Militarismus und Zerfall (Mai 2022)

Printer-friendly version

Die IKS verabschiedete im Mai 1990 die Thesen „Der Zerfall: die letzte Phase der Dekadenz des Kapitalismus“ (Internationale Revue Nr. 13) wenige Monate nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, der dem Zusammenbruch der Sowjetunion vorausging. Die Falle, die die USA Saddam Hussein stellten und die dazu führte, dass dieser Anfang August 1990 in Kuwait einmarschierte, und die anschließende Zusammenballung der US-Streitkräfte in Saudi-Arabien waren eine erste Folge des Verschwindens des Ostblocks und der Versuch der US-Macht, die Reihen der Atlantischen Allianz zu schließen, die durch das Verschwinden ihres östlichen Gegners vom Zerfall bedroht war. Aufgrund dieser Ereignisse, die die militärische Offensive der wichtigsten westlichen Länder unter Führung der USA gegen den Irak vorbereiteten, diskutierte und verabschiedete die IKS im Oktober 1990 einen "Orientierungstext: Militarismus und Zerfall“ (Internationale Revue Nr. 13), der eine Ergänzung zu den „Thesen über den Zerfall“ darstellte.

Auf dem 22. Internationalen Kongress 2017 verabschiedete die IKS eine Aktualisierung der „Thesen zum Zerfall“ ("Bericht über den Zerfall heute", Internationale Revue Nr. 56, 2020), die im Wesentlichen den 27 Jahre zuvor verabschiedeten Text bestätigten. Heute veranlasst uns der Krieg in der Ukraine dazu, ein ergänzendes Dokument zur Frage des Militarismus zu erstellen, das dem Dokument vom Oktober 1990 ähnlich ist und eine Aktualisierung darstellt. Ein solches Vorgehen ist umso notwendiger, als der Fehler, den wir begingen, als wir den Ausbruch dieses Krieges nicht vorhersahen, darauf zurückzuführen war, dass wir den analytischen Rahmen vergessen hatten, den sich die IKS seit mehreren Jahrzehnten zur Frage des Krieges in der Periode des kapitalistischen Niedergangs gegeben hatte.

1) Der Text "Militarismus und Zerfall" von 1990 erinnert in Punkt 1 an den lebendigen Charakter der marxistischen Methode und die Notwendigkeit, die Analysen, die wir in der Vergangenheit gemacht haben, ständig mit den neuen Realitäten zu konfrontieren, die uns begegnen, sei es, um jene zu kritisieren, zu bestätigen oder anzupassen und zu präzisieren. Es ist nicht notwendig, in diesem Text weiter darauf einzugehen. Angesichts der Fehlinterpretationen des aktuellen Krieges in der Ukraine, die uns von einigen bürgerlichen "Experten", aber auch von der Mehrheit der Gruppen des Proletarischen Politischen Milieus (PPM) geliefert werden, ist es jedoch sinnvoll, auf die Grundlagen der marxistischen Methode in Bezug auf die Frage des Krieges und allgemeiner auf den historischen Materialismus zurückzukommen.

Diesem liegt die Idee zugrunde: „In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen“ (Marx, "Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie"). Diese Vorrangstellung der materiellen wirtschaftlichen Basis gegenüber anderen Aspekten des gesellschaftlichen Lebens ist oft Gegenstand einer mechanischen und reduktionistischen Interpretation gewesen. Dies ist eine Tatsache, die Engels in einem Brief an Joseph Bloch vom 21. September 1890 (und in vielen anderen Texten) feststellt und kritisiert: "Nach materialistischer Geschichtsauffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte die Produktion und Reproduktion des wirklichen Lebens. Mehr hat weder Marx noch ich je behauptet. Wenn nun jemand das dahin verdreht, das ökonomische Moment sei das einzig bestimmende, so verwandelt er jenen Satz in eine nichtssagende, abstrakte, absurde Phrase. Die ökonomische Lage ist die Basis, aber die verschiedenen Momente des Überbaus - politische Formen des Klassenkampfs und seine Resultate – Verfassungen, nach gewonnener Schlacht durch die siegende Klasse festgestellt usw. - Rechtsformen, und nun gar die Reflexe aller dieser wirklichen Kämpfe im Gehirn der Beteiligten, politische, juristische, philosophische Theorien, religiöse Anschauungen und deren Weiterentwicklung zu Dogmensystemen, üben auch ihre Einwirkung auf den Verlauf der geschichtlichen Kämpfe aus und bestimmen in vielen Fällen vorwiegend deren Form. Es ist eine Wechselwirkung aller dieser Momente, worin schließlich durch alle die unendliche Menge von Zufälligkeiten (d.h. von Dingen und Ereignissen, deren innerer Zusammenhang untereinander so entfernt oder so unnachweisbar ist, daß wir ihn als nicht vorhanden betrachten, vernachlässigen können) als Notwendiges die ökonomische Bewegung sich durchsetzt.“ (MEW, Band 37, S. 463)

Natürlich kann man von den "Experten" der Bourgeoisie nicht verlangen, dass sie sich auf die marxistische Methode stützen. Andererseits ist es traurig, dass viele Organisationen, die sich ausdrücklich zum Marxismus bekennen und diese Methode in Bezug auf die Grundprinzipien der Arbeiterbewegung wie den proletarischen Internationalismus tatsächlich vertreten, bei der Analyse der Kriegsursachen nicht an die von Engels vertretene, sondern an die von ihm kritisierte Sichtweise anknüpfen. So konnten wir in Bezug auf den Golfkrieg 1990-91 Folgendes lesen: "Die Vereinigten Staaten definierten ungeschminkt das 'amerikanische nationale Interesse', das sie handeln ließ: die Sicherung einer stabilen Versorgung mit dem im Golf geförderten Öl zu einem angemessenen Preis: dasselbe Interesse, das sie den Irak gegen den Iran unterstützen ließ, lässt sie jetzt Saudi-Arabien und die Petromonarchien gegen den Irak unterstützen." (Flugblatt der IKP - Le Prolétaire) Oder: "In Wirklichkeit ist die Golfkrise wirklich eine Krise für das Öl und für diejenigen, die es kontrollieren. Ohne billiges Öl werden die Profite sinken. Die Profite des westlichen Kapitalismus sind bedroht, und aus diesem und keinem anderen Grund bereiten die USA ein Blutbad im Nahen Osten vor ...". (Flugblatt der CWO, Sektion der Internationalist Communist Tendency in Großbritannien). Eine Analyse, die von der italienischen IKT-Sektion Battaglia Comunista ergänzt wird: "Öl, das direkt oder indirekt in fast allen Produktionszyklen vorkommt, hat ein entscheidendes Gewicht im Prozess der monopolistischen Rentenbildung, und dementsprechend ist die Kontrolle seines Preises von lebenswichtiger Bedeutung (...). Mit einer Wirtschaft, die eindeutig Anzeichen einer Rezession zeigt, einer Staatsverschuldung von erschreckendem Ausmaß und einem Produktionsapparat, der im Vergleich zu den europäischen und japanischen Konkurrenten ein großes Produktivitätsdefizit aufweist, können es sich die USA derzeit nicht im Geringsten leisten, die Kontrolle über eine der grundlegenden Variablen der gesamten Weltwirtschaft zu verlieren: den Ölpreis." Was seit über 30 Jahren im Nahen Osten geschieht, widerlegt eine solche Analyse. Die verschiedenen Abenteuer der USA in dieser Region (wie der 2003 von der Regierung Bush junior begonnene Krieg) haben der amerikanischen Bourgeoisie unvergleichlich höhere wirtschaftliche Kosten verursacht als alles, was ihr die Kontrolle des Ölpreises eingebracht hat (wenn sie denn durch diese Kriege überhaupt eine solche Kontrolle ausüben konnte).

