Januar 1919 - Der verfrühte Aufstand

Im November 1918 zwang die Arbeiterklasse durch ihre
Erhebung die deutsche Bourgeoisie dazu, den Krieg zu beenden. Um eine weitere
Radikalisierung der Arbeiterklasse und eine Wiederholung der Ereignisse von
Russland zu verhindern, schickte das Kapital die SPD als Speerspitze gegen die Arbeiterklasse in
die Schlacht. Mit Hilfe der Gewerkschaften und mittels einer ausgetüftelten
politischen Sabotage versuchte die SPD, die Schlagkraft der Arbeiterräte zu
untergraben.

Aber die Herrschenden gingen von Beginn an auch von der
Notwendigkeit einer militärischen Niederschlagung der Bewegung aus. Anfangs war
es für die Bourgeoisie angesichts der explosiven Entwicklung, in der es überall
zu Meuterungen von Soldaten und zu ihrem massenhaften Desertieren auf die Seite
der aufständischen Arbeiter kam, nicht möglich, an Repression auch nur zu
denken. Zunächst musste sie politisch gegen die Arbeiterklasse vorgehen, ehe
sie sie auch militärisch besiegen konnte.

Doch die Vorkehrungen für ein militärisches Vorgehen liefen
vom ersten Tag an. Und nicht die "rechten" Parteien leiteten diese
militärische Repression ein, sondern - in engster Absprache mit den Militärs -
die SPD, die sich noch immer als "große Arbeiterpartei" pries. Es
waren die viel gerühmten Demokraten, die das letzte Bollwerk zur Verteidigung
des Kapitalismus boten, die sich als der wirksamste Schutzwall gegen die
proletarische Revolution herausstellten.

Die SPD begann sofort, systematisch sog. Freikorps
aufzubauen, da die regulären Truppenteile unter dem "Bazillus des
Bolschewismus" litten und der bürgerlichen Regierung die Gefolgschaft
verweigerten. Freiwillige, die mit Sonderprämien angeheuert wurden, sollten als
militärische Handlanger dienen.

 

Die militärischen Konfrontationen vom 6. und 24. Dezember

Nur einen Monat nach Ausbruch der Kämpfe, am 6. Dezember,
ließ die SPD in Absprache mit den Militärs Soldaten in die Räume der Redaktion
der Roten Fahne eindringen. Zweck dieser Aktion war es, Rosa Luxemburg, Karl
Liebknecht sowie andere Spartakisten, aber auch Mitglieder des Vollzugsrates zu
verhaften. Gleichzeitig attackierten regierungstreue Truppen eine Demonstration
entlassener und desertierter Soldaten, wobei 14 Demonstranten getötet wurden.
Als Reaktion darauf traten am 7. Dezember die Belegschaften mehrerer Betriebe
in den Streik, überall in den Betrieben wurden Vollversammlungen abgehalten. Am
8. Dezember fand erstmals eine bewaffnete Demonstration von mehr als 150.000
Arbeitern und Soldaten statt. In den Städten des Ruhrgebiets (Mülheim)
verhafteten Arbeiter und Soldaten etliche Industrielle.

Doch trotz dieser militärischen Provokation riefen die
Revolutionäre nicht zum Aufstand auf, sondern drängten lediglich auf eine
massive Mobilisierung der Arbeiter. Die Spartakisten waren der Auffassung, dass
die Bedingungen für den Sturz des bürgerlichen Regimes noch nicht reif seien,
dass die Kräfte der Arbeiterklasse noch nicht ausreichten.

Der Reichsrätekongress zwischen dem 16. und 21. Dezember
1918 verdeutlichte dies. Die Bourgeoisie begriff sofort, dass sie einen Punktsieg
errungen hatte. Denn unter dem Einfluss der SPD beschlossen die Delegierten des
Reichsrätekongresses, ihre eigenen Entscheidungen einer noch zu wählenden
Nationalversammlung unterzuordnen. Gleichzeitig wurde ein sog.
"Zentralrat" gewählt, der ausschließlich aus Sozialdemokraten bestand
und vorgab, im Namen der Arbeiter- und Soldatenräte zu sprechen. Nach diesem
Kongress witterte die Bourgeoisie die Gelegenheit, die politische Schwächung
der Arbeiterklasse auch direkt militärisch auszunutzen. Am 24. Dezember
zettelte sie die nächste militärische Provokation an. Freikorps und
regierungstreue Truppen griffen revolutionäre Matrosen an; elf Matrosen und
mehrere Soldaten starben. Wieder herrschte große Empörung unter den Arbeitern.
Arbeiter der Daimler-Motoren-Gesellschaft und vieler anderer Berliner Betriebe
forderten die Bildung einer "Roten Garde". Am 25. Dezember fanden
erneut mächtige Demonstrationen gegen diese Provokation statt. Die Regierung
musste einen Rückzieher machen. Nach so viel Diskreditierung musste auch die
USPD , die bis dahin gemeinsam mit der SPD den Rat der Volksbeauftragten
gebildet hatte, am 29. Dezember aus der Regierung austreten.

Die Bourgeoisie gab jedoch in ihrem Bestreben, das
bewaffnete Proletariat in Berlin zu entwaffnen und entscheidend zu schlagen,
nicht nach.

 

Die SPD stachelt zur Kommunistenhatz auf

In ihrem Bemühen, die restliche Bevölkerung gegen die
revolutionären Arbeiter aufzuhetzen, machte sich die SPD zum Sprachrohr einer
ungeheuerlichen Meuchelmordkampagne gegen die revolutionären Arbeiter und vor
allem gegen die Spartakisten.

Ende Dezember 1918 traten die Spartakisten aus der USPD aus
und schlossen sich mit den Genossen der IKD
zur KPD zusammen. Damit erhielt die Arbeiterklasse Unterstützung durch
eine kommunistische Partei, die, kaum aus den Kämpfen hervorgegangen, schon zur
Zielscheibe der Angriffe der SPD wurde.

Die KPD erkannte, dass die Aktivität der breitesten
Arbeitermassen erforderlich war, um der Taktik des Kapitals die Stirn zu
bieten. "Nach der ersten Phase der Revolution, der des vorwiegend
politischen Kampfes, kommt eine Phase des verstärkten, gesteigerten, in der
Hauptsache ökonomischen Kampfes." (Rosa Luxemburg auf dem
Gründungsparteitag der KPD). Die SPD werde mit den "emporlodernden Flammen
des ökonomischen Klassenkampfes nicht fertig werden" (ebenda). Daher
versuchte das Kapital mit der SPD an seiner Spitze, eine weitere Verschärfung
der ökonomischen Kämpfe durch eine Anzettelung von militärischen Aufständen der
Arbeiter zu vereiteln. Durch die Provokation und anschließende Zerschlagung
eines verfrühten Aufstandes sollte ein wichtiges Zentrum der deutschen
Arbeiterklasse, die Berliner Arbeiter, geschwächt werden, um dann schrittweise
gegen den Rest der Klasse vorzugehen.

 

Die Falle des verfrühten Aufstandes in Berlin

Ende Dezember hatte die Bourgeoisie die in Berlin
stationierten Truppen neu formiert. Mehr als 10.000 Mann starke Stoßtruppen
standen ihr jetzt rund um Berlin zur Verfügung. Insgesamt hatte sie über 80.000
Soldaten um Berlin zusammengezogen. Anfang Januar 1919 holte die Bourgeoisie zu
einem neuen militärischen Schlag gegen die Berliner Arbeiter aus. Am 4. Januar
wurde der Polizeipräsident von Berlin, Eichhorn, der im November von den
Arbeitern ernannt worden war, von der bürgerlichen Regierung entlassen. Dies
wurde sofort als Herausforderung der revolutionären Arbeiterschaft verstanden.
Am Abend des 4. Januar versammelten sich die revolutionären Obleute zu einer Sitzung, an der auch Liebknecht und
Pieck im Namen der frisch gegründeten KPD teilnahmen.

Für Sonntag, den 5. Januar, rief man zu einer
Protestkundgebung auf. Ca. 150.000 Menschen versammelten sich nach der
Demonstration vor dem Polizeipräsidium. Am gleichen Abend besetzten einige
Demonstranten - vermutlich von Provokateuren aufgewiegelt, jedenfalls ohne
Wissen und Zustimmung des Aktionsausschusses - die Gebäude der SPD-Zeitung
Vorwärts und anderer Verlage.

