Die internationale Dimension der Kämpfe in Polen

1. In der INTERNATIONALEN REVUE Nr. 5  haben wir die vor uns liegenden 80er Jahre als die „Jahre der Wahrheit“ bezeichnet, in denen über die historische Alternative, die von der Krise des Kapitalismus präsentiert wird, entschieden werden würde, nämlich zwischen einem Weltkrieg oder der proletarischen Revolution.
Das erste Jahr dieses Jahrzehnts hat diese Perspektive deutlicher denn je bestätigt.  Nachdem das erste Halbjahr ungeachtet wichtiger sozialer Bewegungen wie die Kämpfe in der britischen Stahlindustrie durch eine beträchtliche Zuspitzung der interimperialistischen Spannungen nach der Invasion in Afghanistan gekennzeichnet war, zeichnet sich das zweite Halbjahr durch eine bisher unerreichte Verschärfung des Arbeiterkampfes aus. In Polen erreichten die Kämpfe seit dem Wiedererstarken der Weltarbeiterklasse 1968 das höchste Niveau.
Sechs  Monate lang schien die Bourgeoisie freie Hand zu haben, um ihre kriegerischen Kampagnen durchzuführen und um einen dritten Weltkrieg vorzubereiten. Heute dagegen sind die Sorgen, die heute die herrschende Klasse aller Länder angesichts der Arbeiterkämpfe in Polen beherrschen, und die Einheit, die sie bewiesen hat, um diese Arbeiterkämpfe zum Schweigen zu bringen, eine weitere Veranschaulichung der Tatsache, dass das Proletariat die einzige Kraft in der Gesellschaft ist, die den Kapitalismus daran hindern kann, erneut einen Krieg als „Lösung“ für seine Krise durchzusetzen.
2.  Es ist noch nicht die Zeit, eine endgültige Bilanz der proletarischen Kämpfe in Polen zu ziehen, da die Bewegung immer noch im Gange ist und das Potential der gegenwärtigen Lage noch nicht erschöpft ist. Doch fünf Monate nach dem Beginn der Kämpfe können wir bereits eine Reihe von wichtigen Lehren ziehen. Ferner ist es wichtig zu begreifen, wie es heute um Polen bestellt ist.
Für den Moment möchten wir zwei Punkte unterstreichen:
- die enorme Bedeutung dieser Bewegung und der beträchtliche Schritt nach vorn, den sie für das Proletariat eines jeden Landes darstellt;
- die Tatsache, dass die Kämpfe in Polen und die Lehren aus den Kämpfen nur in einem internationalen Zusammenhang verstanden werden können.
3.  Überall hat die Bourgeoisie und ihre Lakaien in der Presse versucht zu zeigen, dass die Kämpfe in Polen allein durch die besonderen Bedingungen in Polen oder allenfalls durch die spezifischen Bedingungen in Osteuropa erklärt werden können. In Moskau lautet der Vers, daß, wenn es in Polen "Probleme" gebe (was sie in der Tat nicht mehr leugnen können), sie das Resultat der "Fehler" der alten Führung seien. Jedenfalls haben sie nichts mit der Situation in Rußland zu tun! In Paris, Bonn, London und Washington lautet die favorisierte Erklärung, daß die Arbeiter in Osteuropa unzufrieden seien, weil sie der Warteschlangen vor den Geschäften überdrüssig seien sowie "Freiheit" und Demokratie wie im Westen wünschten. Im Westen hätten die Arbeiter natürlich überhaupt keinen Grund, um sich zu beschweren! Dass die Arbeiter in Polen sich den Auswirkungen derselben Krise widersetzen und gegen dieselbe Ausbeutung kämpfen wie die Arbeiter im Westen und überall... was für ein absurder Gedanke!
Wenn Ereignisse in einem Teil der Welt uns eine Ahnung vom kommenden Alptraum der Bourgeoisie - den generalisierten proletarischen Kampf gegen den Kapitalismus - verschaffen, dann heißt es, daß dies alles nur eine "Ausnahme" sei! Die Bourgeoisie versucht fieberhaft herauszufinden, was diesen besonderen Fall von den Bedingungen anderswo unterscheidet. Es ist schon richtig, daß sie diese Unterschiede nicht einmal erfinden muss: Die Bedingungen sind in keinem Land der Welt identisch. Es trifft zu, daß bestimmte Charakteristiken der Bewegung in Polen das Produkt der spezifischen ökonomischen, politischen und sozialen Bedingungen wie auch der besonderen historischen Faktoren sind. Auch ist die Bewegung in Polen das Produkt des allgemeinen Rahmens, der von den Bedingungen in den osteuropäischen Ländern und im russischen Block vorgegeben wird. Doch gleichzeitig müssen die Revolutionäre und die Arbeiterklasse klar verstehen, daß diese besonderen Merkmale eine rein nebensächliche Bedeutung haben und selbst nur von einem Standpunkt aus begriffen werden können, der die gesamte kapitalistische Welt im Blick hat - auch wenn es notwendig ist, das unterschiedliche Entwicklungstempo der Krise in den verschiedenen Ländern zu berücksichtigen.
4.  Der allgemeine Rahmen, in dem sich die Ereignisse in Polen entfaltet haben, setzt sich aus den folgenden Elementen zusammen:
a) aus dem weltweiten und allgemeinen Charakter der Wirtschaftskrise;
b) aus der unerbittlichen Vertiefung der Krise und den immer unerträglicheren Opfern, die sie den Ausgebeuteten abverlangt;
c) aus dem historischen Wiederaufleben des proletarischen Kampfes seit Ende der 60er Jahre;
d) aus der Art der Probleme und der Schwierigkeiten, vor denen die Arbeiterklasse steht, und der Bedürfnisse, die sich für das Proletariat aus der Erfahrung ergeben haben:
- die Konfrontation mit den Gewerkschaften;
- die Selbstorganisation der Klasse in ihrem Kampf (die Bedeutung der Vollversammlungen);
- die Ausweitung des Kampfes durch den Massenstreik.
e) aus den Mitteln, die von der Bourgeoisie verwendet werden, um den proletarischen Kampf zu brechen und der Klasse die ökonomischen und militärischen Bedürfnisse des nationalen Kapitals aufzuzwingen:
- die immer systematischere Anwendung der staatliche Repression;
- der Gebrauch eines ganzen Arsenals von Mystifikationen, die das Ziel verfolgen, entweder den Ausbruch von Klassenkämpfen zu verhindern oder, wenn dies nicht mehr möglich ist, sie in Sackgassen zu leiten.
Die verschiedenen Sektoren der Bourgeoisie in den fortgeschrittenen Länder teilen sich heute im allgemeinen die Arbeit auf: Zur Zeit erleben wir allgemein die Rechte an der Regierung und die Linke in der Opposition.