Heute kann der Krieg in der Ukraine keine direkt wirtschaftlichen Ziele haben. Weder für Russland, das die Kampfhandlungen am 24. Februar 2022 begann, noch für die USA, die seit mehr als zwei Jahrzehnten die Schwächung Russlands nach dem Zusammenbruch seines Reiches 1989 ausgenutzt haben, um die Ausdehnung der NATO bis an die Grenzen des Landes voranzutreiben. Wenn es Russland gelingt, seine Kontrolle über weitere Teile der Ukraine zu etablieren, wird es mit horrenden Ausgaben für den Wiederaufbau von Gebieten konfrontiert werden, die es gerade verwüstet. Darüber hinaus werden die Wirtschaftssanktionen, die seitens der westlichen Länder eingeführt werden, die ohnehin schon schwache Wirtschaft der Ukraine langfristig weiter schwächen. Auf westlicher Seite werden diese Sanktionen ebenfalls erhebliche Kosten verursachen, ganz zu schweigen von der Militärhilfe für die Ukraine, die sich bereits auf zig Milliarden Dollar beläuft. Tatsächlich ist der aktuelle Krieg eine weitere Illustration der Analysen der IKS zur Frage des Krieges in der Periode des kapitalistischen Niedergangs und insbesondere in der Zerfallsphase, die den Höhepunkt dieses Niedergangs darstellt.

2) Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hat die Arbeiterbewegung herausgestellt, dass Imperialismus und imperialistischer Krieg die bedeutendste Erscheinungsform des Eintritts der kapitalistischen Produktionsweise in ihre historische Niedergangsphase, ihre Dekadenz, darstellen. Dieser Wechsel der historischen Periode brachte eine grundlegende Veränderung in den Ursachen der Kriege mit sich. Die Kommunistische Linke Frankreichs hat die Züge dieser Veränderung auf eine sehr erhellende Weise präzisiert: "In der Epoche des aufsteigenden Kapitalismus drückten Kriege (ob nationale, koloniale oder imperialistische Eroberungen) die aufstrebende Bewegung, die Reifung, Stärkung und Ausdehnung des kapitalistischen Wirtschaftssystems aus. Die kapitalistische Produktion fand im Krieg die Fortsetzung ihrer Wirtschaftspolitik mit anderen Mitteln. Jeder Krieg rechtfertigte sich und zahlte sich aus, indem er ein neues Feld für noch größere Expansionen öffnete, die kapitalistische Weiterentwicklung sicherte.

In der Epoche des dekadenten Kapitalismus drückt der Krieg genauso wie der Frieden diese Dekadenz aus und beschleunigt sie außerordentlich.

Es wäre falsch, den Krieg als etwas Negatives schlechthin zu betrachten, als Zerstörer und Fessel der gesellschaftlichen Entwicklung, dem Frieden entgegengesetzt, der als der normale, positive Weg einer ununterbrochenen Entwicklung der Produktion und der Gesellschaft erscheint. Dies hieße, ein moralistisches Konzept in einen objektiven, ökonomisch bestimmten Verlauf einzuführen.

Der Krieg war ein unabdingbares Mittel, mit welchem der Kapitalismus sich unerschlossene Gebiete für die Entwicklung eröffnete, zu einer Zeit, als solche Gebiete noch existierten und nur mit Gewalt erschlossen werden konnten. Auf derselben Weise findet die kapitalistische Welt, nachdem historisch alle Entwicklungsmöglichkeiten erschöpft sind, im modernen imperialistischen Krieg den Ausdruck ihres Zusammenbruchs, der die Produktivkräfte nur noch tiefer in den Abgrund reißt und nur noch schneller Ruine auf Ruine häuft.
Im Kapitalismus gibt es keinen grundlegenden Widerspruch zwischen Krieg und Frieden, aber es gibt einen Unterschied zwischen der Phase des Aufstiegs und des Verfalls der kapitalistischen Gesellschaft und somit einen Unterschied im Wesen des Krieges (und im Verhältnis zwischen Krieg und Frieden) in den jeweiligen Phasen. Während der ersten Phase besitzt der Krieg die Funktion, eine Expansion des Marktes und damit der Produktionsmittel der Konsumgüter zu gewährleisten;
dagegen ist während der zweiten Phase die Produktion hauptsächlich auf die Produktion von Zerstörungsmittel, d.h. auf den Krieg, ausgerichtet. Die Dekadenz der kapitalistischen Gesellschaft findet ihren treffendsten Ausdruck in der Tatsache, dass in der dekadenten Periode die wirtschaftlichen Aktivitäten hauptsächlich auf Krieg eingestellt sind, wohingegen in der aufsteigenden Phase die Kriege dem wirtschaftlichen Entwicklungsprozess dienten.

Das bedeutet nicht, dass der Krieg zum Ziel der kapitalistischen Produktion geworden ist, da dies die Erzeugung von Mehrwert bleibt. Aber es bedeutet, dass der Krieg zur permanenten Lebensform des dekadenten Kapitalismus wird."

(Bericht an die Konferenz der Kommunistischen Linken Frankreichs im Juli 1945, wiedergegeben im "Bericht über den Historischen Kurs", angenommen auf dem 3. Kongress der IKS, Internationale Revue Nr. 5).