Doch die Bedingungen für den Sturz der Regierung waren noch
nicht reif. So schrieb die KPD Anfang Januar in einem Flugblatt: "Würden
die Berliner Arbeiter heute die Nationalversammlung auseinanderjagen, würden
sie die Scheidemann-Ebert ins Gefängnis werfen, während die Arbeiter des
Ruhrgebietes, Oberschlesiens, die Landarbeiter Ostelbiens ruhig bleiben, so
würden die Kapitalisten morgen Berlin durch Aushungerung unterwerfen können.
Der Angriff der Arbeiterklasse auf das Bürgertum, der Kampf um die Macht der
Arbeiter- und Soldatenräte müssen das Werk des gesamten arbeitenden Volkes im
ganzen Reiche werden. Nur wenn der Kampf der Arbeiter in Stadt und Land überall
jeden Tag sich verschärft, zunimmt, wenn er zum reißenden Strome wird, der ganz
Deutschland durchbraust, die Welle der Ausbeutung und Unterdrückung
hinwegschwemmt, nur dann wird die Regierung des Kapitalismus, wird die Nationalversammlung
gesprengt und auf ihren Ruinen die Regierung der Arbeiterklasse errichtet
werden, die im weiteren Kampf gegen die Bourgeoisie das Proletariat zum vollen
Siege führen wird. Deswegen darf unser Kampf gegen die Nationalversammlung
weder in passiver Abstinenz, in einfacher Stimmenthaltung, noch in bloßer
Störung der Wahlen, noch in dem bloßen Versuch der Auseinanderjagung der
Nationalversammlung bestehen, es gilt, in diesem Kampfe Machtpositionen zu
erobern.

(...) Arbeiter und Arbeiterinnen, Soldaten und Matrosen!
Ruft überall Versammlungen ein und klärt die Volksmassen über den Schwindel der
Nationalversammlung auf (...) In jeder Werkstatt, in jedem Truppenteil, seht
Euch in jeder Stadt Euren Arbeiter- und Soldatenrat an, prüft, ob er wirklich gewählt
worden ist, ob in ihm Vertreter des kapitalistischen Systems, Verräter der
Arbeiterklasse, wie die Scheidemänner, oder haltlos hin und her schwankende
Gestalten, wie die Unabhängigen, sitzen". (aus einem Flugblatt der KPD,
Anfang Januar 1919 verteilt) Aus dieser Einschätzung geht deutlich hervor, dass
sich die KPD darüber im Klaren war, dass der Sturz der Kapitalisten noch nicht
unmittelbar bevorstand. Der Aufstand stand noch nicht auf der Tagesordnung.

Nach der riesigen Massendemonstration vom 5. Januar fand
noch am gleichen Abend erneut eine Sitzung der Obleute unter Beteiligung von
Delegierten der KPD, USPD und Vertretern der Garnisonstruppen statt. Unter dem
Eindruck der mächtigen Demonstration versuchte man zunächst, die Stimmung
auszuloten. Es wurde von einer kampfbereiten Stimmung in den Truppen berichtet.
Die Anwesenden wählten einen Aktionsausschuss aus 53 Mitgliedern, an dessen
Spitze Ledebour (USPD), Scholz für die revolutionären Obleute und Liebknecht
für die KPD traten. Man beschloss für den folgenden 6. Januar den Generalstreik
und eine neue Demonstration.

Der Aktionsausschuss verteilte ein Flugblatt mit der Parole:
"Auf zum Kampf um die Macht des revolutionären Proletariats! Nieder mit
der Regierung Ebert-Scheidemann!"

Soldaten kamen und erklärten dem Aktionsausschuss ihre
Solidarität. Eine Soldatendelegation versicherte, sie werde sich auf die Seite
der revolutionären Arbeiter stellen, wenn man die Ebert-Scheidemann-Regierung
für abgesetzt erkläre. Daraufhin unterschrieben Liebknecht für die KPD und
Scholz für die revolutionären Obleute ein Dekret, wonach die Regierung
abgesetzt sei und der Revolutionsausschuss die Regierungsgeschäfte übernehme.
Am 6. Januar demonstrierten ca. 500.000 Arbeiter auf den Straßen und in allen
Stadtteilen; die Arbeiter der Großbetriebe verlangten nach Waffen. Die KPD
forderte die Bewaffnung der Arbeiter und die Entwaffnung der
Konterrevolutionäre.

Doch nachdem er erst: "Nieder mit der Regierung!"
gerufen hatte, machte der Revolutionssausschuss anschließend keine ernsthaften
Anstalten, diese Parole auch in die Tat umzusetzen. Weder wurden in den
Betrieben Kampfgruppen aufgestellt noch der Versuch unternommen, die
Regierungsgeschäfte in die Hand zu bekommen und die alte Regierung lahmzulegen.
Nicht nur, dass der Aktionsausschuss keinen Aktionsplan besaß, er wurde gar am
6. Januar von Marinesoldaten aufgefordert, das Tagungsgebäude zu verlassen -
was er dann auch tat.

Die demonstrierenden Arbeitermassen warteten auf den Straßen
auf Anweisungen, während ihre Führer ratlos waren und - tagten. Während die
Führung des Proletariats zögerte und zauderte, abwartete und ohne eigenen Plan
war, erholte sich die SPD-geführte Regierung schnell vom ersten Schock über den
Widerstand der Arbeitermassen. Sobald sich die Schwäche der Revolutionäre, ihr
Mangel an Führungskraft, offenbarte, raffte man sich auf der Gegenseite zum
entschlossenen Handeln auf. Von allen möglichen Seiten wurde Hilfe angeboten.
Die SPD rief zu Streiks und Demonstrationen für die Regierung auf und startete
eine massive Hetzkampagne gegen die Kommunisten.

Nun traten die SPD und ihre Komplizen also unter dem
Deckmantel der Revolution und der Arbeiterinteressen auf, um die Revolutionäre
zu massakrieren. Mit spitzfindiger Doppelzüngigkeit forderte sie die Arbeiterräte
auf, sich hinter die Regierung gegen die "bewaffneten Banden" zu
stellen. Gustav Noske, führendes SPD-Mitglied, wurde zum Oberbefehlshaber der
Repressionstruppen ernannt. "Einer muss der Bluthund werden, ich scheue
die Verantwortung nicht." (Zitat von Noske)

Schon am 6. Januar kam es zu vereinzelten Gefechten, derweil
die Regierung rund um Berlin immer mehr Truppen zusammenzog. Am Abend des 6.
Januar tagte der von SPD und USPD dominierte Berliner Vollzugsrat. Anschließend
schlug er dem revolutionären Aktionsausschuss Verhandlungen zwischen den
revolutionären Obleuten und der SPD-Regierung vor, zu deren Sturz der
Aktionsausschuss gerade erst aufgerufen hatte. Statt sich an die Spitze der
Bewegung gegen die Regierung zu stellen, setzte sich der Vollzugsrat also
zwischen alle Stühle. Der Vollzugsrat wollte als "vermittelnde" Kraft
handeln, indem er Unversöhnliches miteinander zu versöhnen versuchte. Dieses
Verhalten des Vollzugsrates vergrößerte das Zaudern der ohnehin schon
abwartenden und zögernden Soldaten. Die Matrosen erklärten, dass sie sich
nunmehr "neutral" verhalten werden. Hier wird deutlich, dass jedes
unentschlossene Verhalten schnell zu einem Verlust an Selbstbewusstsein
innerhalb der Klasse, aber auch zu einem Vertrauensverlust der Arbeiter gegenüber
den politischen Organisationen des Proletariats führt.

Der SPD gelang es so, die Arbeiterklasse zutiefst zu
schwächen. Wie sich später herausstellen sollte, setzte sie dabei auch
Provokateure ein, die die Arbeiter zu Zusammenstößen aufwiegeln sollten. So
geschah die Besetzung von Zeitungsredaktionen und Verlagsgebäuden (wie den
Vorwärts) am 7. Januar offensichtlich auf Betreiben von Agents provocateurs der
Regierung.

Die KPD-Führung hatte zu den Ereignissen in Berlin und dem
von den revolutionären Obleuten gefassten Aufstandsbeschluss eine klare
Position. Ausgehend von der Einschätzung der Lage, die auf ihrem
Gründungsparteitag artikuliert wurde, hielt die KPD den Zeitpunkt für einen
Aufstand für verfrüht.

Die Spartakisten drängten die Arbeiterklasse zu einer
Intensivierung des Drucks in den Arbeiterräten, womit die Kämpfe wieder auf das
Terrain der Arbeiterklasse, also in die Betriebe zurückgeführt und Ebert,
Scheidemann & Co. davongejagt werden sollten. Die Bewegung musste erst
durch den Druck der Räte neuen Anschub erhalten, bevor sie die Schlacht um die
Machtergreifung antreten konnte.

Am 8. Januar übten Rosa Luxemburg und Leo Jogiches scharfe
Kritik am Aufruf des Revolutionsausschusses zum unmittelbaren Sturz der
Regierung, aber auch an der zögernden und kapitulantenhaften Haltung des
Ausschusses, die es ihm unmöglich machte, die von ihm ausgelöste Bewegung
anzuführen. Vor allem warfen sie Liebknecht vor, auf eigene Faust zu handeln,
sich von seinem Enthusiasmus und seiner Ungeduld blenden zu lassen, statt sich
an die Beschlüsse der Partei zu halten und auf das Programm sowie die
Einschätzung seiner Partei zu stützen.

Dieses Ereignis zeigt, dass es weder an einem Programm noch
an politischen Lageanalysen mangelte, sondern an der Fähigkeit der KPD, ihre
Pflicht als politische Führung der Arbeiterklasse zu erfüllen. Die erst wenige
Tage alte KPD besaß nicht den Einfluss und noch weniger die Solidität sowie den
organisatorischen Zusammenhalt, die die bolschewistische Partei 1917 in
Russland ausgezeichnet hatten. Diese Unreife der KPD war der Grund für die
Verwirrung in ihren eigenen Reihen, die sich später zu einer folgenschweren
Bürde auswachsen sollte.

In der Nacht vom 8. auf den 9. Januar kam es erstmals zu
Übergriffen von Regierungstruppen gegenüber Arbeitern. Der Aktionsausschuss,
der das Kräfteverhältnis noch immer falsch einschätzte, drängte darauf, gegen
die Regierung loszuschlagen, obwohl sich diese gerade im Aufwind befand:
"Auf zum Generalstreik, auf zu den Waffen (...) Es gibt keine Wahl! Es
muss gekämpft werden bis aufs Letzte." Diesem Aufruf folgten viele
Arbeiter, doch erneut warteten sie vergeblich auf präzise Anweisungen des
Ausschusses. Nichts geschah, um die Massen zu organisieren, um die Verbrüderung
der revolutionären Arbeiter mit den Truppen herbeizuführen.

Unterdessen marschierten die Regierungstruppen in Berlin ein
und lieferten sich tagelange Straßenkämpfe mit bewaffneten Arbeitern. Bei immer
wieder aufflammenden Zusammenstößen in verschiedenen Stadtteilen Berlins wurden
zahllose Arbeiter erschossen oder verletzt. Die Kämpfe dauerten nahezu eine
Woche an. Am 13. Januar wurde der Generalstreik von der USPD-Führung für
beendet erklärt. Am 15. Januar wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht von
den Schergen des sozialdemokratisch geführten Regimes ermordet. Die Kampagne
"Tötet Liebknecht!" war erfolgreich abgeschlossen worden. Die KPD war
ihrer besten Führer beraubt!

Die KPD besaß damals nicht die Kraft, die Bewegung
zurückzuhalten - so wie es im Juli 1917 den Bolschewiki gelungen war. "Ein
Erfolg der Spartakusleute war von vornherein ausgeschlossen, da wir sie durch
unsere Vorbereitungen zum früheren Zuschlagen genötigt haben. Ihre Karten
wurden früher aufgedeckt, als sie es wünschten, und wir waren daher in der
Lage, ihnen entgegenzutreten." (Zitat von Polizeipräsident Ernst,
SPD-Nachfolger von Eichhorn)

Die Bourgeoisie erkannte jedoch sofort, dass sie ihren
militärischen Erfolg weiter ausbauen musste. In einer Welle blutiger Repression
wurden Tausende von Berliner Arbeitern und Kommunisten ermordet, misshandelt
und gefangengenommen. Der Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht war keine
Ausnahme, sondern nur der erste Ausdruck einer wilden Entschlossenheit der
Bourgeoisie, ihre Todfeinde, die Revolutionäre, samt und sonders auszulöschen.
Am 19. Januar war dann der Triumph der Demokratie perfekt - die Wahlen zur
Nationalversammlung in Weimar, wohin die Regierung sie unter dem Druck der
Arbeiterkämpfe verlegt hatte, fanden statt. Die Weimarer Republik wurde also
erst durch die Massaker an der Arbeiterklasse ermöglicht.

 

Es ist die Partei, die den Siedepunkt erkennen muss, die
"den Moment für das Angriffsziel richtig erfassen" (Trotzki) muss, um
die Klasse zum richtigen Zeitpunkt zum Aufstand zu drängen. Die Arbeiterklasse
muss "über sich eine weitblickende, feste und sichere Leitung (in der Form
der Partei) fühlen" (Trotzki).

 

Der revolutionäre Aufschwung der Klasse

Der Analyse zufolge, die die KPD auf ihrem
Gründungsparteitag erstellt hatte, war die Klasse noch nicht reif für den
Aufstand. Nach der anfangs von Soldaten dominierten Bewegung erhoffte man sich
jetzt einen neuen Schub durch die Belegschaften der Betriebe, durch einen
verstärkten Druck der Arbeitervollversammlungen und Demonstrationen. Nur dies
hätte der Bewegung Auftrieb und Selbstvertrauen geben können. Wenn der Aufstand
im Januar kein Putschversuch durch einige verzweifelte und ungeduldige Elemente
bleiben, sondern auf den "revolutionären Aufschwung" der
Arbeiterklasse fußen sollte, musste auch der Kampf der restlichen Arbeiterklasse
intensiviert werden.

 

Zudem hatten die Arbeiterräte im Januar noch lange nicht die
Zügel in die eigene Hand genommen, war die neben der Regierungsgewalt
existierende Macht der Räte aufs heftigste von der SPD sabotiert worden. Wie
schon erwähnt, hatte die Bourgeoisie auf dem Reichsrätekongress Mitte Dezember
1918 einen Sieg errungen. Seither war es noch zu keiner Neubelebung der
Arbeiterräte gekommen. Die Einschätzung des Kräfteverhältnisses und der Dynamik
der Entwicklung durch die KPD entsprach der Realität.

Es wird der Einwand vorgebracht, dass die Partei die Macht
hätte übernehmen müssen. Doch wie soll dies eine Partei, und sei sie noch so
"stark", bewerkstelligen, wenn das Bewusstsein großer Teile der
Arbeiterklasse noch nicht ausreichend entwickelt ist, wenn die Arbeiterklasse
noch zögert und schwankt, wenn sie nicht einmal Arbeiterräte gebildet hat, die
stark genug waren, um dem bürgerlichen Regime entgegenzutreten. Aus unserer
Sicht steckt hinter diesem Einwand ein grundsätzliches Verkennen der fundamentalsten
Charakteristiken einer proletarischen Revolution bzw. eines Aufstandes, der,
wie Lenin zuvorderst betont, "keine Verschwörung der Partei sein kann,
sondern sich auf die fortgeschrittenste Klasse stützen muss". Kurz, hinter
dieser Kritik verbirgt sich eine blanquistische, putschistische Sichtweise.
Selbst im Oktober 1917 haben die Bolschewiki nachdrücklich darauf bestanden,
dass nicht sie, sondern der Petrograder Sowjet die Macht übernehmen muss.

Der Aufstand kann nicht willkürlich "von oben" deklariert
werden, sondern kann erst dann organisiert werden, wenn die Eigeninitiative und
die Bereitschaft der Klasse, die Organisierung ihrer Kämpfe selbst in die Hand
zu nehmen, ihr Bewusstsein für die Orientierungen und Anweisungen der Räte und
der Partei geöffnet haben.

Damit das Proletariat das Joch des Kapitalismus abschüttelt,
reichen nicht allein der Wille und die Entschlossenheit seiner Revolutionäre,
d.h. des bewusstesten und entschlossensten Teils der Klasse, aus. Denn ein
proletarischer Aufstand ist kein handstreichartiger Putsch, wie nur die
bürgerlichen Ideologen es sich vorstellen können, sondern das Werk der
Arbeiterklasse selbst. Doch im Januar 1919 hatte die deutsche Arbeiterklasse
diesen Reifegrad noch nicht erreicht.

 

Die zentrale Rolle der Kommunisten

Im Gegensatz zu den Bolschewiki im Juli 1917 hatte die KPD
im Januar 1919 noch längst nicht so viel Gewicht, um den Lauf der Ereignisse
entscheidend mit zu beeinflussen. Denn es reicht nicht, dass die Partei
richtige Positionen bezieht, notwendig ist auch ein entsprechendes Gewicht in
der Klasse. Sowohl der verfrühte Januaraufstand in Berlin als auch die
darauffolgende blutige Niederlage machten es der KPD jedoch unmöglich, solch
ein Gewicht zu erlangen. Der Bourgeoisie gelang es, die revolutionäre
Avantgarde der Arbeiterklasse zu schwächen, indem sie ihre besten Militanten
umgebracht und ihr wichtigstes Interventionsorgan, die Rote Fahne, vorläufig
zum Schweigen gebracht hat. In einer Zeit, als die breiteste Intervention der
KPD erforderlich war, stand die KPD wochenlang ohne Presse da.

(Fortsetzung folgt in der nächsten Ausgabe)

Aktuelles und Laufendes: 

Leute: 

Geschichte der Arbeiterbewegung: 

Historische Ereignisse: