Japans Arme rebellieren

Japans Arme rebellieren

Am 29.11.08 schrieb der Korrespondent der Frankfurter
Rundschau folgenden Bericht, welcher die Entwicklung in Japan gut
widerspiegelt. Wir zitieren nachfolgend einen längeren Teil.

VON MARTIN FRITZ

Tokio. "Nein zur Armut!", schallte es aus dem
Megafon. "Steht auf und verändert die Gesellschaft!" Mit solchen
Forderungen zogen kürzlich Tausende Japaner durch Tokio. Sie waren in diesem
Jahr nicht allein: In mehr als 40 Städten gingen Menschen auf die Straße. Ihre
Proteste richteten sich gegen die unsicheren Lebensverhältnisse im Land - und
signalisierten ein neues Bewusstsein: Die sozialen Verlierer in Japan begehren
auf und lassen sich nicht mehr länger als Versager abstempeln. "Ich
bekomme kaum Arbeit und finde nur schwer eine Wohnung", beschwerte sich
eine junge Frau. "Man sagt mir oft, ich sei dafür selbst verantwortlich.
Aber das stimmt einfach nicht."

Hintergrund ist ein massiver Wandel der Arbeitswelt: Mehr
als jeder zweite Japaner arbeitet inzwischen befristet, als Leiharbeiter oder
in Teilzeit. Zehn Millionen Menschen verdienen weniger als zwei Millionen Yen
im Jahr, weniger als 1300 Euro monatlich. "Viele Eltern können ihre Kinder
nur versorgen, wenn sie zwei Jobs haben und viele Überstunden machen",
klagte eine ältere Demonstrantin. Für viele reicht das Geld nur für zwei
Mahlzeiten am Tag, eine Krankenversicherung ist oft unbezahlbar. Tausende
Obdachlose übernachten in den engen Boxen der Internet-Cafés.

Japan hat nach den USA unter den G7-Ländern die meisten
Armen. Die Schere zwischen Unten und Oben hat sich in 20 Jahren um 30 Prozent
geöffnet. Einen Wohlfahrtsstaat kennt Japan nicht. Sozialhilfe gibt es nur für
Arbeitsunfähige und Senioren ohne Rente. Der Staat tut auch wenig für
berufliche Weiterbildung. Von allen Industrieländern investiert Japan am
wenigsten in den Arbeitsmarkt. Kritiker sprechen deshalb von einer
"Rutsch-Gesellschaft": Wer einmal unten ist, kommt nicht wieder hoch.
Eine ganze Generation junger Leute fand in der Rezession der neunziger Jahre keine
feste Anstellung und konnte auf dem Arbeitsmarkt bis heute nicht mehr Fuß
fassen.

Der 1929 verfasste Proletarier-Roman "Kanikosen"
über die Ausbeutung von Arbeitern auf einem Krabbenfänger-Schiff entwickelt
sich zu einem Bestseller. Mehr als eine halbe Million Exemplare wurden in
diesem Jahr verkauft, weil sich viele Leser nach Ansicht des Verlages in den
sklavenartigen Arbeitsbedingungen jener Zeit wiedererkennen. In den Buchläden
stapeln sich anti-kapitalistische Werke. Das erfolgreichste Buch des Jahres - "Gieriger
Kapitalismus und die Selbstzerstörung der Wall Street" von Hideki Mitani -
wirft Japan vor, seine Unternehmenskultur auf dem Altar des angelsächsischen
Kapitalismus geopfert zu haben. Im Dezember erscheint "Das Kapital"
von Karl Marx erstmals als Manga. (...)