1917: Die Russische Revolution

Nichts macht eine herrschende Klasse rasender
als eine Erhebung der Ausgebeuteten. Die Revolten der Sklaven im Römischen
Reich, der Bauern unter dem Feudalismus sind immer mit einer unübertroffenen
Grausamkeit niedergeschlagen worden. Doch der Aufstand der Arbeiterklasse gegen
den Kapitalismus ist ein noch größerer Affront gegen die herrschende Klasse
dieses Systems, da er auf seiner Fahne klar die Inschrift einer neuen
Gesellschaft trägt, einer kommunistischen Gesellschaft, die tatsächlich einer
historischen Möglichkeit und Notwendigkeit entspricht. Deshalb kann sich die
Kapitalistenklasse nicht damit zufrieden geben, die revolutionären Versuche der
Arbeiterklasse zu unterdrücken, sie im Blut zu ertränken, auch wenn die
kapitalistische Konterrevolution bestimmt die blutigste in der ganzen
Geschichte ist. Sie muß darüber hinaus die Idee ins Lächerliche ziehen, daß die
Arbeiterklasse die Trägerin einer neuen gesellschaftlichen Ordnung ist, sie muß
die totale Bedeutungslosigkeit der kommunistischen Perspektive propagieren. Zu
diesem Zweck braucht sie ein ganzes Arsenal von Lügen und Verfälschungen
parallel zum realen, gegenständlichen Waffenarsenal. Aus diesem Grund brauchte
das Kapital auch während dem größten Teil des 20. Jahrhunderts die
Aufrechterhaltung der größten Lüge der Geschichte: die Lüge, daß der Stalinismus
Kommunismus sei.

Der Zusammenbruch des Ostblocks 1989 und der
UdSSR zwei Jahre später hat, obwohl er der Bourgeoisie das lebendige ”Beispiel” dieser Lüge wegnahm, diese
gewaltig verstärkt, indem die herrschende Klasse nun eine riesige Kampagne über
den offensichtlichen Mißerfolg des Kommunismus, des Marxismus und sogar über
das Veralten der Idee des Klassenkampfs selber startete. Die für das Bewußtsein
des Weltproletariats zutiefst zerstörerischen Auswirkungen dieser Kampagne sind
verschiedentlich in den Spalten dieser Internationalen Revue untersucht worden,
so daß wir hier diesen Punkt nicht weiter entwickeln. Auch wenn der Einfluß
dieser Kampagnen im Laufe der letzten Jahre abgenommen hat – v.a. wegen der
Versprechungen der Bourgeoisie über die ”Neue Weltordnung” des Friedens und des
Wohlstands, die angeblich den Tod des Stalinismus ablösen sollten, sich aber
nur als Unsinn entpuppt haben –, ist es wichtig zu unterstreichen, daß sie für
den ideologischen Kontrollapparat der Bourgeoisie so zentral sind, daß diese
keine Gelegenheit versäumt, ihr neues Leben und neuen Einfluß zu verleihen. Wir
sind nun in das Jahr des 80. Jubiläums der Russischen Revolution eingetreten,
und zweifellos werden wir neue Lügen über diesen Gegenstand hören. Und eines
ist sicher: Der Haß und die Verachtung der Bourgeoisie für die proletarische
Revolution, die 1917 in Rußland begonnen hat, ihre Anstrengungen, die Erinnerungen
an sie in Form und Inhalt zu entstellen, werden v.a. die politischen
Organisation zum Ziel haben, die den Geist der großen Aufstandsbewegung
verkörpert hat, die bolschewistische Partei. Das darf uns nicht überraschen:
Seit der Zeit des Bundes der Kommunisten und der I. Internationale war die
Bourgeoisie immer bereit, der Mehrheit der armen Arbeiter ”zu verzeihen”, daß
sie durch die Komplotte und Machenschaften der revolutionären Minderheiten
übers Ohr gehauen worden waren, während sie diese unabänderlich als Verkörperung
des Bösen sieht. Und für das Kapital war keine dieser Organisationen so schlimm
wie die Bolschewiki; diese haben es geschafft, die einfachen Arbeiter länger
und nachhaltiger ”irrezuführen” als irgendeine andere revolutionäre Partei in
der Geschichte.

Es ist hier nicht der Ort, um alle Bücher,
Artikel und Dokumente zu behandeln, die in letzter Zeit dem Thema der
Russischen Revolution gewidmet worden sind. Es genügt festzuhalten, daß
diejenigen, die am meisten Publizität erhalten – z.B. ”The Unknown Lenin: from the Soviet Archives” (Der unbekannte
Lenin: aus den sowjetischen Archiven) und ”Der
wahre Lenin”
des früheren Archivars des KGB Volkogonow, der behauptet,
Zugang zu den unzugänglichsten Dossiers seit 1917 gehabt zu haben – ein sehr
genau umschriebenes Ziel haben: zu zeigen, daß Lenin und die Bolschewiki eine
Horde von fanatischen Machtgierigen waren, die alles daran gesetzt haben, die
demokratischen Errungenschaften der Februarrevolution 1917 rückgängig zu machen
und Rußland sowie die Welt in eines der schrecklichsten Experimente der
Geschichte zu stürzen. Selbstverständlich ”beweisen” diese Herren mit einer
minutiösen und detaillierten Aufmerksamkeit, wie der stalinistische Terror
nichts anderes war, als die Fortsetzung und Vollendung des leninistischen
Terrors. Der Untertitel der deutschen Ausgabe der Arbeit von Volkogonow über
Lenin, ”Utopie und Terror”, faßt die
Methode der Bourgeoisie sehr gut zusammen: die Idee, daß die Revolution gerade
deshalb im Terror untergegangen ist, weil sie versucht hat, ein utopisches
Ideal zu erreichen, nämlich den Kommunismus, der wahrhaftig ein Gegensatz zur
menschlichen Natur sei. Ein wichtiges Element in diesem antibolschewistischen
Unterfangen ist die Idee, daß der Bolschewismus mit seinem ganzen Diskurs über
den Marxismus und die Weltrevolution v.a. ein Ausdruck der Rückständigkeit
Rußlands gewesen sei. Diese Leier ist alles andere als neu: Sie war ein
Lieblingsthema des ”Renegaten Kautsky” nach dem Oktoberaufstand. Aber sie hat
später eine beträchtliche akademische Würde angenommen. Eine der besten Studien
über die Anführer der Russischen Revolution – ”Three who made a revolution”
(Drei, die eine Revolution machten) von Betram Wolfe –, die in den 50er Jahren
geschrieben wurde, baut diese Idee mit einem besonderen Augenmerk auf Lenin
aus. Aus dieser Sicht schuldet der Standpunkt Lenins über die proletarische
politische Organisation als einem zahlenmäßig ”beschränkten”, aus überzeugten
Revolutionären zusammengesetzten Körper, mehr den konspiratorischen und
geheimen Auffassungen der ”Narodniki” und Bakunins als Marx. Solche Historiker
stellen diese Auffassungen oft den ”ausgeklügelteren”, ”europäischeren” und
”demokratischeren” der Menschewiki gegenüber. Und selbstverständlich wird uns
weiter erklärt, daß, da die Form der revolutionären Organisation eng an die
Form der Revolution selber gebunden ist, die demokratische menschewistische
Organisation uns ein demokratisches Rußland beschert hätte, während die
diktatorische bolschewistische Form, ein diktatorisches Rußland zum Resultat
hatte.

