Russische Revolution -Die Isolierung ist der Tod der Revolution

In der "INTERNATIONALEN REVUE" Nr.14 und 15
veröffentlichten wir die ersten zwei Artikel dieser Serie. Wir zeigten darin
auf, dass die proletarische Revolution 1917 das Resultat der bewussten und
massiven Aktion der Arbeiter war. Ebenso war sie das Ergebnis ihres Kampfes
gegen die Organisationen der Bourgeoisie (Menschewiki, Sozialrevolutionäre),
welche das Proletariat zu sabotieren versuchten und die Arbeiter im 1.Weltkrieg
für die Verteidigung der imperialistischen Interessen Russlands einspannen
wollten. Wir haben auch aufgezeigt, wie die Bolschewiki in diesem gewaltigen
Entwicklungsprozess des Klassenbewusstseins und der Kampfkraft klar eine
Vorreiterrolle spielten. Sie waren der Kristallisationspunkt dieser immensen revolutionären
Energie, die den bürgerlichen Staat im Aufstand vom 24. und 25. Oktober 1917
zerstörte. Der Stalinismus war nicht die Fortsetzung dieses reissenden Stromes
befreiender Energie, sondern das Gegenteil: die brutale Erwürgung allen Lebens
im Proletariat; die Konterrevolution (1).

Angesichts
der Degenerierung, welche durch den Stalinismus verkörpert wird, glauben viele
Arbeiter den von der herrschenden Klasse verbreiteten Lügen, die behaupten,
dass die Russische Revolution ‘von innen her verfaulte’ und die Bolschewiki die
russischen Arbeiter missbraucht hätten, um an die Macht zu gelangen (2). Eine
solche Darstellung der Oktoberrevolution, wie sie die Bourgeoisie verbreitet,
widerspiegelt lediglich ihre eigene Vorstellung der Politik: Lügen und Massenmanipulation.
Wie auch immer, der Kurs zur Oktoberrevolution wurde von geschichtlichen
Gesetzmässigkeiten gesteuert und nicht durch die machiavellistische Politik der
Bourgeoisie. "Die Russische
Revolution hat hier nur die Grundlehre jeder grossen Revolution bestätigt,
deren Lebensgesetz lautet: Entweder muss sie sehr rasch und entschlossen
vorwärtsstürmen, mit eiserner Hand alle Hindernisse niederwerfen und ihre Ziele
immer weiter stecken, oder sie wird sehr bald hinter ihren schwächlichen
Ausgangspunkt zurückgeworfen und von der Konterrevolution erdrückt."

(Rosa Luxemburg, "Zur Russischen Revolution", Ges. Werke, Bd.4, Seite
339).

Die
gewaltige Fülle an Erfahrungen, die in der Zeit von Februar bis Oktober 1917
gemacht wurden, zeigt den Arbeitern, dass die Zerstörung des bürgerlichen
Staatsapparates möglich ist. Doch die tragische Degenerierung der Russischen
Revolution führt uns eine andere, genau so wichtige Lehre vor Augen: Die
proletarische Revolution kann nur dann siegreich sein, wenn sie sich über den
ganzen Planeten ausbreitet.

Die russische Revolution hat mit ihrer ganzen Kraft für die
Ausbreitung auf andere Länder gekämpft

"Die Revolution Russlands war in ihren
Schicksalen völlig von den internationalen Ereignissen abhängig. Dass die
Bolschewiki ihre Politik gänzlich auf die Weltrevolution des Proletariats
stellten, ist gerade das glänzendste Zeugnis ihres politischen Weitblicks und
ihrer grundsätzlichen Treue, des kühnen Wurfs ihrer Politik."
(Rosa Luxemburg, "Zur Russischen Revolution", Ges.
Werke, Bd.4, Seite 334).  

Tatsächlich
waren die Bolschewiki die Vorhut der ganzen revolutionären Arbeiterbewegung,
als sie 1914 bei Ausbruch des 1.Weltkrieges, der ein klares Zeichen für den
Beginn der dekadenten Periode des Kapitalismus war, erklärten, dass die einzige
Alternative gegenüber dem Weltkrieg nur die Weltrevolution sei. Mit dieser
standhaft internationalistischen Orientierung sahen Lenin und die Bolschewiki
in der Russischen Revolution nichts anderes als "den ersten Schritt der proletarischen Revolution, die
unvermeidliche Konsequenz aus dem Krieg"
. Für das russische Proletariat
hing der Ausgang der Revolution in erster Linie von den Erhebungen der Arbeiter
anderer Länder, allen voran in den europäischen Staaten, ab.

Doch
die Russische Revolution überliess ihr Schicksal nicht passiv der Entwicklung
im Proletariat der übrigen Staaten. Sie unternahm trotz allen Schwierigkeiten,
mit der sie in Russland konfrontiert war, permanent den Versuch, die Revolution
auszuweiten. Der aus der Revolution hervorgegangene Staat wurde denn auch als
ein erster Schritt hin zur internationalen Sowjet-Republik gesehen, welche sich
nicht durch die künstlichen Grenzen der kapitalistischen Nationen, sondern die
Klassengrenzen definiert. So wurde zum Beispiel gegenüber Kriegsgefangenen
systematische Propaganda betrieben, mit der Absicht, diese zur Unterstützung
der internationalen Revolution aufzufordern. Kriegsgefangenen gab man die
Möglichkeit, Sowjetbürger zu werden (3). Ein Resultat dieser Propaganda war die
"Sozialdemokratische Organisation russischer Kriegsgefangener". Sie
rief die Arbeiter Deutschlands, Österreichs, der Türkei und anderer Länder dazu
auf, sich zu erheben, und so dem Krieg ein Ende zu setzen, und die Revolution
auszubreiten.

Deutschland
war der Dreh- und Angelpunkt für die Ausbreitung der Revolution und deshalb
wurde gerade zur Unterstützung des deutschen Proletariates die ganze Energie
der Revolution eingesetzt. Als im April 1918 eine Russische Botschaft in Berlin
eingerichtet war, wurde sie sofort in ein ‘Hauptquartier’ der Deutschen
Revolution umgewandelt. Der russische Botschafter Joffe kaufte von deutschen
Beamten geheime Informationen und gab sie deutschen Revolutionären weiter, in
der Absicht, die imperialistische Politik der deutschen Regierung zu entlarven.
Joffe kaufte auch Waffen für die revolutionären Arbeiter in Deutschland und
liess tonnenweise Propagandaschriften in der Botschaft drucken. Regelmässig
nachts trafen sich dort auch heimlich deutsche Revolutionäre, um die
Voraussetzungen der Revolution zu diskutieren und den Aufstand vorzubereiten.

Es
war diese Klarheit über die absolute Vordringlichkeit der Weltrevolution, die
das russische Proletariat trotz des Hungers, den es erleiden musste, dazu
brachte, den Arbeitern in Deutschland drei vollbeladene Züge mit Weizen als
Unterstützung zu schicken.

Es
ist lehrreich zu hören, wie die Stimmung in Russland während der ersten Periode
der Deutschen Revolution war. Sie gipfelte in einer beeindruckenden Demonstration
der Arbeiter vor dem Kreml: "Zehntausende
von Arbeitern fielen in einen wilden Begeisterungssturm. Noch nie zuvor hatte
ich so etwas gesehen. Bis spät in den Abend hinein zogen Arbeiter und Soldaten
der Roten Armee vorbei. Die Weltrevolution war endlich da. Die Massen spürten
ihren eisernen Schritt. Unsere Isolation ist gebrochen!
(Radek, zitiert in
E.H. Carr:"The Bolshevik Revolution", Bd.3, Seite 104). Ein anderer
Beitrag zur Unterstützung der Weltrevolution war der leider etwas verspätete
1.Kongress der Kommunistischen Internationalen, der im März 1919 in Moskau stattfand.
Die Internationale verstand, dass
"es unsere Aufgabe ist, die revolutionären Erfahrungen der Arbeiterklasse
zu verbreiten, so die Kräfte aller wirklich revolutionären Parteien zu stärken,
und damit die Arbeiterklasse vom hemmenden Einfluss des Opportunismus und
Sozialpatriotismus zu säubern. Damit werden wir den Sieg der kommunistischen
Revolution erleichtern und vorantreiben."
("Manifest der Komintern
an die Arbeiter der ganzen Welt").

