Brief der IKS an das IBRP

Wir veröffentlichen nachfolgend einen Brief der IKS zur Arbeit der bestehenden linkskommunistischen Gruppen gegenüber einem neuen Milieu von Sympathisanten des revolutionären Proletariats in Deutschland. Dieser Brief ist zuallererst an das Internationale Büro für die Revolutionäre Partei (IBRP) gerichtet, das neben unserer eigenen Organisation die wichtigste international bestehende Gruppe ist, die das Erbe der Kommunistischen Linken vertritt. Aber der Brief richtet sich ebenso an eine Reihe von Gruppen und Diskussionszirkel in Deutschland selbst sowie an die Überreste der GIK in Österreich, denen wir eine Kopie des Briefes geschickt haben. Neben und über die oben erwähnten Gruppen hinaus möchte dieser Brief all diejenigen im deutschsprachigen Raum erreichen, die sich die Aufgabe stellen, die programmatischen und organisatorischen Errungenschaften der internationalistischen marxistischen Arbeiterbewegung im 20. Jahrhundert anzueignen. Deshalb veröffentlichen wir diesen Brief in unserer Presse, um eine möglichst große Zahl von Genossen mit unserem Vorschlag zu erreichen.

Mit dem Brief wollen wir die Tatsache unterstreichen, dass die bestehenden linkskommunistischen Gruppen eine gemeinsame Verantwortung gegenüber einer neuen Generation von Revolutionären haben, die heute in Deutschland auftauchen. Diese Generation ist in erster Linie nicht das Ergebnis des Wirkens des linkskommunistischen Milieus, sondern sie ist der weitestgehende Ausdruck einer breiten unterirdischen Bewusstseinsreifung, die in der Arbeiterklasse insgesamt stattfindet. In den letzten Jahren hat sich im deutschsprachigen Raum dieses politische Nachdenken insbesondere durch die Bildung von politischen Gruppierungen und Diskussionszirkeln konkretisiert, die sich damit befassen, sowohl authentische proletarische Positionen (über die bürgerliche Linke hinaus und gegen diese) als auch eine Intervention gegenüber der Arbeiterklasse zu entwickeln. Nichtsdestotrotz ist das Entstehen, die Entwicklung und vor allem die Zukunft dieser politischen Erscheinungen aus unserer Sicht untrennbar verbunden mit dem Wirken der bestehenden Organisationen der kommunistischen Linken wie der IKS und dem IBRP.

Erstens weil all diese Zirkel, Interventionsinitiativen und Diskussionsgruppen sich zu irgendeinem Zeitpunkt bei ihrer Suche nach proletarischen Klassenpositionen sich der Tradition der kommunistischen Linken als der einzig historischen Strömung zugewandt haben, die Schlussfolgenderungn aus den Klassenkämpfen des letzten Jahrhunderts gezogen hat, die sowohl konsequent internationalistisch als auch theoretisch kohärent sind. Auch wenn letzten Endes nicht alle diese Genossen notwendigerweise die Positionen der kommunistischen Linken übernehmen, haben sie alle erkannt, dass bei der Suche nach einer autonomen Antwort der Klasse gegenüber der Krise des kapitalistischen Systems dieses politische Erbe nicht ignoriert werden kann. In Wirklichkeit nämlich konnten in vielen Fällen viele dieser Genossen erst unter dem Einfluss der linkskommunistischen Gruppen - zuallererst dem der IKS, die als einziger Repräsentanten dieser Tradition in Deutschland lange etabliert ist - sich internationalistischen Positionen annähern.

Zweitens obwohl diese verschiedenen Gruppierungen und Initiativen ein Ausdruck und notwendiges Moment in dem Bewusstwerdungsprozess einer neuen Generation von Revolutionären sind, haben viele dieser neuen Genossen selbst schon erkannt, dass neben Klarheit Einheit eine Vorbedingung für einen erfolgreichen proletarischen Klassenkampf ist. Das heißt, dass das langfristige Ziel nicht die Verewigung und Multiplikation kleiner Gruppen und Kreise sein kann, sondern die Umgruppierung kommunistischer Kräfte. Für diese Genossen ist die Orientierung hin zu einer militanten Aktivität untrennbar verbunden mit einem Prozess, wo sie herausfinden müssen, welche der schon bestehenden historischen Gruppen die klarste Abgrenzung von der bürgerlichen Ideologie darstellt.

Deshalb meinen wir, dass die schon bestehenden revolutionären Organisationen die Verantwortung haben, den neu entstehenden Ausdrücken der Klasse bei dieser Aufgabe zu helfen, die gegenwärtig bestehenden internationalistischen Gruppen kennenzulernen, um besser zu begreifen, was sie gemeinsam haben und was sie unterscheidet. Wie sind der Auffassung, dass öffentliche Debatten das beste Mittel sind, um es diesen Genossen zu ermöglichen, eigenständig einzuschätzen, welche der bestehenden historischen Strömungen auf programmatischer und organisatorischer Ebene und hinsichtlich der Auffassungen von der Intervention gegenüber der Arbeiterklasse den kohärentesten, konsequentesten und entschlossensten Pol darstellt. Wir meinen, dass diese Aufgabe öffentlicher Klärung die gemeinsame Verantwortung der bestehenden proletarischen Organisationen und der neu entstehenden Gruppen und Elemente ist.

Dies ist übrigens keine ‚Entdeckung' der IKS: Alle großen Revolutionäre der Geschichte (Marx, Rosa Luxemburg, Lenin usw.), alle am meisten fortgeschrittenen und radikalsten Strömungen der Arbeiterbewegung, haben auf der Wichtigkeit öffentlicher Debatte und der öffentlichen Auseinandersetzung der Positionen bestanden. Gegenüber diesen Revolutionären und Strömungen war die Tendenz zur Flucht vor der offenen Debatte, der Praxis der ‚Geheimdiplomatie' und der ‚Einigungen im kleinen Kreis' das Kennzeichen der Strömungen, die von der Kleinbourgeoisie oder der Bourgeoisie geprägt waren wie die Anarchisten der geheimen Allianz Bakunins oder der Opportunisten à la Kautsky.

In der Geschichte der Arbeiterbewegung war es immer der Opportunismus, der aufgrund der Tendenz, proletarische Positionen mit denen anderer Klasse zu versöhnen, vor der öffentlichen Debatte geflüchtet ist. Der wahre Marxismus wiederum zeichnete sich nicht nur durch seinen radikalen Bruch mit dem Klassenfeind aus, sondern auch durch die tief verwurzelte Kohärenz seiner Positionen und der Konsequenz seiner Methode. Deshalb hat er nie öffentliche Debatten gefürchtet. Im Gegenteil, als der klarste Ausdruck der Klasse, die die Zukunft der Menschheit verkörpert, ist die marxistische Linke in ihrem Element, wenn immer es um Debatten geht. Der politische Kampf ist der Wesenskern seiner Existenz. Einer der grundlegenden Aspekte beim Kampf zwischen der marxistischen revolutionären Bewegung und dem Opportunismus ist der Gegensatz zwischen einer festen und leidenschaftlichen Überzeugung und einer lauen oder gar nicht vorhandenen Überzeugung. Weil sie zutiefst von ihren Positionen überzeugt sind, fürchten die revolutionären Marxixten nicht die Auseinandersetzung mit den Positionen anderer. Sie sind überzeugt, dass ihre Argumente am stärksten, entscheidendsten und .... überzeugendsten sind. Gerade weil es den opportunistischen Strömungen an Überzeugung mangelt, da ihre Positionen sich nicht auf feste Prinzipien stützen sondern auf ‚Gelegenheiten', die ihnen die Lage bietet, fürchten sie, ihre Positionen der Kritik der anderen Strömungen auszusetzen, und ziehen Ausweichmanöver und die ‚Geheimdiplomatie' vor.

Bis dato hat die IKS noch nicht auf unseren Vorschlag geantwortet, aber wenn es so tief von der Richtigkeit seiner Herangehensweise und Positionen überzeugt ist wie wir es sind, wird es keine Angst haben, sich diesem Test zu stellen, den solch eine Debatte bedeutet, und es wird auf unseren Vorschlag positiv antworten. Solch eine positive Antwort würde der Sache des Proletariats in einem der entscheidendsten Länder jeder zukünftigen Weltrevolution einen großen Dienst erweisen. IKS 17.09.04

Brief der IKS

An das Internationale Büro für die revolutionäre Partei (IBRP)

Kopie an: - Freunde der Klassenlosen Gesellschaft , - GIS, - Unabhängige Rätekommunisten, - Zirkel Bielefeld

- Zirkel Frankfurt, - Diskussionszirkel Rheinland , - R/Österreich

Werte Genossen!

Neulich hat das IBRP mehrere öffentliche Diskussionsveranstaltungen in Berlin abgehalten. Wie wir schon in unserer Presse gesagt haben, begrüßt die IKS die Durchführung solcher öffentlicher Diskussionsveranstaltungen, da damit in der größten deutschen Stadt die Positionen anderer internationaler Organisationen der Kommunistischen Linken Gehör finden können.

Wie alle Teilnehmer bemerkt haben, waren diese Treffen geprägt gewesen von einer Auseinandersetzung der Teilnehmer mit euren Positionen und denen der IKS. Ob man solch einen Zustand bedauert oder nicht, wir finden dies völlig normal, da es sich bei unseren beiden Organisationen um die größten Organisationen der Kommunistischen Linken handelt, und da diejenigen, die nach kommunistischer Klarheit suchen, sich irgendwann notwendigerweise gegenüber unseren jeweiligen Positionen positionieren müssen. Was die IKS angeht, bedauern wir diesen Zustand nicht. Im Gegenteil. Nur durch solch eine Auseinandersetzung mit den jeweiligen Argumenten können die neuen, suchenden Leute sich eigenständig mit Klarheit und Überzeugung entscheiden.

Bislang waren diese Auseinandersetzungen über unsere jeweiligen Positionen darauf zurückzuführen, dass die IKS Delegationen zu euren öffentlichen Veranstaltungen geschickt hat. Das große Interesse und die lebendige Beteiligung aller anderen Teilnehmer an der Debatte zwischen unseren beiden Organisationen bestätigen die politische Notwendigkeit einer solchen Auseinandersetzung. Natürlich ermuntern wir euch so stark wie möglich, auch zu unseren öffentlichen Diskussionsveranstaltungen in Deutschland, insbesondere in Köln, zu kommen, um damit die Möglichkeit einer Auseinandersetzung zwischen unseren jeweiligen Positionen zu vergrößern. Falls ihr zu unseren Treffen nach Köln kommt, werden unsere Genossen vor Ort euch selbstverständlich mit großem Vergnügen bei sich unterbringen und euch unsere Gastfreundschaft erweisen (bitte sagt uns einfach ein paar Wochen vorher Bescheid).

Dennoch erscheint uns solch ein Vorschlag immer noch als etwas, was hinter den Erfordernissen zurückbleibt, die sich durch das Auftauchen einer neuen Generation von Leuten in solch einem wichtigen Land wie Deutschland ergeben, und die auf sich auf die Kommunistische Linke orientieren. Deshalb schlagen wir euch die Organisierung von öffentlichen Debatten in Berlin und Köln vor (und gegebenenfalls später in anderen deutschen Städten). Bei diesen Diskussionsveranstaltungen können unsere beiden Organisationen ihre jeweiligen Positionen bezüglich einer vorher gemeinsam festgelegten Frage oder Thema darstellen. Wir denken, dass solch ein Rahmen (der keinesfalls die Möglichkeit ausschließt, dass unsere Organisationen jeweils weiterhin ihre eigenen Diskussionsveranstaltungen abhalten) der notwendigen Auseinandersetzung mit unseren Positionen nicht nur eine organisierte Form geben würde. In Anbetracht der suchenden Leute in Deutschland würde dies auch einen größeren Interessentenkreis ansprechen als die einfache Summe der Teilnehmer, die jeweils zu euren und unseren öffentlichen Diskussionsveranstaltungen kommen.

Schließlich meinen wir, dass selbst wenn es zur Gründung einer Sektion des IBRP in Deutschland kommen sollte - die eurer Presse zufolge scheinbar wahrscheinlich ist -, würden solche öffentlichen Debatten weiterhin notwendig sein, da die Anwesenheit von Mitgliedern des IBRP in Deutschland (genauso wie die Anwesenheit von IKS-Mitgliedern während der letzten Jahrzehnte) nicht die Fragen aus der Welt schaffen wird, die von einer Reihe von Leuten gestellt werden, die sich in Deutschland auf eine kommunistische Perspektive zubewegen.

In Erwartung euer Antwort schicken wir euch brüderliche kommunistische Grüße Die IKS 20.08.04