5.  Die besonderen Bedingungen, die eine Rolle bei der Entwicklung der Ereignisse in Polen spielten, rühren erstens aus der Mitgliedschaft Polens im Ostblock und zweitens aus den spezifischen Besonderheiten des Landes her.
Die Lage in Polen kennzeichnet sich wie auch in allen anderen Ostblockländern aus:
a) durch das ungeheure Ausmaß der Krise, die heute Millionen von Proletariern in eine Armut stürzt, die an Hunger grenzt;
b) durch die große Starrheit der Institutionen, die praktisch keinen Spielraum für das Entstehen politischer Oppositionskräfte innerhalb der Bourgeoisie zulässt, Kräfte, die als Auffangbecken dienen könnten: in Russland und seinen Satelliten droht jede Protestbewegung zu einem Brennspiegel der massiven Unzufriedenheit zu werden, die im Proletariat siedet. Diese Unzufriedenheit hat sich in einer Bevölkerung aufgebaut, die seit Jahrzehnten die furchtbarste Konterrevolution hat erleiden müssen. Die Intensität dieser Konterrevolution entsprach dem Ausmaß der beeindruckenden Klassenbewegung, die es zu zerschlagen galt, die Russische Revolution von 1917;
c) durch die große Bedeutung des Polizeiterrors als praktisch einziges Mittel zur Aufrechterhaltung der Ordnung.
Darüber hinaus unterscheidet sich Polen:
- durch die mehr als hundert Jahre währende nationale Unterdrückung vor allem durch Russland, die heute noch unter anderen Formen fortgesetzt wird, was dem Nationalismus ein großes Gewicht unter den Mystifikationen verleiht, die innerhalb der Arbeiterklasse wirksam sind;
- durch die Bedeutung der Katholizismus, der seit Jahrhunderten als ein Ausdruck des Widerstands gegen diese Unterdrückung und als ein Symbol der nationalen Identität Polens (das das einzige römisch-katholische Land innerhalb der slawischen Welt ist) betrachtet wird. Ein Gutteil des Widerstandes gegen den Stalinismus in den vergangenen dreißig Jahren ist von der Katholischen Kirche kanalisiert worden.
6.  Die Besonderheiten der Situation in Polen können einige der Mystifikationen erklären, die in die Köpfe des Proletariats einzupflanzen der Kapitalismus in der Lage ist :
- die demokratischen Illusionen, die ein direktes Produkt des totalitären Charakters der Regimes in Osteuropa sind;
- nationalistische und religiöse Mystifikationen, die größtenteils das Produkt der Geschichte der polnischen Nation sind.
Im Grunde sind die Aspekte der Arbeiterbewegung in Polen, die man den spezifisch polnischen Bedingungen zurechnen kann, genau jene, die auch die Schwächen der Bewegung ausmachen.
Der fortdauernde Einfluß bürgerlicher Ideen und das Gewicht der Vergangenheit, das auf das Proletariat lastet, ergeben sich in hohem Maße aus diesen nationalen Besonderheiten, da sie ein klarer Ausdruck einer in Nationen, Klassen und vielen anderen Kategorien gespaltenen Welt ist. Vor allem sind sie ein Ausdruck jener Klasse, die nur überleben kann, indem sie diese Spaltungen fortsetzt - die Bourgeoisie.
Im Gegensatz dazu drückte sich die wahre Stärke des Proletariats in Polen nicht in irgendwelchen spezifischen Charakteristiken der Kämpfe dort aus. Die Stärke des Proletariats ist das Produkt von allem, was seine Klassenautonomie, sein Bruch mit der Atomisierung und den Spaltungen der Vergangenheit ausdrückt, was die allgemeinen Zwischenetappen und das Endziel der Bewegung zum Ausdruck bringt, alle lokalen und verinnerlichten Formen der Entfremdung verneint und es wagt, sich der einzig möglichen Zukunft für die gesamte Menschheit zuzuwenden: dem Kommunismus, der durch die Schaffung einer menschlichen Gemeinschaft alle zwischenmenschlichen Antagonismen abschaffen wird.
In diesem Zusammenhang bestand das wichtigste Ergebnis der besonderen Bedingungen in Polen darin, daß sie erlaubten, daß all die fundamentalen und allgemeinen Charakteristiken des proletarischen Kampfes in der gegenwärtigen Epoche unübersehbar in Erscheinung traten, während sie gleichzeitig die klassischen Bedingungen für eine Krise innerhalb der herrschenden Klasse generierten. In Polen wurde die Zukunft des Klassenkampfes mit einer Klarheit veranschaulicht, die bisweilen am Rande einer Karikatur schien.
Das extreme Ausmaß der wirtschaftlichen Lage, die Brutalität der Angriffe gegen die Arbeiterklasse, Massenstreiks, die politischen Erschütterungen der Bourgeoisie... nichts von dem ist spezifisch polnisch. Sie sind "spezifische" Charakteristiken der heutigen Epoche und betreffen die gesamte Gesellschaft.
7.  Die katastrophale Lage der Wirtschaft der Ostblockländer und insbesondere Polens kann nur innerhalb des Rahmens der allgemeinen Krise des Kapitalismus verstanden werden (dies wird selbst jenen Kretins sowohl im Osten auch im Westen bewusst, die sich Ökonomen nennen). Darüber hinaus illustrieren viele Aspekte der Lage im Ostblock die Richtung, in der sich mehr und mehr alle Länder bewegen, die großen Industrieländer eingeschlossen, die bislang mehr oder weniger ausgespart blieben. Der immer unerträglichere Zustand der Elends des polnischen Proletariats heute deutet an, was immer größere Teile des Proletariats der großen Industrieländer erwartet. Auch wenn kurzfristig die Verelendung der Arbeiterklasse eine andere Form annimmt (Niedriglöhne  und Unterversorgung im Osten, Arbeitslosigkeit im Westen), je nachdem ob das Regime in der Lage ist, ganze Sektoren der Arbeiterklasse ins Elend zu werfen, oder ob es aufgrund der Gefahr, daß dies zu einem weiteren wirtschaftliche Kollaps  und zu einem Verlust der Kontrolle über die Arbeiter führt, sobald diese aus den Industriekasernen geschmissen wurden, daran gehindert wird.
So wie die Aushöhlung der Bedingungen der Arbeiterklasse in Polen (insbesondere durch einen starken Preisanstieg für Nahrungsmittel) ein entscheidender Faktor war, um das Proletariat zur Revolte zu treiben, trotz eines Ausmaßes des Polizeiterrors, der mit dem Ausnahmezustand im Krieg vergleichbar ist, so wird letztendlich die Verschlimmerung der Bedingungen für das Proletariat in anderen Ländern das selbige dazu zwingen, das Joch der Repression und der bürgerlichen Mystifikationen abzuschütteln.