Diese 1945 formulierte Analyse hat sich seitdem als grundsätzlich gültig erwiesen, selbst wenn es keinen neuen Weltkrieg gegeben hat. Seit jener Zeit hat die Welt mehr als 100 Kriege erlebt, die mindestens so viele Todesopfer gefordert haben wie der Zweite Weltkrieg. Eine Situation, die sich nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem Ende des "Kalten Krieges", die die erste große Manifestation des Eintritts des Kapitalismus in seine Zerfallsphase darstellten, fortsetzte und sogar noch verschärfte. Unser Text von 1990 kündigte dies bereits an: "Der allgemeine Zerfall der Gesellschaft stellt die letzte Phase in der Epoche der Dekadenz des Kapitalismus dar. In diesem Sinne werden in dieser Phase die typischen Charakteristiken der Dekadenzperiode nicht hinfällig: die historische Krise der kapitalistischen Ökonomie, der Staatskapitalismus und auch die grundlegenden Phänomene wie der Militarismus und der Imperialismus. Mehr noch: in dem Maße, wie der Zerfall sich als der Höhepunkt der Widersprüche präsentiert, derer sich der Kapitalismus seit dem Beginn seiner Dekadenz in wachsendem Maße erwehren muß, spitzen sich auch die typischen Charakteristiken dieser Periode in der ultimativen Phase der Dekadenz zu (…)

Genausowenig wie das Ende des Stalinismus die historische Tendenz des Staatskapitalismus infrage stellt, von dem er nur ein Ausdruck war, impliziert das gegenwärtige Verschwinden der Blöcke eine Verringerung oder gar Infragestellung des beherrschenden Einflusses des Imperialismus auf die Gesellschaft. Der fundamentale Unterschied liegt in der Tatsache, daß, wenn das Ende des Stalinismus der Eliminierung einer besonders absurden Form des Staatskapitalismus gleich kam, das Ende der Blöcke die Tür zu einer noch barbarischeren, absurderen, chaotischeren Form des Imperialismus öffnet." (Militarismus und Zerfall). Der Golfkrieg 1990-91, die Kriege im ehemaligen Jugoslawien in den 1990er Jahren, der 11-jährige Irakkrieg ab 2003, der 20-jährige Krieg in Afghanistan und viele kleinere Kriege, vor allem in Afrika, haben diese Vorhersage bestätigt.

Der Krieg in der Ukraine, d. h. im Herzen Europas, hat diese Realität erneut und in noch viel größerem Ausmaß verdeutlicht. Er ist eine beredte Bestätigung der These der IKS über die völlige Irrationalität des Krieges im Niedergang des Kapitalismus aus der Perspektive der globalen Interessen dieses Systems (siehe den Text "Bedeutung und Auswirkungen des Krieges in der Ukraine", Internationale Revue Nr. 168, angenommen im Mai 2022).
3) Obwohl die Unterscheidung zwischen den Kriegen des 19. und des 20. Jahrhunderts, wie sie im GCF-Text von 1945 gemacht wird, absolut gültig ist und die Aussage "Die Dekadenz der kapitalistischen Gesellschaft findet ihren treffendsten Ausdruck in der Tatsache, dass in der dekadenten Periode die wirtschaftlichen Aktivitäten hauptsächlich auf Krieg eingestellt sind, wohingegen in der aufsteigenden Phase die Kriege dem wirtschaftlichen Entwicklungsprozess dienten“ (siehe oben), im Großen und Ganzen richtig ist, kann man nicht jedem der Kriege im 19. Jahrhundert eine direkt ökonomische Ursache zuordnen. Beispielsweise hatten die napoleonischen Kriege für die französische Bourgeoisie katastrophale Kosten, was sie letztlich gegenüber der englischen Bourgeoisie erheblich schwächte und dieser den Weg zu deren dominanten Position Mitte des 19. Jahrhunderts erleichterte. Dasselbe gilt für den Krieg von 1870 zwischen Preußen und Frankreich. Im letzteren Fall hat Marx (in der "Ersten Adresse des Generalrats über den Deutsch-Französischen Krieg") den Begriff "dynastischer Krieg" aufgegriffen, mit dem die französischen und deutschen Arbeiter diesen Krieg bezeichneten. Auf deutscher Seite strebte der preußische König die Bildung eines Imperiums an, indem er die Vielzahl kleiner germanischer Staaten, denen es zuvor nur gelungen war, eine Zollunion (Zollverein) zu bilden, um seine Krone gruppierte. Die Annexion von Elsass-Lothringen war das Geschenk dieser Ehe. Für Napoleon III. war der Krieg im Wesentlichen darauf ausgerichtet, eine politische Struktur, das Zweite Kaiserreich, zu stärken, die durch die industrielle Entwicklung Frankreichs bedroht war. Auf preußischer Seite, jenseits der Ambitionen des Monarchen, ermöglichte dieser Krieg die Schaffung einer politischen Einheit Deutschlands, was den Grundstein für die volle industrielle Entwicklung dieses Landes legte, während er auf französischer Seite völlig reaktionär war. In der Tat ist dieser Krieg ein perfektes Beispiel für Engels' Darstellung des historischen Materialismus. Man sieht, wie der Überbau der Gesellschaft, insbesondere die politischen und ideologischen Elemente (die Regierungsform und die Schaffung eines Nationalgefühls), eine sehr wichtige Rolle für den Verlauf der Ereignisse spielen. Gleichzeitig sieht man, wie sich die ökonomische Basis der Gesellschaft mit der Verwirklichung der industriellen Entwicklung Deutschlands und damit des gesamten Kapitalismus in letzter Instanz durchsetzt.

Tatsächlich vergessen Analysen, die sich als "materialistisch" bezeichnen, indem sie in jedem Krieg nach einer wirtschaftlichen Ursache suchen, dass der marxistische Materialismus auch dialektisch ist. Und dieses "Vergessen" wird zu einem erheblichen Hindernis für das Verständnis der imperialistischen Konflikte unserer Zeit, während diese gerade durch die enorme Stärkung des Militarismus im Leben der Gesellschaft gekennzeichnet ist.

