Wiedererwecken des Mythos "Che" Guevara: Ein neuer ideologischer Kreuzzug

"Von den Armen der ganzen Welt in ein  Symbol verwandelt, führt und gewinnt Che heute Schlachten wie nie zuvor." Diese Worte von Castro aus seiner Grabrede für den alten Kameraden fassen gut zusammen, wie die Medien in zahlreichen Ländern durch eine Riesenkampagne den verstorbenen Guerillero benützen und ihn als Symbol des Revolutionärs schlechthin darstellen. Was soll diese Flut von Filmen zu seinem Gedenken, von Reportagen, Büchern, Spezialmagazinen, "Guevara-Abenden", organisierten Pilgerfahrten zu seinem Geburtsort oder zum Ort seines Märtyrertums? Wie schon bei den Kampagnen über den Tod des Kommunismus, die nach dem Zusammenbruch des Ostblocks geführt wurden, geht es der herrschenden Klasse auch jetzt wieder darum, die Bedeutung des Kommunismus und der Revolution zu entstellen; der "Guevarismus" hat weder mit dieser noch mit jenem auch nur das geringste zu tun.

 

Che Guevara ist vor allem bekannt als Guerillaführer in den sogenannten "nationalen Befreiungskriegen" in Kuba, in Afrika, in Südamerika. Wie es die Erfahrung seit Anfang dieses Jahrhunderts zeigt, sind diese "Befreiungskriege" aber nichts anderes als ein notwendiger Bestandteil des Kampfes auf Leben und Tod, den sich die verschiedenen imperialistischen Mächte zur Neuaufteilung der Welt liefern. Auch wenn diese "Befreiungskriege" weniger zerstörerisch sind als der 2. Weltkrieg, so haben sie doch den gleichen Charakter wie dieser mit  Millionen von massakrierten Menschen. Die jeweiligen Generalstäbe arbeiten immer im Dienst der einen oder der anderen Fraktion der Bourgeoisie. In diesem Sinne war der bärtige Guerillero nichts als ein tapferer Leutnant des Kapitalismus.

 

Der viel gefeierte Sieg von Castros Guerilla über den Diktator Battista im Jahre 1958, wo Che mit seiner energischen Kriegführung eine entscheidende Rolle spielte, ist keinesfalls eine Ausnahme, sondern eine glänzende Veranschaulichung dieser grausamen Wirklichkeit. Dieser Erfolg Castros war eigentlich schon sein zweiter Versuch, Battista zu stürzen. Den ersten führte er unter der Fahne des Rechtsextremismus und erlitt dabei eine Niederlage, was ihn ins Exil nach Mexiko zwang. Hier scharte er eine neue Gruppe von Guerilleros um sich, in der sich auch Guevara befand. Diese Schar, die darauhin wieder in Kuba strandete, vereinte die verschiedensten politischen Positionen.

 

Das Unterfangen, das sich auf die Kleinbauern stützte, konnte auch auf die Unterstützung der US-Regierung und das Wohlwollen der rechten Parteien zählen, die die Korruption von Battista anprangerten. Das Waffenembargo der USA verhinderte, sich Battista die notwendigen Mittel beschaffen konnte, um gegen die Guerilla zu kämpfen. Erst einige Monate nach Castros Machtergreifung  verschlechterten sich die Beziehungen zu den USA. Als diese mit einer Intervention drohten, wandte sich Castro dem russischen Imperialismus zu. Er erklärte sich zum "Marxisten-Leninisten" und rief die “Völker Lateinamerikas und der sozialistischen Länder“ zur Unterstützung für seine Regierung auf.

 

Aber das mythische Bild des Che ist nicht allein auf seinen Kämpferqualitäten aufgebaut. Seine "antibürokratischen" Stellungnahmen sind von den Trotzkisten und Maoisten aufgenommen worden, und waren ein Modell für die ganze Jugend, die sich gegen die bestehende Ordnung, auch gegen deren stalinistische Version in den Ostblockländern, stellte. Die damalige trotzkistische Buchhandlung François Maspero in Frankreich charakterisierte Ches politische Vision mit folgenden Worten: „Eine neue Haltung gegenüber der Arbeit, Beseitigung der Warenverhältnisse, Unterdrückung des Wertgesetzes, Ersetzung der materiellen Anreize durch moralische." (Le Monde vom 9. Oktober 1997) Was Che real umsetzte (die Agrarreform) oder was er umzusetzen versuchte, als er an der Spitze der zentralen Industrie- und Wirschaftsministerien der neuen kubanischen Macht stand, waren nichts anderes als Maßnahmen der Verwaltung und Führung einer nationalen Wirtschaft, die voll und ganz kapitalistisch war ebenso wie diejenige in China oder Rußland, einer Wirtschaft, die nichts zu tun hatte mit einem Übergang zum Kommunismus. Die Idee der Abschaffung der Warenverhältnisse unter kapitalistischer Herrschaft ist eine reaktionäre Utopie. Die verschiedenen Arten von Trotzkisten und Stalinisten haben diese Idee immer wieder zur Verschleierung der wahren Natur der stalinistischen Regime benützt.

 

Die Wirtschaftspolitik Che Guevaras änderte die kapitalistische Ausbeutung also nicht im geringsten. Die Einführung der freiwilligen und lohnlosen ”sozialistischen” Sonntage bedeutete vielmehr noch eine Verstärkung derselben. Es war ein Versuch, die Arbeiter an ihrem wöchentlichen Ruhetag zu Gratisarbeit für die ”Errichtung der neuen Gesellschaft” zu bewegen. Obwohl ihn 1964 eine Bürokratie, die er kritisiert hatte, verdrängte, wurde der Charakter seines Wirkens im Dienste des nationalen Kapitals keineswegs in Frage gestellt.

 

In der Folge verstärkte Che seine Kritik an der Bürokratie und richtete sich auch gegen Moskau. So äußerte er sich 1965 in Algier mit folgenden Worten: ”Die sozialistischen Länder sind in einem gewissen Grade die Komplizen der kapitalistischen Ausbeutung.” Könnte man nun daraus schließen, daß beim „Bärtigen mit dem roten Stern” eine Entwicklung hin zu proletarischen Positionen stattgefunden hatte, für die alle Länder, auch die sogenannten sozialistischen, kapitalistisch sind? Keinesfalls, wie seine folgenden Worte beweisen: „Für die internationalen Beziehungen braucht es ein neues Konzept nach folgenden drei Prinzipien: Austausch des Wissens, Weitergabe des Fortschritts statt Lizenzgebühren; Respektierung der Kulturen [....] und schließlich unentgeltliche Waffen.” Seine Praxis zeigt deutlich, wie sich sein Kampf in die kapitalistische Logik einreihte. Er kehrte damals zurück zur Guerilla; in den Kongo und später nach Bolivien. Dies bald im Dienste Pekings, bald im Dienste Moskaus, doch in jedem Fall für eines der imperialistischen Lager.

 

Seine Ermordung durch die Truppen des bolivianischen Staates, die durch den CIA ausgebildet wurden, machte ihn zu einem Märtyrer und Helden des bewaffneten Kampfes. Seine Haltung gegen den amerikanischen, aber für den russischen oder chinesischen Imperialismus benutzten verschiedene Guerilla-Bewegungen zur Rekrutierung ihres Kanonenfutters, das sie für ihre Kriege im Dienste anderer großer oder kleiner Imperialisten brauchten. Auch die Linke schlachtete seinen Ruf zur Genüge in ihrer Propaganda aus, um das Bewußtsein der Arbeiterklasse in den großen Industriezentren zu schwächen. Die Arbeiterklasse dazu zu bringen, entweder für das eine oder andere imperialistische Lager Partei zu ergreifen, wie vor allem während des Vietnamkrieges, hat nur ein Ziel: sie von dem Terrain wegzubringen, auf dem sich der selbständige Kampf der Arbeiterklasse ausdrückt; dasjenige des proletarischen Internationalismus. Die aktuelle Kampagne hat aber auch noch eine andere Seite: Sie will dem Proletariat mit ihrer Propaganda solche Kampfformen wie den ”bewaffneten Guerillakampf” schmackhaft machen, welche in absolutem Widerspruch zu den Mitteln und Zielen seines historischen Kampfes stehen. Solche Kampfformen können, wenn sich das Proletariat dazu verleiten läßt, nur zu einem politischen Selbstmord führen. Für die Arbeiterklasse gibt es kein anderes Kampfmittel als den Kampf der Massen und die Vollversammlungen, in denen gemeinsam Ziele und Mittel der Bewegung entschieden werden. Im Gegensatz zu den Armeen und den Guerillas des Kapitals wird das Proletariat nicht durch einen Generalstab geführt, sondern es zentralisiert seine Bewegung mit gewählten und abwählbaren Delegierten und bringt eine politische Vorhut, die revolutionären Minderheiten, und schließlich, wenn die Zeit reif ist, seine Klassenpartei hervor. Dies geschieht kollektiv und bewußt und schließt alle Aspekte des Kampfes ein, auch die dazu notwendige Gewalt.

 

Daran ist nicht zu zweifeln: Es gibt nichts am Kampfe Che Guevaras, dieses Helden der Bourgeoisie, auf das sich die Arbeiterklasse berufen könnte.  BN (19.10.97)