8.  Indem die völlige und offensichtliche Integration der Gewerkschaften in den Staatsapparat, typisch für stalinistische Regimes, die polnischen Arbeiter dazu veranlaßt hat, die Notwendigkeit einzusehen, diese Organisationen abzulehnen, haben sie den Arbeitern in anderen Ländern, wo die Gewerkschaften ihren kapitalistischen Charakter noch nicht so deutlich enthüllt haben, den Weg gewiesen. Doch die Bewegung in Polen ging über die bloße Anprangerung der offiziellen Gewerkschaften hinaus. Sie tendierte zunehmend dazu, auch über die "freien" Gewerkschaften hinauszugehen, jener Idee, die auf die polnischen Arbeiter eine Anziehungskraft ausübte, weil sie die Notwendigkeit für Organisationen sahen, die unabhängig vom Staat und in der Lage waren, sie gegen den unvermeidlichen Gegenangriff durch die Bourgeoisie zu verteidigen. In nur wenigen Monaten zeigte die lebendige Erfahrung der Arbeiter in Polen die Unmöglichkeit für die Arbeiterklasse im dekadenten Kapitalismus, permanente, gewerkschaftsartige Organisationen zu schaffen, ohne dass diese zu einem Hindernis für den Kampf zu werden. Auch hier hat das Proletariat in Polen dem Rest der Arbeiterklasse den Weg gewiesen, die im Gegenzug in ihren Kämpfen gegen das Kapital gezwungen wird, sich dem verführerischen Charme aller Arten von "radikalem", "militantem" oder "Basis"-Gewerkschaftstum zu widersetzen.
9.  Polen ist eine weitere Illustration der Tatsache, daß in Zeiten einer akuten gesellschaftlichen Krise der Verlauf der Geschichte sich beschleunigt. Was die Notwendigkeit anbelangte, die Gewerkschaften zu entlarven, so haben die polnischen Arbeiter in einigen wenigen Wochen einen Weg zurückgelegt, für den das Proletariat anderer Länder einen Zeitraum von mehreren Generationen benötigt hatte. Jedoch beschränkt sich diese Beschleunigung nicht auf die Gewerkschaftsfrage. Auch in zwei anderen Fragen - die Selbstorganisationn der Arbeiter und die Verallgemeinerung des Kampfes (beides selbstverständlich mit der Gewerkschaftsfrage verknüpft) - ist die Arbeiterklasse in Polen nun die Avantgarde des Weltproletariats.
Auch hier haben die "Besonderheiten" der Lage in Polen und Osteuropa (die lediglich die allgemeinen Charakteristiken des dekadenten Kapitalismus in einer etwas fortgeschritteneren Form als anderswo sind) die polnischen Arbeiter gezwungen, Wege zu erkundschaften, auf denen nun das Proletariat der gesamten Welt folgen muss.
So drängten der gewohnheitsmäßige Gebrauch einer Propaganda, die auf einer massiven und systematischen Verzerrung der Realität basierte, wie auch die totalitäre Kontrolle des Staates über jeden Aspekt des gesellschaftlichen Lebens die polnischen Arbeiter dazu, einen Grad an Selbstorganisation zu entwickeln, der einen immensen Schritt nach vorn im Vergleich zu den bisherigen Kämpfen darstellt. Die erfolgreiche Verwendung moderner Technik (z.B. Lautsprecher, die mit den Verhandlungssälen verbunden waren, und Kassettenrekorder, die es allen Arbeitern erlaubten, die Diskussionen in der Zentralversammlung zu verfolgen), um die Kontrolle der Zentralversammlungen über die von ihnen selbst geschaffenen Organisation zu erleichtern und um es allen Arbeitern zu erlauben, sich an ihrem eigenen Kampf zu beteiligen, ist ein Beispiel, dem die Arbeiter aller Länder folgen sollten.
Gleichfalls hat das Proletariat in Polen angesichts eines Staates, der einen starke Hang hat zur blutigen Repression hat, der durch Terror und eine extreme Atomisierung der Individuen regiert, und trotz der Versuche der Regierung, die Bewegung zu spalten, es verstanden, jene Waffe wirkungsvoll zu verwenden, die so wichtig ist für Kämpfe in der heutigen Zeit und die allein der Repression und der Atomisierung Einhalt gebieten kann: den Massenstreik, die Generalisierung der Kämpfe. Die Fähigkeit der polnischen Arbeiterklasse, sich massiv mobilisieren, nicht nur um spezifische Forderungen zu vertreten, sondern auch aus Solidarität mit dem Kampf anderer Bereiche der Klasse, ist ein Ausdruck des wahren Wesens der Arbeiterklasse - jener Klasse, die die Saat des Kommunismus in sich trägt und die überall auf der Welt diese Einheit zeigen muss, um den Herausforderungen ihre historischen Aufgabe gerecht zu werden.
10.  Nicht nur wegen der Kämpfe des Proletariats kündigen die Ereignisse in Polen an, was zunehmend zur allgemeinen Lage in allen Industrieländern werden wird. Die inneren Erschütterungen der Bourgeoisie, die wir heute in Polen sehen können, einschließlich ihrer überspitzten Aspekte, sind ein Anzeichen für unter der Oberfläche ablaufende Entwicklungen in der gesamten bürgerlichen Gesellschaft. Seit August sind die herrschenden Kreise in Polen von einer echten Panik erfasst. In den vergangenen fünf Monaten löst ein Minister den anderen ab. Dies ging gar so weit, dass ein Ministerium einem Katholiken anvertraut worden war! Aber diese Erschütterungen treten am stärksten in der wichtigsten Kraft innerhalb der herrschenden Klasse, der Partei, auf. Gegenwärtig vermittelt die polnische Arbeiterpartei den Eindruck eines gewaltigen Rummelplatzes, auf dem die verschiedenen Cliquen sich gegenseitig um die Wette in die Beine schießen, Rechnungen miteinander begleichen, persönlich Rache nehmen und die Interessen des nationalen Kapitals ihren persönlichen Interessen unterordnen. In der Bürokratie folgt eine Säuberungen der anderen. Das oberste Organ, das Politbüro, ist aus den Fugen geraten. Der Mann, der „mit den Arbeiten reden konnte“, Gierek, hat das gleiche Schicksal wie Gomulka 1971 erlitten. Er ist sogar aus dem Zentralkomitee der Partei gefegt worden, und dies gegen alle Parteiregularien. Überall sind so viel Sündenböcke gefunden worden, daß die alte, diskreditierte Garde gerufen werden mußte, um sie zu ersetzen - zum Beispiel der bösartige Antisemit Moczar. Selbst die Parteibasis, die normalerweise unterwürfig ist, ist von diesen Erschütterungen erfasst worden. Mehr als die Hälfte der Arbeiter-Mitglieder haben die offiziellen Gewerkschaften (diese „gesunden Kräfte“, wie die PRAWDA sie nennt) verlassen; um sich den unabhängigen Gewerkschaften anzuschließen. Es gab sogar Koordinationsansätze zwischen Parteisektionen auf Graswurzelebene, außerhalb der offiziellen Strukturen; mit diesen Bemühungen einher ging das Anprangern der "Führungsbürokratie“.
Diese Panik, die die Partei ergriffen hat, spiegelt die Sackgasse wider, in der sich die polnische Bourgeoisie befindet. Angesichts des Wutausbruchs der Arbeiter war sie gezwungen, das Auftreten und die Entwicklung von oppositionellen Kräften - den unabhängigen Gewerkschaften - zu gestatten. Die Funktion dieser Gewerkschaften entsprach der Linken in der Opposition in den meisten westlichen Ländern. Sie haben die gleiche "radikale Arbeitersprache", deren Funktion es ist, die Kampfbereitschaft der Arbeiter aus der Spur zu bringen, und die gleiche grundlegende Solidarität mit dem „nationalen Kapital“. Doch ein stalinistisches Regime kann nicht die Existenz solcher oppositioneller Kräfte tolerieren, ohne sich ernsthaft zu selbst zu gefährden; dies ist heute so wahr wie gestern. Die traditionelle Zerbrechlichkeit und Starrheit dieser Regimes sind nicht durch den Ausbruch von Arbeiterkämpfen weggezaubert worden. Ganz im Gegenteil! Das Regime ist gezwungen, einen Fremdkörper in seinem Eingeweide zu tolerieren, den es für sein Überleben braucht. Jedoch ist dieser Körper schwerlich in der Lage, seine Funktion zu erfüllen, und wird vom Organismus des Regimes mit all seinen Fasern abgelehnt. So wird das Regime heute von den größten Erschütterungen seit seinem Bestehen heimgesucht.
Antagonismen innerhalb einer herrschenden Klasse eines Landes sind nichts Neues. Diese sehr realen Antagonismen werden gegenwärtig im Westen dazu benutzt, um die Arbeiterklasse zu desorientieren, mit einer rechten Regierung, die immer schärfere Maßnahmen gegen die Arbeiterklasse ergreift, und einer Linken, die diese lautstark anprangert, um sie für die Arbeiterklasse akzeptabler zu machen. In „normalen“ Zeiten sind diese Spaltungen innerhalb der herrschenden Klasse einerseits zwar eine Schwäche vor allem im internationalen Wettbewerb, andererseits aber auch ein Faktor, der die Bourgeois gegenüber der Arbeiterklasse stärkt, vorausgesetzt, daß sie korrekt als eine Quelle der Mystifikation benutzt werden. Wenn diese Spaltungen und die Macht der Arbeiterklasse eine bestimmte Stufe erreicht haben, wenden sie sich gegen die herrschende Klasse selbst. Wenn die Bourgeoisie weiterhin unfähig ist, für die Akzeptanz eine der falschen Alternativen, die sie anbietet, unter den Arbeitern zu sorgen, dann wird der offene Konflikt innerhalb der herrschenden Klasse zum Beweis dafür, dass sie nicht mehr in der Lage ist, die Gesellschaft zu regieren. Diese Antagonismen hören dann auf, ein Faktor zu sein, der das Proletariat lähmt, und werden zu einer Stimulanz für die Entwicklung des Klassenkampfes.
So erlaubte das Zögern der Führung, ehe sie (Ende August), vor der Registrierung ihrer Statuten, die schließlich Ende Oktober stattfand, im Prinzip unabhängige Gewerkschaften akzeptierte, der Bourgeoisie, den wirtschaftlichen Kampf der Arbeiter zu schwächen, indem sie deren Aufmerksamkeit auf diese Frage lenkte. Doch die Verhaftung zweier Mitglieder von SOLIDARNOSC (Ende November) endete in einem demütigenden Rückzug des Regimes, selbst in solch einer heiklen Frage wie die Kontrolle der Repressionskräfte, weil diesmal der Staat mit der Gefahr einer neuen allgemeinen Streikwelle konfrontiert war.
Das Beispiel der Erschütterungen der polnischen Bourgeoisie läßt uns erahnen, wie eine herrschende Klasse aussieht, wenn sie durch den Klassenkampf in die Enge getrieben wird. In den letzten Jahren hat es an politischen Krisen nicht gefehlt (wie in Portugal 1974-75), aber bislang war das Proletariat nirgendwo ein so bedeutsamer Faktor in den inneren Erschütterungen der Bourgeoisie gewesen. Politische Krisen innerhalb der herrschenden Klasse, die direkt durch den Klassenkampf hervorgerufen werden - dies ist ein weiteres Phänomen, das in der Zukunft noch viel häufiger auftreten wird!
11.  Das Ausmaß der Krise der polnischen Bourgeoisie zeigt sich nicht nur in der Zerbrechlichkeit des Regimes, sondern auch und auf fundamentalere Weise in der Kraft der Arbeiterbewegung in Polen, die fünf Monate lang das Land heimsuchte und die Aufmerksamkeit Europas und der gesamten Welt auf sich zog.
Wir haben bereits die Aufmerksamkeit auf die Stärke dieser Bewegung gelenkt - auf ihre Fähigkeit, aus einem gewerkschaftlichen Rahmen auszubrechen, über alternative Gewerkschaften hinauszugehen, Formen einer wirklichen Arbeiterselbstorganisation zu entwickeln und erfolgreich sowie wirkungsvoll den Kampf zu generalisieren.
Doch die Stärke der Bewegung zeigt sich auch in ihrer Dauer: fünf Monate einer mehr oder weniger permanenten Mobilisierung, der pausenlosen Diskussionen und Reflexionen über die Probleme, mit denen die Arbeiterklasse konfrontiert ist.
In diesen fünf Monaten ist die Bewegung, weit davon entfernt, auszuklingen, stärker geworden. Anfangs noch eine simple Reaktion auf den Anstieg der Fleischpreise, wurde der Kampf zu einer Reihe von Kraftproben mit dem Staat und kulminierte in der Mobilisierung jenes Sektors der Arbeiterklasse, dessen Gewicht entscheidend ist - das heißt die Arbeiter aus der Hauptstadt -, um die Behörden zur Kapitulation zu zwingen und die inhaftierten Arbeiter zu entlassen.
In diesen fünf Monaten hat der Kampf eine zunehmend politische Bedeutung erlangt: Wirtschaftliche Forderungen sind im Umfang und in der Tiefe gewachsen, während politische Forderungen zunehmend radikal wurden. Zunächst reflektierten die politischen Forderungen der Arbeiter noch den Einfluss der bürgerlichen Ideologie, zum Beispiel in der Forderung nach freien Gewerkschaften oder nach Fernsehsendezeit für die Kirche. Doch die späteren Forderungen nach Kontrolle und Einschränkung des Repressionsapparates können natürlich von keiner Regierung in der Welt geduldet werden, da sie auf eine Forderung nach einer Doppelherrschaft hinauslaufen.
In diesen fünf Monaten haben Figuren wie Walesa, die zunächst "radikal" und "extremistisch" zu sein schienen, die Rolle der Feuerwehr angenommen, die von den Behörden von einem Brandherd zum nächsten geschickt wurde, wohingegen die kleine Minderheit, die gegen die Akzeptanz des Übereinkommens von Danzig gestritten hatte, nun zur großen Mehrheit geworden ist, auf die nicht mehr gesetzt werden konnte, wenn es darum ging, all die Kurons und Walesas zusammen zu unterstützen. Zwar konnten die "Führer" ihre Popularität bewahren, aber die Dynamik der Bewegung ging nicht in Richtung einer Stärkung ihrer Autorität, sondern hin zu einer wachsenden Infragestellung des "verantwortungsvollen" Verhaltens, das sie den Arbeiterversammlung anzunehmen rieten. Diese Arbeitervollversammlungen lassen sich nicht mehr in wenigen Minuten von der „Notwendigkeit des Kompromisses“ überzeugen, wie sie es noch am 30.8. in Danzig getan hatten. Stattdessen stellen sie sich stundenlang taub gegenüber all den Sirenenrufen des "Realitätssinns", wie in der Fabrik "Huta Warszawa" am 27. November.
Dies waren fünf Monate schließlich, in denen das Proletariat gegenüber all den stümperhaften und inkohärenten Reaktionen der Bourgeoisie die Initiative behalten hat.
12.  Es gibt jene, die viel Aufhebens um die - realen - Schwächen der Arbeiterbewegung in Polen machen, wie die demokratischen und neu-gewerkschaftlichen Illusionen, der Einfluß der Religion und des Nationalismus, und daraus schließen, daß der Bewegung kein großer Tiefgang und keine große Bedeutung beigemessen werden könne. Es ist klar: wenn man darauf wartet, bis die Arbeiterklasse, wann und wo immer sie zu kämpfen anfängt, völlig mit den Mystifikationen gebrochen hat, die der Kapitalismus der Gesellschaft seit Jahrhunderten aufgezwungen hat, und eine klare Vision der Endziele des Kampfes hat und wie man sie erreicht - wenn man, mit anderen Worten, solange wartet, bis die Arbeiterklasse ein kommunistisches Bewußtsein besitzt , dann kann man kaum begreifen, was in Polen und anderswo bis zum Triumph der Revolution geschieht. Das Problem mit dieser Sichtweise, die im allgemeinen einen sehr "radikalen" Zungenschlag hat, ist, dass abgesehen davon, daß sie auch eine Ungeduld und Skepsis zum Ausdruck bringt, die typisch ist für das Kleinbürgertum, sie die lebende Bewegung der Klasse völlig auf den Kopf stellt.
Die proletarische Bewegung ist ein schmerzhafter Prozeß der Loslösung vom Griff der kapitalistischen Herrschaft, unter der sie zur Welt kam. Wie Revolutionäre und besonders Marx häufig betont haben, bleiben die Mäntel der alten Welt am Leib hängen, und erst nach einem harten Kampf und etlichen Versuchen beginnen sie abzufallen, um den wahren Charakter der Bewegung darunter zu enthüllen. Die Katheder-"Revolutionäre" bringen den Beginn mit dem Ende einer Bewegung durcheinander. Sie wollen ankommen, bevor sie losgegangen sind. Sie haben ein Foto gemacht und verwechseln das Bild mit dem Modell, beschuldigen Letzteres, nicht vom Fleck zu kommen. Im Falle Polens sehen sie - statt die Geschwindigkeit zu erkennen, mit der die Bewegung von einer Stufe zur nächsten voranschreitet, die Überwindung von Furcht und Vereinzelung, die zunehmende Solidarität und Selbstorganisation, den Ausbruch von Massenstreiks - nur den Nationalismus und die Religion, zu deren Überwindung die Erfahrung der Arbeiter noch nicht ausreicht. Statt die Dynamik zu sehen, die die Arbeiter dazu brachte, die gewerkschaftliche Organisationsform abzulehnen und darüber hinaus zu gehen, erblicken sie nur die noch verbleibenden gewerkschaftlichen Illusionen. Statt die beträchtliche Wegstrecke zu sehen, die die  Bewegung zurückgelegt hat, schauen sie nur, wie weit sie noch zu gehen hat, und lassen die Köpfe hängen.
Revolutionäre verbergen vor ihrer Klasse niemals, wie lang und beschwerlich der vor uns liegende Weg ist. Sie schauen nicht immer auf die "angenehmen Seiten". Doch weil es die Rolle der Revolutionäre ist, den Klassenkampf zu stimulieren und einen realen Beitrag zum Wachstum des Bewusstseins des Proletariats über seine Macht zu leisten, gucken sie auch nicht immer auf die "unangenehmen Seiten".
Jene Leute, die die Errungenschaften der polnischen Arbeitern schmälern wollen, hätten auch im März 1871 gesagt: "Oh, die Pariser Arbeiter sind alles Nationalisten!" oder im Januar 1905: "Nun gut, alles, was die russischen Arbeiter tun, ist, irgendwelchen Heiligenbildern hinterherzulaufen!"... und die beiden wichtigsten revolutionären Erfahrungen vor 1917 wäre an ihnen vorbeigegangen.
13.  Eine andere Art, die Bedeutung der gegenwärtigen Bewegung in Polen zu unterschätzen, besteht darin zu behaupten, dass sie hinter den Kämpfen von 1970 und 1976 zurückgeblieben sei, weil sie nicht zu einer gewaltsamen Konfrontation mit den staatlichen Repression geführt hatte. Diese Auffassung lässt außer Acht, dass:
- die Anzahl der Arbeiter, die in einem Kampf getötet wurden, noch nie ein Maß für ihre Stärke war;
- nicht der Brand einiger Parteigebäude 1970 und 1976 die Bourgeoisie zum Rückzug veranlasst hatte, sondern die Gefahr einer Generalisierung der Bewegung, insbesondere nach den Massakern;
- die Bourgeoisie 1980 bislang keine blutigen Unterdrückungsmaßnahmen angewendet hat, weil dies das beste Mittel wäre, die Aufwärtskurve der Bewegung zu beschleunigen;
- die Arbeiter auf Grundlage der Erfahrungen aus der Vergangenheit wussten, dass ihre wirkliche Stärke nicht in sporadischen Zusammenstößen mit der Polizei, sondern in der Organisation und Ausdehnung der Streikbewegung lag;
- die bewaffnete Erhebung, die eine unerlässliche Stufe für das Proletariat auf seinem Weg zur Machtergreifung und Emanzipation ist, etwas völlig anderes ist als die Ausschreitungen, die stets Bestandteil seines Kampfes gegen die Ausbeutung gewesen waren.
Ausschreitungen wie die von 1970 und 1976 in Gdansk, Gdynia und Radom sind eine elementare Reaktion der Arbeiterklasse. Sie sind sporadisch und verhältnismäßig unorganisiert. Sie sind ein Ausdruck der Wut oder der Verzweiflung. Auf militärischer Ebene endeten sie stets in Niederlagen, selbst wenn sie vorübergehend die Bourgeoisie zum Rückzug zwingen konnten. Der Aufstand jedoch tritt auf dem Höhepunkt eines revolutionären Prozesses wie 1917 ein. Er ist eine  überlegte, durchdachte, organisierte und bewusste Handlung durch die Arbeiterklasse.  Weil seine Zielsetzung die Machtübernahme ist, zielt er nicht darauf ab, die Bourgeoisie zum Rückzug zu zwingen oder Zugeständnisse zu erlangen, sondern die Bourgeoisie und den gesamten Apparat der bürgerlichen Macht und Repression militärisch zu schlagen und vollständig zu zerstören. Doch der Aufstand ist mehr als nur ein militärisches oder technisches Problem; er ist ein politisches Problem: seine maßgeblichen Waffen sind die Organisation und das Bewusstsein des Proletariats. Daher ist, wie auch immer es oberflächlich erscheint und wie lang auch immer der Weg ist, ehe dieser Punkt erreicht ist, das Proletariat in Polen heute dem Aufstand näher als 1970 oder 1976, weil es organisierter, erfahrener und bewusster ist.
14.  Die These, dass die Kämpfe 1980 weniger wichtig seien als jene von 1970, schien im Juli oder zu Beginn der Bewegung noch zutreffend, war aber fünf Monate später völlig unhaltbar. Ob man die gegenwärtige Bewegung nun anhand ihrer Dauer, ihrer Forderungen, ihres Umfangs, ihrer Organisation, ihrer Dynamik oder anhand der Zugeständnisse durch die Bourgeoisie und des Ausmaßes ihrer politischen Krise beurteilt, es ist unschwer zu erkennen, dass die Bewegung weitaus machtvoller ist als 1970.
Der Unterschied zwischen den beiden Bewegungen lässt sich mit der Erfahrung erklären, die die polnischen Arbeiter seit 1970 dazugewonnen haben. Jedoch ist dies nur eine Teilerklärung und für sich genommen unzureichend. In der Tat kann man die Größe der heutigen Bewegung nur innerhalb des Kontextes des historischen Wiederauflebens des Weltproletariats seit Ende der Sechziger und durch die Berücksichtigung der verschiedenen Phasen dieses Wiedererwachens verstanden werden.
Der polnische Winter 1970 war Teil der ersten Welle von Kämpfen - einer Welle, die den Beginn des historischen Wiederauflebens markierte und von Mai '68 in Frankreich bis zu den Streiks in Großbritannien 1973-74 dauerte, einschließlich des "heißen Herbstes" 1969 in Italien, der "Cordobazo" in Argentinien, der wilden Streiks in Deutschland im gleichen Jahr und vieler anderer Kämpfe, die alle Industrieländer betrafen. In einer Zeit entstehend, als die Auswirkungen der Krise gerade erst um sich griffen (obwohl in Polen die Lage bereits damals katastrophal war), überraschte diese Offensive der Arbeiterklasse die Bourgeoisie (so wie sie das Proletariat selbst überraschte). Die Bourgeoisie war mithin mehr oder weniger überall zeitweilig entwaffnet. Doch die Bourgeoisie erholte sich sehr schnell; dank aller Arten von Mystifikationen gelang es ihr, die zweite Welle von Kämpfen bis 1978 hinauszuzögern. Diese zweite Welle wurden von den US-amerikanischen Bergarbeitern 1978, den französischen Stahlarbeitern Anfang 1979, den Rotterdamer Hafenarbeitern im Herbst '79, den britischen Stahlarbeitern Anfang 1980 und den brasilianischen Metallarbeiter angeführt. Die gegenwärtige Bewegung des polnischen Proletariats gehört zu dieser zweiten Welle von Kämpfen.
Diese Bewegungen unterschieden sich von Anfang an durch:
-  eine weitaus katstrophalere Krisenentwicklung des Kapitalismus;
-  durch die Tatsache, dass die Bourgeoisie besser vorbereitet war, um auf den Klassenkampf zu antworten;
-  die größere Erfahrung der Arbeiterklasse, besonders bezüglich des Problems der Gewerkschaften. Ein Beweis für diesen Zugewinn an Erfahrung wurde in letzten paar Jahren durch die ausdrückliche Anprangerung der Gewerkschaften durch bedeutsame Minderheiten von Arbeitern wie auch durch die Klärung von Klassenpositionen in dieser Frage durch einige revolutionäre Gruppen demonstriert.
Unter diesen Umständen hat die zweite Welle von Kämpfen weitaus größere Proportionen angenommen als die vorherige Welle, trotz aller Fallen, die von einer vorgewarnten Bourgeoisie gelegt wurden. Dies wird durch die Arbeiterkämpfe in Polen bestätigt.
15.  Der beispiellose Umfang der Kämpfe in Polen, der Ernst der politischen Krise der Bourgeoisie und die Tiefe der Weltwirtschaftskrise könnten zu der Annahme verleiten, dass in Polen eine revolutionäre Situation eingetreten sei. Dies ist keineswegs der Fall.
Lenin definierte die revolutionäre Krise durch die Tatsache, dass "jene, die oben sind, nicht mehr so regieren können wie früher, und jene, die unten sind, nicht mehr so leben können wie früher".  Auf den ersten Blick ist dies die Lage in Polen. Jedoch wäre es zum gegenwärtigen Zeitpunkt angesichts der historischen Erfahrungen, die von der Bourgeoisie gesammelt wurden, besonders im Oktober 1917, eine Illusion zu glauben, die Bourgeoisie würde es zulassen, dass ihre schwächsten Glieder allein dem Proletariat gegenübertreten. So wie wir sahen, wie die Weisen vom westlichen Block ihre Geschenke zur Krippe der neugeborenen "Demokratie" in Spanien 1976 brachten, um sie vor dem damals kämpferischsten Teil des Weltproletariats zu schützen, so sehen wir heute, dass "die da oben" nicht nur in Warschau sitzen, sondern auch und vor allem in Moskau sowie in anderen bedeutenden Hauptstädten. Diese Einheit, die von der Bourgeoisie vor allem im Rahmen ihres Blocks gegenüber der Bedrohung durch das Proletariat demonstriert wird, zeigt, dass eine revolutionäre Periode solange nicht wirklich denkbar ist, bis das Proletariat am Rande eines offenen Klassenkriegs in all jenen Ländern steht, die imstande sind, anderen Sektionen der Bourgeoisie  zu helfen, falls sie Probleme haben.
Diese internationale Reife der Bewegung ist auch auf einer anderen Ebene eine unerlässliche Vorbedingung für die Eröffnung einer revolutionären Periode. Sie allein kann es dem Proletariat in Polen ermöglichen, vollständig mit dem Nationalismus zu brechen, der noch ihren Blick verdunkelt und sie davon abhält, jenen Grad an Bewusstsein zu erlangen, ohne dem eine Revolution ein Unding ist.
Schließlich wird solch eine Bewusstseinsstufe zwangsläufig durch das Auftreten von kommunistischen politischen Organisationen innerhalb der Klasse ausgedrückt. Die fürchterliche Konterrevolution in Russland und in den Ostblockländern hatte zur völligen Liquidierung aller politischen Strömungen des Proletariats in diesen Ländern geführt. Erst wenn das Proletariat beginnt, sich vom Griff der Konterrevolution zu lösen, wie es heute im Begriff ist, wird es in der Lage sein, diese Organisationen neu zu bilden.
Auch wenn die Zeit für einen Aufstand in Polen noch nicht reif ist, so hat sich dennoch ein erster Durchbruch in den Ostblockländern eröffnet, nach einem halben Jahrhundert der Konterrevolution. Der Prozess, der zur Rekonstituierung revolutionärer, politischer Organisationen führen wird,  hat bereits begonnen.
16.  Wie die Ursachen und die Eigenschaften der gegenwärtigen Bewegung in Polen nur innerhalb eines internationalen Rahmens verstanden werden können, so können auch die Perspektiven für die Zukunft nur in diesem Rahmen entworfen werden.
Noch ehe sie sich auf der Ebene des Klassenkampfes herausstellte, ist die internationale Dimension der Ereignisse in Polen durch die derzeitigen Manöver der Bourgeoisie aller Großmächte demonstriert worden. Die Bourgeoisien dieser Länder betonten entweder ihre Besorgnis über die "Bedrohung des Sozialismus" in Polen oder sagten, dass sie darauf "vorbereitet sind, auf das Vorgehen der polnischen Behörden in den verschiedenen Gebieten, wo es erforderlich ist, einzugehen" (Giscard d'Estaing beim Empfang von Jagielski am 21. November), und warnten die UdSSR vor jeglicher Intervention in Polen.
Die Besorgnis der Bourgeoisie aller Länder ist real und fundiert. Denn während sie Ereignisse dieser Art dulden kann, sofern sie sich in zweitrangigen Ländern abspielen (so wie sie zulassen kann, dass die Krise die peripheren Ländern dezimiert), wäre eine ähnliche Situation in einer der wichtigsten kapitalistischen Metropolen wie Russland, Frankreich, Großbritannien oder Deutschland unerträglich für die Bourgeoisie. Polen ist wie eine brennende Lunte, die zu einer Explosion führen könnte, die ganz Osteuropas, einschließlich Russlands, in Mitleidenschaft ziehen und ebenso jene westeuropäischen Länder in Brand setzen könnte, die am stärksten von der Krise betroffen sind. Deshalb hat die Weltbourgeoisie die Regie bei der Entwicklung in Polen übernommen.
Für diese Operation haben sich die beiden Blöcke die Arbeit aufgeteilt:
- dem Westen fällt die Verantwortung zu, der ponischen Wirtschaft Beistand zu leisten, die sich am Rande des Bankrotts befindet: Es gibt keine Möglichkeit einer Rückzahlung der Anleihen, die sich auf 20 Milliarden Dollar belaufen und von den USA, Frankreich und Deutschland gewährt wurden. Jeder weiß, dass diese Kredite niemals zurückgezahlt werden und dass ihr Zweck es ist, die polnischen Arbeiter im Winter mit Nahrungsmittel zu versorgen und so weitere Revolten zu vermeiden.
- Russlands Rolle ist es, heute Drohungen auszustoßen und später der polnischen Bourgeoisie militärischen, "brüderlichen Beistand" zu gewähren, wenn die Dinge sich nicht von selbst erledigen.
Ungeachtet der Warnungen seitens des Westens gegen jegliches “Abenteuer“ der UdSSR und der russischen Anprangerung der"Intrigen des amerikanischen Imperialismus und seiner Marionetten in Bonn" gibt es eine grundlegende Solidarität zwischen den beiden Blöcken, deren gemeinsames Bestreben es ist, das Proletariat in Polen so schnell wie möglich  zum Schweigen zu bringen.
Die russischen, tschechischen und ostdeutschen Tiraden sind ein klassisches Beispiel für den Gebrauch der Propagandawaffe. Sie verraten eine gewisse Angst, dass der Westen den finanziellen Zugriff, den er auf Polen und die anderen osteuropäischen Länder hat, zu seinem Gunsten nutzen wird. Doch ihre Hauptfunktion ist es, den Arbeitern in Polen zu drohen und das Terrain für eine mögliche Intervention zu bereiten, auch wenn diese “Lösung“ nur als letzte Zuflucht (d.h. wenn der polnische Staat zusammenbricht) betrachtet wird, weil die Furcht bleibt, dass solch eine Aktion eine soziale Explosion in ganz Osteuropa entzünden könnte.
Was die Warnungen des Westens angeht, gehören sie teilweise zwar zur klassischen anti-russischen Propaganda, aber sie haben auch eine andere Bedeutung - was bei früheren Warnungen dieser Art nicht der Fall war, z.B. bezüglich der Lage im Persischen Golf oder als Antwort auf die Invasion in Afghanistan. Polen ist ein integraler Bestandteil des Ostblocks, und eine Intervention, wie massiv auch immer (und jede Intervention würde ebenfalls Fronteinheiten aus Ostdeutschland miteinbeziehen), würde nicht zu einer Veränderung des Kräfteverhältnisses zwischen den beiden Blöcken führen. In der Tat hat NATO-Generalsekretär Luns unmissverständlich erklärt, dass seine Organisation im Falle einer russischen Invasion nichts unternehmen werde. Im Grunde genommen ist der Adressat dieser wiederholten Warnungen nicht die russische Regierung, obwohl es zutrifft, dass sie in gewissem Maße ein Versuch sind, einer Bourgeoisie, die weniger raffiniert und  erfahren ist wie die westliche herrschende Klasse, davon abzuraten, sich auf solch ein "Abenteuer" einzulassen, das unvorhersehbare soziale Konsequenzen nicht nur für den Osten, sondern auch für den Westen haben könnte.Diese Warnungen sind im Kern eine ideologische Barriere, die auf das westliche Proletariat abzielt. Sie sind ein Versuch, die wirkliche Bedeutung einer russischen Intervention in Polen vorzuenthalten - die Tatsache zu verbergen, dass, wenn sie stattfindet, sie eine Polizeioperation des Kapitalismus in seiner Gesamtheit gegen die internationale Arbeiterklasse ist. Die westliche Bourgeoisie würde eine Invasion als neues Beispiel der "sowjetischen Barbarei und des sowjetischen Totaalitarismus" gegen die "Menschenrechte" präsentieren. Die Bourgeoisie würde versuchen, die Wut und die Empörung, die solch eine Intervention unter westlichen Arbeitern hervorrufen würde, gegen die “bösen Russen“ zu lenken. Sie würde diese Wut benutzen, um im "demokratischen" Lager "Solidarität" zwischen sämtlichen Gesellschaftsklassen zu schaffen, und dies alles, um zu verhindern, dass das Proletariat seine Klassensolidarität ausspielt, indem es den Kampf gegen den wahren Feind aufnimmt: das Kapital.
Trotz ihres dramatischen Tonfalls sind die westlichen Warnungen kein Hinweis auf eine weitere Verschärfung der Spannungen zwischen den beiden imperialitischen Blöcken. Um absolute Klarheit zu schaffen und die guten Absichten der USA zu zeigen, entsandte Reagan seinen eigenen, persönlichen Gesandten Percy Ende November nach Moskau, um den Führern des Ostblocks mitzuteilen, dass sein Land bereit sei, die SALT-Verhandlungen in einem mpositiveren Sinne neu zu prüfen. In Wirklichkeit hat der Kampf der polnischen Arbeiter die Ost-West-Beziehungen ungeachtet einiger oberflächlicher Erscheinungen wieder auf Temperatur gebracht, nachdem sie nach der Invasion Afghanistans vor einem Jahr merklich abgekühlt waren.
Wir sehen also einmal mehr eine Veranschaulichung der Tatsache, dass das Proletariat die einzige Kraft in der Gesellschaft ist, die im Stande ist, den Kapitalismus durch ihren Kampf daran zu hindern, einen neuen, dritten imperialistischen Weltkrieg auszulösen.
17.  Die Ereignisse in Polen werfen ein Schlaglicht auf die beiden großen Gefahren‚ die das Proletariat bedrohen:
- die Kapitulation vor der Bourgeoisie: die Arbeiter lassen es zu, eingeschüchtert zu werden, Walesas Argumente über die "nationalen Interessen" zu akzeptieren und den fürchterlichen Opfern zuzustimmen, derer es bedarf, um die Wirtschaft zu kurieren (wenn auch nur  zeitweilig), ohne in irgendeiner Weise von der stetig wachsenden Repression ausgespart zu bleiben;
- die blutige, physische Niederschlagung: die Truppen des Warschauer Paktes (denn die polnischen Polizei- und Armeekräfte wären weder ausreichend noch verlässlich genug) würden „dem Sozialismus und den Arbeitern in Polen (d.h. dem Kapitalismus und der Bourgeoisie) brüderliche Hilfe" zuteil werden lassen.
Gegen diese beiden Bedrohungen kann das Proletariat in Polen nur:
- mobilisiert bleiben gegen die Versuche der Bourgeoisie, die Lage zu "normalisieren"; die Solidarität und Einheit bewahren, die bis jetzt seine Stärke gewesen war; den Vorteil dieser Mobilisierung für sich nutzen, nicht indem man sich sofort in eine entscheidende militärische Konfrontation stürzt, die voreilig wäre, solange die Arbeiter der anderen osteuropäischen Länder noch nicht ihren Kampfgeist gezeigt haben, sondern indem es seine Versuche der Selbstorganisation fortsetzt; die Erfahrungen seines Kampfes aufnimmt; die größtmögliche Zahl an politischen Lehren aus dem Kampf zieht; die Kämpfe von Morgen vorbereitet und weiterkommt mit der Aufgabe, revolutionäre politische Organisationen zu bilden;
- einen Appell an die Arbeiter in Russland und den Satellitenländer richten, da nur deren Kampf den mörderischen Bestrebungen der Bourgeoisie Einhalt gebieten und den Arbeitern in Polen ermöglichen kann, die Manöver solch falscher Freunde wie Walesa, die den Weg für die „Normalisierung“ unter Kania vorbereiten, zunichtezumachen.
Das Proletariat in Polen ist nicht allein. Überall auf der Welt entstehen die Bedingungen, die seine Klassenbrüder in den anderen Ländern antreiben werden, sich seinem Kampf anzuschließen. Es ist die Aufgabe der Revolutionäre, aller bewussten Proletarier, der Solidarität der Bourgeoisie aller Länder bei ihrem Versuch, die polnischen Arbeiter zum Schweigen zu bringen, die Solidarität der Weltarbeiterklasse entgegenzusetzen.
Das Proletariat muss genau das tun, was die Bourgeoisie verzweifelt zu verhindern versucht: die Schlachten in Polen dürfen nicht isoliert und ohne Zukunft bleiben, sondern müssen im Gegenteil die Vorboten eines neuen Sprungs im Kampfgeist und Bewusstsein der Arbeiter aller Länder sein.
Wenn die Bewegung in Polen eine gewisse Ebene erreicht hat, dann ist dies keinesfalls ein Zeichen ihrer Schwäche. Im Gegenteil, diese Ebene ist bereits sehr hoch gelegen; in diesem Sinne hat die Arbeiterklasse in Polen bereits auf die Notwendigkeit für das Weltproletariat geantwortet, die Kriegsgefahr zurückzudrängen, indem "sie ihren Kampf auf ein höheres Niveau bringt", wie die IKS in ihrer Stellungnahme zur Invasion der Sowjetunion in Afghanistan (20. Januar 1980) gesagt hatte. Und außerdem wird die Bewegung in Polen nur dann dazu verurteilt sein, auf dieser Ebene zu verharren, wenn sie isoliert bleibt. Jedoch es gibt keinen Grund, warum sie zu solch einer Isolation verurteilt sein sollte. Daher können wir, Rosa Luxemburg mit ihrer Äußerung zur Russischen Revolution 1918 paraphrasierend, nur hoffnungsvoll sagen: „In Polen konnte das Problem nur gestellt werden; es liegt am Weltproletariat, es zu lösen.“

IKS, 4.12.80
Quell-URL: http://de.internationalism.org/rint6/polen1