DER NIEDERGANG DER RUSSISCHEN REVOLUTION

Die zweite Nummer des Forward, der Zeitschrift der Revolutionary Workers' Group, enthält eine internationale Diskussion zwischen unserer Strömung (Internacionalismo: ‚Verteidigung des proletarischen Charakters der Oktoberrevolution’) und der RWG (‚Die Fehler Internacionalismos hinsichtlich der russischen Revolution’). In der Kritik unseres Artikels wirft die RGW wichtige Fragen auf, ohne jedoch einen allgemeinen Rahmen zu entwerfen, der ein umfassendes Verständnis der russischen Erfahrung erlauben würde.

Die Revolutionäre analysieren die Geschichte weder um ihrer selbst willen, noch um herauszufinden, „was sie unternommen hätten, wenn sie da gewesen wären“, sondern um mit der Gesamtheit der Klasse die Lehren aus den Erfahrungen der Arbeiterbewegung zu ziehen. Dies geschieht mit der Absicht, den Weg, der in den Zukunftskämpfen verfolgt werden muß, besser zu verstehen.

Der Artikel unserer Strömung „Verteidigung des proletarischen Charakters der Oktoberrevolution“ versucht eine Kernfrage zu klären, ohne vorzugeben, eine umfassende Analyse der komplexen Fragen der russischen Revolution zu unternehmen. Die russische Revolution war eine Erfahrung des Proletariats und keine bürgerliche Revolution; sie war wesentlicher Bestandteil der revolutionären Welle, die den Kapitalismus auf der ganzen Welt von 1917 bis in die frühen 20er Jahre erschütterte. Die russische Revolution war keine „bürgerliche Aktion“, die man ruhig begraben und in unseren augenblicklichen Analysen außer Acht lassen kann. Im Gegenteil, es wäre verheerend, falls die heutigen Revolutionäre, die den Stalinismus ablehnen, damit gleichzeitig die tragische Geschichte ihrer Klasse verwerfen. Die proletarischen Merkmale der Oktoberrevolution zurückzuweisen - wie dies jene Verfechter tun, die der Tradition der Rätebewegung folgen - ist eine Verschleierung, die den Tatbestand der revolutionären Bemühungen der Klasse verschweigt, genau wie die Verschleierungen der Stalinisten und Trotzkisten, die sich an die sog. materiellen Errungenschaften oder den „Arbeiterstaat“ klammern, um die Verteidigung des russischen Staatskapitalismus zu rechtfertigen.

Indem man den proletarischen Charakter der Oktoberrevolution anerkennt, muß man ebenso anerkennen, daß es die bolschewistische Partei war, die in den ersten Reihen der internationalen marxistischen Linken stand und die Klassenpositionen während des ersten Weltkriegs, insbesondere im Jahre 1917, verteidigte. Aber mit der Niederlage der internationalen Arbeiteraufstände erlag die isolierte russische Bastion einer Konterrevolution im Innern, und die bolschewistische Partei - der Stützpfeiler der internationalen kommunistischen Linken im Jahre 1919 - degenerierte zu einer Partei des bürgerlichen Lagers.

Dies sind die Hauptideen des Artikels in Internacionalismo, trotz der oft schwer lesbaren Übersetzung, die der Forward davon angefertigt hat. Der Forward will im Grunde nicht das Problem des proletarischen Wesens der Oktoberrevolution diskutieren; hiermit stimmt er überein. Das, was ihn beschäftigt, ist das konterrevolutionäre Wesen  der nachfolgenden Ereignisse, obgleich Internacionalismo dieses Thema nur zweitrangig behandelt. Es gibt übrigens in unserer Presse keinen Artikel, der ausreichen würde, alle Probleme der Geschichte auf einmal zu behandeln. Trotz dieses Mißverständnisses in der Ausgangsbasis lesen wir dennoch mit Erstaunen: „Für die Genossen von Internacionalismo wie für die Trotzkisten und die Bordigisten gab es eine unüberwindbare Grenze zwischen der Ära Lenins und der Ära Stalins. Nach ihrer Auffassung konnte das Proletariat nicht „verlieren“, bevor Lenin in seinem Grab in Sicherheit war und Stalin endgültig an der Spitze der Partei stand“ (Forward, Nr. 2, S. 42). Wir wissen, Genossen, daß dieses rührende Glaubensbekenntnis sich bei verschiedenen trotzkistischen Gruppen - von denen auch die Genossen des Forward herrühren - wiederfindet, aber in keinem Fall trifft dieses Glaubensbekenntnis für unsere Strömung zu:

„Der Mangel an Verständnis seitens der Führer der bolschewistischen Partei hinsichtlich der Rolle der Sowjets (Arbeiterräte) und ihre falsche Auffassung über den Entwicklungsprozeß des Bewußtseins der Arbeiterklasse haben zu dem Niedergangsprozeß der russischen Revolution beigetragen. Dieser Prozeß hat schließlich die bolschewistische Partei - die 1917 die echte Avantgarde der Arbeiterklasse stellte - in ein aktives Instrument der Konterrevolution verwandelt... Seit dem Anfang der Revolution bestand die Tendenz in der bolschewistischen Partei, die Räte in Organe des Parteistaates umzuwandeln“ (Erklärung der Prinzipien, Internacionalismo). Weiterhin: „Die Oktoberrevolution hat das erste Ziel der proletarischen Revolution erfüllt: das politische Ziel. Sie hat wegen der Niederlage der Weltrevolution und der Unmöglichkeit des Sozialismus in einem Land nicht zur 2. Etappe übergehen können, d.h. den Prozeß der wirtschaftlichen Umwälzung nicht in die Wege leiten können. Wie die bolschewistische Partei eine aktive Rolle bei der Entwicklung des revolutionären Prozesses gespielt hat, der zum Oktober führte, so ist sie auch ein aktiver Faktor bei der Entartung der Oktoberrevolution von 1917 gewesen, ebenso wie bei der internationalen Niederlage des Proletariats... Weil sie sich organisch und ideologisch mit diesem Staat identifizierte, mit der Verteidigung dieses Staats als einzige und hauptsächliche Pflicht, mußte die bolschewistische Partei - besonders nach dem Ende des Bürgerkriegs - der objektive Träger der Konterrevolution und des Staatskapitalismus werden“ (Grundprinzipien der IKS).

Diese Zeilen scheinen klar zu zeigen, daß der Verlauf der Konterrevolution ein Prozeß war, dessen Grundlagen mit dem Ersticken der Macht der Arbeiterräte und der Unterrückung des selbständigen Handelns des Proletariats gelegt wurde; ein Prozeß, der zu dem Massaker an einem Teil der Arbeiterklasse von Kronstadt durch den Staat führte. All dies zu Lebzeiten Lenins.

Warum kam es zu der Entartung der russischen Revolution? Die Antwort kann nicht innerhalb des Rahmens einer Nation, in Rußland allein gefunden werden. So wie die russische Revolution 1917 die erste einer Reihe von internationalen Arbeiteraufständen war, war ihre Entartung zu einer Konterrevolution ein Ausdruck einer internationalen Erscheinung - das Ergebnis des Scheiterns der Handlungen der internationalen Klasse des Proletariats. In der Vergangenheit haben die bürgerlichen Revolutionen einen Nationalstaat geschaffen, einen logischen Rahmen für die Entwicklung des Kapitalismus, und diese bürgerlichen Revolutionen konnten mit einer zeitlichen Spanne von einem Jahrhundert oder mehr zwischen den verschiedenen Ländern stattfinden. Im Gegenteil dazu ist die proletarische Revolution ihrer Natur nach eine internationale Revolution, die sich ausdehnen muß, bis sie die ganze Welt umfaßt - oder sie ist zu einem neuen Absterben verdammt.

Mit dem 1. Weltkrieg - der das Ende der aufsteigenden Phase des Kapitalismus aufzeigte - war ein Punkt erreicht, wo es für die Arbeiterbewegung und ihre unmittelbaren Ziele kein Zurück mehr gab. Die Unzufriedenheit gegen den Krieg nahm in den wichtigsten Ländern Europas schnell eine politische Stoßrichtung gegen den Staat an. Aber die Mehrheit der Arbeiterklasse war nicht fähig, sich von den Überresten der Vergangenheit (Unterstützung der Politik der II. Internationale, die mittlerweile ins Lager des Klassenfeinds übergewechselt war) zu läsen und die Bedeutung der neuen Periode vollständig zu erfassen. Weder das Proletariat in seiner Gesamtheit noch seine politischen Organisationen verstanden vollständig die Notwendigkeiten des Klassenkampfes in dieser neuen Periode des „Krieges oder Revolution“, des „Sozialismus oder Barbarei“. Trotz der heldenhaften Kämpfe des Proletariats in jener Epoche wurde die revolutionäre Welle durch das Massaker an der europäischen Arbeiterklasse gebrochen. Die russische Revolution war das Leuchtzeichen, das zu jener Zeit die Arbeiterklasse führte, aber das täuscht nicht über die Tatsache hinweg, daß ihre Isolierung eine große Gefahr darstellte. Ein kurzer Zwischenraum zwischen revolutionären Aufständen trägt viele Gefahren in sich, aber im Jahre 1920 wurde die Lücke immer unüberbrückbarer.

