Was steckt wirklich hinter der Nuit-debout-Bewegung?

Allabendlich versammeln sich Tausende von Menschen insbesondere auf der Place de la République in Paris: Seit dem 31. März ist die Nuit-debout-Bewegung in den Schlagzeilen. Es handelt sich um Zusammenkünfte von Menschen unterschiedlichster Herkunft - SekundarschülerInnen und StudentInnen, ArbeiterInnen und prekär Beschäftigte, alle vom Wunsch beseelt, zusammenzukommen, zu diskutieren, die Reihen zu schließen gegen alle Unbill dieses Systems. Die Ernsthaftigkeit vieler TeilnehmerInnen ist unbestreitbar; sie sind empört über all die Ungerechtigkeit und sehnen sich im Grunde nach einer anderen Welt, einer humaneren Welt, gegründet auf Solidarität. Jedoch findet keine Weiterentwicklung des Kampfes und des Bewusstseins der Nuit- debout-Bewegung statt. Im Gegenteil, diese Bewegung führt ihre Protagonisten in eine Sackgasse und stärkt die konformistischsten Zukunftsperspektiven. Schlimmer noch, Nuit debout ist ein Vehikel der widerlichsten Ideen, wie z.B. die Personalisierung der Übel dieses Systems, indem ein paar Repräsentanten, wie die Banker und Oligarchen, an den Pranger gestellt werden. Auf diese Weise führt Nuit debout nicht nur jene in die Irre, die aus ehrlichen Motiven an ihr teilnehmen, sondern ist auch ein Schlag der Bourgeoisie gegen das Bewusstsein der gesamten Arbeiterklasse.

Die sozialistische Regierung und die Gewerkschaften Hand in Hand gegen die Arbeiterklasse

Das neue Arbeitsgesetz (bekannt als "El Khomri"-Gesetz, nach dem Namen der aktuellen Arbeitsministerin Myriam El Khomri) symbolisiert für sich genommen den bürgerlichen, anti-proletarischen Charakter der Sozialistischen Partei. Diese "Reform" wird den Lebensstandard weiter senken und die Spaltungen unter den Lohnabhängigen vergrößern, indem es sie in Konkurrenz zueinander versetzt. Das ganze Projekt ist ein Versuch, die Idee zu verbreiten, dass man über Arbeitszeiten, Tariflöhne und Entlassungen getrennt verhandeln solle...

Um diesem neue Gesetzes zur allgemeinen Akzeptanz zu verhelfen, haben die Gewerkschaften die übliche Rolle gespielt: Sie schrien Zeter und Mordio, verlangten Änderungen oder gar die Rücknahme einiger Teile des ersten Gesetzentwurfs und täuschten vor, "Druck auszuüben" auf die sozialistische Regierung, indem sie zahllose Aktionstage und Demonstrationen organisierten. Diese Gewerkschaftsumzüge, die aus Leuten bestehen, die die Straßen auf- und ablaufen und von Losungen wie: "Die Arbeiter sind auf der Straße, El Khomri, du bist im Arsch" oder "Streik, Streik, Generalstreik!" traktiert werden, ohne in der Lage zu sein, zu diskutieren und irgendetwas zu erreichen, dienen lediglich dazu, die Menschen zu demoralisieren und Gefühle der Machtlosigkeit zu verbreiten.

In den Jahren 2010 und 2011 gab es in Reaktion auf die Rentenreformen dasselbe: ein gewerkschaftlicher Aktionstag folgte dem anderen, von denen manche etliche Millionen mobilisierten, aber alle letztendlich ermöglichten, dass der Angriff durchging, und, schlimmer noch, eine Art moralische Erschöpfung verursachten, die schwer auf der gesamten Arbeiterklasse lastet. Es gibt jedoch einen beachtlichen Unterschied zu den Bewegungen von 2010 und 2011: Das Phänomen von Nuit debout profitiert von einer medialen und politischen Berichterstattung, die weitaus breiter ist und Nuit debout mit weitaus mehr Sympathie darstellt, als es üblich ist bei einer sozialen Bewegung, die behauptet, den gegenwärtigen Zustand zu bekämpfen.

Nuit debout: entstanden aus einem Plebiszit... der Bourgeoisie

"Nuit debout - das Lager des Möglichen"[1] oder "Nuit debout: die Wiedererweckung des imaginären Bürgers", wie die Zeitschrift LIBERATION formulierte. Sie schrieb auch: „Es ist von geringer Bedeutung, wie sie sich politisch entwickelt... was zählt, ist, dass wir uns auf den öffentlichen Plätzen und anderswo in Richtung einer würdigeren Tagespolitik vorwärtstasten“[2]. Diese Unterstützung ist auch auf der internationalen Ebene zu beobachten. Zahllose Medien überall auf der Welt haben den Vollversammlungen von Nuit debout ihre Aufmerksamkeit gewidmet, die ihnen zufolge die Politik und die Welt neu erfinden. Einige politische Figuren unter den gemäßigten und den extremen Linken, von denen viele den Versammlungen wohlwollend gegenüberstehen, sind geradezu lyrisch geworden. Jean-Luc Mélenchon, der Mitbegründer der Partei der Linken wie auch der Generalsekretär (neuerdings: "secrétaire national") der Kommunistischen Partei Frankreichs, Pierre Laurent, frohlockten über diese Treffen. Für Julien Bayou (EELF, die französischen Grünen) ist Nuit debout "eine Übung in Radikaldemokratie in Echtzeit". Selbst Nathalie Kosciusko-Morizet, die Vorwahl-Kandidatin der Rechten, sagt, sie habe "interessante" Slogans auf dem Platz vernommen, wie: "Wir sind nicht nur Wähler, sondern auch Bürger". Der Präsident der Republik, François Hollande, gab ebenfalls seinen Segen: "Ich finde es legitim, dass die Jugend über die Welt, wie sie heute ist, mitreden will, auch über die Politik, wie sie heute ist... Ich werde mich nicht darüber beschweren, dass Teile der Jugend die Welt von morgen erfinden möchten". Derselbe Tenor auf internationaler Ebene: für Yanis Varoufakis, dem ehemaligen Finanzminister Griechenlands, sind "diese Bewegungen (...) großartige Lichtblicke inmitten eines dunklen Himmels".

Reformismus und Demokratismus: die beiden ideologischen Pfeiler von Nuit debout

Was bedeuten diese Jubelarien von wichtigen internationalen Medien und Politikern? Die Antwort befindet sich in den beiden Gründungsdokumenten der Bewegung. Das Flugblatt, das von der Convergence des Luttes collectives am 31. März in Paris verteilt wurde und das die erste Versammlung auf der Place de la Rèpublique[3] aus der Taufe gehoben hatte, formuliert es so: "Unsere Regierungen sind der Obsession verfallen, das System bis zum Gehtnichtmehr fortbestehen zu lassen, und zwar um den Preis von 'Reformen', die immer rückschrittlicher und konformer mit der Logik eines Neoliberalismus sind, der seit 30 Jahren am Werk ist: Alle Macht gehört den Aktionären und Bossen, den privilegierten Wenigen, die sich den kollektiven Reichtum aneignen." Das Manifest hat denselben Zungenschlag: "Das Menschliche müsste im Mittelpunkt der Sorgen unserer Führer sein"[4].

Die Orientierung ist klar: Es geht darum, eine Bewegung zu organisieren, die "Druck ausübt" auf die "Führer" und die staatlichen Institutionen, um einen demokratischeren und humaneren Kapitalismus zu fördern. Dies ist die Art von Politik, die das ganze Dasein von Nuit debout kennzeichnet. Es reicht aus, die Aktionen zu betrachten, die aus den Versammlungen und Kommissionen resultieren: "ein Aperitif mit Valls" (einige Hundert Demonstranten wollten am 9. April einen Aperitif mit dem Premier haben); Demonstrationen am Élysée am 14. April im Anschluss an eine Fernsehsendung mit François Hollande; die Besetzung der Bankfiliale von BNP Paribas in Toulouse; Picknick in einem Großmarkt in Grenoble; Störung der regionalen Ratssitzung in Boulogne-Franche-Comté und der Gemeinderäte von Clermont-Ferrand und Poitiers; Errichtung einer ZAD (geschützten Zone) in Montpellier; Besetzung einer MacDonald's-Filiale in Toulouse; tags auf den Schaufenstern von Banken; Abstellen von Müll vor den Türen einiger Pariser Rathäuser, etc.

Die beliebtesten Vorschläge auf der Pariser Generalversammlung sind ebenfalls aufschlussreich hinsichtlich der politischen Orientierung auf einige oberflächliche oder scheinradikale Modifikationen des kapitalistischen Systems: Demonstrationen für eine "ökologische Demokratie", für einen lebenslangen Lohn, einen Minimallohn, für die Kürzung hoher Einkommen, für Vollbeschäftigung, organische Landwirtschaft, bessere Behandlung von Minderheiten, für Demokratie durch Verlosung, mehr Einsatz des Staates für die Bildung, insbesondere in den verarmten Vorstädten, transatlantische Partnerschaft in Handel und Investitionen, etc.

Bezüglich der Gewerkschaften schrieb Marx 1865: "Statt des konservativen Mottos: 'Ein gerechter Tageslohn für ein gerechtes Tageswerk!' sollte sie auf ihren Banner die revolutionäre Losung schreiben: 'Nieder mit dem Lohnsystem!'." (Lohn, Preis und Profit) Genau diese revolutionäre Logik wird von jenen, die die Fäden  hinter Nuit debout spinnen, bewusst verneint, um die junge Generation, die Fragen zu dieser Gesellschaft stellt, auf ein vermintes Terrain zu führen: den Reformismus und die Wahlurne.

Die Forderung, die dies am deutlichsten versinnbildlicht, ist zweifellos der Ruf nach einer neuen Verfassung, die eine "soziale Republik" etablieren soll. So ist laut dem Ökonomen Frédéric Lordon, einem der Initiatoren von Nuit debout, "der erste Akt der Wiederaneignung (...) die Neuschreibung der Verfassung... was ist die soziale Republik? Sie nimmt die demokratische Idee, die 1789 gestellt wurde, ernst"[5].

Dies bringt es auf den Punkt: Das zentrale Anliegen all jener, die Nuit debout auf die Beine gestellt haben, ist es, eine "wahre Demokratie" zu errichten, wie sie von der Französischen Revolution 1789 verheißen wurde. Doch was zweieinhalb Jahrhunderte zuvor revolutionär gewesen war, nämlich die Installierung der politischen Macht der Bourgeoisie in Frankreich, die Überwindung des Feudalismus durch die Entwicklung des Kapitalismus, das nation building - all dies ist heute hoffnungslos reaktionär geworden. Dieses Ausbeutungssystem ist dekadent. Es geht nicht darum, es besser zu machen, denn dies ist unmöglich geworden, sondern darum, darüber hinauszugehen, es durch eine internationale proletarische Revolution zu überwinden. Doch hier wird die Illusion verbreitet, dass der Staat ein neutraler Mittler ist, auf den wir Druck ausüben müssen oder den wir gar vor den Aktionären, den korrupten Politikern, den gierigen Bankern, den Oligarchen schützen müssen, wo doch in Wirklichkeit der Staat der höchste Repräsentant der herrschenden Klasse und der schlimmste Feind der Ausgebeuteten ist.

Vor allem dürfen wir nicht die Gefahr unterschätzen, wenn wir uns auf die Banker, Aktionäre, korrupten Politiker einschießen. Diese Methode, diese oder jene Person statt das Ausbeutungssystem als Ganzes zu beschuldigen, hat keine andere Bedeutung als den Schutz der gesellschaftlichen Verhältnisse des Kapitalismus. Sie ersetzt den Klassenkampf, den Kampf gegen den Kapitalismus und für eine andere Welt durch den Hass, der sich gegen Individuen richtet, die lediglich von der Macht entfernt werden müssten, damit angeblich alle Übel der Gesellschaft wie durch Zauberhand verschwänden.[6]

Nuit debout - die Anti-Indignados

Nuit debout behauptet, die Fackel der Bewegungen von 2006 und 2011 aufgenommen zu haben. Doch in Wahrheit macht sie ein Zerrbild aus ihnen, indem sie völlig deformiert, was die Stärke der Bewegung gegen den CPE und der Indignados war, alle Diskussionen nach der Optik der Bürgerrechte und der republikanischen Werte gestaltet und Denkprozesse auf das Problem einengt, wie man den Kapitalismus menschlicher und demokratischer machen könne.

2006 debattierten die Studenten in Frankreich in wirklich souveränen Vollversammlungen, die zur freien Rede ermutigten. Sie hatten auch das Anliegen, die Bewegung auf die Beschäftigten, auf die Ruheständler[7], auf die Arbeitslosen auszuweiten, in erster Linie indem sie ihnen ihre Vollversammlungen öffneten, indem sie Forderungen aufstellten, die über den einfachen Rahmen der CPE hinausgingen[8], und alle spezifisch studentischen Forderungen beiseite stellten. Fünf Jahre später, 2011, erlebten wir mit den Indignados in Spanien und der Occupy-Bewegung in den USA und Israel Ausdrücke derselben vitalen Notwendigkeit, zusammenzukommen und über die Übel dieses kapitalistischen Systems, das auf Ausbeutung basiert, über Ausgrenzung und anderes Leid zu diskutieren. Diesmal fanden die Versammlungen nicht in Lesesälen und Theatern, sondern auf den Straßen und Plätzen statt.[9]

Auch wenn der Kontext ein anderer ist, haben wir in der Indignados-Bewegung dieselben Drahtzieher erlebt wie in der Nuit-debout-Bewegung. Die "alternativen Drittweltler" von DRY (Wirkliche Demokratie Jetzt) versteckten sich hinter der Maske der "Anti-Politik", um jegliche wirkliche Diskussion zu sabotieren. Sie versuchten damals auch, die Energien zum Nachteil der Debatten in den Vollversammlungen in "Kommissionen" und in der Frage zu kanalisieren, die "richtige Wahl" bei den Urnengängen zu treffen (Podemos war/ist der Höhepunkt dieser Herangehensweise). Doch damals war die soziale Bewegung tiefer. Ihre Teilnehmer besaßen oft die Stärke, den Kampf in ihre eigenen Hände zu nehmen; parallel zur DRY wurden wirkliche Vollversammlungen, angeregt durch ersthafte Debatten und Denkprozesse über die Gesellschaft, abgehalten, wobei dies von den Medien völlig ausgeblendet wurde. Damals schrieben wir:

"Am Sonntag, den 22., Wahltag, proklamierte DRY (statt eines weiteren Versuchs, die Versammlungen zu beenden), dass 'wir unsere Ziele erreicht haben' und dass die Bewegung beendet werden müsse. Die Antwort war eindeutig: 'Wir sind nicht hier, um zu wählen'. Am Montag, den 24., erreichten die Versammlungen sowohl in der Anzahl ihrer TeilnehmerInnen als auch, was den Reichtum ihrer Debatten angeht, ihren Höhepunkt. Interventionen, Losungen, Plakate nahmen stark zu und brachten einen tiefen Denkprozess zum Ausdruck: 'Wo ist die Linke? Sie ist hinter der Rechten', 'Die Umfragen können unsere Träume nicht zurückhalten', '600 Euros im Monat, das ist ziemlich gewalttätig', 'Wenn ihr uns nicht träumen lasst, dann werden wir euch am Schlafen hindern', 'Keine Arbeit, kein Zuhause, keine Angst', 'Sie täuschten unsere Großeltern, sie täuschten unsere Kinder, sie werden nicht unsere Enkel täuschen'. Sie zeigten auch ein Bewusstsein für die Perspektiven: 'Wir sind die Zukunft, der Kapitalismus ist die Vergangenheit', 'Alle Macht den Versammlungen', 'Es gibt keine Evolution ohne Revolution', 'Die Zukunft beginnt jetzt', 'Glaubt ihr immer noch, dass dies eine Utopie ist?' Es war jedoch vor allem die Demonstration in Madrid, die ab dem 19. Juni ein Hauptaugenmerk auf die Perspektiven für die Zukunft legte. Zu dieser Demonstration aufgerufen hatte eine Organisation, die aus der Arbeiterklasse und ihren aktivsten Minderheiten stammte. Der Leitgedanke dieser Zusammenkunft war: 'Demonstration und Einheit gegen Krise und Kapital'. Es wurde erklärt: 'Nein zu Lohnkürzungen und Rentenkürzungen; gegen Arbeitslosigkeit der Arbeiterkampf; Nein zu Preiserhöhungen, Ja zu Lohnerhöhungen, Steuererhöhung für jene, die am meisten verdienen, Schutz unseres öffentlichen Dienstes, Nein zur Privatisierung von Gesundheit und Bildung... Lang lebe die Arbeitereinheit'."[10]

Wir teilen nicht sämtliche, von den Indignados erhobenen Forderungen. Auch unter ihnen waren Schwächen, Illusionen über die bürgerliche Demokratie sehr präsent. Doch die Bewegung wurde von einer proletarischen Dynamik angetrieben und schloss eine tiefreichende Kritik am System, am Staat, an den Wahlen mit ein. Sie begann einen Kampf gegen die Organisationen der Linken und Linksextremen, die alle ihre politischen Kräfte aufwandten, um das Nachdenken einzuschränken und es hinter die Grenzen dessen zu drängen, was für den Kapitalismus noch akzeptabel ist.

Die gegenwärtige Schwäche unserer Klasse hat bedeutet, dass es solcher proletarischer Kritik nicht möglich gewesen ist, sich aus Nuit debout heraus zu entwickeln, und dass der Wunsch, zusammenzukommen und zu diskutieren, keine weiteren Früchte getragen hat. Die Bourgeoisie hat ihre Lehren aus den früheren Bewegungen gezogen; sie hat sich gut vorbereitet und manövriert sehr intelligent, indem sie Nutzen zieht aus der gegenwärtigen Schwäche des Proletariats. Heute sind es Attac, die Neue Antikapitalistische Partei, die Linksfront und all die Experten des Reformismus und der so genannten "Wirklichen Demokratie jetzt" (DRY), die die Kontrolle über Nuit debout ausüben und sich an der Verwirrung des Proletariats, seinem Mangel an Perspektiven, seiner Schwierigkeit, sich selbst als Klasse anzuerkennen, schadlos halten. Diese Gruppen besetzen das soziale Terrain und handeln auf diese Weise am effektivsten für den Kapitalismus.

Der wirkliche Charakter von Nuit debout

Über eins müssen wir uns im Klaren sein: Es gab nichts Spontanes an Nuit debout. Sie ist über einen langen Zeitraum von den radikalen Vertretern des Kapitalismus vorbereitet und organisiert worden. Hinter dieser "spontanen" und "apolitischen" Bewegung lauern die Fachleute, die linken und linksextremen Gruppierungen, die die "Anti-Politik" als Mittel zur Kontrolle nutzen. Der Appell vom 31. März hatte bereits diese professionelle Dimension:

"Im Programm: Animationen, Entspannung, Konzerte, Informationsbörse, eine Permanente Bürgerversammlung und alle Arten von Überraschungen." Nuit debout hatte ihren Ursprung in einer öffentlichen Versammlung, die am 23. Februar in der Pariser Bourse de Travail  organisiert wurde. Dieses Treffen, auf den Namen "Macht ihnen Angst!" getauft, wurde von den enthusiastischen Reaktionen auf den Film von  François Ruffin, "Merci Patron!", angeregt. Es wurde beschlossen, die Place de la République nach dem Ende der Demonstration vom 31. März zu besetzen.

"Es traf sich ein 'Pilot'-Kollektiv von 15 Leuten: Johanna Silva von der Zeitschrift FAKIR, Loïc Canitrot vom Ensemble Jolie Môme, Leila Chaibi vom Kollektiv Schwarzer Dienstag, ein Mitglied vom Verein Les Engraineurs und ein Student von der Sciences Po, der Ökonom Thomas Couttrot und Nicolas Galepides von der Sud-PTT... Der Verein Droit au Logement bot seine rechtliche und praktische Unterstützung an, auch die 'alternativen Drittweltler' von Attac sowie der Gewerkschaftsbund Solidaire traten dem Kollektiv bei. Das anfängliche Kollektiv trat an den Ökonomen Frédéric Lordon mit der Bitte heran, die erste Pariser Nacht am 31. März zu eröffnen. Seine Idee, 'Für die soziale Republik', würde ein Echo in den Werkstätten finden, die gebildet wurden, um eine neue Verfassung in Paris und Lyon zu schreiben..." Diese wenigen Zeilen von Wikipedia (von uns aus dem Französischen übersetzt) zeigen, wieviel die offiziellen politischen Kräfte, Gewerkschaften, linke Vereinigungen, etc. dazu beitrugen, die Nuit-debout-Bewegung aufzubauen und die Regie in ihr zu übernehmen.

Wer ist namentlich François Ruffin? Als Chefredakteur der linken Zeitung FAKIR steht er der Linksfront und der CGT nahe. Sein Ziel ist es, Druck auf den Staat und seine Repräsentanten auszuüben oder, um seine eigenen Worte zu benutzen, "ihnen Angst zu machen". Damit eine Bewegung erfolgreich ist, muss sie sich ihm zufolge vergewissern, dass "die Straßenschlacht und die Ausdrucksform durch die Wahlurne zusammenkommen", wie 1936 oder "gar 1981". Dies ist ein Versuch, uns vergessen zu machen, dass 1936 die Mobilisierung der Arbeiterklasse für den Zweiten Weltkrieg vorbereitete; was 1981 angeht, so versetzte diese so genannte "soziale Bewegung" die Sozialistische Partei in die Lage, an die Macht zu gelangen und eine höchst wirksame, seit Jahrzehnten ungekannte gegen die Arbeiterklasse gerichtete Politik auszuführen! Dies ist die wahre Agenda von Nuit debout: ein Unternehmen, das darauf abzielt, all seine Mitglieder, die in gutem Glauben und voller Hoffnung sind, glauben zu machen, dass die kapitalistische Gesellschaft menschlicher gestaltet werden kann, wenn man den richtigen Parteien, d.h. der Sozialistischen Partei oder den Linksextremen, seine Stimme gibt.[11]

Diese Initiative ist von der Linken in der Sozialistischen Partei und den Linksextremen aus Sicht der Bourgeoisie zu einem höchst willkommenen Zeitpunkt ergriffen worden: in einem Jahr der Präsidentschaftswahlen, als sich die Glaubwürdigkeit der SP im Keller befand. Darum geht es kurz- und mittelfristig: um die Fähigkeit der Bourgeoisie, eine neue Linke zu schaffen, die etwas Glaubwürdigkeit in der Arbeiterklasse besitzt, eine "radikale, alternative, demokratische" Linke. Wir erleben dieselbe Dynamik in einer Reihe von anderen Ländern, mit Podemos in Spanien und Sanders in den USA. Es ist nicht ausgemacht, dass dieser Teil des Manövers, seine parlamentarische Dimension, erfolgreich für die Bourgeoisie ausgehen wird, d.h. dass es zu einer Mobilisierung für die Wahlen führen wird, weil die Arbeiterklasse von allen politischen Parteien zutiefst angewidert ist. Gleichzeitig sind die Versuche von François Ruffin, die Teilnehmer von Nuit debout in die Gewerkschaften[12], insbesondere in die CGT, zu drängen, bis jetzt nicht von Erfolg gekrönt. Andererseits ist die Ideologie, die von dieser Bewegung transportiert wird, die Idee der Bürgerrechte, die dazu dient, die Klassenidentität des Proletariats zu verwässern, und die Tendenz zur Personalisierung statt zur Schlacht gegen das kapitalistische System ein besonders tückisches und wirksames Gift für die Zukunft.

Nuit debout ist, noch mehr als das Produkt eines neuen Manövers der Linken und Linksextremen, das Symbol für die wirklichen Schwierigkeiten der ArbeiterInnen, sich selbst als eine Klasse zu betrachten, als gesellschaftliche Kraft, die in sich die Zukunft der gesamten Menschheit trägt. Und diese Schwierigkeiten sind nicht nur vorübergehend; sie sind Teil eines tiefen historischen Prozesses, der in der Gesellschaft abläuft. Die Saat aus den Bewegungen wie dem Kampf gegen den CPE oder der Indignados, die Ausdruck eines realen Bedürfnisses des Proletariats waren, seinen Kampf weiterzuentwickeln, schlummert heute gewissermaßen im Permafrost. Was die alten Bewegungen angeht, wie jene, die 1871 zur Pariser Kommune und 1917 zur Oktoberrevolution führten, so sind sie vergessen und begraben unter einem Wust von Lügen.

Doch wenn sich die gesellschaftliche Atmosphäre unter den Schlägen der Krise und der unvermeidlichen Zuspitzung der Attacken gegen unsere Lebensbedingungen aufheizt, dann können einige Blumen zu blühen beginnen. Dieses Vertrauen in die Zukunft stützt sich auf das Bewusstsein, dass das Proletariat eine historische Klasse ist, die in sich eine andere Welt trägt, welche frei von Ausbeutungsverhältnissen sowie notwendig und möglich für die Menschheit ist.

Germain, 15.5.16

[6] Dieses Anprangern der Oligarchie ähnelt stark der Fixierung Donald Trumps auf das US-Establishment. Unterschiedlich im Auftreten, basiert beides auf derselben Ideologie, nämlich der der Personalisierung.

[7] Eines der beliebtesten Banner lautete "Vieux croûtons, jeunes lardons, la même salade", was wir etwa mit "Alte Gurken, junges Gemüse - derselbe Salat" übersetzen könnten.

[8] Über den CPE siehe "Thesen über die Studentenbewegung in Frankreich im Frühling 2006", http://de.internationalism.org/frank06.

[10] Aus unserem Artikel "Die Proteste in Spanien - eine Bewegung, die die Zukunft ankündigt", http://en.internationalism.org/ir/146/editorial-protests-in-spain.

[11] Um zu verstehen, wie Ruffin und die anderen Urheber von Nuit debout ticken, siehe unseren Artikel auf der französischen Website über den Film "Merci Patron!": http://fr.internationalism.org/revolution-internationale/201605/9374/merci-patron-denaturation-ce-qu-lutte-classe. Siehe auch: www.liberation.fr/france/2016/02/24/qui-est-francois-ruffin-le-realisateur-de-merci-patron_1435301.

[12] "Ich hoffe, dass wir einen sehr großen 1. Mai haben, dass die Demonstration auf der Place de la République endet und dass wir mit den Gewerkschaften, die gegen das Arbeitsgesetz sind, eine Massenkundgebung abhalten."