HINTER DER WOHNUNGSMISERE: Die kapitalistische Krise

Ganz so, als ob sie sich um das Aufschwungsgeschrei des "neuen deutschen Wohlstand" (Kohl) gar nicht kümmere, spitzt sich die Wohnungsnot in den bundesdeutschen Großstädten gnadenlos zu.Es gibt über 1 Mio.Fälle von akuter Wohnungsnot in der Bundesrepublik. 700.000 müssen in zu kleinen, nicht menschenwürdigen Unterkünften ausharren. 200.000 werden in Notunterkünften beherbergt: Turnhallen, Blechcontainern, Baracken, Wohnwagen, sogar Schiffen. 100.000 haben überhaupt kein Dach überm Kopf.

In Köln fehlen nach Angaben des Wohnungsamtes 20.000 Wohnungen. In Frankfurt liegen 10.000 Dringlichkeitsfälle vor. In München, der deutschen Wohnungsnotmetropole Nr. 1, werden in Appartementhäusern wie 'Ancona' Familien auf 14 Quadratmeter eingepfercht, und sie müssen dafür 1100,- monatlich zahlen.

• 1987 brachte ein neues Rekordtief im Wohnungsbau (nur 217.000 Neubauten) seit dem Bestehen der Bundesrepublik (Statistisches Bundesamt).

Diese wachsende Misere ist Hinweis genug, daß viele Millionen Menschen - insbesonders die Arbeiter - an dem "neuen deutschen Wohlstand" gar nicht beteiligt sind.

DAS ELEND IST WELTWEIT

• geflügelte Wort von "drohenden Pariser Verhältnissen" (dort verdoppelten sich die Mieten innert 3 Jahren nach einer Lockerung der Preisbindung) sagt es schon: diese Entwicklung ist international. Auch im Ostblock (Paradebeispiel Budapest) wird der Wohnraum immer knapper und teurer.

In den USA z.B. (um nur das reichste Land der Welt anzuführen) leben 3 Mio. Obdachlose: doppelt so viel wie bei Reagans Amtsantritt vor 8 Jahren. Die Mietpreise kletterten in jenem Zeitraum um 43%. 1,3 Mio. billige Wohnungen verschwanden vom Markt. Allein in New York gibt es 50.000 Wohnhausruinen und 80.000 Männer, Frauen, Kinder ohne ein Dach über dem Kopf. Das Massachusetts Institute for Technology sagt gar 19 Mio. Obdachlose in den USA bis zum Jahr 2003 voraus (Deutsches Allgemeines Sontagsblatt 49, 4.12.88). Trotz Aufschwung und Perestroika kann der Kapitalismus im Osten wie in Westen seinen Lohnsklaven nicht mal Schutz vor Wind und Schnee geben.

DIE WOHNUNGSNOT: KEIN BETRIEBSUNFALL DER "WOHLSTANDSGESELLSCHAFT"

Für die Ideologen des Kapitals ist die Wohnungsnot eine Art Schluckauf eines sonst gesunden Wirtschaftskörpers.

"Größer könnten die Gegensätze kaum sein : nach sechs Wachstumsjahren rollen mehr PS-starke Autos über die Straßen denn je, Neckermänner und TUI-Touristen jetten

zuhauf in die Südsee und nach Bangkok, für Milliarden von Mark werden Kabel durchs Land gezogen, weil erst 25 TV-Programme das I,eben schön machen.... Und gleichzeitig können Hunderttausende keinen akzeptablen Wohnraum finden" (Der Spiegel 42, 12.12.88). 'Die unzulängliche Versorgung mit Wohnungen zu mäßigen Preisen - im Gegensatz etwa zur Versorgung mit Automobilen oder Kosmetika - darf als der größte Mangel des modernen Kapitalismus gelten." US-Ökonom J.K.Galbraith).

So ist es also! Da die Wohnmisere nicht mehr zu übersehen ist, wird sie jetzt ausgenutzt, um alle anderen Folgen der kapitalistischen Krise zu überspielen. Frei nach dem Motto: auch den Arbeitern geht es hierzulande gut. Nur mit dem Wohnraum hapert es... Stimmt es aber, daß es den unter der Wohnungsnot leidenden "unteren Einkommensgruppen" sonst gut geht? Und warum gibt es überhaupt eine Wohnungsnot, wenn die Wirtschaft -wie behauptet- blüht und uns allgemeinen Wohlstand beschert? Leiden alle Klassen der heutigen Gesellschaft gleichmäßig unter der Wohnungsnot?

Im Wirklichkeit ist die Wohnmisere keine Ausnahme, sondern eine der Auswirkungen der kapitalistischen Niedergangskrise heute.

Einerseits verursacht die 'Wohnkrise' nicht nur unerträgliches Wohnelend, sondern sie greift die allgemeinen Lebensbedingungen der Arbeiter insgesamt an. Wer, wie fast jeder dritte Münchner 'Kleinverdiener' (Haushaltseinkommen unter monatlich 1500,-) mehr als die Hälfte seines Nettoverdienstes für die Wohnung ausgeben muß, lebt bereits unter der Armutsgrenze und kann ganz bestimnt nicht mit nach Bangkok fliegen. Anderseits atpr verursacht der Wohnungsnotstand nicht nur Armut, sondern ist selbst wiederum das Ergebnis der Wirtschaftskrise und der damit verbundenen Verarmung der Arbeiter.

KRISE UND VERARMUNG DER ARBEITER

Eine der Hauptursachen des Rückgangs des Wohnungsbaus seit 1973 liegt in der Stagnation bzw. Abnahme der Reallöhne seit dieser Zeit. Das in den 70er Jahren entwickelte Modell der staatlichen Vermietungszuschüsse ging davon aus, daß die Kaufkraft der Arbeiter wie in den 60er Jahren kontinuierlich steigen würde. Gemäß dieser Erwartung sollten die anfangs hohen Zuschüsse Jahr für Jahr gestaffelt verringert werden. Der Arbeiter selbst würde ja jedes Jahr mehr bezahlen können.

Die Rechnung ging nicht auf, weil das Ende des Nachkriegswiederaufbaus Ende der 60er Jahre von einer jetzt 20 Jahre währenden wirtschaftlichen Stagnation abgelöst wurde, die auch nicht durch Schuldenberge und'Reaganomics' überwunden werden konnte. Das Ergebnis: der Markt für Billigwohnungen brach zusammen. Zwangsräumungen häuften sich. Die trostlosen Trabantensilos am Stadtrand standen oft halbleer, weil zu teuer... 250.000 leerstehende Wohnungen in den deutschen Großstädten zählte man 1981. Der DGB, der nach dem Krieg viel Geld durch den Bau von Billigwohnungen verdiente, konnte jetzt seine -'Neue Heimat' nicht schnell genug abstoßen. Viele Besitzer von Altbauwohnungen 'streikten'. Sie ließen ihre Häuser lieber leer stehen, da sie einerseits durch die Arbeitermieter nichts mehr verdienen konnten, anderseits aber durch die gängige Preisregulierung gehindert wurden, sich an dem blühenden Markt der obersten Einkommenskategorien zu orientieren.

Hinzu kam die Massenarbeitslosigkeit, die in den 80er Jahren z.B. in der Bundesrepublik 2 Mio. nicht mehr unterschritten hat. In dieser Zeitspanne kamen über 1 Mio. neue Sozialhilfeempfänger hinzu - insgesamt 4 Mio. Arme. Die Verbindung zwischen dieser Verarmung und der Wohnungsnot liegt hier auf der Hand - trotz "25 TV Programmen", die "das Leben erst schön machen".

Die Arbeiterwohmmg gehört zu den Reproduktionskosten der Ware Arbeitskraft. Der Kapitalist muß in Form des Lohnes dafür aufkommen, weil ohne ein Dach überm Kopf der Arbeiter nicht mehr lange profitträchtig ausgebeutet werden kann. Das Einkommen der Langzeitarbeitslosen, so wie wir sie heutzutage kennen, kann dagegen vom kapitalistischen Standpunkt aus ruhig unter das Fxistenzminimum herabsinken. Aus ihm ist sowieso kein Mehrwert herauszuschlagen. So geschieht es auch. Der Sozialhilfeempfänger etwa stellt keinen wirklichen, d.h zahlungsfähigen Nachfrager mehr dar. Nicht Wohlstand und Überfluß, sondern Reallohnrückgang und Arbeitslosigkeit sind der wirkliche Hintergrund der Wohnungsnot.

