Ein weltweites Phänomen: Diskussionszirkel in der Arbeiterklasse

 

Viele Arbeiter suchen heute nach Mitteln und Wegen, um die Isolation zu durchbrechen und zu einer politischen Klärung zu gelangen. Sie wollen aber nicht einer bürgerlichen Partei beitreten oder sich in einer Gewerkschaft betätigen. Was für Möglichkeiten gibt es da?

Gibt es für Zirkel bestimmte Regeln des Funktionierens?

Der Zirkel in Zürich hatte seine Anfänge gegen Ende der Achtzigerjahre, war jedoch damals eher ein kleiner Kreis von Elementen, welche sich in der Zeit der Zürcher Jugendbewegung 80/81 politisiert hatten und sich nun von den linken, bürgerlichen Ideologien entfernten, als tatsächlich ein bewusster Diskussionszirkel mit einem proletarischen Selbstverständnis. Die Initiative für diese politischen Auseinandersetzungen wurden denn auch vielmehr von einem einzelnen Individuum ausgestrahlt, welches hartnäckig versuchte, anderen Arbeitern die Augen zu öffnen und damit eine wertvolle Arbeit leistete.

Es wäre jedoch absolut falsch, das Entstehen dieses Diskussionskreises als Zufall oder als Produkt eines Individuums zu betrachten. Ganz im Gegenteil war es ein Ausdruck der Ausstrahlung und Kraft, welche die Arbeiterkämpfe Mitte der Achtzigerjahre in allen wichtigen Ländern Westeuropas hatten und einzelne Arbeiter auch in Zürich zum Nachdenken zwangen. Sie hatten gesehen, dass die Arbeiterklasse entgegen all dem linken Geschwätz von "Verbürgerlichung des Proletariates", "Neuzusammensetzung der Arbeiterklasse" oder gar dem "Verschwinden der Arbeiterklasse" immer noch existierte und mit ihren Kämpfen als einzige Klasse eine Alternative gegenüber der kapitalistischen Barbarei aufzeigte. Auch waren die wiederaufflammenden Klassenkämpfe sofort für einige Elemente, welche den bürgerlichen Charakter der linken Politik zu erkennen begannen, ein politischer Orientierungspunkt geworden. Diese ersten Diskussionen wurden aber vor allem auch durch den Einfluss unserer Organisation vorangetrieben. Das Lesen von "Weltrevolution" sowie die Teilnahme an unseren öffentlichen Diskussionsveranstaltungen ermöglichte einzelnen Teilnehmern dieses unregelmässigen Zirkels, tatsächlich mit ihren bisherigen Auffassungen zu brechen. Dies ist keine "Selbst-Beweihräucherung", sondern eben gerade ein Beispiel der Funktion, welche eine revolutionäre Organisation gegenüber sich politisierenden Arbeitern zu erfüllen hat. Da wir solche Zirkel als einen Ausdruck der Arbeiterklasse betrachten, ist es gerade unsere Pflicht als kommunistische Organisation daran teilzunehmen, um eine klärende Rolle zu spielen, darin politisch zu intervenieren.

Diese erste, eher informelle Phase des Zirkels in Zürich fand jedoch mit dem Zusammenbruch des kapitalistischen Ostblocks 1989 ein Ende. Der Zusammenbruch des Ostblocks hatte in der Arbeiterklasse zwar einerseits einen deutlichen Rückgang der Kämpfe, vor allem aber des Bewusstseins hervorgerufen, denn die Bourgeoisie nutzte die Gunst der Stunde, um mit ihrer Propaganda "der Kommunismus ist tot" einen Grossteil der Arbeiterklasse zu verunsichern. Aber auf der anderen Seite löste der Zusammenbruch des Ostblocks unter vereinzelten Arbeitern auch ein Nachdenken aus. Vor allem aber der Golfkrieg zur Jahreswende 90/91 hat innert kürzester Zeit das wahre Gesicht des Kapitalismus, der sog. "Neuen Weltordnung" entlarvt. So war es kein Zufall, dass auch ein Arbeiterzirkel wieder mit neuen Elementen als Ausdruck des Reifungsprozesses einer kleinen Minderheit innerhalb der Klasse belebt wurde.

Der Zirkel öffnete sich, es trafen sich nicht mehr nur Freunde und alte Bekannte. Man diskutierte einerseits Fragen der Aktualität - z.B. die neue Konstellation der imperialistischen Mächte nach dem Zusammenbruch des Ostblocks -, andererseits Grundsatzpositionen der Arbeiterbewegung wie die Dekadenz des kapitalistischen Systems und ihre Begründung. Der Zirkel traf sich wenn möglich nicht mehr in Privatwohnungen. Man suchte sich gemeinsam den Lesestoff für das nächste Treffen aus. Ein oder zwei Teilnehmer erklärten sich bereit, eine Einführung vorzubereiten. Eine auch nur minimale Vorbereitung auf die Diskussion und eine Strukturierung derselben erleichtern den Einstieg und erlauben es, einer Linie zu folgen und so ein Thema zu vertiefen.

Das bedeutete aber nicht, dass im Zirkel über Monate ein Plan über die Diskussionspunkte festgelegt worden wäre. Vielmehr hiess Offenheit auch Bereitschaft, auf Vorschläge von neuen Teilnehmern einzugehen. Wenn ein neues Thema auf der Zunge brannte, wurde es für die nächste Sitzung traktandiert und entsprechend vorbereitet. Wesentlich war, dass es die Anwesenden interessierte und für die Arbeiterklasse von Belang war.

Die Arbeiterklasse, deren politische Ziele im Gegensatz zu denjenigen der anderen Klassen in der Geschichte nicht von ökonomischen Zwängen blind bestimmt sind, und die fähig ist, die Geschichte durch bewusste Schritte in die eigenen Hände zu nehmen, hat gerade auch über die Frage der eigenen Organisation viele Lehren gezogen. Seien es nun die Lehren zur Frage der Partei 1903 (Lenin, "Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück") oder die der Organisationsform der Räte, welche in der Russischen Revolution 1905 erstmals entstanden sind, um zwei markante Beispiele zu nennen. So war es auch kein Zufall, dass die Frage des eigenen Selbstverständnisses, der Rolle und Funktionsweise eines solchen Zirkels, geklärt werden musste.

Offener Zirkel oder ‘eigene’ Organisation?

Diese Frage tauchte im Zürcher Zirkel natürlich in einer konkreten Form auf: Gibt es Kriterien politischer Übereinstimmung, um teilnehmen zu können? Haben wir als Zirkel wie eine Organisation eine Plattform? Macht ein Zirkel wie eine Organisation in eigenem Namen Flugblätter, um zu Ereignissen wie dem Golfkrieg eine internationalistische Position zu vertreten? Ist das Ziel eines Zirkels die Gründung einer eigenen Organisation?

Um diese Fragen zu beantworten, war es zunächst unerlässlich zu klären, was ein Zirkel eigentlich ist. Ein Zirkel ist keine "eigene" politische Gruppe oder Organisation. Eine politische Organisation des Proletariats ist notwendigerweise ein international ausgerichtetes Gebilde, ein Produkt des historischen Ringens der Arbeiterklasse um programmatische Klarheit. Sie entsteht nicht lokal, sondern knüpft direkt an die politischen und organisatorischen Traditionen der marxistischen Bewegung an. Ein Zirkel hingegen ist ein geographisch und zeitlich eingegrenztes Phänomen: in einem Ort oder in einer Umgebung kommen Elemente zusammen, um die Sache des Proletariats zu diskutieren und zu klären. Was haben diese Elemente gemeinsam? Erstens wohnen sie am selben Ort. Zweitens haben sie sich programmatisch und organisatorisch möglicherweise noch nicht festgelegt; es gibt viele offene Fragen zu klären. Leute, die politische Fragen des Proletariats klären wollen, werden nicht untereinander einer Meinung sein, nur weil sie zufälligerweise in derselben Stadt wohnen. Im Gegensatz zur Bourgeoisie, wo die lokal und national verbundenen Ausbeuter gemeinsame Interessen haben werden, findet der Zusammenschluss und die Klärung im politischen Lager des Proletariats direkt auf Weltebene statt.

Das Proletarische an einem Diskussionszirkel ist nicht ein gemeinsames "lokales" Programm, sondern der gemeinsame Wille zu diskutieren und zu klären. Ein Diskussionskreis ist folglich keine programmatisch festgelegte Gruppe, sondern ein Ort: ein Ort der politischen Klärung.

Ein Zirkel ist auch nicht die Summe seiner Mitglieder oder die Summe ihrer Meinungen. Er ist ein Forum, wo Diskussionen stattfinden können. Die Anzahl und Teilnehmer des Zirkels können fluktuieren. Während manche Teilnehmer jedesmal dabei sind, kommen andere nur unregelmässig. Einige kommen gar nicht mehr, während neue dazustossen.

Die Notwendigkeit solcher Orte politischer Diskussionen, wo suchende Proletarier "vor Ort" hingehen können, ist ein permanentes Bedürfnis der Arbeiterklasse, das in der Geschichte verschiedene Formen angenommen hat. Am Anfang der Arbeiterbewegung bildeten oft Clubs oder Arbeitervereine, ja sogar Cafés und Kneipen in Arbeiterbezirken solche Orte. Später, im Westeuropa der Jahrzehnte vor 1914, waren zumeist die lokalen Sektionen der sozialistischen Massenparteien bzw. teilweise die Gewerkschaften solche Anlaufpunkte. In Rußland entstanden am Ende des vorigen Jahrhunderts, als es noch keine Arbeiterpartei und kaum Gewerkschaften gab, überall Arbeiterzirkel. Sie gingen später (nicht ohne Kampf!: siehe Lenins "Ein Schritt Vorwärts, Zwei Zurück") in den Arbeiterparteien auf.

In der Niedergangsphase des Kapitalismus, seit dem 1.Weltkrieg, nachdem die Gewerkschaften zu Organen des bürgerlichen Staates geworden sind und auch Massenparteien der Arbeiterklasse nicht mehr möglich sind, können solche Strukturen natürlich auch kein Ort der Diskussion für die Arbeiterklasse sein.

Aber das Bedürfnis nach solchen Orten besteht weiter. Vor allem in der Zeit nach 1968, als die Konterrevolution zu Ende ging und das Proletariat kämpferisch und entschlossen die Bühne geschichtlicher Handlungen erneut betrat, sind weltweit Diskussionszirkel in der heutigen Form entstanden. Diese Diskussions- orte müssen unabhängig von der Kontrolle des Staates und seiner linkskapitalistischen Fangarme geschaffen, erkämpft und verteidigt werden. Ein schwieriges Unterfangen, das ohne Klarheit über die eigene Funktion und selten ohne die Unterstützung revolutionärer Organisationen gelingen kann.

Um Orte der Klärung zu sein, und um das Leben des Proletariats ausdrücken zu können, müssen diese Zirkel also für jeden nach Klarheit Suchenden, aber auch für die Intervention aller revolutionären Gruppen offenstehen. Andererseits müssen diese Zirkel Konfusionen über die eigene Rolle bzw. Fallen der herrschende Ideologie umschiffen können, um ihrer Aufgabe treu zu bleiben.

Das Ziel eines Diskussionszirkels ist die politische Klärung der Einzelnen, die daran teilnehmen. Der Diskussionsrahmen ist ein gemeinsamer, was dem kollektiven Wesen der Arbeiterklasse entspricht. Der Weg und die Geschwindigkeit der politischen Klärung sind aber grundsätzlich für jede Person verschieden. Ein Zirkel ist also nicht ein organisatorischer Zusammenschluss, bei dem schon eine bestimmte politische Plattform massgebend wäre. Ein Zirkel ist deshalb nicht stabil oder permanent, sondern ein Moment der politischen Klärung, welcher es den Militanten erlaubt, in einem kollektiven Diskussionsprozess herauszufinden, wo sie politisch stehen gegenüber den großen Fragen proletarischer Politik von heute, sowie gegenüber den bereits existierenden historischen und internationalen Strömungen des marxistischen proletarischen Milieus. So hat unsere Organisation beispielsweise in Mexiko oder eben in der Schweiz durch diese polarisierende politische Arbeit neue Sektionen geschaffen.

Eine programmatische Homogenität kann in einem Zirkel nicht vorausgesetzt werden. Im Gegensatz dazu ist eine politische Organisation auf ein einheitliches Programm angewiesen. Wenn man also Zirkel mit Organisation verwechselt und für einen Zirkel eine politische Plattform fordert, gründet man mit jeder Zirkeldiskussion neue Organisationen.

Nicht die Gründung vieler kleiner, zerstückelter Organisationen ist das Ziel der Arbeiterklasse. Ganz im Gegenteil widerspricht dies dem einheitlichen Charakter des Proletariates, dessen besondere Interessen letztlich identisch mit den allgemeinen Interessen der Menschheit sind. Betrachten wir die politischen Organisationen, welche das Proletariat in seiner Geschichte hervorgebracht hat, so war das Ziel immer eine programmatische und organisatorische Einheit. Die Erste, die Zweite und die Dritte Internationale waren vor ihrem jeweiligen Zusammenbruch oder ihrer Degenerierung nur der reifste und klarste Ausdruck dieses einheitlichen Charakters der Arbeiterklasse und dafür, wie er sich auf organisatorischer Ebene manifestierte. Sie zeigen aber gerade auch für die Frage nach der Perspektive eines Zirkels am deutlichsten auf, dass die Gründung einer eigenen Kapelle dem Wesen des Proletariates entgegensteht.

Politische Intervention als Zirkel?

Mehrfach entstand auch aus dem Zirkel in Zürich die Initiative für eine politische Intervention mittels Flugblättern, so zum Beispiel zur Zeit des Golfkrieges. Auch eine öffentliche Veranstaltung über die Deutsche Revolution, zu der offen mobilisiert wurde, fand statt. Diese Initiative drückte im Kern eine richtige Sorge aus: Die Einsicht, dass es falsch ist, sich als politisierter Arbeiter in eine abgeschottete Diskussion zurückzuziehen und keine Verantwortung gegenüber der Arbeiterklasse als ganzes wahrzunehmen. Jedoch kann der Zirkel nicht als solcher und in seinem eigenen Namen intervenieren, weil er kein geschlossenes und homogenes Gebilde darstellt. Wohl können einzelne Mitglieder eines Zirkels in ihrem eigenen Namen intervenieren, vor allem aber können sie auch aktiv werden, um die Intervention einer revolutionären Organisation zu unterstützen, die allein über die notwendige Klarheit und die nötigen Mittel verfügt, diese Intervention durchzuführen.

Lesekreis oder Mittel zur Entwicklung des Klassenbewusstseins?

Es ist auch absolut falsch, aus einem Zirkel einen abgeschotteten Lesekreis zu bilden, der sich zurückzieht, um Bücher zu studieren. Dies, weil es nicht die Aufgabe von Arbeitern ist, sich wie an Universitäten auf das akademische Studium der Geschichte oder Ökonomie des Kapitalismus zu beschränken oder aus den Erfahrungen der Klassenkämpfe des Proletariates eine sterile, höchstens für die Bourgeoisie nützliche Wissenschaft zu machen, sondern sich auch mit der gegenwärtigen Situation, mit den Angriffen gegen das Proletariat auseinanderzusetzen, um darauf eine Antwort zu finden. Wie schon Marx richtig sagte:Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern" (11. These über Feuerbach). Jeder sich politisierende Arbeiter hat auch mit die Aufgabe, seinen Klassengenossen gegenüber aktiv seine politischen Positionen zu verteidigen, um so einen Beitrag zur Entwicklung des Bewusstseins im Proletariat zu leisten.

Selbstverständlich ist es in einem Zirkel absolut notwendig, ökonomische Fragen genau zu klären oder einzelne Zeitabschnitte wie beispielsweise die weltrevolutionäre Welle von 1917-1923 vertieft zu diskutieren. Aus diesem Bedürfnis zur Vertiefung entstand jedoch in Zürich der falsche Vorschlag, die Diskussionen zu trennen, sozusagen parallel einen ‘Ökonomie-Zirkel’ zu eröffnen. Wir verwerfen eine solche Trennung der Diskussionen. Einerseits aus den oben angeführten Gründen des einheitlichen Charakters der Arbeiterklasse und der sich daraus ergebenden Schlussfolgerung, auch möglichst einheitliche Klärungsprozesse zu führen. Ein anderer Grund ist aber auch die Methode, wie politische Fragen im Proletariat geklärt werden. Die Arbeiterklasse kennt keine idealistischen Motive, um den Kapitalismus in Frage zu stellen. Auch hier bringt es der Ausdruck von Marx, „die Krise ist der beste Verbündete der Arbeiterklasse", auf den Punkt: Es sind die tagtäglichen Konfrontationen mit der Realität im Kapitalismus, die täglichen Angriffe auf das Proletariat, welche es dazu treiben, sein Bewusstsein zu entwickeln und so eine revolutionäre Perspektive zu suchen. So ist es auch richtig, immer wieder ausgehend von konkreten Ereignissen, mit denen das Proletariat konfrontiert ist, in die Tiefe zu gehen, seien es nun ökonomische Fragen oder bestimmte historische Abschnitte, um daraus eine Antwort auf die Aktualität zu finden. Verschiedene Diskussionen in einem Zirkel getrennt voneinander zu führen, in dem Glauben, das erlaube eine genauere Klärung, ist nicht nur eine Illusion, sondern bewirkt genau das Gegenteil. Die dialektische Methode besteht darin, die Aktualität und die Vertiefung als eine Einheit wahrzunehmen, die Verbindung zwischen den beiden Seiten herzustellen. Diese Einheit aufzulösen führt zu Konfusionen und raubt den Arbeitern das Instrument, in der heutigen Situation eine Antwort zu finden.

Offenheit gegenüber neuen Teilnehmern

Ein anderer wichtiger Punkt ist die Offenheit eines Zirkels. Orte, an denen Arbeiter ihre politischen Fragen diskutieren, müssen jedem offen stehen, es sei denn, er sei ein direkter Vertreter der herrschenden Klasse oder mit der Absicht gekommen, diesen Klärungsprozess bewusst zu sabotieren, beispielsweise im Auftrag des bürgerlichen Staatsapparates. Im Gegenteil sind neu hinzukommende Elemente immer eine Bereicherung. In diesem Rahmen stellte sich gerade in Zürich auch immer wieder die Frage, ob es gewisse Kriterien gebe, um an diesen Diskussionen teilzunehmen. Ob ein gewisses Mass an ‘marxistischer Schulung’ nötig sei, ob man an jeder Diskussion teilnehmen müsse oder ob die Beteiligung an politischen Aktivitäten, welche von den proletarischen Positionen, an denen sich der Diskussionszirkel orientiert, abweichen, absolut unvereinbar sei für die Teilnahme eines Individuums am Zirkel. Wir als IKS sagen auch hier klar nein, da solche Auffassungen nur eine Variante des schon von Lenin scharf verworfenen Zirkelgeistes sind.

Mit bürgerlichen Auffassungen zu brechen ist oft ein langer Weg, ein Prozess, der Zeit braucht, Schwankungen beinhaltet oder Rückschritte aufweist. Meist geschieht dies bei den einzelnen Teilnehmern eines Zirkels auch in einem unterschiedlichen Tempo oder es stehen für jeden unterschiedliche politische Fragen im Vordergrund. Kriterien wie die oben erwähnten für die Teilnahme an solchen Diskussionen zu fordern, würde sofort die Funktion eines Zirkels in Frage stellen. Es würde einem Teilnehmer, der beginnt, sich politische Fragen zu stellen, eines dieser Kriterien aber nicht erfüllt, sofort Hindernisse in den Weg legen und ihn von einer weiteren politischen Klärung ausschliessen.

Gleichzeitig ist es unfruchtbar und letztlich tödlich, wenn sich ein Zirkel gegenüber den Gruppen des revolutionären Milieus verschliesst. Die Intervention der IKS im Zürcher Zirkel hat in verschiedenster Hinsicht polarisierend und klärend gewirkt. Auch andere revolutionäre Organisationen sollen eingeladen werden. (Allerdings hat dieser Zirkel auch erfahren müssen, dass nicht alle Gruppen im Milieu zu Interventionen in einem Zirkel bereit sind.)

Genauso wie der kleinbürgerliche "Zirkelgeist" mit seinem informellen, verschwörerischen und sektenhaften Charakter innerhalb einer proletarischen Organisation absolut schädlich ist, widerspricht er auch einem Diskussionszirkel der Arbeiterklasse.

Konkret sollen daher Teilnahme und Thema offen sein, ein Zirkel nicht die Form eines geschlossenen Studierclubs annehmen. So ist es auch falsch, sich in einem privaten Rahmen, bei einzelnen Teilnehmern Zuhause zu treffen, sondern ein Zirkel soll einen öffentlichen Tagungsort haben.

In einem weiteren Artikel werden wir auf die Sabotage der Zirkelarbeit durch das parasitäre Milieu eingehen. 14.7.96 V

 

 

 

 

Ein Weg ist derjenige, den in Zürich nun über Jahre hinweg verschiedene Arbeiter und andere nach Klärung strebende Elemente in wechselnder Zusammensetzung beschritten haben: die Teilnahme an einem Diskussionszirkel. Wir berichten in diesem Artikel über die bisherigen Erfahrungen dieses Zirkels, die ermutigend sind. Gleichzeitig erlaubt eine solche Zwischenbilanz, auf Gefahren hinzuweisen, die einem Zirkel drohen. Wir weisen vor allem deshalb auf dieses Beispiel hin, weil wir wissen, dass es an anderen Orten auf der Welt ebenfalls solche Diskussionszirkel gibt, die vor ähnlichen Aufgaben und Problemen stehen.

Ein Zirkel ist ein offenes, nicht permanent bestehendes Zusammenkommen von Arbeitern, welche ihre politischen Fragen diskutieren und klären wollen. Orte, welche sich das Proletariat vor allem in Zeiten, in denen keine Partei oder Arbeiterräte bestehen, selbst schafft, um sein Bewusstsein voranzutreiben. Als revolutionäre Organisation begrüssen wir das Entstehen solcher Zirkel, wir betrachten sie als konkreten Ausdruck eines Reifeprozesses innerhalb der Arbeiterklasse. Sie drücken das Bewusstsein des Proletariates aus, die heutige Krise, den Bankrott des Kapitalismus nicht einfach so hinzunehmen, den Angriffen des Kapitals nicht wehrlos gegenüberzustehen, sondern nach Wegen zu suchen, wie sich die Arbeiter dagegen wehren und eine revolutionäre Perspektive entwickeln können.

Ein weltweites Phänomen: Diskussionszirkel in der Arbeiterklasse