das "Vietnamsyndrom" überwunden war. Und doch gibt es unter den
amerikanischen Arbeitern in Uniform eine immer grössere Weigerung dagegen, ihr
Leben für die militärischen Abenteuer ihrer Bourgeoisie hinzugeben: Seit dem
Begin des Irakkrieges haben etwa 5'500 Soldaten desertiert, gleichzeitig fehlen
bei der Reserve (die rund die Hälfte der Truppen stellt) etwa 5'000 Mann: Diese
Gesamtheit von 10'500 Mann macht fast 8% der Truppenstärke im Irak von total
135'000 aus.

Für sich allein bildet dieser
passive Ungehorsam keine Zukunftsperspektive. Aber der alte Maulwurf des
Klassenbewusstseins fährt mit seiner Wühlarbeit fort, und das langsame Erwachen
des Arbeiterwiderstandes gegen die Verschlechterung der Lebensbedingungen
beinhaltet nicht nur Auflehnung, sondern auch die potentielle Zerstörung dieser
alten verfaulenden Welt – eine Umwälzung, die für immer die Kriege, das Elend
und alle Scheinheiligkeit beseitigen wird.
Jens, 9. April 2005

Fußnoten:

1 s. Weltrevolution Nr. 128 und
www.internationalism.org/german: Tödliche Flutwelle in Südasien – die wahre
Katastrophe ist der Kapitalismus!

2 Rosa Luxemburg, Martinique, Gesammelte Werke Bd. 1/2, S. 249

3 Unmittelbar vor dem Ausbruch des Vulkans Pelée auf
Martinique versicherten die staatlichen "Sachverständigen" der
Bevölkerung, dass sie von ihm nichts zu befürchten hätten.

4.s. Weltrevolution Nr. 128 und
www.internationalism.org/german: Tödliche Flutwelle in Südasien – die wahre
Katastrophe ist der Kapitalismus!

5 s. Offizielle Zeitschrift des Amerikanischen Armee-Vereins,
s. http://www.ausa.org/www/armymag.nsf/

6 Das heisst als Aussenministerin.

7 s. Agence France Presse, 18.01.2005, http://www.commondreams.org/headlines05/0118-08.htm

8 Zitiert nach Al Jazira:
http://english.aljazeera.net/NR/exeres/350DA932-63C9-4666-9014-2209F872A...

9 Bis jetzt konnte die von der UNO geführte
Untersuchung einzig feststellen, dass die Ermordung unbedingt die Beteiligung
eines in der Region tätigen Geheimdienstes voraussetzte, d.h. der Israelis, der
Franzosen, der Syrer oder der Amerikaner. Natürlich kann man auch die These
nicht ausschliessen, dass die syrischen Geheimdienste schlicht unfähig waren.

Theoretische Fragen: