Ein Ort der offenen Debatte – der Politische Diskussionszirkel Rheinland

Ein Ort der offenen Debatte – der Politische Diskussionszirkel Rheinland

Engels hat stets gesagt, dass der Kampf des Proletariats auf drei Ebenen stattfinden muss, um das Ziel der klassenlosen Gesellschaft erreichen zu können: der Kampf auf der politischen,  ökonomischen und theoretischen Ebene. Diese drei Ebenen sind nicht voneinander zu trennen. Doch gerade Letztere wird von aktivistischen Gruppen, die den Kommunismus sofort erreichen wollen,  (oder aber - noch häufiger - das Endziel der proletarischen Bewegung gänzlich vernachlässigen) und den Arbeitern ohnehin nicht die theoretische Auseinandersetzung mit der Welt mittels der Waffe des Marxismus zutrauen, nur müde belächelt. Doch nur wenn die Arbeiterklasse die Welt versteht, kann sie diese auch ändern.
    Dass die Arbeiter aber keineswegs unfähig sind, sich mit der "Theorie", d.h. dem Marxismus auseinanderzusetzen, zeigen nicht nur zahlreiche Beispiele aus der Geschichte, sondern wird auch durch die Entstehung von politisierten Minderheiten heute bestätigt. Ein wichtiges Beispiel dafür ist die Entstehung des Politischen Diskussionszirkels Rheinland als ein Ausdruck einer zur Zeit wieder international verstärkt zu beobachtenden Anstrengung der politisierten Teile der Arbeiterklasse, zu politischem Bewusstsein zu gelangen.
Ein entscheidender Grund, warum sich dort die Fähigkeit entwickelte, politische Themen und Fragen vertieft zu diskutieren, war die Tatsache, dass der Zirkel sich von Anfang an nicht als ein  einheitliches Gebilde, als politische Gruppe verstand (weil schließlich die verschiedensten Ansichten im Zirkel anzutreffen sind), sondern als einen "... Ort, an dem politisch Interessierte zusammenkommen, um zu diskutieren." (1) Da das oberste Ziel des Zirkels die gemeinsame Klärung mittels der Diskussion ist, steht er grundsätzlich "... jedem offen, der politische Themen aus der Sicht des Proletariats vertieft diskutieren möchte." (2)
   Dieses alte proletarische Prinzip der offenen und fairen Diskussion macht sich auch im Ablauf dieser Treffen deutlich. Die Diskussionen werden solidarisch geführt, d.h. man lässt den anderen ausreden, hört einander zu und versucht, seinen Teil zum gemeinsamen Klärungs- und Vertiefungsprozess beizutragen. Manch einer könnte einwenden, dass dies doch selbstverständlich ist. Doch leider sieht die Realität anders aus. Gerade in Zeiten des gesellschaftlichen Verfalls und inmitten der bürgerlichen Konkurrenzgesellschaft müssen solch proletarische Prinzipien bewusst gepflegt werden. Andere könnten argumentieren, dass diese Fragen des Verhaltens und des gegenseitigen Umgangs miteinander im Vergleich zu "wirklich" politischen Fragen doch bedeutungslos seien. In Wirklichkeit aber müssen Ziel und Mittel miteinander in Einklang stehen. Wie will man denn die erste wirklich menschliche Gesellschaft errichten, wenn die Arbeiter sich die bürgerlichen Vorstellungen der Konkurrenz in ihrem Kampf zu Eigen machen?
   Im deutschsprachigen Raum findet man auch andere Initiativen, die sich Diskussionszirkel nennen. Doch muss man sich fragen, inwieweit es sich hier tatsächlich um Orte der offenen Debatte handelt, wenn z.T. selektiert wird, wer nun an den Treffen teilnehmen darf und wer nicht, und wenn über die eigentlichen Diskussionen kaum etwas nach außen dringt. Hier herrscht nicht der Geist der offenen Diskussion. Vielmehr bekommt man den Eindruck von einer kleinen, geschlossenen Gesellschaft, ja einer bürgerlichen Familie, die nach außen die Fassade der harmonischen Einheit präsentiert, während in Wahrheit in ihrem Innern die Messer gewetzt werden. Doch die Arbeiterklasse als Ganzes kann ihren Kampf nur gewinnen, wenn sie sich ohne Scheuklappen mit der Wirklichkeit auseinandersetzt - und zwar mit der Realität der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Was könnte da förderlicher sein als eine ernsthafte und solidarisch geführte Debatte?

Die Funktionsweise des Rheinischen Zirkels

   Genau hierzu leistet der Politische Diskussionszirkel Rheinland einen nicht zu unterschätzenden Beitrag. Und mit dem Aufbau einer Homepage, die regelmäßig aktualisiert wird, hat der Diskussionszirkel Rheinland noch einen weiteren Schritt unternommen, um die offenen Debatten auch all denen in der Welt zugänglich zu machen, die nicht an den eigentlichen Treffen teilnehmen können. Es werden nämlich seit einigen Monaten nicht nur die Referate ins Netz gestellt, die ja zunächst nur die Meinung eines Teilnehmers  geben; darüber hinaus werden nun auch Synthesen der Diskussion veröffentlicht. Diese Möglichkeit, die Debatten des Diskussionszirkels mitzuverfolgen, sind unseres Wissens im deutschsprachigen Raum einzigartig und daher um so bedeutsamer. So können politisch Interessierte nicht nur einen Einblick in die verschiedenen Argumentationslinien und politischen Positionen gewinnen, sondern auch einen Einblick in die Entwicklung und die Führung einer lebendigen Debatte bekommen. Hier geht es also - im Vergleich zu zahlreichen anderen Diskussionszirkeln - nicht nur um eine andere Funktionsweise. Nein, dahinter verbirgt sich eine ganz andere Betrachtungsweise der Welt. Die Teilnehmer des Zirkels waren sich nämlich schon sehr früh einig, dass die im Zirkel besprochenen Fragen nicht nur sie, sondern die gesamte Arbeiterklasse angehen. Daher muss ein solcher Ort der Klärung und der Vertiefung auch der gesamten Klasse zugänglich sein, sowohl durch die offenen Treffen als auch durch Diskussionszusammenfassungen, die im Internet veröffentlicht werden. Dies ist ein wahrlich proletarischer Standpunkt.
   Gegründet wurde der Politische Diskussionszirkel Rheinland bereits im Dezember 2002. Er entstand in Opladen als Eigeninitiative politisch interessierter Menschen (Sympathisanten der IKS und Mitglieder der inzwischen aufgelösten "Initiative Linkskommunismus"). Ziel war es, all jenen ein Forum für politische Diskussionen anzubieten, denen die weitere Entwicklung der Welt nicht gleichgültig ist und die mit anderen Menschen darüber in Kontakt treten wollen. Anfangs war die Teilnehmerzahl des Diskussionszirkels Rheinland größer. Doch es zeigte sich sehr bald, wer wirklich gemeinsam diskutieren und wer sich möglicherweise profilieren wollte. So kamen bald beispielsweise Leute aus dem Operaismus nicht mehr, weil sie die Bedeutung des Zirkels als Ort der Klärung unterschätzten, und eher den Eindruck vermittelten, Anhänger gewinnen zu wollen.  Denn hier entwickelte sich, ganz nach dem proletarischen Prinzip, eine offene und solidarische Diskussionsatmosphäre, die vom Bemühen gekennzeichnet war, gemeinsam die Klärung voranzutreiben. So wurde der Zirkel zwar kleiner, gewann aber an Diskussionsqualität dazu. Es folgten Treffen, die sehr lebhaft und durchaus kontrovers waren.
   Dennoch ergaben sich Probleme, deren Tragweite der Zirkel zunächst nicht erkannte. Es kam die Zeit, wo das Stattfinden des Zirkels von der Teilnahme gewisser Leute abhing. Schließlich fanden dann keine Treffen mehr statt. Daraufhin befreiten sich Teile der Zirkelteilnehmer von einer gewissen Abwartehaltung und verhalfen dem Zirkel zu neuem Leben.
  Der Zirkel findet nun im leichter erreichbaren Köln statt. Noch viel wichtiger aber waren die Lehren, die nun im Zirkel aus den eigenen Erfahrungen gezogen wurden. Zum einen wurde festgestellt, dass der Zirkel nicht mehr von  der Teilnahme einzelner Personen abhängen sollte. Zum anderen beschloss man aus den eigenen Fehlern zu lernen und sich vor allem durch den Aufbau einer eigenen Homepage allen politisch Interessierten zu öffnen und dieses Diskussionsforum weithin bekannt zu machen. An dieser Stelle möchten wir die Entwicklung und das rege Leben des Diskussionszirkels Rheinland aufs Wärmste begrüßen. (3) Das Proletariat braucht solche Orte der offenen politischen Klärung und Diskussion, um sich für die zukünftigen Kämpfe zu rüsten. 14.5.2005
(1) Siehe die Homepage des Zirkels, s.u.
(2) Ebenda
(3) Die Homepage lautet http://de.geocities.com/zirkelrunde Die E-Mail-Adresse zur Kontaktaufnahme lautet: [email protected] Wir empfehlen allen unseren interessierten Lesern, die Homepage des Politischen Diskussionszirkels Rheinland aufzusuchen. Die Teilnehmer des Diskussionszirkels haben uns wissen lassen, dass sie sich über weitere neue Teilnehmer sehr freuen würden.