Resolution zum Prozess der Umgruppierung

I. Seit Beginn der Arbeiterbewegung gehörte die Einheit der Revolutionäre zu deren wesentlichsten Bemühungen. Dieses Bedürfnis nach der Einheit der höchst entwickelten Elemente der Klasse ist Ausdruck der tiefen, historischen und unmittelbaren Interessenseinheit der Klasse und stellt einen entscheidenden Faktor im Prozess ihrer weltweiten Vereinigung und der Verwirklichung ihres eigenen Seins dar. Ob wir über den Versuch, 1850 einen „Weltbund der Kommunistischen Revolutionäre" zu bilden, der den Bund der Kommunisten, die Blanquisten und die linken Chartisten um sich sammeln wollte, über die Gründung der Internationalen Arbeiter-Assoziation 1864, der Zweiten Internationale 1889 oder der Kommunistischen Internationale 1919 sprechen - jeder wichtige Schritt in der Entwicklung der Arbeiterbewegung beruhte auf diesem Streben nach einer weltweiten Umgruppierung der Revolutionäre.

II. Obwohl diese Tendenz zur Einheit der Revolutionäre einer wesentlichen Notwendigkeit des Klassenkampfes entsprach, wurde diese Tendenz wie auch die Neigung der gesamten Klasse zur Vereinigung ständig durch eine ganze Reihe von Faktoren aufgehalten wie:

  • die Auswirkungen des Rahmens, in dem sich der Kapitalismus mit all seinen regionalen, nationalen, kulturellen und vor allem ökonomischen Variationen entwickelt hatte. Obgleich das System selbst dazu tendiert, diesen Rahmen aufzuheben, kann es niemals über ihn hinausgehen, was schwer auf den Kampf und das Bewusstsein der Klasse lastet;
  • die politische Unreife der Revolutionäre selbst, ihr Unverständnis, ihre ungenügenden Analysen, ihre Schwierigkeiten, aus dem Sektierertum und „Krämergeist" auszubrechen und all die anderen Einflüsse der kleinbürgerlichen und bürgerlichen Ideologie in ihren eigenen Reihen.

III. Die Fähigkeit dieser Tendenz zur Vereinigung der Revolutionäre, diese Hindernisse zu überwinden, entspricht im allgemeinen ziemlich getreu dem Kräfteverhältnis zwischen den beiden Hauptklassen der Gesellschaft, der Bourgeoisie und dem Proletariat. Den Rückflussperioden des Klassenkampfes entspricht in der Regel eine Bewegung der Zersplitterung und der Isolierung der revolutionären Strömungen und Elemente voneinander. Dagegen werden die proletarischen Aufstiegsperioden von der Konkretisierung der grundsätzlichen Tendenz zur Vereinheitlichung der Revolutionäre begleitet. Dieses Phänomen zeigt sich besonders deutlich bei der Bildung der Parteien des Proletariats, die im Kontext einer qualitativen Entwicklung des Klassenkampfes stattfindet und im allgemeinen ein Ergebnis der Umgruppierung verschiedener politischer Tendenzen der Klasse ist. Dies war besonders der Fall:

  • bei der Gründung der deutschen Sozialdemokratie 1875 in Gotha („Lassalleaner" und „Marxisten"),
  • bei der Bildung der Kommunistischen Partei in Russland 1917 (Bolschewisten und andere Strömungen wie Trotzkis Gruppe und Bogdanows Gruppe),
  • bei der Gründung der Kommunistischen Partei in Deutschland 1919 (Spartakisten, „Linksradikale“, usw.),
  • bei der Gründung der Kommunistischen Partei in Italien 1921 (die Strömung Bordigas und die Strömung Gramscis).

Unabhängig von den Schwächen mancher dieser Strömungen und obwohl im allgemeinen die Vereinigung um die politisch stärkste Strömung herum geschah, ist es Tatsache, dass Parteigründungen nie das Resultat einer einseitigen Proklamierung gewesen waren, sondern das Produkt eines dynamischen Umgruppierungsprozesses der höchst entwickelten Elemente der Klasse.

IV. Die Existenz eines solchen Umgruppierungsprozesses in den Momenten der historischen Entwicklung im Klassenkampf erklärt sich durch:

  • die einheitliche Dynamik, die die Klasse ergreift und sich auf die Revolutionäre auswirkt, indem sie sie zwingt, ihre willkürlichen und sektiererischen Spaltungen zu überwinden,
  • die gewachsene Verantwortlichkeit der Revolutionäre als aktiver und einflussreicher Faktor in den unmittelbaren Kämpfen, deren Durchführung zu einer Konzentration der Kräfte und Mittel zwingt,
  • den Klassenkampf, der dazu neigt, Probleme zu klären, die den Divergenzen und Spaltungen unter den Revolutionären zugrundelagen.

V. Die heutige Situation im revolutionären Milieu wird charakterisiert durch seine extreme Zersplitterung, die Existenz wichtiger Divergenzen über grundsätzliche Fragen, die Isolierung seiner verschiedenen Komponenten voneinander, das Gewicht des Sektierertums, den Krämergeist, die Verknöcherung mancher Strömungen und die Unerfahrenheit anderer. All dies sind Ausdrücke der fürchterlichen Auswirkungen eines halben Jahrhunderts der Konterrevolution.

VI. Eine statische Herangehensweise an diese Situation kann zu der besonders von Fomento Obrero Revolucionario (FOR) vertretenen Idee verleiten, dass es weder heute noch in der Zukunft eine Möglichkeit für eine Annäherung der verschiedenen Positionen und Analysen gibt, die gegenwärtig existieren, für eine Annäherung also, die allein eine gemeinsame Kohärenz und Klarheit ermöglichen kann, die für jegliche Plattform für die Konstituierung einer vereinten Organisation unerlässlich ist.

Solch eine Herangehensweise ignoriert zwei wesentliche Elemente:

  • die Fähigkeit zur Diskussion, zur Konfrontation der Positionen und Analysen, Fragen zu klären, auch wenn dies zunächst nur ein besseres Verständnis entsprechender Positionen und die Eliminierung falscher Divergenzen erlaubt;
  • die Bedeutung der praktischen Erfahrungen der Klasse als ein Faktor der Überwindung der Missverständnisse und Divergenzen.

VII. Heute haben das Versinken des Kapitalismus in die akute Krise und das weltweite Wiedererwachen des Proletariats die Umgruppierung der Revolutionäre ganz akut auf die Tagesordnung gesetzt. All die Probleme, denen sich die Revolutionäre gemeinsam mit der Klasse in der Praxis stellen werden,

  • bilden ein günstiges Terrain für einen solchen Umgruppierungsprozess,
  • werden eine Klärung der wesentlichen Fragen vorantreiben, die die Avantgarde des Proletariats heute spalten: Perspektiven der Krise des Kapitalismus, Natur der Gewerkschaften und die Haltung der Revolutionäre ihnen gegenüber, die Natur der nationalen Kämpfe, die Funktion der proletarischen Partei usw.

Doch auch wenn die Forderung nach Einheit und in erster Linie die Eröffnung von Debatten zwischen Revolutionären absolut notwendig sind, werden sie nicht mechanisch in die Realität übersetzt. Sie müssen mit einem wirklichen Verständnis dieser Notwendigkeit und einem militanten Durchsetzungswillen einhergehen. Jene Gruppen, die sich heute dieser Notwendigkeit nicht bewusst geworden sind und sich weigern, an dem Diskussions- und Umgruppierungsprozess teilzunehmen, sind verurteilt, der Bewegung Steine in den Weg zu legen und als Ausdrücke des Proletariats zu verschwinden, es sei denn, sie revidieren ihre Positionen.

VIII. All diese Erwägungen animieren die IKS zur Teilnahme an den Debatten, die sich im Rahmen der Mailänder Konferenz im Mai 1977 und der Pariser Konferenz im November 1978 entwickelt hatten. Weil die IKS die aktuelle Periode als eine Zeit des historischen Wiedererwachens der Arbeiterklasse analysiert, misst sie diesen Bemühungen eine solche Bedeutung bei, verurteilt vehement dieses sektiererische Verhalten der Gruppen, die solche Anstrengungen vernachlässigen oder ablehnen, und betrachtet dieses sektiererische Verhalten an sich als eine politische Position, deren Auswirkungen die kommunistische Bewegung behindern. Die IKS schätzt daher diese Diskussionen als ein sehr wichtiges Element im Umgruppierungsprozess der revolutionären Kräfte, der zu ihrer Vereinigung in der Weltpartei des Proletariats, jener essentiellen Waffe im revolutionären Kampf der Klasse, führen wird.