Die Profitjagd und ihre Opfer…

Als am 15. Februar in Belgien zwei Nahverkehrszüge frontal zusammenstießen, dabei 19 Menschen getötet (darunter ein Lokführer) und mehr als 170 Reisende verletzt wurden, traten auf einen Schlag erneut die katastrophalen Sicherheitslücken bei den Eisenbahnen ans Licht.

Ob bei den Eisenbahnen

Als am 15. Februar in Belgien zwei Nahverkehrszüge frontal zusammenstießen, dabei 19 Menschen getötet (darunter ein Lokführer) und mehr als 170 Reisende verletzt wurden, traten auf einen Schlag erneut die katastrophalen Sicherheitslücken bei den Eisenbahnen ans Licht. Obwohl es in der Vergangenheit schon mehrere tödliche Unfälle mit ähnlichem Hintergrund gab, die Belgischen Eisenbahnen unter dem Druck der EU seit dem Jahre 2005 zur Einführung modernerer Sicherheitsstandards gezwungen wurden, wurde durch den Unfall bekannt, dass lediglich ein Drittel der belgischen Nahverkehrszüge über entsprechende Sicherheitseinrichtungen verfügt. Während die Eisenbahnen in Belgien zu den ältesten auf dem europäischen Kontinent gehören, seitdem 1835 die erste Eisenbahnlinie eröffnet wurde, und es immer noch das dichteste Eisenbahnnetz der Welt in diesem alten Industrieland gibt, sind nun, 175 Jahre später, immer noch nicht alle Züge mit den modernsten Sicherheitseinrichtungen ausgestattet, die z.B. ein Triebfahrzeug nach Überfahren eines Halt zeigenden Signals zum Halten bringen. Die schreiende Lücke zwischen dem, was heute technisch möglich ist, und der Wirklichkeit im Alltag, trat nicht etwa in einem Dritte-Welt-Land auf, sondern in einem der ältesten Industrieländer, dem Sitz der EU-Bürokratie usw. Auch in der führenden Industrienation Europas, Deutschland, lange Zeit Exportweltmeister dank seiner Hightech Produkte, führt der Druck der Krise und die grenzenlose Jagd nach Profiten immer mehr zu Gefährdungen der Sicherheit. Nach dem Achsbruch bei einem ICE-3 im Sommer 2008 muss die Deutsche Bahn AG bei einem Großteil der vorhandenen 250 ICE-3-Züge die Radsatzwellen tauschen – erwarteter Mehraufwand mehrere Hundert Mio. Euro. Unterdessen leben die Bewohner der Hauptstadt Berlin nunmehr seit Monaten mit den Gefahren und Folgen der Sparpolitik und Profitjagd bei der Deutsche Bahn AG. Der Bruch einer Radscheibe, der im Mai 2009 zur Entgleisung eines S-Bahn-Zuges führte, zwang zur Überprüfung sämtlicher S-Bahn-Parks in Berlin. Erste Prüfungen ergeben: "So habe das Unternehmen noch im Januar 2007, vor Ablauf der Verjährungsfrist, auf Nachbesserungen gegen über dem Hersteller verzichtet. Wartungsarbeiten an sicherheitsrelevanten Teilen wie Rädern und Bremssystemen seien unzureichend dokumentiert. Zentrale Unterlagen fehlten; offen sei, ob diese vernichtet wurden. Die Prüfer fanden zudem Hinweise auf Manipulationen bei Testfahrten oder deren Messergebnissen, die im Jahr 2005 die langfristige Haltbarkeit der Radscheiben nachweisen sollten. Diese Haltbarkeit habe aber womöglich nie bestanden, so die Meinung der Prüfer." (Berliner Zeitung, 19.2.10). Auch hier entstehen erwartete Mehraufwendungen von mindestens 350 Mio. Euro. Dass in den letzten Wochen schwere Güterzugentgleisungen stattfanden, zeigt nur, wie groß das Gefahrenpotenzial für weitere Unfälle ist. Wenn die Deutsche Bahn als „global player“ ihre Gelder in den Ankauf und Beteiligungen bei Eisenbahnen und anderen Logistikunternehmen weltweit anlegt, um Geld zu scheffeln, gleichzeitig ein marodes Schienennetz entsteht und störungsanfällige und/oder unzureichend gewartete Fahrzeuge im Umlauf sind, und der Konzern wegen seiner Profitjagd auf der einen Seite überall die Sparschrauben anzieht, auf der anderen Seite aber nicht zuletzt wegen Unfällen immer wieder kostspielige Nachrüstungen oder Reparaturen vornehmen muss, belegt dies nur, wie wahnsinnig kurzfristig und borniert das Kapital vorgeht. Die einzig richtige Reaktion zeigten die Eisenbahner in Belgien, die einen Tag nach dem Unfall in großen Teilen des Landes aus Protest gegen die Arbeits- und Sicherheitsbedingungen die Arbeit niederlegten.

Beim Kölner U-Bahn-Bau

Nachdem im März 2009 beim Kölner U-Bahn-Bau das historische Stadtarchiv und benachbarte Wohnhäuser einstürzten und dabei zwei Bewohner in den Tod gerissen wurden, haben erste Ermittlungen Zustände offengelegt, die bislang hauptsächlich in Ländern der Drittel-Welt gängige Praxis waren. Jetzt schon ist deutlich geworden, dass beim U-Bahn-Bau nur 17% der erforderlichen Stahlbügel angebracht wurden, d.h. 83% wurden nicht eingebaut. Ein Teil davon wurde an einer geplanten Haltestelle der U-Bahn von Arbeitern an einen Schrotthändler verkauft. Gewiss sind die Löhne niedrig und die Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen miserabel. Wenn es sich als wahr herausstellen sollte, dass sicherheitsrelevante Teile massenhaft von einigen Arbeitern nicht eingebaut und stattdessen verhökert wurden, sind dies Verhaltensweisen, welche die ethischen Maßstäbe der Arbeiterklasse verletzen. Sie stehen im Gegensatz zu dem Verhalten der Arbeiter in Belgien.

Bislang galt in den hochindustrialisierten Ländern die Einhaltung von gewissen Sicherheitsstandards als allgemein akzeptiert, weil für ein einigermaßen "reibungsloses" Funktionieren der Produktionsabläufe unverzichtbar. Wenn nun, wie aus den jüngsten Untersuchungsergebnissen beim Kölner U-Bahn-Bau ersichtlich, aufgeflogen ist, dass "massenweise falsche Protokolle, gestohlene und nicht eingebaute Sicherheitsbügel, illegale Brunnen, zu viel abgepumptes Brunnenwasser, immer wieder neue Risse in der Schlitzwand, vor allem aber auch fehlende Kontrollen", also "geschlampt, unterschlagen, vertuscht und systematisch gefälscht wurde" (Kölner Stadtanzeiger, 19.02.10), ist eine neue Stufe überschritten. Denn, selbst der Kölner Stadtanzeiger muss einräumen, dass solche Praktiken bislang hauptsächlich in Bananenrepubliken oder in Mafia-Kontrollierten Ländern gang und gäbe waren. Nunmehr droht Gefahr, dass solche Gebärden auch in den hochentwickelten Industriestaaten, die bislang nicht so von einer alle Strukturen durchdringenden Korruption geplagt waren, Einzug halten. Der Verdacht wurde erhoben, dass bei diversen Eisenbahnneubaustrecken ähnliche Methoden der Manipulation von Messprotokollen usw. praktiziert wurden (z.B. auf der Neubaustrecke München-Nürnberg). Dass dabei früher oder später Menschenleben drauf gehen werden, ist nur eine Frage der Zeit. Wer aber die Zeche dafür zu blechen hat, ist schon klar. Wenn solche Projekte nicht einfach zu einer Bauruine werden, müssen ungeheuer kostspielige Nacharbeiten erfolgen oder absurd teure Maßnahmen ergriffen werden, wie die Flutung der im Bau befindlichen Kölner U-Bahnstation Heumarkt, um ein Eindringen von Rheinwasser zu verhindern…

In der Luftfahrt

"Der Absturz eines Air-France-Airbus im Juni 2009 [mit 228 Menschen an Bord] offenbart nach SPIEGEL-Informationen eine gefährliche Sicherheitslücke, die alle derzeit zugelassenen Jets betrifft: Die Geschwindigkeitssensoren basieren auf Spezifizierungen von 1947 - noch vor Beginn des Düsenflugzeug-Zeitalters. Die fraglichen Sensoren, deren Vereisung sehr wahrscheinlich zum Absturz des A330 geführt hat, müssen nur bis minus 40 Grad Celsius funktionieren. Doch heutige Passagiermaschinen fliegen fast immer in Höhen, in denen deutlich niedrigere Temperaturen herrschen. (…) Vom Ausfall der Geschwindigkeitssensoren sind auch Boeing-Flugzeuge betroffen. Auf SPIEGEL-Anfrage bestätigte die für Boeing zuständige US-Zulassungsbehörde FAA acht solcher Zwischenfälle bei der 777, drei bei der 767 und jeweils einen bei der 757 und dem Jumbojet 747 (…) Während Airbus die Bedeutung der fehlerhaften Tempoanzeige beim Absturz der Air-France-Maschine offiziell herunterspielt, entwickelt der Konzern längst Techniken, die den Ausfall der Temposensoren erkennen und beherrschen helfen sollen. Am 3. Dezember 2009 meldete Airbus in den USA ein entsprechendes Patent an mit der Begründung, Fehler in der Geschwindigkeitsmessung könnten "katastrophale Folgen haben". Eine andere Technik kann bereits seit einigen Jahren als Sonderausstattung für Airbus-Maschinen bestellt werden. Nach SPIEGEL-Informationen lehnt es Air France bislang ab, das 300.000 Euro teure System namens "Buss" nachzurüsten. (http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,679180,00.html). Während für den von Airbus konzipierten Militärtransporter A400 M ganz neue Systeme mit Milliardenaufwand entwickelt wurden, um für kriegerische Operationen besser gerüstet zu sein, steht der Schutz von Menschenleben in der zivilen Luftfahrt offensichtlich nicht auf der Prioritätenliste…

In der Autoindustrie rief der Gigant Toyota mehr als 8.5 Millionen Fahrzeuge erst in die Werkstätten zurück, nachdem allein in den USA mehr als 30 Menschen durch das technische Versagen zu Tode kamen, dessen Ursachen dem Hersteller bekannt waren, der aber zu spät einschritt.

Weil im Kapitalismus Profit an oberster Stelle steht, werden noch unzählige Opfer zu beklagen sein...

EB 26.2.10