Nachdem
jedoch das Proletariat in Berlin, Wien, Budapest und München massakriert worden
war, begann die Kommunistische Internationale (K.I.) gegenüber dem Parlamentarismus,
dem gewerkschaftlichen Kampf  und den
"nationalen Befreiungskämpfen" Konzessionen zu machen, welche in den
sog. "21 Aufnahmebedingungen" festgehalten wurden. Gleichfalls wurde
nun die Position der Ausbreitung der Revolution mittels des
"Revolutionären Krieges" aufgestellt, eine Position, welche die Bolschewiki
zur Zeit des Vertrages von Brest-Litowsk 1918 klar verworfen hatten. (4) Ein
weiterer Schritt, der die Degenerierung der K.I. anzeigte, war die Propagierung
der unheiligen "Einheitsfront"-Parole im Dezember 1920. Sie basierte
auf der Überzeugung, dass die Bedingungen für die Revolution in Europa nicht
mehr gegeben seien.

Die
fatalistische Logik geht ähnlich wie die bürgerliche Philosophie davon aus,
dass ‘eine Sache nur so sein kann wie die Wurzeln, von denen sie herrührt’. So
wird uns die Kommunistische Internationale, gleich wie alle anderen grossen
Errungenschaften der Arbeiterklasse, als ein von Beginn an von den
"machiavellistischen" Bolschewiki geplantes Manöver dargestellt, als
ein Werkzeug zur Verteidigung des russischen kapitalistischen Staates. Doch
dies ist wie gesagt nur die Logik der Bourgeoisie. Für das Proletariat ist im
Gegensatz dazu die Degeneration der Russischen Revolution und der
Kommunistischen Internationalen ein Resultat der Niederlage der Arbeiterklasse
nach langem Kampf gegen die grausame Reaktion des Weltkapitals. Wenn diese
Degeneration nur eine "Frage der Zeit" gewesen wäre, wie uns das die
Bourgeoisie heute einzureden versucht, weshalb schloss sich dann das
Weltkapital zusammen mit dem Ziel, die Russische Revolution niederzuwerfen?

Die Belagerung der russischen Revolution durch den Kapitalismus

Zwischen
1917 und 1923, also bis zur vollständigen Niederlage der weltrevolutionären
Welle, vereinigte sich das Kapital in einem internationalen Feldzug unter der
Parole "Nieder mit dem Bolschewismus!". Der deutsche Imperialismus,
die zaristischen Generale und die westlichen Demokratien der Entente, die sich
nur einige Monate vorher noch in der ersten grossen imperialistischen
Schlächterei gegenübergestanden hatten, beteiligten sich alle am Kreuzzug gegen
die Russische Revolution. Dies ist die klare Bestätigung einer wichtigen Lehre
für die Arbeiterbewegung: Wenn die Arbeiterklasse den Kapitalismus in seiner
Existenz bedroht, ist die Ausbeuterklasse fähig, ihre Streitigkeiten beiseite zu
legen, um die Revolution zu unterdrücken.

Der deutsche Imperialismus

Das
erste Hindernis, auf welches die Russische Revolution stiess und welches ihre
Ausbreitung verhinderte, war die Belagerung durch die Armeen des deutschen Kaisers.
Wenn einerseits die Revolution in Russland und die gesamte damalige revolutionäre
Welle eine Antwort des Proletariates auf den 1. Weltkrieg war, so schuf andererseits
der Krieg, wie es Rosa Luxemburg treffend ausdrückte, "die schwierigsten und abnormalsten Bedingungen" für eine
Ausbreitung der Revolution.

Ein
schneller Friedensschluss, eine Beendigung des Krieges, war eine absolute Notwendigkeit
und hatte demnach auch absoluten Vorrang in der Revolution. Am 19. November
1917 begannen die Friedensgespräche von Brest-Litowsk. Sie wurden jede Nacht
über das Radio ausgestrahlt, nicht nur für die Arbeiterklasse in Deutschland,
sondern auch für die Kriegsgefangenen und die Arbeiter in anderen Ländern. Dies
bedeutete jedoch keinesfalls, dass die Bolschewiki in Brest-Litowsk Vertrauen
in irgendwelche "friedlichen" Absichten des deutschen Imperialismus
hatten: "Wir verheimlichen vor
niemandem, dass wir den heutigen kapitalistischen Regierungen keinen demokratischen
Frieden zutrauen. Einzig und allein der revolutionäre Kampf der arbeitenden
Massen gegen ihre Regierungen kann Europa in die Nähe eines solchen Friedens
bringen. Doch ein wirklicher Frieden kann nur durch eine siegreiche
proletarische Revolution in allen kapitalistischen Ländern erreicht werden

(Trotzki, zitiert in E.H.Carr, Bd.3, Seite 41).

Zu
Beginn des Jahres 1918 traf die Nachricht von Streiks und Meutereien in
Deutschland, Österreich und Ungarn (5) ein, welche die Bolschewiki dazu ermunterten,
die Friedensverhandlungen in die Länge zu ziehen. Doch die Niederschlagung
dieser Aufstände brachte Lenin -  wieder
einmal in der Minderheitsposition innerhalb der Bolschewiki - dazu, die
unbedingte Notwendigkeit einer schnellstmöglichen Unterzeichnung dieser Friedensverträge
zu verteidigen. Die Ausbreitung der Revolution, für die die Bolschewiki
unerschrocken kämpften, darf nicht mit der Losung des "Revolutionären
Krieges", welche von den "Linkskommunisten" aufgestellt wurde,
verwechselt werden (6). Diese Ausbreitung hing alleine von der Reifung und dem
Erfolg der Revolution in Deutschland ab: "Es
ist vollkommen statthaft, dass unter solchen Vorzeichen die Möglichkeit der
Niederlage und der Verlust der Sowjetmacht nicht nur als "passend",
sondern als absolut notwendig zu akzeptieren wären. Dennoch ist es klar, dass
diese Vorzeichen nicht existieren. Die Deutsche Revolution reift heran, sie ist
aber noch nicht deutlich ausgebrochen. Es ist offensichtlich, dass wir diesen
Reifungsprozess nicht unterstützen, sondern blockieren würden, wenn wir den
Verlust der Sowjetmacht einfach hinnehmen würden. Dies würde nur der Reaktion
in Deutschland in die Hände spielen, der sozialistischen Bewegung Deutschlands
Schwierigkeiten aufbürden, und wir würden damit die sozialistische Bewegung in
den proletarischen und halbproletarischen Massen aufspalten. Eine Bewegung, die
den Sozialismus bis jetzt noch nicht durchgesetzt hat, und die durch die
Niederlage Sowjetrusslands eingeschüchtert würde, so wie damals die Niederlage
der Pariser Kommune 1871 die englischen Arbeiter entmutigt hat.
(Lenin)

 Lenin beschrieb damit das Dilemma, in dem
sich eine proletarische Bastion befindet, in der die Arbeiterklasse die Macht
übernommen hat, aber solange isoliert bleibt, bis die Revolution sich durch siegreiche
Aufstände in anderen Ländern ausbreitet. Was tun? Aufgeben oder verhandeln?
Kapitulieren angesichts der feindlichen militärischen Übermacht, um so die
proletarische Bastion aufrechterhalten und damit die Weltrevolution zu unterstützen?

Rosa
Luxemburg, die mit den Verhandlungen von Brest-Litowsk nicht einverstanden war,
zeigte mit erstaunlicher Klarheit auf, dass alleine der Kampf des deutschen
Proletariates diesen Widerspruch im Sinne der Revolution hätte lösen können: "Die ganze Rechnung des russischen
Friedenskampfes beruhte nämlich auf der stillschweigenden Voraussetzung, dass
die Revolution in Russland das Signal zur revolutionären Erhebung des
Proletariats im Westen: in Frankreich, England und Italien, vor allem aber in
Deutschland, werden sollte. In diesem Falle allein, dann aber unzweifelhaft,
wäre die Russische Revolution der Anfang zum allgemeinen Frieden geworden. Dies
blieb bis jetzt aus. Die Russische Revolution ist, abgesehen von einigen tapferen
Anstrengungen des italienischen Proletariats (Generalstreik am 22.August in
Turin), von den Proletariern aller Länder im Stich gelassen worden. Die
Klassenpolitik des Proletariats, von Hause aus und in ihrem Kernwesen international,
wie sie ist, kann aber nur international verwirklicht werden
(Rosa
Luxemburg, "Die geschichtliche Verantwortung", Ges.Werke, Bd.4, Seite
377).

Überraschenderweise
verstärkte das Oberkommando der deutschen Streitkräfte am 18. Februar 1918 die
militärische Offensive. (Lenin bezeichnete dies als:"Schnelle, unberechenbare Bocksprünge dieses wilden Ungeheuers“).
Innerhalb weniger Wochen standen die deutschen Armeen vor den Toren Petrograds,
und die russische Regierung musste nun wohl oder übel einen Frieden zu
schlechteren Bedingungen akzeptieren. Deutschland besetzte die ehemaligen
baltischen Provinzen, den grössten Teil Weissrusslands (Region um Minsk), die
gesamte Ukraine und den nördlichen Kaukasus. Später kam noch die Eroberung der
Krim und des Trans-Kaukasus dazu (ausgenommen Baku und Turkestan), was ein
klarer Bruch der Verträge von Brest-Litowsk war.  

Wie
die Italienische Kommunistische Linke (7) vertreten wir nicht die Auffassung,
dass der Gewaltfrieden von Brest-Litowsk einen Rückschritt für die Revolution
bedeutete, sondern dass er durch diesen Widerspruch zwischen Verteidigung der
proletarischen Bastion und Ausbreitung der Revolution aufgezwungen wurde. Die
Lösung dieses Problems lag weder am Verhandlungstisch noch an der militärischen
Front, sondern in der Antwort des Weltproletariates. Im April 1922, als die
Bourgeoisie die weltrevolutionäre Welle schon fast gänzlich niedergeschlagen
hatte und die russische Regierung die Aussenpolitik der kapitalistischen Staaten
durch den Vertrag von Rapallo akzeptierte, hatte ihre Politik nichts mehr Gemeinsames
mit dem Frieden von Brest-Litowsk oder der revolutionären Politik des
Proletariates. Weder der Form nach, Rapallo 1922 war ein Geheimvertrag, noch im
Inhalt, da dieser Vertrag militärische Hilfeleistungen Russlands an die
deutsche Regierung beinhaltete. Als die Kommunistische Internationale, schon
voll im Degenerationsprozess begriffen, im Oktober 1923 das deutsche
Proletariat zu verzweifelten Aktionen aufrief, wurden die Arbeiter in Deutschland
mit Waffen massakriert, welche die russische Regierung an Deutschland verkauft
hatte.

Die Zermürbungsstrategie der westlichen ‘Demokratien’

Die
verbündeten Staaten der Entente, die ‘fortschrittlichen’ westlichen ‘Demokratien’,
liessen sich in ihrer Absicht, die Russische Revolution zu ersticken, kein
Mittel entgehen. England und Frankreich installierten in der Ukraine, Finnland,
den baltischen Staaten und in Bessarabien Regimes, welche die
konterrevolutionären Weissen Truppen unterstützten. Doch damit nicht genug; sie
entschlossen sich, direkt in Russland einzufallen. Japanische Truppen gingen am
3.April in Wladiwostok an Land und kurz darauf schlossen sich ihnen auch
französische, britische und amerikanische Truppenverbände an. "Vom Beginn der Novemberrevolution an
haben die Ententemächte sich auf die Seite der gegenrevolutionären Parteien und
Regierungen Russlands gestellt. Mit Hilfe der bürgerlichen Gegenrevolutionäre
haben sie Sibirien, den Ural, die Küsten des europäischen Russlands, den
Kaukasus und einen Teil von Turkestan annektiert. Aus den annektierten Gebieten
entwenden sie Rohstoffe (Holz, Naphtha, Manganerze u.a.). Mit Hilfe der
besoldeten tschechoslowakischen Banden haben sie den Goldvorrat des russischen
Reiches geraubt. Unter Leitung des englischen Diplomaten Lockhart bereiteten
englische und französische Spione die Sprengung der Brücken, Zerstörung der
Eisenbahnen vor und versuchten, die Versorgung mit Lebensmitteln zu verhindern.
Die Entente unterstützte die reaktionären Generäle Denikin, Koltschak und
Krasnow, die in Rostow, Jusowka, Noworossijsk, Omsk usw. Tausende von Arbeitern
und Bauern gehängt und erschossen haben, mit Geld, Waffen und militärischer
Hilfe."
( "Thesen über die internationale Lage und die Politik
der Entente", 1. Kongress der K.I., 6.März 1919).

Seit
Beginn des Jahres 1919, also genau zur Zeit des Ausbruchs der Revolution in
Deutschland, war Russland total isoliert und mit der grössten je von den
westlichen ‘Demokratien’ gestarteten Truppenoffensive konfrontiert. Dazu kamen
noch die Weissen Armeen. Die Bolschewiki unternahmen gegenüber den feindlichen
Truppen, die von den Kapitalisten zur Niederschlagung der Revolution gesandt
worden waren, Aufrufe zum proletarischen Internationalismus, revolutionäre
Propaganda: "Ihr werdet nicht gegen
eure Feinde kämpfen, sondern gegen Arbeiter wie ihr selbst. Wir fragen euch:
Wollt ihr uns niedermetzeln? Seid euren Klassengenossen treu und verweigert
dieses schmutzige Handwerk für eure Herren."
(Aus einem Flugblatt an
britische und amerikanische Truppen in Archangelsk, in: E.H.Carr "The
Bolshevik Revolution").

Erneut
hatten die Aufrufe der Bolschewiki (in Zeitschriften wie "The Call"
auf englisch oder "La Laterne" auf französisch) einen Einfluss auf
die zur Niederschlagung der Revolution eingesetzten Truppen. "Am 1.März 1919 brach unter
französischen Truppen eine Meuterei aus. Einige Tage zuvor hatte eine britische
Infanterieabteilung ihre Verlegung an die Front verweigert, und kurz darauf
verweigerte auch eine amerikanische Kompanie eine Zeitlang ihre Rückkehr an die
Frontlinien.“
(E.H.Carr). Im April 1919 mussten französische Truppen und
die Flotte abgezogen werden, weil die Hinrichtung von Jeanne Labourbe, einer
militanten Kommunistin, die Propagandamaterial verbreitet hatte, das zur
Verbrüderung zwischen französischen und russischen Truppen aufrief, grosse Entrüstung
unter den Soldaten hervorrief. Ebenso mussten britische und italienische
Truppen zurückgezogen werden, weil in England und Italien Arbeiter gegen die
Entsendung von Truppen und gegen Waffenlieferungen an die konterrevolutionären
Armeen demonstrierten. Aufgrund dieser Ereignisse sahen sich die westlichen
‘Demokratien’ gezwungen, ihre Taktik zu ändern und setzten von nun an vor allem
die Truppen der auf den Ruinen des alten russischen Imperiums gebildeten
Nationen als Schutzwall gegen die Ausbreitung der Revolution ein. Im April 1919
besetzten polnische Truppen Teile von Weissrussland und Litauen. Im April 1920
besetzten sie Kiew in der Ukraine, und schlussendlich kontrollierte ab Mai/Juni
1920 die polnische Regierung, unterstützt vom weissen General Denikin, fast die
gesamte Ukraine. Enver Pascha, der Führer der jungen türkischen ‘antifeudalen’
Revolution wurde der Anführer einer Revolte gegen die Sowjets im Oktober 1921
in Turkestan.

Die reaktionären Kräfte in Russland

Unmittelbar
nach dem Aufstand im Oktober 1917 und der Machtübernahme durch die Sowjets in
ganz Russland begannen die Reste der Bourgeoisie, der Armee und der reaktionären
Offizierskaste, alle ihre Kräfte hinter der Flagge der provisorischen Regierung
zusammenzurotten (merkwürdigerweise genau dieselbe Flagge, unter der Jelzin in
den Kreml einzog). So entstand die erste Weisse Armee unter dem Kommando Kaledins,
dem Führer der Donkosaken. Das immense Chaos und die Armut, in der das
isolierte Russland versank, die Selbstauflösung der letzten Überreste der
zaristischen Armee, die nur dürftige Bewaffnung der revolutionären Sowjets, die
Sabotage durch den deutschen Imperialismus und die westlichen Demokratien,
unterstützt von den Weissen Armeen, all dies führte gradlinig in Richtung Bürgerkrieg.
Bis Mitte des Jahres 1918 war das Gebiet, in welchem die Sowjets die Kontrolle
behalten konnten, auf das ehemalige feudale Fürstentum Moskau reduziert worden,
und die Revolution war darüber hinaus noch mit der Revolte der
"Tschechischen Legion" und der antibolschewistischen Regierung in
Samara (8), welche die Verbindungslinien zu Sibirien abschnitt, konfrontiert.
Dazu kamen noch die Kosaken Krasnows (ein in den ersten Tagen der Revolution in
Pulkow besiegter General, der später von den Bolschewiki freigelassen worden
war), Denikins Armeen im Süden, Kaledin im Dongebiet, Koltschak im Osten und
Yudenitsch im Norden. Alles in allem blutige Orgien des Terrors, der Massaker,
Ermordungen und Greueltaten, die von den ‘Demokratien’ bejubelt wurden und
durch die ‘Sozialisten’, welche in Deutschland, Österreich und Ungarn Arbeiteraufstände
niederschlugen, Rückendeckung fanden.

Die
bürgerliche Geschichtsschreibung stellt die Grausamkeiten dieses Bürgerkrieges
als "etwas in allen Kriegen Vorhandenes", als eine Folge der
"menschlichen Bestialität" dar. Doch der grausame Bürgerkrieg, der
drei Jahre wütete, und der zusammen mit den Epidemien und Hungersnöten, welche
durch die Wirtschaftsblockaden hervorgerufen wurden, mehr als sieben Millionen
Tote forderte, war der Bevölkerung Russlands durch den Weltkapitalismus
aufgezwungen worden.

Den
Offensiven der westlichen imperialistischen Staaten und der Weissen Truppen
fügten sich Sabotageakte und konterrevolutionäre Verschwörungen der Bourgeoisie
und des Kleinbürgertums an. Im Juli 1918 zettelte Savinkow (9) mit der Unterstützung
des französischen Botschafters Noulens in Yaroslaw eine Meuterei an, die zwei Wochen
lang eine wahre Rache und Terrorwelle gegen alles, was nach Proletariat oder
revolutionärem Bolschewismus roch, auslöste.

Gleichfalls
im Juli, nur einige Tage nach der Landung französischer und britischer Truppen
in Murmansk, versuchten die linken Sozialrevolutionäre einen Staatsstreich zu
organisieren. Der deutsche Botschafter Mirbach wurde ermordet, mit der Absicht
einen militärischen Zusammenstoss mit Deutschland zu provozieren. Lenin bezeichnete
dies "als einen weiteren hinterhältigen
Schlag der Kleinbourgeoisie"
, denn das Letzte, was die Revolution in
dieser Situation noch brauchte, war ein erneuter offener Krieg mit Deutschland!

Die
Revolution kämpfte buchstäblich ums Überleben. Sich zu behaupten hing vollends
vom Erfolg der Revolution in Europa ab und forderte nicht nur auf ökonomischer
Ebene wie schon beschrieben, sondern auch politisch endlose Opfer. In diesem
Artikel wollen wir nicht auf Fragen wie den Repressionsapparat oder die
reguläre Rote Armee (10) eingehen, Fragen, auf welche die Russische Revolution
fast endlose Lehren erteilt hat. Dennoch ist es wichtig, hier hervorzuheben,
dass der Prozess von einer revolutionären Gewalt hin zu offenem Terror, die
Unterordnung der Arbeitermilizen unter eine hierarchische Armee, oder die
wachsende Autonomie des Staatsapparates gegenüber der Kontrolle durch die Arbeiterräte
hauptsächlich das Ergebnis der Isolierung der Revolution waren. Sie waren das
Resultat eines zunehmend ungünstigen Kräfteverhältnisses zwischen Bourgeoisie
und Proletariat auf internationaler Ebene, welches die Niederlage dieser nur in
einem Land ‘siegreichen’ Revolution endgültig besiegelte.

Es
gibt absolut keine logische Entwicklung von der im November 1917 gegründeten
Tscheka (welche damals nur knapp 120 Mann zählte und nicht einmal Autos besass,
um damit Verhaftungen vornehmen zu können) hin zum monströsen politischen
Apparat der GPU, welche von Stalin gegen die Bolschewiki eingesetzt wurde.
Diese Entwicklung war das direkte Resultat der tiefgreifenden Degeneration der
Revolution aufgrund ihrer Niederlage. So gab es auch keine vorhersehbare
Kontinuität zwischen den Roten Garden, welche die militärischen Einheitsorgane
waren und durch die Arbeiterräte kontrolliert wurden, und der regulären Armee,
welche im April 1919 die obligatorische Wehrpflicht, die Kasernendisziplin und
militärische Grussregeln wieder einführte. Im August 1920 zählte die Rote Armee
schon 315000 "Militärspezialisten", Überreste aus der alten zaristischen
Armee. Diese Degenerierung war das Resultat aus dem Kampf zwischen einer
proletarischen Bastion, welche unbedingt die Unterstützung der internationalen
Revolution brauchte, und der fürchterlichen weltweiten Konterrevolution, die
mit jeder Niederlage, die sie dem Proletariat zufügte, ein immer grösseres
Übergewicht erhielt.

Die ökonomische Erstickung

Unter
dem Druck der Isolierung, der permanenten Blockade durch das Weltkapital, der
Sabotage im Lande selbst und unabhängig von allen Illusionen, welche die Bolschewiki
über die Möglichkeiten der Einführung einer neuen Logik in der Wirtschaft
hatten, war die Realität zwischen 1918 und 1921 genau die, welche Lenin als "belagerte Festung" beschrieb.
Russland war eine proletarische Bastion, welche versuchte, unter den
schlechtesten Bedingungen und mit der Hoffnung auf die Ausbreitung der
Revolution durchzuhalten.

Wir
haben schon in verschiedenen Nummern der "Internationalen Revue" (auf
engl., franz., span.) versucht aufzuzeigen, dass in Russland nie eine
sozialistische Gesellschaft existiert hat, da als erster Schritt dazu die Machtergreifung
des Proletariats im weltweiten Rahmen erforderlich ist. Die Wirtschaftspolitik,
die innerhalb einer isolierten "revolutionären Bastion" betrieben
werden konnte, war deshalb notwendigerweise durch die Herrschaft des Kapitals
auf Weltebene diktiert. Die Idee des "Sozialismus in einem Lande" ist
von den Revolutionären immer als eine ideologische Maske der stalinistischen
Konterrevolution verworfen worden.

Was
wir in diesem Artikel herausstreichen wollen, ist einerseits die Tatsache, dass
die schreckliche Armut, unter der das revolutionäre Russland litt, nicht ein
Ergebnis des Sozialismus war und andererseits die Unmöglichkeit, diese Misere
zu beseitigen, solange die Revolution isoliert bleibt. Der Unterschied zwischen
diesen beiden Aspekten ist folgender: Die Bourgeoisie versucht mit der
Behauptung, die Armut sei ein direktes Ergebnis der Revolution gewesen, zu
erreichen, dass die Arbeiter daraus die Lehre ziehen: "Es ist besser auf
die Revolution zu verzichten um überleben zu können". Aber auf der anderen
Seite ist es für uns dennoch absolut unabdingbar, in jeder Situation, vom
Streik in der kleinsten Fabrik bis hin zur Revolution, die ein ganzes Land
erfasst, darauf hinzuweisen, dass, "wenn sich die Kämpfe nicht ausbreiten
und die Revolution isoliert bleibt, der Kapitalismus nicht überwunden werden
kann".

Die
Russische Revolution brach als Reaktion auf den Ersten Weltkrieg aus und war
deshalb auch geprägt vom ökonomischen Chaos, den Rationalisierungen und der
Unterordnung der Produktion unter die Bedürfnisse des Krieges. Ihre Isolation
brachte zusätzlich noch die Last des Bürgerkrieges und der militärischen
Interventionen der westlichen ‘Demokratien’ mit sich. Dieselben, welche sich in
Versailles unter der Parole "Leben und leben lassen" eine humanitäre
Maske aufgesetzt hatten, zögerten keinen Moment lang, vom März 1918 bis Anfang
1919 (einige Monate vor der definitiven Niederlage von Wrangels Weisser Armee)
gegen Russland eine einschneidende ökonomische Blockade zu verhängen, welche
selbst die Unterbindung der Solidaritätslieferungen von Arbeitern und
Arbeiterinnen anderer Länder an ihre Klassenbrüder in Russland beinhaltete. Die
Bevölkerung litt stark unter all den Entbehrungen, die sie zu ertragen hatte.
Ein Beispiel ist der Mangel an Heiz- und Brennmaterial. Die winterliche Kälte
übersäte Russland buchstäblich mit Leichen. Der Zugang zur Kohle aus der
Ukraine war bis 1920 abgeschnitten und die Ölquellen in Baku und im Kaukasus
waren aufgrund der Belagerung durch das Weltkapital zwischen Sommer 1918 und
Ende 1919 in den Händen Englands. Insgesamt standen in den russischen Städten
in dieser Zeit lediglich 10% des vor dem Ersten Weltkrieg erhältlichen
Brennmaterials zur Verfügung.

Bittere
Hungersnöte herrschten in den Städten. Brot und Zucker waren seit Beginn des
imperialistischen Krieges rationiert worden. Während des Bürgerkrieges erreichten
diese Rationierungen aufgrund der ökonomischen Blockaden und der Sabotage der
Bauern, welche einen Teil ihrer Ernte verbargen, um sie später auf dem Schwarzen
Markt teuer zu verkaufen, unmenschliche Ausmasse. Als im August 1918 die
Warenbestände in den städtischen Läden aufgebraucht waren, wurde die Zuteilung
unterschiedlicher Rationen eingeführt:

 - Die Arbeiter und Arbeiterinnen der
Schwerindustrie erhielten die grössten Rationen, welche lediglich 1200 bis
ca.1900 Kalorien pro Tag ausmachten und somit nur etwa 25% ihres tatsächlichen
täglichen Bedarfs enthielten. Diese Rationen wurden während des Bürgerkrieges
auf die Familien von Angehörigen der Roten Armee ausgeweitet.

 - Die kleinste Ration, welche nur etwa 1/4
des Nährwertes der Obengenannten enthielt, wurde der übriggebliebenen Bourgeoisie
zugeteilt.

 - Die restlichen Arbeiter erhielten die
"mittlere Ration" die etwa dreimal mehr Kalorien als die kleine Ration
enthielt.

Trotzki
beschrieb die Bevölkerung Petrograds, welche im Oktober 1919 die Attacken der
Weissen Armee unter General Yudenitsch vor den Toren der Stadt abzuwehren
hatte, als eine Armee von Gespenstern: "Die
Arbeiter Petrograds waren in einem erbärmlichen Zustand; ihre Gesichter waren
grau vor Unterernährung; ihre Kleider waren Lumpen; ihre Schuhe, welche oft gar
keine Sohlen mehr hatten, durchlöchert."
(Trotzki, "Mein Leben").

Obwohl
der Bürgerkrieg im Januar 1921 beendet war, betrug die Schwarzbrotration für
Arbeiter in Betrieben mit laufender Produktion nur 800 Gramm und für Teilzeitarbeiter
600 Gramm. Die Ration für Arbeiter mit der "B-Karte" (Arbeitslose)
musste bis auf 200 Gramm Schwarzbrot reduziert werden. Hering, der in der Vergangenheit
oft geholfen hatte, Nahrungsmittelengpässe zu überwinden, war nicht erhältlich.
Kartoffeln waren meist gefroren, wenn sie mit den Zügen, welche in einem
katastrophalen Zustand waren, in den Städten eintrafen (es war nur noch ca. 20%
des Vorkriegsbestandes an Wagen und Lokomotiven vorhanden). Anfang Sommer 1921
begann in den östlichen Provinzen und der Wolgaregion eine schreckliche Dürre.
Während dieser Zeit waren zwischen 22 und 27 Millionen Menschen in Not, litten
unter Hunger, Kälte, Typhus, Diphtherie oder Grippe (11), wie der
Sowjetkongress festhielt. Zu dieser miserablen Versorgung kam noch die
Spekulation hinzu. Um die offiziellen Rationen zu verbessern, war es notwendig,
auf dem Schwarzmarkt, der "Sujarewka", einzukaufen (benannt nach dem
Sujarewski-Platz in Moskau, wo dieser Schwarzhandel halb legal stattfand). Nur
rund die Hälfte des Korns, welches in die Städte geliefert wurde, kam vom
Lebensmittelversorgungs-Kommissariat, die andere Hälfte vom Schwarzmarkt,
jedoch zum zehnfachen Preis der normalen Lieferungen. Es existierte noch eine
andere Form von Schwarzmarkt: Der illegale Transport von Fertigwaren aufs Land,
wo sie bei den Bauern gegen Lebensmittel ausgetauscht wurden. Die Revolution
brachte bald eine neue Figur, die "Taschenmänner", hervor, welche auf
klapprigen Güterzügen Salz, Streichhölzer, manchmal Schuhe oder mit Öl gefüllte
Flaschen in die Dörfer brachten, um sie dort gegen einige Kilogramm Kartoffeln
oder Mehl zu tauschen. Im September 1918 anerkannte die Regierung den
Schwarzmarkt aus taktischen Gründen als offiziell und limitierte ihn auf 1.5
Pfund (ca. 25 Kilogramm) für Weizen. Von da an wurden die
"Taschenmänner", welche weiterhin Wuchergeschäfte trieben,
"Eineinhalb-Pfund Männer" genannt. Als dann auch Fabriken begannen,
mit den von ihnen produzierten Gütern Tauschhandel zu treiben, machte dies die
Arbeiter selbst oft zu solchen "Taschenmännern", da sie in den
Dörfern Gürtel, Riemen, Werkzeuge usw. Gegen Lebensmittel eintauschten.

Auch
die Arbeitsbedingungen hatten sich durch die gewaltige Misere, die Isolation
der Revolution und den Bürgerkrieg sehr verschlimmert. Damit wurden sämtliche
Forderungen der Arbeiter und die von der Regierung eingeführten
Arbeitsschutzmassnahmen zur Wahrung der Interessen der Arbeiter übergangen: "Vier Tage nach der Revolution war ein
Dekret erlassen worden, das die Prinzipien des 8-Stunden Tages und der
48-Stunden Woche enthielt. Es wurden darin klare Grenzen über die Arbeit von
Frauen und Jugendlichen erlassen sowie die Einstellung von Kindern unter 14 Jahren
verboten. Ein Jahr später musste die "Narkomtrud" (das Volkskommissariat
der Arbeit) den obligatorischen Charakter dieses Dekrets zurücknehmen. Solche
Verbote hatten in dieser Notstandszeit während des Bürgerkrieges, wo Arbeitskräfte
überall fehlten, sowieso nur eine geringe Wirkung."
(E.H. Carr, Bd.2). Derselbe Lenin, welcher den Taylorismus, die Theoretisierung der
Fliessbandarbeit, als "die
Versklavung des Menschen unter die Maschine"
angeklagt hatte, musste
der Notwendigkeit, die Produktion zu steigern, nachgeben. Er unterstützte die
Einführung "Kommunistischer Samstage", für welche die Arbeiter kaum
Lebensmittel erhielten und unbezahlt waren, da diese Samstage als eine
Unterstützung der Revolution angesehen wurden. Im Bewusstsein, dass die
Revolution in Europa nahe bevorstand, waren die kämpferischsten und bewusstesten
Teile der russischen Arbeiterklasse bereit, die proletarische Bastion mit
dieser Perspektive um jeden Preis zu verteidigen. Ihrer Sowjets, Arbeiterversammlungen
und ihres Kampfes gegen die kapitalistische Unterjochung beraubt, waren die
Arbeiter in Russland nun zunehmend den brutalsten Formen kapitalistischer
Ausbeutung ausgeliefert.

Trotzdem,
oder eben gerade als Resultat dieser Überausbeutung produzierten die russischen
Fabriken weniger. Die Gründe des Produktivitätsrückgangs lagen in einer
unterernährten Arbeiterklasse und dem Chaos in der russischen Ökonomie. Noch
1923, drei Jahre nach der Beendigung des Bürgerkrieges, verfügte die russische
Industrie lediglich über 30% ihrer Kapazität von 1912. Nur in der
Kleinindustrie betrug die Arbeitsproduktivität 57% derjenigen von 1913. Diese
Kleinindustrie, welche vor allem 1919 errichtet wurde, war zum grossen Teil
ländlich (die Produktion umfasste vor allem Werkzeuge, Seile und Möbel für den
lokalen bäuerlichen Markt), und die darin Beschäftigten arbeiteten, was die
Arbeitsstunden anging, unter Bedingungen, wie sie in der Landwirtschaft üblich
waren. Aufgrund der schrecklichen Lebensbedingungen in den Städten, wie wir sie
oben bereits beschrieben haben, wanderte ein grosser Teil der Arbeiter in
ländliche Gebiete aus und wurde dort in die Kleinindustrie integriert. Selbst
in grossen Fabriken Beschäftigte verliessen die Städte, um auf dem Land von den
in kleinen Werkstätten hergestellten Sachen, die an die Bauern verkauft wurden,
einige Bissen zu erhalten. 1920 waren insgesamt 2.2 Millionen Arbeiter in der
Industrie beschäftigt, von denen lediglich 1.4 Millionen in Betrieben mit mehr
als 30 Arbeitern angestellt waren.

Mit
der Einführung der NEP (Neue Ökonomische Politik) 1921 wurden staatliche
Betriebe im Wettbewerb mit "privaten" russischen Kapitalisten, welche
in kürzester Zeit ausländische Investoren hatten, konfrontiert, und aufgrund
dessen, so wie in jeder kapitalistischen Wirtschaft, musste der
"staatliche Boss" laufend viel billiger produzieren (12). Mit der
Demobilisierung der Armee nach dem Bürgerkrieg und der Einführung der NEP
entstand eine grosse Arbeitslosigkeit. Bei den Eisenbahnen zum Beispiel wurde
mehr als die Hälfte der Angestellten entlassen und die Arbeitslosigkeit stieg
ab 1921 schnell an. 1923 gab es in Russland bereits eine Million registrierte
Arbeitslose.

Die Bauernfrage

Rund
80% der Bevölkerung Russlands waren Bauern. Der Sowjetkongress hatte während
des Aufstandes das "Landdekret" erlassen, welches auf das Bedürfnis
von Millionen von Bauern nach einem eigenen Stück Land, mit dem sie sich selbst
ernähren konnten, einging. Auf der anderen Seite ordnete es die Abschaffung der
Grossgrundbesitzer an, welche nicht nur für die Bauern eine Geissel waren,
sondern vor allem auch ein Teil der Konterrevolution. Welche Massnahmen auch
immer ergriffen wurden, sie konnten keinen echten Beitrag zur Bildung grosser
Arbeitervereinigungen leisten, mit denen die Landarbeiter wenigstens ein Minimum
an Kontrolle hätten ausüben können. Ganz im Gegenteil, trotz all den Versuchen
wie "Landarbeiterkomitees", Kolchosen (kollektive Höfe), Sowchosen
(Höfe in Staatsbesitz, auch "Sozialistische Getreidefabriken"
genannt, denn ihre Aufgabe war die Versorgung des Stadtproletariates mit
Getreide), was sich ausbreitete, war die Kleinbauernwirtschaft mit lächerlich
kleinen Höfen, von denen sich die Bauern kaum ernähren konnten. 1917 waren 58%
aller Bauernhöfe kleiner als 5 Hektar, 1920 waren schon 86% des kultivierbaren
Landes in solche Kleinbetriebe aufgeteilt, und solche Betriebe konnten den
Hunger in den Städten natürlich keinesfalls lindern. Die Zwangsmassnahmen, mit
denen die Bolschewiki versuchten, Lebensmittel für das Proletariat und die
Soldaten der Roten Armee einzutreiben, führten nicht nur bezüglich der
kläglichen Mengen, die eingesammelt werden konnten, zu einem Fiasko, sondern
sie trieben eine grosse Zahl von Bauern in die feindlichen Weissen Armeen oder
in die bewaffneten Banden, welche, wie zum Beispiel die anarchistische Machno-Bewegung
in der Ukraine, oft gegen die Weissen Armeen und die Bolschewiki gleichzeitig
Krieg führten.

Ab
Sommer 1918 versuchte der russische Staat die mittleren Bauern zu unterstützen,
um so bessere Erträge zu erzielen. Im ersten Jahr nach der Revolution hatte das
Versorgungs-Kommissariat nur knapp 780 000 Tonnen Korn einsammeln können. Zwischen
August 1918 und August 1919 betrug diese Menge schon 2 Millionen Tonnen. Doch
die Bauern mit mittelgrossen Betrieben waren nicht zu einer Zusammenarbeit
geneigt: "Der Mittelbauer produziert
mehr Lebensmittel als er selber braucht und wird durch seine Überschüsse an
Korn zum Ausbeuter der hungernden Arbeiter. Hier liegt unsere vordringlichste
Aufgabe und der grundlegende Widerspruch. Der Bauer als Geschundener, als Mann,
der von seiner mühseligen Arbeit lebt und das Joch des Kapitalismus spürt, ein
solcher Bauer steht auf der Seite des Arbeiters. Doch der Bauer als Eigentümer,
der seine Überschüsse an Korn besitzt, ist gewöhnt, diese als sein Eigentum
anzusehen, welches er frei verkaufen kann.
(Lenin, zitiert in E.H.Carr
Bd.2).

Auch
in dieser Frage konnten die Bolschewiki keine andere Politik verfolgen als die,
welche durch das ungünstige Kräfteverhältnis zwischen der proletarischen Revolution
und der Herrschaft des Kapitalismus diktiert wurde. Die Lösung dieses Berges
von Widersprüchen lag weder in den Händen des russischen Staates, noch lag sie
im Verhältnis zwischen Proletariat und Bauernschaft in Russland. Die Lösung lag
einzig und alleine in den Händen des internationalen Proletariates: "Auf dem 9.Parteitag im März 1919, auf
dem die Politik der Versöhnung mit dem Mittelbauern proklamiert wurde,
unterstrich Lenin einen wunden Punkt in der kollektiven Landwirtschaft. Der
Mittelbauer würde nur über die kommunistische Gesellschaftsordnung gewonnen werden,
"nur
wenn wir die ökonomischen Bedingungen, in denen er lebt, verbessern und
erleichtern können“. Doch genau dort war
der springende Punkt:
"Wenn wir ihnen morgen 100 000 erstklassige
Traktoren geben könnten, sie mit Mechanikern und Benzin unterstützen könnten,
und ihr wisst genau, dass dies im Moment reine Phantasie ist, dann würde der
Mittelbauer sagen: "Ich bin für das
Kollektiv (also für den Kommunismus)"
. Aber um dies zu verwirklichen,
müssen wir erst die internationale Bourgeoisie besiegen, um sie dann zwingen zu
können, uns die Traktoren zu geben. "Den
Sozialismus in Russland zu errichten, war ohne kollektive Landwirtschaft
unmöglich; die Landwirtschaft zu kollektivieren, war ohne Traktoren unmöglich;
Traktoren zu erhalten, war ohne die internationale proletarische Revolution
unmöglich."
(E.H. Carr, Bd.2, Seite 169). Weder während der Periode
des "Kriegskommunismus" noch während der Zeit der NEP konnte die
russische Wirtschaft je als sozialistisch bezeichnet werden. Vielmehr war sie geprägt
vom erstickenden Druck, der aufgrund der isolierten Situation Russlands auf ihr
lastete.

"Wir müssen davon ausgehen, dass, wenn die
europäische Arbeiterklasse die Macht vorher ergriffen hätte, wir unser rückständiges
Land hätten umwandeln können - ökonomisch sowie kulturell. Wir hätten dies mit
technischer und organisatorischer Unterstützung tun können, was uns erlaubt
hätte, unseren Kriegskommunismus teilweise oder gänzlich zu korrigieren oder
umzugestalten und uns in Richtung einer wirklich sozialistischen Gesellschaft
geführt hätte.
(Lenin, "Die NEP und die
Revolution").     

Die
Niederlage der revolutionären Kampfwelle des Weltproletariates führte schlussendlich
auch zum Untergang der proletarischen Bastion in Russland, und mit dem Tod der
Revolution entstand eine neue Bourgeoisie in Russland:

"Die neue Bourgeoisie entstand durch die
Degenerierung der Revolution von innen und nicht aus Überresten der alten herrschenden
Klasse des Zarismus, welche 1917 vom Proletariat eliminiert worden war. Diese
neue Bourgeoisie bildete sich auf der Grundlage der parasitären Bürokratie des
Staatsapparates, der unter Stalin immer mehr mit der bolschewistischen Partei
identisch wurde. Die Bürokratie dieses Partei-Staates eliminierte Ende 1920
alle Teile der Gesellschaft, welche fähig gewesen wären, eine neue
Privatbourgeoisie hervorzubringen (Spekulanten und Landbesitzer der NEP) und
mit denen sie vorher verbündet gewesen war. So gelang es ihr, die Kontrolle
über die Wirtschaft zu erhalten.
(aus unserer Broschüre "Stalinism and democracy:
two faces of capitalist terror").

Die Entmachtung der Arbeiterräte

Die
Isolierung der Revolution brachte nicht nur Hunger und Krieg, sondern
gleichfalls einen stetigen Verlust der Hauptwaffe, des Herzstücks der
Revolution: Die Massenaktion und das Bewusstsein der Arbeiterklasse, welche
sich zwischen Februar und Oktober 1917 so enorm ausgebreitet und vertieft
hatten. (Siehe dazu unseren Artikel in der "Internationalen Revue"
Nr.71, engl., franz., span.). Ende 1918 betrug die Zahl der in Petrograd
lebenden Arbeiter nur noch 50% derjenigen von Ende 1916, und bis Herbst 1920,
dem Ende des Bürgerkrieges, hatte die Geburtsstätte der Revolution 58% ihrer
Bevölkerung verloren. Moskau, die neue Hauptstadt, war zu 45% und die restlichen
Provinzhauptstädte zu 33% entvölkert worden. Die Mehrheit dieser Arbeiter war
in ländliche Gebiete gezogen, wo die Lebensbedingungen etwas weniger hart
waren, und eine beträchtliche Zahl war in die Rote Armee eingetreten oder im
Staatsdienst beschäftigt. "Als die
Lage an der Front schlecht stand, wandten wir uns an das Zentralkomitee der
Kommunistischen Partei und an den Vorstand des Zentralrates der Gewerkschaften.
Diese beiden Quellen schickten nun erstrangige Arbeiter an die Front, die sich
dort eine Rote Armee nach ihrem eigenen Bilde schufen"
(Trotzki,
zitiert in E.H.Carr, Bd.2, Seite 206).

Immer
wenn die Rote Armee, welche hauptsächlich aus Bauern bestand, Niederlagen
erlitten hatte, oder wenn sich Desertionen häuften, wurden ganze Brigaden von
entschlossensten und bewusstesten Arbeitern rekrutiert, um eine Vorhut bei
militärischen Operationen zu spielen oder als "Schutzwall" gegen die
Desertionen der Bauernsoldaten zu wirken. Sie mussten aber auch dauernd
Sabotageakte unterdrücken und die chaotische Versorgungslage organisieren. Die
Bolschewiki bezogen sich in solchen Situationen auf den Ausspruch Lenins: "Was wir hier brauchen, ist proletarische
Energie!"
Doch diese "proletarische Energie" wurde so aus
den Zentren des Landes entfernt, dort wo sie geboren war und sich Arbeiterräte
und Sowjets entwickelt hatten. Sie wurde immer mehr in den Dienst des Staates
und in die parasitäre Bürokratie integriert, welche das Organ der Konterrevolution
werden sollte (13). Die tragische Folge davon war eine zunehmende Schwächung,
eine Ausblutung der Sowjets:

"Da es die wichtigste Aufgabe der Regierung
war, angesichts des Feindes den Widerstand zu organisieren und wir verpflichtet
waren, alle Angriffe zurückzuschlagen, wurde die Kontrolle fast ausschliesslich
durch Befehle ausgeübt. So nahm die Diktatur des Proletariats fast natürlich
die Form einer proletarisch-militärischen Diktatur an. Somit verschwanden auch
die offenen Organe der Sowjetmacht, die Räteversammlungen, fast vollständig und
die Kontrolle wurde direkt durch die Exekutivkomitees ausgeübt, die auf drei
bis fünf Personen beschränkte Organe waren. Speziell in den Regionen nahe der
Front wurden die "offiziellen" Machtorgane, die durch die Arbeiter gewählt
worden waren, durch lokale "Revolutionäre Komitees" ersetzt, welche
anstatt die Probleme der Diskussion in den Massenversammlungen vorzulegen, sie
auf ihre eigene Initiative hin zu lösen versuchten"
(Trotzki, "Die Permanente Revolution").

Dieser
Verlust einer gemeinsamen Reflexion und Diskussion war nicht nur in den
Versammlungen und den lokalen Sowjets, sondern auch in den Fabrikräten zu
spüren. Ab 1918 fand der landesweite Sowjetkongress, der eigentlich alle drei
Monate vorgesehen war, nur noch einmal pro Jahr statt, und selbst das
Zentralkomitee der Sowjets war nicht mehr in der Lage, gemeinsame Diskussionen
zu führen oder Entscheidungen zu fällen. Als der Abgeordnete des
"Bundes" (Jüdische Kommunistische Partei) auf dem 7. Sowjetkongress
im Dezember 1919 fragte, was das Zentrale Exekutivkomitee mache, antwortete
Trotzki: "Das ZEKKI ist an der
Front".

 Schlussendlich lagen die Entscheidungen und
das ganze politische Leben in den Händen der bolschewistischen Partei, wie
Kamenjew es auf dem 9. Parteikongress der Bolschewiki ausdrückte: "Wir verwalten
Russland, und es ist unmöglich, es anders als durch die Kommunisten zu
verwalten"
(Hervorhebung durch uns).

Wir
sind derselben Meinung wie Rosa Luxemburg, die in ihrem Text "Zur Russischen
Revolution" folgende Kritik formulierte: "Dank dem offenen und unmittelbaren Kampf um die
Regierungsgewalt........" Hier widerlegt Trotzki sich selbst und seine
eigenen Parteifreunde aufs treffendste. Eben weil dies zutrifft, haben sie
durch Erdrückung des öffentlichen Lebens die Quelle der politischen Erfahrung
und das Steigen der Entwicklung verstopft. Oder aber müsste man annehmen, dass
Erfahrung und Entwicklung bis zur Machtergreifung der Bolschewiki nötig war,
den höchsten Grad erreicht hatte und von nun an überflüssig wurde. In
Wirklichkeit umgekehrt! Gerade die riesigen Aufgaben, an die die Bolschewiki
mit Mut und Entschlossenheit herantraten, erforderten die intensivste
politische Schulung der Massen und Sammlung der Erfahrung"
(Ges.Werke,
Bd.4, Seite 359).

Die
Italienische Kommunistische Linke drückte sich im selben Sinne aus, als sie die
Gründe für die Niederlage der Russischen Revolution untersuchte: "Marx und Engels, und vor allem Lenin,
haben immer die Notwendigkeit hervorgehoben, dem Staat das proletarische
Gegengift entgegenzuhalten, welches als einziges die nahende Degenerierung
aufhalten kann. Die Russische Revolution, weit entfernt von der Einsicht über
die Aufrechterhaltung und Lebendigkeit der proletarischen Klassenorgane,
integrierte sie in den Staatsapparat und verschlang damit ihre eigene Substanz."

(Bilan, Nr.28).

Es
half wenig, das Gewicht der Arbeiterklasse im Staat durch Gesetze aufrechterhalten
zu wollen (1 Delegierter auf 25 000 Arbeiter, während auf 125 000 Bauern
ebenfalls ein Delegierter kam), wenn das Problem gerade in der Aufsaugung
dieser Arbeiter durch den konservativen Staatsapparat lag. Und als die
proletarische Revolution in Europa definitiv niedergeschlagen war, konnte
nichts, nicht einmal die eiserne Kontrolle der bolschewistischen Partei über
die Gesellschaft, verhindern, dass der auf Weltebene sowie in Russland
dominierende Kapitalismus die Kontrolle über den Staat ausübte und ihn in die
direkt entgegengesetzte Richtung führte, als die Kommunisten es versucht
hatten:

"Das Steuer entgleitet den Händen: Scheinbar
sitzt ein Mensch da, der den Wagen lenkt, aber der Wagen fährt nicht dorthin,
wohin er in lenkt, sondern dorthin, wohin ein anderer ihn lenkt - jemand, der
illegal ist, der gesetzwidrig handelt, der von Gott weiss woher kommt,
Spekulanten oder Privatkapitalisten, oder die einen und die anderen zugleich -
, jedenfalls fährt der Wagen nicht ganz so und sehr häufig ganz und gar nicht
so, wie derjenige, der am Steuer des Wagens sitzt, sich einbildet."
(Lenin, 11.Parteitag der KPR(B), 27.3.1922, Werke Bd.33, Seite
266).

"Die Bolschewiki fürchteten, die Konterrevolution
komme vor allem von den Weissen Armeen und anderen direkten Instrumenten der
Bourgeoisie, und sie verteidigten deshalb die Revolution gegenüber diesen Gefahren.
Sie fürchteten die Rückkehr des Privateigentums durch das Fortdauern der
Kleinproduktion und vor allem durch die Bauernschaft. Doch die wirkliche Gefahr
der Konterrevolution kam nicht von den Kulaken, nicht von den auf schreckliche
Weise in Kronstadt massakrierten Arbeitern, nicht von den Verschwörungen der
"Weissen", wie es die Bolschewiki fürchteten. Der Weg der
Konterrevolution führte über die Leichen der 1919 in Deutschland massakrierten
Arbeiter und über den bürokratischen Apparat, der sich als angeblicher
"Halbstaat" des Proletariats ausgab, und in dem sich die
Konterrevolution am deutlichsten ausdrückte."
(Einführung zur Broschüre der IKS "Die Übergangsperiode vom
Kapitalismus zum Kommunismus", engl., franz., span.).

Die
Lösung für die Situation, welche im Oktoberaufstand 1917 ihren Anfang genommen
hatte, lag, wie es Rosa Luxemburg ausdrückte, nicht in Russland selbst: "In Russland konnte das Problem nur
gestellt werden. Es konnte nicht in Russland gelöst werden, es kann nur
international gelöst werden."
Der Schlüssel dazu lag in den Händen der
internationalen Arbeiterklasse. Und im gleichen Masse wie die weltrevolutionäre
Welle, die auf den Ersten Weltkrieg folgte, niedergeschlagen wurde, häuften
sich in Russland die Widersprüche und die verzweifelte Suche nach Lösungen.
Doch keine dieser scheinbaren Lösungen vermochte den Gordischen Knoten zu zerschlagen
und die Revolution auszubreiten.

"Die fatale Lage jedoch, in der sich die
Bolschewiki heute befinden, ist mitsamt den meisten ihrer Fehler selbst eine
Folge der grundsätzlichen Unlösbarkeit des Problems, vor das sie durch das
internationale, in erster Linie durch das deutsche Proletariat gestellt worden
sind. Die proletarische Diktatur und sozialistische Umwälzung in einem
einzelnen Lande durchführen, das von starrer imperialistischer Herrschaft
umgeben und vom blutigsten Weltkriege der menschlichen Geschichte umtobt ist,
das ist eine Quadratur des Zirkels. Jede sozialistische Partei müsste an dieser
Aufgabe scheitern und zugrunde gehen - ob sie den Willen zum Sieg und den
Glauben an den internationalen Sozialismus oder aber den Selbstverzicht zum
Leitstern ihrer Politik macht."
(Rosa
Luxemburg, "Die russische Tragödie", Ges. Werke Nr.4, Seite 391).

Die
Russische Revolution ist die wichtigste Erfahrung in der Geschichte der Arbeiterbewegung.
Die zukünftigen revolutionären Kämpfe des Proletariats dürfen keine Mühe
scheuen, sich all die Lehren daraus anzueignen. Und zweifellos ist die erste
davon die Bestätigung des alten marxistischen Schlachtrufes: "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!".
Dies ist nicht eine "schöne Idee", sondern die notwendige Bedingung
für den Sieg der kommunistischen Revolution. Die internationale Isolierung ist
der Tod der Revolution.

Etsoem, aus "International
Review", Nr. 75, 4.Quartal 1993

(auf deutsch veröffentlicht in Internationale Revue Nr.16,1995) 

(1) Siehe dazu unsere Broschüre "Communism
is not dead, but its worst enemy, Stalinism".

(2)
Aufgrund der schweren Enttäuschung, die sich durch die Niederlage der Russischen
Revolution unter den Kommunisten ausgebreitet hatte, entstanden Theorien wie
der Rätismus, welche in der Russischen Revolution eine bürgerliche Revolution
sahen und die Bolschewiki als eine bürgerliche Partei bezeichneten. Auch der
Bordigismus schreibt der Russischen Revolution einen Doppelcharakter zu (auf
der einen Seite bürgerlich, auf der anderen proletarisch). Siehe dazu unsere
Kritiken in der "Internationalen Revue" (deutsch) Nr.5 und 6:
"Oktober 1917: Anfang der Proletarischen Revolution".

(3)
Die erste Sowjet-Verfassung erteilte das Bürgerrecht "allen Ausländern, welche sich innerhalb des Territoriums der Vereinigten
Sowjetrepubliken aufhalten, vorausgesetzt, dass sie zur Arbeiterklasse gehören
oder Bauern sind, welche nicht die Arbeit anderer ausbeuten".

(4)
Die Sitzungen des 2. Kongresses der Kommunistischen Internationalen wurden vor
einer Landkarte durchgeführt, auf der die Gebietsgewinne der Roten Armee während
ihres Gegenangriffs auf Polen im Sommer 1920 eingezeichnet waren. Bekanntlich
drängte dieser militärische Einfall das polnische Proletariat dazu, sich mit
der eigenen Bourgeoisie zu verbünden und endete in der Niederlage der Roten
Armee vor den Toren Warschaus.

(5)
Im Januar 1918 brach in Berlin ein Streik aus, an dem sich ca. eine halbe Million
Arbeiter beteiligten und der sich sofort auf Hamburg, Kiel und das Ruhrgebiet
ausweitete. Während dieses Streiks wurden die ersten Arbeiterräte in
Deutschland gebildet. Zur selben Zeit fanden in Wien und Budapest Arbeiteraufstände
statt, und selbst die Mehrheit der bürgerlichen Journalisten bezeichnete sie
als eine Reaktion auf die Russische Revolution und vor allem auf die
Verhandlungen von Brest-Litowsk.

(6)
Siehe unsere Broschüre „Die russische Revolution“: „Die kommunistische Linke in
Russland“

(7)
Siehe ‘Internationale Revue’ (deutsch) Nr.5 und6 und den Artikel ‘Die kommunistische
Linke in Russland’ in unserer Broschüre ‘Die russische Revolution’. Sowie
unsere Broschüre "Die Übergangsperiode vom Kapitalismus zum
Kommunismus", in der wir anhand der russischen Erfahrung die Frage von
Verhandlungen zwischen proletarischen Bastionen und kapitalistischen
Regierungen untersuchen.

(8)
Diese Regierung kontrollierte das ganze Gebiet der mittleren und unteren Wolga.
Im Oktober 1918 fand ein Aufstand von zirka 400 000 "Wolgadeutschen"
statt, die in diesem Gebiet eine Arbeiterkommune ausriefen. Die sogenannte
"Tschechische Legion" waren tschechische Kriegsgefangene, welche von
der russischen Regierung die Erlaubnis erhalten hatten, Russland via
Wladiwostok zu verlassen. Während ihrer Reise meuterten 60 000 dieser 200.000
Soldaten und bildeten bewaffnete Banden, welche Plünderungen und Terror
verübten. Es muss aber auch angefügt werden, dass rund 12.000 Soldaten dieser
"Tschechischen Legion" in die Rote Armee eintraten.

(9)
Dieser ehemalige Sozialrevolutionär wirkte im September 1917 als geheimer
Verbindungsmann zwischen Kerenski und Kornilow. Im Januar 1918 organisierte er
einen Mordanschlag auf Lenin. Er war ebenfalls der Vertreter der
"Weissen" in Paris, wo er nicht nur mit den Geheimdiensten der
Alliierten in Kontakt stand, sondern auch mit Ministern und Generälen, von
denen er als Belohnung für seine "Dienste für die Demokratie" die
Führung über Sabotagekommandos, die sog. "Grünen", erhielt.  

(10) Siehe ‘Internationale Revue’
(deutsch) Nr.5 und6 ‘Oktober 1917’ und die Artikel ‘Der Niedergang der
russischen Revolution’ und ‘Die kommunistische Linke in Russland’ in unserer
Broschüre ‘Die russische Revolution’.

(11)
Diese Typhusepidemien waren dermassen verbreitet und brachen nicht ab, so dass
Lenin erklärte: "Entweder wird die
Revolution diese Laus
(die den Typhuserreger verbreitet) vernichten, oder dann wird die Laus die
Revolution zerstören".

(12)
Die NEP war nicht, wie viele Genossen der Kommunistischen Linken in Russland
dachten, die Rückkehr des Kapitalismus, da in Russland nie eine sozialistische
Ökonomie existiert hatte. Wir haben unsere Position zu dieser Frage in der
"International Review" No.2 "Answer to Workers Voice" und
in dem Artikel „Die kommunistische Linke in Russland“ in unserer Broschüre  ‘Die russische Revolution’ dargelegt.

(13)
Unsere Position zur Rolle des Staates in der Übergangsperiode und zum Verhältnis
der Arbeiterräte zu diesem Übergangsstaat, basierend auf den Erfahrungen der
Russischen Revolution, sind nachzulesen in unserer Broschüre "Die
Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus" und in der
"International Review" Nr. 8, 11, 15 und 18. Zur Auffassung, dass die
Partei im Namen der Arbeiterklasse die Macht ergreift, siehe unsere Kritik in
"International Review" Nr. 23, 34 und 3

Theorie und Praxis: