01. Umgruppierung der Revolutionäre:

Submitted by InternationaleRevue on Son, 24/01/2010 - 14:00.

2. Internationale Konferenz

Ende 1978 fand eineInternationale Konferenz der Gruppen, die sich auf die Kommunistische Linkeberufen, statt. Die Durchführung dieser Konferenz war von der 1. MailänderKonferenz beschlossen worden, die von der “Partito Communista Internazionalista- Battaglia Communista“ organisiert worden war und an der die “InternationaleKommunistische Strömung“ (IKS) teilgenommen hatte. Auf der Tagesordnung dieser2. Konferenz stand: 1) die gegenwärtige Krise und die Perspektiven; 2) dieFrage der nationalen Befreiungskämpfe; 3) die Frage der Partei. ZweiBroschüren, in denen die Korrespondenz zwischen den Gruppen, dieVorbereitungstexte für die Konferenz und das Protokoll der Debatten enthaltensind, werden demnächst veröffentlicht. Der wichtigste Schritt dieser Konferenzwar die Erweiterung des Kreises der teilnehmenden Gruppen: so haben neben derIKP (BC) und der IKS teilgenommen: die “Communist Workers' Organisation“ (CWO)aus Grossbritannien, die “Nucleo Communista Internazionalista“ (NCI) ausItalien, die “Marxist Study Group“ (För Kommunismen) aus Schweden. Zwei weitereGruppen hatten ihre Zustimmung für die Teilnahme gegeben, konnten aber ausverschiedenen Gründen nicht an der Konferenz teilnehmen: “l'OrganisationCommuniste Revolutionnaire Internationaliste d'Algerie (Travailleurs immigresen lutte)“ und “Il Leninista“ aus Italien. Die letztgenannte Gruppe hatte derKonferenz Beiträge geschickt, die in der Broschüre über die Konferenzerscheinen werden. Der “Ferment Ouvrier Revolutionnaire“ (FOR) aus Frankreichund Spanien hat die Konferenz bei ihrer Eröffnung verlassen und somit an denDebatten nicht teilgenommen; andere eingeladenen Gruppen haben sich geweigert,teilzunehmen.[1]

Wir veröffentlichen hiereinen Artikel, der sich dem vorausgehenden Artikel in der Internationalen RevueNr. 16 (englisch, französisch, spanisch, 1. Trimester 1979) anschließt, welcherhauptsächlich den Gruppen gewidmet war, die ihre Teilnahme verweigert hatten.Der jetzige Artikel gibt Antwort auf verschiedene: Punkte, die in Artikeln derCWO (Revolutionary Perspectives Nr. 12) und der IKP-BC (Nr. 16, 1978) zurKonferenz angesprochen wurden. Der Artikel ruft weiterhin die Hauptpunkte derIntervention der IKS auf der Konferenz in Erinnerung.

Wir veröffentlichenebenso als Anhang eine Resolution über den „Prozess der Umgruppierung derRevolutionäre“, die von der IKS verabschiedet wurde und unsere Position zudieser Frage zusammenfasst.

In dem Artikel zur 2.Internationalen Konferenz in der Internationalen Revue Nr. l6 haben wirerläutert, welchen Stellenwert wir der Diskussion zwischen den revolutionärenGruppen zuordnen und weiterhin die Argumente jener zurückgewiesen, die sichweigerten, an der Konferenz teilzunehmen. Wir haben insbesondere auf derTatsache bestanden, dass diese Gruppen eine grundsätzlich sektiererischeHaltung einnehmen. Für die IKS ist diese Haltung selbst ein Hindernis zurpolitisch unabdingbaren Klärung innerhalb der Arbeiterbewegung, da es ohne dieKonfrontation von Positionen keine Möglichkeit der Klärung gibt.

Wir kommen auf dieseFrage zurück, um einige Behauptungen in den Stellungnahmen der IKP-BC und derCWO zu den Konferenzen richtig zu stellen. Die beiden Gruppen bezeichnen die IKSganz einfach als „opportunistisch“ und leugnen das Problem der Existenz  des Sektierertums. Somit ist esnotwendig, eine Richtigstellung zu machen.

Woher kommt das Sektierertum ?

Battaglia Communistaunterstellt uns „das opportunistische Vorhaben, wichtige Divergenzen zwischenden Prinzipien zu verschleiern, um alle möglichen Gruppen irgendwiezusammenzubringen; Gruppen, die eigentlich ziemlich voneinander entfernt sind.“B.C. unterstellt uns ebenso die Absicht, dass wir uns hinter einer Kritik des “Kapellengeistes“verstecken, um politische Divergenzen zu übertünchen. Wiederholen wir es: Wirverschleiern nicht die politischen Divergenzen, und wenn wir auf derNotwendigkeit bestehen, die Weigerung zur Diskussion zu bekämpfen, dannbezeichnen wir sie gerade als eine Weigerung, die Divergenzen zu diskutieren,als Angst vor der Konfrontation der politischen Positionen, indem man sichhinter Erklärungen versteckt, die vorgeben, dass man DIE Wahrheit besitzt. Wirdagegen behaupten nicht, die Wahrheit zu besitzen. Wir verteidigen einepolitische Plattform, die wir so oft wie möglich mit der Realität, mit derwirklichen Lage in unseren Interventionen und in Diskussionen mit den Gruppenund Elementen, die sich auf die kommunistische Revolution berufen,konfrontieren.

Hinter dem Unverständnisund der Kritik an der IKS hinsichtlich ihrer entschlossenen Einstellung, dieWeigerung der politischen Konfrontation als solche zu verdammen, ungeachtet derpolitischen Divergenzen, die als Vorwand zu solch “erhabenen“ Einstellungendienen, liegt ein Fortbestehen des Verhaltens der Isolierung und derSelbstverteidigung verborgen. Dieses Verhalten, ein Erbe der Periode des Zurückweichensdes Klassenkampfes - der Konterrevolution -, als es nämlich darauf ankam,standhaft zu bleiben, gar allein die Klassenpositionen zu verteidigen, wirdjetzt zu einem Hindernis, zu einer Fessel. Denn heute kann die Eröffnung derDebatte auf dem Hintergrund des Wiedererstarkens der Klassenkämpfe wirklichstattfinden, die Konferenz kann sich wirklich erweitern, ohne dass diesgleichzeitig ein Verzicht auf die Plattform, auf das Programm bedeutet.

Hier handelt es sich inder Tat um den Kernpunkt, der der Stellungnahme der IKS gegenüber den Gruppen,die die Diskussion verweigern, zugrundeliegt. Es kommt nicht darauf an, diepolitischen Divergenzen beiseite zu lassen, um alle möglichen Gruppen aufirgendeine Art zusammenzubringen. Nein, auf der Grundlage einer Untersuchungder gegenwärtigen Periode, gezeichnet durch einen wiedererstarkendenKlassenkampf und die größeren revolutionären Fähigkeiten des Proletariats, mussman jetzt begreifen, dass der Rahmen für die Konfrontation politischerDivergenzen vorhanden ist. Wir müssen auf dem von dem Klassenkampf heutevorgezeichneten Weg voranschreiten: Aufschwung, Generalisierung des Kampfes undder Debatten, die der Kampf hervorbringt. Die Haltung der IKS hinsichtlich derFrage der Teilnahme beruht auf einer bestimmten politischen Position, die wirnicht verheimlichen: das Ende der Konterrevolution, die Perspektivegeneralisierter Zusammenstösse zwischen den Klassen. Dieser Wechsel der Periodezwingt die Revolutionäre, die Konfrontation ihrer Positionen andersaufzufassen: es kommt nicht mehr darauf an, sich gegen die Gefahren derVerseuchung, der Degeneration der Organisationen zu schützen oder derDemoralisierung des Proletariats zu widerstehen, sondern jetzt muss man mit demProletariat, das in die bürgerliche Herrschaft eine Bresche geschlagen hat,kommunistische Positionen herausarbeiten , die so klar und so kohärent wiemöglich sein müssen.

Daher muss man zunächstin der Lage sein, zwischen einerseits Unverständnisund Missverständnis, und andererseits wirklichen politischen Divergenzenzu unterscheiden. Das Unverständnis und die Missverständnisse dessen, was jedeGruppe sagen will, sind unvermeidbar: sie sind der Tribut, den dieRevolutionäre für 50 Jahre Konterrevolution zollen müssen. Während dieserKonterrevolution wurden die revolutionären Organisationen zerrüttet, dieGruppen zogen sich zurück, genauso wie das Proletariat: darin liegt der wirklicheTriumph der Bourgeoisie. Die Revolutionäre bestanden recht und schlecht fortals winzige Minderheiten, voneinander vollkommen isoliert. Dies rief gewisseGewohnheiten hervor, die während des Wiederaufschwungs der Kämpfe zum Lasterwerden. Genauso wie das Proletariat, dieser eingeschlafene Riese, erstarken dieRevolutionäre wieder, nachdem sie durch eine 50 Jahre lange Zerstreuung undIsolierung erschlafft waren. Entweder bestehen die alten Gewohnheitenweiterhin, nachdem eine neue Periode ausgebrochen ist, oder andernfalls führendie Unerfahrung und die mangelnde Kenntnis der Geschichte der Arbeiterbewegung(an denen die im Wiederaufschwung des Klassenkampfes neu entstandenen Gruppenleiden) diese Gruppen zu einem raschen Verfall, zu einem Aktionismus, oder siespalten sich in Minifraktionen nach dem ersten zeitweiligen Zurückweichen desKampfes auf. Dann werden aus dem Programm und der Unkenntnis ein Glaubengemacht und die Geschichte wird nach den eigenen Bedürfnissen umgeschrieben.Die Isolation, die Zerstreuung, die Unerfahrenheit der Revolutionäre sindwirkliche Probleme, die keine Organisation außer acht lassen kann. Nichterkennen, dass das Problem des Sektierertums besteht, heißt die Zerstreuung zutheoretisieren, dieses Problem zu leugnen.

B.C. und die CWObegreifen nicht, dass das Problem des Sektierertums und des “Kapellengeistes“besteht, denn gemäß B.C. handelt es sichum ein Problem, das von der IKS ausOpportunismus erfunden worden ist. B.C. gibt vor, in den Einstellungen derGruppen wie Programma Communista, PIC und des FOR nur Fragen von politischenDivergenzen zu sehen. Aber diepolitischen Divergenzen bestehen ebenso zwischen den Gruppen, die an derKonferenz teilnehmen (in mancher Hinsicht sind sie sogar tiefgreifender als mitden nichtteilnehmenden Gruppen). Es gibt keine direkte und unmittelbareVerbindung, die jede Einstellung allein durch politische Divergenzen erklärenkönnte. Es wäre zu einfach und hieße eine der gewaltsamsten Auswirkungen derKonterrevolution zu leugnen: die Atomisierung des Proletariats, dieAufsplitterung der Revolutionäre, die ohne ständige Konfrontation ihrepolitischen Positionen im Elfenbeinturm ausbreiteten.

In der Zeit desRückflusses des Klassenkampfes währendder 30er- und 50er-Jahre konnte die wirkliche politische Klärung nurstattfinden, indem man darauf achtete, sich nicht mitreißen zu lassen und fallsnotwendig, auch gegen den Strom anzuschwimmen. In einer Periode desWiedererstarkens des Klassenkampfes hingegen kann die Klärung nur durch dieaktive Teilnahme an all den Debatten stattfinden, die durch und in dem Kampfentstehen. Heute muss die Haltung der Revolutionäre gegenüber der Frage derpolitischen Klärung die gleiche sein, wie sie in der Vergangenheit in solchenPerioden die Haltung der Revolutionäre bestimmte.

Als die Eisenacher denLassalleanern Zugeständnisse machten, kritisierte Marx sehr heftig dieKonzessionen der Marxisten gegenüber den Lassalleanern, die Marx als unnützverurteilte. Er bestand im Zusammenhang mit der damaligen Periode auf einemPunkts: „Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme.“(Marx an W. Bracke, „Kritik des Gothaer Programms“) War Marx ein Opportunist? DasProblem des Sektierertums existiert als solches und ist nicht “von Natur her“mit den politischen Positionen verbunden. Lenin bekämpfte den Sektierergeist,um auf die Gründung der SDAPR (Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands)hinzuarbeiten, wobei er gleichzeitig fest entschlossen die politischenPositionen kritisierte und keine Konzessionen machte.

Diese Auffassung, aufDiskussionen hinzudrängen, trifft auf die Zeiten der Isolierung, als grosseKontaktschwierigkeiten bestanden, ebenso zu. Die konsequentesten Revolutionärehaben immer auf Diskussionen hingedrängt (siehe z.B. Bilan in den 30.er Jahren,die während der Konterrevolution nicht nur die politischen und theoretischenPositionen vorangetrieben hat, sondern auch die Wichtigkeit der Umgruppierungder Revolutionäre behauptet hat).

Die falschen politischenPositionen, ob verkalkt oder verwirrt, sind von den revolutionärenOrganisationen zu bekämpfen. Wir erkennen keiner politischen Gruppe das “Rechtauf Fehler“ als solche zu und wir “respektieren“ auch nicht die politischenPositionen, die noch mehr Wortschwall in einer Bewegung verbreiten, die ohnehinschon große Schwierigkeiten hat, sich von den Folgen der Konterrevolutionloszulösen. Wir “respektieren“ keine Weigerung, aufgrund von politischenDifferenzen nicht zu diskutieren, weil man damit den von den Gruppenverteidigten Positionen eine gewisse Gültigkeit und eine politische Kohärenzanerkennen würde: jeder verteidigte seine Positionen und alles wäre in der Weltder Revolutionäre in Ordnung. Wir rufen im Gegenteil alle Gruppen desrevolutionären Lagers dazu auf, wie die gesamte Arbeiterklasse offen undinternational in öffentlichen Konfrontationen das Wort zu ergreifen und inInterventionen und Aktionen der Klasse ihre Positionen zu verteidigen.

Die Arbeit der Konferenz

In diesem Sinne hat dieIKS auf der Notwendigkeit bestanden, klar zu den diskutierten Fragen Stellungzu nehmen, denn es handelt sich nicht um akademische Fragen, sondern um solche,die im Klassenkampf von größter Bedeutung sind und immer brennender werden.Darauf drängend, Stellung zu beziehen und um die Übereinstimmungen undUneinigkeiten zu präzisieren, hat die IKS zusätzlich zu den Vorbereitungstextennoch kurze, zusammenfassende Resolutionen über die augenblickliche Krise unddie Perspektiven, über die nationale Frage und über die Organisation derRevolutionäre vorgeschlagen. Das Prinzip, Resolutionen vorzuschlagen wurde vonder Konferenz jedoch verworfen. Wir wollen hier die Kernpunkte unsererInterventionen während der Konferenz in Erinnerung rufen:

Krise und aktuelle Perspektive

Zum erstenDiskussionspunkt über die gegenwärtige Krise und die Perspektiven hat die IKSdie Notwendigkeit aufgezeigt, klare Perspektiven aufzuarbeiten, die auf einergrundsätzlichen Untersuchung der Lage, wie sie sich vor unseren Augen abspielt,beruht: läuft die allgemeine Tendenz auf generalisierte Zusammenstöße zwischenden Klassen, oder auf sich immer ausbreitende interimperialistische Konflikte?Als revolutionäre Organisationen, die in der Klasse intervenieren, undvorgeben, politische Orientierungen zu verteidigen - bzw. eine politischeFührung auszuüben -, müssen wir zur allgemeinen Bewegung des KlassenkampfesStellung beziehen. Die Revolutionäre haben sich in der Vergangenheit in ihrerEinschätzung der Periode täuschen können, sie haben aber immer Stellungbezogen. In Bezug auf diese Frage hat B.C. die folgende Position vertreten: „1976haben wir drei mögliche Hypothesen formuliert:

1)             dass es dem Kapitalismus gelingen würde, seineökonomische Krise zeitweise zu überwinden ;

2)             dass die nachfolgende Zuspitzung der Krise solch einesubjektive Situation der allgemeinen Angst schaffen würde, dass sie zu einerGewaltlösung und zum 3. Weltkrieg führen werde ;

3)   3)dass das schwächste Glied in der Kette zerbrechenwürde, und daher die revolutionäre Phase des Proletariats sich eröffnen werdeund die historische Kontinuität mit dem bolschewistischen Oktoberwiederhergestellt werde.

Zwei Jahre später könnenwir bestätigen, dass die gegenwärtige Lage die Gestalt und den Umriss unsererzweiten Hypothese annimmt.“ (Broschüre zur 1. Internationalen Konferenz, 11/78)

Die CWO dagegen beziehtnicht deutlich Stellung: die zwei Möglichkeiten, Krieg oder Revolution stehenoffen. Die Antwort „vielleicht ja, vielleicht nein“ neigt jedoch eher dazu, diePassivität, das Zurückweichen des gegenwärtigen Klassenkampfes hervorzuheben.

Aus der Sicht der IKSsind seit 10 Jahren offener Krise des kapitalistischen Systems die Bedingungendafür erfüllt, dass die inneren Widersprüche des Systems mehr und mehr zu sich generalisierendenimperialistischen Zusammenstößen neigen. Hauptmerkmale dieser Entwicklung sind:

-      das wiederaufgebaute Europa und Japan stehen erneut imdirekten Wettbewerb mit den USA

-      die Krise verlangt einen engeren Zusammenschluss derimperialistischen Blöcke: der westliche Block zwingt die “Pax americana“ imNahen Osten auf und entwickelt seine Strategie im südostasiatischen Raum, umendgültig China in seinen Machtbereich einzugliedern, usw.

Vom Standpunkt derinterimperialistischen Widersprüche aus betrachtet, auf ökonomischer,politischer und strategisch-militärischer Ebene, lautet die Frage nicht „zuwelchem Zeitpunkt wird sich der imperialistische Krieg generalisieren“, sondernsie stellt sich eher folgendermaßen: Warum hat sich der Krieg noch nichtgeneralisiert?

Für die CWO ist die “magische“Kurve des tendenziellen Falls der Profitrate noch nicht genügend gesunken: demKapitalismus stehen noch eine ganze Reihe von Möglichkeiten offen - wieAusteritätsmaßnahmen (?) -, bevor die Bedingungen eines allgemeinen Kriegeserfüllt sind: „das Proletariat hat noch die Zeit und die Möglichkeit, denKapitalismus zu zerstören, bevor dieser die Zivilisation zerstört.“ (RevolutionaryPerspectives, Nr.12)

Was bedeuten die wachsendenmilitärischen Interventionen der kapitalistischen Großmächte auf denKriegsschauplätzen Zaire, Angola, Vietnam/Kambodscha, China/Vietnam? Wasbedeuten die Kampagnen für die “Menschenrechte“ und andere ideologische Propagandarummel?Wozu dient dieses beschleunigte und maßlose Wachstum der Rüstungsindustrie? DieCWO sagt ganz richtig, dass es sich um Kriegsvorbereitungen handelt. Jedoch istes nicht der Klassenkampf, der die Generalisierung des Krieges verhindern würde(aus der Sicht der CWO ein „absurdes Szenario“ seitens der IKS)! Für die CWOsind die Klassenkämpfe „sektoriell, mit einer geringen Möglichkeit derEntfaltung zu einer Schlacht der gesamten Klasse.“ Die “logische“ Schlussfolgerungder CWO: „die Krise ist noch nicht genug fortgeschritten, um den Krieg zu einemnotwendigen Schritt für die Bourgeoisie zu machen.“ Dies läuft darauf hinaus,zu sagen: „der Krieg ist noch nicht da, weil die Bedingungen noch nicht erfülltsind.“ Damit kommen wir aber auf die Ausgangsfrage zurück: welche Bedingungen? Heutehaben bedeutende Ereignisse (Krieg im Nahen Osten 1967 und 1973, Vietnam,Zypern, China/Vietnam usw.) keinen Weltkrieg ausgelöst. Warum? Warum hat dieUdSSR nicht direkt im Vietnamkrieg eingegriffen? Warum sind die USA nicht inAngola und in Äthiopien einmarschiert? Die “Dialektiker“ antworten sicherlich,dass die objektiven Bedingungen nicht vorhanden waren. Wir sind damiteinverstanden, aber für die IKS ist der Hauptfaktor, der bis heute einengeneralisierten Krieg verhindert hat, die Tatsache, dass die Bevölkerung undvor allem das Proletariat sich nicht mit der Verteidigung der Interessen derkapitalistischen Nation identifizieren. Was die anderen Bedingungen für einengeneralisierten Krieg angehen, - die Bildung von imperialistischen Blöcken, dieoffene Krise des kapitalistischen Systems -, kann man sagen, dass sie globalvorhanden sind.

Einem kampfbereitenProletariat, das seit 10 Jahren erneut den Weg des Kampfes gefunden hat, einemProletariat, das nirgendwo auf der Welt den bürgerlichen Idealen derVerteidigung des “demokratischen“ oder “sozialistischen“ Vaterlandes oder denRechtfertigungen der Austeritätsmaßnahmen hinterherläuft, sollen dieRevolutionäre antworten: „die Würfel sind gefallen“? Wir leben nicht mehr inden 30er-Jahren, die Lage hat sich geändert. In der Analyse der gegenwärtigenLage und ihrer politischen Schlussfolgerungen sowie in der Herausarbeitungeiner klaren Orientierung setzen wir uns nicht in akademischen Streitgesprächenauseinander - so wie die Theorie des tendenziellen Falls der Profitrate „gegen“Sättigung der Märkte, in welche B.C. und die CWO die Debatte irreleiten wollen.Aus unserer Sicht liefert die Theorie der Sättigung des Weltmarktes einenkohärenten Rahmen, der ein Begreifen der Periode seit dem Ersten Weltkrieg undder gegenwärtigen Krise ermöglicht. Dieser Rahmen beinhaltet die Theorie destendenziellen Falls der Profitrate, er schließt sie nicht aus! Worauf es unsbei dieser Debatte über die heutige Krise ankommt, sind die Schlussfolgerungenfür unsere Intervention. Die ökonomische Analyse der CWO und B.C. weisen enormeSchwächen auf theoretischer Ebene auf, aber die grundlegende Schwäche liegt inihrer Unterschätzung des Niveaus des heutigen Klassenkampfes, in derUnfähigkeit, das was vor unseren Augen vor sich geht, zu begreifen, die in derEntwicklung befindlichen Elemente zu verstehen, die konkret die Perspektive vonZusammenstössen zwischen den Klassen in sich tragen.

Nationale Frage

Die zweite Frage, dieauf der Konferenz diskutiert wurde, war die Nationale Frage. Hinsichtlichdieser Frage waren sich zwar mit Ausnahme des Nucleo Communista Internazionalistaalle Gruppen einig, dass das Proletariat heute die nationalen Befreiungskämpfenicht unterstützen kann, dennoch gab es noch viele Nuancen und Differenzen inden Untersuchungen dieser Frage durch die auf der Konferenz anwesenden Gruppen.

Der NCI seinerseits hatdie von der Kommunistischen Internationale verteidigte Position Wort für Wortübernommen, wonach die Unterstützung der nationalen Befreiungsbewegungen alseine Schwächung des Imperialismus aufgefasst und somit als ein positiver Faktorverstanden wird, der dem Kampf des Proletariats, das an der Spitze der Bewegungstehen soll, hilfreich sei. Dass es seit 50 Jahren niemals

geschehen ist, und dassseit 10 Jahren die kämpfende Arbeiterklasse die politischen Strömungen der “nationalenBefreiungsbewegungen“ jedesmal verwarf, sie gar konfrontierte und bekämpfte,stört den NCI kaum. Der NCI sieht nicht, dass sich seine Theorie als falscherweist. Der NCI nimmt geschickt heute dieverjüngte Theorie des “Zusammenschweißens“ der sozialen Bewegung in denunterentwickelten Ländern und der proletarischen Bewegung in denfortgeschrittenen Ländern wieder auf. Er begreift nicht, dass das “Zusammenschweißen“nur das Verstärken der Verbindungen zwischen dem Weltproletariat sein kann,egal ob es sich um starke oder schwache Länder des Kapitalismus handelt. InWirklichkeit hat der NCI noch nicht ganz die verzerrende Brille des Bordigismusabgelegt: er sieht noch eine Kontinuität zwischen der Unterwerfung der Massenin den nationalen Befreiungskämpfen und der Mobilisierung des Proletariats. Wieaber die gesamte Erfahrung dieses Jahrhunderts zeigt, wo immer das Proletariatauch sein mag, wie immer seine numerische Stärke innerhalb des ihn ausbeutendenNationalstaates auch sein mag, kann es nicht anders, als mit dem nationalenRahmen zu brechen, darf diesem dabei keine Konzessionen machen.

Die Verurteilung allernationalen Kämpfe durch die IKS hat nichts mit einer Gleichgültigkeit, einerAbstraktion oder Verachtung gegenüber der Revolte des Volkes zu tun, an der dasProletariat oft teilnimmt. Im Gegenteil, wir verurteilen diejenigen, die solcheKämpfe zu imperialistischen oder nationalistischen Zwecken ausnützen, d.h. alldie Fraktionen, die in solchen Kämpfen die Möglichkeit sehen, auf nationalerEbene einen Schritt vorwärts zu tun. Es sind die Arbeiterkämpfe, und dieseallein , die den Revolten eine Richtung geben können; wenn die Arbeiter nichtkämpfen, gibt es keine andere Lösung als Armut, Massaker und Krieg. Man solldann nicht behaupten, dass dieser Bruch des Proletariats mit den nationalenKämpfen ohne die Präsenz der Partei unmöglich sei. Ohne Partei bringen heuteschon die Arbeiter durch ihre Streiks die nationalistischen Bestrebungen zumStillstand - so wie das in Angola, Israel, Ägypten, Algerien und Marokko derFall war. Der Bruch mit der „nationalen Befreiung“ ist keine Abstraktion, dievon der IKS ausgedacht wurde, sondern er ist heute schon Realität.

Noch subtiler ist dieZweideutigkeit, die in einer Gruppe wie B.C. über diese Frage vorzufinden ist,denn, obwohl B.C. die nationalen Befreiungskämpfe als Bestandteilimperialistischer Kriege bezeichnet, entwirft sie für das Weltproletariat -somit ist das Proletariat in den Ländern der nationalen Befreiungskämpfeeingeschlossen - die Perspektive, die nationalen Befreiungskämpfe zurproletarischen Revolution umzuwandeln (sie sozusagen zur proletarischenRevolution aufzurichten). Dies werde durch den Aufbau der zukünftigenKommunistischen Internationale geschehen. Die Position des NCI weist einegewisse Kohärenz in dieser Frage auf. B.C. dagegen setzt sich zwischen zweiStühle. Man muss wählen: entweder „haben die nationalen Befreiungskämpfevollständig ihre historische Funktion erfüllt“(B.C., von B.C. hervorgehoben),und dann muss man daraus die Konsequenz ziehen, d.h. sie sind für dasProletariat unbrauchbar geworden, denn dieses hat eine historische Aufgabe zuerfüllen. Die Aufgabe der Klassenpartei liegt nicht darin, diese Kämpfeirgendwie umzuwandeln, sondern sie muss zum Kampf gegen alleUnterwerfungsagenturen im imperialistischen Krieg aufrufen Oder es ist möglich,sie zur proletarischen Revolution umzuwandeln, und dann muss man ihnen einehistorische Funktion im Rahmen der historischen Funktion des Proletariatsanerkennen. Dann muss man ebenso vertreten, dass die nationalenBefreiungskämpfe nicht nur imperialistische Kennzeichen tragen.

Es kommt nicht daraufan, die nationalen Befreiungskämpfe in proletarische Revolutionen umzuwandeln,sondern dass das Proletariat sich gegen jede nationale Bewegung richtet. B.C.wird uns wahrscheinlich erwidern, dass die IKS erneut wenig “dialektisch“denkt. Vielleicht täuscht sich die IKS tatsächlich, aber die Diskussion kommtkein Stück voran, wenn man wie B.C. es tut, zu jeder Sauce “Dialektik“hinzugibt, und wie ein Arzt jede Krankheit als Allergie bezeichnet. Die Parteiist aus der Sicht Battaglias die Antwort auf alle Widersprüche, die unerklärtbleiben. Aber wenn die Partei handeln soll, muss sie erst einmal bestehen. Undworaus wird sie hervorgehen? Aus den nationalen Befreiungskämpfen? MitSicherheit nicht. Sie wird ihre Reihen mit den Elementen verstärken, dieendgültig mit allen möglichen Spielarten nationalistischer Politik gebrochenhaben. Und wo werden diese Elemente herkommen? Aus den Kämpfen derArbeiterklasse aller Länder, einschließlich der Länder, die heute dem Kot unddem Blut des Weltimperialismus unterworfen sind, welche  ihnen die nationalen Befreiungsbewegungenaufzwingen.

Eine grundlegendeBedingung der Fähigkeit des Weltproletariats zu kämpfen, ist das klare,praktische und theoretische Bewusstsein, dass es nur auf seinerinternationalistischen Klassengrundlage kämpfen kann, dass es für dasWeltproletariat unmöglich ist, eine Bewegung auszunützen, die aus denverschiedenen lokalen und internationalen imperialistischen Interessengegensätzenhervorgegangen ist, und in der die Massen nur als Kanonenfutter dienen.

Revolutionäre, die heutenoch dieser Frage ausweichen, verstärken nur die herrschende Verwirrung überden Nationalismus, der heute innerhalb der Arbeiterklasse besteht, und diese Revolutionäreverleihen dieser bürgerlichen Idee Glaubwürdigkeit, wonach der Nationalismusirgend etwas Revolutionäres biete. Durch welche Haarspalterei soll man denArbeitern, die gerade in ihrer Alltagserfahrung begreifen, dass der Kampf inallen Ländern der gleiche ist, dass er aber dennoch nicht ganz gleich ist? Wiesoll man erklären, dass das Proletariat sich in die Reihen der Nationalistendurch eine Strategie einschleichen kann, um somit gegen den Nationalismus zukämpfen?

Was die CWO angeht, -sie war anfänglich sehr darum bemüht, sich von allen Unterstützungen dernationalen Befreiungskämpfe abzugrenzen und wollte aus dieser Frage einen Maßstabzum Ausschluss von der Teilnahme an der Konferenz machen - hat sie keinArgument gegen die von der Komintern vertretene Auffassung, die von dem NCIaufgegriffen wird, vorgebracht. Die CWO hat vor allem auf der Idee bestanden,dass nicht alle Länder imperialistisch seien, oder eher nicht “wirklich“imperialistisch seien, und dass der Imperialismus nur eine von den größtenkapitalistischen Mächten betriebene Politik sei.

Wir können hier nichtnäher auf die Einzelheiten dieser Frage eingehen, jedoch wollen wir auf dieVereinfachung der Frage durch die CWO hinweisen. In dem Artikel inRevolutionary Perspectives Nr.8 über- dieKonferenz stellt die CWO die Frage: „Wie kann man behaupten, dass z.B. Israeleine unabhängige, imperialistische Macht ist?“ In der Tat kann man dies nicht!Dass heute kein Land dem Imperialismus entweichen kann, sowie die Tatsache, dassheute alle Länder der Welt imperialistisch sind, bedeutet gerade, dass dienationale Unabhängigkeit unmöglich geworden ist. Die mächtigsten Staatenverfügen nicht über einen größeren Spielraum, weil sie imperialistisch sind unddie kleinen Staaten es nicht wären, sondern weil sie auf dem Weltmarktwettbewerbsfähiger sind und/oder die mächstigsten in den internationalenKonflikten. Dass alle Länder heute imperialistisch sind, bedeutet gerade, dasskeine nationale Bourgeoisie ihre Interessen verteidigen kann, ohne auf dieobjektiven Grenzen eines Weltmarktes zu stoßen, der die Erde bis in die letztenWinkel erobert hat. Somit antworten wir auf die Frage der CWO: Israel ist einimperialistischer Staat, aber es ist kein unabhängiger Staat.

Der wichtigste Gesichtspunktjedoch liegt in den politischen Schlussfolgerungen der Auffassung der CWOhinsichtlich der nationalen Frage. Wenn nur die mächtigsten Länder die Mittelhaben, eine imperialistische Politik zu betreiben, und wenn die zweitrangigen,untergeordneten Länder nicht dazu in der Lage sind, muss man konsequent seinund bestätigen, dass die nationalen Regierungen der schwächeren Länder nureinfache “Agenten“ der größeren imperialistischen Mächte sind, oder um mit derSprache der extremen Linke zu sprechen: die “Lakaien“ der USA, der Großmächte,der UdSSR. Obgleich es sicherlich stimmt, kann man sich nicht nur daraufbeschränken. Die Verurteilung der nationalen Kämpfe ist keine Frage der Moral,oder eine Frage der Brandmarkung der nationalen Fraktionen, die den größerenimperialistischen Mächten ergeben sind, sondern sie beruht auf der sozialenWirklichkeit: es ist nicht möglich, die Nation außerhalb der imperialistischenNotwendigkeiten zu verteidigen.

Frage der Partei

In dem 3. Teil derDiskussionen, der sich mit der Frage der Partei befasste, hat die IKS besondersauf einer Frage bestanden: muss die Partei die Macht ergreifen? Die Gruppe FörKommunismen antwortete darauf mit Nein, und der FOR (obwohl er während der Konferenzabwesend war) bezog durch seinen Text klare Stellung zu dem, was die IKS alseine der Hauptlehren der Revolution in Russland betrachtet. Die Rolle derPartei liegt nicht darin, die Macht zu übernehmen - die Machtübernahme ist dasWerk der Arbeiterräte, die die Einheitsorgane der Diktatur des Proletariatssind. Die Parteien bilden die kommunistische Avantgarde der Klasse, die diebewusstesten und klarsten Elemente in der Bewegung zum Kommunismus, zurZerstörung des Staates, zum Verschwinden der Klassen, zur vollkommenenBefreiung der Menschheit zusammenfassen.

Der NCI hat die Positionder Machtübernahme durch die Partei verteidigt, indem er sich auf die KritikLenins in der „Kinderkrankheit des Kommunismus“ beruft. Dabei verstehen sienicht, dass die Kritik an den Fehlern der Komintern hinsichtlich dieser Fragenichts mit der bürgerlichen Demokratie zu tun hat. Sie beruht auf der Erfahrungdes Proletariats in Russland, auf den Bolschewisten, auf Lenin, der ungeachteteiniger theoretischer Fehler, die er beging, eine leuchtende Klarheit besaß,als er von den höchsten Augenblicken des proletarischen Kampfes sprach: „undvon der Notwendigkeit, unmittelbar die ganzeMacht in die Hände der revolutionären Demokratie zu übergeben, die von demrevolutionären Proletariat geführt wird". (hervorgehoben vonLenin).

Wenn seit der Niederlageder Weltrevolution von 1917 - 23 eine Frage weiterhin debattiert wird, dann istdas mit Sicherheit die Frage der aus der Revolution hervorgehenden Macht. DerFehler der Komintern in dieser Frage hat sich als ein beschleunigender Faktorder Konterrevolution von dem Zeitpunkt an erwiesen, als die isolierte Macht inRussland jedes Zurückweichen der Revolution,zu dem sie durch die internationale Situationgezwungen wurde, als eine Errungenschaftfür das Proletariat darstellte. In dieser Situation entfernte sich dieMacht immer mehr von der allgemeinen Organisation der Klasse; dies gipfelte inder Tragödie von Kronstadt, wo sich die Arbeiter und der Staat, mit derbolschewistischen Partei an der Spitze, bewaffnet gegenüberstanden. DieAuffassung der Machtübernahme durch die Partei ist eine unreife Position derRevolutionäre, die um die Jahrhundertwende lebten und durch eine Periodegekennzeichnet waren, in der die bürgerliche Auffassung den Bezugsrahmen fürdas Begreifen des Prozesses der Revolution darstellte.

Die CWO erkennt dieGrundlagen der Macht des Proletariats in den Arbeiterräten, aber sie erneuertdie alte, gradualistische Auffassung vom revolutionären Parlamentarismus undüberträgt sie auf die Räte. Aus der Sicht der CWO bedeutet die Machtübernahmedie Eroberung der Mehrheit der Räte für die revolutionären Positionen, und dadiese Positionen von der Partei getragen werden, ist es schließlich die Partei,die “praktisch“ die Macht ergreift, sobald sie die Mehrheit in den Rätenbesitzt. Der Kreis ist somit geschlossen. Gemäß der CWO äfft das Proletariat,wenn es die Macht übernimmt, den bürgerlichen Parlamentarismus mit seinenMehrheiten und Minderheiten nur nach, und der Kampf der Arbeiterklasse wird zueinem Kampf der “Parteien“, wo jede Partei versucht, die Mehrheit für sich zugewinnen, um die Macht zu übernehmen.

Weder die PariserKommune noch die Revolution 1917 sind durch solch eine Entwicklung derparlamentarischen Mehrheitsverhältnisse gekennzeichnet, sondern durch einetiefgreifende Entwicklung des Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen, dienicht mit einer parlamentarischen Zustimmung einer schon bestehenden Mehrheitvergleichbar ist - was für die Bourgeoisie typisch ist. Für das Proletariat istdie Übernahme der Macht der bewusste, organisierte Akt einer zukunftsvollenKlasse. Battaglia behauptet richtig in seinem Diskussionstext für dieKonferenz, dass „es ohne die Partei keine Revolution und Diktatur desProletariats geben kann, ebensowenig wie es keine Diktatur des Proletariats undden Arbeiterstaat ohne die Arbeiterräte gibt“ (obgleich wir die Formulierung „Arbeiterstaat“als Bezeichnung des Staates, der aus der Revolution hervorgehen wird als falschbetrachten). Battaglia gibt anderswo vor, sich von dem “Superparteientum“ derBordigisten abzugrenzen, für die die Partei das Ein und Alles ist, und dieOrganisation der Klasse in Arbeiterräten einfach eine Form ist, der nur diePartei einen revolutionären Inhalt verleiht. Aber was die Frage derMachtübernahme angeht, behauptet BC letztendlich doch, dass die Partei dieMacht übernehmen muss. Die BC so teure Dialektik des Verhältnisses zwischenPartei und Klasse vereinfacht sich beträchtlich, und all die schönen Reden überdie Arbeiterräte und die Diktatur des Proletariats, die bissigen Kritiken anden Bordigisten und ihrem “Superparteientum“ lösen sich auf. Man muss sich übereins klar sein: Während der Revolution gibt es zwei Hauptorgane, die Räte unddie Partei. Wenn die Partei die Macht übernimmt, welche Rolle fällt dann denRäten zu? Worin liegt der Unterschied zwischen dieser Auffassung und der Idee,dass die Macht des Proletariats die Zustimmung der Basis (den Räten) gegenüberdem Gipfel (der Partei), welche in Wirklichkeit die Macht ausübt, bedeutet? DieFrage der Macht wird wieder einmal als die Macht eines Teils eines Ganzen imNamen des Ganzen aufgefasst. Für das Proletariat ist das nicht möglich. Seineeinzige Stärke liegt gerade in der kollektiven Fähigkeit, die politische Machtauszuüben. Entweder ergreift das Proletariat die Macht auf kollektive Weise, oderes kann sie nicht ergreifen, und niemand kann es an seiner Stelle tun. Als diebolschewistische Partei die Macht ergriff, geschah dies mit dem Aufruf „AlleMacht den Räten“ und nicht „Alle Macht der Partei“. Dass die Unterscheidung beiLenin und bei den Bolschewisten ziemlich unklar war, ist verständlich. DieBolschewisten waren als erste über ihre große Folgschaft innerhalb derArbeiterklasse erstaunt und es war gerade die Initiative der Massen, die diebolschewistische Partei in der Frage des Aufstands, in der der Machtübernahmevorwärtsdrängte, während Lenin selber zögerte, Vorsitzender des Rates der Volksbeauftragtenzu werden.

Später erwies sich mitdem Zurückweichen der Revolution, dass es der Partei unmöglich war, die Machtder Klasse zu ersetzen; einer Klasse, diesich unter den Schlägen der internationalen Isolierung, der Erschöpfungbeugte. Wenn die mobilisierte Arbeiterklasse die größte Klarheit innerhalbihrer Partei zum Ausdruck bringen kann, und sich in der Partei die größterevolutionäre Entschlossenheit zusammenballt, so können dennoch die größterevolutionäre Entschlossenheit in den besten Parteien keine proletarische Machteiner demobilisierten Klasse aufrechterhalten. Warum? Vor allem, weil sich dasWesen der Macht des Proletariats von seinem Wesen als ausgebeutete Klasseableitet, denn diese besitzt als einzige Kraft ihre kollektive Kraft. Die Frageder Machtübernahme ist äußerst schwierig und nicht der Größenwahnsinn allerpolitischen Gruppen wird das Problem lösen; indem sie für sich die Machtverlangen. Die Macht der Partei wird nie eine Garantie sein; die einzigeGarantie befindet sich in der Arbeiterklasse selber. Die Rolle derrevolutionären Partei besteht darin, diese einzige Garantie gegen jedeDemobilisierung zu verteidigen. Diese Demobilisierung wird durch jene verstärktwerden, die gegenüber dem Proletariat behaupten: „gebt uns die Macht, wirwerden die Revolution für euch machen.

Einige Schlussbemerkungen

Der wichtigste Schrittder Internationalen Konferenz war die Erweiterung der Debatte auf neue Gruppen,die an der 1. Konferenz in Mailand nicht teilgenommen hatten. Die direkte Konfrontationvon Positionen verschiedener Gruppen, die Klärung von Divergenzen, diePräzisierung von Formulierungen, die solch eine Konfrontation erfordert, sindlebenswichtig für die Organisationen, die im Klassenkampf intervenieren.

Daher hat die IKS währendund nach der Konferenz auf das Problem des Sektierertums gepocht. Von dahersind unserer Meinung nach ebenfalls zwei Gesichtspunkte zu bedauern. Zwar warendie Gruppen einverstanden, solch eine Arbeit fortzusetzen, die Konferenz alssolche jedoch hat keine Stellung bezogen und war unfähig, eine gemeinsameoffizielle Erklärung über die geleistete Arbeit abzugeben. Aus dieser Sicht istdie Konferenz als Organ stumm geblieben und konnte kollektiv dieÜbereinstimmungen und Unstimmigkeiten über die verschiedenen Fragen nichtherausarbeiten. Resolutionen, die aus solch einer Konferenz hervorgehen, sindaus Prinzip verworfen worden. Der IKS kommt es nicht darauf an, jemandemÜbereinstimmungen aufzuzwingen, auch nicht die politischen Positionenumzustimmen. Wir müssen aber wissen, ob wir Schwätzer oder revolutionäreMilitanten sind. Wir nehmen nicht an Internationalen Konferenzen teil, um unsmit einer gemeinsamen Veröffentlichung am Ende einer Konferenzzufriedenzugeben, in der jeder seine Position zum Ausdruck bringt, um anschließendzur Arbeit zurückzukehren, als ob nichts geschehen wäre. Die Vorbereitungstexteund die Debatten sind Momente, die ermöglichen sollen, Übereinstimmungen undUneinigkeiten zu klären. Dies muss sich in der Fähigkeit wiederspiegeln, öffentlichund schwarz auf weiß nicht nur eine einfache Gegenüberstellung der Positionenund Erklärungen der jeweiligen Gruppen herzustellen, sondern möglichst ebensodurch eine gemeinsame Ausarbeitung.

Dies war nicht möglichund es war eine Schwäche der Konferenz. Selbst die getroffenen Entscheidungen,wie die Vorbereitung einer nächsten Konferenz schweben in der Luft. Es sei demLeser der Broschüre überlassen, die praktischen Schlussfolgerungen dergeleisteten Arbeit zu interpretieren.

M.G.


[1] Für Details vgl. International Review Nr. 16(engl./franz./spanz. Ausgabe)