Trotz all dem Gerede vom Wohlstand beweist die bürgerliche Klasse, daß sie genau bescheid weiß über diesen Zusammenhang und zwar da, wo es ihr am unmittelbarsten darauf ankomnt: bei den Investitionen. Bei Investitionen, die schnelle Profite versprechen, ist man natürlich nicht abgeneigt, das Marktsegment des armen Mannes zu erschließen (Textilien, tragbare TVs usw.). Der Wohnungsbau dagegen rentiert sich erst nach 15 bis 20 Jahren. Wer glaubt heute noch, daß bis dahin große Teile der Arbeiterschaft eine zahlungsfähige Nachfrage darstellen werden? Offenbar keiner. Und das ist mit die Erklärung für die J.K. Galhraith so rätselhaft erscheinende Tatsache, daß der Kapitalismus dem Arbeiter lieber Kosmetika als Wohnungen anbietet.

SPEKULATION UND 'HAUSSMANN-GEIST'

Und überhaupt zweifeln die Bürgerlichen imner mehr an der Zukunft und schrecken vor langfristigen Investitionen zurück. So z.B. der Trend zu Eigentumswohnungen. In den ersten 9 Monaten des Jahres 1988 wurden 25.000 Neubauten von Eigentumswohnungen genehmigt im Vergleich zu nurr 44.000 Mietwohnungen. Bereits Friedrich Engels ('Die Wohnungsfrage') warnte vor den Versprechungen materieller Sicherheit, die mit Eigentumswohnungen verbunden werden. Im Wirklichkeit geht es den Anbietern darum, schnelles Geld zu machen und die Zukunftsrisiken auf den 'glücklichen Neubesitzer' abzuwälzen, der oft bald zur Stufe des Sklaven der Kreditinstitute herabsinkt.

Wie immer in Krisenzeiten sind die größten, schnellsten Profite gar nicht im Produktionsprozess, sondern durch Spekulationen jeglicher Art zu haben. Schon im letzten Jahrhundert gehörte die Bodenspekulation in den Großstädten dazu. Sie ist hauptsächlich mit verantwortlich für die verrückte Spirale der Mietpreise in Krisenzeiten. 'Viele Wohnblöcke sind innerhalb eines Jahrzehnts drei- oder viermal verkauft worden, jedesmal zu höheren Preisen, jedesmal mit Steuervorteil und meist mit nachfolgenden Mieterhöhunggen". (Der Spiegel 42, 12.12.88).

Von dem Börsenspekulationsfieber angeheizt wird z.B. in London, von der City ausgehend, ein Stadtteil der Riesenmetropole nach dem anderen von den Spekulationshaien aufgekauft. Die ursprünglichen Einwohner werden schlicht verjagt.

In der Krise werden nicht nur die Arbeiter ärmer, sondern ein Teil der besitzenden Klasse immer reicher. Das ist sicherlich der "neue deutsche Wohlstand", den Kohl meint. Hinzu kamt die Verschärfung der für den dekadenten Kapitalismus typischen Aufblähung der unproduktiven, parasitären Sektoren. Schmarotzer schießen wie Pilze aus dem Boden: Börsenspekulantenr, Hochstapler, die Yuppies. Für diese Neureichen werden die alten Arbeiterwohnungen in der Stadt als Luxusmaisonette-Wohnungen neu hergerichtet, in Eigentumswohnungen umgewandelt oder abgerissen, um Platz zu schaffen für teure Hotels, Boutique-Einkaufszentren und Versicherungsbüros. Dadurch verschwinden 130.000 Wohnungen pro Jahr (Deutsche Mieterbund). Das 'Gesetz zur Erhöhung des Angebots an Mietwohnungen', nach dem Amtsantritt von Kohl verabschiedet, hat diese Tendenz nicht ins Leben gerufen (wie die SPD behauptet), sondern lediglich juristisch anerkannt. Innenstädte wie z.B. in Köln (wo hinzugezogene Luxushotels sowie der Sender RTL Tausende von Wohnungen aufgekauft haben) werden in Hochburgen des Luxus verwandelt, die Arbeiter vertrieben. Weiß der Teufel wohin. Marx und Engels nannten es damals "HaussmannGeist (1).

Die Wohnungsnot ist also nur insofern ein Ausdruck des Wohlstands, als der wachsende Wohlstand der Reichen (die selber keine Wohnungsnot kennen, sondern im Gegenteil heute 'schicker' denn je wohnen können) die Wohnmisere der Armen mir vergrössert.

STAATSVERSCHULDUNG, MILITARISMUS UND WOHNELEND

Da wir nicht mehr wie Mitte des letzten Jahrhunderts unter dem Regime der freien Konkurrenz leben, sondern im Staatskapitalismus, ist der Staat mit der Wohnmisere heute unzertrennlich verbunden. Obwohl die Gesamtwirtschaft, und damit der Staat, eigentlich daran interessiert sein muß, zumindest für den regelmäßig beschäftigten Teil der Arbeiterklasse halbwegs bewohnbare und bezahlbare Quartiere anzubieten, steigt der überaus verschuldete 'Vater Staat' stattdessen zusehends aus dem Wohnungsbau aus.

Seit 1986 ist die Förderung des sozialen Mietwohnungsbaus durch den Staat restlos gestrichen worden. Durch die Steuerreform fällt jetzt auch die 'Gemeinnützigkeit für Wohnungsbaugesellschaften' weg. Damit werden allein in München 80.000 Wohnungen teurer. Auch in den USA wurden die Mittel für Sozialwohnungen um 77% gekürzt. Die so eingesparten Milliarden können dann verwendet werden, um die Zinsen der Verschuldung des Staatshaushalts bzw. Um Militärausgaben wie Jäger 90 (bundesdeutscher Anteil 120 Mia. DM) zu decken. Somit entpuppt sich der Wohnungsnotstand nicht als Ergebnis einer 'falschen Politik' oder als paradoxaler Auswuchs der "Wohlstandsgesellschaft", sondern als Widerspiegelung des gesellschaftlichen Bankrotts des Kapitalismus, der immer mehr von der Arbeiterklasse geschaffene Reichtümer für Instrumente des Todes und für die Abzahlung von Schulden vergeudet. Zehntausende amerikanische Arbeiter haben in den letzten 10 Jahre ihre Autos verkaufen müssen, um sich ihre Wohnung noch leisten zu können. Ebenso viele haben ihre Wohnungen verkauft, um ihre Autos behalten zu können. Denn ohne Auto kann man keinen neuen Job finden, bzw. ihn behalten, weil die öffentlichen Verkehrsmittel in den amerikanischen Städten erbärmlich sind. Somit hat der anfangs zitierte Galbraith zutiefst unrecht: der Kapitalismus kann den Arbeitern heutzutage weder Wohnung noch Auto sichern. Und was die Kosmetika betrifft, werden sie vor allem eingesetzt, um das wirkliche Ausmaß der kapitalistischen Verarmung der Arbeiter zu verdecken.

Auf viele Aspekte dieser komplexen Frage sind wir hier nicht eingegangen. Z.B. auf den Zerfall der bürgerlichen Familie, der die Anzahl der Einpersonenhaushalte steigen läßt und den Wohnungsmangel verschärft. (2) Es ging uns aber vor allem darum aufzuzeigen, daß die Wohnungsmisere, keine Ausnahme ist in der "Wohlstandsgesellschaft", sondern im Gegenteil eine getreue Widerspiegelung der kapitalistischen Krise mit ihrer Verarmung der Arbeiterklasse und anderer Bevölkerungsschichten darstellt.

'Andrerseits weiß jeder, daß die Teuerkeit der Wohnungen im taogekehrten Verhältnis zu ihrer Güte steht daß die Minen des Elends von Häuserspekulanten mehr Profit und weniger Kasten ausgebeutet werden als jemals die Minen von Potcsi. Der antagonistische Charakter der kapitalistischen Akkumulation wird hier so handgreifbar, daß selbst die offiziellen englischen Berichte über diesen Gegenstand wimmeln von heterodoxen Ausfällen auf das 'Eigentum und seine Rechte" (Marx, Kapital 1, S.687, MEW 23).

(Aus Weltrevolution, Nr. 35, 1989)

  • In der nächste Ausgabe behandeln wir:
  • - weshalb die Kapitalistenklasse lieber von "Wohnuc krise" spricht als von der kapitalistischen Krise - die Wohnungsfrage und ihre Lösung; die Position Marx und Engels,
  • - Wohnungsnot in der Jugendzeit des Kapitalismus heute.
  • (1) Haussmann, Stadtplaner und Architekt, ließ nach der Niederlage der Pariser Komme die Arbeiterbezirke von Paris niederreißen und durch Luxusboulevards ersetzen. Dadurch sollten auch breite, gerade Einfallstraßen geschaffen werden für das heranrückende Militär bei Arbeiteraufständen. (2) München hatte 1960 1,1 Mio Einwohner u. 166 Wohnungen. 1988 dagegen 1,28 Mio auf 620.000 Vohnu verteilt. Aber mittlerweile 50% aller Münchner Haushalte bestehen aus einer, ein Viertel aus zwei Personen (Bild am Sonntag 2.10.88). Ein Spiegelbild Vereinsamung innerhalb einer verfaulenden kapitalistischen Gesellschaft