Aufbrechen!‘ und die nationale Frage Rosa Luxemburg: Sprachrohr der marxistischen Linken

 Im Oktober 1999 ist die dritte Ausgabe von „Aufbrechen!“ erschienen (Aufbrechen Nr. 2). Wie wir bereits an anderer Stelle (1) dargestellt haben, wird diese Zeitschrift von drei unterschiedlichen Gruppen herausgegeben - dem „Proletarischen Komitee“, der „Roten Antifaschistischen Initiative“ und der „Roten November Jugend“ - welche der autonom-antifaschistischen Szene Berlins bzw. dem Maoismus entstammen. Dementsprechend brachte diese Zeitung von Anfang an sehr unterschiedliche, ja widersprüchliche politische Positionen und Herangehensweisen zum Ausdruck: Vom plattesten bürgerlichen Antifaschismus bis zu einem marxistisch argumentierten proletarisch-internationalistischen Standpunkt gegenüber dem Kosovokrieg; vom unkritischen Aktivismus des autonomen Ghettos bis hin zu einer ernsten Auseinandersetzung mit dem geschichtlichen Erbe der revolutionären Arbeiterbewegung und mit dem Arbeiterkampf von heute.

Obwohl „Aufbrechen!“ sich weiterhin eine „Zeitung für den revolutionären Aufbau“ nennt, und damit eher in alten K-Gruppenmanier den Anspruch erhebt, die sehr unterschiedlichen Bestandteile dieses Projekts zu einem „Bündnis“ zu sammeln, entspricht der zweite Beiname „zweimonatliche Zeitung aus Berlin für kommunistische Debatte und revolutionäre Praxis“ mittlerweile eher dem Charakter dieser Zeitung. Denn wie „Aufbrechen!“ Nr. 2 zeigt, wird diese Publikation zunehmend zu einem Organ politischer Debatte. Man täuscht nicht irgendwelche nicht vorhandene politische Grundübereinstimmung der verschiedenen Teilnehmer vor, sondern es gibt lebendige Stellungnahmen gegenüber der Weltlage und der Frage der Intervention, sowie unterschiedliche, oft individuelle Diskussionsbeiträge zu Fragen der marxistischen Theorie und der Geschichte unserer Klasse. Und tatsächlich: Um die politische Debatte voranzutreiben, um einen Bruch mit der autonomen bzw. linkskapitalistischen Vergangenheit der meisten Teilnehmer zu ermöglichen, ist die breiteste öffentliche Diskussion, die ernsthafteste Auseinandersetzung mit der marxistischen, antistalinistischen Tradition vornehmlich des Linkskommunismus erforderlich.

Somit wollen wir die Aufmerksamkeit unserer Leser vor allem auf die Artikelreihe zur geschichtlichen Auseinandersetzung der Arbeiterbewegung mit der nationalen Frage lenken, welche in „Aufbrechen!“ Nr. 1 und 2 erschienen ist (Teil 1: „Zur Haltung von Marx und Engels bezüglich der nationalen Frage“; Teil 2: „Das Historische in uns. Wie die II. und die III. Internationale dem Marxismus den antinationalen Geist ausgetrieben haben“).

Der erste Artikel ist eine ausgezeichnete Verteidigung der internationalistischen Methode von Marx und Engels gegen die nationalistische Entstellung des Marxismus durch die kapitalistische Linke. Der zweite Artikel bestätigt die Unterstützung der ablehnenden Haltung Rosa Luxemburgs gegenüber den sogenannten nationalen Befreiungsbewegungen seit dem 1. Weltkrieg, welche bereits der Leitartikel der Nullausgabe von „Aufbrechen!“ gegenüber dem Kosovokrieg verkündet hatte. Hier wird nicht nur eine internationalistische Grundhaltung sichtbar, sondern ebenfalls eine beginnende Aneignung des Marxismus als kritische, lebendige Methode und - damit verbunden - eine Infragestellung des rein bürgerlichen, polizeistaatlichen Dogmatismus des Stalinismus. Diese Herangehensweise erlaubt dem Verfasser, Rosa Luxemburg recht zu geben sowohl in der Frage des „Rechts auf nationale Selbstbestimmung“ gegenüber Lenin als auch in der polnischen Frage gegenüber Marx und Engels.

Als solche bedeutet diese Artikelreihe einen echten Fortschritt in der proletarisch-politischen Debatte in Deutschland, und zwar sowohl hinsichtlich der internationalistischen Schlussfolgerungen, die sie für heute zieht, als auch wegen der Ernsthaftigkeit, mit der hier an theoretische und historische Fragen herangegangen wird.


Die Schwierigkeit des historischen Zugangs

Wenn diese Reihe, vornehmlich der zweite Artikel, dennoch eine Schwäche aufweisen, dann liegt dies aus unserer Sicht in einer gewissen personenbezogenen Herangehensweise, die leicht die Tür öffnet zu einer akademischen Sicht im Stile der Gruppe ‚Bahamas‘. Dies zeigt sich z.B. darin, dass die verschiedenen Positionen in der Debatte über die nationale Frage als das Ergebnis des Nachdenkens einzelner Theoretiker dargestellt werden. „Die Entdeckung nationaler Befreiungsbewegungen als Partner durch Lenin und deren Ablehnung durch Rosa Luxemburg ist nur durch ihre unterschiedliche Imperialismusanalyse zu begründen,“ behauptet der zweite Artikel in „Aufbrechen!“ Nr. 2, und weist auf die „Akkumulation des Kapitals“ hin, welche Rosa Luxemburg am Vorabend des 1. Weltkriegs verfasste. Dass entspricht nicht den historischen Tatsachen. Weder ist die Ablehnung der nationalen Befreiungsbewegungen eine „Entdeckung“ Rosa Luxemburgs, noch ist sie notwendigerweise als das Ergebnis einer bestimmten Imperialismustheorie anzusehen. Luxemburg war lediglich das klarste Sprachrohr der marxistischen Position hierzu in einer Debatte, welche die gesamte internationale Arbeiterbewegung der damaligen Zeit erfasste. Weit entfernt, ihre besondere Entdeckung gewesen zu sein, war die Ablehnung beispielsweise der Forderung nach der Wiederherstellung eines polnischen Nationalstaates bereits die vorherrschende Position des linken Flügels der revolutionären Bewegung in Polen zu dem Zeitpunkt, als Rosa Luxemburg sich als junge Frau dieser Bewegung anschloss. Die Vorgeschichte der Debatte dazu in der polnischen Partei hat Luxemburg selbst niedergeschrieben in ihrer großartigen Artikelreihe „Dem Andenken des „Proletariat“ aus dem Jahre 1903 (2). Während des 1. Weltkriegs wiederum war die Ablehnung des nationalen Befreiungskampfes als notwendiger Bestandteil des Imperialismus nicht nur die Position von Luxemburg und ihrer „Anhänger“ in den deutschen und polnischen Bewegungen, sondern die Mehrheitsposition innerhalb der Bolschewistischen Partei. Sie wurde z.B. von Bucharin vertreten, einer der schärfsten Kritiker Rosa Luxemburgs „Akkumulation des Kapitals“. Und vor allem: nicht irgend eine Schrift Rosa Luxemburgs, sondern erst der Eintritt des Weltkapitalismus in seine Niedergangsphase mit dem 1.Weltkrieg machte eine endgültige Ablehnung aller nationaler Bewegungen möglich und notwendig. Davor hatte Luxemburg zwar eine fortschrittliche Nationalstaatenbildung für Polen und Mitteleuropa, nicht aber für Südosteuropa und andere Gebiete ausschließen wollen. Deshalb ist die Behauptung des Artikels falsch, demzufolge Luxemburg nationale Bewegungen sozusagen per se ablehnte, weil sie der Expansion des Kapitalismus und damit “der endgültigen Krise des Kapitalismus auf Weltebene“ „Steine in den Weg“ legen würden. Nein. Luxemburg hat stets die marxistische Auffassung geteilt, dass die Bildung von Nationalstaaten unter Umständen der Entwicklung des Kapitalismus förderlich sein könne, solange der Kapitalismus selbst ein fortschrittliches Gesellschaftssystem sei. Der Wendepunkt des 1. Weltkriegs und die Dekadenz des Kapitalismus, welche die Epoche der fortschrittlichen Nationalbewegungen endgültig beendete - wie Luxemburg in der Junius-Broschüre nachweist -, fehlt in dem „Aufbrechen!“ Artikel aber vollständig. Die Dekadenztheorie aber wurde zur eigentlichen theoretischen Grundlage der Ablehnung der nationalen Befreiungskämpfe sowohl durch die deutsch-holländischen als auch durch die italienischen Linkskommunisten (die Gruppe „Bilan“ der italienischen Auslandsfraktion).


Politische Klarheit heute setzt die kritische Wiederaneignung der Lehren der Vergangenheit voraus

Anstatt an die lebendige Tradition des Linkskommunismus anzuknüpfen, möchte der Artikel die Erklärung für das schwierige, nicht fehlerfreie, aber großartige Ringen der Arbeiterbewegung um Klarheit in der nationalen Frage als Ergebnis einer allgemeinen theoretischen Schwäche der damaligen Arbeiterbewegung ansehen: als Ausgeburten des „Geschichtsdeterminismus“ und der „Staatsfixierung“ der II. und III. Internationale. Auch Lenin und Rosa Luxemburg selbst wird - ohne Anführung von Beweisen - eine geschichtsdeterministische Herangehensweise in der nationalen Frage vorgeworfen. Wenn man aber die Geschichte von einem solch allzu hohen Podest aus betrachtet, verblassen die theoretischen Gegensätze, verschwindet der politische Kampf als Bestandteil des proletarischen Klassenkampfes. Was als Ergebnis dabei rauszukommen droht, ist die Erkenntnis, dass alle Positionen in der Debatte mehr oder weniger falsch oder unzureichend waren. So erfahren wir, dass am Ende der „Marxismus“ der II. Internationale sich auch in der III. Internationale durchsetzte. Ist das alles dasselbe?

Indem diese Debatte sehr abstrakt als rein theoretische ‚Schlacht der Ideen‘ – losgelöst von den konkreten historischen Gegebenheiten, insbesondere vom Anbruch der Dekadenz des Kapitalismus aufgefasst wird-, scheint die gleichwohl oft opportunistische Politik der Partei in der II. Internationale in der Nationalitätenpolitik als gleichwertig beurteilt zu werden wie die Nationalitätenpolitik Stalin-Russlands. Letztere aber war Wesensbestandteil der schlimmsten Konterrevolution der Weltgeschichte sowie eine ideologische Hauptwaffe des russischen Imperialismus. Damit läuft man Gefahr, zwei der herausragendsten Entwicklungen des 20. Jahrhunderts zu verkennen: den Eintritt des Kapitalismus in seine Niedergangsphase und das Wesen der stalinistischen Konterrevolution.

Ebenso erfahren wir, dass in der nationalen Frage Lenin wie Luxemburg “deterministische Reste“ hatten. „Tragisch ist, dass eine Symbiose beider scheinbar niemandem einfiel,“ heisst es, und weiter: „Beide deterministischen Reste, Lenins Phasenmodell und Luxemburgs Crash-Hoffnung, hätte man so erledigen können.“ Hatte Rosa Luxemburg also doch nicht recht gegen Lenin in der nationalen Frage?


Die Schwierigkeiten des Bruchs mit dem Stalinismus

Diese Schwierigkeit des „Aufbrechen!“-Artikels, die Debatten in der Geschichte der Arbeiterbewegung als lebendige, vielseitige, kollektive, theoretische und praktische Auseinandersetzungen von ganzen Arbeiterorganisationen, von Tausenden von Mitgliedern und Sympathisanten der Arbeiterparteien mit der sich ändernden Wirklichkeit des Kapitalismus, ist nicht die Schuld der Verfasser des Artikels. Es ist ein allgemeines Problem aller Genossen, welche, vom Stalinismus kommend, sich revolutionären Positionen annähern, die Praxis proletarischer Debatten nicht kennen - nicht kennen können. Sie bewegen sich zunächst notwendigerweise noch in den linkskapitalistischen Denkkategorien der theoretischen „Arbeiterführer“, welche die „richtige Linie“ festlegen, und deren theoretische Fehler folglich für die Irrwege, ja für das eventuelle Scheitern der Arbeiterorganisationen verantwortlich gemacht werden müssen. Dieses bürgerliche Zerrbild der Arbeiterbewegung, mit dem der Stalinismus selbst die geistige Atmosphäre jahrzehntelang verpestet hat, wird heute an prominenter Stelle beispielsweise durch die Gruppe „Bahamas“ vertreten, die wie andere Möchtegern „Erneuerer“ des Marxismus die Ursache des Scheiterns der II. und III. Internationale in den schlechten Philosophiekenntnissen ihrer theoretischen Führer, in ihrem deterministischen Weltbild erblicken. Da sie nicht mal ahnen, dass die weltgeschichtliche Schlacht der marxistischen Linken um den proletarischen Charakter der II. und III. Internationale ein Kampf auf Leben und Tod war und dass Abertausende der besten Kämpfer unserer Klasse in diesem Klassenkrieg gegen die Eroberung der Arbeiterorganisationen durch die Bourgeoisie ihr Leben ließen, können die „Bahamas“ dieser Welt nicht begreifen, dass damals der Geschichtsdeterminismus mehr Symptom als Ursache der Degeneration dieser Organisationen war. Sie begreifen auch nicht, dass gerade die marxistische Linke - auch Lenin und Luxemburg - als Bestandteil ihres sehr praktischen Kampfes dagegen diesen Determinismus nicht abstrakt-philosophisch, sondern gegenüber den Erfordernissen des Klassenkampfes bekämpft hat (3).

Für die marxologischen Geschichtsprofessoren von „Bahamas“ ist eine solche Geschichtsauffassung selbstverständlich: als Bestätigung ihrer eigenen Größe und Einmaligkeit, die keine geschichtlichen Lehren nötig hat. Gegenüber solchen Bestrebungen gilt das Wort des Dichters:

Ein Quadam sagt:„Ich bin von keiner Schule! Kein Meister lebt, mit dem ich buhle;

Auch bin ich weit davon entfernt,

Dass ich von Toten was gelernt.“

Das heißt, wenn ich ihn recht verstand:

Ich bin ein Narr auf eigne Hand.(4).

Für den „Aufbrechen!“ Artikel gilt dies keineswegs. Die Artikelreihe zur nationalen Frage ist eine ernsthafte und mutige Auseinandersetzung mit dem Ziel, sich die klarsten theoretischen Errungenschaften der Arbeiterbewegung kritisch anzueignen. Wir unterstützen dieses Bemühen ganz und gar wie auch sein Hauptergebnis: die Ablehnung jeglicher Formen des Nationalismus, auch und gerade in seiner linkskapitalistischen Form. Unsere Kritik soll dazu dienen, diese Aneignung der Lehren der Geschichte zu fördern, indem die Auswirkungen der stalinistischen Konterrevolution bloßgelegt werden, welche wie ein Alptraum auf dem Gehirn des Weltproletariats lasten und unsere Klasse von ihrer eigenen, lebendigen Geschichte abschneidet. L.


Adresse: Aufbrechen, c/o Lunte, Weisestr. 53, 12049 Berlin

  • (1) Weltrevolution 94: „Der Krieg: Das Ringen um eine proletarische Haltung“.
  • (2) Rosa Luxemburg Gesammelte Werke Band 1-2 S. 306-362.
  • (3) Die Zeitschrift „Bahamas“ greift gern Lenin und Luxemburg wegen ihres angeblichen Geschichtsdeterminismus an und bezieht sich dabei am liebsten auf Lukacs und Korsch. Wir erlauben uns anzumerken, dass sowohl Lukacs wie Korsch ihre bedeutenden Schriften über Fragen der marxistischen Methode gerade zu der Zeit geschrieben haben, als sie mit der sich formierenden Kommunistischen Linken sympathisierten, und dass Anfang der 20er Jahre beide in Lenin und Rosa Luxemburg wegweisende Vorkämpfer gegen den Geschichtsdeterminismus sahen. Siehe dazu Weltrevolution Nr. 86:„Hände weg von Rosa Luxemburg“
  • (4) Goethe: „Den Originalen“.