4) Der Text "Militarismus und Zerfall" aus dem Jahr 1990 widmet einen wichtigen Teil der Rolle, die die amerikanische Macht in den imperialistischen Konflikten der beginnenden Periode einnehmen sollte: „In der neuen historischen Epoche, in die wir eingetreten sind und die von den Ereignissen am Persischen Golf bestätigt wird, zeigt sich die Welt als ein riesiger Hexenkessel, in dem die Tendenz zum "Jeder für sich" voll zum Tragen kommt und in dem die zwischenstaatlichen Allianzen weit entfernt von jener Stabilität sind, die die Blöcke auszeichnen,  sondern von den Bedürfnissen des Moments diktiert sind. Eine Welt in tödlicher Unordnung, in blutigem Chaos, in dem der amerikanische Gendarm für ein Minimum an Ordnung durch den immer massiveren und brutaleren Einsatz seiner Militärmacht zu sorgen versucht.“

Diese Rolle des "Weltpolizisten" haben die USA in gewisser Weise auch nach dem Zusammenbruch ihres Rivalen aus dem Kalten Krieg weitergespielt, wie man in Jugoslawien, insbesondere Ende der 1990er Jahre, und vor allem im Nahen Osten seit Beginn des 21. Jahrhunderts (namentlich in Afghanistan und im Irak) gesehen hat. Sie haben diese Rolle auch in Europa übernommen, indem sie neue Länder in die von ihnen kontrollierte Militärorganisation NATO aufgenommen haben, Länder, die zuvor Teil des Warschauer Pakts oder sogar der UdSSR waren (Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Polen, Rumänien, Slowakei, Tschechische Republik, Ungarn). Die Frage, die sich bereits 1990 mit dem Ende der Aufteilung der Welt zwischen dem Westblock und dem Ostblock stellte, war die nach einer neuen Aufteilung der Welt, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg stattgefunden hatte: „Bislang hat im Zeitalter der Dekadenz solch eine Situation der "Zersplitterung" der imperialistischen Antagonismen in Abwesenheit von Blöcken (oder von Schlüsselregionen), die die Welt unter sich aufgeteilt haben, nie lange angedauert. Das Verschwinden der imperialistischen Konstellation, die aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen war, trug die Tendenz zur Bildung zweier neuer Blöcke in sich.“ (Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks - Destabilisierung und Chaos) Gleichzeitig wies der Text auf alle Hindernisse hin, die einem solchen Prozess im Wege stehen, insbesondere auf den Zerfall des Kapitalismus: "Darüberhinaus, und langfristig der wichtigste Aspekt, wird die Tendenz zur Aufteilung der Welt zwischen zwei neuen Blöcken durch das sich immer mehr zuspitzende und ausdehnende Phänomen des Zerfalls der kapitalistischen Gesellschaft konterkariert oder gar irreparabel geschädigt, wie wir bereits hervorgehoben haben“ (ebenda). Diese Analyse wurde in dem Grundsatztext "Militarismus und Zerfall" entwickelt und drei Jahrzehnte später durch das Ausbleiben einer solchen Aufteilung der Welt zwischen zwei Militärblöcken bestätigt. Der Text "Bedeutung und Auswirkungen des Krieges in der Ukraine" führt dieses Thema weiter aus und stützt sich dabei weitgehend auf den Text von 1990, um zu verdeutlichen, dass die Wiederherstellung zweier imperialistischer Blöcke, die die Welt unter sich aufteilen, immer noch nicht auf der Tagesordnung steht. Es mag sich lohnen, daran zu erinnern, was wir 1990 schrieben:
"So konnte es zu Anfang der Dekadenzperiode und bis in die ersten Jahre des Zweiten Weltkriegs hinein eine gewisse "Parität" zwischen verschiedenen Partnern einer imperialistischen Koalition geben, obgleich es stets die Notwendigkeit eines Platzhirsches gab. Zum Beispiel existierte im Ersten Weltkrieg in Bezug auf die einsatzfähige militärische Schlagkraft keine grundlegende Disparität zwischen den drei "Siegern": Großbritannien, Frankreich und den USA. Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges jedoch hatte sich die Lage beträchtlich verändert, denn die "Sieger" gerieten nunmehr in eine enge Abhängigkeit von den USA, die eine erhebliche Überlegenheit gegenüber ihren "Verbündeten" ausübten. Diese verstärkte sich noch im Verlauf des gesamten "Kalten Krieges" (der jetzt zu Ende geht), als beide Blockführer, die USA und die UdSSR, durch die Kontrolle über die zerstörerischsten Atomwaffen über eine absolut erdrückende Überlegenheit gegenüber den anderen Ländern ihres Blocks verfügten. Eine solche Tendenz erklärt sich aus der Tatsache, daß mit dem Versinken des Kapitalismus in seiner Dekadenz:

- die Herausforderungen und die Dimension der Konflikte zwischen den Blöcken immer globalere, allgemeinere  Ausmaße annehmen (je mehr Gangster kontrolliert werden müssen, desto stärker muß der "Gangsterboß" sein);

- die Waffensysteme immer wahnwitzigere Investitionen erfordern (insbesondere können nur die ganz großen Länder die für den Aufbau von kompletten Atomwaffenarsenalen erforderlichen Ressourcen bereitstellen und ausreichende Mittel in die Entwicklung der komplizierter Waffensysteme stecken);

- vor allem die zentrifugalen Tendenzen zwischen den Staaten, die aus der Zuspitzung der nationalen Gegensätze resultieren, sich nur weiter verstärken können.

Mit diesem letztgenannten Faktor verhält sich so wie mit dem Staatskapitalismus: je mehr sich die verschiedenen Fraktionen einer nationalen Bourgeoisie unter dem Druck der Krise und der damit angefachten Konkurrenz zerfleischen, umso mehr muß sich der Staat verstärken, um seine Autorität über sie auszuüben. Und je mehr Schäden die historische Krise und ihre offene Form anrichtet, desto stärker muß ein Blockführer sein, um die Auflösungstendenzen der verschiedenen nationalen Fraktionen einzugrenzen und zu kontrollieren. Es liegt auf der Hand, daß sich in der letzten Phase der Dekadenz, im Zerfall, ein solches Phänomen nur noch ins Unermeßliche steigern kann.

Wegen all dieser Gründe und insbesondere aufgrund des letztgenannten ist die Bildung einer neuen imperialistischen Blockkonstellation nicht nur in den nächsten Jahren unmöglich, sondern wird möglicherweise nie mehr eintreten: entweder die proletarische Revolution oder die Zerstörung der Menschheit wird dem zuvorkommen.“ (Militarismus und Zerfall)

Diese Analyse ist auch heute noch voll und ganz gültig, aber wir müssen darauf hinweisen, dass wir in dem Text von 1990 völlig außer Acht gelassen hatten, dass China eines Tages zu einem neuen Blockführer werden könnte, obwohl heute klar ist, dass sich China zum Hauptrivalen der USA entwickelt. Hinter dieser Auslassung steckte ein großer Analysefehler: Wir hatten nicht die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass China eine Wirtschaftsmacht ersten Ranges werden könnte, was eine Voraussetzung dafür ist, dass ein Land die Führungsrolle in einem imperialistischen Block beanspruchen kann. Das hat die chinesische Bourgeoisie übrigens sehr gut verstanden: Sie kann nur dann mit der amerikanischen Bourgeoisie militärisch konkurrieren, wenn sie eine wirtschaftliche und technologische Stärke aufbaut, die ihre militärische Stärke unterstützen kann, sonst droht ihr das gleiche Schicksal wie der Sowjetunion Ende der 1980er Jahre. Unter anderem aus diesem Grund kann China, auch wenn es seine militärischen Ambitionen (insbesondere in Bezug auf Taiwan) zunehmend ausbreitet, noch lange nicht behaupten, dass es einen neuen imperialistischen Block um sich herum gruppieren kann.

5) Der Krieg in der Ukraine hat die Sorgen über einen Dritten Weltkrieg wieder aufleben lassen, insbesondere durch Putins Drohungen mit Atomwaffen. Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass es sich mit dem Weltkrieg genauso verhält wie mit den imperialistischen Blöcken. In der Tat stellt ein Weltkrieg die letzte Phase der Blockbildung dar. Genauer gesagt, weil es konstituierte imperialistische Blöcke gibt, kann ein Krieg, der zunächst nur eine begrenzte Anzahl von Ländern betrifft, durch das Handeln der Allianzen zu einem allgemeinen Flächenbrand eskalieren. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, dessen tiefere historische Ursachen in der Verschärfung der imperialistischen Rivalitäten zwischen den europäischen Mächten lagen, erfolgte in Form einer Verkettung von Situationen, in denen die verschiedenen Alliierten nach und nach in den Konflikt eintraten: Österreich-Ungarn wollte mit Unterstützung seines Verbündeten Deutschland die Ermordung des Thronfolgers in Sarajevo am 28. Juni 1914 nutzen, um das Königreich Serbien, das beschuldigt wurde, den Nationalismus der serbischen Minderheiten in Österreich-Ungarn zu schüren, in die Schranken zu weisen. Das Land erhielt sofort die Unterstützung seines russischen Verbündeten, der zudem mit Großbritannien und Frankreich die "Triple-Entente" gebildet hatte. Anfang August 1914 traten alle diese Länder gegeneinander in den Krieg ein und zogen später weitere Staaten wie Japan, Italien 1915 und die USA 1917 in den Konflikt. Auch als Deutschland im September 1939 Polen angriff, führte ein Vertrag aus dem Jahr 1920 zwischen Polen, dem Vereinigten Königreich und Frankreich dazu, dass diese Länder Deutschland den Krieg erklärten, obwohl ihre Bourgeoisien nicht besonders an einem solchen Konflikt interessiert waren, wie die Unterzeichnung des Münchner Abkommens ein Jahr zuvor gezeigt hatte. Der Konflikt zwischen den drei europäischen Hauptmächten sollte sich schnell auf die ganze Welt ausweiten. Heute besagt Artikel 5 der NATO-Charta, dass ein Angriff auf ein NATO-Mitglied als Angriff auf alle Verbündeten angesehen wird. Aus diesem Grund sind die Länder, die vor 1989 zum Warschauer Pakt (und sogar zur Sowjetunion, wie die baltischen Staaten) gehörten, begeistert in die NATO eingetreten: Es war die Garantie, dass das benachbarte Russland nicht versuchen würde, sie anzugreifen. Eine Haltung, die Finnland und Schweden nach jahrzehntelanger "Neutralität" gerade eingenommen haben. Auch aus diesem Grund konnte Putin eine Situation nicht akzeptieren, in der der ukrainische Staat Gefahr lief, der NATO beizutreten, wie es in seiner Verfassung verankert war.
Das Fehlen einer Teilung der Welt in zwei Blöcke bedeutet also, dass ein dritter Weltkrieg derzeit nicht auf der Tagesordnung steht und vielleicht auch nie wieder auf der Tagesordnung stehen wird. Es wäre jedoch unverantwortlich, den Ernst der globalen Lage zu unterschätzen. Wie wir im Januar 1990 schrieben:

Daher ist es von großer Bedeutung, klarzustellen, daß, wenn die Lösung des Proletariats - die kommunistische Revolution - die einzige ist, die der Zerstörung der Menschheit (die die einzige "Lösung" ist, die die Bourgeoisie auf ihre Krise geben kann) trotzen kann, diese Zerstörung nicht zwangsläufig aus einem dritten Weltkrieg resultieren muß. Sie könnte gleichermaßen aus dem bis zum Äußersten getriebenen Zerfall resultieren (Umweltkatastrophen, Epidemien, Hungersnöte, die Entfesselung lokaler Kriege usw.).
Die historische Alternative "Sozialismus oder Barbarei", wie sie von den Marxisten herausgestellt worden war, wurde, nachdem sie im Verlauf des größten Teils dieses Jahrhunderts  die Gestalt des "Sozialismus oder imperialistischer Weltkrieg" angernommen hatte, im Verlaufe der letzten Jahrzehnte aufgrund
der Entwicklung der Atomwaffen in der furchterregenden Form des "Sozialismus oder Zerstörung der Menschheit" präzisiert. Heute, nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, bleibt diese Perspektive vollkommen gültig. Jedoch muß man aufzeigen, daß solch eine Zerstörung aus großen imperialistischen Kriegen ODER auch aus dem Zerfall der Gesellschaft hervorgehen kann.“ (Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks - Destabilisierung und Chaos)

Die drei Jahrzehnte seit der Annahme dieses Dokuments durch die IKS haben deutlich gemacht, dass selbst abgesehen von einem dritten Weltkrieg "Umweltkatastrophen, Epidemien, Hungersnöte, die Entfesselung lokaler Kriege" tatsächlich die vier apokalyptischen Reiter sind, die das Überleben der Menschheit bedrohen.

6) Der Orientierungstext "Militarismus und Zerfall" schloss mit einem Abschnitt über "Das Proletariat und der imperialistische Krieg". Angesichts der Bedeutung dieser Frage kann es sich lohnen, große Auszüge aus diesem Teil zu zitieren, anstatt ihn zu paraphrasieren:
„Mehr denn je zuvor wird die Frage des Kriegs eine zentrale Frage im Kapitalismus sein. Mehr als je zuvor ist sie eine grundlegende Frage für die Arbeiterklasse. Die Bedeutung dieser Frage ist freilich nichts Neues. Sie stand schon vor dem Ersten Weltkrieg im Mittelpunkt (wie die internationalen Kongresse von Stuttgart 1907 und von Basel 1912 beweisen). Sie wurde selbstverständlich im Verlauf des ersten imperialistischen Gemetzels noch maßgeblicher (wie der Kampf von Lenin, Rosa Luxemburg, Liebknecht genauso wie die Revolution in Rußland und Deutschland zeigte). Sie behielt ihre ganze Schärfe zwischen den beiden Weltkriegen, insbesondere während des Spanienkriegs, ganz zu schweigen von der Bedeutung, die sie im Verlauf des größten Holocausts dieses Jahrhunderts, zwischen 1939-45, offenbarte. Sie hat schließlich ihre ganze Bedeutung im Laufe der verschiedenen nationalen "Befreiungs"kriege nach 1945 bewahrt, in Momenten der Konfrontation zwischen den beiden imperialistischen Blöcke. Im Grunde war der Krieg seit dem Beginn des Jahrhunderts die entscheidendste Frage, mit der das Proletariat und seine revolutionären Minderheiten konfrontiert waren, weit vor den Fragen der Gewerkschaften und des Parlamentarismus z.B. Und dies konnte auch nicht anders sein, stellt doch der Krieg die konzentrierteste Form der Barbarei des dekadenten Kapitalismus dar, die seine Agonie und die Bedrohung, die er für das Überleben der Menschheit bildet, zum Ausdruck bringt.
In der gegenwärtigen Periode, in der noch mehr als in den vergangenen Jahrzehnten die
kriegerische Barbarei (zum Leidwesen der Herren Bush und Mitterand mit ihren Prophezeiungen einer "neuen Friedensordnung") ein ständiger und allgegenwärtiger Faktor der Weltlage ist und die entwickelten Länder in wachsender Weise mit impliziert sind (in den Grenzen, die allein vom Proletariat dieser Länder festgelegt werden), ist die Frage des Krieges noch wichtiger für die Arbeiterklasse. Die IKS hat seit langem aufzeigt, daß im Gegensatz zur Vergangenheit die Entfaltung einer nächsten revolutionären Welle nicht aus dem Krieg, sondern aus der Verschärfung der Wirtschaftskrise hervorgehen wird. Diese Analyse bleibt weiterhin vollkommen gültig: die Mobilisierungen der Arbeiter, Ausgangspunkt der großen Klassenkämpfe, werden sich aus der Reaktion auf die ökonomischen Angriffe entwickeln. Ebenso wird auf der Ebene der Bewußtwerdung die Verschärfung der Krise ein grundlegender Faktor in der Offenlegung der historischen Sackgasse der kapitalistischen Produktionsweise sein. Doch auf eben dieser Ebene der Bewußtwerdung wird die Frage des Krieges wiederum eine vorrangige Rolle spielen:

- indem die fundamentalen Konsequenzen dieser historischen Sackgasse aufgezeigt werden: die Zerstörung der Menschheit;

- indem der Krieg die einzige objektive Konsequenz aus der Krise, der Dekadenz und dem Zerfall darstellt, den die Arbeiterklasse jetzt schon (im Gegensatz zu den anderen Manifestationen des Zerfalls) eingrenzen kann, weil sie sich in den zentralen Ländern gegenwärtig nicht hinter den nationalistischen Fahnen mobilisieren läßt.“ (Punkt 13)

Es stimmt, daß der Krieg viel einfacher als die Krise selbst und die ökonomischen Angriffe gegen die Arbeiterklasse genutzt werden kann:

- er kann die Ausbreitung des Pazifismus begünstigen;

- er kann ein Gefühl der Hilflosigkeit in den Reihen der Arbeiter bewirken und es der Bourgeoisie gestatten, ihre ökonomischen Angriffe auszuführen.“ (Punkt 14)

Der Krieg in der Ukraine löst heute tatsächlich ein Gefühl der Ohnmacht bei den Proletarisierten aus, wenn er nicht zu einer dramatischen Vereinnahmung und dem Triumph des Chauvinismus führt, wie es in diesem Land und zum Teil auch in Russland der Fall ist. In den westlichen Ländern ermöglicht er sogar eine gewisse Stärkung der demokratischen Ideologie dank der Fluten an Propaganda, die von den Main-Stream-Medien verbreitet werden. Wir würden eine Konfrontation zwischen dem "Bösen", der "Diktatur" (Putin), auf der einen Seite und dem "Guten", der "Demokratie" (Selenskyj und seine westlichen Unterstützer), auf der anderen Seite erleben. Eine solche Propaganda war 2003 natürlich weniger wirksam, als der "Boss" der "großen amerikanischen Demokratie", Bush junior, das Gleiche tat wie Putin, als er den Krieg gegen den Irak begann (Benutzung einer riesigen Lüge, Verletzung des "Völkerrechts" der UNO, Einsatz "verbotener" Waffen, Bombardierung der Zivilbevölkerung, "Kriegsverbrechen").

In diesem Zusammenhang ist es wichtig, sich die Analyse der IKS zur Frage des "schwächsten Glieds" vor Augen zu halten, die den Unterschied zwischen dem Proletariat in den Kernländern, insbesondere in Westeuropa, und dem Proletariat in den Ländern der Peripherie und des ehemaligen "sozialistischen" Blocks hervorhebt. " (siehe insbesondere unsere Artikel "Le prolétariat d'Europe occidentale au centre de la généralisation de la lutte de classe, critique de la théorie du maillon le plus faible" in der französischen Ausgabe Revue Internationale n° 31 und "Débat : à propos de la critique de la théorie du 'maillon le plus faible'" in la Revue Internationale n° 37).

Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine unterstreicht die sehr große politische Schwäche des Proletariats in diesen Ländern. Der aktuelle Krieg wird auch negative politische Auswirkungen auf das Proletariat der Kernländer haben, aber das bedeutet nicht, dass der Aufschwung der demokratischen Ideen, den es erleidet, es endgültig lähmen wird. Insbesondere bekommt es bereits jetzt die Folgen dieses Krieges durch die wirtschaftlichen Angriffe zu spüren, die mit dem dramatischen Anstieg der Inflation einhergehen, (die bereits vor dem Ausbruch des Krieges begonnen hatte, aber durch den Krieg noch verstärkt wurde). Es wird zwangsläufig wieder den Weg des Klassenkampfes gegen diese Angriffe einschlagen müssen.
In der gegenwärtigen historischen Situation wird die Intervention der Kommunisten in der Klasse, abgesehen natürlich von der beträchtlichen Zuspitzung der Wirtschaftskrise und den damit verbundenen Angriffen gegen das gesamte Proletariat, bestimmt werden durch:

- die fundamentale Bedeutung der Frage des Kriegs,

- die entscheidende Rolle der Revolutionäre in der Bewußtwerdung der Klasse darüber, was heute auf dem Spiel steht.

Es ist daher wichtig, daß diese Frage im Vordergrund der Propaganda der Revolutionäre steht. Und in Zeiten wie heute, in denen diese Frage unmittelbar im Mittelpunkt der internationalen Lage steht, ist es wichtig, daß sie die besondere Sensibilität der Arbeiter gegenüber diesem Thema nutzen, indem sie ihr Priorität verleihen und sich ihr mit ausgesuchter Hartnäckigkeit widmen.

Insbesondere haben die revolutionären Organisationen zur Aufgabe:

die Manöver der Gewerkschaften zu entblößen, die so tun, als ob sie zu ökonomischen Kämpfen aufriefen, um so besser die Kriegspolitik zu unterstützen (beispielsweise im Namen einer "gerechten Aufteilung" der Opfer zwischen Arbeitern und Bosse);

mit größter Heftigkeit die widerwärtige Heuchelei der Linken anzuprangern, die im Namen des "Internationalismus" und des "Kampfes gegen den Imperialismus" faktisch zur Unterstützung eines der imperialistischen Lager aufrufen;

die pazifistischen Kampagnen abzulehnen, die ein besonders gutes Mittel sind, um die Arbeiterklasse in ihrem Kampf gegen den Kapitalismus zu demobilisieren, indem sie auf die Ebene des Interklassismus gelockt wird;

die Tragweite dessen, was zur Zeit auf dem Spiel steht, aufzuzeigen, indem sie alle Auswirkungen der erheblichen Umwälzungen, die die Welt derzeit erlebt, und namentlich die Periode des Chaos begreifen, in die Welt eingetreten ist.“ (Punkt 15, ebenda)

7) Diese vor über 30 Jahren hervorgehobenen Leitlinien sind auch heute noch voll und ganz gültig. Aber in unserer Propaganda gegen den imperialistischen Krieg ist es auch notwendig, an unsere Analyse der Bedingungen für die Verallgemeinerung revolutionärer Kämpfe zu erinnern, die insbesondere in unserem Text von 1981 "Die historischen Bedingungen der Generalisierung des Klassenkampfes" (Internationale Revue Nr. 7) entwickelt wurde. Jahrzehntelang waren Revolutionäre, gestützt auf die Beispiele der Pariser Kommune (im Anschluss an den französisch-preußischen Krieg), der Revolution von 1905 in Russland (während des russisch-japanischen Krieges), von 1917 in Russland und von 1918 in Deutschland, der Ansicht, dass der imperialistische Krieg die besten Bedingungen für die proletarische Revolution schaffe oder dass diese sogar nur aus dem Weltkrieg hervorgehen könne. Diese Analyse ist unter den Gruppen der Kommunistischen Linken immer noch weit verbreitet, was zum Teil ihre Unfähigkeit erklärt, die Frage des Historischen Kurses zu verstehen. Nur die IKS hat jene Analyse klar in Frage gestellt und ist zur "klassischen" Analyse zurückgekehrt, wie sie von Marx und Engels zu ihrer Zeit (und teilweise von Rosa Luxemburg) entwickelt wurde, die davon ausgingen, dass der revolutionäre Kampf des Proletariats aus dem wirtschaftlichen Zusammenbruch des Kapitalismus und nicht aus dem Krieg zwischen kapitalistischen Staaten hervorgehen würde.

Die Argumente, die zur Unterstützung unserer Analyse vorgebracht werden, lassen sich wie folgt zusammenfassen:

a) Wenn in einem Land der Krieg massive Reaktionen des Proletariats hervorruft, hat die Bourgeoisie dieses Landes eine wichtige Karte in der Hand, um solchen Reaktionen den Wind aus den Segeln zu nehmen: die Einstellung der Feindseligkeiten, den Abbruch des Krieges. So geschah es im November 1918 in Deutschland, wo die Bourgeoisie, angeleitet durch das Beispiel der Revolution in Russland, wenige Tage nach dem Aufstand der Matrosen im Ostseegebiet sofort den Waffenstillstand mit den Entente-Ländern unterzeichnete. Im Gegensatz dazu ist keine Bourgeoisie in der Lage, die wirtschaftlichen Erschütterungen zu überwinden, die die Ursache für die massiven und weit verbreiteten Kämpfe des Proletariats wären.

b)  "... der Krieg bringt sowohl Sieger als auch Besiegte hervor, in der gleichen Zeit wie sich die revolutionäre Wut gegen die Bourgeoisie entwickelt, entsteht auch in der Bevölkerung eine revanchistische Tendenz. Und diese Tendenz dringt bis in die Reihen der Revolutionäre vor, wie die national-kommunistische Tendenz in der K.A.P.D. und der Kampf gegen den Versailler Vertrag als Achse der Propaganda K.P.D. bezeugen sollten. Wie die Nachkriegszeiten nach dem Ersten und noch mehr nach dem Zweiten Weltkrieg es gezeigt haben, entsteht neben einer wirklichen und langsamen Wiederaufnahme des Klassenkampfes der Geist des Überdrusses, wenn nicht gar ein chauvinistischer Wahn." („Die Bedingungen der Generalisierung des Klassenkampfes“, Internationale Revue Nr. 7, 1981)

c) Die Bourgeoisie hat aus dem Ersten Weltkrieg und der revolutionären Welle, die er ausgelöst hat, Lehren gezogen. Einerseits stellte sie fest, dass sie eine tiefe politische Niederschlagung des Proletariats in den zentralen Ländern sicherstellen musste, bevor sie sich in den Zweiten Weltkrieg stürzte. Dies erreichte sie mit der Einführung des Naziterrors auf deutscher Seite und der antifaschistischen Vereinnahmung auf Seiten der Alliierten. Andererseits traf die herrschende Klasse zahlreiche Vorkehrungen, um jegliches Erwachen des Proletariats im Laufe oder am Ende des Krieges zu verhindern oder im Keim zu ersticken, insbesondere in den besiegten Ländern. "In Italien, wo die Gefahr am größten war [nach den Arbeiterkämpfen, die ab März 1943 den industriellen Norden erfassten], beeilte sich die Bourgeoisie (...), das Regime und dann auch die Bündnisse zu wechseln [Der König setzte Mussolini ab und ersetzte ihn durch den alliiertenfreundlichen Admiral Badoglio]. Im Herbst 1943 war Italien zweigeteilt, der Süden in den Händen der Alliierten, der Rest von den Nazis besetzt. Auf Churchills Rat hin ("man muss Italien im eigenen Saft schmoren lassen") verzögerten die Alliierten ihren Vormarsch nach Norden und erreichten damit ein doppeltes Ergebnis: Einerseits wurde der deutschen Armee die Unterdrückung der proletarischen Bewegung überlassen; andererseits wurde den "antifaschistischen" Kräften die Aufgabe zugewiesen, dieselbe Bewegung vom Boden des antikapitalistischen Kampfes auf den des antifaschistischen Kampfes umzulenken. (...) In Deutschland (...) betreibt die Weltbourgeoisie eine systematische Aktion, um die Wiederkehr ähnlicher Ereignisse wie 1918-19 zu verhindern. Zunächst führen die Alliierten kurz vor Kriegsende eine Massenausrottung der Bevölkerung in den Arbeitervierteln durch beispiellose Bombenangriffe auf große Städte wie Hamburg oder Dresden durch (...). Diese Ziele haben keinen militärischen Wert (im Übrigen waren die deutschen Armeen bereits auf dem Rückzug): In Wirklichkeit geht es darum, das Proletariat zu terrorisieren und jegliche Organisation des Proletariats zu verhindern. Zweitens lehnen die Alliierten jeden Gedanken an einen Waffenstillstand ab, solange sie nicht das gesamte deutsche Territorium besetzt haben: Sie legen Wert darauf, dieses Territorium direkt zu verwalten, da sie wissen, dass die besiegte deutsche Bourgeoisie möglicherweise nicht in der Lage sein wird, die Situation allein zu kontrollieren. Schließlich hielten die Alliierten nach deren Kapitulation und in enger Zusammenarbeit mit ihr die deutschen Kriegsgefangenen monatelang zurück, um eine explosive Mischung zu vermeiden, die durch das Zusammentreffen mit der Zivilbevölkerung hätte entstehen können. In Polen war es in der zweiten Hälfte des Jahres 1944 die Rote Armee, die den Nazi-Truppen die Drecksarbeit überließ, die aufständischen Arbeiter in Warschau zu massakrieren: Die Rote Armee wartete monatelang nur wenige Kilometer vor der Stadt darauf, dass die deutschen Truppen den Aufstand erstickten. Dasselbe geschah Anfang 1945 in Budapest". ("Klassenkampf gegen den imperialistischen Krieg: Die Arbeiterkämpfe in Italien 1943", International Review Nr. 75, engl./frz./span. Ausgabe).

d)  Das revolutionäre Wiedererwachen des Proletariats im Ersten Weltkrieg wurde durch die Merkmale des Krieges begünstigt: vorwiegend Infanteriegefechte, Grabenkrieg, der die Verbrüderung von Soldaten beider Seiten erleichterte, die sich über lange Zeiträume nur wenige Meter voneinander entfernt befanden. Der Zweite Weltkrieg war kein Grabenkrieg, sondern war geprägt vom massiven Einsatz mechanischer und technologischer Mittel, insbesondere von Panzern und Flugzeugen, ein Trend, der sich seither noch verstärkt hat, da die Staaten zunehmend auf Berufsarmeen zurückgreifen, die immer raffiniertere Waffen einsetzen können, was die Möglichkeiten einer direkten Verbrüderung zwischen Kämpfern beider Seiten erheblich einschränkt. Und schließlich, "last but not least", würden in einem dritten Weltkrieg früher oder später Atomwaffen zum Einsatz kommen, was natürlich die Frage nach der Möglichkeit eines proletarischen Aufbegehrens vollkommen ausschließt.

8) In der Vergangenheit haben wir die Losung des "revolutionären Defätismus" kritisiert. Diese Losung, die während des Ersten Weltkriegs insbesondere von Lenin hervorgehoben wurde, beruhte auf einem grundlegend internationalistischen Anliegen: der Entlarvung der von den Sozialchauvinisten verbreiteten Lügen, dass ihr Land zuvor den Sieg erringen müsse, damit die Proletarier dieses Landes in den Kampf für den Sozialismus eintreten könnten. Angesichts dieser Lügen wiesen die Internationalist:innen darauf hin, dass nicht der Sieg eines Landes den Kampf der Proletarier dieses Landes gegen ihre Bourgeoisie förderte, sondern im Gegenteil seine Niederlage (wie die Beispiele der Pariser Kommune nach der Niederlage gegen Preußen und der Revolution von 1905 nach dem Debakel Russlands gegen Japan gezeigt hatten). Später wurde diese Parole des "revolutionären Defätismus" so interpretiert, dass das Proletariat in jedem Land die Niederlage der eigenen Bourgeoisie herbeisehnt, um den Kampf für deren Sturz zu fördern, was natürlich einem echten Internationalismus den Boden entzieht. In Wirklichkeit hat Lenin selbst (der 1905 die Niederlage Russlands gegen Japan begrüßt hatte) vor allem die Losung "Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg" hervorgehoben, die eine Konkretisierung des Änderungsantrags darstellte, den er zusammen mit Rosa Luxemburg und Martow auf dem Stuttgarter Kongress der Sozialistischen Internationale 1907 eingebracht und durchgesetzt hatte: "Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, ist es die Pflicht, für dessen rasche Beendigung einzutreten und mit allen Kräften dahin zu streben, die durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische Krise zur Aufrüttelung des Volkes auszunutzen und dadurch die Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft zu beschleunigen.“ (Internationaler Sozialistenkongress zu Stuttgart, 1907)

Die Revolution in Russland 1917 war eine glänzende Umsetzung der Losung "Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg": Die Proletarier richteten die Waffen, die ihnen die Ausbeuter anvertraut hatten, um ihre Klassenbrüder in anderen Ländern abzuschlachten, gegen ihre Ausbeuter. Obwohl es, wie oben erwähnt, nicht ausgeschlossen ist, dass Soldaten ihre Waffen gegen ihre Offiziere richten könnten (im Vietnamkrieg kam es vor, dass amerikanische Soldaten "versehentlich" Vorgesetzte töteten), wären solche Vorfälle nur von sehr begrenztem Ausmaß und könnten in keiner Weise die Grundlage für eine revolutionäre Offensive bilden. Aus diesem Grund sollten wir in unserer Propaganda weder die Losung des "revolutionären Defätismus", noch die Losung der "Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg" in den Vordergrund stellen.

Aus diesem Grund muss in unserer Propaganda nicht nur die Losung vom "revolutionären Defätismus", sondern auch die Losung von der "Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg" in Frage gestellt werden.

Allgemeiner gesagt, ist es die Verantwortung der Gruppen der Kommunistischen Linken, eine Bilanz der Positionierung der Revolutionäre gegenüber dem Krieg in der Vergangenheit zu ziehen, indem sie herausstellen, was weiterhin gültig ist (die Verteidigung der internationalistischen Prinzipien) und was nicht mehr gilt (die "taktischen" Losungen). In diesem Sinne kann zwar die Losung von der "Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg" von nun an keine realistische Perspektive mehr darstellen, aber es ist andererseits angebracht, die Gültigkeit des 1907 auf dem Stuttgarter Kongress angenommenen Zusatzes zu betonen und insbesondere die Idee, dass Revolutionäre "die durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische Krise zur Aufrüttelung des Volkes auszunutzen und dadurch die Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft zu beschleunigen" haben. Diese Losung ist angesichts der gegenwärtigen Schwäche des Proletariats natürlich nicht sofort umsetzbar, aber sie bleibt ein Wegweiser für das Eingreifen der Kommunisten in die Klasse.

IKS, 11.07.2022

Rubric: 

Aktualisierung des Orientierungstextes von 1990