In Verbindung mit dem internationalen Rückzug und der Isolierung der russischen Revolution spielen die schwerwiegenden Fehler der Bolschewisten eine große Rolle. Diese Fehler müssen mit der Erfahrung und den Kämpfen der Arbeiterklasse im Zusammenhang gesehen werden. Die Fehler oder die positiven Beiträge einer Klassenorganisation fallen weder vom Himmel, noch entwickeln sie sich zufällig oder willkürlich. Sie sind im weitesten Sinne des Wortes die Widerspiegelung des Klassenbewußtseins der gesamten Arbeiterklasse. Die bolschewistische Partei war durch die Handlungen des russischen Proletariats im Jahre 1917 dazu gezwungen, sich gleichzeitig theoretisch und politisch weiterzuentwicklen. Sie spiegelte ebenso die Isolierung und die großen Verluste des Proletariats in der Phase der zunehmenden Siege der Konterrevolution wider. Ganz gleich, ob es sich um Bolschewisten, Spartakisten oder jedwede andere politische Organisation jener Zeit handelt, als diese mit den neuen Aufgaben der Periode der Dekadenz - die mit dem 1. Weltkrieg anbrach - konfrontiert wurde der Boden für die schweren politischen Fehler durch ihr unvollständiges Verständnis der Periode bereitet.

Aber die Partei des Proletariats ist nicht eine einfache passive Widerspiegelung des Bewußtseins, sie ist ein aktiver Faktor der Entwicklung und Verbreitung des Bewußtseins. Indem sie die Klassenziele während des 1. Weltkriegs (den imperialistischen Krieg in einen Bürgerkrieg umwandeln) und während der revolutionären Periode (Opposition gegen die bürgerlich demokratischen Regierungen, „Alle Macht den Räten“, Bildung der Kommunistischen Internationale auf der Grundlage eines revolutionären Programms) klar ausdrückten, haben die Bolschewisten dazu beigetragen, den Weg des Sieges klar festzulegen. Trotzdem haben die Positionen, die die Bolschewisten in dem Zusammenhang mit dem Verebben der revolutionären Welle ergriffen haben (Bündnis mit dem Zentrum  auf internationaler Ebene, Propagierung der Arbeit in den Gewerkschaften, den Parlamenten, Taktik der Einheitsfront, Kronstadt), dazu beigetragen, den konterrevolutionären Prozeß auf internationaler Ebene sowie in Rußland zu beschleunigen. Als die Bewährungsprobe proletarischer Praxis durch den Sieg der Konterrevolution unmöglich gemacht wurde, konnten die Fehler der russischen Revolution nicht mehr ausgeglichen werden. Die bolschewistische Partei war das Instrument der Konterrevolution geworden.

Aufgrund der Unmöglichkeit des Sozialismus in einem Land ist die Frage der Entartung der russischen Revolution vor allem eine Frage der internationalen Niederlage des Proletariats. Die Konterrevolution hatte in Europa gesiegt, bevor sie in Rußland zuschlug. Dies soll nicht, wiederholen wir es noch einmal, die Fehler der russischen Revolution oder der bolschewistischen Partei ‚entschuldigen’, ebenso nicht die Fehler des italienischen und deutschen Proletariats, nicht gewußt zu haben, wie sie die Revolution hätten durchführen können. Die Marxisten halten  nichts von „Entschuldigungen“, sie  „entschuldigen“ nicht die Geschichte. Ihre Aufgabe ist es zu erklären, warum diese Ereignisse stattgefunden haben, um somit die Lehren für die kommenden Kämpfe des Proletariats zu ziehen.

Dieser allgemeine internationale Rahmen fehlt in der Analyse der Revolutionary Workers' Group, die die „Revolution und Konterrevolution in Russland“ fast ausschließlich in russischen Maßstäben mißt. Diese Vorgehensweise scheint nützlich zu sein, ein spezielles Problem theoretisch zu isolieren. Aber sie bietet keinen Rahmen, der zum Verständnis beitragen würde, warum diese Ereignisse in Rußland stattgefunden haben. Sie führt dazu, sich im Kreis um ein ausschließlich russisches Phänomen zu drehen. Wie Rosa Luxemburg schrieb: „Das Problem konnte in Rußland nur gestellt, es konnte in Rußland nicht gelöst werden“.

DIE BESONDEREN ASPEKTE DER ENTARTUNG DER REVOLUTION

Die in diesem Artikel gesetzten Grenzen zwingen uns dazu, uns auf einen Gesamtüberblick des Verlaufs der Entartung zu beschränken, ohne auf die Details der verschiedenen Teilabschnitte einzugehen.

Die russische Revolution wurde zunächst und vor allem als der erste Sieg des internationalen Klassenkampfes der Arbeiterklasse angesehen. Im März 1919 riefen die Bolschewisten zum ersten Kongreß einer neuen Internationale auf, um den Bruch mit der verräterischen Sozial-Demokratie zu kennzeichnen, und um die revolutionären Kräfte für die nachfolgenden Kämpfe zu vereinigen. Unglücklicherweise war die Arbeiterrevolte in Deutschland schon im Januar 1919 niedergeschlagen worden, und die revolutionäre Welle wich schon zurück. Und dennoch - trotz der fast totalen Blockade gegenüber Rußland und den verfälschten Nachrichten, die in Rußland von der westlichen Arbeiterklasse eintrafen, setzte die Revolution all ihre Hoffnungen auf die einzig mögliche Lösung: die internationale Vereinigung der revolutionären Kräfte unter einem Programm, das die Ziele der Klasse klar festlegte:

„So verwirklicht das Rätesystem die wahre  proletarische Demokratie, die Demokratie für  und innerhalb des Proletariats gegen die Bourgeoisie. Das  industrielle Proletariat  wird in diesem System bevorzugt als die führende, bestorganisierte, politisch reifste Klasse, unter deren Hegemonie die Halbproletarier und die Kleinbauern auf dem flachen Lande allmählich gehoben werden“.(Richtlinien der Kommunistischen Internationale, 1919).

„Die notwendige Voraussetzung eines solchen erfolgreichen Kampfes ist die Trennung nicht nur von den direkten Lakaien des Kapitals und den Henkern der kommunistischen Revolution, in welcher Rolle die rechten Sozialdemokraten erscheinen, sondern auch vom ‚Zentrum’ (Kautskyaner), das in den kritischsten Momenten das Proletariat verläßt, um mit seinen offenen Gegnern zu kokettieren“ (ebenda).

Dies war die Position im Jahre 1919 vor den darauf folgenden Bündnissen mit den Zentristen, wodurch diesen die Partei (und die Internationale) geöffnet wurde und was  schließlich zu Volksfronten  führte.

„Kolonialsklaven Afrikas und Asiens! Die Stunde der proletarischen Diktatur in Europa wird auch die Stunde Eurer Befreiung sein!“ (S. 11, Manifest der Komintern)

Und nicht das Gegenteil - wie es die Vertreter der Extremen Linke heute gern behaupten, indem sie den konterrevolutionären Formulierungen der entartenden Internationale auf dem Gebiet der nationalen Befreiung nachfolgen.

„Wir fordern die Arbeiter und Arbeiterinnen aller Länder auf, sich unter dem kommunistischen Banner zu vereinigen, unter dessen Zeichen die ersten großen Siege bereits erfochten sind“.(ebenda, S. 17) Und nicht der Sozialismus in einem Land.

„Unter dem Banner der Arbeiterräte, des revolutionären Kampfes für die Macht und die Diktatur des Proletariats, unter dem Banner der Dritten Internationale, Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!“ (ebenda, S. 18)

Diese Positionen sind Ausdruck des enormen Schritts vorwärts, den das Proletariat in den vorausgegangenen Jahren gemacht hatte. Die Positionen, die die Bolschewisten verteidigten, entsprachen oft dem Bruch mit den früheren Programmen; sie waren politisch ein Aufruf an die gesamte Arbeiterklasse, die neuen politischen Notwendigkeiten der revolutionären Situation anzuerkennen.

Im Jahre 1920 aber machten die bolschewistischen Führer auf dem 2. Kongreß der gleichen Internationale eine Kehrtwendung, indem sie zu den Taktiken der Vergangenheit zurückkehrten. Die Hoffnung auf die Revolution nahm schnell ab, und die bolschewistische Partei verteidigte alsbald die 21 Beitrittsbedingungen zur Internationale, die u.a. folgende Punkte einschlossen: Anerkennung der nationalen Befreiungskämpfe, die Teilnahme an Wahlen, die Unterwanderung der Gewerkschaften, kurzum: eine Rückkehr zum sozial-demokratischen Programm, das der neuen Situation überhaupt nicht mehr entsprach. Die russische Partei übernahm die Führung der Komintern und das Büro in Amsterdam wurde geschlossen. Und vor allem: der bolschewistischen Führung gelang es, die Linkskommunisten zu isolieren: die italienische Linke mit Bordiga, die englischen Genossen um Pankhurst, Pannekoek, Gorter und die KAPD (die auf dem 3. Kongreß ausgeschlossen wurde). Die Bolschewisten und die führenden Kräfte der Komintern stimmten für eine Annäherung an das Zentrum, die sie nur zwei Jahre zuvor als Verräter denunziert hatten. Dank ihrer Verleumdungen und ihrer Manöver gegen die Linken gelang es ihnen, jeden Ansatz, eine Grundlage für die kommunistischen Parteien in England, Frankreich, Deutschland und anderswo zu schaffen, im Keime zu ersticken. Durch dieses Verhalten stand der ‚Volksfront’ des 4. Kongresses im Jahre 1922 nichts mehr im Wege und ebenso der Verteidigung des russischen Vaterlandes und des „Sozialismus in einem Land“.

