I. Die Schwächung der revolutionären Kämpfe von 1917-23 durch die Unterstützung der „nationalen Befreiungsbewegungen“

Der 2. Kongress der Kommunistischen Internationale verabschiedete im März 1920 die „Leitsätze über die Nationalitäten- und Kolonialfrage", deren Leitgedanke folgender war: „...alle Ereignisse der Weltpolitik konzentrieren sich unvermeidlich um einen einzigen Mittelpunkt, und zwar um den Kampf der Weltbourgeoisie gegen die russische Sowjetrepublik, die einerseits die Sowjetbewegungen der Arbeitervorhut aller Länder und andererseits alle nationalen Freiheitsbewegungen der Kolonien und der unterdrückten Völkerschaften um sich schart, die sich durch bittere Erfahrung überzeugt haben, dass es für sie keine Rettung gibt außer ihrer Verbindung mit dem revolutionären Proletariat und dem Sieg der Sowjetmacht über den Weltimperialismus".

Diese Hoffnung wurde schnell durch die Tatsachen zu Beginn der Russischen Revolution widerlegt. Die Unterstützung der „Kämpfe der nationalen Befreiung", die die Komintern und die proletarische Bastion in Russland betrieben, war im Gegenteil ein Hindernis für die weltweite Ausdehnung der proletarischen Revolution, und sie hat das Bewusstsein und die Einheit des internationalen Proletariats zutiefst geschwächt und somit zum Scheitern der ersten revolutionären Erhebung beigetragen.

Ein Stein um den Hals der Russischen Revolution

Die Oktoberrevolution war der erste Schritt der weltweiten revolutionären Bewegung des Proletariats:

„Dass die Bolschewiki ihre Politik gänzlich auf die Weltrevolution des Proletariats stellten, ist gerade das glänzendste Zeugnis ihres politischen Weitblicks und ihrer grundsätzlichen Treue, des kühnen Wurfs ihrer Politik."

Von Oktober 1917 an trieben die Bolschewiki die Unabhängigkeit jener Länder voran, die unter der Herrschaft des Zarenreichs standen: die baltischen Länder, Finnland, Polen, Ukraine, Armenien usw. Sie meinten, dass dadurch das revolutionäre Proletariat jene Hilfe erhalten würde, die erforderlich war, um sich in Russland solange an der Macht zu halten, bis die proletarische Revolution herangereift war und in den großen europäischen Ländern, insbesondere in Deutschland, in Gang gesetzt wurde. Diese Spekulation hat sich jedoch als vollkommen falsch herausgestellt:

Am 18. Dezember 1917 gestand die sowjetische Regierung Finnland die Unabhängigkeit zu. In diesem Land war die revolutionäre Arbeiterbewegung ziemlich stark. Sie befand sich auf dem Vormarsch, hatte starke Verbindungen zu den russischen Arbeitern und hatte sich aktiv an der Revolution von 1905 und 1917 beteiligt. Es handelte sich nicht um ein Land, das vom Feudalismus beherrscht wurde, sondern um ein hoch entwickeltes kapitalistisches Territorium, dessen Bourgeoisie das sowjetische Geschenk benutzte, um den Arbeiteraufstand niederzuschlagen, der im Januar 1918 ausgebrochen war. Die Kämpfe dauerten nahezu drei Monate, und ungeachtet der entschlossenen Hilfe, den die Sowjets den finnischen Arbeitern leisteten, gelang es dem neuen Staat dank der deutschen Truppen, die er zu Hilfe rief, die revolutionäre Bewegung niederzuschlagen.

In der Ukraine stellte der örtliche Nationalismus keine wirklich bürgerliche Bewegung dar, sondern spiegelte eher auf verdeckte Art die dumpfen Ressentiments der Bauern gegen die Grundbesitzer russischen und vor allem polnischen Ursprungs wider. Die Arbeiter in der Ukraine kamen aus allen Gegenden Russlands, und sie waren sehr hoch entwickelt. Unter diesen Umständen suchte die abenteuerliche nationalistische Bande der ukrainischen „Rada" schnell Schutz beim deutschen und österreichischen Imperialismus und konzentrierte gleichzeitig ihre Kräfte darauf, die Arbeiterräte, die in Charkow und in anderen Städten gebildet worden waren, anzugreifen. Nach der Niederlage der Imperialisten der Mittelmächte trat der französische General Tabouis an die Stelle der Deutschen und stützte sich im Krieg der weißen Truppen gegen die Sowjets auf die reaktionären ukrainischen Banden.

„Der ukrainische Nationalismus war in Russland (...) nichts als eine einfache Schrulle, eine Fatzkerei von ein paar Dutzend kleinbürgerlichen Intelligenzlern, ohne die geringsten Wurzeln in den wirtschaftlichen, politischen oder geistigen Verhältnissen des Landes, ohne jegliche historische Tradition, da die Ukraine niemals eine Nation oder einen Staat gebildet hatte, ohne irgendeine nationale Kultur (...) Lenin und Genossen (...) verliehen der anfänglichen Posse eine Wichtigkeit, bis die Posse zum blutigen Ernst wurde: nämlich nicht zu einer ernsten nationalen Bewegung, für die es nach wie vor gar keine Wurzeln gibt, sondern zum Aushängeschild und zur Sammelfahne der Konterrevolution! Aus diesem Windei krochen in Brest die deutschen Bajonette"

In den baltischen Ländern (Estland, Lettland und Litauen) ergriffen die Arbeiterräte zur Zeit der Oktoberrevolution die Macht. Die „nationale Befreiung" wurde durch die britische Marine vollzogen. „Beim Ende der Feindseligkeiten gegen Deutschland tauchten britische Marineeinheiten in der Ostsee auf. Die sowjetische Republik Estland fiel im Januar 1919; die sowjetische lettische Republik hielt sich in Riga ungefähr fünf Monate am Leben und musste schließlich gegenüber der Bedrohung der Kanonen der britischen Marine nachgeben" (E.H. Carr, Die bolschewistische Revolution, Bd. 1, S. 318).

In Armenien, Georgien, Aserbaidschan, d.h. im „asiatischen Russland", war nach der Oktoberrevolution ein selbständiger baschkirischer Staat gegründet worden, dessen Regierung unter einem gewissen Walidow sich auf die Seite der Kosaken schlug, die im offenen Krieg gegen die sowjetische Regierung standen, was wiederum ganz typisch für die Haltung der Nationalisten war. Die „nationalrevolutionäre" Regierung Kokandas (in Zentralasien), die die Einführung islamischer Gesetze, die Verteidigung des Privateigentums und die zwangsweise Abtrennung und Isolierung der Frau zu Hause auf ihre Fahnen geschrieben hatte, kämpfte mit allen Mitteln gegen den Arbeiterrat von Taschkent (der wichtigsten Industriestadt im russischen Turkmenistan).

Im Kaukasus wurde eine transkaukasische Republik gebildet, über deren Führung sich die Türkei, Deutschland und Großbritannien stritten, so dass diese Republik in drei „unabhängige" Staaten zerfiel (Georgien, Armenien und Aserbaidschan), die wiederum gewaltsam aufeinander prallten - aus ethnischen Gründen und angestachelt durch die dahinter steckenden imperialistischen Großmächte. Doch waren sich alle darin einig, den Arbeiterrat von Baku niederzuschlagen, der zwischen 1917-20 wiederholt von den Engländern angegriffen wurde, welche ein Massaker nach dem anderen verübten.

In der Türkei unterstützte die sowjetische Regierung Kemal Atatürk, den „nationalistischen Revolutionär", Vater der „neuen Türkei". Im Namen der Komintern forderte Radek die kurz zuvor gebildete türkische kommunistische Partei dazu auf, ihn zu unterstützen: „Eure erste Aufgabe besteht darin, so schnell wie möglich, sobald ihr euch als unabhängige Partei gegründet habt, die Bewegung zugunsten der nationalen Freiheit der Türkei zu unterstützen" (Protokoll der ersten vier Kongresse der Komintern). Das Ergebnis war eine Katastrophe: Ohne zu zögern, schlug Kemal die Streiks und Bewegungen der jungen türkischen Arbeiterklasse nieder. Sobald die griechischen Truppen geschlagen waren und nachdem der britische Imperialismus angeboten hatte, Konstantinopel aufzugeben, wenn die Türkei sich gegenüber England als loyal erweist, brach Kemal sein Bündnis mit den Sowjets und bot den Engländern an, die Führer der türkischen Kommunisten auszuliefern, die grausam verfolgt wurden.

Der Fall Polens sollte hier besonders erwähnt werden. Die nationale Befreiung Polens war fast zu einem Dogma in der 2. Internationale geworden. Als Rosa Luxemburg gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufzeigte, dass die Forderung nach „nationaler Befreiung Polens" falsch und gefährlich war, da die kapitalistische Entwicklung die polnische Bourgeoisie in enge Abhängigkeit zur russischen Bourgeoisie und der zaristischen imperialistischen Kaste gebracht hatte, rief dies innerhalb der Internationalen stürmische Entrüstung hervor. Tatsache war jedoch, dass die Arbeiter aus Warschau, Lodz usw. an der Spitze der Revolution von 1905 gestanden hatten und dass aus ihren Reihen so bedeutsame Revolutionäre hervorgegangen waren wie Rosa Luxemburg selbst. Lenin hatte praktisch anerkannt, dass „die Erfahrung der Revolution von 1905 bewiesen hat, dass selbst in diesen beiden Nationen (er bezog sich auf Polen und Finnland) die führenden Klassen, die Großgrundbesitzer und die Bourgeoisie, auf den revolutionären Kampf um die Freiheit verzichteten, und eine Annäherung an die herrschenden Klassen Russlands und der Zarenmonarchie aus Angst vor dem revolutionären Proletariat Finnlands und Polens suchten." (Protokoll der Konferenz von Prag 1912) Leider traten die Bolschewiki, Gefangene ihres Dogmas der „nationalen Selbstbestimmung der Völker", von Oktober 1917 an für die Unabhängigkeit Polens ein. Am 29. August 1918 erklärte der Rat der Volkskommissare: „Alle Verträge und von der Regierung des alten russischen Reiches mit der preußischen Regierung oder dem österreichisch-ungarischen Reich unterzeichneten Noten hinsichtlich Polens werden durch diesen Text unwiderruflich annulliert, weil sie mit dem Prinzip der Selbstbestimmung der Nationen unvereinbar sind und mit dem revolutionären Sinn des Rechtes des russischen Volkes, das das Recht des polnischen Volkes auf seine Unabhängigkeit und seine Einheit anerkennt". Auch wenn es richtig war, die Geheimverträge der bürgerlichen Regierungen offen zu legen und zu annullieren, war es ein schlimmer Fehler, dies im Namen von „Prinzipien" zu machen, die nicht dem Charakter der Arbeiterklasse entsprechen, sondern der herrschenden Klasse, wie das „Recht auf Selbstbestimmung". Und dies bewahrheitete sich schnell in der Praxis: Polen fiel unter die brutale Diktatur Pilsudskis, einem alten sozialpatriotischen Veteranen, der die Arbeiterstreiks niedermetzelte, Polen in ein Bündnis mit Frankreich und Großbritannien einbrachte und aktiv die konterrevolutionären weißen Armeen unterstützte, die 1920 in die Ukraine einfielen.

Als die Truppen der Roten Armee als Reaktion auf diese Aggression auf polnisches Territorium vordrangen und auf Warschau zumarschierten, in der Hoffnung, dass die polnischen Arbeiter sich gegen ihre bürgerliche Regierung erheben, gab es ein neues Desaster für die Sache der Weltrevolution: Die Arbeiter Warschaus, d.h. dieselben Arbeiter, die 1905 gemeinsam mit ihren russischen Klassenbrüdern gekämpft hatten, schlossen sich nun um die „polnische Nation" zusammen und beteiligten sich an der Verteidigung der Stadt gegen die sowjetischen Truppen. Dies war die tragische Konsequenz von Jahren der Propaganda der 2. Internationalen und auch der Propaganda der proletarischen Bastion in Russland zugunsten der „nationalen Unabhängigkeit" Polens (3).

Die Bilanz dieser Politik war verheerend: Die Proletarier vor Ort wurden besiegt, die neuen Nationen „bedankten" sich für das bolschewistische Geschenk, indem sie sich ohne Umschweife dem Machtbereich des britischen Imperialismus anschlossen, sich an der Blockade Russlands beteiligten, die eine große Hungersnot im Land der Arbeiterräte auslöste, und mit allen möglichen Mitteln der weißen Konterrevolution bei ihrem blutigen Bürgerkrieg halfen.

„Die Bolschewiki sollten zu ihrem und der Revolution größten Schaden darüber belehrt werden, dass es eben unter der Herrschaft des Kapitalismus keine Selbstbestimmung der ‚Nation’ gibt, dass sich in einer Klassengesellschaft jede Klasse der Nation anders ‚selbst zu bestimmen’ strebt, dass für die bürgerlichen Klassen die Gesichtspunkte der nationalen Freiheit hinter denen der Klassenherrschaft völlig zurücktreten. Das finnische Bürgertum wie das ukrainische Kleinbürgertum waren darin vollkommen einig, die deutsche Gewaltherrschaft der nationalen Freiheit vorzuziehen, wenn diese mit den Gefahren des ‚Bolschewismus’ verbunden werden sollte"

. (Rosa Luxemburg, Zur Russischen Revolution, ebenda, S. 349.)
(Rosa Luxemburg, Zur Russischen Revolution, Ges. Werke, Bd. IV, S. 351).
(Rosa Luxemburg, Zur russischen Revolution, Ges. Werke, Bd. 4, S. 334). In Übereinstimmung mit dieser Auffassung, die die internationale Ausdehnung der Revolution an erster Stelle einstufte, wurde die Unterstützung der Bewegungen der nationalen Befreiung in den Ländern, welche noch den großen imperialistischen Metropolen unterworfen waren, als eine Taktik verstanden, die dazu dienen sollte, eine zusätzliche Unterstützung für die Weltrevolution zu gewinnen.

Keine Überwindung der nationalen Unterdrückung durch die „nationale Befreiung"

Die Bolschewiki dachten, dass man „zum Aufbau der internationalen Einheit der Arbeiter zunächst die Überreste der alten Ungleichheiten und Diskriminierungen zwischen den Nationen auslöschen" müsse. Waren die Arbeiter dieser Länder nicht dem reaktionären Nationalismus des Zaren unterworfen gewesen? Stellte es kein Hindernis für die Einheit mit den russischen Arbeitern dar, wenn Letztere als Komplizen des groß-russischen Chauvinismus auftraten? Und würden die jungen Arbeitergenerationen der Kolonial- und halbkolonialen Länder nicht dem Proletariat der großen Metropolen feindlich gegenüber eingestellt sein, solange diese Länder nicht die nationale Unabhängigkeit erhalten?

Es stimmt, dass der Kapitalismus den Weltmarkt auf chaotische und gewalttätige Weise geschaffen hat, wobei er überall eine Welle von Unterdrückung und Diskriminierungen aller Art mit sich brachte, insbesondere nationalistischer, sprachlicher, ethnischer Art usw., die schwer auf den Schultern der Arbeiter der verschiedenen Länder lasten und die den Prozess ihrer Vereinigung und Bewusstwerdung erschweren.

Jedoch wäre es falsch und gefährlich anzunehmen, diese Spaltungen könnten durch die Bildung neuer Nationen überwunden werden, die - in Anbetracht des gesättigten Weltmarktes - ökonomisch nicht lebensfähig sind, sondern in Wirklichkeit nur diese Spaltungen auf einer höheren Ebene verschärfen.

Die Erfahrung der „nationalen Befreiung" der „peripheren" Völker des russischen Reiches war in dieser Hinsicht sehr aufschlussreich. Die polnischen Nationalisten benutzten die „Unabhängigkeit", um die jüdischen, litauischen und deutschen Minderheiten zu verfolgen; im Kaukasus verfolgten die Georgier die Armenier und die Aseris, die Armenier die Turkmenen und Aseris und diese wiederum die Armenier.... Die ukrainische Rada tat offiziell ihren Hass gegen die Russen, Polen und Juden kund. Und tatsächlich waren diese Verfolgungen nur ein kleiner Vorgeschmack auf all die Verfolgungen und Gräueltaten, die wir anschließend im dekadenten Kapitalismus erlebt haben und erleben. Erinnern wir uns nur an die Reihe von Massakern der Hindus an den Moslems im Jahre 1947, an die der Kroaten gegen die Serben während der Nazi-Besatzung und die Rache der Serben nach der „Befreiung" durch Tito. Was soll man zu den unsäglichen nationalistischen Pogromen sagen, die gegenwärtig in Osteuropa bis hin zum asiatischen Teil Russlands aus dem Boden sprießen? Wir müssen klar vor Augen haben: Die „nationale Befreiung" überwindet nicht die Gräuel der nationalen Unterdrückung, im Gegenteil, sie treibt sie auf eine noch größere, noch irrationalere Stufe. Man löscht kein Feuer mit Öl!

Nur die Arbeiterklasse kann aufgrund ihres Wesens und ihres revolutionären Kampfes die Grundlagen dafür entwickeln, dass all die durch die Klassengesellschaft hervorgebrachten Diskriminierungen bekämpft und überwunden werden, gleich, ob sie nationalistischer, ethnischer oder sprachlicher Art sind: „.... die große Industrie (...) schuf eine Klasse, die bei allen Nationen dasselbe Interesse hat und bei der die Nationalität schon vernichtet ist, eine Klasse, die wirklich die ganze alte Welt los ist und zugleich ihr gegenübersteht" (Marx-Engels, Deutsche Ideologie, MEW 3, S. 60).

Die „nationale Befreiung" treibt die nicht ausbeutenden Schichten in die Arme des Kapitals

Das Ziel der Verstärkung der Weltrevolution vor Augen, gingen die Bolschewiki davon aus, dass sie die nicht ausbeutenden Schichten dieser Nationen (die Bauern, bestimmte Zwischenschichten usw.) auf ihre Seite ziehen könnten, indem sie die „nationale Befreiung" sowie einige andere klassische Maßnahmen des Programms der bürgerlichen Revolutionen (Agrarreform, politische Freiheiten usw.) unterstützten.

Diese Schichten nehmen eine instabile und heterogene Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft ein und haben als solche keine Zukunft. Vom Kapitalismus unterdrückt, leiden sie darunter, dass sie keine eigenen Interessen haben, die klar und eindeutig definiert sind. Und wenn sie welche finden, sind diese direkt und offensichtlich mit dem Überleben des Kapitalismus verbunden. Das Proletariat kann sie jedoch nicht auf seine Seite ziehen, indem es ihnen eine Plattform auf der Grundlage der „nationalen Befreiung" oder andere Forderungen anbietet, die eine direkte Frucht der bürgerlichen Ideologie sind. So kann es sie nur in die Hände der Bourgeoisie treiben, die sie wiederum nur mit demagogischen Versprechen manipuliert, um sie bei gegebener Gelegenheit auf das Proletariat zu hetzen.

Es ist offensichtlich, dass die Punkte des bürgerlichen Programms, die die größte Anziehungskraft auf die Bauernschichten und das Kleinbürgertum ausüben (die Agrarreform, die Freiheiten auf nationaler und sprachlicher Ebene usw.), von der Bourgeoisie selbst nicht vollständig verwirklicht wurden. Und im Zeitalter der Dekadenz des Kapitalismus sind die neuen Nationen noch weniger im Stande, solche Kriterien zu verwirklichen. Letztere sind zu einer reaktionären Utopie verkommen, die in einem kapitalistischen System unmöglich zu verwirklichen ist, das nicht mehr auf einem expandierenden Kurs ist, sondern in seinen letzten Zügen liegt.

Soll die Arbeiterklasse also all die im Verlauf der Geschichte ausgesonderten Forderungen wieder aufgreifen, nur um zu beweisen, dass sie „konsequenter" ist als die Bourgeoisie? Natürlich nicht! Diese Sichtweise, die zweifellos bei den Bolschewiki und anderen revolutionären Fraktionen festzustellen war, ist nur ein unvollständig überwundener Rest der gradualistischen und reformistischen Ziele, die die Sozialdemokratie zum Verrat geführt haben. Es verrät eine spekulative und idealistische Auffassung vom Kapitalismus, wenn man meint, sein Programm müsse in allen Ländern überall vollständig verwirklicht worden sein, bevor die Menschheit reif für den Kommunismus sei. Es ist eine reaktionäre Utopie, die der Wirklichkeit eines Ausbeutungssystems nicht entspricht, dessen Zweck nicht darin besteht, irgendeine neue Gesellschaft aufzubauen, sondern nur darin, Mehrwert herauszupressen. Nachdem die Bourgeoisie bereits während ihres Aufstiegs oftmals ihr „Programm" fallen ließ, sobald sie die Macht ergriffen hatte, um mit den Überresten der alten Feudalgesellschaft Bündnisse einzugehen, ist dieses „Programm" der Bourgeoisie nach der Bildung des Weltmarktes und mit dem Eintritt des Systems in die Phase seines historischen Niedergangs, endgültig zu einer gigantischen Mystifikation verkommen.

Wenn das Proletariat die Absicht verfolgt, das von der Bourgeoisie nicht verwirklichte „Programm" zu vervollständigen, fällt es seiner eigenen geschichtlichen Mission in den Rücken und lässt sich von der Bourgeoisie zu ihren Zwecken ausnutzen. Die beste Art, die nicht ausbeutenden Schichten auf seine Seite zu ziehen oder sie zumindest in den entscheidenden Zusammenstößen mit dem bürgerlichen Staat zu neutralisieren, besteht für das Proletariat darin, sein eigenes Programm konsequent und unmissverständlich zu vertreten - die Aussicht auf Abschaffung aller Klassenprivilegien, die Hoffnung auf eine neue Organisationsform der Gesellschaft, welche der Menschheit nicht nur das bloße Überleben ermöglicht, sein entschlossenes und deutliches Auftreten als selbständige Klasse, als gesellschaftliche Kraft, die sich offen als Anwärter auf die Übernahme der Macht äußert, die umfangreiche Organisierung der Arbeiterklasse in den Arbeiterräten.

„Weil es nicht das Ziel verfolgen kann, neue Privilegien aufzubauen, kann das Proletariat, sobald es die kapitalistische Gesellschaft zerstört hat, seinen Kampf nur auf politischen Positionen aufbauen, die aus seinem besonderen Klassenprogramm hervorgehen: Das Proletariat stellt unter den verschiedenen Klassen der kapitalistischen Gesellschaft die einzige Klasse dar, die die Gesellschaft von Morgen aufbauen kann. Nur auf dieser Grundlage kann es die Mittelschichten mit in den Kampf ziehen, die kein wirtschaftliches und reales Interesse am Sieg der Diktatur des Proletariats haben (...)

Diese mittleren Klassen werden sich der Arbeiterklasse nur anschließen, wenn die besonderen geschichtlichen Bedingungen vorhanden sind, in denen die Klassenwidersprüche der kapitalistischen Gesellschaft zum Ausbruch kommen, und wenn die Arbeiterklasse zum revolutionären Ansturm ansetzt. Dann werden sie das Bedürfnis verspüren, ihre verzweifelten Kämpfe mit dem bewussten Kampf des Proletariats für den revolutionären Sieg zusammenzuführen"

(Bilan, Nr. 5. März 1934, Die Prinzipien: Waffen der Revolution, Kapitel „Ökonomischer Automatismus oder Klassenbewusstsein").

Die „nationale Befreiung" – eine zersetzende Kraft des Bewusstseins des Proletariats

Die proletarische Revolution ist keine Fatalität, die sich automatisch aus den objektiven Bedingungen ergibt und die jedwede Taktik, solange man damit zum Ziel gelangt, rechtfertigt. Obgleich die Revolution eine historische Notwendigkeit ist, deren objektiven Voraussetzungen durch die Bildung des Weltmarktes und des Weltproletariats geschaffen wurden, bleibt sie dennoch das Resultat einer bewussten Handlung.

Darüber hinaus ist im Unterschied zu den revolutionären Klassen der Vergangenheit das Proletariat nicht im Besitz irgendeiner wirtschaftlichen Macht innerhalb der alten Gesellschaft. Deshalb sind seine Waffen, über die es im Kampf für die Zerstörung der alten Gesellschaft verfügt, nämlich seine Einheit und sein Bewusstsein, entscheidend und einzigartig in der Geschichte und stellen auch die Grundlagen der neuen Gesellschaft dar.

Es ist eminent wichtig, dass bei der Weiterentwicklung ihres Kampfes, „das Problem, dem sich die Arbeiterklasse bei jeder Gelegenheit stellen muss, nicht darin besteht, den jeweils größten Vorteil zu erlangen, die größtmögliche Zahl Verbündeter um sich zu sammeln, sondern darin, sich in Übereinstimmung mit seinem Prinzipiensystem als Klasse zu verhalten ..." (Bilan, Nr. 5, März 1934, Die Prinzipien: Waffen der Revolution, Kap. „Entstehung und Entwicklung des Klassenbewusstseins: die Partei").

Aus dieser Sicht hat die Unterstützung der „nationalen Befreiungskriege" während der revolutionären Periode von 1917-23 katastrophale Auswirkungen auf die Weltarbeiterklasse insgesamt und natürlich auch auf ihre Avantgarde, die Komintern, gehabt.

In der historischen Epoche des Entscheidungskampfes zwischen Kapital und Arbeit, die durch den 1. Weltkrieg eröffnet worden war und in der die einzige Wahl die zwischen internationaler Revolution des Proletariats oder Unterwerfung des Proletariats unter das nationale Interesse jeder Bourgeoisie ist, führt jede Unterstützung der „nationalen Befreiung" - auch wenn sie nur als „taktischer" Schachzug aufgefasst wird - zur Auflösung, Korrumpierung und zum Zerfall des proletarischen Bewusstseins.

Wir haben schon gesehen, dass die „Befreiung" der Randbevölkerungen des alten Zarenreiches der russischen Revolution keinen Erfolg einbrachte, sondern im Gegenteil zur Schaffung eines Cordon sanitaire um Russland herum beitrug. So blieb eine Gruppe von Nationen, mit kämpferischen Arbeitern und einer alten Tradition, gegenüber den revolutionären Positionen verschlossen und bildete einen unüberwindbaren Graben zwischen russischen und deutschen Arbeitern.

Wie war es möglich, dass die Arbeiter Polens, der Ukraine, Finnlands, Bakus, Rigas, die an der Spitze der Revolutionen von 1905 und 1917 gestanden hatten, die so hell- und weitsichtige, so aufopferungsvolle Kommunisten hervorgebracht hatten wie Rosa Luxemburg, Piatakow, L. Jogiches usw. so schnell von ihrer eigenen Bourgeoisie niedergeschlagen werden konnten, wie dies 1918-20 geschah? Wie kommt es, dass sie sich oft wütend den Anordnungen der Bolschewiki widersetzten?

Es darf keinen Zweifel daran geben: Das nationalistische Gift hat dabei eine entscheidende Rolle gespielt.

„Dass überhaupt die Frage der nationalen Bestrebungen und Sondertendenzen mitten in die revolutionären Kämpfe hineingeworfen, ja durch den Brester Frieden in den Vordergrund geschoben und gar zum Schibboleth (Losungswort) der sozialistischen und revolutionären Politik gestempelt wurde, hat die größte Verwirrung in die Reihen des Sozialismus getragen und die Position des Proletariats gerade in den Randländern erschüttert"

Die „nationale Befreiung" ließ unter den Arbeitern die Illusion einer „unabhängigen" Entwicklung ihres Landes aufkommen, „das von der russischen Herrschaft befreit" sei. Gleichzeitig entfernten sie sich immer mehr vom russischen Proletariat, mit dem sie so viele Kämpfe gemeinsam ausgefochten hatten.

Die Internationale, die kommunistische Weltpartei, ist der Schlüsselfaktor im Klassenbewusstsein des Proletariats; ihre Klarheit und ihre politische Kohärenz sind lebenswichtig. Die Unterstützung der nationalen Befreiung spielte daher eine entscheidende Rolle beim opportunistischen Niedergang der Komintern.

Die Komintern wurde auf der zentralen Erkenntnis gegründet, dass der Kapitalismus in seinen historischen Niedergang eingetreten ist und die Aufgabe des Proletariats nicht mehr darin besteht, den Kapitalismus zu reformieren oder ihn zu verbessern, sondern darin, ihn zu zerstören: „Eine neue Epoche ist geboren! Die Epoche der Auflösung des Kapitalismus, seiner inneren Zersetzung, die EPOCHE DER KOMMUNISTISCHEN REVOLUTION DES PROLETARIATS" (Richtlinien der Kommunistischen Internationale). Doch die Unterstützung der „nationalen Befreiung" hat dieser ursprünglichen Klarheit großen Schaden zugefügt. Sie hat dem Opportunismus die Tür geöffnet, denn nun wurde von einer Aufgabe der Arbeiterklasse gesprochen, die der alten Gesellschaftsordnung zuzuordnen war. Die Taktik der Kombinierung, des Zusammenschlusses des revolutionären Kampfes in den Metropolen mit dem „Kampf um die nationale Befreiung" in den Kolonien und Halbkolonien legt die Schlussfolgerung nahe, dass die Stunde der Zerstörung des Kapitalismus noch nicht gekommen ist. Denn entweder behauptete man, dass die Welt in zwei Teile geteilt sei (der eine Teil sei „reif" für die proletarische Revolution, während der andere vom Kapitalismus noch nicht ausreichend entwickelt sei), oder man ging davon aus, dass es noch Ausdehnungsmöglichkeiten für den Kapitalismus gebe (dies ist der einzige Grund, der es diesen Marxisten ermöglicht, von „nationaler Befreiung" zu sprechen).

Dieser Keim der Verwirrung wuchs mit dem Rückfluss der revolutionären Kämpfe des Proletariats in Europa immer mehr.

Die Partei ist kein passives Ergebnis der Bewegung der Klasse, sondern ein aktiver Faktor bei ihrer Entwicklung. Während ihre Klarheit und ihre Entschlossenheit Ausschlag gebend sind für den Erfolg der proletarischen Revolution, tragen hingegen ihre Verirrungen, ihre Zweideutigkeiten stark zur Verwirrung und zur Niederlage der Klasse bei. Die Entwicklung der KI hinsichtlich ihrer Position zur nationalen Lage beweist dies.

Der 1. Kongress, der in der aufsteigenden Phase der revolutionären Kämpfe stattfand, stellte die Aufgabe der Abschaffung der nationalen Grenzen in den Vordergrund: „Das Endresultat der kapitalistischen Produktionsweise ist das Chaos. Und dieses Chaos kann nur die größte produktive Kraft überwinden: die Arbeiterklasse. Sie muss eine wirkliche Ordnung schaffen, die kommunistische Ordnung. Sie muss die Herrschaft des Kapitals brechen, die Kriege unmöglich machen, die Grenzen der Staaten vernichten, die ganze Welt in eine für sich selbst arbeitende Gemeinschaft verwandeln, die Verbrüderung und Befreiung der Völker verwirklichen" (Richtlinien der Komintern).

Auch zeigte dieser Kongress, dass die kleinen Staaten unfähig waren, sich von der Geißel des Imperialismus zu lösen, und dass sie selbst sich dessen Mechanismen unterwerfen müssen: „In den Vasallenstaaten und in den neuerdings von der Entente geschaffenen Republiken (Tschechien, Südslawien, dazu gehören auch Polen, Finnland, usw.), geht die Politik der Entente darauf aus, auf die herrschenden Klassen und die Sozialnationalisten gestützt, Mittelpunkte einer nationalen gegenrevolutionären Bewegung zu schaffen. Diese Bewegung soll gegen die Besiegten gerichtet sein, soll die Kräfte der neu entstandenen Staaten im Gleichgewicht halten und sie der Entente unterwerfen, soll die sich im Schoß der neuen ‚nationalen’ Republiken entwickelnden revolutionären Bewegungen hemmen und schließlich die weiße Garde zum Kampf gegen die internationale, insbesondere aber die russische Revolution liefern" (Leitsätze über die internationale Lage und die Politik der Entente). Und schließlich wurde aufgezeigt: „… der nationale Staat, der der kapitalistischen Entwicklung einen mächtigen Impuls gegeben hat, ist für die Fortentwicklung der Produktivkräfte zu eng geworden" (Manifest der Kommunistischen Internationale an das Proletariat der ganzen Welt).

Es wird deutlich, wie der 1. Kongress der Komintern die Grundlagen für die Korrektur der ersten Fehler zur nationalen Frage geschaffen hatte, doch wurden diese deutlichen Orientierungspunkte anschließend nicht weiterentwickelt. Nach und nach wurden sie aufgrund der Niederlage der Arbeiter und der Schwierigkeit der Mehrheit der Komintern, den Klärungsprozess voranzutreiben, vom Opportunismus verschluckt. Auf dem 4. Kongress der Komintern (1922) wurde mit den „Thesen zur Frage des Ostens" ein großer Schritt zurück getan:

„Man forderte von den Arbeitern und Bauern, dass sie ihr soziales Programm den unmittelbaren Bedürfnissen eines gemeinsamen nationalen Kampfes gegen den ausländischen Imperialismus unterordnen. Man ging davon aus, dass eine national eingestellte Bourgeoisie, oder gar eine national ausgerichtete feudale Aristokratie, bereit wären, einen Kampf um die nationale Befreiung für die Loslösung vom Joch des ausländischen Imperialismus zu führen, wobei man ein Bündnis mit potentiell revolutionär eingestellten Arbeitern und Bauern eingehen müsse, die nur den Zeitpunkt des Sieges abwarten würden, um sich gegen die alten Herrscher und Verbündeten zu wenden, um sie umzustürzen"

Mit der Verkündung des „Sozialismus in einem Land" und der endgültigen Niederlage der proletarischen Bastion in Russland sowie ihrer Eingliederung in den Weltimperialismus wurde die „nationale Befreiung" in den nachfolgenden Ereignissen zu nichts anderem als zum Feigenblatt der Interessen des russischen Staates. Aber der russische Staat war nicht der einzige, der die nationale Befreiung auf seine Fahnen schrieb. Alle anderen griffen sie in verschiedenen Varianten, aber zu einem einzigen Zweck auf: für das tödliche Ringen um die Aufteilung eines gesättigten Weltmarktes. Die unzähligen imperialistischen Kriege, die als „Befreiungskriege" dargestellt wurden, werden wir in einem nächsten Teil des Artikels behandeln.

Um den von den Fraktionen der Kommunistischen Linke gegenüber dem Niedergang der Komintern geführten Klärungsprozess systematisch weiter zu betreiben, verabschiedete Internationalisme, Organ der Gauche Communiste de France, im Januar 1945 eine Resolution über die nationalistischen Bewegungen, die mit folgenden Worten endete: „Aufgrund ihres kapitalistischen Klassencharakters stellen die nationalistischen Bewegungen überhaupt keine organische und ideologische Kontinuität mit den Klassenbewegungen des Proletariats dar. Damit das Proletariat mit seinen Klassenpositionen gewinnt, muss es jede Verbindung mit den nationalistischen Bewegungen abbrechen und aufgeben".

Ad, 20.05.91

(*) Die proletarische Revolution kann nie durch militärische Methoden ausgedehnt werden, wie es das Exekutivkomitee der Sowjets selbst geäußert hatte: „Unsere Feinde und auch eure täuschen euch, wenn sie euch sagen, dass die russische Sowjetregierung den Kommunismus auf polnischen Boden mit den Bajonetten der Roten Armee zu errichten beabsichtigt. Die kommunistische Ordnung ist nur möglich, wenn die große Mehrheit der Arbeiter von der Idee überzeugt ist, dass sie ihn selber aus eigenen Kräften aufbauen müssen" (Aufruf an das polnische Volk, 28.Jan. 1920). Die bolschewistische Partei, die vom Opportunismus immer mehr zerfressen wurde, unterstützte aufgrund eines falschen Verständnisses des Internationalismus trotz starker Opposition in ihren Reihen (Trotzki, Kirow usw.) das Abenteuer des Frühjahrs 1920, das vollständig dieses Prinzip beiseite drängte.

(E.H. Carr, The Bolshevik Revolution, S. 477-78).
(Rosa Luxemburg, ebenda, S. 349).

Entwicklung des proletarischen <br>Bewusstseins und der Organisation: 

Erbe der kommunistischen Linke: