Submitted by IKSonline on Mit, 13/06/2007 - 11:58.
Der G8-Gipfel in Heiligendamm ist zu Ende. Zeit,
Bilanz zu ziehen. Eine Bilanz des Gipfels wie auch der Gipfelproteste. Was
haben sie gebracht?
Das Unbehagen der Mächtigen
Das Gipfeltreffen der Mächtigen hat – vom Standpunkt
der Regierenden selbst betrachtet – einen verheerenden Eindruck hinterlassen.
Das letzte Mal, als die Regierungchefs der führenden Industrieländer in
Deutschland zusammenkamen – damals in Köln –, speisten sie im Schatten des
Kölner Doms, im Herzen der Innenstadt. Heute undenkbar. Heutzutage treffen sie
sich in der Abgeschiedenheit eines in Vergessenheit geratenen mecklenburgischen
Ostseebades und müssen sich dennoch hinter Verteidigungslinien verschanzen.
Nichts könnte eindrücklicher den Verlust an Ansehen und Popularität der
demokratisch gewählten „world leaders“ in den Augen der eigenen Bevölkerungen
verdeutlichen.
Die Maßnahmen, die getroffen wurden, um die
Sicherheit der Herrschenden zu garantieren, riefen in der ganze Welt üble
Assoziationen hervor. Der millionenteure, zwölf Kilometer lange Sicherheitszaun
mit „NATO-Stacheldraht“ erinnerte manchen an die Berliner Mauer, andere an die
Sperranlagen der US-Grenze zu Mexiko oder an die Demarkationslinien der
Kriegsparteien in Nordirland oder zwischen Israel und Palästina. Die Entnahme
von „Geruchsproben“ „potenzieller Verbrecher“ im Vorfeld des Gipfels, um sie
speziell abgerichteten Polizeihunden zuzuführen, belebte eine altbewährte
Methode der ostdeutschen Staatssicherheit wieder. Was die Einsperrung Hunderter
von Demonstranten in Käfigen nach der Demonstration vom 2. Juni in Rostock
betrifft – wo sie die Nacht über ohne Kontakt zu ihren Anwälten und überhaupt
zur Außenwelt festgehalten und bei ununterbrochener Beleuchtung wachgehalten
und gefilmt wurden –, so musste jeder unwillkürlich an Guantanamo denken. Haben
nicht die führenden Repräsentanten der Bundesrepublik Deutschland und der
Europäischen Union jahrelang gegen die menschenunwürdige Unterbringung und
Behandlung der Gefangenen in Guantanamo durch die Vereinigten Staaten
protestiert? Die Tatsache, dass jetzt mitten in Europa Gefangene ebenfalls in
Käfige eingesperrt werden, wirft ein anderes Licht auf diese Proteste. Es wird
deutlich: Was die Führer Europas missbilligen wollten, war nicht die Unmenschlichkeit,
sondern die in Guantanamo zum Ausdruck gekommene Machtdemonstration der USA.
Und tatsächlich: in Heiligendamm ist nicht nur der
Ansehensverlust der Mächtigen der Industriestaaten und ihre Angst vor der
eigenen Bevölkerung sichtbar geworden, sondern auch ihre Zerstrittenheit.
Während die Sprecher von ATTAC und die Anführer der „künstlerischen Opposition“
wie Campino oder Grönemeyer die G8 als eine Art Weltregierung bezeichnen,
knisterten die tödlichen Rivalitäten der führenden Industrieländer kaum
verborgen unter der Oberfläche. So versuchte Russlands Präsidenten Putin, das
amerikanische Vorhaben zu torpedieren, ein Raketenabwehrsystem in Osteuropa
aufzubauen. Er tat so, als schenkte er den Beteuerungen Washingtons Glauben,
dieses amerikanische Abwehrschild richte sich vornehmlich gegen den Iran, und
schlug Bush vor, dieses System gemeinsam in Aserbaidschan (in unmittelbarer
Nachbarschaft zum Iran also) zu errichten. Bush zeigte sich - nachdem er sich
von einer plötzlichen Magenverstimmung erholt hatte - „offen“ und „interessiert“. Doch sobald der
G8-Gipfel beendet war, eilte er nach Warschau, um zu versichern, dass der
Abwehrschild auf jeden Fall dort errichtet werden soll. Hintergrund dieser
pikanten Geschichte: vorausgesetzt, es funktioniert tatsächlich, würde dieses
Militärprojekt die Vereinigten Staaten in die Lage versetzen, die
Raketenarsenale aller anderen Staaten zu neutralisieren. Damit würden die USA
ihre militärische Überlegenheit erheblich ausbauen, auch gegenüber anderen
G8-Staaten wie Russland, Frankreich oder Großbritannien.
Aber nicht nur die Zerstrittenheit – genauer gesagt:
die kapitalistischen Interessensgegensätze und die imperialistischen
Rivalitäten – der führenden Industrieländer wurde sichtbar, sondern auch und
noch mehr ihre Unfähigkeit, Antworten auf die großen Schicksalsfragen der
Gegenwart zu finden. Gerade weil die Augen der Welt auf Heiligendamm gerichtet
waren und gerade wegen der peinlichen Verschanzung der „Volksvertreter“ mussten
die Gipfelteilnehmer darauf bedacht sein, jeden Eindruck eines Scheiterns
dieses Gipfels zu vermeiden. Es war eher diesem „Erfolgsdruck“ als der
Gipfeldiplomatie von Frau Merkel (der von einem deutschen Revolverblatt der
Titel „unsere Miss World“ verliehen wurde) zu verdanken, dass Bush sich in der
Klimafrage auf die Position der Europäer hinzubewegte und die Vereinten
Nationen als „Dachorganisation“ der Klimapolitik nicht mehr prinzipiell
ausschließt! Was kam dabei heraus? Eine Absichtserklärung, derzufolge die G8
„ernsthaft in Betracht zieht“, Maßnahmen zu ergreifen, um den Anstieg der
Klimaerwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Wenn nicht der Gipfel von
Heiligendamm, so wird wenigstens diese Formulierung in die Geschichte eingehen.
Eines Tages werden sich vielleicht die ehemaligen Bewohner längst versunkener
Küstenregionen daran erinnern.
Die Ohnmacht des schwarzen Blocks
Wie ein Überbleibsel aus einer längst versunkenen Welt
wirkte die Kulisse des einst mondänen Seebads von Heiligendamm. Die Weltführer
zeigten sich hinter ihrem Zaun zerstritten und zur planvollen Umgestaltung der
Welt unfähig. Hatten sie wirklich so viel Angst vor einigen zehntausend
Protestierenden? Kamen sie sich nicht ein wenig lächerlich vor?
Polizeitechnisch betrachtet, wäre es ein Leichtes
gewesen, sich die Demonstranten auch ohne Zaun vom Halse zu schaffen. Das
Sicherheitsproblem dieses Gipfels war nicht so sehr militärischer als
politischer Natur. Wie die Protestierenden zur „Räson“ bringen, ohne das
sinkende Ansehen der Regierungen in der Bevölkerung noch mehr zu schädigen?
Soll heißen: Wie diejenigen einschüchtern, die es wagen, das System zu
hinterfragen, ohne die diktatorische Fratze der parlamentarischen Demokratie
sichtbar werden zu lassen?
Dieses Problem erwies sich als lösbar. Erheblich
dazu beigetragen hat die politische Unbeholfenheit des „schwarzen Blocks“.
Dabei stellen wir die antikapitalistischen Absichten der großen Mehrheit der
autonomen Szene keineswegs in Frage. Aber der Weg zur Hölle ist bekanntlich mit
guten Absichten gepflastert. Die großen Schwächen dieses Milieus sind die
Theoriefeindlichkeit und die Gewaltverherrlichung. Diese Grundauffassungen
teilt dieses Milieu leider mit manch anderer politischen Bewegung, die
keineswegs antikapitalistisch eingestellt ist. Denn es ist ein Irrtum zu glauben,
dass die Gewalt an sich revolutionär
oder auch nur radikal ist. In diesen Irrtum gefangen, begriff der schwarze
Block nicht, dass das Unbehagen der Regierenden von Heiligendamm nicht
polizeilicher, sondern politischer Natur war. Die Staatsmacht suchte nach einem
Vorwand für den eigenen Einsatz von Gewalt. Dazu war es lediglich nötig, die am
2. Juni nach Rostock zur Auftaktdemo Anreisenden kaum zu kontrollieren und den
schwarzen Block ohne die übliche massive Polizeieinkesselung marschieren zu
lassen. Provokateure unter den vermummten Demonstranten mögen das Ihre
beigetragen haben, um eine Eskalation der Gewalt in Gang zu setzen. Es reichte
jedenfalls, um gegenüber den Medien aus aller Welt den Eindruck zu erwecken,
als sei die Staatsmacht die wehrlose, angegriffene Partei. Die Demonstranten,
die vor Ort waren, wissen es besser. Die ganz große Mehrheit der während dieser
Gipfeltage festgenommenen und zusammengeschlagenen Menschen hat keine Gewalt
ausgeübt, ja vielfach versucht, sie zu verhindern. Dabei ging es aber nicht nur
darum, die Protestierenden ordentlich zu verdreschen. Es ging auch um die
Frage, welche Bilder um die Welt gehen und die Wirkung des Gipfels auf die
Bevölkerung prägen. Das Image von angeblich wehrlosen Polizisten lässt
vielleicht den Eindruck des Zauns vergessen machen... Mehr noch: nicht nur vor
Ort wird die wirkliche Frage verdrängt. Man diskutiert, wenn überhaupt, nur
noch um die Frage, ob man „friedlich“ oder „gewaltsam“ protestieren soll. Die
wirkliche Frage wird verdrängt: Wofür
kämpft man?
Die Sackgasse der Antiglobalisierungsbewegung
Aber nicht nur die Vermeidung von Debatten über die
Perspektive unsere Gesellschaft droht das Potenzial der Infragestellung des
Systems zunichte zu machen. Auch die Ideologie der „Globalisierungsgegner“
selbst erwies sich erneut als Sackgasse.
Auffallend: aus ganz Deutschland, teilweise aus der
ganzen Welt kommen Menschen zusammen, um gegen Verarmung und Ausbeutung zu
protestieren. Sie kommen in eine Gegend, wo eine Erwerbsloslosenrate von über
20 Prozent herrscht - Mecklenburg-Vorpommern. Sie protestieren in einem Land,
in dem Massenentlassungen, Werksschließungen, Ausgliederungen von
Produktionsstätten, Lohnsenkungen und Arbeitszeitverlängerungen zum Alltag
gehören. Gerade während des Gipfels streikten
Zehntausende bei der Telekom gegen eine 12%-ige Lohnkürzung sowie eine –
unbezahlte – Ausdehnung der Arbeitszeit um wöchentlich vier Stunden. Die Lage
in Deutschland ist stellvertretend für die Entwicklung in allen G8-Ländern, ja
in allen Industrieländern. Dennoch wurde bei den Anti-G8-Protesten zu keinem
Zeitpunkt die Verarmung, die zunehmende Ausbeutung, sprich: die soziale Lage in
den Industrieländern thematisiert. Nirgends wurde die Verbindung des Kampfes
der Lohnabhängigen in den Industrieländern zum Kampf gegen globale Armut, Krieg
und Umweltzerstörung hergestellt!
Wie erklärt sich diese verblüffende Unterlassung?
Sie ist kein Zufall. Die Ideologie der Antiglobalisierung schließt eine solche
Verbindung aus. Diese Ideologie, ein Kind der Zeit nach dem Fall der Mauer,
rühmt sich ihres praktischen Charakters. Sie ist stolz darauf, angeblich keine
neuen Ideologien zu predigen und keinen Utopien nachzuhängen. Dennoch ist und
bleibt das Weltbild von ATTAC und Freunden eine Ideologie. Es teilt die Welt in
zwei Lager ein, in das Lager der Industrieländer und in jenes der Armenhäuser
dieser Welt, und behauptet, das Erstere lebe von der Ausbeutung des Letzteren.
Diese Sichtweise verschließt sich gegenüber dem Kampf der arbeitenden
Bevölkerung in den Industrieländern, indem sie diese Länder undifferenziert als
privilegierte Zonen betrachtet, ohne den Klassencharakter dieser Gesellschaften
selbst zu berücksichtigen. Andererseits betrachtet sie die Bevölkerung der
Armutsländer ebenfalls als eine undifferenzierte Masse. So werden die
arbeitenden Menschen dieser Länder mit ihren Ausbeutern vor Ort in ein Boot
geschmissen. Sie werden zu passiven Opfern herabgestuft, die ausgerechnet auf
die Hilfe der G8 angewiesen seien. So verschließt man die Augen vor der Notwendigkeit,
aber auch der Möglichkeit des gemeinsamen Kampfes der Lohnabhängigen aller
Länder, die den Kampf der Ausgebeuteten der ganzen Welt gegen die herrschende
Weltordnung anführen können und müssen.
Zaun und Kapitalismus
Ein wenig unbeholfen wirkte diese waffenstarrende
Welt von Heiligendamm angesichts des jugendlichen Elans und des aufkeimenden
Idealismus einiger Zehntausend Protestierender, die nach Alternativen zum
Kapitalismus suchen. Um zu versuchen, diese Unbeholfenheit zu überspielen,
ließen die Mächtigen der Welt „Gegengipfel“ organisieren. Ein unter dem Dach
der UNESCO stehender Gipfel der Kinder und Jugend ließ acht handverlesene
Jugendliche mit den sichtlich genervten und desinteressierten Staatschefs
„diskutieren“.
Die protestierende Jugend lief indessen unentwegt
zum Zaun. Viele waren wirklich sehr jung. Und schon wenden sie sich angewidert
von der herrschenden Weltordnung ab. Sie träumten davon, den Gipfel zu stören,
zu blockieren. Sie wollten ihn sogar belagern. Sie wollten am Zaun rütteln.
Eine Illusion. Die waffenstarrende Macht des Staates lässt sich nicht so leicht
in die Enge treiben. Aber die aufrüttelnde Jugend hat etwas anderes erreicht,
etwas, was mehr bedeutet. Sie haben diesen Zaun zum Symbol gemacht. Zum Symbol
dieses Gipfels. Zum Symbol dieser Weltordnung. Die Menschheitsgeschichte lehrt
uns, wie wichtig Symbole sind für die Entwicklung des Klassenkampfes. So die
Erstürmung der fast leerstehenden, aber symbolträchtigen Bastille am Anfang der
französische Revolution.
Was bedeutet heute der Zaun? Zäune weisen die
Verzweifelten ab, die dort Zuflucht und menschlichen Beistand suchen, wo noch
kein Krieg, keine Dürre oder Hungersnot herrscht. Zäune riegeln den Besitz der
Herrschenden ab. Die Reichen riegeln ihre Wohlviertel immer mehr ab. Sie leben
verbarrikadiert. Zäune bzw. Mauern trennen irrsinnig aufeinander gehetzte
Volksgruppen auf dem Balkan oder im Nahen Osten. Andere, unsichtbare Zäune
halten die Produkte aus anderen Weltgegenden ab.
Die linken Professoren und Politiker von ATTAC wettern
gegen die Globalisierung. Aber die Jugend spürt, dass das Problem nicht die
wachsende Globalität der Gesellschaft ist, sondern die Zäune. Einst brach der
Kapitalismus auf, um die ganze Welt zu erobern. Dabei riss er alle chinesischen
Mauern nieder, wie Marx und Engels im Kommunistischen Manifest schrieben. Aber
er vereinigte die Menschheit nicht. Er schuf lediglich die Voraussetzungen
dafür. Zugleich erhob er etwas zum Weltprinzip, auf dem letztlich alle Zäune
der modernen Geschichte ruhen, ob der Stacheldraht von Auschwitz oder die
Berliner Mauer: das Prinzip der Konkurrenz. Die Jugend von Heiligendamm hat
Recht. Es gilt, alle Zäune niederzureißen. Der Zaun ist entstanden mit dem
Privateigentum, der Keimzelle des modernen Kapitalismus. Diese Keimzelle hat
sich zur beherrschenden Macht aufgeschwungen, zur Bedrohung der Menschheit. Die
Überwindung des Zauns bedeutet in Wahrheit die Überwindung des Privateigentums
von Produktionsmitteln. Sie bedeutet die Ablösung der Konkurrenzgesellschaft
durch eine Welt der gemeinschaftlichen Produktion und der Solidarität. 13.06.07
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