Es sind nicht nur die offiziellen Sprecher
der Bourgeoisie, die solche Ideen kolportieren. Vielmehr werden diese Ideen,
leicht anders verpackt, auch durch Anarchisten jeder Art verkauft, die
hinsichtlich der Russischen Revolution Spezialisten der Methode sind: ”Wir
haben es euch schon immer gesagt”. ”Wir
wußten von Anfang an, daß der Bolschewismus schlecht ist und mit Tränen enden
würde – all diese Diskurse über die Partei, den Übergangsstaat und die Diktatur
des Proletariats konnten nur dahin führen.”
Aber der Anarchismus hat die
Gewohnheit, sich andauernd zu erneuern, und er kann auch viel subtiler
auftreten. Ein gutes Beispiel dafür ist die Argumentation, die eine parasitäre
Sorte des Anarchismus, die sich (u.a.) ”London Psychogeographical Association”
nennt, in Umlauf setzt. Die LPA hat sich warmherzig dem Argument der IKS
angeschlossen, wonach der Bakunismus mit seinem ganzen Gerede von Freiheit und
Gleichheit, seiner Kritik des marxistischen ”Autoritarismus” im Grunde genommen
auf zutiefst hierarchischen und sogar esoterischen Sichtweisen beruhte, die eng
verbunden waren mit der Freimaurerei. Doch für die LPA ist dies nur die Vorspeise.
Im Hauptgang tischt sie auf, daß die bolschewistische Organisationsauffassung
die wahre Fortsetzung des Bakunismus und somit der Freimaurerei sei. Der Kreis
schließt sich: Die ”Kommunisten” der LPA käuen die Reste der Professoren des
Kalten Krieges wieder.

Was mit all diesen Verleumdungen des
Bolschewismus ins Spiel gebracht wird, ist beträchtlich, und man kann darauf
nicht im Rahmen eines einzigen Artikels antworten. Eine kritische Einschätzung
der ”leninistischen” Organisationsauffassung zu liefern z.B., das Vorurteil zu
widerlegen, nach dem sie nichts anderes als eine neue Version des Narodnikitums
oder des Bakunismus sei, würde allein eine ganze Artikelserie erfordern. Das
Ziel des vorliegenden Artikels ist ein anderes. Es geht darum, eine spezielle Phase
der Ereignisse der Russischen Revolution zu untersuchen: die Aprilthesen, die Lenin bei seiner
Rückkehr nach Rußland 1917 verteidigte. Dies nicht nur deshalb, weil das fast
auf den Monat genaue Jubiläum eine gute Gelegenheit dazu bietet, sondern v.a.
darum, weil dieses kurze und präzise Dokument einen vorzüglichen Ausgangspunkt
darstellt, um alle Lügen über die bolschewistische Partei zu widerlegen und um
das wesentliche über sie nachzuweisen: Diese Partei war nicht das Produkt der
russischen Barbarei, eines entstellten Anarchoterrorismus oder eines absoluten
Machthungers der Anführer. Der Bolschewismus war v.a. das Produkt des
Weltproletariats; unauflöslich verknüpft mit der gesamten marxistischen
Tradition, war er nicht der Keim einer neuen Ausbeutungs- oder Unterdrückungsform,
sondern die Avantgarde einer Bewegung, die dazu bestimmt war, jeder Ausbeutung
und jede Unterdrückung zu beseitigen.

 Vom Februar zum April

Gegen Ende Februar 1917 traten die Petro­grader
Arbeiter in Massenstreiks gegen die unerträglichen, durch den imperialistischen
Krieg aufgezwungenen Lebensbedingungen. Die Losungen der Bewegung wurden
schnell politisch, die Arbeiter verlangten die Beendigung des Krieges und den
Umsturz der Autokratie. In wenigen Tagen weitete sich der Streik in andere
Städte, große und kleine, aus, und als sich die Arbeiter bewaffneten und mit
den Soldaten verbrüderten, wurde der Massenstreik zum Aufstand.

Die Arbeiter erinnerten sich an die Erfahrung
von 1905 und zentralisierten den Kampf mit dem Mittel der Sowjets der Arbeiterdeputierten,
die durch die Fabrikversammlungen gewählt und jederzeit abwählbar waren. Im
Gegensatz zu 1905 begannen die Soldaten und Bauern dem Beispiel in breitem
Maßstab zu folgen. Die herrschende Klasse erkannte, daß die Tage der Autokratie
gezählt waren, und entledigte sich selbst des Zars; sie rief die Liberalen und
die ”linken” Parteien, v.a. die diejenigen Elemente, die einst proletarisch
gewesen und mit der Unterstützung des Krieges ins bürgerliche Lager
übergetreten waren, dazu auf, eine Provisorische Regierung mit dem offen
erklärten Ziel zu bilden, Rußland hin zu einem parlamentarisch-demokratischen
System zu führen. Effektiv entstand eine Situation der Doppelmacht, da die
Arbeiter und Soldaten nur den Sowjets wirklich trauten und die bürgerliche
Provisorische Regierung noch nicht in einer genügend starken Lage war, um sie
zu ignorieren, geschweige denn, um sie zu beseitigen. Aber diese grundsätzliche
Trennungslinie zwischen den Klassen wurde teilweise durch einen demokratischen
Euphorienebel verwischt, der nach dem Februaraufstand über das Land fiel.
Nachdem der Zar beseitigt worden war und sich das Volk einer nie erlebten
Freiheit erfreute, schienen alle für die ”Revolution” zu sein – inklusive die
demokratischen Verbündeten Rußlands, die hofften, daß dies dem Land erlauben
würde, effektiver an den Kriegsanstrengungen teilzunehmen. So stellte sich die
Provisorische Regierung als den Hüter der Revolution dar; die Sowjets waren
politisch beherrscht durch die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre, die
alles daran setzten, um die Räte gegenüber dem neu eingerichteten bürgerlichen
Regime zu entmachten. Kurz, die ganze Kraft des Massenstreiks und des Aufstands
– die in Wirklichkeit ein Ausdruck einer allgemeineren revolutionären Bewegung
war, die aufgrund des Krieges in allen wichtigen kapitalistischen Ländern
brütete – wurde auf kapitalistische Bahnen umgeleitet.

Wo standen die Bolschewiki in dieser Situation,
die so voller Gefahren und Versprechungen war? Sie befanden sich in einer vollständigen Verwirrung.

”Der
erste Monat der Revolution war für den Bolschewismus eine Zeit der Fassungslosigkeit
und Schwankungen. Im
‘Manifest’ des Zentralkomitees der Bolschewiki, verfaßt gleich nach dem Siege des
Aufstands, hieß es,
‘die Arbeiter der Fabriken und Werkstätten wie auch die
aufständischen Truppen müssen sofort ihre Vertreter in die revolutionäre
Provisorische Regierung wählen’. (...)
Sie handelten nicht wie Vertreter einer proletarischen Partei, die sich zum
selbständigen Kampf um die Macht vorbereitet, sondern als linker Flügel der
Demokratie, der, seine Prinzipien verkündend, die Absicht hat, während einer
unbestimmt langen Zeit die Rolle der loyalen Opposition zu spielen.”

[i]

Als Stalin und Kamenew im März 1917 die
Führung der Partei übernahmen, standen sie noch weiter rechts. Stalin
entwickelte eine Theorie über die sich ergänzenden Rollen der Provisorischen
Regierung und der Sowjets. Schlimmer noch: Das offizielle Organ der Partei, die
Prawda, nahm offen eine Position zur
Verteidigung des Krieges ein: ”Nicht das
inhaltlose
‘Nieder mit dem Krieg’ ist
unsere Losung. Unsere Losung ist – der Druck auf die Provisorische Regierung
mit dem Ziele, sie zu zwingen ... mit einem Versuch hervorzutreten, alle
kämpfenden Länder zur sofortigen Aufnahme von Friedensverhandlungen zu bewegen
... Bis dahin bleibt aber jeder auf seinem Kampfposten!”

[ii]

Trotzki berichtet, wie zahlreiche Mitglieder
der Partei zutiefst beunruhigt und sogar wütend auf das opportunistische
Abgleiten der Partei reagierten. Aber sie waren programmatisch nicht
ausgerüstet, um der Position der Führung entgegenzutreten, da sie auf der
Perspektive zu fußen schien, die Lenin selbst entwickelt hatte und die während
eines ganzen Jahrzehnts die offizielle Position der Partei dargestellt hatte:
die Perspektive der ”demokratischen Diktatur der Arbeiter und Bauern”. Das
Wesen dieser Theorie bestand darin, daß die Revolution in Rußland, obwohl sie
ökonomisch gesprochen bürgerlicher Natur sein werde, nicht von der russischen
Bourgeoisie getragen werden könne, da diese zu schwach sei. Deshalb müsse die
kapitalistische Modernisierung Rußlands durch das Proletariat und die ärmsten
Schichten der Bauern wahrgenommen werden. Diese Position befindet sich zwischen
derjenigen der Menschewiki – die vorgeben, orthodoxe Marxisten zu sein, und
folglich vertreten, die Aufgabe des Proletariats bestehe darin, die Bourgeoisie
in ihrem Kampf gegen den Absolutismus kritisch zu unterstützen, bis Rußland
reif für den Sozialismus sei – und derjenigen von Trotzki, dessen Theorie der
”permanenten Revolution”, die er nach den Ereignissen von 1905 entwickelte,
davon ausgeht, daß die Arbeiterklasse in der kommenden Revolution an die Macht
getrieben und gezwungen sein würde, über die bürgerliche Etappe der Revolution
hinauszugehen, bis zur sozialistischen Phase unter der einzigen Bedingung, daß
die russische Revolution mit einer sozialistischen Revolution in den
industrialisierten Ländern zusammenfällt oder sie hervorruft.

In Tat und Wahrheit ist die Theorie Lenins
bestenfalls das Produkt einer Epoche, wo es immer offensichtlicher wird, daß
die russische Bourgeoisie keine revolutionäre Kraft ist, aber wo auch noch
nicht klar ist, daß die Zeit der internationalen sozialistischen Revolution
angebrochen ist. Doch die Überlegenheit der These Trotzkis liegt gerade darin,
daß sie von einem internationalen, statt einfach einem russischen Rahmen
ausgeht; und Lenin selber hat sich trotz seiner zahlreichen und scharfen
Divergenzen mit Trotzki nach den Ereignissen von 1905 verschiedentlich des
Begriffs der permanenten Revolution bedient.

In der Praxis erwies sich die Idee der
”demokratischen Diktatur der Arbeiter und Bauern” als substanzlos; die
”orthodoxen Leninisten”, die diese Formel 1917 wieder aufgriffen, benützten sie
als Feigenblatt für ihr ganz banales Abgleiten zum Menschewismus. Kamenew
behauptete mit Nachdruck, daß man die Provisorische Regierung kritisch
unterstützen müsse, da die bürgerlich demokratische Phase noch nicht abgeschlossen
sei: Dies entsprach kaum noch der ursprünglichen Auffassung von Lenin, die die
Tatsache unterstrich, daß die Bourgeoisie unweigerlich mit der Autokratie
paktieren würde. Es gab sogar ernsthafte Versuche einer Wiedervereinigung
zwischen den Menschewiki und den Bolschewiki.

Die politisch entwaffnete bolschewistische
Partei zieht es so Richtung Kompromiß und Verrat. Die Zukunft der Revolution
steht auf dem Spiel, als Lenin aus dem Exil zurückkommt.

In seiner Geschichte
der Russischen Revolution
gibt Trotzki uns eine genaue Beschreibung der
Ankunft Lenins am 3. April 1917 im Finnländischen Bahnhof von Petrograd. Der
Petrogrades Sowjet, der noch von Menschewiki und Sozialrevolutionären beherrscht
ist, organisierte eine große Empfangsfeier und hieß Lenin mit Blumen willkommen.
Im Namen des Sowjets empfängt Tschcheidse Lenin mit den folgenden Worten:

”Genosse
Lenin, im Namen des Petersburger Sowjets und der gesamten Revolution begrüßen
wir Sie in Rußland ... Aber wir sind der Ansicht, daß die Hauptaufgabe der revolutionären
Demokratie jetzt in der Verteidigung unserer Revolution gegen alle Anschläge,
von innen wie von außen, besteht ... Wir hoffen, daß Sie gemeinsam mit uns
diese Ziele verfolgen werden.”

[iii]

Die Antwort von Lenin richtete sich nicht an
die Führer des Empfangskomitees, sondern an die Hunderte von Arbeitern und
Soldaten, die zum Bahnhof geströmt waren:

”Liebe
Genossen, Soldaten, Matrosen und Arbeiter! Ich bin glücklich, in eurer Person
die siegreiche Russische Revolution zu begrüßen, euch als die Avantgarde der
proletarischen Weltarmee zu begrüßen ... Die Stunde ist nicht fern, wo auf den
Ruf unseres Genossen Karl Liebknecht die Völker die Waffen gegen ihre
Ausbeuter, die Kapitalisten, richten werden ... Die Russische Revolution, von
euch vollbracht, hat eine neue Epoche eingeleitet. Es lebe die sozialistische
Weltrevolution ...”

[iv]

So geht der Spielverderber Lenin mit dem
demokratischen Karneval von allem Anfang an um. In dieser Nacht arbeitete Lenin
seinen Standpunkt zu einer zweistündigen Rede aus, die mehr noch all die
Demokraten und sentimentalen Sozialisten vor den Kopf stoßen würde, die
wollten, daß die Revolution nicht weitergehe als es diejenige des Februars
getan hatte, die den Massenstreiks der Arbeiter applaudierten, als diese den
Zaren verjagten und der Provisorischen Regierung erlaubten, die Macht zu
ergreifen, die aber jede weitere Polarisierung zwischen den Klassen fürchteten.
Am folgenden Tag legte Lenin in einer gemeinsamen Sitzung der Bolschewiki und
der Menschewiki das vor, was später unter dem Namen der Aprilthesen bekannt wurde. Sie sind ziemlich kurz, so daß sie hier
in voller Länge abgedruckt werden können:

”1.  In unserer Stellung zum Krieg, der von seiten
Rußlands auch unter der neuen Regierung Lwow und Co. – infolge des kapitalistischen
Charakters dieser Regierung – unbedingt ein räuberischer, imperialistischer
Krieg bleibt, sind auch die geringsten Zugeständnisse an die ‘revolutionäre
Vaterlandsverteidigung’ unzulässig.

     Einem revolutionären Krieg, der die
Vaterlandsverteidigung wirklich rechtfertigen würde, kann das klassenbewußte
Proletariat seine Zustimmung nur unter folgenden Bedingungen geben: a) Übergang
der Macht in die Hände des Proletariats und der sich ihm anschließenden ärmsten
Teile der Bauernschaft; b) Verzicht auf alle Annexionen in der Tat und nicht
nur in Worten; c) tatsächlicher und völliger Bruch mit allen Interessen des Kapitals.

     In Anbetracht dessen, daß breite Schichten der revolutionären
Vaterlandsverteidiger aus der Masse es zweifellos ehrlich meinen und den Krieg
anerkennen in dem Glauben, daß er nur aus Notwendigkeit und nicht um
Eroberungen geführt werde, in Anbetracht dessen, daß sie von der Bourgeoisie
betrogen sind, muß man sie besonders gründlich, beharrlich und geduldig über
ihren Irrtum, über den untrennbaren Zusammenhang von Kapital und imperialistischem
Krieg aufklären, muß man den Nachweis führen, daß es ohne den Sturz des
Kapitals unmöglich ist, den Krieg
durch einen wahrhaft demokratischen Frieden und nicht durch einen Gewaltfrieden
zu beenden.

     Organisierung der allerbreitesten Propaganda dieser Auffassung
unter den Fronttruppen.

Verbrüderung.

2.  Die Eigenart der gegenwärtigen Lage in Rußland besteht im Übergang von der ersten Etappe der
Revolution, die infolge des ungenügend entwickelten Klassenbewußtseins und der
ungenügenden Organisiertheit des Proletariats der Bourgeoisie die Macht gab,
zur zweiten Etappe der Revolution,
die die Macht in die Hände des Proletariats und der ärmsten Schichten der
Bauernschaft legen muß.

     Dieser Übergang ist gekennzeichnet einerseits durch ein
Höchstmaß an Legalität (Rußland ist zur
Zeit
von allen kriegführenden Ländern das freieste Land der Welt),
andererseits dadurch, daß gegen die Massen keine Gewalt angewandt wird, und
schließlich durch die blinde Vertrauensseligkeit der Massen gegenüber der
Regierung der Kapitalisten, der ärgsten Feinde des Friedens und des Sozialismus.

     Diese Eigenart fordert von uns die Fähigkeit, uns den besonderen Bedingungen der Parteiarbeit
unter den unerhört breiten, eben erst zum politischen Leben erwachten Massen
des Proletariats anzupassen.

3.  Keinerlei Unterstützung der Provisorischen Regierung, Aufdeckung
der ganzen Verlogenheit aller ihrer Versprechungen, insbesondere hinsichtlich
des Verzichts auf Annexionen, Entlarvung der Provisorischen Regierung statt der
unzulässigen, Illusionen erweckenden ‘Forderung’, diese Regierung, die Regierung der Kapitalisten, solle aufhören, imperialistisch zu sein.

4.  Anerkennung der Tatsache, daß unsere Partei in den meisten Sowjets
der Arbeiterdeputierten in der Minderheit, vorläufig sogar in einer schwachen
Minderheit ist gegenüber dem Block aller
kleinbürgerlichen opportunistischen Elemente, die dem Einfluß der Bourgeoisie
erlegen sind und diesen Einfluß in das Proletariat hineintragen – von den
Volkssozialisten und Sozialrevolutionären bis zum Organisationskomitee
(Tschcheidse, Zereteli usw.), Steklow usw. usf.

     Aufklärung der Massen darüber, daß die Sowjets der
Arbeiterdeputierten die einzig mögliche
Form der revolutionären Regierung sind und daß daher unsere Aufgabe, solange
sich diese Regierung von der
Bourgeoisie beeinflussen läßt, nur in geduldiger, systematischer, beharrlicher,
besonders den praktischen Bedürfnissen der Massen angepaßter Aufklärung über die Fehler ihrer Taktik
bestehen kann.

     Solange wir in der Minderheit sind, besteht unsere Arbeit in der
Kritik und Klarstellung der Fehler, wobei wir gleichzeitig die Notwendigkeit
der Übergangs der gesamten Staatsmacht an die Sowjets der Arbeiterdeputierten
propagieren, damit die Massen sich durch die Erfahrung von ihren Irrtümern
befreien.

5.  Keine parlamentarische Republik – von den Sowjets der
Arbeiterdeputierten zu dieser zurückzukehren wäre ein Schritt rückwärts –,
sondern eine Republik der Sowjets der Arbeiter, Landarbeiter- und
Bauerndeputierten im ganzen Land, von unten bis oben.

     Abschaffung der Polizei, der Armee, der Beamtenschaft.

     Entlohnung aller Beamten, die durchweg wählbar und jederzeit
absetzbar sein müssen, nicht über den Durchschnittslohn eines guten Arbeiters
hinaus.

6.  Im Agrarprogramm Verlegung des Schwergewichts auf die Sowjets der
Landarbeiterdeputierten.

     Konfiskation aller Gutbesitzerländereien.

     Nationalisierung des gesamten
Bodens im Lande; die Verfügungsgewalt über den Boden liegt in den Händen der
örtlichen Sowjets der Landarbeiter- und Bauerndeputierten. Bildung besonderer
Sowjets von Deputierten der armen Bauern. Schaffung von Musterwirtschaften aus
allen großen Gütern (im Umfang von etwa 100 bis 300 Desjatinen, je nach den
örtlichen und sonstigen Verhältnissen und nach dem Ermessen der örtlichen
Institutionen) unter Kontrolle der Landarbeiterdeputierten und für Rechnung der
Gesellschaft.

7.  Sofortige Verschmelzung aller Banken des Landes zu einer
Nationalbank und Errichtung der Kontrolle über die Nationalbank durch den
Sowjet der Arbeiterdeputierten.

8.  Nicht ‘Einführung’ des Sozialismus als unsere unmittelbare Aufgabe, sondern augenblicklich nur Übergang zur Kontrolle über die gesellschaftliche
Produktion und die Verteilung der Erzeugnisse durch den Sowjet der
Arbeiterdeputierten.

9.  Aufgaben der Partei:

a)  sofortige Einberufung des Parteitags;

b)  Änderung der Parteiprogramms, in der Hauptsache in folgenden
Punkten:

     1.       Imperialismus und
imperialistischer Krieg;

     2.       Stellung zum Staat
und unsere Forderung eines
‘Kommunestaates’;

     3. Berichtigung des veralteten Minimalprogramms;

c)  Änderung des Namens der Partei.

10. Erneuerung der
Internationale.

     Initiative zur Gründung einer revolutionären Internationale,
einer Internationale gegen die Sozialchauvinisten
und gegen das ‘Zentrum’.”

 

Der Kampf für die Umbewaffnung der Partei –
der Beweis der marxistischen Methode

Zalewski, Mitglied des bolschewistischen
Zentralkomitees, faßte die Reaktion auf die Thesen Lenins in der Partei und der
Arbeiterbewegung folgendermaßen zusammen: ”Die
Thesen Lenins hatten die Wirkung einer explodierenden Bombe.”
Die
anfängliche Reaktion war Ungläubigkeit, und ein Regen von Verdrehungen
prasselte auf Lenin nieder: Er sei zu lange im Exil gewesen und habe so den
Kontakt mit der Russischen Revolution verloren, seine Ansichten über die
Perspektive der Revolution seien in den ”Trotzkismus” abgeglitten und seine
Position über die Machtergreifung durch die Sowjets stelle einen Schritt zurück
zum Blanquismus, Abenteurertum und Anarchismus dar. Goldberg, ein früheres
Mitglied des bolschewistischen Zentralkomitees, nun außerhalb der Partei,
äußerte sich dazu folgendermaßen: ”Während
einigen Jahren war der Platz von Bakunin in der Russischen Revolution unbesetzt;
nun ist er von Lenin eingenommen worden.”
Kamenew sah in den Auffassungen
Lenins für die Bolschewiki gar eine Behinderung, als Massenpartei zu
funktionieren, indem er ihre Rolle auf eine ”Gruppe
von kommunistischen Propagandisten reduziere”.

Dies war nicht das erste Mal, daß sich die
”alten Bolschewiki” im Namen des Leninismus an alten Formeln festklammerten.
Schon 1905 stützte sich die anfängliche Reaktion der Bolschewiki gegenüber dem
Auftauchen der Räte auf eine mechanische Interpretation von Lenins Kritik am
Spontaneismus in ”Was Tun?”. Die
Parteileitung hatte den Petrograder Sowjet sogar aufgefordert, sich der Partei
zu unterwerfen oder sich aufzulösen. Lenin hatte als einer der Ersten die
Bedeutung der Räte als Organ der proletarischen Macht verstanden und jene
Auffassungen kategorisch verworfen. Er bestand darauf, sich nicht die Frage
”Sowjet oder Partei” zu stellen,
sondern ”Sowjet und Partei”, da sie
beide eine sich gegenseitig ergänzende Rolle haben. Schon damals hatte Lenin
diesen ”Leninisten” eine Lehre über die marxistische Methode erteilt, indem er
ihnen aufzeigte, daß der Marxismus das Gegenteil eines toten Dogmas ist,
sondern eine wissenschaftliche und lebendige Theorie, welche dauernd im
Laboratorium der sozialen Bewegung bestätigt wird. Die Aprilthesen sind ein Beispiel der Fähigkeit des Marxismus, überholte
Auffassungen im Lichte des Klassenkampfes auszusondern, anzupassen, zu verbessern
und zu bereichern: ”Jetzt gilt es, sich
die unbestreitbare Wahrheit zu eigen zu machen, daß der Marxist mit dem
lebendigen Leben, mit den exakten Tatsachen der Wirklichkeit rechnen muß, statt
sich an die Theorie von gestern zu klammern, die, wie jede Theorie, bestenfalls
nur das Grundlegende, Allgemeine aufzeigt und die Kompliziertheit des Lebens
nur annähernd erfaßt. ‘Grau, treuer Freund, ist alle Theorie und grün des
Lebens goldener Baum.’”

[v]

 Und im selben Brief warnte Lenin, ”es jenen ‘alten Bolschewiki’ gleichzutun,
die schon mehrmals eine traurige Rolle in der Geschichte unserer Partei
gespielt haben, indem sie sinnlos eine auswendig gelernte Formel wiederholt
haben, anstatt die Eigenart der neuen, der lebendigen Wirklichkeit zu
studieren.”

Für Lenin bestand die ”Demokratische
Diktatur” in den Deputiertenräten der Arbeiter und Bauern und war somit zu
einer veralteten Formel verkommen. Die wichtigste Aufgabe der Bolschewiki war
nun das Vorwärtsstoßen der proletarischen Dynamik innerhalb dieser breiten
sozialen Bewegung in Richtung eines Kommune-Staates in Rußland, als erster
Meilenstein der sozialistischen Weltrevolution. Man kann sich über die
Bemühungen Lenins, die Ehre der alten Formeln zu retten, streiten, aber das
Wesentliche in seinen Bemühungen war die Fähigkeit, die Zukunft der Bewegung zu
sehen und daraus mit veralteten Methoden zu brechen.

Die marxistische Methode ist nicht nur
dialektisch und dynamisch, sie ist auch global, sie stellt jede Teilfrage in
einen internationalen und historischen Rahmen. Und genau dies erlaubte Lenin,
den wirklichen Sinn der Ereignisse zu erkennen. Seit 1914 hatten die
Bolschewiki mit Lenin an der Spitze und im Bewußtsein der Dekadenz des
Kapitalismus und der angebrochenen Etappe der proletarischen Weltrevolution,
die konsequenteste internationalistische Haltung gegen den imperialistischen
Krieg verteidigt. Dies war der Dreh- und Angelpunkt der Position der ”Umwandlung des imperialistischen Krieges in
einen Bürgerkrieg”
, die Lenin gegen alle Variationen des Chauvinismus und
Pazifismus verteidigte. Sich immer eng an dieser Analyse orientierend, verfiel
Lenin nie der Idee, daß die Beteiligung an der Macht der Provisorischen
Regierung den imperialistischen Charakter des Krieges verändern würde, und er
hielt sich in seinen Kritiken gegenüber denjenigen Bolschewiki, welche diesem
Irrtum verfallen waren, nicht zurück: ”Die
”Prawda” fordert von der Regierung, sie solle auf Annexionen verzichten. Von
einer Regierung der Kapitalisten verlangen, sie soll auf Annexionen verzichten
– ist Unsinn, schreiender Hohn...”

[vi]

Die Unnachgiebigkeit in der Verteidigung der
internationalistischen Haltung gegenüber dem Krieg war eine Notwendigkeit, um
das opportunistische Abgleiten der Partei zu verhindern. Es war aber auch
Ausgangspunkt zur theoretischen Liquidierung der Formel der ”Demokratischen Diktatur” und aller
anderen menschewistischen Rechtfertigungen zur Unterstützung der Bourgeoisie.
Das Argument, das rückständige Rußland sei für den Sozialismus noch nicht reif,
beantwortete Lenin als wahrer Internationalist in der These Nr. 8: ”Nicht die ”Einführung” des Sozialismus als
unsere unmittelbare Aufgabe, sondern augenblicklich nur Übergang zur Kontrolle
über die gesellschaftliche Produktion und die Verteilung der Erzeugnisse durch
den Sowjet der Arbeiterdeputierten.”

Rußland alleine war für den Sozialismus nicht
reif, doch der imperialistische Krieg hatte gezeigt, daß der Kapitalismus
weltweit wahrlich mehr als nur reif war. Daher bei der Ankunft im
Finnländischen Bahnhof auch der Appell Lenins an die Arbeiter, bei der
Machtübernahme als eine Vorhut der internationalen proletarischen Armee zu
handeln – daher auch der Aufruf zu einer neuen Internationale am Ende der
Aprilthesen. Und für Lenin, wie für alle wahrhaften Internationalisten von
damals, war die Weltrevolution nicht nur einfach ein heiliges Gelübde, sondern
eine konkrete Perspektive, die sich aus der internationalen proletarischen
Revolte gegen den Krieg entwickelte, aus den Streiks in England und
Deutschland, den politischen Demonstrationen, den Meutereien und Verbrüderungen
in den Armeen der wichtigsten Länder und der revolutionären Springflut in
Rußland selbst. Diese Perspektive, zum damaligen Zeitpunkt noch embryonal,
sollte sich nach dem Oktoberaufstand durch die Ausbreitung der revolutionären
Welle auf Italien, Ungarn, Österreich und vor allem Deutschland voll und ganz
bestätigen.

 

Lenins ”Anarchismus”

Die Verteidiger des ”orthodoxen” Marxismus
unterstellten Lenin blanquistische und anarchistische Auffassungen zur Frage
der Machtergreifung und des Charakters des nachrevolutionären Staates.
Blanquistisch, weil er angeblich für einen Staatsstreich durch eine Minderheit
eintrete – entweder durch die alleine agierenden Bolschewiki oder das
Industrieproletariat unter Ausschluß der bäuerlichen Mehrheit. Bakunistisch
deshalb, weil die Ablehnung der parlamentarischen Demokratie eine Konzession an
die unpolitischen Vorurteile der Anarchisten und Anarchosyndikalisten sei.

In seinen ”Briefen über die Taktik” verteidigte Lenin die Aprilthesen gegen die erste Anschuldigung: ”Ich habe mich in meinen Thesen entschieden von jedem Überspringen der
noch nicht überwundenen bäuerlichen oder überhaupt kleinbürgerlichen Bewegung,
von jedem Spiel mit der ”Machtergreifung” durch eine Arbeiterregierung, von
jedem blanquistischen Abenteuer abgegrenzt, denn ich habe direkt auf die
Erfahrungen der Pariser Kommune verwiesen. Diese Erfahrungen haben aber
bekanntlich, wie Marx 1871 und Engels 1891 eingehend nachgewiesen haben,
gezeigt, daß für Blanquismus kein Platz war, sie haben klar gezeigt, daß die
direkte, unmittelbare, unbedingte Herrschaft der Mehrheit und die Aktivität der
Massen nur in dem Maße gesichert waren, wie die Mehrheit selbst bewußt auftrat.

Ich haben in den Thesen mit größter Bestimmtheit
den Kampf um den Einfluß innerhalb
der Sowjets der Arbeiter-, Landarbeiter-,
Bauern- und
Soldatendeputierten in den Mittelpunkt gestellt. Um auch nicht den leisesten
Zweifel in dieser Beziehung aufkommen zu lassen, habe ich in den Thesen zweimal
die Notwendigkeit der geduldigen, beharrlichen, ‘den praktischen Bedürfnissen der Massen angepaßten’ ‘Aufklärungs’arbeit
betont.”

In Bezug auf die anarchistischen Positionen
über den Staat unterstrich Lenin im April, wie er es in ausführlicher Art und
Weise schon in ”Staat und Revolution”
gemacht hatte, daß die ”orthodoxen”
Marxisten mit Kautsky und Plechanov an der Spitze die wahren Lehren von Marx
und Engels unter einem Haufen von parlamentarischen Verwünschungen begraben
hatten. Die Erfahrung der Kommune hatte gezeigt, daß die Aufgabe des
Proletariats in der Revolution nicht die Bemächtigung des alten Staates ist,
sondern seine Zerstörung in Grund und Boden, und sie hatte gezeigt, daß das
neue Instrument der proletarischen Macht, der Kommune-Staat, nicht auf den
Prinzipien der parlamentarischen Repräsentation beruht, die nichts anderes als
eine Fassade zur Verschleierung der Macht der Bourgeoise ist, sondern auf
direkten Mandaten und der jederzeitigen Abwählbarkeit durch die bewaffneten und
selbstorganisierten Massen. Durch die Bildung der Sowjets haben die Erfahrung
von 1905 und die 1917 aufflammende Revolution diese Perspektive nicht nur
bestätigt, sondern um vieles bereichert. Wenn die Pariser Kommune noch einen
”volkstümlichen” Charakter hatte, in der alle ausgebeuteten Klassen der
Gesellschaft gleich beteiligt waren, so hatten nun die Sowjets einen
höherstehenden Charakter, da sie dem Proletariat erlaubten, sich eigenständig
und klassenautonom innerhalb der ganzen Massenbewegung zu organisieren. In
ihrer Gesamtheit stellten die Sowjets schließlich einen neuen Staat dar, mit
einer anderen Qualität als der alte bürgerliche Staat, aber trotzdem noch einen
Staat. Hier unterschied sich Lenin auf klarste Art und Weise vom Anarchismus: ”...denn der Anarchismus ist die Verneinung
der
Notwendigkeit des Staates und der Staatsmacht  für die
Epoche des Übergangs von der
Herrschaft der Bourgeoisie zur Herrschaft des Proletariates. Ich aber trete mit
einer Bestimmtheit, die jede Möglichkeit eines Mißverständnisses ausschließt, für die Notwendigkeit des Staates in
dieser Epoche ein, jedoch – in Übereinstimmung mit Marx und mit den Erfahrungen
der Pariser Kommune – nicht des gewöhnlichen bürgerlich-parlamentarischen
Staates, sondern eines Staates ohne
stehendes Heer, ohne eine gegen das
Volk gerichtete Polizei, ohne eine
über das Volk gestellte Beamtenschaft.

Wenn
Herr Plechanov in seinem ”Jedinstwo” aus Leibeskräften über Anarchismus zetert,
so ist das nur ein weiterer Beweis für seinen Bruch mit dem Marxismus.”

[vii]

        

 

Die Rolle der Partei in der Revolution

Die Anschuldigung, Lenin habe einen
blanquistischen Staatsstreich geplant, hängt eng mit dem Irrglauben zusammen,
sein Ziel sei lediglich die Machtergreifung der eigenen Partei gewesen. Dies
war denn auch eine der Hauptachsen der bürgerlichen Propaganda nach der
Russischen Revolution. Es wurde behauptet, in Rußland handle es sich um nichts
anderes als um einen bolschewistischen Staatsstreich. Wir wollen hier nicht auf
alle Einzelheiten und Schattierungen dieser Verdrehungen eingehen. In seinem
Buch ”Die Geschichte der Russischen
Revolution”
lieferte schon Trotzki demgegenüber eine der treffendsten
Antworten, indem er aufzeigte, daß es nicht die bolschewistische Partei,
sondern die Sowjets waren, die im Oktober 1917 die Macht übernommen hatten.

[viii]


Eines der Hauptargumente all dieser Auffassungen ist jedoch immer wieder, die
Positionen Lenins zur Partei als einer einheitlichen und stark zentralisierten
Organisation führe unweigerlich zu einem Putsch einer Minderheit wie angeblich
1917, zum ”Roten Terror” und schließlich zum Stalinismus.           

Wie schon erwähnt, hat diese Auseinandersetzung
ihre Wurzeln in der Spaltung zwischen Bolschewiki und Menschewiki, doch ist
hier nicht der Platz, alle Einzelheiten dieser entscheidenden Epoche neu
aufzurollen. Lenins Auffassungen über die revolutionäre Organisation wurden
damals als jakobinerhaft, elitär, militaristisch oder gar terroristisch
verunglimpft. Selbst herausragende Marxisten, unter ihnen Rosa Luxemburg und
Trotzki, übten Lenin gegenüber solche Kritik. Wir streiten nicht ab, daß die
damaligen Auffassungen Lenins über die Organisationsfragen Fehler enthielten,
so zum Beispiel 1902 die Wiederaufnahme von Kautskys These, nach der das Bewußtsein
von außen in die Arbeiterklasse hineingetragen werden müsse, oder seine
Auffassungen zum Verhältnis zwischen Partei und Staat. Aber ganz im Gegenteil
zu den Menschewiki von damals und ihren anarchistischen, sozialdemokratischen
und rätistischen Nachfolgern, stellen für uns diese Fehler keinesfalls das
Entscheidende dar, so wie auch die Fehler, die während der Pariser Kommune oder
der Russischen Revolution begangen wurden, nicht der Kernpunkt für die Analyse
darstellen. Das Entscheidende ist der Kampf, den Lenin in seinem ganzen Leben
für den Aufbau der revolutionären Organisation geführt hat und dessen
historische Bedeutung innerhalb der Arbeiterbewegung. Lenin legte gerade auch
für die Revolutionäre von heute unersetzbare Grundlagen zum Verständnis der
internen Funktionsweise der Organisation und ihrer Rolle, die sie innerhalb der
Klasse einnimmt.

Die ”engherzige”
Organisationsauffassung der Bolschewiki, die Lenin der menschewistischen ”Offenherzigkeit” gegenüberstellte, war
nicht, wie viele oberflächliche Analysen behaupten, nur ein Produkt der
Bedingungen, welche die zaristische Repression setzte. Gleich wie die
Massenstreiks und revolutionären Erhebungen 1905 nicht das letzte Echo der
bürgerlichen Revolutionen des neunzehnten Jahrhunderts waren, sondern die
aufkommende Perspektive des Klassenkampfes im dekadenten Kapitalismus
aufzeichneten, so waren auch die bolschewistischen Vorstellungen einer Partei
aus entschlossenen Revolutionären mit einem klaren Programm und zentralisierter
Funktionsweise ein weitsichtiges Begreifen der Rolle und Struktur der Partei
unter den Bedingungen des dekadenten Kapitalismus, der Epoche der
proletarischen Revolution. Die Menschewiki orientierten sich in ihren
Organisationsauffassungen nicht, wie viele Anti-Bolschewiki behaupteten, an
westlichen Organisationsmodellen, sondern vor allem an der überholten
Vergangenheit sozialdemokratischer Massenparteien, welche die Klasse vereinigten
und vor allem auf parlamentarischer Ebene repräsentierten. Und ganz im Gegensatz
zu allen Anschuldigungen, nach denen die Bolschewiki in die archaischen, rückständigen
Umstände Rußlands verwickelt gewesen seien, und deshalb zu einem konspirativen
Organisationsmodell gegriffen hätten, waren es die Bolschewiki, die vorwärts
blickten, vorwärts in eine turbulente revolutionäre Periode, welche nicht durch
eine Partei organisiert, geplant oder einverleibt werden konnte. Eine Periode
jedoch, welche die Rolle der Partei wie nie zuvor umrissen hat: ”Verlassen wir nämlich das pedantische
Schema eines künstlich von Partei und Gewerkschafts wegen kommandierten demonstrativen
Massenstreiks der organisierten Minderheit und wenden wir uns dem lebendigen
Bilde einer aus äußerster Zuspitzung der Klassengegensätze und der politischen
Situation mit elementarer Kraft entstehenden wirklichen Volksbewegung zu, (...)
so muß offenbar die Aufgabe der Sozialdemokratie nicht in der technischen
Vorbereitung und Leitung des Massenstreiks, sondern vor allem in der
politischen
Führung der ganzen Bewegung bestehen.”

[ix]

Mit diesen Worten beschrieb Rosa Luxemburg in
ihrer herausragenden Analyse die Bedeutung des Massenstreiks und die neuen
Bedingungen des internationalen Klassenkampfes. Rosa Luxemburg, welche 1903,
zur Zeit der Spaltung innerhalb der russischen Sozialdemokratie, noch eine der
bissigsten Kritiken an Lenin geübt hatte, stimmte nun mit den grundlegenden
Elementen der bolschewistischen Organisationsauffassung überein.

Mit größter Klarheit sind diese wichtigsten
Eckpfeiler in den Aprilthesen
umrissen, diese verwerfen jegliche Auffassung einer ”Revolution von oben”: ”Solange wir in der Minderheit sind, besteht
unsere Arbeit in der Kritik und Klarstellung der Fehler, wobei wir gleichzeitig
die Notwendigkeit des Übergangs der gesamten Staatsmacht an die Sowjets der
Arbeiterdeputierten propagieren, damit die Massen sich durch die Erfahrungen
von ihren Irrtümern befreien.”
Diese Arbeit der ”geduldigen, systematischen und beharrlichen Aufklärung” ist
haargenau die Rolle einer politischen Führung in einer revolutionären Periode.
Der Aufstand im Oktober 1917 wäre unmöglich gewesen ohne die vorangegangene
Übernahme der revolutionären bolschewistischen Positionen durch die Sowjets.
Doch bevor dies möglich war, stand der Sieg von Lenins Positionen innerhalb der
bolschewistischen Partei auf der Tagesordnung, und dies bedingte einen langen
und kompromißlosen Kampf, der mit Lenins Ankunft in Rußland begonnen hatte.

”Wir
sind keine Scharlatane, wir stützen uns lediglich auf das Bewußtsein der Massen.”

[x]

Zu Beginn der Revolution hatte das Proletariat die Macht der
Bourgeoisie abgegeben, eine Tatsache, die keinen Marxisten überraschen darf, ”denn wir haben es stets gewußt und viele
Male darauf hingewiesen, daß die Bourgeoisie sich nicht nur mittels der Gewalt
hält, sondern auch infolge der mangelnden Bewußtheit der Massen, ihrer Unfähigkeit,
vom Althergebrachten loszukommen, ihrer Verschüchterung, ihrer Unorganisiertheit.”

[xi]


Somit war die Hauptaufgabe der Bolschewiki die Entwicklung des Klassenbewußtsein
und die Organisierung der Arbeitermassen.       

Diese Rolle genügte den ”alten Bolschewiki”, welche ”handfestere”
Pläne hatten, nicht. Sie wollten sich an der existierenden ”bürgerlichen Revolution” beteiligen und erstrebten wie früher
einen massiven Einfluß der bolschewistischen Partei in den Massen. Wie die
Worte Kamenews zeigen, waren sie entsetzt über den Gedanken, daß die Partei mit
ihren ”reinen” Positionen in der Ecke
verharren müsse, reduziert auf eine ”Gruppe
von propagandistischen Kommunisten”.

Für Lenin war es keine Kunst, diese Positionen
bloßzustellen, hatten doch die Chauvinisten nicht schon dieselben Argumente zu
Beginn des Krieges gegenüber den Internationalisten ins Feld geführt und
behauptet, sie würden den Kontakt mit den Massen aufrechterhalten, während sie
die Bolschewiki und Spartakisten als marginale Sekten bezeichneten. Nun
dieselben Argumente aus dem Munde eines bolschewistischen Genossen zu hören war
verwirrend, doch dies stumpfte die Schärfe von Lenins Antwort keinesfalls ab: ”Genosse Kamenew stellt die ‘Partei der
Massen’ einer ‘Gruppe von Propagandisten’ entgegen. Aber die ‘Massen’ sind ja
gerade jetzt dem Taumel der ‘revolutionären’ Vaterlandsverteidigung erlegen.
Ist es in einem solchen Augenblick nicht auch für die Internationalisten
geziemender, dem ‘Massen’taumel zu widerstehen, als bei den Massen ‘bleiben zu
wollen’, d.h. Opfer der allgemeinen Seuche zu werden? Haben wir nicht in allen
kriegführenden europäischen Ländern gesehen, wie die Chauvinisten sich damit zu
rechtfertigen suchten, daß es ihr Wunsch sei, ‘bei den Massen zu bleiben’?
Müssen wir es nicht verstehen, eine gewisse Zeit lang gegen den ‘Massen’taumel
in der Minderheit zu sein? Ist es den nicht die Arbeit eben der Propagandisten
gerade im gegenwärtigen Augenblick der Angelpunkt, um die proletarische Linie
frei zu machen von dem kleinbürgerlichen ‘Massen’taumel der
Vaterlandsverteidigung? Gerade das Ineinanderfliessen der Massen, der proletarischen
wie der nichtproletarischen, ungeachtet der Klassenunterschiede innerhalb der
Massen, war eine Voraussetzungen der Vaterlandsverteidigungspsychose. Es ist
wahrlich wenig angebracht, verächtlich von einer ‘Gruppe von Propagandisten’
der proletarischen Linie zu reden.”

[xii]

Dieser Wille gegen den Strom zu schwimmen und
in der Minderheit zu sein, um die Klassenprinzipien klar und präzise zu
verteidigen, hatte nichts puritanisches oder sektiererisches an sich. Im
Gegenteil basierte er auf einem Verständnis der wirklichen Bewegung innerhalb
der Klasse und auf der Fähigkeit, den fortgeschrittensten Elementen des Proletariates
eine Richtung und Orientierung zu geben.

Trotzki zeigte auf, wie Lenin auf dem Weg zur
Eroberung der Partei für seine Positionen und die Verteidigung der ”proletarischen Linie” innerhalb der
gesamten Klasse die Unterstützung dieser Elemente suchte: ”Gegen die alten Bolschewiki fand Lenin in einer anderen, bereits
gestählten, aber frischeren und mehr in den Massen verbundenen Parteischicht
eine Stütze. In der Februarrevolution hatten die bolschewistischen Arbeiter,
wie wir wissen, eine entscheidende Rolle gespielt. Sie betrachteten es als
selbstverständlich, daß jene Klasse die Macht übernehmen müsse, die den Sieg
errungen hatte. Diese Arbeiter hatten stürmisch gegen den Kurs Kamenew-Stalin
protestiert und der wyborger Bezirk sogar mit dem Ausschluß der ”Führer” aus
der Partei gedroht. Das gleiche war in der Provinz zu beobachten. Fast überall
gab es linke Bolschewiki, die man des Maximalismus und sogar des Anarchismus
beschuldigte. Den revolutionären Arbeitern mangelten nur die theoretischen
Mittel, um ihre Positionen zu verteidigen. Doch waren sie bereit, den ersten
Zuruf mit Widerhall zu beantworten.”

[xiii]

Die Fähigkeit Lenins, die wirkliche Dynamik
innerhalb der sozialen Bewegung zu erkennen, ist ein weiteres Beispiel der Bereicherung
der marxistischen Methode. Später, in den Zwanzigerjahren, griff Lenin selbst
auf das Argument ”innerhalb der Massen”
zu bleiben zurück, um die ”Einheitsfront”
und die organisatorische Vereinigung mit den zentristischen Organisationen zu
rechtfertigen; Zeichen eines Verlustes über das Verständnis der marxistischen
Methode und Abgleitens der Partei in den Opportunismus. Doch dies war das
Resultat der Isolierung der Russischen Revolution und der Fusion der
Bolschewiki mit dem Staat. Während der aufsteigenden Phase der Russischen Revolution
war Lenin mit seinen Aprilthesen nie
ein isolierter Prophet, nie ein Weltverbesserer unter den vulgären Massen,
sondern die klarste Stimme der revolutionärsten Tendenz innerhalb des
Proletariates. Eine Stimme, welche mit höchster Präzision den Weg aufzeigte der
zum Oktoberaufstand führte.              
Amos.

 (veröffentlicht in Internationale Revue Nr. 19, 1993)



[i]

Leo
Trotzki ”Geschichte der Russischen Revolution”
, Kapitel ”Die Bolschewiki und Lenin”,
Bd. 1, S. 244
 

[ii]

a.a.O.
S. 248

[iii]

a.a.O. S. 253

[iv]

a.a.O.

[v]

Lenin, ”Briefe über
die Taktik”
. Ges. Werke Bd. 24

[vi]

Trotzki,
a.a.O.

[vii]

Lenin,
a.a.O.

[viii]

Siehe
auch unsere Artikel über die Russische Revolution in ”INTERNATIONAL REVIEW” Nr.
71 und 72 (engl./ franz./span.)

[ix]


Rosa Luxemburg, ”Massenstreik, Partei und
Gewerkschaften”
, Gesammelte Werke Bd. 2, S. 145 f.

[x]

Trotzki, ”Geschichte
der Russischen Revolution”

[xi]

Lenin,
”Briefe über die Taktik”

[xii]

a.a.O.

[xiii]

Trotzki,
”Geschichte der Russischen Revolution”, Kapitel:
”Die Umbewaffnung der Partei

Theorie und Praxis: