Klasse gegen Klasse

 In Weltrevolution Nr. 103 haben wir einen Leserbrief veröffentlicht „National-Stalinisten zu Gast beim DGB“, den der Autor auch an die anarcho-syndikalistische Zeitschrift ‚Direkte Aktion‘ (‚DA‘ - Zeitung der FAU) geschickt hatte, dessen Mitglied er ist. Die ‚Direkte Aktion‘ druckte den Leserbrief aus nicht erwähnten Gründen nicht vollständig ab. Mittlerweile hat der Leserbrief innerhalb der FAU eine heftige Diskussion ausgelöst. Aus Platzgründen können wir hier nicht näher auf diese Debatte eingehen. Wir veröffentlichen nachfolgend ungekürzt die Antwort des Genossen auf die Reaktionen in der ‚DA‘, die von zwei weiteren Genossen der FAU mitgetragen wird, und die mittlerweile auch von der ‚DA‘ abgedruckt wurde. Mit Ausnahme der Unterstützung von Anarchie & Anarchismus, für die sich die Genossen aussprechen, stimmen wir mit dieser Antwort überein. Wir begrüßen es auch ausdrücklich, dass Genossen aus dem anarchistischen Lager wie hier der Fall, sich mit den Positionen und dem theoretisch-historischen Erbe der Kommunistischen Linken befassen und sich eine ganze Reihe ihrer Prinzipien zu eigen machen.

Klasse gegen Klasse

Worum geht es?

In der da 143 setzen sich zwei Leserbriefe mit einem Bericht über die Veranstaltung einer national-stalinistischen Gruppe ("Patriotismus im FDJ-Hemd", da 142) kritisch auseinander. Bevor wir auf beide Leserbriefe eingehen, möchten wir darauf hinweisen, daß die da-Redaktion einen Teil des Berichtes nicht abgedruckt hat. Die ungekürzte Version des Artikels wurde hingegen in der Zeitung "Weltrevolution" (Nr. 103) der Internationalen Kommunistischen Strömung veröffentlicht (Adresse: Pf. 410308, 50863 Köln).

Beide Kritiker (jhr und Louis Lerouge) vertreten Auffassungen, die sowohl in der direkten aktion , als auch in Medien der sonstigen Linken und in weiten Teilen der "aufgeklärten" Bourgeoisie zum guten und korrekten Ton gehören. Dies hat uns bewogen, sich eingehender mit den Themen Antisemitismus, Volksgemeinschaft, Kollektivschuld, Faschismus, Antifaschismus, Kapital und Proletariat zu befassen.

Die - trotz der guten Absicht - letztlich "völkische" und bürgerliche Perspektive beider Leserbriefe ist gerade das, wogegen sich der Veranstaltungsbericht richtete. Als "völkisch" bezeichnen wir Positionen, die sich positiv ("die Guten") oder negativ ("die Bösen, "die Schurken") auf irgendwelche Völker beziehen, anstatt auf die beiden entscheidenden Klassen des kapitalistischen Weltsystems: das Kapital und das Proletariat. Eine völkische Perspektive ist naturgemäß eine andere, als eine klassenbezogene. Wir sind der Ansicht, daß sich die FAU-IAA, mit Klassenpositionen identifizieren und bürgerliche Interpretationsmuster der Geschichte zurückweisen sollte. Unserer Artikel soll einen Beitrag dazu liefern.

Beide Leserbriefe finden folgende Passage des Berichtes besonders empörend: Der Verfasser des Veranstaltungsberichtes (JS) erklärte gegenüber den National-Stalinisten, "daß bereits die ethnische Säuberung Polens von 'Deutschen' nach Ende des Zweiten Weltkrieges, aus proletarischer Perspektive betrachtet, ein Verbrechen war. Die Vertreibung von Millionen Arbeitern 'deutscher Nationalität' kann unter keinen Umständen mit den barbarischen Verbrechen des (deutschen) Kapitals in Polen während des Krieges und der Besatzungszeit gerechtfertigt werden".

Die Kritiker dieser proletarischen Position orientieren sich vor allem an folgenden Eckpunkten: Kollektivschuld, Bestrafungsmanie, Verherrlichung von Verbrechen der demokratischen und stalinistischen Armeen, Identifikation des (deutschen) Proletariats mit der (deutschen) Bourgeoisie in Form einer "Volksgemeinschaft", Antisemitismus-Vorwurf, als trauriger Versuch, die bürgerliche Ideologie gegen sozialrevolutionäre Kritik zu immunisieren. Daß wesentliche Teile der Bourgeoisie und der Linken dabei mehr oder weniger übereinstimmen, macht das Ausmaß des Problems deutlich.

Anstatt soziale Widersprüche und Konflikte aus der Perspektive der Sozialen Revolution zu analysieren, erfolgt hier ein Rückgriff auf jene bürgerliche Propaganda, die gerade davon lebt, die Existenz unserer Klasse in Frage zu stellen und den Klassenkampf zu leugnen.

Antisemitismus

Besonders typisch für das Milieu, in dem diese Art der Kritik populär ist, ist der Vorwurf des "Antisemitismus". Der Satz "Die Vertreibung von Millionen Arbeitern 'deutscher Nationalität' kann unter keinen Umständen mit den barbarischen Verbrechen des (deutschen) Kapitals in Polen während des Krieges und der Besatzungszeit gerechtfertigt werden" muß dafür herhalten. Internationalistische Kritik an den Wirkungen kapitalistischer Politik wird als "antisemitisch" denunziert.

Der Begriff "(deutsches) Kapital" sei durch "die Klammerung latent antisemitisch", meint jhf, da diese Formulierung ihn "nicht zufällig an das 'internationale Finanzjudentum' der Nazi-Propaganda" erinnere. Gleichzeitig wendet er sich aber dagegen, von einem "abstrakten Kapital" zu reden. Es ist doch jhf, der es gern weniger abstrakt, sondern lieber konkreter, "völkischer", und vor allem "deutscher" haben möchte (zu diesem Thema später mehr).

Aber wenn wir schon über den Antisemitismus reden, dann sollte doch klar sein, daß die Nationalsozialisten mit ihrer antijüdischen Hetze deshalb so erfolgreich waren, auch unter ArbeiterInnen, weil es ihnen gelang, das tatsächlich vorhandene und wirkende (abstrakte) Kapital scheinbar im "Juden", insbesondere im "Finanzjuden", d.h. einer Gruppe konkreter Menschen, zu verkörpern. Der Unterschied zwischen der erfolgreichen Verschleierung der kapitalistischen Wirklichkeit durch die Nationalsozialisten und der völkischen Mystifikation des abstrakten Kapitals durch Kritiker wie jhf, ist, daß die einen das Böse im "Juden", die anderen es dagegen im "Deutschen" konkretisiert und verkörpert sehen.

Die Volksgemeinschaft und die Anständigen

Reichskanzler Adolf Hitler sei der wahre Repräsentant des "deutschen Volkes" gewesen und er übte seine Regierungsgewalt zurecht im Namen und mit voller Unterstützung "der Deutschen" aus. Die "Volksgemeinschaft" sei keine Erfindung der Nazis, sondern eine Tatsache, meinen beide Kritiker. Im Gegensatz zu ihnen wissen wir zwar nicht genau wer, oder was "das deutsche Volk" ist oder "die Deutschen" sind ("die Polen" sind uns auch noch nicht begegnet). Und im Widerspruch zu beiden, sehen wir im Begriff "deutsches Volk" eine zwar sehr mächtige, wirksame und insbesondere für das (globale) Proletariat verhängnisvolle Kraft, aber vor allem eines: Eine ideologische Mystifikation im Kampf gegen das (globale) Proletariat. Für Revolutionäre kommt es darauf an, zu entschleiern und nicht, sich an einer fortgesetzten Verschleierung der kapitalistischen Realität zu beteiligen. Während also beide sogar an die nationalsozialistische "Volksgemeinschaft" glauben, glauben Internationalisten noch nicht einmal an die von den demokratischen Politikern ausgerufene Gemeinschaft "der Anständigen".

Die völkische Mär von der Kollektivschuld

Die Überschrift eines Leserbriefes lautet "Deutsche TäterInnen sind keine Opfer". Von der allzumenschlichen Erfahrung einmal abgesehen, daß aus "TäterInnen" binnen kürzester Zeit und sozusagen umständehalber "Opfer" und aus "Opfern" "TäterInnen" werden können, zieht sich durch den ganzen Artikel ein überzogener Wunsch nach kollektiver Bestrafung. Theoretische Grundlage für die Begründung einer ausgiebigen Bestrafung "der Deutschen", ist die völkische These einer "Kollektivschuld des deutschen Volkes".

Diese ahistorische, völkische und bürgerliche Vorstellung geht davon aus, daß "die Deutschen", für den Zweiten Weltkrieg und die Vernichtung eines großen Teils der europäischen Juden verantwortlich sind und daher "kollektiv" bestraft werden mußten. Begriffe wie "die Deutschen", "die Juden", "die Franzosen" usw. sind aufgrund bestimmter Interessen geschaffene Konstrukte. Sie sind daher für eine proletarische Kritik des Kapitals und seiner Politikergebnisse absolut ungeeignet.

Der von jhf und Louis Lerouge vorgetragene Standpunkt zur "Kollektivschuld" weist die größtmögliche Distanz zu sozialrevolutionären Positionen gegen Faschismus und Demokratie auf. Das Tragische daran ist, daß viele GenossInnen, einerseits unter dem schreckenerregenden Eindruck der "deutschen nationalsozialistischen " Politik, der unbezweifelbaren Teilnahme eines Teiles des Proletariats und eines nicht gerade kleinen Teiles des sogenannten "deutschen Volkes" an dieser Politik und andererseits aufgrund der jahrzehntelangen Wirkung bürgerlicher Ideologie, der relativen Abwesenheit proletarischer Kämpfe, der systematisch geschürten Unkenntnis über revolutionäre Traditionen des weltweiten Proletariats sozusagen nicht anders können, als so zu denken. Und es ist durchaus verständlich, daß es ihnen, wie Louis Lerouge, buchstäblich "schlecht wird", wenn sie mit tatsächlich sozialrevolutionären Positionen konfrontiert werden, mit denen sie zunächst nichts anfangen können, weil sie die Gedankenwelt der Antifa-Szene sprengen.

Der Faschismus

Der Faschismus und der Nationalsozialismus (wie auch der Stalinismus, die Sozialdemokratie und die Demokratie) waren bzw. sind historische Konstrukte, die dazu dienen sollten, die Stellung bestimmter Elemente des Kapitals im Weltsystem zu stärken. Und natürlich ist die jeweilige Form bürgerlicher Herrschaft vom Bewußtseinsstand des Proletariats und dem Entwicklungsgrad des Klassenkampfes abhängig. Ist die Klasse in der Lage, ihre ökonomischen Interessen durchzusetzen, ist sie sogar im Stande, das Kapital bzw. die Lohnarbeit frontal anzugreifen, oder erleidet sie eine Niederlage nach der anderen, ist sie zerschlagen und demoralisiert? Das sind die entscheidenden Fragen.

Die verheerende historische Niederlage der weltweiten Arbeiterklasse, vor allem in Deutschland, aber auch in Groß-Britanien, Rußland und China, in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts, war die eigentliche Ursache der Entstehung von Faschismus, Nationalsozialismus und Stalinismus und des Fortbestandes der Demokratie.

Der Faschismus war also nicht das Ergebnis "italienischer Männerfantasien", ebensowenig wie der Nationalsozialismus durch "deutsche Untertanen- und Herrenmenschen-Mentalitäten" oder der "multinationale" Stalinismus aus einer psychischen Disposition zur "asiatischen Despotie" entstanden sind. All das mag eine Nebenrolle gespielt haben. Die eigentliche Ursache für diese Manifestationen kapitalistischer Herrschaft war die nachhaltige Niederlage des globalen Proletariats, war die globale Konterrevolution. Die Niederlage des Proletariats öffnete den Damm und eine ganze Welt wurde von Barbarei (bzw. kapitalistischer Zivilisation) überflutet. Die Teilnahme an diesem großen Schlachten - als Handlanger, Täter und Opfer - war der ungeheure Preis, den das Proletariat (und selbstverständlich nicht nur das Proletariat) für diese historische Niederlage zahlen mußte. Daß gerade die erbitterten Gegner der Sozialen Revolution auch zu den Verfechtern des Antifaschismus gehören, ist sicherlich kein Zufall.

Die Konsequenzen der Niederlage unserer Klasse und die Resultate der Auseinandersetzungen innerhalb der globalen Klasse des Kapitals, die repräsentiert wurde durch den Stalinismus und die Demokratie auf der einen Seite und den Faschismus, Nationalsozialismus und die "japanische" Monarchie auf der an­deren Seite, in den 30er und 40er Jahren, sind be­kannt.

In einem bis dahin beispiellosen Ausmaß wurden - von allen Seiten plan­mäßig und zum Teil mit den fort­geschrittensten wissenschaftlichen und technologischen Me­thoden und Mitteln - menschliche Leben vernichtet. Weit mehr als 50 Mil­lionen Menschen, Soldaten wie Zivi­listen, wurden im Inte­resse dieser oder jener Seite des Kapitals getötet. Dazu kommen noch jene Millionen Opfer, welche die stalinistische Va­riante des Kapitals zum Gesamtergebnis beisteuerte. Und dann die Toten der vielfältigen und zahlreichen demokratischen Kriege der "Nachkriegszeit". Die "französische" Demokratie, die "Große Nation", feierte bereits am 8. Mai 1945 ihren Sieg gegen die "deutsche" Diktatur mit einem standesgemäß großen Blutbad unter der Bevölkerung der algerischen Stadt Sétif.

Auschwitz als Alibi

Die Todes­opfer unter der jüdi­schen Bevölkerung Europas machen etwa 10 Prozent der Gesamt­zahl der Toten aus. In­dem sich die demokratische Propaganda verlogen vor allem auf die ermordeten "Juden" bezieht und das Grauen, das diesen Men­schen zugefügt wurde in den Vordergrund schiebt, versucht sie das ge­samte Ausmaß der planmäßigen Destruktion und des industriellen Mordens zu relativieren.

Alles das an Verbrechen, was zu Recht mit dem Begriff "Auschwitz" zusammengefaßt wird, wurde vor allem nachträglich als das große Alibi der stalinistischen und demokratischen Staaten für das globale Blutbad genutzt, in der das Proletariat aller Kontinente hineingezogen wurde. "Auschwitz" war kein durch "die Deutschen" begangener Zivilisationsbruch, wie es die Bourgeoisie nicht müde wird zu behaupten, sondern Ausdruck kapitalistischer Zivilisation. Es macht deshalb auch keinen Unterschied von (kapitalistischer) Barbarei oder Zivilisation zu sprechen. Umso deutlicher wird die Alternative: Kommunismus oder Barbarei!

Das "abstrakte Kapital" mordet nicht und wird nicht ermordet

Beide Leserbriefe haben recht, wenn sie darauf hinweisen, daß in Polen nicht ein abstraktes Kapital mordete, sondern daß es "deutsche" Soldaten waren. Im kritisierten Veranstaltungsbericht steht aber an keiner Stelle, daß ein "abstraktes Kapital" irgendwelche oder bestimmte Menschen zusammentrieb, in Scheunen sperrte und diese dann anzündete, sie in Auschwitzer "Duschräume" sperrte und diese dann mit Gas füllte. Es wurde auch nicht behauptet, daß Flugzeuge, die ihre Phosphorbomben auf das mit Flüchtlingen vollgestopfte Dresden abwarfen oder eine High-Tech-Atombombe über Hiroshima plazierten vom "abstrakten Kapital" gelenkt wurden. Selbst in den feuernden oder brennenden Panzern oder zusammengekauert in den Schützengräben saß - bekanntlich - nicht gerade das "abstrakte Kapital". Weder wurde ein einzelner Gewehrlauf, noch die Atombombe vom "abstrakten Kapital" produziert.

Nein, in den Waffenfabriken waren Lohn- oder ZwangsarbeiterInnen damit beschäftigt, jene Waffen zu schmieden, die gegen ihre Klassenbrüder und -schwestern gerichtet wurden. ArbeiterInnen bedienten alle Waffensysteme und es waren auch ArbeiterInnen, die jedes mögliche - aus einer moralischen Perspektive gesehen - Verbrechen mit Grauen, Gleichgültigkeit oder Eifer begingen. Das war eben die Konsequenz der großen Niederlage des globalen Proletariats in den 20er Jahren des 20. Jahrhundert. Wer hat davon gesprochen, das ArbeiterInnen "gut", KapitalistInnen" dagegen "böse" sind?

Solche moralischen Kategorien sind ein Einfallstor für die unter dem globalen Proletariat nicht gerade selten anzutreffende Verirrung, daß zwar ein bestimmter Kapitalist ein übler Ausbeuter ist, der Kapitalismus hingegen erträglich sei. Oder, daß eine bestimmte Art des Kapitalismus einer anderen vorzuziehen ist.

Das "deutsche" Kapital der "Antinationalen"

Das "deutsche Kapital" ist in diesem Milieu nicht nur Träger aller nur möglichen singulär-negativen Attribute, sondern - und das ist das Besondere - es wird umstandslos mit dem "Volk", der "Volksgemeinschaft" und sogar mit dem Proletariat identifiziert. Diese "Antinationalen" unterscheiden sich von den Nationalsozialisten insofern nicht, als beide von der realen Existenz einer "deutschen Volksgemeinschaft" ausgehen, beide reden nicht von Klassen, sondern von "Volk", nicht von Klassenkampf, sondern von "Gemeinschaft" und beide haben sich ein "Volk" als Träger des Bösen ausgesucht: Die einen halten es mit "den Deutschen", die anderen mit "den Juden".

Um jeder für das globale Proletariat verhängnisvollen Personifizierung oder "Nationalisierung" des Kapitals zu entgehen und um zu betonen, daß sich der Verwertungsprozeß des Kapitals, das kapitalistische Wertgesetz, die kapitalistische Konkurrenz (die letztlich zum Krieg tendiert) usw. unabhängig von den guten oder schlechten Absichten einzelner Kapitalisten und unabhängig von einer "völkischen" Zuordnung bestimmter Kapitalisten durchsetzt, ist es für das Proletariat wichtig, "abstrakt" vom Kapital und nicht von individuellen Kapitalisten zu sprechen. Die Erfahrungen des globalen Proletariats, das es in seinem alltäglichen Leben macht, sind natürlich "konkret".

Der Antifaschismus

Der offizielle wie auch der "autonome" Antifaschismus ist eine Ideologie und eine Praxis, die sich letztlich ebenso gegen das Proletariat richtet, wie der Faschismus selbst. Die Antifaschisten und die Faschisten differenzieren dort, wo es für das Proletariat grundsätzlich nichts zu unterscheiden gibt. Die eine, unteilbare und globale Klasse des Kapitals ("global" nicht im Sinne eines Gegensatzes zu "lokal", "national", sondern im Sinne von "global herrschend") wird in "gute" und "böse" Teile zergliedert. Gibt es Interessenunterschiede zwischen einzelnen Kapitalfraktionen, dann haben die Antifaschisten nichts besseres zu tun, als sich sofort einzumischen und sich selbstverständlich für die "gute oder bessere Seite" des Kapitals zu entscheiden. Übrigens waren "die Guten" bisher auch immer "die Siegreichen". Und "die Sieger" setzten auch immer ihre Interpretation der Geschichte, als gesellschaftlich verbindliche Sichtweise durch.

Bekanntlich forderten die Antifaschisten vom Proletariat nichts weniger, als im Zweiten Weltkrieg auf einer bestimmten Seite des Kapitals zu kämpfen, zu morden und zu sterben, wie ja auch in "Friedenszeiten" die Sozialdemokraten, Stalinisten und Liberalen, also die klassischen Antifaschisten, von der Klasse der Lohnarbeit die Unterordnung unter die Interessen des Kapitals verlangen. Die Faschisten, Nationalsozialisten und die japanischen Monarchisten zwangen die Arbeiter wiederum auf einer anderen Seite des Kapitals zu kämpfen, zu morden und zu ver­recken. Sowohl der Faschismus, als auch der Antifaschismus erzwangen den gleichen Dienst. Proletarische Bewegungen, die sich mit einer der beiden Seiten eingelassen haben, waren verloren. In diesem Sinne hatte der Revolutionär Amadeo Bordiga recht, als er sagte, daß der Antifaschismus das schlimmste Produkt des Faschismus ist.

Der Antifaschismus als bürgerliche Ideologie und die Soziale Revolution schließen sich aus. Selbstverständlich kann das nicht so verstanden werden, daß der Kampf gegen den Faschismus und gegen Faschisten nicht geführt werden soll. Der Kampf gegen das Kapital und gegen alle von ihm produzierten Ideologien beinhaltet notwendigerweise, sowohl die Gegnerschaft zur Demokratie, als auch zum Faschismus und zu anderen Formen bürgerlicher politischer Herrschaft. Abgelehnt werden muß der Mythos von der Existenz "kleinerer Übel im Kapitalismus", der unweigerlich und logischerweise zur Unterordnung des Proletariats unter das politische Regime des Kapitals führt.

Die Demokratie ist nichts anderes, als ein politischer Ausdruck des Kapitals. Ihre Funktion besteht ausschließlich darin, die Existenz des Kapitals zu sichern. Darin unterscheidet sie sich nicht vom Faschismus oder Stalinismus. Die Demokratie ist unter bestimmten Bedingungen einfach die effizientere Form kapitalistischer Herrschaft.

Die autonome Antifa-Szene hat die histo­rischen Erfahrungen des Kampfes jener wenigen und mutigen GenossInnen, die sowohl gegen den Faschismus, als auch gegen den Antifa­schismus, wie auch gegen Demokratie und Stalinismus, seit den 20er Jahren kämpften, nicht zur Kenntnis genommen. Natürlich ist hier darauf hinzuweisen, daß der heroische Einsatz dieser GenossInnen von sämtlichen Fraktionen des Kapitals systematisch bekämpft, denunziert oder totgeschwiegen wurde. Deshalb ist es auch kein Wunder, daß es sehr lange dauerte, bis sich - wenn auch nur winzige - Teile der Klasse wieder auf diese Erfahrungen beziehen konnten.

Die Antifaschisten unterstützen auf Kosten der Arbeiterklasse eine Interessengruppe des Kapitals gegen eine an­dere. Die Antifas können auch nichts anderes tun, als das, was ihre histori­schen Vorläufer getan haben. Immerhin, könnte man glauben, spielen sie nicht, wie Teile der (historischen) KPD, der PCF oder der KPdSU - um nur einige Beispiele zu nennen - die deutsch-nationale, französich-nationale oder die russisch-nationale Karte. Das Fragwürdige dieser Szene zeigt sich aber, wenn man sieht, was dort unter einem "antinationa­len" Mäntelchen alles geboten wird. Da wird der (alliierte) Bombenter­ror gegen Arbeiterviertel bejubelt, dem Dresdner Massaker Bei­fall geklatscht, da werden ethnische Säuberungen befürwortet, sofern davon "Deutsche" betroffen sind , und es wird für Massenvergewal­tigungen durch Soldaten der Sie­germächte Verständnis aufgebracht.

Diese Bestrafungsmanie wird damit begründet, daß deutsche Soldaten, Polizisten, Bürokraten, Männer wie Frauen, daß "normale Deutsche" Ähnliches oder Schlimmeres getan haben. Es ist unbestritten: Sie haben es getan! Wieso kommen jhr und Louis Lerouge überhaupt auf die unglaubliche Idee, sozialrevolutionäre Kritik hätte damit zu tun, irgendwelche oder besondere Verbrechen, mit anderen Worten: Ergebnisse kapitalistischer Politik zu leugnen oder zu verharmlosen. Und daß alles, um es sich angeblich nicht mit einem als "Klientel" gedachten Proletariat zu verscherzen! Welch eine abwegige Vorstellung!

Nein, Anarchosyndikalisten leugnen keines der Resultate kapitalistischer Herrschaft. Im Gegenteil, sie kämpfen gerade deshalb gegen das Kapital, weil sie sich seiner negativen Resultate bewußt sind und weil sie wissen, daß sie als Einzelne gegen die Bewegungsgesetze des Kapitals machtlos sind.

Selbst die vielleicht so clever scheinende Idee der radikaleren Linken, den Antifaschismus als taktisches Mittel zu nutzen, um durch Kampagnien viele Leute zu mobilisieren, scheiterte. Denn "Massen" können in einer Situation, in der das proletarische Klassenbewußtsein nur sehr schwach entwickelt ist, nur - wenn überhaupt - mit Hilfe moralisierender, platter und demokratischer Parolen gewonnen werden. Denn die herrschende Ideologie ist die Ideologie der Herrschenden. Und nachdem der Staat in den letzten Jahren selbst als "der größte Antifaschist von allen" auftrat, war das Erstaunen groß. Eine Linke, die sich darauf konzentrierte, irgendwelchen bürgerlichen Charaktermasken oder pauschal den Bewohnern ganzer Landstriche besondere "rassistische Ekelhaftigkeiten nachzuweisen", mußte - wenn sie logisch handelte - darüber erfreut sein. Denn was sind schon Farbbeutel gegen die NPD-Zentrale, im Vergleich zu einem möglichen Parteiverbot durch das Bundesverfassungsgericht? Haben nicht Bundestag, Bundesrat und Bundesregierung den Verbotsantrag gestellt? Deshalb wundert es auch nicht, wenn die Linke wieder einmal ihren Frieden mit der normalen kapitalistischen Politik macht, mit der Wirklichkeit des Kapitals: der globalen Warengesellschaft.

Es kommt letztlich nicht darauf an, für die einzelnen Wirkungen kapitalistischer Politik, das eine oder andere bürgerliche Herrschaftssystem, den einen oder anderen Nationalstaat, den einen oder anderen Kapitalisten, die eine oder andere Gruppe von Menschen oder sozusagen als Höhepunkt der Idiotie, moralisierend das einzelne Individuum verantwortlich zu machen. Das kapitalistische Weltsystem, die generalisierte Warengesellschaft als Ganzes ist der mächtige Feind des globalen Proletariats.

Das Kapital versucht erfolgreich, seine Gesamt­verantwor­tung für sämtliche zivilisatorisch-barbarischen Handlungen überall und zu jeder Zeit zu fragmentieren. Die zeitweilig dominierenden Frak­tionen versuchen dabei die Verantwortung für besonders "schreckliche Resul­tate" ande­ren, zeitweilig schwächeren Fraktionen, unterzujubeln. Bei diesem Differenzierungsge­schäft mischen die Antifaschisten und völkischen Antinationalen fleißig mit.

Die proletarischen Revolutionäre führen den globalen Klassenkampf nicht unter der lächerlichen Parole "Nie wieder Deutschland" gegen "Deutschland", sondern weltweit Klasse gegen Klasse, für die Anarchie, für den Kommunismus!

Jan, Kersten, Sven, FAU-IAA, Frankfurt am Main