Die Schwächung der revolutionären Welle und der Weg zur Konterrevolution sind allerdings ebenso klar gekennzeichnet durch den Abschluß des Geheimvertrages von Rapallo mit dem deutschen Militarismus. Was immer auch die Analyse der positiven und negativen Punkte des Vertrages von Brest-Litovsk sind, er wurde nicht geheim und erst nach einer langen Debatte in der bolschewistischen Partei unterzeichnet, und er wurde dem Weltproletariat als etwas durch die kritische Lage Aufgezwungenes vorgetragen. Aber der Vertrag von Rapallo - ein nur 4 Jahre später mit dem deutschen Staat abgeschlossener militärischer Geheimvertrag - war ein Verrat all dessen, was die Bolschewisten vorher verteidigt hatten. Die Keime der Konterrevolution verbreiteten sich mit einer für die Periode historischer Umwälzungen typischen Schnelligkeit, wo große Ereignisse innerhalb einiger Jahre oder gar innerhalb einiger Monate stattfinden. Und schließlich war jegliches Leben im Körper der Internationale abgestorben, als die Doktrin des „Sozialismus in einem Land“ verkündet wurde.

Die gewaltträchtige Geschichte der Komintern kann nicht auf einen machivaellistischen Plan reduziert werden, der vorgesehen hätte, daß die Arbeiterklasse sowohl in Rußland als auch international verraten werden sollte. Diese kindische Vorstellung kann nichts in der Geschichte erklären. Aber die Arbeiterklasse war aufgrund der Niederlage und des Zurückweichens der revolutionären Welle nicht fähig zu reagieren, um ihre eigene Organisation wiederaufzurichten; dies ist die Niederlage, die die endgültige Entartung ihrer Organisation und der revolutionären Prinzipien hervorgerufen hat.

Marx und Engels hatten festgestellt, daß eine Partei oder eine Internationale nur ein Instrument der Klasse bleiben könnten, solange keine Periode der Reaktion einsetzt. Dieses Instrument der Klasse kann nicht als organisatorische Einheit fortbestehen, wenn die Praxis der Arbeiterklasse nicht mehr besteht - dieses Instrument wird selbst von dem Rückweichen oder der Niederlage durchdrungen, und es dient schließlich der Verwirrung oder der Konterrevolution. Deshalb hat Marx den Bund der Kommunisten nach dem Zurückweichen der revolutionären Welle von 1848 aufgelöst sowie auch die I. Internationale (indem sie nach New York ‚’geschickt’ wurde), nachdem die Niederlage der Pariser Kommune das Ende einer Periode angekündigt hatte. Ungeachtet ihres wirklichen Beitrages zur Arbeiterbewegung durchlief die II. Internationale während der aufsteigenden Phase des Kapitalismus einen langen Prozeß der Korruption, während dessen sie sich mehr und mehr mit dem Reformismus verband und jeder Partei eine nationale Ausrichtung gab. Ihr endgültiger  Übergang ins bürgerliche Lager fand mit dem Weltkrieg 1914 statt, als sie am imperialistischen Krieg mitwirkte. Während dieses Krisenzeitraums für die Arbeiterklasse fiel die Aufgabe einer fortwährenden theoretischen Ausarbeitung und der Entwicklung des Klassenbewußtseins den revolutionären Fraktionen zu, die aus den alten Organisationen hervorgegangen waren, und die den Boden für die Errichtung einer neuen Organisation bereiten mußten. Die III. Internationale war im Hinblick auf die schon eingesetzte revolutionäre Welle von Kämpfen nach dem 1. Weltkrieg aufgebaut worden, aber das Scheitern der revolutionären Anstrengungen und der Sieg der Konterrevolution verwandelten auch die Rolle der Internationale. Das Wesen als Klasseninstrument der Arbeiterklasse schlug in sein Gegenteil um. Der Prozeß der Konterrevolution (obgleich er schon vorher angefangen hatte) wurde mit der Erklärung des Sozialismus in einem Land abgeschlossen. Dies beendete jede objektive Möglichkeit des Verbleibens von revolutionären Fraktionen in der Internationale und stellte das Ende einer ganzen Epoche dar.

In einer Phase des Zurückweichens kann die bürgerliche Ideologie aufgrund der Stärke der Ideen der herrschenden Klasse in der Gesellschaft die proletarischen Kämpfe durchdringen. Aber wenn eine Organisation endgültig in das bürgerliche Lager übergewechselt ist, ist der Weg für jede Möglichkeit der ‚Erneuerung’ versperrt. So wie keine Fraktion, die das Bewußtsein der Arbeiterklasse ausdrückt, aus einer bürgerlichen Organisation - und dies schließt heute die Stalinisten, Trotzkisten und Maoisten ein (selbst wenn Einzelne fähig sind, den Bruch zu vollziehen) - hervorgehen kann, so waren die Komintern und alle ihr zugehörigen Parteien unwiderruflich für die Arbeiterklasse verloren.

Dieser Prozeß kann heute besser verstanden werden als dies zu jener Zeit für die Gesamtheit der Klasse oder für die am meisten entwickelten Teile der Klasse möglich war. Der Verlauf der Konterrevolution, der die Komintern mit erfaßte, hat eine furchtbare Verwirrung in den letzten 50 Jahren gestiftet. Selbst jene, die die Aufgabe der theoretischen Aufarbeitung in den finsteren 30er und 40er Jahren weiterverfolgt haben, brauchten lange, um alle Auswirkungen des Zeitraums der Niederlage zu verstehen. Aber lassen wir die arroganten ‚Modernisten’, die ‚alles 1974-75 entdeckt haben’, dem Mond erzählen, wie die Geschichte hätte verlaufen sollen.

DER HINTERGRUND DER EREIGNISSE IN RUSSLAND

Das internationale Programm der Bolschewisten, ihre Rolle in dem internationalen konterrevolutionären Prozeß wird in der RWG-Broschüre äRevolution und Konterrevolutionä in Rußland fast gar nicht besprochen und in dem Text des Forward nur flüchtig behandelt. Aus der Sicht dieser Genossen beginnt die Konterrevolution im Wesentlichen mit der NEP (Neue Ökonomische Politik). Für sie war die NEP der ‚Wendepunkt’ in der Geschichte der Sowjetunion. In jenem Jahr wurde der Kapitalismus wiederhergestellt, die politische Diktatur besiegt und die Sowjetunion war kein Arbeiterstaat mehr“ (Revolution und Konterrevolution in Rußland, S. 7). Wir wollen zuerst heraustellen, daß wie immer auch die Ereignisse in dem russischen Zusammenhang gewesen sein mögen, und welchen Einfluß sie auch immer auf das proletarische Bewußtsein gehabt haben mögen, eine internationale Revolution oder eine Internationale sterben nicht ab aufgrund einer falschen Wirtschaftspolitik in einem Land. Der Leser der RWG-Texte wird vergeblich nach einem zusammenhängenden Rahmen suchen, mit Hilfe dessen er die NEP oder die sich anzeigende Entwicklung in Rußland untersuchen könnte.

Die Entartung der Revolution auf russischem Boden äusserte sich im Wesentlichen in dem stufenweisen, aber tödlichen Verfall der Sowjets und ihrer Reduzierung zu einem bloßen Anhängsel der bolschewistischen Staatspartei. Die selbständige Tätigkeit des Proletariats, Arbeiterdemokratie innerhalb des sowjetischen Systems, waren die eigentlichen Grundlagen des Oktobersieges. Aber schon im Jahre 1918 gab es die ersten Anzeichen, daß die politische Macht der Arbeiterräte beschnitten und schließlich durch den Staatsapparat zerschlagen wurde. Dieser Verfall der Sowjets führte zum Massaker an einem Teil der Arbeiterklasse in Kronstadt. Es erscheint daher als nicht merkwürdig, daß die RGW -auf die NEP fixiert - noch nicht einmal das Massaker von Kronstadt im Zusammenhang mit dem russischen Staat erwähnt. In keinem der beiden Haupttexte über Rußland wird Kronstadt erwähnt, ebenso fällt kein Wort über Rapallo. Es ist vielleicht verständlich, daß die Genossen der RWG - sie haben erst kürzlich mit dem Trotzkismus gebrochen - als sie diesen Artikel schrieben - noch nicht verstanden, daß Kronstadt keineswegs die konterrevolutionäre Meuterei war, als die sie Lenin und Trotzki bezeichnet hatten. Es ist jedoch weniger verständlich, daß sie unsere Genossen aus Internacionalismo beschuldigen, nicht fähig zu sein, die Entartung der Revolution zu Lenins Lebzeiten zu begreifen.

Der Grundfehler der bolschewistischen Partei in Rußland war die Auffassung, daß die Macht durch eine Minderheit der Klasse - die Partei-  ausgeübt werden sollte. Sie glaubten, daß die Partei den Sozialismus der Klasse ‚überbringen’ könnte, und sie verstand nicht, daß die Klasse als ein Ganzes, organisiert in Arbeiterräten, der Träger der sozialistischen Umwälzung ist. Diese Vorstellung von der Partei, die die Staatsmacht ergreift, wurde mehr oder weniger von der ganzen Linken, Rosa Luxemburg eingeschlossen, bis zu den Schriften der KAPD im Jahre 1921 geteilt. Die russische Erfahrung der Parteimacht, die das Proletariat mit Blut bezahlt hat, kennzeichnet eine endgültige Klassengrenze hinsichtlich der Frage, ob die Partei oder eine Minderheit der Klasse die Macht im Namen der Arbeiterklasse übernehmen sollte. Von diesem Zeitpunkt an wurde es zum Merkmal der revolutionären Fraktionen der Klasse, daß die Partei und der Staat nicht verwechselt werden sollten, und weiterhin, daß es nicht Aufgabe der politischen Organisation der Klasse sei, stellvertretend für die ganze Klasse zu handeln, sondern nur zur Entwicklung des Klassenbewußtseins beizutragen.

Das historische Klasseninteresse der Arbeiterklasse als der Zerstörer des Kapitalismus war nicht immer von Anfang an klar, dies konnte es auch nicht gewesen sein, da proletarisches politisches Bewußtsein fortwährend dem Druck der herrschenden bürgerlichen Ideologie unterliegt. Marx und Engels schrieben das Kommunistische Manifest, ohne zu wissen, daß die Arbeiterklasse den bürgerlichen Staatsapparat nicht übernehmen und nützen könnte. Erst die Erfahrung der Pariser Kommune bewies unwiderruflich, daß die Arbeiterklasse den bürgerlichen Staat zerstören muß, um die Herrschaft über die Gesellschaft auszuüben. In der gleichen Weise wurde in der Arbeiterbewegung bis 1917 die Frage der Partei debattiert, aber die russische Erfahrung stellt hier die Klassengrenze dar. Diejenigen, die heute die Fehler der Bolschewisten wiederholen wollen oder eine Wiederholung befürworten, befinden sich auf der anderen Seite der Klassengrenze.

Mit dem Ersticken der Sowjets zerstörte der russische Staat nichts anderes als die eigentliche Triebkraft des Sozialismus. Ohne die organisierte selbständige Tätigkeit der Klasse als ein Ganzes wurde jede Hoffnung auf ein Wiedererstarken allmählich zerstört. Die Wirtschaftspolitik der Bolschewisten wurde dikskutiert, geändert, umgewandelt, aber ihre politische Stoßrichtung in Rußland war ein gleichbleibender, tiefgreifender Prozeß des Grabschaufelns der Revolution. Die Tragweite dieses Prozesses wird noch deutlicher, wenn man ihn im Zusammenhang mit der  internationalen Niederlage der Arbeiterklasse betrachtet.

DIE DIKTATUR DES PROLETARIATS

Eine der ersten und wichtigsten Lehren, die aus der gesamten revolutionären Erfahrung aus der Zeit nach dem 1. Weltkrieg gezogen werden muß, ist  daß der Kampf der Arbeiterklasse vor allem ein internationaler Kampf ist, und daß die Diktatur des Proletariats (in einem Gebiet oder weltweit) in erster Linie eine politische Frage ist.

Im Gegensatz zur Bourgeoisie ist das Proletariat eine ausgebeutete und keine ausbeutende Klasse, es hat daher keine wirtschaftlichen Vorrechte, auf die sich seine Zukunft als Klasse stützen könnte. Die bürgerlichen Revolutionen waren hauptsächlich die politische Anerkennung einer wirtschaftlich vollendeten Tatsache - schon während eines langen Zeitraums vor der eigentlichen Revolution war die Kapitalistenklasse zur wirtschaftlich herrschenden Klasse emporgestiegen. Die proletarische Revolution nimmt dagegen eine wirtschaftliche Umwälzung von einem politischen Ausgangspunkt in Angriff - der Diktatur des Proletariats. Die Arbeiterklasse hat keine wirtschaftlichen Vorrechte zu verteidigen, weder in der alten noch in der neuen Gesellschaft, sie besitzt nur ihre organisierte Stärke und ihr Klassenbewußtsein, ihre politische  Macht ist in den Arbeiterräten organisiert, mittels derer sie die Umwälzung der Gesellschaft dirigiert. Die Zerstörung der bürgerlichen Macht und die Enteignung der Bourgeoisie muß weltweit siegreich sein, bevor echte soziale Umwälzungen unter der Führung der Diktatur des Proletariats durchgeführt werden können.

Das ökonomische Hauptgesetz des Kapitalismus, das Wertgesetz, ist ein Produkt des gesamten kapitalistischen Weltmarkts und es kann in keiner Weise in einem Land (selbst in keinem der höchstentwickelten Länder oder in einer Reihe von Ländern) aufgehoben werden - sondern nur auf weltweiter Ebene. Man kann dieser Tatsache in keinem Fall entkommen - selbst wenn man sie in Worten anerkennt und sie dann außer Acht läßt, indem man über die Möglichkeit der Abschaffung des Geldes oder der Lohnarbeit (direktes Ergebnis des Wertgesetzes und des kapitalistischen Systems in seiner Gesamtheit) redet. Erst nach der Machtübernahme im internationalen Maßstab findet die Umwälzung der Gesellschaft statt und nicht vorher.  Die einzigen Waffen, die die Arbeiterklasse besitzt, um diese Umwälzung durchzuführen, sind:

1) ihre bewaffnete und organisierte Stärke, um den Sieg der Revolution überall auf der Welt zu erringen.

2) das Bewußtsein ihres kommunistischen Programms, das eine politische Orientierung für die wirtschaftliche Umwälzung der Gesellschaft ist.

Der Sieg der Arbeiterklasse hängt nicht davon ab, ob die Arbeiterklasse eine Fabrik oder gar alle Fabriken in einem Land verwalten kann. Die Produktion zu verwalten, während das kapitalistische System weiterhin noch besteht, verurteilt diese Verwaltung zu einer Verwaltung der Produktion des Mehrwerts und des Austausches. Die erste Aufgabe eines siegreichen Proletariats in einem Land oder Gebiet besteht nicht darin herauszufinden, wie man eine mythische „Insel des Sozialismus“ schaffen kann, weil dies unmöglich ist, sondern ihre ganze Unterstützung ihrer einzigen Hoffnung zukommen zu lassen, dem Sieg der Weltrevolution.

Es ist von großer Bedeutung, sich hier über die Prioritäten klar zu werden. Die wirtschaftlichen Maßnahmen, die die Arbeiterklasse in einem Land, in einem Gebiet ergreifen wird, sind von zweitrangiger Bedeutung. Im besten Fall können diese Maßnahmen nur Behelfsmaßnahmen sein, die die richtige Richtung anzeigen; jeglicher Fehler kann berichtigt werden, solange die Revolution voranschreitet. Falls aber die Arbeiterklasse ihren politischen Zusammenhalt verliert oder ihre bewaffnete Stärke, oder falls die Arbeiterräte die politische Kontrolle und ihr klares Bewußtsein über die richtige Richtung verlieren, dann besteht keine Hoffnung mehr, diese Fehler zu berichtigen, ganz zu schweigen von der Hoffnung auf eine sozialistische Zukunft. Heute erheben sich viele Stimmen gegen diese Auffassung. Manche behaupten, den Arbeiterkampf auf politischer Ebene führen zu wollen, sei eine abgedroschene Sache, reaktionärer Unfug. In Wirklichkeit sei es die Vorstellung einer objektiv definierten revolutionären Klasse, der Arbeiterklasse, ebenso alter Kram; stattdessen spricht man von einer neuen allgemeinen Klasse all jener, die unterdrückt werden, „psychologisch leiden“ oder philosophisch und gefühlsmäßig zur Revolution neigen. „Kommunistische Verhältnisse“ oder „kommunistische Praxis“ (so lautet auch der Name einer mittlerweile eingegangenen englischen Gruppe könnten unmittelbar verwirklicht werden, sobald das Volk es wünsche. Die wirklich wichtige Frage ist für sie natürlich nicht, daß die Arbeiterklasse weltweit die Macht ergreifen und die Kapitalistenklasse ausschalten sollte, sondern vielmehr die unmittelbare Einrichtung von sog. „kommunistischen Beziehungen“ mittels spontanen Drucks des Volkes.

Die vollkommen abstrakten und mythischen Elemente dieser ‚Theorie’ sollten uns nicht die Augen vor der Tatsache verschließen lassen, daß diese Theorie als ein guter Deckmantel für die Selbstverwaltungsideologie dient. Sobald eine wachsende Unzufriedenheit in der Arbeiterklasse eine Massenbewegung als eine Reaktion auf die kapitalistische Krise hervorruft, kann eine der Reaktionen der Bourgeoisie die sein, den Arbeitern zu sagen, das wahre Interesse der Arbeiter sei, sich nicht mit ausschließlich politischen Angelegenheiten zu beschäftigen, nicht den bürgerlichen Staat zu zerstören, sondern die Fabriken zu übernehmen und sie für „sich selbst“ in einem guten Zustand zu verwalten. Die Herrschenden werden alles unternehmen, damit die Arbeiter sich in einem unnützen Versuch verschleißen, ein Wirtschaftsprogramm der Selbstverwaltung der Ausbeutung durchzusetzen. Während dessen warten die Bourgeoisie und der Staat ab, um die Früchte einzukassieren. Genau dies geschah 1920 in Italien, als Ordino Nuovo und Gramsci die wirtschaftlichen Möglichkeiten von Fabrikbesetzungen bejubelten, während die linke Fraktion um Bordiga davor warnte, daß, obgleich die Arbeiterräte ihren Ursprung in den Fabriken hatten, sie zu einem Frontalangriff gegen den Staat und das gesamte System voranschreiten müßten, oder sie müßten absterben.

Die Genossen der RWG weisen den politischen Kampf nicht zurück. Sie begnügen sich damit zu sagen, daß der politische Zusammenhang und die wirtschaftlichen Maßnahmen gleich wichtig und entscheidend seien. In einem gewissen Sinn wiederholen sie einfach einen marxistischen Gemeinplatz, die Arbeiterklasse als ausgebeutete Klasse kämpft nicht um politische Macht über die Bourgeoisie, um irgendeine Machtpsychose zu befriedigen, sondern um die Grundlagen zu schaffen für die gesellschaftlichen Umwälzungen mittels des Klassenkampfes und der organisierten, selbständigen Tätigkeit der einzig revolutionären Klasse, die sich selbst und die ganze Menschheit von der Ausbeutung für immer befreien kann. Aber die Genossen von der RWG haben keine konkrete Vorstellung davon, wie der Prozeß der gesellschaftlichen Umwälzungen in die Wege geleitet werden kann. Die Revolution ist ein schneller Angriff gegen den kapitalistischen Staat, aber die wirtschaftliche Umwälzung ist ein weltweiter, langwieriger, komplexer Prozeß. Um den ökonomischen Prozeß erfolgreich durchzuführen, muß der politische Rahmen der Diktatur des Proletariats klar sein. Weiterhin heißt Machtübernahme durch das Proletariat nicht, daß der Sozialismus durch eine Verordnung eingeführt werden kann. Deshalb:

1) die wirtschaftliche Umwälzung kann der proletarischen Revolution nur nachfolgen und ihr nicht vorausgehen (ein Aufbau des Sozialismus mit der Kapitalistenklasse an der Macht ist unmöglich), die wirtschaftliche Umwälzung beginnt auch nicht gleichzeitig mit der Machtübernahme der Klassenherrschaft des Proletariats über die Gesellschaft.

2) die politische Macht des Proletariats öffnet den Weg für die soziale Umwälzung, aber die erste Stütze für das Voranschreiten der Revolution ist die Einheit und der Zusammenhalt der Arbeiterklasse. Die Klasse mag wirtschaftliche Fehler begehen, die berichtigt werden müssen, aber falls sie die Macht einer anderen Klasse oder einer Partei übergibt, ist jegliche wirtschaftliche Umwälzung definitionsgemäß unmöglich.

Ausgehend von unserer Bestätigung, daß die politische Diktatur des Proletariats der Rahmen und die Vorbedingung für soziale Umwälzungen sind, kommen die Einfältigen aus dem ‚Forward’ zu der Schlußfolgerung: „Es erscheint, daß Internacionalismo die Notwendigkeit eines wirtschaftlichen Krieges des Proletariats gegen den Kapitalismus leugnet“ (Forward, S. 44).

Den Behauptungen des Forward halten wir entgegen, daß nicht alles unmittelbar von gleicher Wichtigkeit und von gleicher Tragweite für den revolutionären Kampf ist. In einem Land, in dem die Revolution gerade gesiegt hat, kann es vorkommen, daß die Arbeiterräte es als notwendig erachten, 10 bis 12 Stunden am Tag Waffen und Material zu produzieren, die an ihre eingeschlossenen Klassenbrüder in einer anderen Gegend verschickt werden. Ist dies Sozialismus? Nicht, wenn man berücksichtigt, daß die Grundlagen des Sozialismus die Produktion für menschliche Bedürfnisse (und nicht für die Zerstörung) und die Verkürzung des Arbeitstages sind.  Muß dies deshalb als ein konterrevolutionärer Vorschlag verurteilt werden? Selbstverständlich nicht, da die erste Aufgabe und die Hoffnung der Arbeiterklasse darin besteht, die Revolution international auszudehnen. Müssen wir uns deshalb nicht eingestehen, daß das Wirtschaftsprogramm den Bedingungen des Klassenkampfes unterworfen ist, und daß es unmöglich ist, ein wirtschaftliches Paradies für die Arbeiter in einem Land zu schaffen? Weiterhin müssen wir betonen, daß eine politische Schwächung der Macht der Räte, über die Politik zu entscheiden und die Richtung des Kampfes anzugeben, fatale Auswirkungen hätte.

Revolutionäre würden ihre Klasse belügen, falls sie ihr Hoffnung machten auf süße Träume, auf Milch und Honig und auf wirtschaftliche Wunder, anstatt den Todeskampf und die enorme Verschwendung und Zerstörung im Bürgerkrieg zu betonen.  Die Behauptung, daß unvermeidbare wirtschaftliche Rückschläge (in einem Land oder gar in mehreren oder in einem Gebiet) das Ende der Revolution bedeuteten, käme einer Entmutigung der Klasse gleich. Man würde vom Mittelpunkt des Klassenkampfes und der einzigen Hoffnung, eine weltweite Übergangsperiode zum Sozialismus zu eröffnen, ablenken, indem man diese Fragen unmittelbar auf die gleiche Ebene stellt wie die politische Solidarität, Arbeiterdemokratie und die Entscheidungsbefugnis des Proletariats.

Die RWG antwortet, daß schließlich „doch nicht alles nach der Revolution so wie vor der Revolution bleiben könne“, und sie weisen auf die tragischen Bedingungen der Arbeiter im Jahre 1921 in Rußland hin. Aber sie erklären uns nicht, von welchen Bedingungen sie sprechen. Meinen sie, daß Massenorganisationen der Arbeiterklasse von der wirklichen Teilnahme am ‚Arbeiter-Staat’ ausgeschlossen waren? Daß die Arbeiter aufgrund des Streiks in Petrograd unterdrückt wurden? Falls sie dies meinen, treffen sie den Kern der Entartung der Revolution. Oder meinen sie nur die Hungersnot? Hier müssen wir festhalten, daß es sinnlos ist, uns vorzutäuschen, die Gefahren von Hungersnot und großer Not würden nach der Revolution ganz einfach nicht mehr existieren. Oder meinen sie, daß Arbeiter immer noch in Fabriken arbeiten müssen und, daß die Löhne (in einem Land) nicht abgeschafft werden, oder daß der Tausch noch existierte? Obgleich diese Praktiken mit Sicherheit nicht sozialistisch sind, können sie in der Tat unvermeidbar sein, es sei denn, man würde vorgeben, daß die Abschaffung des Wertgesetzes eine bloße Frage des Wollens sei. Wie die RWG behauptet, „eine Grenze muß irgendwo gezogen werden“. Aber wo? Wenn man die große Wichtigkeit des Unterschiedes von politischem Zusammenhalt und Macht der Klasse und wirtschaftlichen Rückschlägen vernebelt, werden die Probleme der zukünftigen Kämpfe eine Frage des Wunschdenkens, eine Hoffnung auf wirtschaftliche Wunder. Sozialistische oder kommunistische Verhältnisse (diese Ausdrücke werden hier als gegenseitig ersetzbar verwendet) sind hauptsächlich die vollständige Abschaffung aller „blinden ökonomischen Gesetze“, insbesondere des Wertgesetzes, das die kapitalistische Produktion beherrscht; dies wird es möglich machen, daß die Bedürfnisse der Menschheit befriedigt werden. Der Sozialismus ist das Ende aller Klassen (die Integration aller nicht-kapitalistischen Sektoren in die vergesellschaftete Produktion und die Anfänge der frei „assoziierten Arbeit“, die über die eigenen Bedürfnisse entscheidet), ein Ende jeglicher Ausbeutung, ein Ende der Notwendigkeit eines Staates (der Ausdruck einer in Klassen gespalteten Gesellschaft ist) und die Akkumulation des Kapitals mit der damit verbundenen Lohnarbeit und der Marktwirtschaft. Es ist das Ende der Herrschaft der toten Arbeit (Kapital) über lebendige Arbeit. In diesem Sinne ist der Sozialismus keineswegs eine Frage der Schaffung von neuen ökonomischen Gesetzen, sondern eine Abschaffung der Wurzeln der alten Gesetze unter dem Schutz des kommunistischen Programms der Arbeiterklasse. Der Kapitalismus ist nicht der bösartige Bourgeois mit der Zigarre, sondern die gesamte gegenwärtige Organisation des Weltmarkts, die augenblickliche weltweite Arbeitsteilung, Produktion in privater Hand, - die Bauern eingeschlossen -, Unterentwicklung und Misere, Produktion für die Zerstörung usw. All dies muß ausgerottet werden, aus der Geschichte der Menschheit für immer verschwinden. Dies erfordert einen Prozeß wirtschaftlicher und sozialer Umwälzungen von gewaltigem Ausmaß, der zumindest eine Generation dauern wird, wenn nicht noch mehr. Und was noch wichtig ist, kein Marxist kann die Einzelheiten der neuen Situation, vor der die Arbeiterklasse nach der Revolution stehen wird, vorhersagen. Marx vermied immer Entwürfe für die Zukunft, und die russische Erfahrung kann uns nur einige allgemeine Richtlinien für die wirtschaftliche Umwälzung andeuten. Revolutionäre würden ihrer Aufgabe nicht gerecht werden, falls ihr einziger Beitrag wäre, die russische Revolution zu beschuldigen, den Sozialismus nicht gleich in einem Land geschaffen zu haben, oder Wunschträume zu verbreiten über die Gleichzeitigkeit der politischen Veränderungen und der wirtschaftlichen Umwälzungen.

Der Dreh- und Angelpunkt des ökonomischen Programms der Revolution ist die Notwendigkeit einer Klarheit über die Hauptrichtlinien, und daß die Arbeiterklasse wissen muß, welche Maßnahmen, die auf eine Zerstörung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse (und damit zum Aufbau des Sozialismus) hinauslaufen, sobald wie möglich durchgeführt werden müssen. Es ist eine Sache festzustellen, daß wir unter gewissen Umständen gezwungen sind, länger zu arbeiten und nicht in der Lage sind, das Geld in einem Gebiet sofort abzuschaffen. Es ist etwas anderes zu sagen, daß Sozialismus harte Arbeit ist und - noch schlimmer - Verstaatlichung und Staatskapitalismus ein Schritt zum Sozialismus sei.

Die Bolschewiki sollten nicht so sehr dafür kritisiert werden, vom Kriegskommunismus zur NEP (von einem unzulänglichen Plan zum anderen übergegangen zu sein, sondern vielmehr für die Tatsache, daß sie Verstaatlichungen und Staatskapitalismus als eine Hilfe für die Revolution priesen, und daß „wirtschaftlicher Wettbewerb mit dem Westen“ als ein Prüfstein für die Stärke der sozialistischen Produktivität gerühmt wurde). Ein klares Programm für eine soziale Umwälzung ist eine absolute Notwendigkeit, wir können heute diese Fragen nach 50 Jahren „später Einsicht“ besser verstehen als die Bolschewiki, oder irgendeine andere politische Gruppierung zu jener Zeit.

Die Arbeiterklasse braucht klare Richtlinien für ihr politisches Programm, den Schlüssel für die wirtschaftliche Umwälzung; aber sie braucht keine falschen Versprechungen eines unmittelbaren Endes der Schwierigkeiten oder eine Verschleierung, wie daß das Wertgesetz durch Dekret abgeschafft werden könne.

DIE NEP (NEUE ÖKONOMISCHE POLITIK)

Die RWG sind nicht die einzigen, die die Betonung auf die NEP legen. Viele, die gerade mit dem Linksextremismus, insbesondere mit den verschiedenen trotzkistischen Spielarten gebrochen haben, handeln in der gleichen Weise. Nach all dem Unfug über den heutigen 'Arbeiterstaat' und die Kollektivierung in Staatshänden, die beweise, daß Rußland heute sozialistisch sei, begeben sie sich auf die Suche nach „dem Augenblick, an dem die Kehrtwendung zwischen 1917 und heute in Rußland stattgefunden haben muß“ (Forward, S. 44). Es ist die altbekannte Fragestellung „warum ist denn der Kapitalismus wieder zurückgekehrt?“, die die Trotzkisten immer aufwerfen.

Die NEP war keineswegs eine in den Köpfen der bolschewistischen Führung erdachte Erfindung. Im Gegenteil: die NEP ist zum großen Teil die Fortsetzung des Programms der Kronstädter Revolte. Der Kronstädter Aufstand schlug einige politische Schlußfolgerungen vor, die das Leben der Revolution retten sollten: die Wiederherstellung der Macht der Arbeiterräte, Arbeiterdemokratie und ein Ende der bolschewistischen Diktatur durch den Staat. Aber die Kronstädter Arbeiter, die durch die Hungersnot zum Mausern von Werkzeugen - die bei den Bauern gegen Lebensmittel eingetauscht wurden - gezwungen wurden, entwickelten ein ökonomisches Programm, das eine Regulierung des Tausches unter der Kontrolle der Arbeiter vorsah, eine Regulierung des Handels in der Weise, daß die Hungersnot und die wirtschaftliche Stagnation ein Ende finden würden. In Rußland wurden mit Lebensmittel beladene Lastwagen, die in die Städte fuhren, von der hungernden Bevölkerung angehalten und geleert; sie mußten daher von bewaffneten Wachen begleitet werden. Die Lage war katastrophal, sowohl Kronstadt als auch die Bolschewisten hatten nichts anderes als eine Rückkehr zu einer Art von wirtschaftlicher Normalisierung anzubieten. Diese Normalisierung konnte nur kapitalistisch sein.

Der Angriff der RWG gegen die NEP trägt dem geschichtlichen Zusammenhang, in dem die NEP angenommen wurde, überhaupt nicht Rechnung. Weiterhin verwechseln sie einige Grundsatzpunkte hinsichtlich des Krieges gegen den Kapitalismus, den sie zu führen vorgeben.

1) „Falls die Lage in Rußland die Wiedereinrichtung des kapitalistischen Regimes in Rußland - so wie es teilweise geschah - erzwang, während gleichzeitig die Wiedereinrichtung des Kapitalismus die Wiedereinsetzung des Proletariats als eigenständige Klasse als solche bedeutete (?)“ (Revolution und Konterrevolution in Rußland, S. 7,17), „fragt man sich, was dem Kapitalismus noch mehr zugestanden werden müsse, um den Kapitalismus wieder herzustellen?“ (Forward Nr. 2, S. 46).

All dies ist ein treffender Beweis, daß hier eine tiefgreifende Verwirrung vorliegt. Die NEP war nicht die „Wiedereinsetzung des Kapitalismus“, da der Kapitalismus in Rußland nie abgeschafft worden war. Die RWG verwirrt die Frage noch mehr, indem sie an anderer Stelle hinzufügt, „obgleich die NEP nicht die Wiedergeburt der kapitalistischen Wirtschaftsverhältnisse war, so war sie dennoch die Wiedergeburt von normalen, d.h. legalen kapitalistischen Wirtschaftsverhältnissen“ (Revolution und Konterrevolution in Rußland, S. 7). Dies ist noch absurder. Ob kapitalistische Verhältnisse als legal, d.h. offiziell als existierend anerkannt werden oder nicht, ist bloß eine juristische Frage. Welche Klarheit kann man gewinnen, indem man vortäuscht, die Realität existiere nicht? Die NEP war in dem Sinne kein entscheidender Wendepunkt, nicht weil sie die Existenz von kapitalistischen Wirtschaftskräften wieder einführte (oder anerkannte) - die Hauptgesetze der kapitalistischen Wirtschaft beherrschten das russische System, da sie den Weltmarkt beherrschten (2)[i].

Dies mag manche zu der Folgerung verleiten,  sie hätten immer schon gewußt, daß Rußland kapitalistisch war und es daher keine proletarische Revolution gegeben habe. Wir werden jedoch nie dazu in der Lage sein, von einer proletarischen Revolution sprechen zu können, falls wir auf der Ansicht beharren, sie nicht als einen ursprünglich politischen ‚Schub’ - der die Kapitalistenklasse beseitigt - zu betrachten, sondern als eine vollständige wirtschaftliche Umwälzung von heute auf morgen. Hier kommen wir wieder auf das Thema „Sozialismus in einem Land“ zu sprechen, das wie eine unheilverkündende Wolke über der russischen Erfahrung lastet. Die NEP war ein Schritt hin zum Staatskapitalismus mit der Verstaatlichung der Schlüsselindustrien, aber sie war sicherlich keine grundsätzliche Rückkehr vom Sozialismus (oder ein anderes System als der Kapitalismus) zurück zum Kapitalismus.

2) „Sie (die NEP) bedeutet im Grunde genommen einen prinzipiellen Rückzug, einen programmatischen Verrat der Klassengrenzen“.

Dies ist der Kern des Arguments, obgleich es die natürliche Ableitung aus dem vorherigen Punkte ist. Niemand wäre so dumm zu behaupten, daß die Arbeiterklasse nie einen Rückzug machen kann; obgleich in einem umfassenden Sinn die Revolution entweder voranschreiten muß oder abstirbt, darf dies nie einseitig ausgelegt werden, um zu folgern, daß wir auf einer geraden Linie voranschreiten können, ohne auf Probleme zu treffen. Die Frage, die sich hiernach stellt, ist die folgende: was ist ein unvermeidbarer Rückzug und was ist ein Prinzipienkompromiß? Das bolschewistische Programm war insofern ein anti-proletarisches Programm, als es eine Rechtfertigung und Verschleierung des Staatskapitalismus verkörperte; aber die Unfähigkeit, das Wertgesetz oder den Tausch in einem Land abzuschaffen, ist unter keinen Umständen ein Überschreiten der Klassengrenze. Entweder trifft man hier eine klare Unterscheidung, oder man wird zur Verteidigung der Schlußfolgerung gezwungen, daß die Arbeiterklasse in Rußland zu einem „vollständigen Sozialismus“ hätte übergehen können. Da dies unmöglich ist, müßten Revolutionäre die Unfähigkeit verschweigen, das Programm an die erste Stelle zu setzen, indem sie über die tatsächliche Entwicklung Lügen verbreiteten.

Rückzüge auf wirtschaftlicher Ebene werden sicherlich in vielen Fällen (trotz der Notwendigkeit einer klaren Orientierung) unvermeidbar sein, aber Rückzüge auf der politischen Ebene bedeuten den sicheren Tod für die Arbeiterklasse. Dies ist der fundamentale Unterschied zwischen der NEP und dem Massaker von Kronstadt, zwischen der NEP und dem Vertrag von Rapallo oder der Volksfronttaktik.

„Was hätten die Genossen des Internacionalismo in der gleichen Situation unternommen? Hätten sie wieder die Marktwirtschaft eingeführt? Hätten sie die Industrie in den Händen der Manager dezentralisiert? Hätten sie den Rubel saniert? Mit einem Wort: hätten sie einen Rückzug durchgeführt, der in der Tat eine Niederlage war? ... Hätten sie die Interessen der proletarischen Revolution den Interessen des russischen nationalen Kapitals untergeordnet?“ (Forward, S. 45).

Die „was hättet ihr getan, wenn“-Vorgehensweise in der Geschichte ist definitionsgemäß sinnlos, da die Geschichte nicht umgeändert oder mit unserem heutigen Bewußtsein (oder Mangel an Bewußtsein) beurteilt werden kann. Die naiven Fragen der RWG zeigen jedoch, daß sie den Unterschied zwischen Rückzug und Niederlage nicht begriffen haben.

Die Marktwirtschaft? Sie wurde international nie zerstört, obgleich dies das einzige Mittel ist, sie zu zerstören; weiterhin hat sie niemand in Rußland wiederhergestellt, sie hat immer existiert! Der Rubel? Dies ist auch eine absurde Frage, wenn man vom marxistischen Standpunkt aus die Rolle des Geldes und des Weltkapitalismus betrachtet. Dezentralisierung der Industrie? Diese politische Frage stellt die Macht der Arbeiterräte grundsätzlich infrage. Sie gehört einem anderen Fragenbereich an. Die Interessen des russischen Kapitals zu verteidigen? Das war sicherlich die Totenglocke der Revolution selber.

Die wirtschaftliche Umwälzung kann „nicht durch Dekret eingeführt werden, aber das Dekret ist der erste Schritt dazu, „ Wenn die RWG mit dem Dekret das Programm der Arbeiterklasse meint, dann können wir einfach den vollständigen und sofortigen Sozialismus dekretieren. Und was dann? Wie gelangt man dorthin? Oder sollten wir sagen: a) schmeißen wir das Handtuch vollständig hin oder b) lügen und täuschen wir vor, daß wir den Sozialismus durch kleine sozialistische Republiken aufbauen können? Die Revolution in einem Land wie GB z.B. (keineswegs eine rückständige, unterentwickelte Wirtschaft wie die russische im Jahre 1917) könnte nur einige Wochen aushalten, bevor sie durch eine Blockade, die zur Verhungerung führen würde, im Tode erstickt wäre. Welchen Sinn hat es, über den ewig siegreichen Wirtschaftskrieg gegen den Kapitalismus zu sprechen, wenn man sich mitten in einer Hungersnot befindet. Die einzige Politik, die die revolutionäre Bastion schützt und verteidigt, ist der offensive, internationale Kampf, und die einzige Hoffnung ist die politische Solidarität der Klasse, ihre eigenständige Organisation und der internationale Klassenkampf.

EINIGE MASSNAHMEN FÜR EIN ÜBERGANGSPROGRAMM

Mit ihrem Gerede über die NEP bietet die RWG keine Vorschläge für eine wirksame sozialistische Orientierung in der Wirtschaft in den Kämpfen von morgen an. In welche Richtung sollten wir uns bewegen, so wie die Umstände des Klassenkampfes es erlauben?

1) Unverzügliche Vergesellschaftung von großen Kapitalkonzentrationen und der Hauptzentren proletarischer Aktivität,

2) Planung der Produktion und der Verteilung durch die Arbeiterräte gemäß den Kriterien der größtmöglichen Befriedigung der Bedürfnisse (der Arbeiter und des Klassenkampfes) und nicht zugunsten der Akkumulation,

3) Hinarbeiten auf die Verkürzung des Arbeitstages,

4) Wesentliche Erhöhung des Lebensstandards der Arbeiter, wobei die unverzügliche Organisierung der kostenlosen Benutzung von Verkehrsmitteln, des kostenlosen Wohnens und kostenlosen Gesundheitsdienstes eingeschlossen sind; die Leitung wird von den Arbeiterräten übernommen;

5) Versuche, soweit wie möglich Löhne und Geldform zu beseitigen, selbst wenn dies die Form von Lebensmittelrationierungen - falls Lebensmittel nicht ausreichend vorhanden sind - durch die Arbeiterräte auf gesamtgesellschaftlicher Ebene annehmen sollte. Dies wird in Gegenden, in denen es eine hohe Konzentration des Proletariats gibt und viele Ressourcen zur Verfügung stehen, leichter sein;

6) Organisierung der Beziehungen zwischen vergesellschafteten Bereichen und Bereichen, in denen die Produktion individuell organisiert bleibt (auf dem Land) und mit Hinblick auf organisierten und gemeinsamen Tausch durch Kooperativen als erster Stufe (die allmählich zur Auflösung aller privaten Produktion durch den Sieg des Klassenkampfes auf dem Lande führt). Dies wäre ein Schritt vorwärts zum Verfall der Marktwirtschaft und des individuellen Tausches.

Diese Punkte sollten nur als Anregungen für eine Orientierung in der Zukunft verstanden werden, ein Beitrag zur Diskussion innerhalb der Klasse.

DIE ARBEITEROPPOSITION

Da die Genossen der RWG die russische Situation nicht verstehen, verheddern sie sich in ihr. Sie versuchen eine Orientierung anzubieten, indem sie sich auf die Seite einer der verschiedenen Fraktionen stellen, die sich in Rußland gegenüberstanden. Genau wie jene, die die Vergangenheit total leugnen und so tun, als ob revolutionäres Bewußtsein erst gestern (mit ihnen versteht sich) geboren worden sei, behauptet die RWG das Gegenteil und erklärt Geschichte mit ihren eigenen Maßstäben. Dies ist keine Bereicherung der Lehren der Vergangenheit, es ist eher ein Wunsch, diese erneut zu beleben und „es besser zu machen“ anstatt sich zu fragen, was können wir heute daraus lernen. So schreibt die RWG: „Das Programm der Arbeiteropposition   ist unser Programm, da es die selbständige Tätigkeit der Arbeiterklasse gegen die Bürokratie und die Tendenzen gegen eine Wiedereinsetzung des Kapitals „s ist allerdings ein totales Verkennen dessen, was die Arbeiteropposition im Zusammenhang mit den Debatten in Rußland wirklich bedeutete. Die Arbeiteropposition war eine der vielen Gruppen, die gegen die Entartung der russischen Revolution kämpften. Wir wollen hier nicht im Geringsten die oft mutigen Bemühungen der Arbeiteropposition leugnen; sie müssen nichtsdestotrotz in einer gewissen Perspektive betrachtet werden. Die Arbeiteropposition war nicht gegen die Bürokratie, aber gegen die Staatsdemokratie und für die Gewerkschaftsbürokratie. Die Gewerkschaften sollten das Kapital in Rußland verwalten und nicht die Maschinerie der Staatspartei. Obgleich es möglich ist, daß die Arbeiteropposition proletarische Klassenpositionen verteidigen wollte, konnten sie sich dies nur im Rahmen der Gewerkschaften ausmalen. Ein echtes Klassenleben in den Sowjets war im Jahre 1920-21 fast vollständig ausgelöscht, aber dies bedeutet nicht, daß die Gewerkschaften und nicht die Arbeiterräte die Instrumente der Diktatur der Arbeiterklasse waren. Dies ist die gleiche Art von Beweisführung, die die Bolschewisten zur Schlußfolgerung verleitete, daß man aufgrund der Niederlagen in Europa, und weil das Programm des I. Kongresses der Kommunistischen Internationale nicht so schnell in die Tat umgesetzt werden konnte, daher auf einige Standpunkte des alten sozialdemokratischen Progamms (wie Unterwanderung der Gewerkschaften, Beteiligung an den Parlamenten, Bündnisse mit dem Zentrum usw.) zurückkommen müßte. Selbst als die Arbeiterräte zerschlagen waren, war ein selbständiges Handeln der Klasse (ganz zu schweigen von revolutionärer Aktivität) in den Gewerkschaften in dem dekadent gewordenen Kapitalismus unmöglich geworden. Die gesamte Diskussion über die Gewerkschaften ging von falschen Voraussetzungen aus: nämlich daß die Klasseneinheit in den Arbeiterräten durch die Gewerkschaften ersetzt werden könnte. In dieser Hinsicht zeigte der Aufstand von Kronstadt - indem er zum Wiedererstarken der Arbeiterräte aufrief - viel mehr Klarheit, obgleich er ebenso zum Scheitern verurteilt war. Zur gleichen Zeit stimmte die Arbeiteropposition der militärischen Unterdrückung des Aufstands zu und unterstützte dieses Vorgehen sogar. Man muß die Debatte, die sich um die Frage drehte, wie die Entartung der Revolution gemanagt werden konnte, in ihrem historischen Zusammenhang begreifen. Es wäre allerdings vollkommen absurd, das Programm heute als das eigene anzunehmen.

Ferner schreibt die RWG: „Aber wir sind von einer Sache überzeugt: falls das Programm der Arbeiteropposition angenommen worden wäre, das Programm der autonomen proletarischen Aktivität, wäre die Diktatur des Proletariats in Rußland mit fliegenden Fahnen im Kampf gegen den Kapitalismus untergegangen (wenn sie überhaupt gestorben wäre), anstatt sich anzupassen. Und es gab Aussichten, daß sie durch einen Sieg im Westen gerettet worden wäre. Wenn dieses Kampfprogramm angenommen worden wäre, hätte es keinen internationalen Rückzug gegeben. Dann wäre es für die internationale Linke in der Komintern möglich gewesen, in der Komintern die Oberhand zu gewinnen“ (ebenda, S. 45-46).

Das beweist, daß es noch immer eine versteckte Überzeugung innerhalb der RWG gibt, die besagt, hätte Rußland etwas Besseres unternommen, wäre alles anders verlaufen. Rußland ist der Dreh- und Angelpunkt von allem. Sie nehmen weiter an - wie wir gesehen haben -, daß wenn die wirtschaftlichen Maßnahmen unterschiedlich gewesen wären, wäre der politische Verrat vermieden worden, anstatt umgekehrt. Aber die historische Absurdität dieser Hypothese wird durch die Aussage treffend deutlich, es hätten „Aussichten bestanden, daß die internationale Linke die Oberhand in der Komintern gewonnen hätte“. Die internationale Linke - von der sie vermutlich sprechen - verstanden das Wirtschaftsprogramm zu jener Zeit nicht sehr gut, aber die KAPD z.B. trat für die Verwerfung der Gewerkschaften und ihrer Bürokratie ein. Die Arbeiteropposition hatte wenig oder fast gar nichts zu der Strategie der Bolschewisten im Westen zu sagen,  und sie stimmten automatisch mit jeglicher offiziellen bolschewistischen Politik auf diesem Gebiet überein, einschließlich der 21 Bedingungen des 2. Kongresses der Komintern (so wie es Ossinski tat). Die Vorstellung, daß die Arbeiteropposition der zentrale Sammelpunkt in der internationalen Linken gewesen wäre, ist eine Erfindung der RWG, da sie die Geschichte, von der sie so leichtfertig reden, nicht kennen. Während in dem Text auf S. 45 die RWG verurteilt, daß es keine Aufgabe der Revolutionäre sei, Zukunftsdeutungen vorzunehmen, stellen sie einige Zeilen vorher genau dar, welche unermesslichen Aussichten die Arbeiteropposition der Arbeiterklasse eröffnet hatte. Man kann sagen, es wäre nicht nur besser gewesen, die Zukunftsdeutungen aus dem Spiel zu lassen, sondern zu wissen, worüber man spricht.

DIE LEHREN DER OKTOBERREVOLUTION

Der Hauptzweck dieses Artikels ist es nicht, eine Polemik zu führen, obgleich es sicherlich hilfreich wäre, einige Absurditäten aus der Welt zu schaffen. Die Hauptaufgabe der Revolutionäre ist es, von der Geschichte ausgehend vorwärtszuschreiten, um die Orientierungslinien für die Zukunft zu entwerfen. Die spezielle Diskussion über die Frage, wann die Revolution entartete, ist weniger wichtig als

1) zu verstehen, daß dies stattfand,

2) zu erklären, warum dieses geschah,

3) einen Versuch zu wagen, durch eine Synthese der negativen und positiven Lehren aus jener Zeit zum Klassenbewußtsein beizutragen.

In diesem Sinne möchten wir zu einem allgemeinen Überblick der Haupterfahrungen der Klassenpositionen, die die Erfahrung der revolutionären Welle uns für heute und morgen hinterlassen hat, beitragen:

1. Die proletarische Revolution ist eine internationale Revolution, und die erste Aufgabe der Arbeiterklasse in jedem Land ist die Ausdehnung der Weltrevolution.

2. Die Arbeiterklasse ist die einzige revolutionäre Klasse, der einzige Träger der Revolution und der sozialistischen Umwälzung. Es ist heute klar, daß jegliches Arbeiter-Bauern-Bündnis abgelehnt werden muß.

3. Die Arbeiterklasse als eine Gesamtheit, in Arbeiterräten organisiert, bildet die Diktatur des Proletariats. Die Rolle der politischen Partei der Klasse ist weder die Staatsgewalt an sich zu reißen, noch im Namen der Klasse zu herrschen, sondern zur Entwicklung und zur Verbreitung des Klassenbewußtseins innerhalb der Klasse beizutragen. Keine Minderheit in der Klasse darf die politische Gewalt anstelle der Klasse ausüben.

4. Die Arbeiterklasse muß die bewaffnete Gewalt direkt gegen die Bourgeoisie ausüben. Die nicht-proletarischen, nicht-ausbeutenden Elemente in die vergesellschaftete Produktion zu integrieren, muß zum vorherrschenden Mittel der Vereinigung der Gesellschaft werden, obgleich proletarische Gewalt manchmal gegen diese Elemente notwendig sein mag. Aber Gewalt ist als ein Mittel, die Diskussion innerhalb des Proletariats und seiner Klassenorganisationen zu entscheiden, auf jeden Fall ausgeschlossen. Alle Versuche müssen unternommen werden, die Solidarität und die Einheit des Proletariats mittels der proletarischen Demokratie zu stärken.

5. In der Periode der Dekadenz ist der Staatskapitalismus der vorherrschende allgemeine Trend der kapitalistischen Organisation. Staatskapitalistische Maßnahmen, Verstaatlichungen eingeschlossen, sind in keiner Weise weder ein proletarisches Programm für den Sozialismus noch eine Politik, die den Weg zum Sozialismus ebnen könnte, noch sind sie ein fortschrittlicher Schritt.

6. Die auf die Auflösung der Wertgesetze, der Vergesellschaftung der Industrie und Landwirtschaft und der Produktion für die Bedürfnisse der Menschheit hinauslaufenden allgemeinen Richtlinien der wirtschaftlichen Maßnahmen stellen, wie oben erwähnt, einen Beitrag zur Ausbreitung einer ökonomischen Orientierung für die Diktatur des Proletariats dar.

Diese Punkte, hier skizzenhaft umrissen, geben nicht vor, die Komplexität der revolutionären Erfahrung zu erschöpfen, aber sie können als allgemeine Rahmenrichtlinien für eine Weiterentwicklung in der Zukunft dienen.

Mit dem heutigen Aufschwung des Klassenkampfes entwickeln sich viele neue Gruppen - wie die RWG- und es ist wichtig, sich der Bedeutung ihrer Arbeit bewußt zu werden und einen Ideenaustausch im revolutionären Milieu zu ermutigen. Aber nach den vielen Jahren der Konterrevolution besteht die Gefahr, daß diese Gruppen sich als unfähig erweisen, sich das revolutionäre Erbe der Vergangenheit anzueignen. Wie die RWG glauben viele Gruppen, die Geschichte zum ersten Mal entdeckt zu haben, so als ob nichts vor ihnen existiert habe. Dies kann zu Irrwegen führen, wie sich auf das Programm der Arbeiteropposition zu fixieren oder auf andere linke russische Gruppen; all dies in einem Vakuum, als ob tagtäglich ein neuer Bestandteil des Rätsels entdeckt würde, ohne ihn in einem breiten Zusammenhang zu sehen. Unsere Arbeit wird zur Sterilität und zur Arroganz eines Dilettanten verurteilt sein, wenn wir nicht die Arbeiten der Linkskommunistischen Bewegung kritisch zur Kenntnis nehmen (KAPD, Holländische Linke, Pannekoek, Gorter, 'Workers' Dreadnought', die Italienische Linke um Bordiga, die Zeitschriften von BILAN in den 30er Jahren und von INTERNATIONALISME in den 40er Jahren, INTERNATIONALE RŽTEKORRESPONDENZ, LIVING MARXISM sowie die russische Linke). - nicht als Einzelstücke eines Rätsels, sondern als umfassende Begriffe der Entwicklung des revolutionären Bewußtseins in der Klasse. Jene, die den lebenswichtigen Versuch unternehmen, mit dem Linksextremismus zu brechen, sollten sich bewußt sein, daß sie nicht die einzigen sind, die diesen Weg gehen, und daß sie weder in der Geschichte noch heute einzigartig sind.

JA. (aus der International Review, Nr. 3, Oktober 1975) 

(1) World Revolution, Zeitung der IKS in GB, ‘Modernism, From Leftism to the Void’


[i] Die Politik des Kriegskommunismus auf dem Lande während des Bürgerkriegs - die von der RWG so gelobt wird - war nicht weniger antikapitalistisch als die NEP. Weiterhin die vollständige Enteignung der Bauern (Getreide) kann - obwohl sie zu jener Zeit eine absolut lebensnotwendige Maßnahme für die proletarische Offensive in Rußland war - kaum als ein Programm (Plünderung?) angesehen werden. Es ist nicht schwer verständlich, daß diese vorübergehenden Gewaltmaßnahmen gegen die Bauern nicht endlos lange andauern konnten. Vor, während und nach dem Kriegskommunismus war das Privateigentum die Grundlage der Produktion auf dem Lande. Die RWG unterstreicht zu Recht die Bedeutung des Klassenkampfes auf dem Lande, dieser Kampf führt jedoch nicht automatisch und unmittelbar zur Auflösung der Bauernschaft oder ihrer Produktionsweise.

Theorie und Praxis: